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Verdammte Konkurrenz

Edgar Wallace: Verdammte Konkurrenz - Kapitel 5
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typefiction
authorEdgar Wallace
titleVerdammte Konkurrenz
publisherWilhelm Goldmann Verlag
translatorRavi Ravendro
correctorreuters@abc.de
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4

Mr. Maber war also verheiratet! Der Mann führte ein Doppelleben, während ihn ganz Ilchester, ja die ganze Welt für einen Junggesellen hielt!

Barbara las die Zeilen noch einmal durch. Die Handschrift war gerade nicht erstklassig, noch weniger der Stil. Die Frau brachte es fertig, nach der Versicherung ihrer heißesten Liebe von den Trivialitäten des Lebens und von Geld zu sprechen.

Der Brief war auf gewöhnliches Papier geschrieben. Oben stand die Adresse »Hollyoak, Mantilla Road, Streatham«. Barbara erinnerte sich an die Straße, die in der Nähe der Landesirrenanstalt lag.

Sie überlegte, woher sie diese Gegend überhaupt kannte, und nach einer Weile fiel ihr ein, daß Mr. Maber früher einmal ein ihrer Meinung nach kindliches Vergnügen daran gefunden hatte, die Ankunft und den Aufstieg der London-Pariser Flugzeuge zu beobachten. Zu diesen Exkursionen hatte er sie häufig in seinem Wagen mitgenommen, und damals war ihr auch immer das Straßenschild »Mantilla Road« aufgefallen. Es war so ungewöhnlich groß, daß man es nicht übersehen konnte.

»Ich glaube, ich werde noch verrückt!«

Barbara stand auf und schüttelte sich. Aber der Brief löste sich nicht etwa in Dunst und Nebel auf er lag immer noch auf dem Schreibtisch. Mit dieser Tatsache mußte sie sich also auf irgendeine Weise abfinden. Mr. Maber war verheiratet ... hatte eine Frau ... wahrscheinlich auch Kinder ... sonst hätte es doch sicher am Sonntagabend eine andere Delikatesse gegeben ...

Es klopfte leise an der Tür. Polizist Albuera brachte den Koffer mit den Kleidern Mr. Mabers herein.

»Wohin soll ich ihn stellen, Miß?«

Sie sah ihn hilflos an. Sollte sie den Koffer nicht am besten nach der Mantilla Road schicken? Mit einem kurzen Begleitschreiben: »Sehr geehrte gnädige Frau, beifolgend übersende ich Ihnen Beinkleider, Frack und Oberhemd Ihres Herrn Gemahls. Bitte bestätigen Sie den Empfang.«

»Stellen Sie ihn -- stellen Sie ihn in den Safe!«

»Glauben Sie, daß er durch das Schlüsselloch geht?« fragte Albuera, der Sinn für Humor besaß.

Sie schloß den großen Geldschrank auf, schob den Koffer weit nach hinten und schlug die Tür ärgerlich zu.

»Ich habe den Burschen an die frische Luft gesetzt«, sagte er. »Ich glaube, der war nicht mehr ganz richtig im Kopf. Er hat dauernd verrücktes Zeug geschwätzt. Haben Sie sonst noch einen Auftrag für mich, Miß?«

»Rufen Sie Mr. Gringer, den Chef der Seidenabteilung«, erwiderte sie rasch. Sie dachte im Augenblick nicht daran, welch einen Aufruhr das Erscheinen eines Polizeibeamten in den Geschäftsräumen hervorrufen mußte.

Nach einigen Minuten kehrte Albuera dann auch mit einem älteren Herrn zurück, der bleich war wie der Tod. Dreiundvierzig Jahre lang stand Mr. Gringer in den Diensten der Firma Maber & Maber, aber noch niemals war er von einem Polizisten zum Chef gebracht worden. Mit wankenden Schritten trat er ein und konnte sich nur noch mühsam aufrechthalten.

»Es ist doch seit jeher Gewohnheitsrecht in der Firma«, begann er mit hoher, zitternder Stimme, »daß der Chef einer Abteilung für seinen eigenen Gebrauch Waren zum Einkaufspreis beziehen kann. Die drei Seidenkleider, die ich am vergangenen Sonnabend für meine Schwiegertochter erstanden habe, sind auf mein Konto eingetragen. Ich habe das Buch hier --«

»Es ist gut, Mr. Sturman«, sagte Barbara zu dem Beamten.

Albuera verließ das Zimmer leise, faßte aber vor der Tür Posten, um für alle Fälle bereit zu sein.

»Nehmen Sie bitte Platz, Mr. Gringer! Sie kennen Mr. Maber doch seit vielen Jahren?«

»Jawohl, und er hat niemals den geringsten Einwand erhoben, wenn ich für meinen eigenen Bedarf Waren zum Einkaufspreis bezogen habe. Und die weiße Seidenweste, die ich vor vierzehn Tagen entnahm, hatte in der Auslage etwas gelitten. Ich habe sie deshalb meiner Direktrice gezeigt, und wir haben dann gemeinsam den Preis auf acht Schilling heruntergesetzt --«

»Darum handelt es sich ja gar nicht«, beruhigte ihn Barbara, »das ist alles in Ordnung.«

Es dauerte einige Zeit, bis sich Mr. Gringer darüber klar wurde, daß keine Anklage gegen ihn schwebte, und daß man ihn nicht für den Rest seines Lebens in eine dumpfe, unterirdische Zelle in Dartmoor einsperren wollte.

»Ja, Miß Storr, ich kenne ihn seit dreiunddreißig Jahren«, sagte er, als er sich wieder von seinem Schrecken erholt hatte.

»Auf die Anzahl der Jahre kommt es nicht so genau an«, unterbrach sie ihn. »Waren Sie einmal in seinem Haus in Ilchester?«

»Ja, vier Tage lang war ich einmal sein Gast in dieser schönen Stadt.«

»Na, Sie scheinen ja nicht viel von den ›Schönheiten‹ gesehen zu haben«, meinte Barbara ironisch. »Wie lange ist Mr. Maber eigentlich schon Junggeselle -- ich meine, Mr. Maber war doch Zeit seines Lebens Junggeselle?«

»Ja«, entgegnete Mr. Gringer erstaunt, fügte dann aber vorsichtig hinzu: »Wenigstens, soweit mir bekannt ist. Mr. Maber hat mich niemals in seine Geheimnisse eingeweiht oder mir seine Privatangelegenheiten anvertraut. Aber ich könnte mir nicht denken, daß er vorher schon verheiratet gewesen wäre.«

»Was heißt das -- vorher?«

Barbara sah ihn verwirrt an.

Mr. Gringer wurde rot und räusperte sich.

»Man spricht über eine Geschichte -- und ich hoffe, daß sie wahr ist --« begann er.

Barbara warf ihm aber einen so scharfen Blick zu, daß er verstummte. Auch zu ihr war dieses Gerücht gedrungen, und taktvoll verfolgte sie das Thema nicht weiter, das den armen Mann vor ihr in solche Verlegenheit brachte.

Mr. Gringer wußte nur wenig von dem Privatleben seines Chefs, das war ihr jetzt klar. Sie kam deshalb auf den bevorstehenden Ausverkauf während der »Billigen Woche« zu sprechen, und sobald es anging, schickte sie ihn wieder fort.

Alle waren erstaunt, daß er als freier Mann zurückkehrte. Die Verkäuferinnen waren bei dem Erscheinen des Polizisten bleich geworden, und wie ein Lauffeuer ging die Nachricht durch alle Abteilungen, daß der arme Mr. Gringer in Barbaras Büro durchsucht worden wäre, und daß man in seinen Taschen fehlende Kassenbestände gefunden hätte.

Barbara überlegte angestrengt, wer ihr wohl Aufklärung geben könnte.

Vielleicht Julius? Es tat ihr nun fast leid, daß sie ihn auf die Straße hatte werfen lassen. Ihre Gedanken hatten anscheinend telepathische Wirkung, denn das Telefon läutete gerade, als sie darüber nachdachte, wie sie sich wohl am besten mit Colesberg in Verbindung setzen könnte. Als sie den Hörer abhob, meldete er sich überraschenderweise mit höflicher Stimme und entschuldigte sich.

»Ich muß gestehen, daß ich mich sehr albern benommen habe«; begann er. »Können Sie mir verzeihen? Ich gäbe viel darum, wenn wir wieder Freunde wären wie früher. Sie wollen dem Alten doch auch nicht schaden?«

»Warum nennen Sie ihn denn den Alten?« fragte sie schnell, denn es kam ihr plötzlich ein schrecklicher, wahnwitziger Gedanke.

»Nun, ich betrachte ihn mehr oder weniger als Vater oder als väterlichen Freund. Ich wollte durchaus nicht respektlos von ihm sprechen, wenn Sie das vielleicht meinen sollten.«

Barbara wurde jetzt mit einem Schlage alles klar.

»Ist Colesberg Ihr wirklicher Name?«

Es kam keine Antwort, und sie mußte ihre Frage wiederholen.

»Wer hat denn über mich gesprochen?« erkundigte er sich schließlich argwöhnisch. »Ich wünschte, Sie würden sich nicht immer um Dinge kümmern, die Sie nichts angehen!«

Er hatte nämlich den Namen Colesberg erst während des Krieges angenommen. Aber es wußten nur wenig Leute, daß er früher Königsberger hieß. Und Mr. Maber gehörte sicher nicht zu ihnen, da der Namenswechsel schon vollzogen war, bevor Julius in dessen Firma eintrat.

»Jedenfalls heiße ich jetzt so«, erklärte er barsch.

Barbara glaubte bestimmt, noch eine andere leise und warnende Stimme durch das Telefon zu hören, und Mr. Colesberg wurde auch gleich darauf wieder sehr liebenswürdig.

»Sie brauchen doch bei Ihrer ›Billigen Woche‹ sicher Hilfe. Vielleicht wäre es im Augenblick besser, wenn wir die Frage, ob ich Partner des Geschäftes bleibe oder nicht, vorläufig unerörtert lassen. Ich würde dann, wenn Sie es mir gestatten, wieder zu Ihnen hinüberkommen und Sie in diesen aufregenden Tagen unterstützen.«

»Was meinen Sie denn mit ›hinüberkommen‹? Sprechen Sie etwa von Atterman aus?«

»Nein -- wie können Sie denn glauben!« entgegnete er übermäßig laut.

Sie überlegte eine Sekunde.

»Gut, kommen Sie«, beendete sie dann das Gespräch.

Das war also die schreckliche Wahrheit! Er hieß in Wirklichkeit gar nicht Colesberg! Damit war die Anwesenheit dieses unmöglichen jungen Mannes in der Firma allerdings vollkommen aufgeklärt. Julius Colesberg war Mr. Mabers Sohn!

Diese plötzliche Entdeckung lähmte Barbara beinahe. Mit gefalteten Händen saß sie am Schreibtisch und dachte über die Doppelrolle nach, die der alte Maber gespielt hatte. Sie hatte ja auch schon manchen Roman gelesen, in dem sich ein freundlicher, älterer Herr, den kein Mensch in Verdacht hatte, schließlich als der Schuft und heimtückische Mörder entpuppte.

Barbara seufzte schwer. Sie hatte fast das Gefühl, daß sie etwas verloren hätte, seitdem sie von diesem sonderbaren Doppelleben Mr. Mabers wußte. Und doch konnte er nicht glücklich verheiratet sein. Er hatte niemals gut von Julius gesprochen, und als er in Schwierigkeiten geriet, hatte er sich nicht seiner Frau anvertraut, sondern sich an sie gewandt.

Ab und zu ertönten seltsame Geräusche vom Gang her, aber sie achtete nicht darauf, bis plötzlich Polizist Albuera mit hochrotem Gesicht vor ihr stand.

»Ich habe den verrückten Kerl von vorhin schon dreimal die Treppe hinuntergeworfen, aber er behauptet immer noch, Sie wollten ihn sprechen«, erklärte er.

»Wen haben Sie die Treppe hinuntergeworfen?« fragte sie verstört.

»Den Kerl mit dem gelben Gesicht, den ich vorhin auf die Straße gesetzt habe.«

»Großer Gott!« Barbara erinnerte sich plötzlich wieder an Mr. Colesberg. »Lassen Sie ihn bitte sofort hereinkommen.«

Mr. Julius, durch den Kampf mit dem Polizisten traurig zugerichtet, trat ein und ließ seiner Empörung über eine derartige Behandlung freien Lauf.

»Ich will die Nummer dieses Mannes wissen«, rief er erregt. »Ich schreibe sofort an den Polizeipräsidenten -- er ist ein persönlicher Freund von mir --«

»Nehmen Sie doch bitte Platz, Mr. Colesberg. Es war ein unglückliches Mißverständnis, an dem ich allein schuld bin. Ich vergaß, den Polizisten von der veränderten Lage zu verständigen.«

Als Mr. Julius sich gesetzt hatte, sah sie ihn durchdringend und forschend an, aber sie konnte nicht die geringste Ähnlichkeit mit Mr. Maber entdecken. Wahrscheinlich glich er mehr seiner Mutter.

»Sie können jetzt wieder in Ihr Büro gehen«, sagte sie freundlich.

Sie glaubte, daß die Generalvollmacht ihr auch die Pflicht aufgebürdet hätte, Vaterstelle an ihm zu vertreten.

»Sie werden wieder mit Ihrem alten Gehalt eingestellt, aber die Frage Ihrer Teilhaberschaft kann erst erörtert werden, wenn Mr. Maber aus Rom zurückgekehrt ist.«

»Ach, ist er jetzt nach Rom gefahren?« fragte er verwirrt.

»Alle Wege führen nach Rom«, erwiderte Barbara nachsichtig.

*

Zu der Zeit, in der gewöhnlich das Geschäft geschlossen wurde, kam Mr. Lark von einer wilden Fahrt zurück. Die Revolution in der Leitung der Firma hatte auch seinen Charakter und sein Verhalten vollkommen verändert. Früher hatte er eingehend und in aller Ruhe kalkuliert und hatte sich dabei mit den Reisenden nach Herzenslust unterhalten, aber unter dem Druck der Verhältnisse hatte er sich in eine Persönlichkeit voll Energie und Tatkraft verwandelt. Ob das Vorbild Mr. Minkeys solche Wunder wirkte, den er wegen seiner Tüchtigkeit heimlich beneidete, oder ob dieser plötzliche Willensausbruch auf Barbara Storrs Einfluß zurückzuführen war, ist schwer zu entscheiden. Jedenfalls kam Mr. Lark, der am Morgen etwas ängstlich und zaghaft ausgezogen war, am Abend selbstbewußt und siegessicher zurück. Und wenn man ihn auch noch nicht gerade als General bezeichnen konnte, so hatte er es doch wenigstens zum Feldwebelleutnant in seiner Branche gebracht.

Als er bei Barbara erschien, funkelte er förmlich vor Unternehmungslust.

»Ich war bei Green & Sterling und habe ihre ganzen Bestände an Damenwäsche aufgekauft«, begann er strahlend und zählte dann eifrig die einzelnen Kategorien auf. »Außerdem war ich bei Marks & Pearce und hatte gerade das Lager zu festem Preis übernommen, als Mr. Minkey erschien. Der Chef dort sagte zu mir -- entschuldigen Sie, daß ich darüber spreche, aber es interessiert Sie vielleicht auch -- ›Mr. Lark, ich habe schon viele tüchtige Geschäftsleute gesehen, aber Sie sind der tüchtigste!‹«

Barbara hatte befriedigt zugehört.

»Möglich, daß er recht hat«, meinte sie. »Bis dahin haben Sie Ihre Sache ja ganz gut gemacht -- aber wann kommen denn nun die Waren an? Am nächsten Freitag etwa?«

»Sie sind --« er zog die Uhr -- »um sieben hier.« Seine Stimme überschlug sich beinahe vor Eifer. »Ich habe besondere Lastautos zur Beförderung gemietet und keine Kosten gespart. Und dann war ich auch noch beim alten Gordon Coke. Das ist eine ganz wichtige Sache, Miß Storr. Er hat nämlich eine große Sendung Pariser Modelle für Atterman erhalten. Da es aber nicht ganz die gewünschten Farben waren, hat Atterman sie ihm zurückgeschickt, um den Preis zu drücken. Diese Modelle habe ich natürlich sofort für Maber gesichert.«

Mr. Lark lehnte sich mit geschlossenen Augen in seinem Sessel zurück, und Barbara sah sich unwillkürlich nach einem Heiligenschein für ihn um.

»Ich muß Sie loben. Sie haben Ihre Sache gut gemacht.«

»Ja, ich glaube es auch beinahe. Unterwegs habe ich übrigens noch bei einem Dekorationsmaler vorgesprochen. Er hat mir zugesagt, daß er heute nacht noch die nötigen Schilder liefern will. Und bei einem Drucker habe ich Plakate bestellt. Wie wäre es denn eigentlich mit einer Kapelle für morgen, Miß Storr?«

Sie sahen sich beide begeistert an, aber zu gleicher Zeit hatten sie auch dieselbe Befürchtung.

»Denken Sie nicht, daß das etwas gewagt wäre?« fragte sie. »Wir sind doch immerhin in der Marlborough Avenue ...«

»Atterman drüben hat doch auch eine Kapelle, sogar eine Jazzband, wenn Sie wollen.«

»Maudie«, sagte Barbara in Gedanken vor sich hin.

Mr. Lark begriff nicht, was das bedeuten sollte, und lächelte deshalb verbindlich.

»Schon gut, ich werde alles Nötige veranlassen«, erklärte Barbara plötzlich und langte nach dem Telefonhörer. »Gehen Sie jetzt hinunter, trommeln Sie die Abteilungsleiter zusammen und essen Sie mit ihnen in einem guten Lokal zu Abend.«

Mr. Larks Ehrgeiz stieg mehr und mehr, und der Mann wurde kühn.

»Sie könnten mich eigentlich zum Direktor machen«, schlug er vor, und seine Stimme klang sehr sicher.

»Schön, ich will es mit Ihnen probieren«, erwiderte sie sofort. »Übrigens habe ich Mr. Colesberg zurückgeholt -- er ist wieder in seinem Büro. Es geschah aus gewissen -- Familienrücksichten.«

Sie senkte den Blick.

Mr. Lark nickte ernst.

»Verstehe vollkommen«, entgegnete er, obgleich er in Wirklichkeit keine Ahnung hatte, was sie damit ausdrücken wollte.

*

Mr. Attermans Privatbüro lag im fünften Stockwerk seines palastähnlichen Gebäudes. Von dort aus konnte er nicht nur die Straße, sondern auch Barbaras Zimmer übersehen, dessen Fenster durch grüne Seidengardinen halb verdeckt waren. Schweigend stand er neben seinem Direktor und starrte auf die Straße hinunter, wo gerade große Plakate an den Schaufenstern der Firma Maber & Maber angebracht wurden.

»Wirklich ein witziger Einfall«, meinte er schließlich. »Na, sie wird die Karre ja ordentlich in den Dreck fahren, und wenn der Alte zurückkommt, ist die Firma pleite. Kann uns ja eigentlich nichts angenehmer sein.«

Aber trotz dieser zuversichtlich klingenden Äußerung fühlte sich Mr. Atterman nicht besonders wohl. Die Nachrichten, die er von Minkey erhalten hatte, beunruhigten ihn doch mehr, als er sich eingestehen wollte.

»Wenn Sie auch nur den Verstand einer Gans besäßen«, wandte er sich plötzlich ärgerlich an Minkey, »so hätten Sie sich nicht überall die Bestände vor der Nase wegkaufen lassen! Die Sache da drüben muß jetzt aufhören, koste es, was es wolle. Kaufen Sie alle Bestände auf, so daß Mabers für einen Monat keine Ware mehr auftreiben können. Und holen Sie vor allem die Pariser Modelle von Gordon Coke zurück!«

»Das geht leider nicht mehr«, erwiderte Mr. Minkey niedergedrückt, »die hat sie auch schon alle gekauft.«

Er bekam daraufhin Worte und Dinge von seinem Chef zu hören, die er bis dahin noch nicht vernommen hatte. Mr. Atterman nahm in solchen Fällen kein Blatt vor den Mund, und es hagelte Rügen und Vorwürfe.

»Machen Sie jetzt, daß Sie fortkommen«, schloß er seine Rede atemlos, »und retten Sie wenigstens, was noch zu retten ist. Wenn die Geschäfte schon geschlossen sind, suchen Sie die Grossisten in ihren Privatwohnungen auf. Schließen Sie Optionsverträge mit ihnen, und sehen Sie zu, was sonst möglich ist. Aber vor allem sorgen Sie dafür, daß Mabers keine Ware mehr einkaufen können!«

»Was macht denn eigentlich Colesberg?« fragte der Direktor vorwurfsvoll.

»Das geht Sie nichts an«, sagte Mr. Atterman scharf. »Jedenfalls fühle ich mich wohler, seitdem ich weiß, daß er wieder drüben ist.«

Seine Sekretärin erschien und flüsterte ihm etwas zu. Nach kurzer Verhandlung mit ihr verließ er den unglücklichen Minkey und ging zu seinem Schreibtisch.

Sein Privatbüro war etwas überladen in Gold und rotem Plüsch ausgestattet. Über dem schönen Marmorkamin hing eine große Photographie der Freiheitsstatue von New York, die Mr. Atterman oft mit glücklichem Lächeln betrachtete. Dies war das einzige Merkmal Amerikas, das er deutlich gesehen hatte. Dort in der Nähe lag Ellis Island, wo er drei mehr oder weniger unglückliche Wochen zugebracht hatte, bis man ihn wieder nach Europa zurücktransportierte. Aber das alles hatte sich in einer längstvergangenen Zeit abgespielt, bevor er den kleinen Laden in Islington eröffnete und damit den Grundstock zu dem Vermögen legte, mit dem er später den großen Marmorpalast in der Marlborough Avenue erbaut hatte.

Ein Mann in mittleren Jahren, Angestellter einer bekannten Auskunftei, hatte im Vorzimmer gewartet und trat nun ein.

Mr. Atterman bot ihm eine Zigarre an und setzte sich dann.

»Hat Ihre Firma auch Agenten in Deutschland?« erkundigte er sich.

Der Detektiv nickte.

Mr. Atterman neigte sich etwas vor.

»Sie müssen herausbringen, wo sich Mr. Maber zur Zeit aufhält. Er ist ins Ausland gegangen -- wahrscheinlich nach Deutschland -- und hält sich vermutlich entweder in Worms oder in Köln auf. Sparen Sie keine Telegrammkosten, und schicken Sie auch einen Agenten nach seiner Besitzung in Ilchester und in seine Wohnung in der St. James's Street. Es ist möglich, daß der alte Fuchs wieder zurückgekommen ist, nachdem er seiner Sekretärin Vollmacht gegeben hat.«

»Und wenn wir ihn gefunden haben?«

»Teilen Sie mir umgehend seine Adresse mit. Das Weitere werde ich dann schon besorgen.«

Der Agent erhob sich.

»Wer ist eigentlich die junge Dame? Was hat sie denn mit der ganzen Sache zu tun?«

Mr. Atterman erklärte ihm kurz die Lage.

»Sie mag im Bilde sein, wo er sich aufhält, aber ebenso gut ist es auch möglich, daß sie nichts weiß. Die Hauptsache ist jedenfalls, Maber zu finden!«

Nachdem diese Angelegenheit geregelt, und der Besucher wieder gegangen war, nahm Atterman den Hörer vom Apparat und ließ sich mit der Firma Maber verbinden. Bei der Zentrale verlangte er Mr. Colesberg.

»Nun, alles wieder im Lot?«

»Ja«, brummte Julius. »Es ist allerdings ein gräßlicher Gedanke, daß ich mit diesem entsetzlichen Mädel hier Zusammensein muß.«

»Was machen Sie denn?«

»Nichts. Ich sitze hier in meinem Büro wie ein Affe in seinem Käfig.«

»Na schön, ich weiß genug.«

Die nächste halbe Stunde ging Mr. Atterman unruhig durch das große Geschäftshaus und wurde schließlich, wie eine Stahlnadel vom Magneten, von der Damenkapelle angezogen, die oben in einer Ecke des Dachgartens in feuerroten Uniformen die Menge ergötzte. Er lehnte sich an einen Pfeiler und beobachtete mit wehmütigen Blicken die Solotrompeterin, die jetzt den Platz des geliebten Mädchens einnahm. Ja, er liebte Maudie wirklich, obwohl sie ihm viel Unannehmlichkeiten und Schwierigkeiten bereitet hatte. Nicht nur den Prozeß, der eine Unmenge Geld kostete, hatte er verloren, auch die häuslichen Auseinandersetzungen mit seiner Mutter blieben ihm nicht erspart, die ihn mit einem anderen Mädchen verheiraten wollte. Natürlich hatte sich auch seine Stiefmutter eingemischt und ihm erklärt, daß er nur mit Nitiska Koska glücklich werden könnte.

Im Grunde seines Herzens war er trotz seiner amerikanischen Geschäftsallüren sentimentalen Regungen nicht unzugänglich. Er dachte an Maudie, an ihr goldblondes Haar, ihre veilchenblauen Augen, die Grübchen in ihren Wangen, die sich immer zeigten, wenn das Publikum ihr jubelnden Applaus darbrachte. Längst hatte er ihr vergeben, daß sie ihn vor Gericht um fünftausend Pfund ärmer gemacht hatte. Er erinnerte sich wieder an die schönen Autofahrten, die er mit ihr gemacht hatte; er sah ihre schwellenden roten Lippen vor sich, die er so oft geküßt hatte.

Traurig seufzte er. Ja, sie hatte ihn geliebt, sie liebte ihn wahrscheinlich noch, und auch er konnte sie nicht vergessen ... Aber seine Mutter lag ihm stets in den Ohren, daß große Kaufherren nur Damen allererster Kreise heiraten durften. Sie verlangte von ihm, daß er eine Aristokratin zur Frau nahm, und lachte nur verächtlich, wenn er von Maudies Kunst sprach.

Hätte er, anstatt die Solotrompeterin zu betrachten, auf die Straße hinuntergesehen, so hätte er Maudie entdeckt, die gerade das Konkurrenzgeschäft betrat.

Die junge Dame eilte die Treppe hinauf, betrachtete verwirrt den Polizisten, der Mr. Mabers Privatbüro bewachte, und wurde gleich darauf herzlich von dem neuen Chef begrüßt.

»Maudie, was war Attermans Lieblingsstück?« fragte Barbara schnell.

»Sein Lieblingsstück?« wiederholte Miß Deane etwas bestürzt. »Warten Sie einmal. Er hörte sehr gern ›Blutrote Rosen‹, aber am besten gefiel ihm immer ›Du bist das süßeste Mädel der Welt.‹«

Barbara ging aufgeregt im Zimmer auf und ab. Myrtle, die in einer Ecke auf der Kante eines Stuhls saß, folgte mit traurigen Blicken jeder Bewegung ihrer Herrin.

»Zeigen Sie mir doch bitte einmal das Büro von Mr. Atterman«, bat Barbara.

Maudie trat ans Fenster und wies auf einen hellerleuchteten Raum. Mr. Atterman selbst war allerdings nicht zu sehen. Er schmachtete oben bei der Damenkapelle.

»Ich glaube, es wird gehen«, meinte Barbara nachdenklich. »Haben Sie Lust, morgen auf dem Dachgarten Mr. Attermans Lieblingsstücke zu spielen?«

»Aber um Himmels willen -- warum denn?« fragte Maudie betroffen.

»Vielleicht machen wir es auch nicht. Es kommt ganz darauf an. Ich möchte nur gern herausbringen, ob dieser Mann ein menschlich fühlendes Herz hat und noch an schöne Stunden der Vergangenheit denkt. Also, wollen Sie?«

Maudies Augen leuchteten. Sie war im Innersten fest davon überzeugt, daß der Trompetenton Männerherzen erweichen und zum Schmelzen bringen konnte. Ihr selbst war schon der Gedanke gekommen, unten auf der Straße vor seinem Büro eine Serenade zu spielen, ja, sie hatte sich schon erkundigt, ob sie nachher eventuell wegen groben Unfugs bestraft werden könnte.

»Wann soll ich kommen?«

»Um neun. Wir führen den Plan doch wohl unter allen Umständen durch. Wenn es regnen sollte, lasse ich oben auf dem Dach ein Zelt für Sie aufschlagen.«

Sie notierte sich sofort das Wort »Zelt«.

Es ging schon auf Mitternacht, aber Barbara war immer noch im Geschäft. Sie beaufsichtigte das Personal, das alle Schaufenster neu dekorierte; sie verhandelte mit dem neuen Direktor Lark, der sich erstaunlich intelligent und geschickt anstellte und sich an diesem Abend in ihren Augen mehr Achtung erwarb, als er in den letzten vier Jahren verloren hatte.

Julius kam müde und gelangweilt aus seinem Büro und beobachtete das Hasten und Jagen, bis er es nicht länger aushalten konnte und sich in seinen Klub verzog. Albuera dagegen bot noch bereitwillig seine Dienste an, als seine offiziellen Pflichten für den Tag schon längst beendet waren. Ohne den Uniformrock und mit aufgekrempelten Hemdsärmeln sah er nicht so imposant aus, aber dafür war seine Hilfe um so wertvoller.

Myrtle konnte man zu nichts gebrauchen. Was sie anpackte, machte sie verkehrt, und schließlich wurde sie in die Kantinenküche geschickt, um dort zu helfen.

Gegen zwölf Uhr kam Mr. Stewart mit den Bürstenabzügen der großen Annoncen, die in den Tageszeitungen erscheinen sollten.

Das kostete allerdings Geld. Er nannte Summen, die Barbaras Gleichgewicht doch etwas erschütterten. Sie verstand nun Mr. Mabers Antipathie gegen Inserate bedeutend besser.

»Die Anzeigen bringen Ihnen aber auch zehnmal soviel ein, wie Sie ausgeben. Es wird sicher ein Bombenerfolg«, sagte Mr. Stewart begeistert. »Maber & Maber haben noch niemals einen Ausverkauf oder eine Billige Woche gehabt. Möglicherweise kann ich Ihnen morgen wieder einige Ganzseiten für Annoncen zur Verfügung stellen. Sie haben ein fabelhaftes Glück, daß gerade jetzt solche Reklameseiten frei sind. Wie lange soll übrigens die ›Billige Woche‹ dauern?«

»Bis wir alle alten Bestände und eine Menge neuer Waren verkauft haben. Mr. Lark macht sich großartig. Hören Sie nur einmal zu. Ich wollte, ich könnte auch reden wie er.«

Der neue Direktor kanzelte gerade einige Angestellte heftig ab.

Alan Stewart warf einen Blick zu ihm hinüber, wandte sich dann aber wieder interessiert an Barbara.

»Wo ist denn eigentlich Mr. Maber?«

Schon lange hatte er diese Frage an sie richten wollen, aber jetzt erst fand sich eine Gelegenheit dazu.

»Er ist nach Amerika gefahren«, erwiderte sie zerstreut. »Ich überlegte eben, ob ich wirklich diese ganzseitige Reklame fortsetzen soll -- doch, ich werde es tun. Ich habe achthundert himmlisch schöne Pariser Modelle gekauft -- das müssen die Leute doch erfahren! Dafür ist eine Seite eigentlich noch viel zu wenig.«

»Aber weiß Mr. Maber denn von all diesen Unternehmungen? Ich fühle mich direkt schuldig, denn ich habe Ihnen doch erst die Idee, zu annoncieren, in den Kopf gesetzt --«

»Ich bin davon überzeugt, daß ich richtig handle«, erwiderte sie lächelnd. »Sie können noch einen Augenblick warten und mich dann nach Hause bringen. Myrtle ist auch da und will mich vor weiterem Schaden bewahren. Sie denkt nämlich, ich trinke!«

Es war ein Uhr, als Barbara todmüde in ihrer Wohnung ankam. Sie hatte kaum mehr die Kraft, sich auszukleiden, und sank sofort in tiefen Schlaf.

*

»Hier ist der Tee«, weckte Myrtle ihre Herrin am nächsten Morgen, als schon heller Sonnenschein ins Zimmer flutete.

»Wir müssen unbedingt eine ganz fabelhafte Schaufensterdekoration schaffen, irgend etwas Lebendiges, das sich bewegt -- etwas, was überhaupt noch nie dagewesen ist!« erklärte Barbara und richtete sich langsam auf. Sie starrte Myrtle an, als ob diese eine Fremde wäre, und lachte dann plötzlich. »Ach, Myrtle, ich habe einen verrückten Traum gehabt. Ich träumte, daß Mr. Maber eingesperrt wurde --« Sie rieb sich die Augen, und ihr Blick fiel auf den Stapel von Papieren, der auf dem Tische lag. Sie hatte alle Lieferscheine nach Hause mitgenommen, um sie noch einmal durchzusehen, bevor sie zu Bett ging. Also war es doch keine phantastische Einbildung, sondern klare, nüchterne Wirklichkeit! Tolle Vorstellung, daß Mr. Maber jetzt im Gefängnis zu Pentonville beim Federreißen saß! Sie mußte wieder lachen.

Die Uhr zeigte sieben, und Barbara schwang sich kurz entschlossen aus dem Bett.

Noch im Pyjama stürzte sie eine Tasse heißen Tees hinunter und las dabei voll Stolz die Zeitung, die Myrtle eben gebracht hatte.

In Riesenlettern prangte die von ihr verfaßte Annonce auf der ersten Seite! Wie herrlich! Eine Million, zwei Millionen Menschen lasen diese Seite heute morgen. Alle lasen, was sie, Barbara Storr, geschrieben hatte. Jeden einzelnen Abschnitt des Inserats betrachtete sie mit der Wonne und dem Hochgefühl, die jeder Autor bei der Lektüre seines ersten Werkes empfindet.

»Blendend! Und unsere Preise sind viel niedriger als die von Atterman!«

Barbara badete dann, duschte sich eiskalt ab und nahm hastig das Frühstück, während Myrtle nach einem Taxi Ausschau hielt.

Aber auf der Fahrt zum Geschäft kam die Reaktion auf den Siegesjubel. Würden die Leute auch die großen, kostspieligen Annoncen lesen? Würden sie überhaupt darauf achten?

Als sie eine halbe Stunde später ihr Ziel erreichte, atmete sie erleichtert auf. Trotz der frühen Stunde hatten sich schon Leute vor dem Eingang angesammelt, und zwei Polizisten waren damit beschäftigt, Ruhe und Ordnung zu halten.

Es war acht Uhr, und die Firma öffnete erst um neun. Auch Mr. Lark war schon auf dem Posten, und wenn er auch etwas blaß aussah, arbeitete er doch mit der gleichen Begeisterung und Intensität wie am Tage vorher.

»Ich habe für die Verkäuferinnen Zimmer in den benachbarten Hotels genommen, denn es war zu spät. Sie konnten nicht mehr nach Hause kommen. Meine Stenotypistin ist eben fortgegangen, um dafür zu sorgen, daß die Damen zur rechten Zeit erscheinen. Atterman war auch schon hier -- vor zehn Minuten«, erzählte er Barbara eifrig und freute sich über die Sensation, die seine Worte hervorriefen. »Er kam zum Personaleingang herein und ließ mich rufen. Dann bot er mir zwanzig Pfund wöchentlich und einen zweijährigen Vertrag, wenn ich zu ihm käme.«

»Und was haben Sie ihm geantwortet?« fragte sie gespannt.

»Ich sagte ihm, er solle sich zum Teufel scheren!«

»Wirklich? Reichen Sie mir Ihre Rechte, Mr. Lark.«

Feierlich drückten sie sich die Hände.

»Sie bekommen von jetzt ab bei mir auch zwanzig Pfund die Woche, und ich erlaube Ihnen, während der Geschäftszeit einen Zylinder zu tragen, wenn es Ihnen Spaß macht.«

Als sie in ihrem Büro die Schublade des Schreibtisches aufzog, erschrak sie. Dort lag noch immer Mrs. Mabers Brief. Auf irgendeine Weise mußte er erledigt werden. Es half alles nichts, es war notwendig, daß sie sich mit Mr. Mabers Rechtsanwalt darüber verständigte.

Seufzend schrieb sie »Rechtsanwalt« unter die Notiz »Zelt«.

Julius kam um neun Uhr dreißig ins Geschäft und mußte sich mühsam seinen Weg durch eine Menge kauf begieriger Frauen bahnen. Endlich erreichte er die Treppe, die zum Büro hinaufführte. Oben auf dem Podest stand Barbara und schaute mit triumphierenden Blicken nach unten. Hinter ihr war ihr getreuer Gefolgsmann, der Polizist Albuera Sturman, zu sehen.

»Ich habe noch mehr Polizei kommen lassen«, erklärte sie, äußerlich vollkommen ruhig und gelassen. »Alle Neuheiten in Marocain sind schon weg. Von den preiswerten Strümpfen ist nur noch sehr wenig da, und in den einzelnen Abteilungen sind manche Artikel schon ganz ausverkauft. Die Pariser Modelle haben wir noch gar nicht ausgestellt -- wenn die Leute die erst sehen!«

Julius blies große Rauchwolken von sich und sah ihnen düster nach.

»Das kann doch nicht so weitergehen. Es hat ja gar keinen Zweck, sich derartig abzumühen. Wir verkaufen mit Schaden, und in ein paar Tagen sind wir restlos ruiniert.«

Er schüttelte mißbilligend den Kopf.

»Wenn Sie kommen, geht wirklich die Sonne auf«, erwiderte Barbara ironisch. »Unser Warenlager ist dreißigtausend Pfund wert, das haben Sie selbst bestätigt. Mr. Maber war bereit, es für zwölftausend zu verkaufen. Und wenn ich nun mehr als dreißigtausend erziele --«

Wieder schüttelte er den Kopf.

»Das ist doch unmöglich. Sie machen sich blauen Dunst vor. Auf dem Papier und in der Theorie sieht das ja alles ganz gut aus, aber glauben Sie denn, Mr. Maber hätte das nicht längst gemacht, wenn man auf so leichte Weise Geld verdienen könnte? Lassen Sie sich raten und ziehen Sie Mr. Atterman zu, bevor Sie weitere Schritte unternehmen. Sie haben den Ruf der Firma schon schwer genug geschädigt. Sie haben uns sozusagen von dem Niveau einer Bond Street auf das Niveau einer High Street in Pimlico herabgedrückt. Durch Ihre ›Billige Woche‹ haben Sie unser gutes, altes Geschäft so verflucht in Mißkredit gebracht, daß --«

»Sie haben nicht die geringste Veranlassung, eine derartige Sprache gegen diese Dame zu führen«, sagte Albuera in strengem, offiziellem Ton.

Barbara nickte beifällig.

»Gehen Sie in Ihr Büro, Julius«, schlug sie vor, und mütterliche Milde klang aus ihrer Stimme. »Wenn Sie sich nett und anständig benehmen, dürfen Sie heute abend das Geld zählen.«

Im Lauf des Tages nahm der Andrang dauernd zu. An allen Türen standen Polizisten, die nur soviel Leute einließen, als die Geschäftsräume fassen konnten. Von jeder Kasse wurden laufend große Summen in das Zentralbüro Mr. Larks geschafft. Seine Stenotypistin konnte die Menge der Arbeit nicht mehr bewältigen und mußte Unterstützung erhalten.

Mr. Lark selbst entfaltete eine rege Tätigkeit. Zweimal traf er bei Grossisten Mr. Minkey, der ihn feindselig angrinste. Aber der Direktor der Firma Maber & Maber hatte seinen großen Tag, denn es gelang ihm, die Wühlarbeit Minkeys zu durchkreuzen.

Die »Billige Woche« bei Maber & Maber bildete ein großes Ereignis in der Geschichte der Warenhäuser von London. Die Eigentümer ähnlicher Firmen kamen entweder persönlich oder schickten ihre Vertreter, um diesen phänomenalen, denkwürdigen Vorfall aus nächster Nähe zu studieren. Manche besuchten auch Mr. Atterman und besprachen die Lage mit ihm, denn von seinem hochgelegenen Büro aus konnte man den Schauplatz am besten übersehen. Dabei fielen allerlei bissige Bemerkungen über den kühnen Eindringling in den Londoner Warenhaushandel.

»Die ganze Geschichte ist ja nur ein großer Humbug«, erklärte Mr. Atterman mit erzwungener Ruhe. »Einen Nutzen kann Maber doch davon überhaupt nicht haben. Die eine Hälfte der sogenannten Käufer besteht aus Taschendieben, die andere aus Schaulustigen.«

»Ich hätte nie gedacht, daß sich Maber einmal nach dieser Richtung hin entwickeln würde«, entgegnete der Inhaber einer großen Firma in der Regent Street.

»Es ist ja auch gar nicht Mr. Maber, dem wir das alles zu verdanken haben, sondern seine Privatsekretärin. Und dahinter steckt noch etwas anderes, verlassen Sie sich darauf.«

Von Zeit zu Zeit erhielt Mr. Atterman vertrauliche Nachrichten von seinem Agenten und Bundesgenossen. Julius war vollkommen verstört; aber nicht der gewaltige Umfang des Geschäftes hatte ihn aus dem Gleichgewicht gebracht, sondern Barbaras merkwürdiges Verhalten ihm gegenüber.

»Ich kann nicht verstehen, warum sie mich eigentlich hat zurückkommen lassen«, telefonierte er an Atterman. »Es ließe sich nur so erklären, daß sie sich jetzt vor dem Skandal fürchtet, wenn der Alte wieder erscheint. Jede halbe Stunde kommt sie in mein Büro gelaufen und berichtet mir die Höhe der Einnahmen. Niemals ist sie früher so höflich und freundlich zu mir gewesen!«

»Lassen Sie sich nur nicht von der Person einwickeln, die will sich jetzt nur gut mit Ihnen stellen. Sie müssen unbedingt zusehen, Colesberg, daß Sie das Heft wieder in die Hand bekommen. Sagen Sie, mein Lieber, wie hoch belaufen sich denn die Einnahmen bis jetzt?«

Julius nannte eine Zahl, bei deren Höhe Mr. Atterman einen kräftigen Fluch nicht unterdrücken konnte.

»Hören Sie, Julius«, sagte er dann nach kurzer Überlegung, »setzen Sie sich sofort hin und schreiben Sie an alle Grossisten, daß Sie nicht für Warensendungen haften, die Miß Barbara Storr bestellt hat. Unterzeichnen Sie als Juniorpartner und lassen Sie die Briefe sofort durch besondere Boten austragen. Schicken Sie Papier mit dem Firmenkopf zu mir herüber, ich lasse die Briefe schreiben. Das ist besser. Sie unterzeichnen sie dann, und ich sorge für schnellste Beförderung in ganz London. Setzen Sie rasch den Text auf und schicken Sie ihn mit dem Papier herüber.«

»Meinen Sie, daß wir dadurch etwas erreichen?« fragte Julius skeptisch.

»Sehen Sie denn nicht, Sie armer --« beinahe hätte er »Idiot« gesagt, aber er besann sich noch rechtzeitig -- »Mann, daß dann die Lieferungen gestoppt werden und Mabers ihre Vorräte nicht mehr ergänzen können? Diese Grossisten sind argwöhnisch und ängstlich. Übrigens ist Maber weder in Ilchester noch in seiner Wohnung. Soviel habe ich bis jetzt erfahren. Ich lasse ganz Deutschland nach ihm absuchen. Also, nun machen Sie sich schnell an die Arbeit.«

Bevor Julius dieser Aufforderung nachkommen konnte, mußte er erst feststellen, wo sich Barbara aufhielt. Unter keinen Umständen durfte er sich von ihr dabei ertappen lassen, wie er ihre Pläne durchkreuzte und gleichsam ihre Aufträge widerrief. Sie paßte auf wie ein Schießhund und hatte Augen wie eine Katze.

Er traf sie in ihrem Büro und fand sie eifrig damit beschäftigt, die Annoncen für den nächsten Tag aufzusetzen.

»Warten Sie einen Augenblick«, sagte sie, ohne aufzusehen.

Während Julius wartete, ließ er den Blick gelangweilt durch das Zimmer schweifen und schaute auch zum Geldschrank hinüber, dessen Tür weit offenstand. Und plötzlich entdeckte er darin den braunen Lederkoffer Mr. Mabers, den er schon früher öfter bemerkt hatte. Was hat denn dieser Koffer im Safe zu tun? fragte er sich verblüfft.

Barbara sah gerade auf, folgte der Richtung seines Blicks und vermutete, was in ihm vorging. Hastig erhob sie sich, schloß die Safetür und drehte den Schlüssel um.

»Nun, Mr. Colesberg, was wünschen Sie?« erkundigte sie sich dann in dem wohlwollend herablassenden Ton, den sie sich seit kurzem ihm gegenüber angewöhnt hatte.

»Ich möchte Ihnen einmal erklären«, erwiderte er und räusperte sich laut, »daß Sie all Ihre Bestellungen auf eigene Verantwortung hin machen. Ich lehne es absolut ab, sie zu bestätigen oder anzuerkennen.«

»Mein lieber Mr. Colesberg«, entgegnete sie sanft und liebenswürdig, »Sie haben ja immer noch keine Ahnung, was eigentlich gespielt wird. Man fragt Sie ja gar nicht nach Ihrer Bestätigung oder Anerkennung. Und für meine Handlungen sind Sie selbstverständlich nicht verantwortlich. Dafür stehe ich schon allein ein.«

»Ich wollte nur feststellen --«

»Würden Sie mir nicht einen Brief darüber schreiben? Ich bin nämlich im Augenblick sehr stark beschäftigt und kann mich Ihnen nicht widmen.«

Zufrieden ging er aus dem Büro, nachdem er sich durch diese Vorsichtsmaßregel Absolution für die Gemeinheit verschafft hatte, die er begehen wollte.

Er wußte sehr genau, daß die Briefe, die Atterman in ganz London verschicken wollte, den Nachschub von Waren plötzlich unterbinden würden. Man kannte seinen Namen in Verbindung mit der Firma Maber, außerdem war er den Chefs der führenden Geschäfte persönlich vorgestellt worden.

Er nahm ein Blatt Papier, zögerte noch einen Moment und begann dann zu schreiben ...

Die literarische Tätigkeit seines »Seniorpartners« ruhte dagegen im Augenblick. Julius hatte den Koffer gesehen! Würde er Verdacht schöpfen? Barbara zergrübelte sich den Kopf darüber. Aber noch bevor sie zu einem klaren Gedanken kam, steckte Albuera den Kopf durch die Tür. Er hatte längere Zeit vergeblich geklopft.

»Eine Dame möchte Sie sprechen, Miß.«

»Eine Dame?« Barbara runzelte die Stirne. »Wer ist es denn?«

»Sie will Sie dringend sprechen«, erwiderte er und zwinkerte ihr mit den Augen zu. »Ich glaube, die müssen Sie schon empfangen.«

Sie nickte, und er öffnete die Tür weiter.

Eine Dame von etwa dreißig Jahren trat ein. Sie war stark geschminkt und gepudert, hatte gefärbte Haare und trug auffallende, geschmacklose Kleidung. An dem Ausschnitt ihrer Bluse blitzten die Steine einer großen, plumpen Brosche, und sie sahen keineswegs echt aus.

»Ich habe wohl das Vergnügen mit Miß Storr?« fragte sie und zog dabei die Augenbrauen hoch.

»Ja, das bin ich. Was wünschen Sie von mir?«

Die Dame prüfte noch einmal, ob die Türklinke geschlossen war, schob dann einen Stuhl an den Schreibtisch und ließ sich umständlich nieder.

»Darf ich erfahren, wie Sie dazu kommen, in dem Sessel meines Mannes zu sitzen, sich hier breitzumachen und seine Briefe zu lesen?«

Barbara starrte sie bestürzt an.

»Sie sind Mrs. Maber?« fragte sie verstört.

»Allerdings, ich werde Ihnen meine Karte geben.«

Sie öffnete ihre große Handtasche und reichte Barbara die Karte hinüber.

Mrs. Maber, 304, Mantilla Road.

»Ich bin hergekommen, um von Ihnen Aufklärung zu verlangen über das Geld, das mein Mann für mich angewiesen hat.«

»Ich will es Ihnen erklären --« begann Barbara.

Mrs. Maber warf unwillig den Kopf zurück.

»Ich wünsche keine Erklärungen«, rief sie unlogischerweise. »Was haben Sie mit dem Geld meines Mannes gemacht?« fragte sie scharf.

Barbara zögerte keinen Augenblick. Sie klingelte und befahl dem Pagen, der sich meldete, Mr. Colesberg in Mr. Mabers Privatbüro zu bitten.

Offenbar bedeutete das Wort »Colesberg« nichts für die korpulente Dame, denn sie zuckte nicht einmal mit der Wimper, als sie den Namen hörte.

Einige Minuten später trat Julius ein.

»Sie wünschen mich zu sprechen?«

Barbara zeigte auf die Fremde.

»Ihre Mutter«, sagte sie schlicht.

Julius sah verblüfft auf die Besucherin.

»Was soll diese Dame sein?« Seine Stimme schnappte über vor Erregung.

»Erklären Sie ihr die Lage«, forderte Barbara ihn freundlich auf.

Die Dame erhob sich. Sie war dunkelrot im Gesicht und konnte vor Empörung kaum ein Wort hervorbringen.

»Was bilden Sie sich denn eigentlich ein?« rief sie im höchsten Diskant. »Ich habe überhaupt keine Kinder! Was wollten Sie mit dieser Bemerkung sagen? Wenn Sie hier vielleicht noch unverschämt werden wollen, können Sie etwas erleben!«

Barbara schaute in ratloser Verwirrung von einem zum anderen.

»Ist dieser Herr denn nicht Ihr Sohn?«

»Nein!« entgegneten Mrs. Maber und Julius wie aus einem Munde.

»Sie sind nicht Mr. Mabers Sohn?«

»Mr. Mabers Sohn!« wiederholte er wütend. »Zum Teufel, sind Sie denn jetzt vollständig verrückt geworden? Ich glaube, wir müssen Sie tatsächlich in eine Irrenanstalt stecken!«

»Sind Sie es, oder sind Sie es nicht?« fragte Barbara drohend.

»Nein, ich bin es nicht!« schrie Julius außer sich.

»Das vereinfacht die Lage allerdings bedeutend.« Barbara atmete erleichtert auf. »Dann haben Sie hier auch nicht mehr die geringste Existenzberechtigung.«

Sie winkte Albuera, der schon seit Mr. Colesbergs Eintritt in Bereitschaft stand, und zeigte auf Julius.

»Werfen Sie ihn sofort wieder auf die Straße!« befahl sie mit gebieterischer Stimme.

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