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Verdammte Konkurrenz

Edgar Wallace: Verdammte Konkurrenz - Kapitel 6
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typefiction
authorEdgar Wallace
titleVerdammte Konkurrenz
publisherWilhelm Goldmann Verlag
translatorRavi Ravendro
correctorreuters@abc.de
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5

Die sonderbaren, aufregenden Geräusche, die diese Exmission mit sich brachte, verstummten allmählich.

Bald darauf kehrte Albuera zurück, und sein behäbiges Lächeln zeigte, wie sehr er mit dem Erfolg seiner Tätigkeit zufrieden war.

»Es ist alles in Ordnung« -- meldete er und legte die Hand an den Helm.

»Ich danke Ihnen, Albuera«, erwiderte Barbara ernst.

Mrs. Maber hatte den Vorgang interessiert, aber auch etwas bestürzt beobachtet, und die Anwesenheit dieses beängstigend großen und stattlichen Polizisten beunruhigte sie stark. Sie stand wieder auf und schloß die Tür hinter dem Beamten.

»Meine Liebe«, sagte sie dann in vollkommen verändertem Ton, »ich möchte keinen Streit, und ich bin sicher, daß auch Sie in Güte und Freundschaft mit mir verhandeln wollen. Mein Mann, William Maber, versprach mir die fünfhundert Pfund, damit ich mir den neuen Rolls Royce-Wagen kaufen könnte.«

»Ich dachte immer, ein solches Auto wäre viel teurer«, entgegnete Barbara argwöhnisch.

»Ich will es auf Abzahlung nehmen«, erklärte Mrs. Maber schnell. »Meine liebe Miß Storr, wir wollen uns nicht zanken. Ich weiß sehr wohl, daß mein Mann furchtbar böse wird, wenn er erfährt, daß ich hierher gekommen bin. Aber was bleibt mir anderes übrig? Mr. Rolls wartet unten vor der Tür -- ich brauche das Geld.«

Barbara sah sie nachdenklich an.

»Wäre es nicht besser, wenn Sie sich wegen dieser Angelegenheit mit Mr. Steele in Verbindung setzten?«

»Wer ist denn Mr. Steele?« fragte die Frau scharf.

»Mr. Mabers Rechtsanwalt. Das ist Ihnen doch sicher bekannt?«

Mrs. Maber schwieg einen Augenblick.

»Ich weiß, wen Sie meinen«, erwiderte sie dann. »Mr. Steele kennt mich aber nicht. Wegen eines Todesfalls in der Familie wurde unsere Heirat nämlich geheimgehalten.« Plötzlich wandte sie sich vertrauensselig an Barbara. »Ich will Ihnen alles erzählen, mein Liebling. Willie und ich --«

»Wer ist Willie? Ach so, Mr. Maber --«

»Also, Willie und ich sind nicht sehr glücklich verheiratet, und als ich ihn um das Geld für das Auto bat, war das eigentlich nur ein -- wie sagt man doch gleich?«

»Nur ein Vorwand?« fragte Barbara rasch.

»Ja, das ist das richtige Wort. Ich möchte nämlich ins Ausland gehen und reisen. Willie will ich überhaupt nicht wiedersehen, wenn ich die Wahrheit sagen soll. So, nun wissen Sie es, und ich bin froh, daß es heraus ist.«

Sie lehnte sich zurück und fühlte sich offenbar erleichtert.

Barbara befand sich in einer schwierigen Lage. Sie konnte den Gedanken, daß Mr. Maber diese gewöhnliche Frau geheiratet hatte, kaum ertragen. Aber derartige Fälle waren ja schon häufig vorgekommen. Schließlich hatte Lord Olby Wustart seine Köchin geheiratet, und ein berühmter Rechtsanwalt sogar eine Kokotte. Mr. Maber war eben im gefährlichen Alter, in dem die Herren manchmal unberechenbare Handlungen begingen.

Mrs. Maber fächelte sich nervös mit ihrer Tasche, während ihre dunklen, blitzenden Augen Barbara fixierten.

»Ich will ja gar nichts darüber sagen, daß Willie ein Doppelleben geführt hat. Ich bin großzügig und schweige auch dazu, daß Sie jetzt dieses Geschäft führen --«

»Hoffentlich tun Sie das. Sonst wäre ich zu meinem größten Bedauern gezwungen, polizeilich gegen Sie einzuschreiten. Es stehen mir genug Beamte zur Verfügung«, erklärte Barbara gelassen. »Ich mache Ihnen folgenden Vorschlag. Ich gebe Ihnen einhundert Pfund. Damit müssen Sie zufrieden sein, bis ich wieder mit Mr. Maber in Verbindung komme.«

»Hundert sind nicht viel«, sagte die Dame, aber das freudige Aufleuchten ihrer Augen verriet, daß sie anders darüber dachte. »Ich will sie einstweilen als Anzahlung nehmen, aber ich muß mehr haben, meine liebe Miß Storr --«

»Wie ist Ihr Vorname, Mrs. Maber?«

»Kann ich das Geld denn nicht in bar haben?« fragte die Frau hastig und schaute mit gerunzelter Stirne auf das Scheckbuch.

»Ich werde Ihnen einen offenen Scheck geben. Ihr Vorname ist doch Margaret?«

Barbara schrieb das Formular aus, unterzeichnete es und reichte es Mrs. Maber über den Tisch.

»Könnten Sie den Scheck nicht vielleicht für mich auf der Bank kassieren lassen? Sie verstehen doch -- ich möchte nicht gern meinen Namen auf einen Scheck schreiben.«

»Es weiß doch niemand, daß Sie seine Frau sind. Sie können ja seine Schwester sein oder seine -- seine Tochter«, sagte Barbara liebenswürdig.

Aber Mrs. Maber freute sich über diese Schmeichelei nicht im mindesten. Sie nahm den Scheck und betrachtete ihn argwöhnisch.

»Wenn Sie im Augenblick nicht mehr für mich tun können«, erwiderte sie schließlich, »muß ich mich ja wohl damit begnügen.«

Sie rauschte hinaus und ließ den Raum in einer Wolke von Chypreduft zurück.

Erleichtert öffnete Barbara die Fenster. Sie haßte dieses aufdringliche Parfüm.

Gott sei Dank, diese heikle Affäre wäre geregelt. Sie freute sich auch, daß sie nun keine Verantwortung mehr für Julius hatte. Rasch ging sie in sein Büro, um sich zu vergewissern, ob er sich nicht etwa wieder dorthin zurückgeschlichen hatte. Aber das Zimmer war leer. Auf dem Tisch lag noch das Konzept des Briefes, den Julius für Atterman aufgesetzt hatte, denn er war mitten in der Arbeit gestört worden.

Barbara las, begriff den Inhalt und stürzte in ihr Büro zurück. Glücklicherweise kam im selben Augenblick Mr. Lark zu ihr.

»Schicken Sie sofort ein Telegramm an sämtliche Grossisten in London«, sagte sie atemlos zu ihm. »Wir dürfen keine Sekunde verlieren.«

Eilig schrieb sie den Text auf den Bogen:

»Mr. Julius Colesberg steht nicht mehr in Verbindung mit der Firma Maber & Maber und ist als Teilhaber ausgeschieden.«

Gleich darauf klingelte sie Rechtsanwalt Steele an. Die Ereignisse überstürzten sich derartig, daß sie im Moment keine Zeit hatte, mit ihm über Mrs. Maber zu sprechen. Dazu brauchte sie mehr Ruhe und Fassung, als sie jetzt aufbringen konnte.

»Schreiben Sie sofort einen Brief an Julius Colesberg -- Sie können ihn getrost an die Firma Atterman schicken. Teilen Sie ihm darin ganz energisch mit, daß Sie gerichtlich mit den schärfsten Mitteln gegen ihn vorgehen werden, wenn er sich unterstehen sollte, sich noch irgendwie als Mitglied der Firma Maber & Maber auszugeben. Mit den schärfsten Mitteln vorgehen -- das ist doch der richtige juristische Ausdruck?«

»Ja, so ähnlich heißt es -- aber was ist denn eigentlich geschehen?« fragte Mr. Steele gespannt.

Sie erzählte ihm kurz, was vorgefallen war.

»Es war nicht klug, daß Sie ihn noch einmal zurückkommen ließen«, lautete seine wenig tröstliche Antwort. »Na, ich werde den Brief auf alle Fälle hinschicken. -- Wie geht es denn mit Mr. Maber -- haben Sie inzwischen eine Nachricht von ihm erhalten?«

»Nein! Er ist noch -- nun ja, er ist eben noch fort!« Erschöpft lehnte sie sich in ihrem Stuhl zurück und schloß sekundenlang die Augen.

Ein Geschäft zu führen, war doch nicht so leicht und so spaßhaft, wie sie es sich vorgestellt hatte.

*

»Glücklicherweise habe ich genug Briefpapier mit dem Firmenkopf zu Hause«, sagte Julius zu dem düster dreinschauenden Mr. Atterman. »Ich habe schon einen Boten hingeschickt, der es holen soll. Dieser unverschämte Polizist, den sie sich da hat kommen lassen, hat mich entsetzlich roh behandelt.

Sehen Sie nur her, mein Kragen ist völlig zerrissen! Aber der Kerl fliegt, darauf kann er Gift nehmen!«

»Es war ein entzückender Anblick, wie Sie auf die Straße gesetzt wurden«, erwiderte Mr. Atterman ironisch. »Übrigens, Maber ist weder in Worms noch in Köln. Und was noch viel merkwürdiger ist --« er klopfte Julius auf die Schulter -- »er ist überhaupt nicht im Ausland!«

»Was Sie nicht sagen!« rief Julius aufs höchste überrascht.

»Ja, er ist nicht im Ausland«, wiederholte Atterman. »Mein Detektiv hat sich an seinen Diener herangemacht und herausgebracht, daß Mabers Reisepaß noch in seiner Wohnung liegt. Und ohne Paß kann der Mann doch weder aus England heraus noch nach Deutschland hinein.«

Julius Colesberg starrte ihn ungläubig an.

»Wo ist er denn dann?«

»Das wird sich noch zeigen«, entgegnete Atterman geheimnisvoll. »Wir haben von dem Diener eine ganze Anzahl Informationen erhalten. Zum Beispiel kam gestern nachmittag Barbara Storr zu der Wohnung und ließ einen Koffer mit Kleidern und Wäsche für den Alten packen. -- Merkwürdigerweise verlangte sie aber nur einen Anzug und nur ein Stück Wäsche von jeder Sorte! Was soll man davon denken?«

»Und hat er den Koffer gepackt?« Atterman nickte.

»Er ist gepackt worden und sie hat ihn mitgenommen.«

»Ich hab's!« Julius schlug sich plötzlich mit der Hand auf den Oberschenkel. »Diesen Koffer habe ich doch mit meinen eigenen Augen in ihrem Safe gesehen -- in dem Safe, der in ihrem Büro steht.«

»Dann hat sie ihn also nicht fortgeschickt?« fragte Atterman verwundert. »Das wirft allerdings meine Theorie über den Haufen.«

»Der Koffer steht im Safe, aber es ist mir jetzt ganz klar, daß dabei etwas nicht stimmt«, rief Julius laut. »Hören Sie zu. Sobald sie heute bemerkte, daß ich den Koffer gesehen hatte, sprang sie auf wie eine Wilde und donnerte die Tür zu. So etwas von Nervosität, Angst und Entsetzen habe ich in meinem ganzen Leben noch nicht gesehen.«

Die Beiden sahen sich betroffen an.

»Das läßt tief blicken«, meinte Atterman. »Meine Theorie war eigentlich -- aber darauf kommt es im Augenblick ja nicht an. Im Geldschrank sagen Sie? Warum denn gerade dort? Warum versteckt sie ihn?«

Julius zerwühlte aufgeregt sein Haar.

»Wie dumm! Ich habe ja einen Duplikatschlüssel von Mr. Maber erhalten. Hätte ich doch nur gewartet, bis sie draußen war, und dann nachgesehen! Bestimmt würden wir in dem Koffer Dinge finden, die uns einen Anhaltspunkt geben.«

Er zog den Schlüssel aus der Tasche, und Mr. Atterman betrachtete ihn nachdenklich.

»Haben Sie auch einen Paßschlüssel, der alle Türen im Geschäftshaus öffnet?«

Julius nickte.

»Beschäftigt die Firma einen Nachtwächter?«

Mr. Colesberg begriff allmählich, worauf Atterman hinauswollte.

»Ja, aber der Mann kennt mich sehr gut. Wenn Miß Storr nicht gerade den ganzen Stab der Angestellten zusammentrommelt und ihnen sagt, daß man mich nicht mehr ins Geschäft lassen soll, ist es eine Kleinigkeit für mich, hineinzukommen. Und selbst wenn sie es täte, könnte ich ihn sicher überreden.«

»Gehen Sie noch heute nacht hin«, rief Atterman eifrig. »Nehmen Sie Minkey mit, der kann aufpassen. Wenn es schief gehen sollte, haben Sie ja eine sehr plausible Ausrede -- Sie sagen einfach, daß Sie Ihre Sachen holen wollen. Das kann Ihnen niemand verwehren. Aber es wird schon alles klappen.«

Julius war jedoch nicht so leicht zu überreden.

»Gibt es denn nicht einen anderen Weg?« begann er ausweichend.

Aber Mr. Atterman bestand hartnäckig auf seinem Plan.

Kurz darauf kam der Bote zurück, den Julius ausgeschickt hatte, um das Briefpapier von Maber & Maber aus seiner Wohnung zu holen. Mr. Colesberg hatte nun für die nächste Stunde genug zu tun. Er diktierte die Briefe an die Grossisten der Hauptstadt und unterzeichnete sie in fliegender Hast, denn ein Heer von Messengerboys wartete bereits draußen auf dem Gang.

Als er seinen Namen unter den letzten Brief geschrieben hatte, wurde ein ernster junger Mann in sein Büro gebracht. Es war derselbe, den Barbara nach ihrem Besuch bei Mr. Maber im Polizeigericht gesehen hatte.

»Mr. Colesberg?« fragte er.

Als Julius aufschaute, erkannte er den Clerk des Rechtsanwalts Steele, und eine böse Ahnung stieg in ihm auf.

Schnell öffnete er den Brief, der ihm übergeben wurde, und las ihn durch. Mr. Atterman sah an seinem Gesichtsausdruck, daß es sich um eine katastrophale Nachricht handeln mußte.

»Es ist gut«, sagte Julius heftig und wandte sich an Atterman, nachdem der junge Mann gegangen war. »Was sagen Sie dazu?« Er reichte den Brief über den Tisch.

»Im Auftrag unserer Klientin, der Firma Maber & Maber, teilen wir Ihnen mit, daß Sie nicht länger berechtigt sind, für diese Firma zu zeichnen oder irgendwie tätig zu sein. Da Sie freiwillig als Teilhaber bei Maber & Maber ausgeschieden sind, ist jede Verbindung Ihrerseits mit dieser Firma automatisch gelöst.

Wir sind von unserer obengenannten Klientin ermächtigt, sofort die schärfsten gerichtlichen Maßnahmen gegen Sie zu ergreifen, falls Sie Aufträge im Namen der Firma erteilen, Orders der Firma widerrufen oder sich noch als Teilhaber von Maber & Maber ausgeben sollten.

Hochachtungsvoll

Steele & Steele.«

»Das läßt ja an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig«, bemerkte Atterman. »Natürlich müssen wir darauf Rücksicht nehmen, sonst kommen wir in Teufels Küche. Es ist gerade so, als ob diese unausstehliche Miß Storr alles voraussehen könnte! Es fragt sich jetzt nur noch, wer den Vorsprung hat.«

Er nahm den Hörer vom Apparat und verlangte die Nummer eines bekannten Grossisten. Als die Verbindung hergestellt war, winkte er Julius an das Telefon.

»Nennen Sie Ihren Namen«, flüsterte er ihm zu, »und sagen Sie den Leuten, daß Sie die letzte Order Ihrer Firma widerrufen wollen.«

Julius kam der Aufforderung nach.

»Es tut mir leid, Mr. Colesberg«, erwiderte der andere Teilnehmer, »aber ich kann Ihrem Wunsch nicht entsprechen. Wir erhielten telegrafische Nachricht von der Firma Maber, daß Sie nicht mehr mit dem Hause in Verbindung stehen, und wir können deshalb keine Aufträge mehr von Ihnen entgegennehmen. Vorhin versuchten wir schon, Sie in Ihrem Büro zu erreichen, bekamen aber keine Antwort. Beruht diese Mitteilung tatsächlich auf Wahrheit?«

Julius war in größter Versuchung, ein offizielles Dementi zu geben, aber im letzten Moment fehlte ihm doch der Mut dazu.

»Ja, es stimmt«, brummte er ärgerlich und warf den Hörer auf den Apparat.

»Nun, dann müssen wir eben warten, bis es dunkel wird«, meinte Mr. Atterman, der die Hoffnung noch nicht aufgab.

Aber Julius hatte jetzt noch weniger als vorher Lust, sich auf dieses Abenteuer einzulassen.

*

Als Mrs. Maber das Geschäftshaus ihres Mannes verließ, nahm sie ein Taxi und fuhr zum Marble Arch, stieg jedoch nicht aus, als sie ihr Ziel erreicht hatte, sondern winkte einem ärmlich gekleideten, unansehnlichen Mann. Er war schon die letzte halbe Stunde hier auf und ab gegangen, und der dort stationierte Verkehrspolizist beobachtete ihn auch bereits argwöhnisch. Schnell öffnete sie die Tür, und er stieg ein.

»Nun, hast du das Geld bekommen?« fragte er hastig.

»Nur hundert.«

Mr. Hammett machte ein langes Gesicht.

»Hundert Pfund sind hundert Pfund«, meinte sie. »Ich habe nicht einmal das erwartet.«

»Hast du ihr denn nicht gesagt, daß du ein Auto kaufen willst?«

Sie suchte in ihrer Handtasche nach dem Scheck.

»Doch. Ich erzählte ihr zuerst von dem Wagen und nachher, daß ich ins Ausland gehen wollte. Es wäre aber viel besser gewesen, ich hätte ihr gleich zu Anfang die Wahrheit gesagt. Hast du die Fahrkarten besorgt?«

Er nickte düster.

»Hundert Pfund nützen mir soviel wie gar nichts. Es schweben mehr als zwanzig Anzeigen gegen mich, und diesmal werde ich sicher aus der Matrikel gestrichen. Sie hätte dir bestimmt die fünfhundert gegeben, wenn du nur energisch auf deiner Forderung bestanden hättest. Aber mit dir war ja noch nie etwas anzufangen. Immer großes Getue und nichts dahinter!«

»Ich hatte solche Angst«, gestand sie. »Diese Miß Storr hat Augen wie ein Habicht. Ich weiß gar nicht, wie du auf die Idee kommst, daß die hübsch sein soll.«

»Was ist denn das?« fragte Mr. Hammett und riß ihr das Formular aus der Hand, das sie ihm reichte.

»Ein offener Scheck, zahlbar an den Überbringer.«

»Hier steht ›Zahlbar an Margaret Maber!‹ Du alberne Gans!« fuhr er sie an. »Den kannst du doch nicht kassieren!«

»Warum denn nicht?« fragte sie entsetzt.

»Wenn du das versuchst, wirst du wegen Betrugs bestraft«, brauste er auf. »Einen größeren Dummkopf als dich gibt's wirklich nicht mehr. Warum hast du denn kein bares Geld genommen?«

Mrs. Hammett, seit fünfzehn Jahren Bardame im »Goldnen Anker« und rechtmäßig mit Mr. Hammett verheiratet, begann leise zu weinen.

»Mein bester Plan in all den letzten Jahren!« fuhr er bitter fort. »Fünfhundert, ja tausend hätte man aus ihr herausholen können, wenn du nur für einen Cent Vernunft besäßest! Du wirst noch einmal hingehen und einen anderen Scheck holen, dann kassieren wir beide zusammen ein. Wenn es schon zu Ende geht, kommt es auf diese Kleinigkeit auch nicht mehr an, und wahrscheinlich wird der alte Maber sich nicht um die Sache kümmern. Er kann ja gar keine Anzeige erstatten, sonst kommt es heraus, daß er eingesperrt ist.«

»Warum wollen wir denn diesen Scheck nicht heute einkassieren?« fragte sie unsicher.

»Hast du es noch nicht begriffen?« tobte er. »Dann sei wenigstens jetzt still und höre zu. Ich will dir eine Geschichte erzählen, die tausend Pfund wert -- und obendrein wahr ist!«

Und Mr. Hammett, der durch zu reichlichen Alkoholgenuß tief gesunken war und sich schon viele Erpressungen hatte zuschulden kommen lassen, entwickelte seinen Plan.

*

Das war ein großer Tag für Barbara Storr. Von Zeit zu Zeit unterbrach sie ihre Arbeit, trat an das Fenster ihres Büros und beobachtete die Menge, die sich auf der Straße drängte.

Aus allen Stadtteilen waren die Leute herbeigeeilt, denn die Londoner haben eine feine Nase für billigen Einkauf. Und da Barbara im Durchschnitt nur fünf Prozent Aufschlag nahm, konnte sie die Preise der Konkurrenz in jedem Fall unterbieten.

Alan Stewart hatte inzwischen achtzig Autobus-Reklameflächen freibekommen, und bereits am Nachmittag trugen die Wagen in riesigen Lettern die kurze, aber inhaltschwere Botschaft durch London:

»Aufsehenerregender Preissturz bei Maber & Maber.«

In den verkehrsreichsten Straßen bewegten sich seit dem Mittag Umzüge mit großen Schildern und machten den Beginn der »Billigen Woche« bekannt.

Als Alan ins Geschäft kam, sollte er sofort einen guten Rat für die Schaufensterdekoration geben. Barbara hatte das Eckfenster ausräumen lassen und beabsichtigte, dort eine noch nie dagewesene Attraktion unterzubringen.

»Bis jetzt weiß ich nur, daß es lebendig sein und sich bewegen muß«, erklärte sie. »Meinen Sie, wir könnten aus dem Zirkus einen Löwenbändiger mit seinen Tieren engagieren?«

Er starrte sie entgeistert an.

»Einen Löwenbändiger?!«

»Ja, das ist doch weiter nicht gefährlich. Warum sehen Sie mich denn an, als ob die Welt unterginge? Solche Leute kann man sich mieten genau wie Polizisten. Und die Tiere sind natürlich zahm. Maudie Deane hat im Varieté einmal einen solchen Mann kennengelernt und war sofort mit ihm im Käfig. Sie sagt, es sei gar nicht schlimm.«

Er schüttelte entschieden den Kopf.

»Nein, damit erschrecken Sie höchstens das Publikum. Und außerdem würde es viel zu lange dauern, bis Sie einen anständigen Käfig bekämen, der ins Schaufenster paßt.«

Mr. Alan machte sich aber trotz seiner Einwände sofort auf den Weg, um Nachforschungen anzustellen, und er fand auch einen Agenten, der ihm nach kurzer Überlegung einen Vorschlag unterbreitete.

»Das muß das Richtige für Sie sein -- ein Wilder Mann aus Borneo. Ich suche sogar Beschäftigung für zwei solche Leute.«

»Ach, das ist doch vollkommen veraltet.«

»Manchmal greift man gern aufs Alte zurück«, meinte der Agent. »Übrigens haben die Beiden seit Jahren kein Engagement in London gehabt und wirken sicher wie eine Neuheit, wenn sie wieder auftreten.«

Zufällig harte der eine der Wilden Männer, der kleinere und unansehnlichere, an demselben Morgen schon ein Engagement gefunden, und es dauerte eine halbe Stunde, bevor der Bote des Agenten den anderen in einer Kneipe aufgetrieben hatte.

Okko schwankte etwas betrunken in das Büro. Wüste Haare und ein zerraufter Vollbart gaben ihm ein wirklich schreckenerregendes Aussehen. Unter seiner niedrigen Stirne saßen stechende, schwarze Augen. Als der Agent ihm mitteilte, daß er engagiert werden sollte, protestierte er und fuchtelte mit den braunen, haarigen Armen in der Luft herum.

»Fällt mir gar nicht ein, in einem Schaufenster aufzutreten!« Seine Stimme verriet sofort, daß er ein Londoner Stadtkind war. »Ich dachte, Sie wollten mich in einem Variete unterbringen. Bilden Sie sich vielleicht ein, daß ich mich wie ein wilder Waldaffe in so einen Guckkasten setze?«

»Hören Sie mal zu, Okko«, erwiderte der Agent beruhigend. »Erstens ist das eine ganz besondere Sache, zweitens bekommen Sie eine Menge Geld, und drittens würde sich ein halbes Dutzend anderer Wilder Männer freuen --«

»Es gibt nur zwei«, entgegnete Okko drohend. »Lassen Sie bloß Ihre Mätzchen, die verfangen bei mir nicht. Übrigens bin ich augenblicklich der einzige, denn Bill Miles ist vom Wildwest-Zirkus genommen worden. Der geht jetzt als Indianer. So, nun wissen Sie, wie Sie dran sind.«

»Okko ist wirklich eine Berühmtheit«, wandte sich der Agent an Mr. Stewart. »Er ist der Sohn des Original-Wilden Mannes aus Borneo --«

»Der Enkel«, brummte Okko. »Mein Großvater hat die Sache erfunden. Der Unterschied ist nur, daß er aus Java kam und ich aus Rikitiki. Dort lebte ich auf den Ästen der Bäume und nährte mich von Nüssen«, leierte er mit monotoner Stimme die gewohnte Lektion herunter. »Die Eingeborenen verehrten mich als heiliges Wesen. In meiner Jugend wurde ich von Dikiditschi, dem berühmten russischen Reisenden und Entdecker, gefangen, der drei Jahre in dem undurchdringlichen Dschungel der Malariasümpfe zubrachte, um das Bindeglied zwischen Affen und Menschen zu finden!«

»Hören Sie nur«, rief der Agent begeistert. »Der Mann versteht seine Sache tatsächlich! Also, Okko, nun tun Sie mir den einen Gefallen und nehmen Sie dieses Engagement an. Es ist nur für eine Woche, und Sie bekommen fünfundzwanzig Pfund --«

»Fünfundzwanzig Pfund!« schrie Okko wild. »Unter vierzig trete ich überhaupt nicht auf, das wissen Sie!«

»Abgemacht«, sagte Mr. Stewart, und Okko unterzeichnete den Vertrag, durch den er sich verpflichtete, bei zweistündiger Mittagspause und dreimaliger warmer Mahlzeit mit Bier im Schaufenster der Firma Maber & Maber aufzutreten, und zwar für vierzig Pfund wöchentlich, zuzüglich des Erlöses aus dem Verkauf der Postkarten mit seinem Bild.

Triumphierend kehrte Alan zu Barbara zurück, um ihr von seinem Erfolg zu berichten.

Sie hörte gespannt zu, machte aber ein ernstes Gesicht.

»Erklären Sie den jungen Mädchen unten aber vorher«, ermahnte sie ihn, »daß dieser Wilde Mann in Wirklichkeit ein vollkommen harmloses Wesen mit Weib und Kind ist, und daß er in seiner freien Zeit Wolljumper strickt. Wir könnten sonst einen bedenklichen Aufruhr erleben.«

Er folgte ihrem Rat auch sofort, während sie selbst ihre volle Aufmerksamkeit wieder dem fraglichen Schaufenster zuwandte.

Dekorations- und Kulissenmaler waren bereits an der Arbeit und bannten mit glühenden Farben die Zauber des Dschungels und des Urwalds auf die Leinwand. In Riesenlettern verkündete ein Plakat der erstaunten Mitwelt, daß morgen in diesem Schaufenster Okko, der Original-Wilde Mann aus Borneo zu sehen sein würde, den der berühmte russische Gelehrte, Professor Dikiditschi, nach dreijähriger ununterbrochener Jagd endlich gefangen hatte.

Mr. Atterman ging persönlich auf die andere Seite der Straße, um das ungeheuerliche Plakat zu lesen, und kehrte kopfschüttelnd in sein Büro zurück.

»So etwas Vulgäres und Gewöhnliches ist mir denn doch noch nicht vorgekommen«, sagte er. »Die da drüben sind ja fürs Irrenhaus reif. Wo ist Minkey?«

Der Direktor erhob sich müde und zerschlagen aus seinem Sessel, als er gerufen wurde. Er hatte sich die ganze vorige Nacht um die Ohren geschlagen und sehnte sich nach der Annehmlichkeit eines weichen Kissens und nach Ruhe.

»Welche Schaufensterattraktion haben wir diese Woche?« fragte Atterman.

»Ein hübsches junges Mädchen, das die Handwebekunst vorführt.«

»Mädchen und Handwebekunst!« rief Atterman wütend. »Wirklich eine fabelhafte Attraktion! Sie haben sich tatsächlich von einer so einfachen Person, wie es diese Storr ist, überflügeln lassen! Die hat sich etwas ausgedacht, daß morgen der Verkehr in der Straße stocken wird!«

»Na, was wird sie schon haben«, brummte Minkey, der sich mehr tot als lebendig fühlte.

»Was sie haben wird? Den Original-Wilden-Mann aus Borneo hat sie! Warum fällt Ihnen denn nicht so etwas Gescheites ein? Sehen Sie bloß zu, daß Sie für morgen eine anständige Sache ins Schaufenster schaffen. Zum Teufel mit Ihrer verdammten Handwebekunst! Die lockt doch keinen Hund hinterm Ofen vor!«

*

Am Nachmittag stieg ein stattlicher Polizist zu Barbaras Büro hinauf, unterhielt sich einen Augenblick mit Albuera, trat dann ein und überreichte Barbara ein Schriftstück.

»Es ist eine Vorladung wegen Behinderung des Verkehrs«, erklärte er und lachte sie vergnügt an.

Auf dem Rückweg machte er wieder einen Scherz mit Albuera, denn sie waren gute Freunde.

Das Personal hatte Unerhörtes geleistet, aber jetzt waren die Leute todmüde und konnten sich kaum noch aufrecht halten. Barbara ließ deshalb überall Plakate anschlagen, daß das Geschäft heute ausnahmsweise um sechs statt um sieben geschlossen würde. Sie mußte Polizeiverstärkung vom Revier erbitten, um das Publikum zu dieser Zeit mit sanfter Gewalt aus den Verkaufsräumen zu entfernen.

»Morgen wird es noch ganz anders zugehen, wenn die Pariser Modelle an die Reihe kommen«, sagte sie zu Mr. Lark. »Heute müssen wir alle einmal ordentlich ausschlafen, damit wir morgen frisch und lebendig sind, wenn die Leute unser Lokal stürmen.«

Die Bareinnahmen zeigten Rekordziffern. Es wurde acht Uhr, bis das Geld gezählt und im Safe untergebracht war.

Barbara zeigte eine unglaubliche Energie. Trotzdem sie schon dreizehn Stunden ununterbrochen gearbeitet hatte, las sie noch die Korrekturen für die Annoncen, die am selben Abend in die Zeitungen gehen sollten. Und sie fühlte sich immer noch frisch und munter, als sie schließlich mit Alan Stewart nach Hause ging.

»Wenn Ihnen der alte Maber nach diesem Bravourstück nicht eine Partnerschaft anbietet, ist er ein undankbarer Kerl«, sagte er lächelnd, als sie sich trennten. »Sie haben den Wert des Geschäfts um fünfzig Prozent erhöht, und Sie sollen sehen, am Ende der Woche bieten Ihnen die Leute eine Viertelmillion. Wissen Sie, Miß Storr,« erklärte er begeistert, »am liebsten würde ich den ganzen Reklameschwindel an den Nagel hängen und mit Ihnen zusammen ein Warenhaus aufmachen. Dann sollten die Londoner erst mal was erleben. Wir zwei würden ein Tempo in die Bude bringen, daß ihnen Hören und Sehen verginge!«

»Wenn das ein Heiratsantrag sein soll, muß ich mich nach einem anderen Reklamechef umtun«, erwiderte sie und ging schnell weg.

Sie legte sich frühzeitig zu Bett, konnte aber nicht einschlafen. Zwei Dinge machten ihr Kopfschmerzen: Mr. Mabers Koffer und das aufgehäufte Geld im Safe. Welch eine leichte Beute für einen Geldschrankknacker! Sie faßte den Entschluß, morgen sofort mehr Wachleute einzustellen. Der alte Mann, der schon seit dreiundvierzig Jahren das Haus bewachte und sozusagen ein Erbstück der Firma Maber & Maber war, bot ihrer Meinung nach keinerlei Garantie für Sicherheit.

Sie lag wach und starrte in die Dunkelheit. Schließlich quälte die innere Unruhe sie so stark, daß sie wieder aufstand und Licht anmachte. Rasch kleidete sie sich an, verließ das Haus, ohne ihr Mädchen zu stören, und winkte ein Taxi heran.

*

Mr. Colesberg und Mr. Minkey machten sich bereit, an die Durchführung ihrer Aufgabe zu gehen, aber sie waren beide nicht sehr begeistert von ihrem Vorhaben und machten als Einbrecher entschieden schlechte Figuren.

»Es ist eine sehr unangenehme Sache, Atterman«, beschwerte sich Julius. »Ich komme dadurch in eine ganz schiefe Lage. Nehmen Sie nur einmal an, daß der Nachtwachmann --«

»Ich nehme gar nichts an«, erwiderte Mr. Atterman ärgerlich. »Bringen Sie den Koffer her, dann wollen wir weitersehen.«

Niedergeschlagen machten sich die Beiden auf den Weg.

Ein Mietauto brachte sie in die Nähe der Firma Maber & Maber. Mr. Minkey schlief während der Fahrt fest ein, und es gelang Julius mit Hilfe des Chauffeurs erst nach einer geraumen Zeit, ihn wachzurütteln und ins selbstbewußte Sein zurückzubringen.

Schließlich waren sie nur noch wenige Schritte von dem Hintereingang entfernt, der in der Lawton Street lag. Zu dieser Zeit herrschte in der Marlborough Avenue Stille, und die Lawton Street machte einen vollkommen toten Eindruck.

Eine Kirchenuhr schlug mit hohlem Klang zwei, als Julius mit zitternder Hand den Paßschlüssel in die Tür steckte. Er brachte es fertig, geräuschlos aufzuschließen. Im Gang und in der engen Stube des Nachtwächters brannte Licht.

Julius wurde bleich, und sein Herz schlug zum Zerspringen, als er den Wachtmann sah. Der Alte saß an seinem kleinen Tisch. Er hatte den Kopf auf die Arme gelegt und schnarchte regelmäßig.

»Er schläft -- Gott sei Dank!« flüsterte Julius heiser.

»Beste Lösung«, murmelte Minkey, der schlaftrunken hinter ihm herwankte.

Julius packte ihn am Arm. Auf Zehenspitzen schlichen sie an dem Schlafenden vorbei, kamen unbehelligt zu der nächsten Treppe und erreichten auch ohne weiteren Zwischenfall die Büroräume, obwohl Mr. Minkey mehrmals stolperte.

»Bleiben Sie hier«, sagte Julius kaum hörbar, als er die Tür zu Mr. Larks Zimmer öffnete. »Sobald Sie das leiseste Geräusch hören, warnen Sie mich.«

»Schon gut.« Minkey gähnte und ließ sich mit einem Seufzer der Erleichterung in einem Armsessel nieder, den Mr. Lark für bevorzugte Besucher reserviert hatte.

»Haben Sie auch begriffen, was Sie tun sollen, Minkey? Passen Sie ja gut auf!«

»Gut auf«, wiederholte der Direktor schon halb im Schlaf und setzte sich noch bequemer zurecht.

Julius schlich den Gang entlang und leuchtete dabei mit einer elektrischen Taschenlampe vor sich her. Bei jedem Laut, den er zu hören glaubte, schrak er zusammen, und wenn eine Fußbodendiele knarrte, sprang er entsetzt hoch. Angstschweiß stand auf seiner Stirne, aber er biß die Zähne zusammen und gelangte auch glücklich zu dem Safe. Behutsam öffnete er ihn.

Als er hineinleuchtete und die vielen Banknoten sah, packte ihn wilder Schrecken. Wenn ihn jemand in dieser Situation überraschte! Man mußte ihn ja tatsächlich für einen Einbrecher halten, es gab keine andere Erklärung für seine Anwesenheit. Was sollte er sagen, wenn man ihn vor dem offenen Geldschrank abfaßte?

Zitternd und bebend holte er den Koffer aus seinem Versteck hervor, schloß den Safe und schlich wieder auf den Gang hinaus. Aber kaum hatte er den Fuß auf den weichen Läufer gesetzt, als er Barbaras Stimme hörte! Einer Ohnmacht nahe, lehnte er sich gegen die Wandtäfelung.

Sie weckte den Wachtmann!

Fieberhaft arbeiteten seine Gedanken, um einen Ausweg zu finden. Im Augenblick dachte er nur an seine persönliche Sicherheit und vergaß den armen Mr. Minkey, der inzwischen in Mr. Larks Büro sanft und friedlich eingeschlafen war. Als er jetzt Schritte auf der Steintreppe hörte, eilte er verzweifelt zu seinem alten Zimmer.

Die Tür stand offen, und er trat leise ein. Erst jetzt kam ihm zum Bewußtsein, daß er immer noch den Koffer Mr. Mabers trug.

Barbara kam die Treppe herauf. Mit schwerem Schritt folgte ihr der Nachtwächter. Und dann hörte Julius zu seinem Entsetzen Larks Stimme.

»Wirklich komisch, daß wir zur gleichen Zeit denselben Gedanken hatten, Miß Storr. Ich hatte keine Ruhe, immer wieder mußte ich an das Geld denken.-- Und ich muß schon sagen, daß ich aufs höchste über Sie verwundert bin, Simmonds. Wenn ich das noch einmal erlebe, sind Sie am längsten hier Nachtwächter gewesen!«

»Es ist das erstemal seit dreiundvierzig Jahren, daß ich während der Dienstzeit schlafe«, protestierte der Alte lebhaft.

»Sie wollen wohl sagen, daß Sie heute zum erstenmal während der Dienstzeit wachen!« fuhr ihn Lark an.

Julius sträubten sich die Haare. Wenn Lark nun in sein eigenes Büro ginge, mußte er doch mit Minkey zusammenstoßen! Und wie sollte er selbst mit diesem Ungetüm von Koffer entkommen?

Das Fenster!

Vorsichtig schlich er hin und öffnete es. Auf dem Gehsteig stand ein Mann, der sich schnell in den Schatten zurückzog. Julius erkannte Mr. Atterman, als er einen leisen Pfiff hörte.

»Sind Sie es, Julius?« klang es gedämpft von unten herauf.

Mr. Colesberg gestikulierte wild mit den Armen.

»Helfen Sie mir, daß ich herauskomme!« flüsterte er. »Storr und Lark sind hier --«

»Werfen Sie vor allem den Koffer herunter«, drängte Atterman.

Julius holte den Koffer ans Fenster, zögerte einen Augenblick und ließ ihn dann fallen. Von unten tönte ein unterdrückter Wehlaut und ein Fluch herauf, aber Julius kümmerte sich nicht darum. Er stand schon wieder an der Tür und lauschte atemlos.

Barbara und ihr Begleiter kamen aus Mr. Mabers Privatbüro zurück und sprachen aufgeregt miteinander. Julius hörte das Wort »Safe« und schauderte. Eine Gänsehaut überlief ihn, als die Stimmen näher und näher kamen.

In seiner Verzweiflung schloß er die Tür mit dem Paßschlüssel ab, aber diesmal gelang es ihm nicht geräuschlos.

»Wer ist da drinnen?« rief Barbara und rüttelte an der Klinke.

Mr. Colesberg verhielt sich natürlich mäuschenstill und suchte den Weg zum Fenster. Im nächsten Augenblick saß er auf dem Fensterbrett.

Ein Sprung -- und er landete unsanft unten auf den Steinen des Trottoirs. Drei Sekunden später stand er schon wieder auf den Beinen und atmete erleichtert auf, aber neues Unheil wartete auf ihn.

Mit festem Griff packte ihn jemand am Arm.

»Na, den hätten wir ja glücklich erwischt!« sagte ein stattlicher Polizist und nickte befriedigt, während er sein Opfer mit Genugtuung betrachtete.

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