Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Edgar Wallace >

Verdammte Konkurrenz

Edgar Wallace: Verdammte Konkurrenz - Kapitel 12
Quellenangabe
pfad/wallacee/verdammt/verdammt.xml
typefiction
authorEdgar Wallace
titleVerdammte Konkurrenz
publisherWilhelm Goldmann Verlag
translatorRavi Ravendro
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20111008
projectidee05a8bc
Schließen

Navigation:

11

Mr. Mabers Mißgeschick war also kein Geheimnis mehr! Bald würde es in der breitesten Öffentlichkeit bekannt sein.

Barbara sah zu Maudie hinüber, die den Blick abwandte.

»Ganz hübsch gemacht«, sagte sie dann, ohne äußerlich Erregung zu zeigen. »Aber Sie wollen das doch nicht etwa an Ihrer Fassade ausstellen?«

»O ja, das will ich tun. In einer Stunde können Sie es auch von der Straße aus bewundern.«

Barbara schüttelte den Kopf.

»Ich glaube, daß Sie das unterlassen werden«, erklärte sie ruhig und bestimmt. »Erstens wird Ihnen der Schadenersatz zu hoch sein ...«

»Sitzt er denn nicht im Gefängnis?« unterbrach sie Atterman.

»Er war tot, als ich das letztemal von ihm hörte. Wahrscheinlich ermordet von einer rachsüchtigen Frau. Soviel ich weiß, haben Sie ja seine blutbefleckten Kleider gesehen. Mr. Colesberg hat sie doch gestohlen. Ich lasse ihn sofort verhaften, wenn das Plakat an der Fassade Ihrer Firma erscheint. Solange habe ich ihn geschont, nicht etwa, weil er mir sympathisch ist, sondern weil ich ihn nicht vor Gericht anklagen konnte, ohne das Unglück Mr. Mabers der Öffentlichkeit preiszugeben.«

Sie sah ihn forschend von der Seite an.

»Sie werden dann wohl auch ins Gefängnis wandern, weil Sie sich der Hehlerei schuldig gemacht haben. Inspektor Finney und ich hatten eben eine kleine Beratung darüber.«

»Die Wahrheit kann man immer sagen«, erwiderte er unangenehm berührt. »Das Plakat enthält keine Verleumdung.«

»Es enthält insofern eine Verleumdung, als es dem Publikum suggeriert, daß Mr. Maber unehrlich gehandelt hat und handelt. Und sein ganzes Verschulden besteht nur darin, daß er einen Polizisten ins Ohr gebissen haben soll. Das werden Sie wohl nicht als eine ehrenrührige Handlung erklären können! Wahrscheinlich konnte er den Polizisten nicht leiden und hat sich eben zu diesem vollständig ehrlichen Bekenntnis seiner Gefühle hinreißen lassen!«

Atterman betrachtete sein Plakat plötzlich nicht mehr triumphierend.

»Außerdem gibt es eine bestimmte Verordnung -- selbst der einfache Polizist Albuera, den ich engagiert habe, kennt sie. Wenn Gefängniswärter über amtliche Dinge sprechen, die in der Anstalt vorgehen, werden sie sofort entlassen und verlieren den Anspruch auf Pension.«

Maudie wurde jetzt lebendig.

»Wenn Sie glauben, ich hätte Mr. Atterman irgendwelche Geschichten erzählt, dann irren Sie sich, Miß Storr. Sie dürfen sich auch nicht einbilden, daß Sie mich mit solchen Behauptungen erschrecken können --«

»Es handelt sich um folgendes, Mr. Atterman«, unterbrach Barbara den Redeschwall der jungen Dame. Sie hatte keine Zeit, sich mit Maudie aufzuhalten. »Ich kam zu Ihnen, um Geld von Ihnen zu leihen. Ich habe unser Konto überzogen, und der Direktor der Bank gab mir den Rat, mich an Sie zu wenden.«

Atterman war starr vor Staunen.

»Ja, glauben Sie denn auch nur eine Sekunde, daß ich Ihnen Geld leihen würde? -- Wieviel wollen Sie denn übrigens haben?«

»Zehntausend Pfund«, erwiderte Barbara kurz.

Mr. Atterman war so verblüfft, daß er im Augenblick nicht sprechen konnte. Maudie benutzte daher die Gelegenheit, ihre Rede fortzusetzen.

»Mein Vater hat tatsächlich Mr. Maber gesehen -- das will ich nicht abstreiten. Er sah ihn an dem Tag, an dem er eingeliefert wurde --«

Barbara brachte sie durch eine abwehrende Handbewegung wieder zum Schweigen.

»Ich wollte mit Ihnen ein Geschäft abschließen, Mr. Atterman«, begann sie wieder. Er lachte spöttisch. »Aber es ist ganz ausgeschlossen, weiter mit Ihnen zu verhandeln, solange Sie die persönliche Ehre Ihres Konkurrenten angreifen. Das ist nicht nur gemein, das ist auch dumm.«

»Sie können meinetwegen schwätzen, soviel Sie wollen. Das Plakat wird draußen aufgehängt!« sagte er mit Nachdruck und warf sich in die Brust.

»Schön, dann werde ich dafür sorgen, daß Sie ins Gefängnis wandern.«

Mit dieser Drohung verabschiedete sie sich.

Aber als sie wieder in ihrem eigenen Büro ankam, war sie sehr bedrückt und niedergeschlagen. Mr. Lark trat gleich darauf bei ihr ein.

»Kennen Sie einen Mr. Elbury?« erkundigte er sich.

»Marcus Elbury -- ja. Mr. Maber hat mir oft von seinem treuen Jugend- und Studienfreund erzählt. Warum fragen Sie denn danach?«

»Er ist hier und möchte Sie gern sprechen.«

Sie eilte hinaus. Vielleicht konnte ihr dieser geheimnisvolle Mann aus ihrer entsetzlichen Verlegenheit helfen.

Sie sah einen stattlichen, breitschulterigen Mann vor sich. Er war zwar kein Amerikaner von Geburt, aber die langen Jahre, die er in seiner zweiten Heimat verbracht hatte, machten sich in seiner Sprache und seinem Benehmen deutlich geltend.

»Ich bin eben von Paris angekommen«, sagte er und drückte ihr herzlich die Hand. »Es tut mir unendlich leid, daß Sie all diese Schwierigkeiten hatten, Miß Storr.«

Er schien über etwas beunruhigt zu sein, denn er sah sich nervös um.

»Ich habe von Ihrer ›Billigen Woche‹ gehört und war schon gespannt, ob alles klappen würde.«

»Ich bin allerdings in eine sehr unangenehme Lage geraten.« Sie sah ihn mit einem traurigen Lächeln an. »Leider habe ich Mr. Mabers Bankkonto überziehen müssen.«

»Ach, das ist alles?« Er atmete erleichtert auf und zog zu ihrem größten Erstaunen sofort sein Scheckbuch heraus. »Wieviel brauchen Sie?«

»Im Augenblick dreitausend Pfund, vielleicht später im ganzen zehntausend. Der Direktor meiner Bank gab mir den Rat, mir zehntausend zu beschaffen.«

»Der Mann hat ganz recht«, sagte Mr. Elbury und schrieb einen Scheck über die größere Summe aus.

Barbara war fassungslos vor Freude.

»Haben Sie -- etwas von Mr. Maber gehört?« fragte sie, als sie sich etwas beruhigt hatte.

»Ja.«

Sein Ton verriet ihr, daß er nicht weiter danach gefragt werden wollte.

»Wenn das Herz jung ist«, fügte er geheimnisvoll hinzu, »tun die Menschen merkwürdige Dinge. -- Sind Sie auch sicher, daß Sie mit diesem Betrag auskommen? Ich würde Ihnen sonst noch einen größeren Scheck geben.«

»Oh, es reicht. Ich danke Ihnen vielmals, Mr. Elbury. Und wenn Sie Mr. Maber eine Nachricht zukommen lassen können, so bestellen Sie ihm doch, daß das Geschäft großartig geht. Ich weiß allerdings nicht, was er später dazu sagen wird«, meinte sie lachend.

»Er ist begeistert von Ihnen, Miß Storr«, erwiderte Mr. Elbury feierlich. »Er ist davon überzeugt, daß Sie die klügste und smarteste junge Dame sind, die es gibt. Wie ich schon sagte, wenn das Herz jung ist ... Er hätte sicher nicht so gehandelt, wenn ich dabei gewesen wäre.«

»Waren Sie denn nicht mit ihm im Empire-Theater?«

»Aber gewiß«, entgegnete Mr. Elbury erstaunt. »Sie meinen, als man ihn gefangennahm? Natürlich war ich dabei. Ich dachte, sie würden ihn wieder freilassen, und hatte keine Ahnung davon, daß man seine Verhaftung aufrechterhielt. Erst später erfuhr ich, daß er zu einem Monat Gefängnis verurteilt wurde. Ich habe ja dem Minister des Innern gesagt, daß so kleine Mißverständnisse immer einmal passieren können. Es war nämlich gar nicht Mr. Maber, sondern Big Bill Langstead, mein alter Freund aus Cincinnati, der den Polizisten ins Ohr gebissen hat. Mr. Maber wurde in die Rauferei verwickelt, als er Bill helfen wollte, und nachher hat ihn der Polizist festgenommen.«

»Ich bin sehr froh, daß Mr. Maber das nicht getan hat«, sagte sie erleichtert. »Dann sitzt er ja aber jetzt unschuldig im Gefängnis?«

Mr. Elbury rieb sein Kinn.

»Ja«, sagte er dann und schaute verlegen nach der Tür. »Ich kann nicht länger bleiben, Miß Storr. Nur das eine möchte ich Ihnen noch sagen: Wenn das Herz jung ist --«

»Das haben Sie mir aber schon mehrmals gesagt«, unterbrach sie ihn lächelnd.

»Ich muß auch noch hinzufügen«, erklärte er etwas verwirrt, »daß Mr. Maber mit all Ihren Anordnungen hier durchaus einverstanden ist. Er ist damit zufrieden, daß Sie diesen faulen Partner auf die Straße gesetzt haben, und er sagte auch, daß Sie es sich sehr überlegen sollten, die Firma zu verkaufen.«

»Wirklich?« Eine Zentnerlast fiel von ihrem Herzen. »Das ist ja herrlich! Haben Sie ihn denn im Gefängnis besucht, daß Sie das alles wissen?«

»Ich ... Was nun diesen Atterman betrifft«, fuhr er schnell fort, »so möchte ich vor allem feststellen, daß er kein Amerikaner ist. Ich will nicht haben, daß man schlecht von Amerika denkt. Er hat zwar eine verheiratete Schwester drüben --« er machte eine Pause und sah sie ängstlich an, als ob er erwartete, daß sie ihm ins Wort fallen würde. Als sie schwieg, sprach er weiter. »Atterman ist ein gewandter, pfiffiger Mensch, der durch Zufall sein Glück gemacht hat. Mr. Maber will in etwa sechs Monaten zurückkommen, und dann wird er --«

»Was, erst in sechs Monaten? Aber er hat doch nur einen Monat Gefängnis bekommen!«

Er nickte ihr freundlich zu.

»Ganz recht. Er hat nur einen Monat abzusitzen, aber er geht mit mir nach Amerika, und ich soll Ihnen bestellen --« endlich brachte er an, was er schon längst hätte sagen sollen, »daß er -- daß sie -- kurz, Sie sollen ihr alles geben, soweit es eben vernünftig ist!« Er holte tief Atem.

Barbara sah ihn an, als ob sie ihren Ohren nicht trauen dürfte.

»Wem soll ich alles geben?«

Er wurde aufs neue verlegen.

»Wenn das Herz jung ist --« begann er wieder. Er mußte wohl glauben, daß diese Phrase ein Ersatz für jede nötige Aufklärung war.

»Ja, das weiß ich nun schon auswendig -- aber wem soll ich denn alles geben?«

»Die Angelegenheit ist leider sehr verwickelt.« Mr. Elbury drehte den Hut in den Händen wie ein Schuljunge, der etwas verbrochen hat. »Die Information, die wir nach dieser schrecklichen Geschichte bekommen haben --«

»Welche schreckliche Geschichte?« forschte sie hartnäckig.

Er schaute sie an wie ein verwundeter Stier.

»Sie sind sehr liebenswürdig, Miß Storr«, sagte er dann langsam. »Ich weiß das zu schätzen, und ebenso wird es Mr. Maber zu schätzen wissen. Fahren Sie nur so fort und handeln Sie, als ob Sie nichts davon wissen. Meine Adresse ist Hotel Majestic, Paris -- ich fliege heute abend zurück. Meine Bank ist die Guaranty Paris Branch, und ich habe Anweisung gegeben, daß Sie soviel Geld dort abheben können, als Sie brauchen. Meine Telegrammadresse ist ›Tippitty, New York‹. Also, wenden Sie sich an mich, falls Sie etwas brauchen.«

Unvermittelt ergriff er ihre Hand.

»Ich danke Ihnen im Namen meines Freundes Maber!«

Und bevor sie noch recht wußte, wie ihr geschah, war er verschwunden.

Was mochte das nur alles zu bedeuten haben?

Sofort ging sie zum Telefon, rief den Bankdirektor an und teilte ihm mit, daß ein Scheck über zehntausend Pfund durch besonderen Boten an ihn abgeschickt worden sei. Sie klingelte auch Alan Stewart an, der ihrem Beispiel folgte und nun seinerseits eisig und zugeknöpft war.

»Kommen Sie sofort zu mir«, befahl sie kurz und hängte wieder ein.

Die Autofahrt zu dem Hause Maber & Maber dauerte ihm viel zu lange.

Als er erschien, teilte sie ihm in wenigen Worten mit, was geschehen war, und je länger sie von Mr. Maber erzählte, desto mehr hellten sich seine Züge auf.

»Er sitzt im Gefängnis?« fragte er leise.

»Ja, aber er ist ungerecht verurteilt worden. Ich wußte sofort, daß er den Polizisten nicht gebissen hatte. Er hatte immer ein zartes Gemüt.«

»Ich dachte vorher, Sie hätten von einem Mann gesprochen -- ich meine von einem Mann, den Sie -- liebten -- und der Sie küßte. Sie sprachen doch von einem Mistelzweig, wissen Sie noch?«

Er versuchte verzweifelt, aus diesem widerspruchsvollen Chaos herauszufinden, in das er geraten war.

Aber dieses letzte Bekenntnis kränkte Barbara wieder tief.

»Ach so! Jetzt verstehe ich. Sie dachten, ich hätte Ihnen die Geschichte meiner Vergangenheit gebeichtet! Ich danke Ihnen!«

»Natürlich habe ich niemals geglaubt --«

»Danke«, erwiderte sie scharf. »Ich glaube, es hat keinen Zweck, weiter über die Sache zu sprechen. Ich möchte Sie nur noch eins fragen. Was hat Elbury gemeint, als er sagte, daß ich ihr alles geben sollte, was sie brauchte? Er kann doch unmöglich Mrs. Hammett gemeint haben, denn er wußte ja überhaupt nichts von ihrer Existenz. Auch Maudie kann es unmöglich sein.« Sie brach plötzlich ab und runzelte die Stirne. Die Geschichte erschien ihr immer unerklärlicher, je länger sie darüber nachdachte.

»Ich wollte Sie eigentlich in einer ganz anderen Angelegenheit sprechen, Mr. Stewart«, sagte sie dann sprunghaft. »Mr. Atterman hat die Absicht, ein ganz abscheuliches Plakat auszustellen.« Sie schaute mit düsteren Blicken zu dem Konkurrenzhaus hinüber.

Die beiden oberen Fenster standen offen, und es waren gerade Leute damit beschäftigt, lange Taue herauszuhängen. Nur noch wenige Minuten, dann mußte das entsetzliche Plakat erscheinen!

Aber merkwürdigerweise geschah das nicht. Barbara beobachtete sogar, daß die Taue wieder eingezogen und die Fenster geschlossen wurden. Wahrscheinlich hatte sich Mr. Atterman die Sache doch anders überlegt, und die Drohung, daß sie ihn wegen Verleumdung anklagen würde, hatte ihre Wirkung getan.

In Wirklichkeit war jedoch der Grund für die Änderung seiner Meinung ganz anderer Art. Seine Mutter hatte ihn angerufen und ihn zum Abendessen eingeladen. Er war darüber so erfreut, daß er gegen seine sonstige Gewohnheit mit ihr von seinem Geschäft sprach und ihr die Geschichte von dem Mißgeschick seines Rivalen Maber erzählte.

»Wenn du dich im geringsten unterstehst, etwas gegen den Mann zu unternehmen, sollst du etwas erleben! Willst du vielleicht deine Schwester Rachel ins Gefängnis bringen? Du Idiot!«

Mr. Atterman fuhr sofort nach Hampstead, um mit seiner Mutter zu sprechen. Er hatte das ungewisse Gefühl, daß er den Verstand verloren hatte.

 << Kapitel 11  Kapitel 13 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.