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Verdammte Konkurrenz

Edgar Wallace: Verdammte Konkurrenz - Kapitel 13
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typefiction
authorEdgar Wallace
titleVerdammte Konkurrenz
publisherWilhelm Goldmann Verlag
translatorRavi Ravendro
correctorreuters@abc.de
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12

Lange nach Geschäftsschluß saß Barbara noch in ihrem Büro und suchte sich vergeblich über den plötzlichen Besuch Mr. Elburys klarzuwerden. Schließlich ging sie hinunter in die Verkaufsräume, wo die Verkäuferinnen gerade die ausgestellten Modepuppen mit langen, weißen Tüchern umhüllten. Putzfrauen fegten den Fußboden, und die jungen Mädchen, die mit ihrer Arbeit fertig waren, kleideten sich um.

Auch der Tagportier war gerade im Begriff, nach Hause zu gehen. Er diente schon lange bei der Firma und war ein ernster, schweigsamer Mann.

Barbara trat zu ihm und sprach ihn an.

»Diese Woche ist es leider immer sehr spät geworden, Mr. Beale.«

»Jawohl, Miß.«

»Haben Sie Ihre Überstunden aufnotiert? Ich glaube, einmal sind Sie erst um Mitternacht nach Hause gekommen. War es nicht am Montag?«

»Jawohl, Miß. Auch am Dienstag. Und am Mittwochmorgen war ich so müde, daß ich kaum die Augen aufhalten konnte. Ich sagte Mr. Maber --«

»Sie meinen Mr. Lark«, verbesserte sie ihn liebenswürdig. Der Mann mußte tatsächlich übermüdet sein.

»Nein, Mr. Maber«, wiederholte der Portier. »Ich habe ihn doch ganz deutlich gesehen. Er kam etwa um zwölf Uhr hierher, kurz vor Mittagszeit. Da sagte ich zu ihm --«

»Aber Sie irren sich doch, Beale. Mr. Maber ist die ganze Woche noch nicht im Geschäft gewesen.« Er runzelte die Stirne, denn er liebte es nicht, wenn ihm ein junges Mädchen widersprach.

»Mr. Maber war bestimmt am Mittwoch da«; erklärte er mit Nachdruck. »Er kam mit dem anderen Herrn zusammen. Und da sagte ich zu ihm --«

»Also, es ist ganz sicher ein Irrtum!«

Mr. Beale hatte es nun satt, die Wahrheit dauernd zu beteuern. Er drehte sich um, schloß das Pult auf und nahm das Buch heraus, in das sich die Besucher eintragen mußten.

»Sehen Sie her. Hier habe ich es sogar in mein Buch eingetragen: Elf Uhr fünfundfünfzig Mr. Maber mit einem anderen Herrn.«

Sie starrte ihn verblüfft an.

»Ist er denn hier im Hause gewesen?«

»Nein, er kam nur vorbei und sagte ›Guten Morgen, Beale‹. Und ich sagte ihm, daß Mrs. Maber soeben nach oben gegangen sei --«

Barbara sank in den nächsten Stuhl.

»Und was war dann?«

»Dann gingen die beiden Herren sofort wieder weg. Ich sagte noch, daß es jetzt soviel zu tun gäbe, und daß wir immer erst spät nach Hause kämen. Aber er hat nicht mehr zugehört.«

Auch Barbara hörte jetzt nicht mehr, was Mr. Beale sagte.

Mr. Maber war ins Geschäft gekommen, hatte aber sofort wieder kehrtgemacht, als Beale von Mrs. Maber sprach. Und dabei war Mr. Maber doch im Gefängnis und konnte unmöglich am Mittwoch zum Geschäft gekommen sein!

»Wie war er denn angezogen?« fragte sie schließlich.

»Er trug einen braunen Anzug, Miß Storr, und er hatte eine schwarze Krawatte mit weißen Tupfen. Ich dachte noch gerade, daß die eigentlich etwas zu lebhaft für einen älteren Herrn sei.«

Es war der Anzug, den sie ihm geschickt hatte. Sie konnte sich auch auf das Muster der Krawatte genau besinnen. Wo mochte Mr. Maber jetzt stecken? Wie war er aus dem Gefängnis entkommen? Hatte ihn Mr. Elbury entführt?

»Woher wußten Sie denn, daß Mrs. Maber gekommen war?«

»Sie nannte mir ihren Namen. Er hat sie genau beschrieben. Eine starke Dame.«

»Das war Mrs. Maber, oder vielmehr die Frau, die sich so nannte.«

»Ich frage die Leute nicht nach ihren Privatangelegenheiten. Wenn eine Person sagt, daß sie Mrs. Maber sei, dann ist sie für mich eben Mrs. Maber.«

Barbara ging wieder in ihr Büro. Sie überlegte schon, ob es nicht das beste wäre, einfach zum Gefängnis von Pentonville zu gehen und sich dort nach Mr. Maber zu erkundigen. Es war allerdings fraglich, ob man ihr eine Auskunft geben würde. Aber sie mußte jetzt unter allen Umständen die Wahrheit herausbringen.

Plötzlich lachte sie herzhaft, denn sie ertappte sich bei dem heftigen Wunsch, daß Alan kommen möchte. Und als ob ihre Gedanken magische Kräfte besäßen, meldete im nächsten Moment auch der Nachtwachmann, daß ein junger Herr an der Türe warte. Nach der Beschreibung mußte es Mr. Stewart sein. Schnell nahm sie Hut und Mantel und eilte die Treppe hinunter.

Als sie aus der Nebenstraße in die Marlborough Avenue einbogen, fuhr ein Wagen an ihnen vorbei und hielt vor dem Haupteingang des Maberschen Geschäftshauses. Die Tür wurde aufgerissen, und Mr. Atterman sprang heraus. Als er Barbara sah, eilte er sofort auf sie zu.

»Miß Storr, kann ich Sie einen Augenblick sprechen?«

»Ins Büro möchte ich nicht zurückgehen. Können Sie hier mit mir verhandeln?«

Er warf einen Blick auf Alan, und der junge Mann trat diskret zur Seite.

»Sie wollten doch einen Scheck über zehntausend Pfund von mir«, sagte Atterman schnell. »Ich habe mir die Sache überlegt. Ich bin bereit, Ihnen den Scheck zu geben.«

»Ich brauche das Geld nicht mehr«, erwiderte sie, erstaunt über diese plötzliche Meinungsänderung ihres großen Gegners. »Ich habe die Summe schon von Mr. Maber erhalten.«

»Sie sind aber doch nicht böse auf mich? Ich bitte Sie vielmals um Verzeihung für alles, was ich gegen Sie gesagt und getan habe. Sie sind eine außergewöhnliche junge Dame, und Mr. Maber kann sehr stolz sein, daß Sie seine Firma leiten. Und die Sache mit dem Gefängnis -- na, das kann doch schließlich jedem passieren!«

»Er ist gar nicht im Gefängnis -- es war ein Justizirrtum, ein Mißverständnis, das sich aufgeklärt hat. Der Minister des Innern hat schon vor mehreren Tagen seine Entlassung verfügt.«

»Das freut mich. Es war doch eine Schande, daß ein so vornehmer Mann wie er überhaupt verhaftet werden konnte. Sehen Sie, Miß Storr, Mr. Maber ist ein alter Freund unserer Familie --«

Barbara war allmählich daran gewöhnt, merkwürdige Nachrichten zu hören, aber diese Mitteilung setzte sie doch in größtes Erstaunen.

»Ja, er kannte meine Schwester«, fuhr er fort. Er sprach sehr schnell, als ob er rasch über eine peinliche Situation hinwegkommen wollte. »Sie lebt jetzt in Amerika, ist dort verheiratet, und es geht ihr sehr gut. Ich habe früher von der Sache nichts gewußt. Erst heute abend hat meine Mutter mir alles erzählt. Rachel und Mr. Maber waren früher sehr befreundet -- und er hat sie einmal aus einer schwierigen Situation befreit. Es war damals im Empire, und er hat sogar einen falschen Eid auf sich genommen, um sie zu retten.«

Barbara starrte ihn verblüfft an. Sie wußte wirklich nicht mehr, was sie zu diesen Enthüllungen sagen sollte. Sie kniff sich in die Hand -- sie war vollkommen wach.

»Meine Schwester hat damals ganz unentschuldbar gehandelt. Aber sie war immer ein sehr impulsives Mädchen ... ja, wenn das Herz jung ist ...«

Barbara lauschte und hörte nun die Geschichte von Mr. Mabers Abenteuer. Es hatte sich vor vielen Jahren im Empire-Theater zugetragen, nach einem Festessen, das er der Rudermannschaft von Cambridge gab, und es endete mit einer Katastrophe. Eine junge Dame hatte versucht, Mr. Maber aus den Händen der Polizei zu befreien, und war bei diesem Versuch auch verhaftet worden. Die Sache hätte noch weitere Folgen nach sich gezogen, aber Mr. Maber hatte in ritterlicher Weise der Dame versprochen, sie zu heiraten, als er sah, wie hoffnungslos er sie kompromittiert hatte. Und sie hatte sein Anerbieten tatsächlich angenommen ...

»Rachel hätte ihn nicht heiraten sollen, aber sie war eben immer so impulsiv. Das hätte sie Freddie niemals antun dürfen -- er ist nämlich ihr Mann.«

»Sie war also schon vorher verheiratet?« fragte Barbara atemlos.

»Ja, das ist doch das Entsetzliche. Sie hat Mr. Maber früher nie etwas davon gesagt, daß sie schon mit Freddie verheiratet war, aber mit dem nächsten Dampfer folgte sie ihrem Mann nach Amerika. Er hat ihr versprochen, die Geschichte nie zu erwähnen. Nur meine Mutter wußte davon. Es war sehr leichtsinnig von Rachel, aber wenn das Herz jung ist...«

*

Alan Stewart war wirklich ein Muster von Geduld und Ausdauer. Er ging vor den dunklen Schaufenstern der Firma auf und ab, selbst als Atterman und Barbara nach einer halben Stunde immer noch miteinander sprachen.

»Aber sehen Sie«, schloß Atterman gerade seine Ausführungen, »die Sache hat auch ihr Gutes gehabt. Unter diesen Umständen hat meine Mutter kein Recht, eine Ehe zwischen Maudie und mir zu verhindern. Das habe ich ihr erklärt, und nun heiraten wir nächste Woche. Und dann noch eins, Miß Storr. Wenn dieser verrückte Colesberg nicht gewesen wäre, hätte ich Maber tatsächlich eine anständige Kaufsumme geboten. Also, überlegen Sie es sich noch einmal.«

Barbara versprach es, eilte zu Alan und legte ihren Arm in den seinen.

»Ich fahre heute nicht nach Hause. Wir gehen jetzt ins Ritz-Carlton. Dieser Abend muß gefeiert werden. Wir wollen Sekt trinken und vergnügt sein. Aber vorher muß ich noch ein Telegramm fortschicken.«

Ihr Taxi hielt vor dem Postamt in der Regent Street, und Barbara setzte das Telegramm auf.

»Marcus Elbury, Hotel Majestic, Paris.

Maber mitteilen, daß Rachel bereits seit langem verheiratet. Barbara.«

*

Am nächsten Morgen kam Inspektor Finney mit neuen Nachrichten. Rechtsanwalt Hammett hatte man in Gravesend verhaftet und bei der Gelegenheit an Bord der »Silina« auch Mr. Peeker gefunden, der bei der Verfolgung Hammetts seinen Mantel abgeworfen hatte. In Hammetts Besitz wurde noch das ganze Geld gefunden.

»Wissen Sie schon, daß Mr. Maber aus dem Gefängnis entlassen ist?« fragte Finney.

»Ich dachte es mir schon ...«

»Bereits am zweiten Tag wurde er entlassen. Die Polizei hat einen Irrtum begangen. Er erhielt nut eine kleine Geldstrafe wegen Trunkenheit. Ich bin sehr erstaunt, daß er nicht gleich zu Ihnen ins Geschäft gekommen ist. Zeigen Sie jetzt doch vor allem diesen Colesberg an. Er hat ja alles eingestanden.«

*

Am Nachmittag kehrte Mr. Maber von Paris zurück. Er war braungebrannt und in bester Stimmung. Barbaras Telegramm erwähnte er ebensowenig wie den Brief, den sie ihm nach Dover entgegengeschickt hatte, als sie von seiner Absicht erfuhr, nach London zurückzukehren.

Er sah um zehn Jahre jünger aus und rauchte vergnügt eine Zigarette.

»Du hast eine fabelhafte Idee gehabt, Barbara!« rief er. »Unsere ›Billige Woche‹ war ja die Sensation Londons! Und die vielen Leute im Geschäft! Ich habe so etwas noch nie erlebt. Eigentlich wollte ich mit Marcus nach Amerika fahren, um dort das moderne Geschäftsleben kennenzulernen. Er hätte mir viel beibringen können. Aber das ist ja nun alles nicht mehr nötig. Übrigens habe ich in Paris verschiedene neue Kollektionen von Herrenwäsche gesehen, die alles bisher Dagewesene in den Schatten stellen. Ich habe natürlich sofort eine unserem Betrieb entsprechende große Order gegeben.«

»Aber jetzt verkaufen Sie doch hoffentlich Ihre Firma nicht«, sagte sie bittend.

»Ich denke nicht daran! Außerdem gehört mir das Geschäft nicht mehr allein, in Zukunft hat noch jemand mitzureden. Ich habe dich bei Gericht schon als Mitinhaberin eintragen lassen!«

*

Ende

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