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Venetianische Novellen

Franz Freiherr von Gaudy: Venetianische Novellen - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
authorFranz Freiherr von Gaudy
titleVenetianische Novellen
publisherBibliographische Anstalt
addressBerlin
year1890
firstpub1838
seriesFranz Freiherrn Gaudys poetische und prosaische Werke
volumeFünfter Band
printrunNeue Ausgabe
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100824
projectid2aeb9a63
status1
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Der Liebeszauber

Die Wirtshäuser und Weinschenken, welche sich am Fuß des Posilippo längs des Golfs von Neapel hinziehen, sind seit undenklichen Zeiten berühmt. An Sonn- und Festtagen rudern die Barken vom Molo und Santa Lucia unaufhörlich mit neuen Schwärmen lebenslustiger Neapolitaner hin und wieder. Die Zimmer, die Vorhallen, die Veranden, jeder Raum ist mit Tischen besetzt, jeder Tisch mit Schmausenden, Zechenden, Singenden und Jubelnden. Wer zum erstenmale die lustige Wirtschaft zu sehen bekommt, möchte wohl glauben, hier sei das wahre Schlaraffenland, von dem die Dichter so appetitliche Schilderungen entwerfen.

Die älteste und von jeher besuchteste unter diesen Kantinen heißt die Mergellina. Sie liegt in der Nähe jenes alten, rauchschwarzen Gebäudes, oder vielmehr jener Ruine, welche man den Palast der Königin Johanna nennt, und von dessen Zinnen diese Fürstin ihre Liebhaber in die Wellen stürzen ließ. Die in den Fels gehauenen Keller, welche zur Mergellina gehören, sind die räumigsten am ganzen Posilippo; der Wein soll sich in ihnen frischer noch als in den übrigen erhalten; den Kapritaner findet man auf der Insel selber kaum reiner, wenigstens nirgends ältere Jahrgänge, und in der Küche pflanzen sich, wie die Feinschmecker behaupten wollen, ganz besondere Geheimnisse in Betreff der Makkaroni- und Fritti-Bereitung, seit dem Tage, wo zum erstenmale das Schild über der Thür prangte, bis auf die gegenwärtige Zeit, von Generation zu Generation fort – mit einem Worte, die Mergellina verdient ihren Ruf und Zulauf in vollem Maße, Ich selber habe dort gar manche frohe Stunde verträumt, doch nicht von ihnen, sondern von einer auf jene Örtlichkeit bezüglichen Geschichte, welche ich in der Neapolitanischen Chronik las, und die mir des Wiedererzählens nicht unwürdig scheint, sei jetzt die Rede.

Es war noch zur Zeit der spanischen Vizekönige, als ein junger Florentiner Edelmann, Namens Don Vincenzio Altagnardia, sich einmal von seinen Büchern und Pergamenten losgerissen hatte, um einen der schönsten September-Nachmittage im Freien zu verbringen. Er war von seinem Vater auf die zu jener Zeit hochberühmte Universität von Neapel gesandt worden, um sich des Studiums der Rechtsgelehrsamkeit zu befleißigen. Früherhin war er nur wenig aus dem elterlichen Hause und in Berührung mit der Welt gekommen. Die Reise nach Neapel war sein erster Ausflug gewesen. Da jedoch Don Vincenzio ein gottesfürchtig erzogener, gutgearteter junger Mann war, so blieben ihm auch die guten Lehren und Ermahnungen, die ihm der Vater beim Scheiden mit auf den Weg gegeben hatte, in gutem Gedächtnis. Belehrt, wie leicht die Grenze erlaubter Freuden in Lust und Taumel überschritten werde, und wie schwer es dem Verirrten sei, wieder einzulenken, beschloß er, der Versuchung lieber aus dem Wege zu gehen. Die dem Neuling und unverdorbenen jungen Manne eigene Schüchternheit hielt ihn ohnehin von dem Umgang mit seinen Alters- und Standesgenossen zurück, und so saß er denn, anstatt wie die anderen jungen Kavaliere seine Zeit in thörichten Zerstreuungen und noch weniger löblichen Ausschweifungen zu vergeuden, den Tag über fein geruhig auf seinem Kämmerlein, studierte mit Eifer Institutionen und Pandekten, statt Roße zu tummeln, Brett und Würfel zu spielen, und verbrachte die Nächte beim Ulpian und Trebonian, wenn jene ihren Schönen Ständchen brachten, in den Weinschenken umherschwärmten und sich mit der Scharwacht rauften.

Durch diesen schönen Eifer brachte Don Vincenzio es auch in wenigen Jahren dahin, daß er von jedermann als der fleißigste und sittsamste Studiosus der Universität gepriesen und anderen jungen Leuten von ihren Eltern und Erziehern als Vorbild aufgestellt wurde. Die Briefe des Dekans an den alten Herrn Stefano Altaguardia strömten von Lobeserhebungen über; Don Vincenzio wurde in ihnen das blühendste Lorbeerreislein der Akademie benannt, und den Eltern, so ihn erzeugt, so wie der Stadt, in der er zuerst das Licht erblickt, ganze Füllhörner voll Heil und Segen prognostiziert, welche dieser echte und untadelhafte Zögling der pierischen Jungfrauen, wenn er dereinst zu männlichen Jahren gereift, über sie ausschütten werde.

Herr Stefano war als ein ernster, gelassener, weiser Mann von jeher bekannt. Der seinem Söhnlein fortwährend gestreute Weihrauch berauschte ihn jedoch dermaßen, daß er seinem früherhin streng bewahrten Stoizismus völlig untreu wurde, und sich vor Freuden über seinen wohlgeratenen Erben nicht mehr zu lassen wußte. Mit jedem dieser neapolitanischen Schreiben rannte er zu Verwandten und Bekannten, las es in der Barbierstube und auf der Piazza del Granduca vor, hielt die Leute auf der Straße beim Wams fest, um ihnen seine Seligkeit zu vertrauen, und sich seiner pädagogischen Talente halber über alle Väter zu erheben, und langweilte die lieben Mitbürger mit seinem Tugendspiegel von Sohn dermaßen, daß sie dem jungen Phönix die größere Hälfte der sieben Todsünden an den Hals wünschten, um nur endlich einmal des ewigen Rühmens und Stolzierens überhoben zu sein.

Don Vincenzio war bereits zum Baccalaureus promoviert. Die Zeit seines Abganges von Neapel war anberaumt. Die noch übrigen Wochen sollte er auf Geheiß seines Vaters mit dem Anschauen der Merkwürdigkeiten der Hauptstadt, der nahegelegenen Denkmäler des Altertums und der schönen Umgebung Neapels in wohlverdienter Muße verbringen. Wollte nun gleich diese Anweisung dem jungen Bücherwurm, dem sein Tintenfaß lieber als der Golf von Neapel war, und der die schweinsledernen Folianten den strohumflochtenen Foglietten vorzog, nicht recht in den Kopf, so war er doch ein viel zu gehorsamer Sohn, um nicht den väterlichen Befehlen Folge zu leisten. So machte er sich denn mit schwerem Herzen auf, streifte schüchtern und verlegen längs den Häusern von Santa Lucia hin, ließ sich Von einem zudringlichen Marinaro beim Mantel haschen, ohne Widerstand in die Gondel schieben, und nach der Mergellina rudern.

Dort war lauter Leben und Lust. Die Zithern und Becher erklangen; Gäste und Aufwärter schrieen um die Wette; die Gesellschaft wälzte und drängte sich jauchzend und tobend durcheinander – der arme Vincenzio war der Einzige, welcher sich unbehaglich fühlte, keine Menschenseele kannte, von keiner gekannt ward, der auf Gottes Welt nicht wußte, was er in diesem Gewirr anfangen solle, wie er sich wieder hinausfinden könne. Zagend stand er an einen Pfeiler gedrückt, als ein geschäftiger Kellner auf ihn zuflog, ihm ein Dutzend Weinsorten und doppelt so viel Gerichte zur Auswahl vorschnarrte, ohne eine Antwort erlauscht zu haben, wieder fortsprang, mit Flasche und Teller wiederkehrte, den Verblüfften auf einen Stuhl drückte und, von Fünzigen zugleich gerufen, mit gellendem eccolo! wieder verschwand. Dem jungen Baccalaureus fiel ein mächtiger Stein von der Brust. Jedem Ruderschlag, der ihn der Osterie näher brachte, hatte er mit bangem Herzklopfen gelauscht. Er sollte dort unter das wildfremde Volk treten, Gerichte und Wein wählen, bestellen, bedingen, sich von naseweisen Kellnern anfahren, von zudringlichen Maulaffen anstarren, von frechen Buben verhöhnen lassen – er verzweifelte, mit dieser Herkules-Arbeit jemals zu stande kommen zu können. Und siehe, kaum gelandet, saß er schon unter einer prächtigen Laube von Weinranken, deren Trauben ihm fast in den Mund hingen, und just wie im Märchen vom Tischchendeckdich stand herrlich funkelnder Wein und ein verführerisch dampfender Fisch ihm vor der Nase. Er atmete frei auf. Das hätte er niemals gedacht, daß sich so leicht mit den Menschen verkehren lasse.

Ganz tapfer schenkte Herr Vincenzio sich den Becher voll. Der Wein war trefflich. Ihn überkam ein ganz eigenes Gefühl von Wohlsein und Behaglichkeit. Mit heimlichem Lächeln und verklärtem Auge guckte er sich in Gottes freier Welt ringsum. Durch das Geflecht der Weinblätter schaute der klare blaue Himmel. Kein Lüftchen kräuselte das Meer; es lag so still und träumend, als hielte es Siesta, und die Wellen sanken, so wie das hurtige Boot sie durchschnitten hatte, wiederum träg und ermattet in ihre selige Ruhe zurück. Über den Golf her winkte der Vesuv mit dem grünen Gürtel von Weinbergen, dem kleinen duftigen Rauchwölkchen, welches kaum merklich zum Himmel aufstieg, und zu seinen Füßen die flimmernde Kette der Städte Portici, Resina und Torre del Greco. So prächtig glaubte er die Erde noch niemals gesehen zu haben, und das dunkle Bewußtsein, als ob das Weinglas das wahre Fernglas sei, um Naturschönheiten mit Liebe und Wärme zu betrachten, begann in ihm aufzudämmern. Mit dem zweiten Becher wuchs dem Neuling der Mut, Er wagte dreist, die Augen unter der Menge umherschweifen und auf den mannigfachen bunten Gruppen ruhen zu lassen. Bald war es eine Fischerfamilie, welche seine Aufmerksamkeit fesselte, Vater, Mutter, fünf, sechs Kinder, die andächtig um einen riesigen Napf mit Makkaroni gereiht die gelben glänzenden Fäden mit den Fingern fischten und sie rückwärts gebogenen Halses hinunter gleiten ließen; bald ein schlankes Pärchen, welches nach dem Takt der klappernden Kastagnetten und dem Schellengerassel des Tamburins die Tarantella tanzte; hier eine volle, üppige Procidanerin, welche in ihrer griechischen Festtracht, dem langen, roten goldbesetzten Gewand, zum Besuch herüber gekommen; dort ein hagerer spanischer Soldat im geschlitzten Wamse mit Stoßdegen und Federhut, der stolz und schweigsam auf das lustige Völkchen herabsah und die Zipfel des riesigen Schnauzbartes in die Höhe schraubte. Anfänglich schüttelte Vincenzio noch ganz ehrbar den Kopf zu dem lärmenden Treiben, brummte auch wohl vor sich hin, wie dies Alles doch gar zu thöricht und der Beachtung des ernst und wissenschaftlich gebildeten Mannes unwürdig sei. Das Kopfschütteln ward jedoch immer seltener, das Gebrumm allmählich durch leises Lächeln verdrängt – die fröhlichen Leutchen erschienen ihm gar nicht mehr so hirnlos, und zuletzt ertappte er sich sogar auf dem verstohlenen Gedanken, wie es doch ganz hübsch sein müsse, wenn man sich unter das jubelnde Volk mischen und dessen Herzensfreudigkeit teilen könne. Freilich war es erst die Besprengung mit einem dritten Becher, welche diese Geistesblüten zeitigte; – meine geehrten Zuhörer werden jedoch aus der schnellen Entfaltung eines so lange Jahre schlummernden Keimes entnehmen können, daß der Held der Geschichte wirklich ein Genie und das ihm erteilte Lob nicht so ganz ohne Grund war. So war es denn auch kein Wunder, wenn das vierte und letzte Glas der Flasche seine Keckheit hinreichend steigerte, um mit lauter Stimme bei dem soeben vorüberschlüpfenden Aufwärter eine neue Bottiglia zu bestellen, ja sogar einem freundlichen Blumenmädchen einen schönen vollen Strauß abzukaufen, und ihm das doppelte des geforderten Preises zu zahlen, lediglich um ein dankbares Lächeln zu erringen.

Während Don Vincenzio solchergestalt mit Riesenschritten auf dem bisher noch nie betretenen Gebiet des Lebensgenusses vordrang, und immer freier die so lange zusammengepreßten Schwingen, gleich einem der Puppe entschlüpften Schmetterling, bewegte, landete eine neue Barke, aus welcher eine schöne, junge Dame, von einem die Schleppe tragenden Mohrenknaben und einer dienenden Alten gefolgt, an das Ufer stieg. Aller Augen flogen der Ankommenden entgegen, Ihr Anzug erregte ebenso wohl durch die Kostbarkeit der Stoffe, als durch den absonderlichen, fremdartigen Schnitt und Faltenwurf die allgemeine Aufmerksamkeit. Ein halblautes Murmeln durchlief die Versammlung; die Frauen steckten die Köpfe zusammen, um sich ihre Bemerkungen über das schwere, geblümte Seidenzeug des Kleides, die Spitzen des Steifkragens, die schweren Goldohrringe und Ketten zuzuwispern; die Männer, um ihre Bewunderung des schönen, fein geschnittenen Gesichts, des dunklen, flammenden Auges, des füllreichen Nackens auszusprechen. Allen imponierte das vornehme Wesen der ganzen Erscheinung; ihr höherer Stand wurde als unbezweifelt angenommen, und die abenteuerlichsten Vermutungen flogen von Mund zu Mund. Allmählich verstummten Kastagnetten und Tamburin. Ein weiter Kreis von Gaffern zog sich um die Fremde, welche diese Huldigungen als etwas längst Gewohntes mit Gleichgültigkeit aufzunehmen schien, und sich nach einigen, der Alten zugeflüsterten Worten nachlässig unter der Veranda niederließ. Nach wenigen Augenblicken kehrte die Abgesandte von dem zerknirschten Padrone der Mergellina begleitet zurück. Unter wehmütigem Achselzucken, kläglichen Mundwinkelzügen und devotesten Verbeugungen stotterte der Wirt sein unendliches Bedauern hervor, daß gerade die geheischten Speisen und gerade am heutigen Tage nicht vorhanden seien; beschwor die Exzellenza bei allen Heiligen, dieses unglückseligen Zufalls halber seinen Groll auf ihren unterthänigsten Knecht zu werfen und sich eine Auswahl unter den vorhandenen Gerichten gefallen zu lassen. Die Dame warf mit vornehmer Geringschätzung das Köpfchen zurück, entließ den Padrone mit kurzer Handbewegung, und gab dem Mohrenknaben einen flüchtigen Augenwink, worauf dieser nach der Gondel sprang und sogleich mit einem schweren Korbe zurückkehrte, aus dem er, zum nicht geringen Erstaunen der Anwesenden, silberne Becher, Besteck, Konfitüren, seltene Früchte, geschliffene Karaffen, mit einem Worte eine ausgesuchte Kollation hob, diese ordnete, und dann nach einer tiefen Verneigung wieder hinter seine Herrin trat, um mit dem Fächer von weißen Pfauenfedern dem schönen Gesicht Kühlung zuzuwedeln.

Von allen Anwesenden ward wohl Niemand mächtiger von den Reizen der Fremden ergriffen als Don Vincenzio. Solch ein Wesen hatte er noch nie gesehen, solche Schönheit sich nicht einmal träumen lassen. Als habe ihn die Meduse versteinert, so sprachlos saß er der Donna mit allen Symptomen der tiefsten Bewunderung gegenüber. Verworrene Anklänge an den in der Schule durchgepeitschten Ovid flogen ihm durch den Kopf. Er gedachte der Göttinnen der Heidenzeit, wie diese sich oftmals zu den beglückten Sterblichen herniedergelassen und sah mit beklommenem Herzen dem Augenblick entgegen, wo seine Frau Venus in einem Wolkenwagen wiederum auf- und davonfahren werde. Die fremde Dame schien jedoch nicht das mindeste Verlangen zu hegen, ihren stummen Anbeter auf eine so luftige Art zu verlassen. Ihr Auge hatte kalt und gleichgültig die Runde in dem gaffenden Kreis gemacht; es war überall nur auf stumpfe, in ausdruckslose oder gemeine Züge geprägte Neugier gestoßen. Nur dem Anstaunen des jungen Florentiners schien ein tieferes, geistiges Motiv zu Grunde zu liegen. Verlieblichte nun gleich das maskenartige Starren den sonst recht hübschen Krauskopf keineswegs, so lag doch eben in dieser paralytischen Regungslosigkeit eine feinere Schmeichelei auf die Donna, als in einem Bande auf ihre Schönheit gedrechselter Sonette. Das ganze Wesen Don Vincenzios trug zudem noch das Gepräge der Unerfahrenheit und Neulingsschaft, und dies soll, wie manche behaupten wollen, gerade der wirksamste Empfehlungsbrief in weiblichen Augen sein. Mochte es daher nun jener den Frauen eigentümliche pädagogische Trieb sein, welcher sie nach Verabschiedung der Puppen antreibt, die Männer in die Lehre zu nehmen, oder Laune, oder momentane Leere, oder Gott weiß was – kurzum, sie wünschte Vincenzios Bekanntschaft zu machen. Wohl aber einsehend, daß wenn nicht sie die Initiative ergriffe, an ein Entgegenkommen des blöden Schäfers nimmer zu denken sei, sandte sie den Mohrenknaben an den schwarzgekleideten, jungen Herrn, um diesen im Namen der Donna Rosaura de Mirafiores y los Valles, Gräfin von Sierradragone, um einige der Blumen, welche er vor sich liegen habe, zu ersuchen. Don Vincenzio erschrak bei diesem Kompliment nicht anders, als ob ihm unversehens ein Eimer mit Eiswasser über den Kopf gegossen worden wäre, stammelte unterschiedlichen Unsinn und legte, am ganzen Leibe zitternd, den Blumenstrauß in die Hände des schwarzen Cupido. Ein süßes Lächeln, ein holdseliger Gruß mit dem Fächer ward dem Konsternierten zum Lohn für das gebrachte Opfer – es eigenhändig darzureichen, wie dies jeder andere Kavalier gethan hatte, war ihm nicht zuzumuten. Wollte also die Dame nicht in diesen ersten Laufgräben stehen bleiben, so mußte sie sich wohl oder übel zu einer zweiten Botschaft entschließen. Sie lautete; Donna Rosaura de Miraflores y los Valles, Gräfin von Sierradragone, wünsche dem galanten Geber mündlich ihren Dank für die freundliche Gabe abzustatten. Dies Gebot konnte nun freilich nicht umgangen werden, und so stolperte denn Don Vincenzio purpurrot und schwerfällig, als wäre er mit der Kette der Galeere entsprungen, auf die Gräfin zu.

Wäre die Dame nicht ebenso gewandt und sicher in ihrem Benehmen gewesen, als der Kavalier verlegen und hölzern war, so dürfte es wohl traurig um die Unterhaltung ausgesehen haben – so aber ergriff Donna Rosaura mit der Leichtigkeit und Überlegenheit einer Dame der großen Welt die Zügel des Gesprächs, lenkte sie nach ihrem Wohlgefallen, und hatte schon nach Verlauf von fünf Minuten Alles erfahren, was sie von Vincenzio zu wissen begehrte. Ebenso geschickt verstand sie auch dem Florentiner dasjenige mitzuteilen, was sie von eigener Persönlichkeit und Verhältnissen zu seiner Kenntnis bringen wollte, und so erfuhr er denn auf jenen sicher zum Ziel führenden Umwegen, wie sie Spanierin, aus Valladolid gebürtig und Nichte des Herzogs von Lerma sei, daß sie sich ferner seit dem Tode ihres Gatten zu ihrem Vergnügen in Neapel aufhalte, und wie diese Stadt eine so mächtige Anziehungskraft auf sie ausübe, dass sie sich nicht zur Abreise entschließen könne, trotzdem daß ihre Verwandten sie nur allzu dringend aufforderten, nach Spanien zurückzukehren und sich der Verwaltung ihrer weitläuftigen Güter zu unterziehen.

Don Vincenzio fühlte sich über die Maßen geschmeichelt, die Aufmerksamkeit einer so hochstehenden Dame auf sich gezogen zu haben, blieb in einer fortwährenden Ekstase über die Leutseligkeit, Liebenswürdigkeit und frohe Laune der Gräfin, am meisten aber über sich selber, weil er es in so kurzer Zeit zum vollendeten Hofmann gebracht, mit der Tochter eines Granden erster Klasse ganz kordial über das blaue Meer und das schöne Wetter zu reden und in ihrer Gegenwart Nüsse zu knacken vermöge. Und in Wahrheit, für einen Anfänger gebärdete er sich leidlich genug, wurde immer freier, dreister, gesprächiger – er war nicht wiederzuerkennen.

Die Schatten verlängerten sich, ohne daß der von Liebe und vielleicht auch etwas vom hitzigen Malvasier berauschte Vincenzio es gewahr wurde. Schon glänzten die Weinblätter der Veranda von den schrägeren Strahlen der Abendsonne, eine menschenschwere Barke kehrt nach der anderen nach Neapel zurück – die ältliche Begleiterin der Gräfin gähnte durch die Nase, der Mohrenjunge ganz unverhohlen – und immer noch war die Unterhaltung nicht erschöpft, oder schien vielmehr von Minute zu Minute an Lebendigkeit gewinnen zu wollen. Da läuteten die Glocken zum Angelus. Die Gräfin fuhr auf und rüstete sich zum Aufbruch. Vincenzio wollte nicht glauben, daß bereits drei Stunden seit dem Anknüpfen der neuen Bekanntschaft verstrichen seien. Donna Rosaura dankte ihm in den verbindlichsten Ausdrücken für den angenehmen Abend, äußerte die Hoffnung, noch mehrere dergleichen mit ihm verleben zu dürfen, lud ihn gütigst ein, sie in ihrer Wohnung zu besuchen, und schied mit vielsagendem Blick und Wink der Hand. Wie ein Verzückter starrte Vincenzio dem durch die Wellen streifenden Kahne nach, bis er in der Nacht verschwunden war. Die Mahnung des Kameriere, daß das Haus geschlossen werde und er die Rechnung noch zu berichtigen habe, weckte ihn aus seinen Träumereien. Er eilte nach Hause, um in der Erinnerung des schönsten Tages, des ersten, an welchem sich ihm die goldnen Pforten des Lebens erschlossen, die Nacht zu verschwelgen.

Welche himmelweite Kluft zwischen dem Vincenzio, welcher des Morgens aufgestanden, und dem, welcher sich jetzt schlaflos im Bett wälzte zwischen dem schüchternen, nüchternen Baccalaurens, dem mit Schulstaub eingepuderten Pedanten, und dem jungen Edelmann, der mit einer Gräfin zu konversieren wußte, vor ihren Augen Gnade gefunden, dem sie augenscheinliche Beweise von Wohlwollen gegeben. Er blickte mit Schaudern in die Vergangenheit zurück und konnte nicht begreifen, wie es möglich gewesen sei, dieses Leben so lange zu führen, ohne vor Langeweile gestorben zu sein; er schaute dann in die sonnighelle Zukunft, sah sich als den Günstling, den Erkorenen, den Gemahl der Gräfin, als Grande vor dem König von Spanien mit bedecktem Haupte stehen, als Vizekönig nach Neapel zurückkehren. Das Avancement verliebter Träumer geht bekanntlich ziemlich rasch, und wer weiß, ob Don Vincenzio sich noch am Schluß seiner Karriere mit der päpstlichen Tiara begnügt hätte, wenn ihm die Augen nicht vorher schon vor Müdigkeit zugefallen wären.

Schon in den Morgenstunden des nächsten Tages stieg Don Vincenzio Altaguardia den Toledo entlang nach dem Largo dello Spirita santo, an welchem die Gräfin Sierradragone wohnen sollte. Er mußte sich unterwegs fortwährend vorpredigen, wie es Ehrensache sei, den Erwartungen seiner holden Gönnerin zu entsprechen, wie ein längeres Säumen seinen gelobten Eifer verdächtigen könne – denn die sanguinischen Hoffnungen, mit denen er am verwichenen Abend entschlummert war, hatten sich, die Wahrheit zu gestehen, so ziemlich verflüchtigt. Er fühlte nicht geringe Anwandlungen von alter Blödigkeit und Schüchternheit, wenn er sich vergegenwärtigte, wie er den Palast der Gräfin betreten werde, die frechneugierigen Fragen der Dienerschaft aushalten müsse, wie die Augen des ganzen Gefolges auf ihn, den Fremdling, gerichtet sein würden. Oft genug war er versucht, wieder umzukehren, – Liebe und Ehrgeiz stachelten ihn wieder zum Vorwärtsschreiten. Es war schon ein saurer Gang.

Endlich hatte er den Platz und die bezeichnete Wohnung erreicht. Statt aber vor dem erwarteten weitläuftigen Palast mit Säulengängen, Hofräumen und steinernen Wappenschildern stand er vor einem alltäglichen hohen, zwei Fenster breiten Bürgerhause. Er glaubte irre gegangen zu sein, aber die bezeichnete Nummer 43 stand groß und breit über der Eingangsthür. Er mußte sich notwendig am gestrigen Tage verhört haben – es konnte nicht anders sein. Doch gleichviel, eine Dame, wie Gräfin Rosaura, müßte in dem ganzen Viertel sattsam bekannt sein. Es galt eine Anfrage. Und so klomm er denn, mit den Händen vortastend die dunkle, steile Treppe hinan. Ein grämliches altes Weib schaute mißtrauisch durch die Thürspalte und fragte nach dem Begehren des Klopfenden. Kaum aber hatte sie den Namen der Gräfin Rosaura von Miraflores und Sierradragone vernommen, als sie mit einem unverständlichen Gebrumm, das fast wie eine Verwünschung klang, die Thür vor der Nase des Fragenden zuschlug. Betreten tappte Vincenzio die Stiegen wieder hinab, beschaute das Haus noch einmal von unten, und wollte soeben kopfschüttelnd sich an den Nachbar wenden, als er unter einem Haufen Straßenbuden den Mohrenknaben der Gräfin, »Kopf oder Schrift« um in die Luft geworfene Kupfer-Grani spielend, erblickte. Wäre nicht die schwarze Hautfarbe an dem ehrlichen Pompejus zur Verräterin geworden, so hätte es wohl schwer gehalten, in dem zerlumpten Burschen von heute den gestern so reich staffierten Pagen wiederzuerkennen. Ziemlich verdrießlich verließ der Junge auf Vincenzios Zuruf sein Spiel, bestätigte jene Nummer 42 als die wirkliche Behausung der Donna, sprang die Hühnerstiege wie eine Katze voran, rief gellend den Namen des Florentiners durchs Schlüsselloch, erbettelte ein Trinkgeld für den geleisteten Dienst und stürzte sich wieder auf den Platz, um mit dem erbeuteten Gelde sein weiteres Heil zu versuchen.

Vincenzio blieb eine geraume Weile im Dunkeln. Er vernahm drinnen eine scheltende weibliche Stimme, kreischende Erwiderung, das Gebelfer eines Schoßhündchens, Zustoßen von Schubladen und wildes Rumoren mit allerlei Gerät. Endlich ging die Thür auf. Die schon von der Mergellina her bekannte Alte trat dem Florentiner entgegen, bat den geehrten Gast, das Säumen ihrer Gebieterin mit deren verspätetem Aufstehen entschuldigen zu wollen, und beurlaubte sich, indem sie das baldige Erscheinen der Sennora verhieß.

In der Stube sah es wüst genug aus. Es war offenbar, daß ein so früher Besuch nicht erwartet worden war. Auf dem bestaubten Spinett lagen unordentlich hingeworfene Seidenkleider; das Korsett hing über der Stuhllehne; Kämme, Schminkdöschen, künstliche Blumen und andere Toilettengegenstände ruhten unter dem durch Rostflecken entstellten Wandspiegel neben einem ganz allerliebsten Pantoffel-Pärchen; die Pagode von Speckstein auf dem Kaminsims lag umgestürzt und mit der Nase in der Schokolade; aus den halbgeöffneten Schubladen der Kommode bauschten Bänder und Wäsche; der Papagei scharrte in dem leeren Blechnapf vergeblich nach Futter und hieß abwechselnd den Herrn Baccalaureus einen Narren. Fast wollte es diesen bedünken, als ob der Vogel nicht so ganz unrecht habe – da öffnete sich die Seitenthür, Donna Rosaura trat im reizendsten Negligé und strahlend wie der junge Tag hervor, und nötigte Don Vincenzio in das anstoßende Zimmer. Trug dieses nun gleich weniger sichtbare Spuren von Vernachlässigung, so sah es dennoch für das einer Frau von Range noch immer genial genug aus.

Die Gräfin ließ jedoch dem jungen Mann zu Beobachtungen und Reflexionen keine Zeit und beeilte sich, ihm den Schlüssel zu dem allerdings befremdlichen Rätsel zu geben. »Ihr werdet, Don Vincenzio,« hob sie mit dem einschmeichelndsten verführerischesten Lächeln an, »meine Wohnung, meinen ganzen Hausstand unter Eurer Erwartung finden. Gewiß glaubtet Ihr mich in einem jener weitläufigen, herzlosen, mit Schnörkeln überladenen Säle wieder zu treffen, umgeben von einem Schwarm galanter Müßiggänger und Spione, und seht statt dessen nur ein ziemlich beschränktes Gemach im dritten Stockwerk und meine Dienerschaft auf dem schwarzen Pompejus und die treue Alte, meine frühere Amme, beschränkt. O glaubt mir, Don Vincenzio, das Glück flieht jene vergoldeten Prunkgemächer, jene Schar feiler Söldlinge, Je kleiner das Haus, sagt ein alter Weiser, je größer die Ruhe. In dem Palast meines Vaters, des Herzogs von Bejar, in dem eigenen zu Valladolid, in jenen öden Gemächern, in denen man sich zu verlieren fürchtet, lernte ich die drückende Last des hohen Ranges, des Reichtums erkennen. Dort ward meine Grafenkrone zur Dornenkrone. Hier lebe ich frei, lebe ich glücklich, lebe meinen Neigungen, meinen Launen nach, ohne das Ausspähen müßiger Lauscher zu befahren, ohne das mürrische Grämeln einer verwitterten Duenna, das lästige Hofmeistern des Hauskaplans, die ewigen Litaneien des Major-Domus anhören zu müssen. Hier, nur hier bin ich Herrin – dort in drückendere Fesseln geschmiedet, als die ärmste meiner Sklavinnen zu Veracruz. Habe ich nicht recht, jenen falschen Schimmer gegen wahres Glück zu vertauschen? Sprecht!«

Don Vincenzio hatte seinen philosophischen Kursus allzugründlich absolviert, um sich nicht nicht von der Wahrheit dieses Syllogismus vollkommen durchdrungen und von dem Vortrag der schönen Bekennerin der Stoa hingerissen zu fühlen. Er fand zuletzt, mit Begeisterung zu dem ihm aus so schönem Munde gepredigten Evangelium schwörend, daß der wackelnde Tisch, ein fehlender Henkel an einem nur zum Teil verdeckten Geschirr und das Brandloch in dem Bettvorhang unerlässige Bedingnisse wahrer Weisheit und Glückseligkeit seien. – Nachdem Donna Rosaura de Miraflores ihren jungen Proselyten hinreichend in der neuen Lehre befestigt glaubte, schlug sie ihm vor, in Puzzuoli, wo es im Gasthause zum Ponte di Caracalla anerkannt den trefflichsten Falerner und Seefische gäbe, zu Mittag zu speisen. Don Vincenzio willigte mit Entzücken ein, und nach einer halben Stunde flogen Schüler und Lehrerin auf einem kleinen zweirädrigen Kabriolet durch die Grotte des Pausilipp.

Vier Wochen waren seit dem Anknüpfen der Bekanntschaft verstrichen; sie war immer unauflöslicher geworden. Don Vincenzio war der tägliche Begleiter der Gräfin auf Ausflügen und Luftfahrten, und verließ sie nur in später Nacht, um am nächsten Morgen aufs neue mit ihr jene glückseligen Gefilde zu durchfliegen. Jeder Tag ward ihnen zum Zauberfest. Er konnte nicht mehr ohne sie, sie nicht ohne ihn leben. Nur an drei Abenden in jeder Woche blieb die Schöne für ihren Kavalier unzugänglich. Nach ihrer Aussage fesselte sie ein Gelübde, diese im Gebet für das Seelenheil ihres Vaters in der Einsamkeit zu verbringen. Vincenzio war aber zu guter Christ, um gegen so vollgiltige Gründe ankämpfen zu wollen. – Seine in der Lebensweisheit mittlerweile gemachten Fortschritte waren stupend zu nennen. Zwar hatte der philosophische Kursus die Unannehmlichkeit, ein wenig kostspielig zu sein; denn wem konnte die Zahlung für Wagen, Barken, seine Soupers, abgebrannte Feuerwerke und bestellte Serenaden anders zur Last fallen, als dem Kavaliere servente. Und so machte es sich denn ganz natürlich, daß, nachdem die Kasse des jungen Stoikers gesprengt war, erst die überflüssigen Bücher zum Antiquar wanderten, nächstdem alle Bücher für überflüssig erklärt, und zuletzt durch Vermittlung eines ehrlichen Hebräers einige Anleihen auf die ihm zustehende Grafschaft Sierradragone eröffnet wurden. Diese letztere konnte ihm aber nicht entgehen, denn schon längst hatten sich die gleichgestimmten Seelen als solche erkannt. Vincenzio hatte seine glühende Liebe gestanden, Erhörung gefunden, den Widerwillen der Gräfin gegen eine zweite Heirat glücklich zu besiegen gewußt, mio stand jetzt auf dem Punkt, die kühnen Träume, welche ihm am ersten Abend nach der Heimkehr von der Mergellina vorgaukelten, verwirklicht zu sehen.

Um diese Zeit war es, wo an einem und demselben Tage zwei Schreiben gar verschiedenen Inhalts bei dem Herrn Stefano Altaguardia einliefen. In dem ersten bat ihn sein im sechsten Himmel schwelgender Sohn um die Erlaubnis, in den siebenten einfahren zu dürfen, nämlich in den der Ehe mit Donna Rosaura de Miraflores y los Balles, Gräfin von Sierradragone, einzigen Tochter des Herzogs von Bejar und der Nichte des Duque de Lerma.

Der zweite Brief war von der Hand des Dekans der Universität, und vermeldete: daß der junge Herr Vincenzio Altaguardia sich leider seit kurzer Zeit einem gar anstößigen Lebenswandel ergeben habe, welches um so mehr zu beklagen, als besagter Don Vincenzio, wie bereits oftmals vermeldet, zeither der Ruhm und Stolz der gesamten Universität gewesen, und erst vor nicht langer Zeit mit der Würde eines Baccalaureus der beiden Rechte feierlichst bekleidet worden. Der einst so ehr- und sittsame Jüngling sei nämlich in die Schlingen einer arglistigen Circe, einer jungen, spanischen Tänzerin, geraten, welche ihn dermaßen umgarnt hielte, daß keine warnende Stimme mehr zu ihm zu dringen vermöge. Ganze Wochen lang schweife er mit der Dirne im Lande umher, gebe ihr schwelgerische Festmahle, lasse dazu von gedungenen Zinkenbläsern aufspielen und vergeude dergestalt die kostbare Zeit und das schwere Geld des Herrn Vaters. Besagte Tänzerin habe bereits zwei junge Wüstlinge zu Grunde gerichtet und zehre noch von den Spolien des letzteren, eines Kalabreser Marchese; mutmaßlich werde das mißleitete Söhnlein das dritte Schlachtopfer, so diese Scylla verschlinge, werden. Außerdem habe er, der Dekan, noch bittere Klage darüber zu führen, daß der junge Baccalaureus, allen Gesetzen der Universität zum Hohn, keiner der ihm durch den Pedell gebührend zugekommenen Citationen Folge geleistet. Möge demnach der Herr Vater baldigst zum Rechten sehen, widrigenfalls bemeldetes Söhnlein zweifelsohne zum Teufel fahren, vorher aber noch aus den Listen der Baccalaurei der hohen Universität zu Napoli gestrichen werden werde.

Die frommen Wünsche der Florentiner waren in Erfüllung gegangen; Herr Stefano wurde mit einem Male gewaltig kleinlaut, las die empfangenen Briefe weder auf dem großherzoglichen Platz noch in den Barbierstuben vor, und erwiderte auf alle Erkundigungen nach dem Befinden seines Wunderkindes kurzhin und in den allgemeinsten Ausdrücken, daß er dieses binnen kurzem zurückerwarte. Wirklich hatte er auch einen Brief an Don Vincenzio abgehen lassen, worin er ihm mit wenigen dürren Worten anbefahl, sich angesichts Dieses auf den Weg nach Florenz zu machen. Einen weiteren Grund, als väterlichen Willen, anzugeben, hielt er für unnötig, und sparte ebenso alle Vorwürfe der Ankunft des Apostaten auf.

Herr Vincenzio, welcher auf die väterliche Einwilligung so sicher wie auf den Aufgang der Sonne gerechnet hatte, war beim Empfang jenes wortkargen, seiner Liebe gesprochenen Todesurteils wie vom Donner gerührt. Er konnte sich gar nicht zusammenreimen, was den sonst so liebevollen Vater bewegen könne, das Lebensglück seines einzigen Sohnes mutwillig mit Füßen zu treten. Der letzte Brief mußte verloren gegangen sein, oder sonst ein ungeheures, ihm räthselhaftes Mißverständnis obwalten. Mochte dem nun sein, wie ihm wollte, der junge Weltweise faßte den Vorsatz, den Befehlen seines Vaters nicht zu gehorchen, und in Neapel ruhig abzuwarten, bis es dem Herrn Papa belieben werde, von der vorgefaßten Idee zurückzukommen und seinen Irrtum einzusehen. Ebenso beschloß er, seiner Geliebten nichts von dieser Vereitelung, oder vielmehr Vertagung ihrer Glücksträume zu sagen, um ihrem liebenden Herzen einen unnötigen Kummer zu sparen. So viel Mühe er sich aber auch gab, seine Verstimmung zu bemeistern, so war doch die Nachwirkung des fatalen Briefes allzu sichtbar, als daß sie dem scharfen weiblichen Blicke hätte entgehen können.

Das Paar saß an jenem Tage wiederum in der Mergellina. Donna Rosaura gedachte jenes Abends, wo sie sich hatten kennen lernen; sie vergegenwärtigte sich jeden Blick, jedes Wort, und wollte gleich im ersten Moment, wo sie Vincenzio zu sehen bekommen, sich gesagt haben, dieser oder keiner, und was nun dergleichen halb bewußtloser, halb absichtlicher Lügen, welche jedes liebende Weib bei der Hand hat, mehr waren. Als aber Vincenzios Lächeln immer gezwungener, seine Beteuerungen immer gedehnter und frostiger wurden, begann Donna Rosaura Verdacht zu schöpfen. Die erste Vermutung, auf welche in solchen Fällen das Weib stößt, ist jederzeit, daß die Liebe im Abnehmen sei, und sie eine beglückte Nebenbuhlerin haben müsse. So eröffnete sie denn unverzüglich alle Schleusen weiblicher Beredsamkeit, Anschuldigungen, Vorwürfe, Klagen, Seufzer, Thränen, bis der geängstigte Vincenzio nicht umhin konnte, den wahren Grund seines Kummers zu nennen und zu seiner Beglaubigung den unseligen Brief im Original vorzulegen. Wenn der Geliebte auf der einen Seite gerechtfertigt dastand, so war das Elend auf der andern nur desto großer. Der alte Herr Stefano bekam die Ehrentitel eines Barbaren, eines Tyrannen, eines Tigers, Herr Vincenzio die eines Lieblosen und Wankelmütigen, welcher nur auf diese Gelegenheit gepaßt habe, um Neapel und sie zu verlassen. Da halfen keine Beteuerungen, keine Schwüre. Sie hatte sich einmal in den Kopf gesetzt, zu verzweifeln, und gegen die desperate Laune eines Weibes helfen bekanntlich Beschwörungen ebenso wenig, als gegen schlechtes Wetter – beide wollen ihr Recht haben und sich ausregnen.

Die Angaben des Universitäts-Rektors waren freilich nur allzu begründet gewesen. Donna Rosaura war eine der ausgezeichnetsten und beliebtesten Tänzerinnen des Teatro nuovo, Spanierin von Geburt, und als Findelkind von so gutem Adel, wie der König selber, wenn nicht von noch besserem. Waren die Paläste Bejar und Sierradragone auch nur spanische Schlösser im sprichwörtlichen Sinne, so konnte doch der Thatbestand, daß die Theaterprinzessin zwei Edelleute total ruiniert habe, um so weniger im Zweifel gezogen werden, als er in Neapel jedermann bis auf Don Vincenzio bekannt war. Ebenso war er auch vielleicht der Einzige, welcher in seiner Zurückgezogenheit von der verführerischen Ballerina nichts vernommen hatte. Seitdem sie ihn aber umstrickt hielt, war er der übrigen Welt wo möglich noch unzugänglicher geworden. Sie hatte ihm das Versprechen abgelockt, an jenen drei Abenden der Woche, wo sie, unter dem Vorwande, für den verstorbenen Herzog von Bejar zu beten, ihre Beinfertigkeit in dem kürzesten Röckchen von der Welt beklatschen ließ, den weltlichen Zerstreuungen zu entsagen. Bei einem so unerfahrenen, so blind verliebten Anbeter war daher eine Entdeckung so bald nicht zu befürchten. Rosaura war übrigens mehr leichtsinnig als herzlos und verderbt. Gewohnt von einem Tag zum andern zu leben, mochte sie sich selber noch keine Rechenschaft gegeben haben, wohin jenes Verhältnis führen werde und wie es zuletzt enden müsse. Hatte sie den Neuling auch gleich beim ersten Blick durchschaut, und ihn angeködert, vielleicht bloß um ein Spielwerk für den müßigen Nachmittag zu haben, so war doch das Interesse für den jungen Mann, wie ihr noch niemals ein so treuherziger, aufrichtiger, leidenschaftlich liebender vorgekommen war, schnell gestiegen und zuletzt in warme Anhänglichkeit und Leidenschaft übergegangen. Frauen, welche die Liebe methodisch behandeln, sollen, wie man sagt, am empfänglichsten für romantische Schwärmerei sein, und dann dem einmal erkorenen Gegenstand mit um so heftigerer Leidenschaft anhängen, je mehr sie gewohnt sind, in dem gewöhnlichen Umgang mit Männern nur mit falscher Münze zu zahlen und bezahlt zu werden. Und so waren denn auch die Anschuldigungen des Dekans, daß die Tänzerin auf den Ruin Don Vincenzios ausgehe, jedenfalls zu hart. Noch reichten die dem Kalabreser entlockten Geschenke zu ihren Bedürfnissen – neue von dem Florentiner anzunehmen, hatte sie sich aber bisher standhaft geweigert: und half sie ihm getreulich, den aufgeborgten Beutel leeren, so durfte dies einem so flatterhaften, gedankenlosen Wesen, einer Eintagsfliege, welche für den Wert des Geldes keinen Sinn hat, wohl schwerlich allzu hoch angerechnet werden.

Mit roten, vom Weinen geschwollenen Augen kehrte Rosaura abends nach Hause. Die alte Giustina, welche die Rollen der Vermittlerin und Aufwärterin abwechselnd bei ihr spielte, rannte erschrocken herbei. »Um der Wunder des heiligen Rosenkranzes Willen,« rief sie, »welches Unglück ist Euch widerfahren? Sprecht, Signora, welcher Gram bedrückt Euer Herzchen? Wer konnte es wagen, mein Zuckerengelchen zu kränken, den hellen Guckäuglein bittere Thränen zu entlocken? Möge ihn dafür ein Unheil treffen, den schwarzen Bösewicht!«

»Möge Deine Zunge für den unseligen Wunsch verdorren!« entgegnete Rosaura heftig. »Auf wen rufst Du das Unheil anders herab als auf meinen herzlieben Freund, auf meinen Cenzo, ohne den ich einmal nicht leben kann, und der jetzt fort soll, um nie wiederzukehren. Wäre ich doch lieber niemals geboren, oder als Findelkind in der Nacht vor Durst und Kälte umgekommen, als daß ich jetzt so schmähliches Leid erdulden solle.«

»Nun, nun, Kindchen, Täubchen,« schmeichelte die Alte, »fasse Dich nur. Noch ist ja Dein Freund nicht fort. Wer kann's wissen, wer kann's raten, was noch geschieht. Das Glücksrad ist rund und dreht sich oft so schnell und wunderlich. Und wenn nun auch der Student abzieht, ist denn das ein Grund, weshalb sich mein Lämmchen bleich und hager grämen und die Augen mit Weinen trüben sollte? Laß ihn doch laufen, den armen Schlucker. Geht der eine hin, kommt der andere her. Hat mir doch der Marchese Spinelli noch heute zehn blanke Dukaten geschickt, auf daß ich bei meinem Goldkinde ein gutes Wort für ihn einlegen soll, und der französische Herr, der immer auf seinem Apfelschimmel vorbeireitet, läßt Euch sagen –«

»Geh' mir aus den Augen, Du schwarze Hexe,« fiel ihr Rosaura leidenschaftlich ins Wort. »Ich will von keinem etwas hören, von niemandem wissen, als von meinem süßen Freund, von meinem Cenzuccio, von meinem Augapfel. Geh' mir aus den Augen, Du Verworfene, wenn Du keinen andern Trost weißt!« – Und damit begann sie aufs neue in Thränen auszubrechen, krampfhaft zu schluchzen, und vom unbändigsten Schmerz ergriffen, ihr schönes Gesicht zu zerschlagen.

»Heilige Madonna von Pie di Grotta,« wimmerte Giustina, indem sie sich bemühte, die Hände ihrer Gebieterin festzuhalten, »erbarme Dich meines unschuldigen Töchterleins, schütze es vor Jammer und Verzweiflung! Rosaura, süßes Engelchen, Herzblättchen, laßt doch ab, gegen Euer holdseliges Antlitz zu wüten! Ihr sollt ja den Florentiner haben, Ihr sollt ihn ja behalten. Geduldet Euch doch. Hört mich doch nur ein Augenblickchen an. Ei ja doch, wofür gäb's denn kein Mittel, ausgenommen wider den Tod, für den freilich kein Kräutlein gewachsen ist. So einen Springinsfeld aber, den wollen wir schon halten und binden und ketten, so daß er ewig und einen Tag zu den Füßen meines Hermelinchens schmachten soll, ja meiner Treu! Wischt aber nur die Thränen aus Euren Augen und trocknet Eure rosigen Wänglein ab. San Genaro! Wie die Stirn glüht und das Herzchen pocht! Die liebe, liebe Jugend! Ja, da hat unsereine schon ihre liebe Not, um es ihr immer recht zu machen. Ja, was ich sagen wollte, laßt ihn ziehen, den Junker, laßt ihn nur in Gottes Namen wandern. Es sollen Euch keine drei Tage vergehen, so habt Ihr ihn wieder, und dann soll er nicht mehr von Euch lassen können, und wenn er so unbeständig als der Scirocco selber wäre. Ei ja doch, der wäre nicht der erste, den wir kirre gemacht hätten. Aber nun stellt auch das Weinen und Klagen ein. Mit Thränen röstet man keine Maiskolben, Wenn der Aschermittwoch kommt, ist der Karneval zu Ende. Gegen den Husten helfen gebratene Äpfel, und gegen den Liebeskummer etwas anderes.«

Rosaura hatte sich während der Rede der alten Giustina ein wenig beruhigt und begann, sich nach dem verheißenen Mittel, den Flüchtling zurückzulocken, ungeduldig zu erkundigen,

»Was die Jungen nicht wissen, wissen die Alten; und Ihr mögt Euch immerhin gegen den guten Rat sträuben wie die Wachtel im Netz, zuletzt werdet Ihr doch zahm und kirre, und gebt noch gute Worte. Hast denn Du noch niemals von der weisen Frau am Lago di Agnano gehört? Und was solltest Du auch! War doch bisher Dein Netzchen kaum räumig genug, um all die Zugvögel aufzunehmen, die vor Lust zappelten, sich von Dir fangen zu lassen. Ans Entrinnen dachte aber keiner, eh' wir ihn gehörig gerupft hatten. Nun sei nicht bös, Liebchen; Narren und Kastanien müssen geschält werden, das ist einmal so in der Ordnung. Ja also, um auf die kluge Frau zurückzukommen – die wäre hier gerade die rechte. Ein Tränkchen von ihr bei zunehmendem Mond gebraut, und fünf Tropfen davon eingegeben, und Ihr werdet Wunderdinge erleben – denkt an die alte Giustina. Nun sprecht, Herzchen, wie wär's denn damit? Ihr nickt ja? Bravo! – Wird denn aber mein süßes Liebesäpfelchen Mut genug haben, sich allein um Mitternacht zu der weisen Frau zu wagen? He? Ich darf Euch nur bis an die Schwelle geleiten – bei solchen Heimlichkeiten ist der Dritte jederzeit vom Übel. Ihr bleibt mutterseelenallein bei ihr – nicht, daß Ihr etwas zu fürchten hättet – ei, bei Leibe nicht! Die Mutter Maddalena ist die wackerste Frau jenseits des Posilippo, und Gräfinnen und Prinzessinnen erholen sich Rats bei ihr. Wie nun aber die jungen Mädchen einmal sind – das fürchtet sich vor jeder Maus. Bin ich doch selber einmal jung gewesen, und muß das am besten wissen,«

Rosaura war viel zu ungestüm in ihrer Leidenschaft, um nicht alle Bedenklichkeiten und Einwände bei Seite zu schieben, um lange auf den versprochenen Liebeszauber zu harren; und so wurde denn beschlossen, in der nämlichen Nacht das Abenteuer zu wagen, nach dem sich Giustina durch einen Blick in den Kalender überzeugt hatte, daß der Mond im Zunehmen sei. In der dritten Stunde der Nacht bestieg die Spanierin in Begleitung der Alten den Wagen, der sie nach dem Lago di Agnano bringen sollte. Bald hatten sie die belebten Straßen hinter sich und fuhren in die nachtschwarze Gruft des Posilippo ein. Die wenigen Lampen, welche den langen Gang erhellen, waren mit einem trüben dampfigen Schimmer umgeben. Das Rasseln der Räder dröhnte dumpf zwischen den engen Felswänden – keine Seele ließ sich so spät auf der dunklen Gasse blicken. Rosaura bebte vor Furcht und klammerte sich ängstlich an die vergeblich zuredende Giustina. Endlich kamen sie wieder ins Freie. Die Nacht war mild und sternenhell. Einzelne leichte Wolken flogen über die Mondsichel hin und verhüllten sie auf Augenblicke, bis sie den Fahrenden hinter den hohen mit Weinranken behangenen Ulmen völlig verschwand. Zwischen den Bäumen glomm hier und da das Feuer einer Wächterhütte; die Hunde schlugen an, als der Wagen vorüberfuhr, und die schwarz vermummten Gestalten der Hüter richteten sich schlaftrunken empor. Die Fahrt schien nicht enden zu wollen. Da deutete Giustina auf den regungslosen Spiegel des Sees von Agnano und auf ein hart daran zwischen Kastanien und Rohrstauden stehendes Häuschen, hieß ihre Pflegebefohlene aussteigen und dreist an die Thür pochen. »Weiter darf ich mich nicht wagen,« murmelte sie. »Es wär' auch besser für unsereine, im warmen Bett zu liegen, als bei Nacht und Nebel Eurer tollen Liebesgrillen halber im Freien zu sitzen und zu frieren, und sich Husten und Schnupfen und noch Ärgeres zu holen. Das junge Volk will aber nun einmal keine Vernunft annehmen, und geht's denn über die Alten her, die müssen das Bad ausbaden. Geht nur, geht nur. Es hätte not gethan, das Kohlenbecken mitzunehmen – ja wer auch an alles denken könnte.«

Mit dem dreisten Anpochen war es übrigens so ein eigen Ding. Das arme Kind zitterte wie Espenlaub, hob zehnmal die Hand nach dem Klopfer, um sie ebenso oft wieder sinken zu lassen. Ein Schubfensterchen öffnete sich in der Thür, und ein großmächtiges, leuchtendes Augenpaar, wie das eines Katers, starrte Rosaura entgegen. Entsetzt fuhr sie zurück, da öffnete sich die Pforte; ein kleines, kaum vier Spannen hohes Weib mit seltsam stierem Blick und widernatürlich großem Kopf, der fast die Hälfte der ganzen Gestalt einnahm, trat heraus, faßte das bebende Mädchen mit widrigem Gekicher beim Arm, und zog es mit sich in das Innere der Hütte. Das vom Kaminfeuer erhellte Gemach war mit wunderlichem Hexengerät ausstaffiert. Rosaura war nicht in der Stimmung, all die fabelhaften Fratzen zu mustern. Sie konnte die Augen nicht von der unförmlichen, grauenerregenden Figur der alten Maddalena verwenden. Bald kam ihr diese gar nicht mehr wie ein menschliches Gebild vor. Einmal glaubte das Mädchen eine gewaltige Ohreule, die mit den Flügeln rauschend den Kopf hin und her wiegte, vor sich zu sehen; dann wieder eine ungeheure aufrecht stehende Kröte, zuletzt gar nur einen rohen, narbigen Baumstamm, an welchem ein unförmliches Gesicht ausgehauen war. Der Rauch, welcher qualmend vom Herd durch das Zimmer zog, oder der Duft, welcher dem brodelnden Kessel entstieg, mochten sie betäuben und ihre Sinne verwirren. Ihr war zu Mut, als befinde sie sich im Sturm auf hoher See. – Alles schwankte und wogte hin und her. Dazwischen gellte immer wieder das häßliche Gelächter und Fledermaus-ähnliche Pfeifen der Alten, welche das Mädchen alles Sträubens ungeachtet nicht los ließ, immerfort mit den tellergroßen, unbeweglichen Augen anstarrte und befragte, und wieder dazwischen kicherte. Rosaura mußte auf alle Fragen antworten, sie mochte wollen oder nicht. Der starre Blick hatte es ihr angethan. Was aber die Hexe gesprochen, was sie selber erwidert, war ihr später nicht mehr erinnerlich. Plötzlich fühlte Rosaura in der Gegend des Herzens einen schmerzlichen Stich, schrie hell auf und fiel in Ohnmacht.

Als sie wieder erwachte, wehte ihr die frische Nachtluft ins Gesicht. Sie saß wieder zur Seite ihrer Dienerin in dem nach Neapel zurück rollenden Wagen. Ihr war es, als sei sie aus einem aberwitzigen Fiebertraum erwacht. Giustina schlief, oder nahm doch den Schein einer Schlafenden an, und antwortete auf keine der schüchternen Fragen ihrer Gebieterin. So schwieg auch sie zuletzt und versuchte gleich vergeblich über das Erlebte sich Rechenschaft abzulegen und aus der Erinnerung zu bannen.

Die Sonne stand schon hoch am Himmel, als Rosaura am folgenden Morgen die Augen aufschlug. Giustina stand an ihrem Lager und reichte ihr ein seltsam duftendes Gebäck, »Nehmt,« sprach die Alte, »ich habe mich den ganzen Morgen damit gequält.«

»Was ist's?« Was soll's damit?«

»Nun, der Zauberkuchen ist's, den der Florentiner essen soll, der ihn bindet. Hättet Ihr Euch nicht gestern wie ein albernes Kind betragen, so müßtet Ihr's so gut wissen, als ich.«

Rosaura hielt den Teller unschlüssig in der Hand; sie mühte sich vergeblich, die Erscheinungen der verwichenen Nacht klar hervor zurufen, sie zu ordnen. Alles wirrte und floß wild durcheinander. »Sprich, Giustina, ich will's wissen, was ich hier halte. Aber nein, geh! ich mag nichts damit zu thun haben. Nimm's fort, es ist nichts Gutes.«

»Einfältige Kinderei,« grollte die Alte ungeduldig »Wer war's denn, der sich gestern das Haar zerraufte und in Thränen um einen albernen Schulbuben zerfloß. Wer gebärdete sich denn so verwogen und trutzig und wollte es um des Zaubers willen mit dem Bösen selber aufnehmen? Wer hat denn die alte Giustina um Mitternacht hinausgejagt, wie man's keinem Hunde anthun möchte? Wer? frage ich. Und nun soll aller Plack und Qual wieder für nichts und wieder nichts sein? Sucht Euch Eure Närrinnen anderswo. Ich hab's satt,«

»Sei gut, bitte, bitte, liebe Giustina,« schmeichelte das Mädchen, »sei nur wieder gut. Ich will ja alles thun – sag' mir nur das eine: was ist es, das ihn ketten soll?«

»Was wird's sein? Ein Tropfen Herzblut ist drunter, was weiter.«

Rosaura erinnerte sich des gefühlten Stichs und zuckte heimlich zusammen, »Und nun, was soll ich weiter thun?«

»Deine Guckäugelein fest auf den Kuchen heften und mir Wort für Wort nachsprechen. Merk' auf: Wer mein Herzblut hat gegessen – Hörst Du's?

»Wer mein Herzblut hat gegessen,
Kann mich nimmermehr vergessen,
Ist fest, fest an mich gebannt,
Muß mir folgen über Meer und Land.«

Mit innerlichem Schauder sprach Rosaura die Reime Silbe für Silbe nach. »Und jetzt?«

»Jetzt ist's richtig, Pompejus mag's gleich hintragen. Frische Fische, gute Fische. Schlaft, Kindchen, schlaft nur wieder ein, verschlaft Sorge und Schreck und Not und wacht mir mit klaren Augen und roten Wänglein wieder auf. Es wird noch alles gut werden. Ei ja doch, ist das ein Herzeleid um solch einen Gimpel, als ob's der leibhaftige Paradiesvogel wäre. Nun, mag er doch sehen, wie er wieder loskommt. Was kümmert's mich.«

Don Vincenzio empfing die Botschaft seiner Geliebten ziemlich kalt, hörte den Mohrenknaben auf der Treppe mit zerstreuten Ohren an und schob mit stummem Kopfnicken das vielfach eingewickelte Gebäck in die Tasche. Sein Sinn stand jetzt nicht auf Liebesscherz und Tändeleien, denn vor einer halben Stunde war sein Herr Vater in eigner Person angelangt, um dem vorausgesandten Mahnbriefe den gehörigen Nachdruck zu geben. Ohne dem guten Herzen Don Vincenzios zu nahe treten zu wollen, glaube ich doch dreist behaupten zu können, daß ihm die Erscheinung seines Papas zu andern Zeiten willkommener gewesen wäre. Das Herz pochte ihm mächtig, aber nicht vor Freude, und die Umarmung fiel etwas hölzern aus, Herr Stefano that, als wenn er nichts bemerke, und wiederholte mit den kältesten, nüchternsten Worten den Befehl, sofort zusammen zu packen und ihm nach Florenz zu folgen. Kein Vorwurf, kein Tadel kam über seine Lippen. Der Alte that, als wisse er von gar nichts, ließ sich auf keine Erklärungen ein, drängte nur immerfort zur Abreise und vertröstete den vergeblich Fragenden auf den Weg, wo sich satt-ame same Zeit zu Erläuterungen darbieten werde. Ebenso schien er gar nicht zu bemerken, wie das Einpacken mit so geringen Schwierigkeiten verbunden, und das beste von den Habseligkeiten längst zum Juden gewandert sei. Höflich, fast liebevoll erkundigte er sich bei dem verdutzten Söhnlein, ob er nicht vielleicht zufällig hier und da noch einige Schulden habe, ermunterte ihn aufs verbind- lichste, nur dreist mit der Sprache herauszurücken, und zog, als dieser stotternd und schwitzend einen Posten nach dem andern bekannte, den Beutel, um den Hebräer zu beschwichtigen. In zwei Stunden war alles abgethan; Vater und Sohn saßen auf ihren Pferden und trabten ganz rüstig zur Porta Capuana hinaus.

Zehn Miglien mochten sie wohl schon geritten sein, ohne ein Wort gewechselt zu haben. Vincenzio war allzu bekümmert, daß er von seiner Herzliebsten geschieden, und sogar ohne ihr Lebewohl sagen zu dürfen, um zur Konversation besonders aufgelegt zu sein. Stefano summierte im Geist die bezahlten Summen, und studierte an der Rolle, die er seinen Mitbürgern gegenüber zu spielen habe, wenn diese hinter die Geschichte von dem verlorenen Sohne kommen würden. Hinter Aversa aber hielt der Alte seinen Gaul an, schwang sich aus dem Sattel, und hieß seinen Sohn ein gleiches thun, und sich an seiner Seite im Schatten eines Baumes niederlassen. Dann begann er: »Du wirst Dich, mein liebes Kind, über mein bisheriges Verfahren gewundert, und im Geheimen nicht wenig über den barbarischen Vater, welcher den Sohn aus den Armen einer spanischen Herzogstochter, ja fast vom Traualter reißt, geseufzt habe». Nimm hier den Schlüssel zum Rätsel, den Brief des Dekan«; lies ihn mit Bedacht und sage mir Dank, wenn ich die Dohne, in welcher Du gimpelhaft genug zappeltest, kurz und entschlossen zerriß.«

Vincenzio las, ward totenblaß und stammelte einige Worte von schmählicher Verläumdung, Der Alte führte ihm dagegen mit größter Seelenruhe die unbegreifliche Verblendung, mit der er sich in so plumpem Lügengewebe habe fangen lassen, zu Gemüt, setzte ihm haarklein auseinander, daß er sich trotz seiner Baccalaurenswürde wie ein Pinsel betragen, und entkräftete die schwächlichen Einwürfe so bündig, daß Herrn Vincenzio zuletzt die Schuppen von hen Augen fielen, und er sich ganz vernichtet fühlte. Nichts ist demütigender für einen Mann, als die Erkenntnis, sich von einem Weibe überlistet zu sehen, nichts schmerzlicher, als ein früher geliebtes Wesen verachten zu müssen. Dies mochte der Alte wohl erkennen, und so hielt er denn, ungeachtet es ihn nicht wenig wurmte, daß sein Tugendspiegel von Sohn sich so gewaltig habe übertölpeln lassen, das quälende Selbstbewußtsein für hinlängliche Strafe, und schenkte dem ohnehin schon tief Gebeugten vor der Hand alle weiteren Vorwürfe und Predigten. Er forderte ihn vielmehr auf, für jetzt, da das Geschehene doch einmal nicht zu ändern sei, der Vergangenheit nicht weiter zu gedenken und statt dessen zum Frühstück zu schreiten. Zu gleicher Zeit langte er aus der Satteltasche ein gutes Stück kalter Pastete nebst einer räumigen Weinflasche und ging seinem Erben mit gutem Beispiel voran, wie man über einem Hühnerflügel alles Herzeleid vergessen müsse.

Herr Vincenzio blieb in stoischer Ertragung seines Mißgeschickes weit hinter dem Vater zurück. Der Einladung zum Frühstück Folge zu leisten, fühlte er sich nicht stark genug, – Der Appetit war ihm total »ergangen. Beim Anblick der Hühnerpastete gedachte er des ihm am Morgen von Rosaura gesandten Backwerks, Er zog es aus der Tasche, um es verächtlich von sich zu schleudern. In demselben Augenblick hob sein grasender Hengst den Kopf, näherte sich schnuppernd dem duftenden Gebäck und begann es zu benagen. – Vincenzio ließ ihm seinen Willen. Das Tier schlang den Kuchen mit wunderbarer Hast und Begierde bis auf die letzte Krume in sich. Kaum aber war er verschluckt, als auch der Zauber seine Wirkung zu äußern begann. Der Gaul spitzte die Ohren, schüttelte die Mähnen, wieherte laut, riß sich aufbäumend los, und jagte zuletzt, als wenn er den Teufel im Leibe hätte, nach Neapel zurück. Vincenzio wollte sich hurtig auf das andere Pferd werfen und dem Ausreißer nachjagen. Herrn Stefano mochte aber wohl noch zur rechten Zeit einfallen, daß dem Verfolger nach jener Himmelsgegend zu nicht recht zu trauen sei, daß, wenn ferner Vincenzio es mit seiner Jagd nicht ehrlich meinte, er gar leicht um beide Rosse und den Sohn noch obenein kommen könne, und dann zu Fuß den Flüchtigen nachtraben müsse. Somit hielt er sein ungeduldiges Fleisch und Blut beim Ärmel zurück, und hieß es, als er die den Hufschlägen entquellende Staubwolke ans dem Gesicht verlor, sich hinter ihn auf den eigenen Gaul schwingen. Ob Herrn Stefanos Stoizismus auch bei diesem letzten Unfall standgehalten, und ob er nicht in ziemlich vernehmliche Verwünschungen über Neapel und alles, was drum und dran hängt, ausgebrochen, hat sich niemals ermitteln lassen, und nur, daß Vater und Sohn nach vierzehntägiger Reise zwar wohlbehalten, aber in der übelsten Laune von der Welt in Florenz anlangten.

Mittlerweile war der Hengst, von der zauberischen Liebesglut gestachelt, wie rasend den Weg entlang gejagt. Mit Schaum bedeckt stürzte er durch das Thor; der wachthabende Soldat hielt ihm die Partisane vor, er rannte ihn über den Haufen und den Toledo entlang nach dem Largo San Spirito, stürmte donnernd die Treppe hinauf, sprengte mit dem Hufe die Thür, warf die aufkreischende Giustina zu Boden, fuhr wie ein böser Dämon in dem engen Gemach umher, setzte über Tisch und Stühle, und, als er die gesuchte Tänzerin nirgends fand, wieder die Treppe hinunter, Rosaura feierte eben im Teatro nuovo als Psyche ihren Triumph und wirbelte auf der Spitze des niedlichsten Fußes wie ein Wetterhahn im Kreise, als das verzauberte Roß ihre Spur verfolgend nachstürmte, an dem vergeblich protestierenden Kassierer vorüberflog und in das Parterre einbrach, Ein tausendstimmiger Schrei des Entsetzens vermochte den unbefugten Eindringling nicht zu erschüttern. Flüchtig stob alles, wie beim Wettrennen der Barberi, vor dem schnaubenden, stampfenden, schlagenden Gaul auseinander. Die Frauen fielen in Ohnmacht, die Männer sprangen auf die Bänke und versuchten mit Schnupftüchern den ungebetenen Gast hinauszuwedeln; der Barigello rief seinen Häschern mit donnernder Stimme zu, den Störenfried zu arretieren – die Haltefeste dagegen guckten sich zaghaft und kopfschüttelnd an und salvierten sich in den hintersten Winkel. Anstatt sich mit der Rolle eines gewöhnlichen Theater-Enthusiasten zu begnügen und von seinem Sitz ans mit den Hufen Beifall zu trommeln, drängt das Pferd unaufhaltsam vorwärts, setzt über die Barriere, welche das Orchester scheidet, richtet einen gräulichen Wirrwarr unter Baßgeigen und Pauken an, und springt endlich über die Lampen auf die Bühne, dort läßt es sich demütig vor der vor Schrecken halbtoten Tänzerin auf das Knie nieder, blickt mit schmachtenden Augen zu ihr hinauf, schmiegt sich mit dem schlanken Hals an ihr Gewand, stöhnt auf das beweglichste, und macht ihr dergestalt vor dem versammelten Publikum seine Liebeserklärung in allen Formen. Rosaura will sich vor der exzentrischen Huldigung hinter die Koulissen flüchten – das Pferd verrennt ihr den Weg. Die Theaterdiener fallen mit Prügeln und Stangen über den Dilettanten her – er setzt sich wie ein echter Ritter mit Hufen und Zähnen gegen das profane Gesindel zur Wehr, jagt den rohen lieblosen Schwarm in die Flucht, und sinkt dann wieder lammfromm zu den Füßen der Geliebten seiner Seele. Keine menschliche Gewalt vermag den blind Verliebten zur Vernunft zu bringen, ihm den Gegenstand seiner Leidenschaft zu entreißen. Vergebens besprengt ein herbeigerufener Kapuziner den Besessenen ans der Entfernung mit Weihwasser. Der Satan bleibt hartnäckig und spottet der Beschwörungen wie der ihm vorgehaltenen Reliquien. Der Vizekönig, welcher zugegen ist, giebt, wütend über die Unterbrechung seines Lieblingsballets, von der Loge aus den Befehl, den vierbeinigen Liebhaber zu erschießen. Ein in Krieg und Gefahren ergrauter spanischer Hakenschütz wagte es, die Todessentenz zu vollziehen, ladet eine geweihte Kugel in den Lauf, zielt, drückt ab und durchbohrt das liebeglühende Herz des treuesten Anbeters – er sinkt zurück, wirft einen unaussprechlichen Blick der Wehmut auf seine Geliebte und verscheidet.

Die Sache hatte zu vielen Lärm gemacht, als daß man nicht den Motiven einer so unerhörten Leidenschaft hätte nachspüren sollen. Die Inquisition witterte Unrat, ließ die arme Ballerina vorladen, nahm ihr augenblickliches, reuiges Bekenntnis zu Protokoll und begnügte sich mit seltener Milde, die junge hübsche Delinquentin in die Besserungsanstalt dell' Annunziata zu sperren. Nach einigen Tagen war sie von dort verschwunden. Die alten und rechtgläubigen Neapolitaner schrieben ihre Entweichung den Zauberkünsten des ihr dienstbaren Teufels zu. Die jüngeren und namentlich die sogenannten aufgeklärten wollten es freilich besser wissen, ließen keinen Zauber, als den ihrer Schönheit gelten, und die Ballerina von einem reichen Marchese nach dessen Landgut entführen. Mutter Maddalena, welche als alt und häßlich auf keine Nachsicht von seiten des Tribunals rechnen konnte, wurde feierlichst mit allen üblichen Zeremonien als Hexe verbrannt. Giustina war noch glücklich genug den Armen der geistlichen Justiz entgangen, indem sie an der vom Pferde erhaltenen Kopfwunde schon am folgenden Tage starb.

Don Vincenzio pries, als er die tragische Entwickelung seines Romans vernahm, den Himmel, Satans Schlingen so glücklich entronnen zu sein, wurde ein Jahr lang jedesmal feuerrot, so oft das Gespräch auf Spanien und Gräfinnen kam, und vergaß endlich seine erste Liebestäuschung in den Armen einer liebenswürdigen Florentinerin. Herr Stefano wollte aber von Stund an nichts mehr von überaus frommen und wohlgeratenen Söhnen wissen, schüttelte jedesmal bedenklich den Kopf, so oft Eltern ihre Kinder als von dummen Streichen eximierte priesen, und pflegte zu äußern: ein gewisser periodischer Wahnsinn sei einmal das Erbteil aller Adamssöhne; früh oder spät müsse ein jeder der Natur diesen Tribut zollen und ausrasen; je frühzeitiger aber dieser Parozysmus eintrete, um so unschädlicher sei er, und um so sicherer dürfe man auch auf radikale Heilung des Patienten rechnen.

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