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Venetianische Novellen

Franz Freiherr von Gaudy: Venetianische Novellen - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
authorFranz Freiherr von Gaudy
titleVenetianische Novellen
publisherBibliographische Anstalt
addressBerlin
year1890
firstpub1838
seriesFranz Freiherrn Gaudys poetische und prosaische Werke
volumeFünfter Band
printrunNeue Ausgabe
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100824
projectid2aeb9a63
status1
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Die Gefangenen

Wenn Ihr, meine hochverehrten Freunde und Gönner, von Rom nach Civita-Vecchia reiset, so werdet Ihr auf der Hälfte des Weges, der Poststation Monteroue schräg gegenüber, einen weitläuftigen Palast, dessen vorspringende Flügel vom Meere bespült werden, bemerkt haben; er überragt wenigstens bei weitem das Pinienwäldchen, welches in seinem Rücken, also nach der Kampagna zu, liegt, das erste Grün, an welchem sich das Auge nach der meilenlangen, trostlosen Einöde erholen darf. Besser könnt Ihr freilich das Gebäude in Augenschein nehmen, wenn Ihr zu Kahn längs der Küste hinfahrt, und Ihr werdet Euch, trotz des allmählich um sich greifenden Verfalls, ebenso sehr über die verschwendete fürstliche Pracht wundern, als über die sonderbare Idee, ein Schloß mit so vielen bedeutenden Kosten an der Grenze der trübseligsten Gegend auf Gottes Erdboden aufzuführen. Ein Engländer hätte keine wunderlichere Wahl treffen können. Was indessen die sinnlosen Einfälle anbelangt, so dürfen unsere großen Herren sich mit allen andern messen, so weit die Sonne scheint.

Das erwähnte Schloß – sein Name ist – ist – kann ich doch jetzt auf den verwünschten Namen nicht gleich kommen. Ihr müßt einem alten Mann schon etwas zu gute halten – das Gedächtnis ist noch ganz leidlich, bis auf die unseligen Namen. Doch der thut im Grunde nichts zur Sache. Diejenigen, welche das Terrain kennen, wissen, welche Villa ich meine – wer dort fremd ist, dem kann an dem Namen auch nicht sonderlich viel liegen. Das besagte Schloß also wurde in den 1720er Jahren von dem alten Principe Cesare di Testa-Capriola bewohnt. Die Exzellenza besaß zwar noch drei schöne, weitläuftige Paläste in Rom, an der Piazza del Monte Citorio, in der Via Bocca di Leone, und auf der Lungara. Alle drei aber hatte er vermietet, den ersten an einen russischen Fürsten, den zweiten einem portugiesischen Juden, welcher mit seinen Dublonensäcken die Gitter des Ghetto sprengen durfte, und dort mit seiner Mätresse hauste, den dritten an eine Gesellschaft junger, lediger Engländer, welche dort eine Heidenwirtschaft führten, und deren Schornstein in der Fastenzeit, der verlockenden Bratengerüche halber, allen guten Christen ein Ärgernis gab. Dem Principe war die gottlose Entweihung seiner Schlösser keineswegs unbekannt – rührte ihn aber weiter nicht. Hätte der Antichrist seine Villa am Meeresstrand zu mieten verlangt, er wäre schnurstracks ausgezogen, und hätte auf den Kirchenschwellen kampiert. Ihm war es um das leidige Geld zu thun – denn was den Geiz anbelangte, so suchte die Exzellenza ihresgleichen. Den Rosenkranz abbeten, die Messe in der Schloßkapelle hören, seine Zecchinen blank putzen und nach Jahrgängen sortieren, und wieder den Rosenkranz beten, dies war der regelmäßige Kreislauf, in welchem sich die Beschäftigungen des Prinzen drehten – er genügte seinen bescheidenen Ansprüchen an das Leben. Rosabella, seine einzige sechzehnjährige Tochter, schien dagegen in diesem Punkt himmelweit verschiedene Ansichten zu hegen. Ihr war der Aufenthalt auf dem verwünschten Schlosse unerträglich. Ebenso gern wollte sie, wie sie sagte, in den Katakomben von San Sebastiano wohnen. Bis zum Tode der Principessa hatte die Familie in Rom gewohnt. Die Hochselige, ein vollendetes Gegenstück zu ihrem Gemahl, liebte es, ein glänzendes Haus zu machen. Da gab es Konversazioni, Bälle, Korsofahrten, Villeggiaturen, Theater, da wurde der Karneval mit aller rauschenden Lust gefeiert. Die Dame führte nämlich das Regiment im Hause, und der Illustrissimo war ein Papataci im vollsten Sinne des Wortes. Das war nun Alles seit einem Jahre vorbei. Das arme Prinzeßchen hatte keine anderen Konversazioni, als die krächzenden der Dohlen, welche zu tausenden das Schloß umschwirrten, kein anderes Schauspiel, als das unabsehbar weite Meer mit seinen Möven und Fischernachen, keine anderen Spazierfahrten, als die einsamen Spaziergänge nach dem nahgelegenen Pinienwäldchen oder den benachbarten Höhen, welche sich längs der Küste hinzogen. Das arme Kind langweilte sich zum Sterben. Der Vater hatte jedoch für alle ihre Klagen kein Ohr. Er konnte nicht ermüden, die frische gesunde Seeluft zu preisen, sie hoch über die aria cativa der Dominante zu setzen, und seiner Tochter die Versicherung zu geben, daß er sich, seitdem er das wüste Treiben mit der ruhigen Villa vertauscht habe, ordentlich verjüngt fühle. Darauf ließ sich freilich nichts erwidern.

Ein schöner Apriltag lockte Rosabella ins Freie. Der Himmel war unbewölkt und der kühlende Seewind linderte die Nachmittagsschwüle. Myrtenhecken und Granatenstauden standen in voller Blüte. Die Prinzessin durchschritt das Gitterthor und eilte durch das verworrene, am Bergabhang wuchernde Gestrüpp einem auf der Anhöhe zerfallenden Wartturme zu, welcher dort noch aus der Normannenzeit her stehen mochte. Von dort aus hatte man eine unermeßliche Aussicht über das Meer und die Kampagna. Dort hatte Rosabella schon manche Stunde verträumt, Blumen zerpflückend, von der Vergangenheit träumend, Luftschlösser aufführend: es waren die glücklichsten in ihrem freudeleeren Dasein gewesen.

Sie hatte den Gipfel erklommen, und blickte wehmütig über die stille, azurne Fläche. Am Horizont lag ein Schiff regungslos vor Anker. Es war ein Feiertag und die spärlichen Felder von Arbeitern leer – da fühlte sie sich von zwei nervigen Armen rückwärts umklammert und aufgehoben – ihren Schrei erstickte ein breites Tuch, welches sich um Mund und Augen schlang. Sie ruhte auf den Schultern zweier Männer, welche im hastigen Lauf den Hügel hinabrannten. Das Gesträuch streifte ihre Gewänder. Gleich darauf lag sie in einem schaukelnden Kahn, die Ruder griffen klatschend in die Wogen, die Barke flog pfeilschnell dahin. Nach einer Viertelstunde ward die Binde gelöst – Rosabella richtete sich auf, und sah sich von einem Dutzend halbnackter, gelbbrauner, schmutziger Kerle umgeben – sie erkannte sie als maurische Piraten. Das Land lag schon eine halbe Miglie entfernt. Ihre Stimme hätte es kaum erreicht – jeder Hilferuf wäre überdies vergeblich gewesen. Sie sank verzweifelnd auf eine der Querbänke und weinte still vor sich hin.

Ein kleiner, magerer Mann, mit hervorstehenden Backenknochen, geschlitzten Augen und nackten, krummen Beinen, welcher sich von seinen Gefährten durch einen grünen Turban und größere Häßlichkeit auszeichnete, faltete die Hände kreuzweis über die Brust, machte der Principessa eine tiefe Verbeugung und schwur ihr in der Lingua franca zu, daß sie sich glücklich schätzen dürfe, in die Hände des berühmten Sidi Mehmed Ben-Hamet, des ersten Piraten im ganzen mittelländischen Meere, gefallen zu sein – ein Trost, welcher die Thränenströme der armen Gefangenen keinesweges zu stillen vermochte. Der galante Seeräuber machte ihr hierauf die zierlichsten Komplimente über ihre Schönheit, verglich ihr Haar mit Rabenfedern, ihr Auge mit dem der Gazelle, ihren schlanken Wuchs mit dem der Palme. Auch die Schmeicheleien wollten nicht verfangen. Noch vor einer halben Stunde hatte Rosabella einen Rettungsengel herbeigefleht, der sie aus dem Majoratssitz der Langenweile erlöse – solch einen gelbbraunen, krummbeinigen hatte sie freilich nicht gemeint.

Die Barke legte an Bord der Tartane, welche Sidi Mehmed befehligte, an. Der Pirat, welcher überhaupt keine geringe Meinung von seiner Liebenswürdigkeit hegen mochte, war fest überzeugt, daß die reizende Gefangene von dem Augenblick au, wo sie sein Schiff betreten haben wurde, in sich gehen und ihr Geschick segnen müsse, daß ein so bedeutender Mann sie zu kapern geruht habe. Ohne weitere Vorreden erklärte er ihr daher seine glühende Leidenschaft – Piraten pflegen in Liebesangelegenheiten wenig Umstände zu machen –- und eröffnete ihr, wie er nicht abgeneigt sei, sie zum Range seiner ersten Gemahlin zu erheben. Anstatt aber sie, vom Gefühl der Dankbarkeit überwältigt, auf die Kniee stürzen zu sehen, wie Sidi sicher gerechnet hatte, vernahm er sehr verwundert, wie ihn Rosabella einen schamlosen birbaccione nannte, der sich ihr aus den Augen packen solle, widrigenfalls sie ihm die eigenen auskratzen werde. »Ick bin das einzige Kind des reichen Principe Testa-Capriola,« fügte sie mit gerümpftem Näschen hinzu. »Hört Ihr's. das einzige. Unverzüglich sendet, ich befehl's Euch, einen Boten zu meines Vaters Exzellenz, und bestimmt mein Lösegeld. Er zahlt Euch, was Ihr verlangt. Fordert zwanzigtausend Zecchinen – er giebt sie Euch mit Freuden,« – Prinzeßchen schien demnach von ihrer Liebenswürdigkeit einen viel geringeren Begriff als Sidi Mehned von der seinigen zu haben.

Ven-Hamet kratzte sich den Kopf und begann reiflich in Erwägung zu ziehen, was ihm wohl ersprießlicher sei, eine augenauskratzende Schöne oder zwanzigtausend Zecchinen. Zwar wußte er aus langjähriger Erfahrung, daß das Augenauskratzen nur Redensart sei, ein Extrem, zu welchem, den Annalen seiner Vaterstadt Tunis zufolge, es noch kein Mädchen habe kommen lassen. Zwanzigtausend Goldstücke, vermeinte er, findet man auch in keiner Austernschale. Wir wollen zusehen, was der Alte zu dem Vorschlage meint. Die Dame zu behalten, dazu bleibt uns noch immer Zeit genug.

Nachdem er dergestalt mit sich aufs reine gekommen war, bat er die Prinzessin, der besseren Beglaubigung halber, um ein paar Zeilen an ihren durchlauchtigen Papa. Rosabella hätte auch gewiß nicht Anstand genommen, den verlangten Wechsel auf ihre Person auszustellen – leider war sie nur im Schreiben niemals unter- richtet worden, aus Furcht, sie könne die erlangte Kunstfertigkeit zu verliebter Briefstellerei mißbrauchen. Der Gesandte mußte demnach ohne Kreditiv absegeln.

Bei Anhörung der Trauerpost erstarrte der Principe. Den ersten Gebrauch, welchen er von der allmählich wiedererlangten Fähigkeit, seine Glieder zu bewegen, machte, war, sich nachdrücklich in die Nase zu kneipen, in der Hoffnung, aus dem boshaften Traume, der ihn narre, zu erwachen. Die tief auf das hochfürstliche Riechorgan eingeprägten Spuren der Nägel vermochten jedoch keineswegs den barbaresken Unhold zu bannen.

»Zwanzigtausend Zecchinen!« schrie die händeringende Exzellenz: »das ist ja mehr als meine höchstselige Gemahlin in zwei Karnevali durchgebracht hat. Zwanzigtausend Zecchinen – nicht zwanzigtausend Bajocchi gebe ich, nicht zweitausend – nicht zweihundert. Umsonst soll mir Dein sauberer Patron die mißratene Dirne herausgeben, sonst verklage ich ihn beim Gerichtshof der Rota, Hetze ihm sämtliche Sbirren des heiligen römischen Stuhls auf den Hals.«

Vergebens. Der Spitzbube verzog keine Miene und blieb, wie ein Papagei, bei seinen eingelernten zwanzigtausend Zecchinen. Wir wollen nicht den ersten Stein wider den armen Papa aufheben, denn die Wahrheit zu gestehen, heißt das die Thorheit des Töchterleins, welche den Mund ohne Not zu voll nahm, doch etwas teuer bezahlen.

Nachdem Drohungen und Bitten vergeblich verschwendet worden waren, legte die Exzellenz sich aufs Handeln und bot successive bis auf zehntausend Scudi. Der Tuneser wollte anfangs nicht recht dran, entschloß sich aber doch, seinen Kapitän von dem Gebote in Kenntnis zu setzen. Angelangt, schnaubte ihn dieser wütig an, und ließ den Illustrissimo fragen: ob er ihn für einen Juden halte? Neue Botschaft, neuer Jammer. Den ganzen Tag hindurch ging der Postkurs von der Tartane nach der Villa und wieder zurück, regelmäßiger als die Gondeln über den Kanal der Giudecca. Endlich hatten Vater und Räuber sich schon bis auf das Goldagio geeinigt – da ließ sich am Horizont zum Unglück für die arme Prinzessin eine Korvette blicken, welche Sidi Mehmed von übler Bedeutung schien. Um daher nicht Gold, Schöne und Leben auf einmal zu verlieren, lichtete er hurtig die Anker, setzte alle Segel bei – und fort war er.

Die Verzweiflung des Papa Testa - Capriola wäre grenzenlos gewesen, wenn ihm nicht die zwanzigtausend geretteten Goldaugen einigen Trost zugeblinzelt hätten.

Prinzeß Rosabella flog unterdes mit dem günstigsten Winde nach Tunis. Bei Sidi Mehmet erwachte, seitdem die solidere Spekulation fehlgeschlagen, die Liebe wieder mit voller Gewalt, ohne daß grade seine Erfolge mit dem verwandten Eifer gleichen Schritt gehalten hatten. Er war auch wirklich gar zu häßlich. Unerwartet erhielt die Gepeinigte eine negative Bundesgenossin, die sie wenigstens vorläufig vor der Indringlichkeit des Piraten schützte – es war dies die Seekrankheit, welche den Gegenstand der Sehnsucht zu einem des Erbarmens machte. Aber auch diese quälende Alliierte ward der Verlassenen untreu, als die Tartane am siebenten Tage bei Galata vor Anker ging. Der Kapitän besaß dort ein leidlich wohnliches Haus. Rosabella ward ohne Verzug in den Harem geführt und begegnete den giftigen Blicken dreier bisher beglückter Nebenbuhlerinnen, und dem griesgrämigen ihres Wächters, eines schwarzen Eunuchen, der mit seinem Gebieter um den Preis der Häßlichkeit konkurrieren durfte.

Sidi Mehmed erneuerte innerhalb seiner vier Pfähle seine Liebesbewerbungen mit einer wahren rabbia, konnte es aber auch durch die gewandtesten Schiffsmanöver nicht dahin bringen, die kapriziöse Brigg zu entern. Sie machte ihn mit ihren Launen halb toll. Er erklärte es für den ärgsten Mißgriff in seinem Leben, die Hände nach dem eigensinnigen Mädchen ausgestreckt zu haben, und schalt sich einen Tölpel, daß er sie dem Vater nicht gleich beim ersten Gebote zuschlug. Halb und halb war er schon entschlossen, die widerhaarige Prinzessin auf den Sklavenmarkt zu schicken und um jeden Preis zu verkaufen; anders jedoch stand es im Buche des Schicksals geschrieben.

Die bisherigen Erfahrungen hatten Sidi belehrt, daß Geschenken eine ausnehmende Überredungskraft inne wohne, eine um so wirksamere, je kostbarer sie wären. So hatte er denn auch in der ersten Periode seinen Huldigungen Ohrringe, Kachemirs, Goldstoffe und Perlen-Kolliers als Wortführer seiner Leidenschaft an die eisige Schöne abgesandt. Eine Jüdin, Namens Lea, welche einen ausgebreiteten Handel mit Frauenschmuck trieb, aus diesem Grunde in allen Harems Zutritt hatte, bei Gelegenheiten Heiraten zu stiften suchte und überhaupt durch eminentes Talent zum Einfädeln einer Herzensintrigue berühmt war, hatte jene Kostbarkeiten geliefert und beim Überbringen ihre Zungenfertigkeit im Preisen des Gebers auf das Eklatanteste bewahrt. Mit wie ungünstigem Erfolge, ist uns bereits bekannt. Ein Frost aber, welchen weder die Sonnenstrahlen der Diamanten, noch der Mondglanz der Perlen zu schmelzen vermochte, war ihr in langjähriger Praxis noch nicht vorgekommen. Sie teilte das Phänomen ihrem Vetter, dem Opium-Lieferanten des Dey von Tunis unter dem Siegel der Verschwiegenheit mit, der Vetter einem Ischoglan oder Pagen, dieser einem schwarzen Verschnittenen, der Eunuch dem Leibpfeifenstopfer, der letztere dem Dey. Dieser Bericht erweckte im zweiundsiebzigjährigen Herzen Sr. Hoheit eine unbezwingliche Neugier, das besprochene Meerwunder kennen zu lernen. Er sandte deshalb an einem schönen Morgen vier schwarze Sklaven mit einer haltbaren, grünseidenen Schnur an Sidi Mehmed Ben-Hamet. Letzterer machte beim Anblick des verhängnisvollen Präsents eine tiefe Verbeugung, setzte sich auf dem Polster mit gekreuzten Beinen zurecht, lobte Gott und dessen Propheten, und legte sich eigenhändig die Schlinge um den Hals. Mit bewunderungswürdiger Schnelligkeit und Akkuratesse drehten die Neger zu, und gewährten ohne weitern Gewaltstreich, bloß durch ihre geschickte Manipulation, der Hoheit das Vergnügen, Prinzessin Rosa ihrem Harem einverleiben zu können. Ich muß nämlich befürworten, daß der Dey während der Sommermonate mit seinem vollständigen weiblichen, männlichen und halbmännlichen Hofstaat in Galata residierte, und daß nach einem alten, löblichen Herkommen die beweglichen und unbeweglichen Güter der Hingerichteten dem Fiskus anheimfallen. Fiskus heißt aber auf Tunesisch der Dey.

So sah sich denn unsere Heldin nach Verlauf von zwei Wochen aus den Klauen des Piraten befreit und in einen standesmäßigen Harem versetzt. Statt einer Sklavin hatte sie fortan deren zwölf zur Bedienung, statt eines Eunuchen ein volles Dutzend zu Wächtern, statt drei Rivalinnen zweiundsiebzig. Die wollenen Tapeten ihres Gemachs hatten sich in goldgewirkte umgewandelt. Von der Decke hing ein Schock Straußeneier. Mit Scherbet und Konfitüren durfte sie sich den Magen nach Herzenslust verderben. War das arme Kind deshalb aber besser dran?

Der Dey von Tunis, Muley Achmet, war, wie bereits erwähnt, ein Zweiundsiebziger, welchem eine dreifache Pilgerfahrt nach dem heiligen Kaaba den Ehrentitel el Hadschi errungen hatte. In seiner Jugend war er Wasserträger gewesen. Eine eminente Fertigkeit im Kopfabschlagen hatte die Augen des vorigen Dey auf ihn gelenkt. Späterhin, nachdem Muley Achmet zum Vezier befördert worden, hatte der Beschützer Gelegenheit, sich von der ausgebildeten Technik seines Zöglings zu überzeugen, indem letzterer ihn mit höchsteigener Hand köpfte, und sich hierauf ohne Widerrede zum Herrscher proklamierte. Seitdem regierte er mit Gewandtheit und Energie.

Rosabella fand Gnade vor den Augen des Muley Achmet el Hadschi. Nach den ersten vierundzwanzig Stunden ihrer Installierung empfing sie das Patent als Favorite, und der Dey versäumte keinen Tag, die Zeit zwischen dem dritten und vierten Gebet bei ihr zuzubringen. Daß er ihr den Hof auf eine andere Manier als jener ungeschliffene Pirat machen würde, ließ sich von seinem gesetzten Alter erwarten. Mehr jedoch als dieses, legte seine übermächtige Korpulenz den leiblichen wie geistigen Anstrengungen Hemmzügel an. So begnügte er sich denn damit, sich vis-à-vis der Schönen auf den Divan nieder zu lassen, sie mit seinen kleinen, im fetten, gedunsenen Gesicht fast verquollenen Augen anzublinzeln, von Zeit zu Zeil seinen weißen, bis auf den Magen hinabreichenden Bart zu streicheln, und ihr Tabakswolken aus einer sieben Schuh langen Pfeife ins Gesicht zu blasen. Wenn er in das Gemach der Principessa trat, versäumte er niemals sein: Allah akbar! d. h. Gott ist groß, mit andächtiger Miene zu stöhnen; dasselbe, wenn er sich empfahl – darauf beschränkte sich die ganze Konversation. Gähnte Rosabella ihm unverhohlen ins Gesicht, so meinte er, es geschehe aus Koketterie, um ihre Perlenzähnchen zu zeigen. Schlief sie ein, so schwelgte er in dem süßen Wahne, sie schwimme in ekstatischer Verzückung für ihn. Jammerschade, daß der Dey seine Bestimmung verfehlt hatte – zu einem italienischen Ehemann war er wie geboren. Freilich hätte Rosabella dann ihre Zeit besser benutzen können.

An dem äußersten Ende des zum Harem gehörigen Gartens lag ein von Palmen und Platanen beschatteter Kiosk. Er hatte die Aussicht auf den Hafen von Galata, seine Fenster waren aber durch hölzernes Schnitzwell dicht vergittert, so daß die Frauen ins Freie sehen konnten, ohne gesehen zu werden. Dieser reizende Versteck war Rosabellas Lieblingssitz während der Freistunden, in denen ihr zweiundsiebzigjähriger Anbeter sie nicht einräucherte. Das Gewimmel des Hafens, das Durcheinanderwogen der seltsamen, bunten Gestalten, des schwarzen Negers und des schlanken Arabers, des stattlichen Türken, wie des fränkischen Handlungsherrn, das Landen und Abstoßen der Barken, das Ein- und Ausladen der Ballen ließ sie auf Augenblicke wenigstens ihren Gram vergessen.

Ein größeres Kauffahrteischiff war seit kurzem vor Anker gegangen. Es hatte für Rechnung Selims, eines der reichsten Handelsleute von Gallata, geladen. Jetzt wurde der Raum geleert und die Kisten und Fässer in den unfern gelegenen Speicher gebracht. Einige zwanzig Sklaven, schwarze wie weiße, dienten dabei als Zugvieh, als ihr Treiber, ein boshafter Maure, ein unermüdlicher Kameriere, welcher es nicht satt bekommen konnte, von Sonnenaufgang bis in die sinkende Nacht den Staub aus den Jacken seiner Untergebenen mittelst eines armdicken Bambusrohres zu klopfen. Wer sein Purgatorium auf Erden abzubüßen Lust hat, beliebe sich gefälligst von den Barbaresken gefangen nehmen zu lassen. Er erspart seinen Angehörigen vieles Geld für Seelenmessen, und hat die unzweifelhaftesten Ansprüche auf schnelle Beförderung ist den Himmel.

Unter den Gefangenen, welche täglich vorübergetrieben wurden, war Rosabella ein junger, schlanker Schwarzkopf mit vornehmfeinen Zügen aufgefallen. Trotzig ertrug er sein Elend, und weder die übermenschlichen Anstrengungen, noch die grausamsten Mißhandlungen seines Peinigers vermochten ihm ein Wort, einen Seufzer zu erpressen. Rosabella fühlte das innigste Mitleid mit dem schönen, bleichen Jüngling; jeder Schlag, welcher auf seinen Rücken krachte, war ihr ein Stich durchs Herz. Sie vergaß ihr eigen Unglück über das größere des Fremdlings.

Als die Sklaven eines Tages von dem Waarenmagazin leer zurückkehrten, vernahm Rosa, wie einer der Leidensgefährten dem jungen Manne einige italienische Worte zurief, und dieser mit einem kurzen, raschen » No« antwortete. Er verstand demnach ihre Sprache, mußte ihr Landsmann sein, und wurde ihrem Herzen nur noch teurer.

Denkt Euch ein junges, sechzehnjähriges, lebendiges Mädchen, eine Italienerin, ihrem Vaterlande entrissen, eingesperrt, auf jedem Schritt und Tritt von schwarzen Ungeheuern bewacht, von keinem Menschen verstanden, keinen verstehend, täglich in Verzweiflung gebracht durch den Anblick des widerwärtigsten aller Amanten – und Ihr werdet mir einräumen, daß es wirklich hätte wunderbar zugehen müssen, wenn sie sich nicht in den ersten acht Tagen zum Sterben in den jungen Mann verliebt hätte, gesetzt auch, er wäre nicht einmal halb so hübsch gewesen, als er in der That war. Ebenso werdet Ihr mir zugestehen, daß der bloße Anblick eines mit gewichtigen Prügeln täglich überschütteten Geliebten einer Liebenden schwerlich auf die Länge genügen könne, und daß ihr ganzes Denken und Sinnen sich darauf richten müsse, auf welche Weise der junge Mann von seiner gemachten Eroberung in Kenntnis zu setzen, wie ein näheres Verhältnis herbeizuführen sei. Eine verteufelt kitzlige Aufgabe. In Tunis gehen die jungen Damen nicht in die Messe, dort wird kein Weihwasser gereicht, dort ist von keinem Karneval die Rede, dort giebt es keine mitleidigen Blumenstraußverkäuferinnen, keine dienstfertigen verschmitzten Gondoliere, nicht eine von allen den Brücken, welche sich hierzulande zwischen zwei getrennte Herzen aufschlagen lassen, oder wenigstens, in meiner Jugendzeit, aufschlagen ließen. Wie es jetzt hergeht, weiß ich nicht mehr zu sagen. Ich bin ein alter Mann und habe jenen süßen Schnurrpfeifereien schon seit einem halben Jahrhundert valet gesagt. – Ja, was ich sagen wollte, in Tunis, da ist es anders. Da sitzen die Frauen hübsch ruhig und abgeschieden in ihrem Gemach, und unbefugte Kourmacher werden ohne weitere Komplimente gespießt. Das ist dort so in der Ordnung.

Unsere kleine Principessa konnte sich nun zwar nicht verhehlen, daß ihre Leidenschaft so ziemlich an Wahnsinn grenze, – sie deshalb aber zu unterdrücken, fiel ihr nicht einmal im Traume ein. Unmöglichkeit ist ein Wort, welches im Lexikon eines sechzehnjährigen, verliebten Mädchens total fehlt.

Eine vollkommene Woche verbrachte Rosabella mit dem Schmieden der abenteuerlichsten Pläne – bloß um den achten Tag sämtliche als unausführbar wieder zu verwerfen. In ihrer Seelenangst warf sie sich auf die Kniee, betete zu ihrer Schutzpatronin und gelobte ihr, wenn diese ihr zu einem halbwege praktischen Einfall, durch den sie die Freiheit erlangen könne, verhelfen wolle, ein Paar Wachskerzen, welche dem Dey an Dicke um keinen Daumenbreit nachgeben sollten. Da durchzuckte sie ein Gedanke, wie ein Blitz – die Heilige hatte ihr Flehen vernommen, erhört.

Rosabella hatte bei ihrer Entführung ihr Gebetbuch gerettet. Zu jener Zeit herrschte nämlich die löbliche Sitte, daß jedes junge Mädchen von früh bis spät die Litanei mit sich in der Tasche führte, um den Bösen unverzüglich in den Augenblicken der Versuchung mit jener geweihten Waffe bekämpfen zu können. Diesmal sollte das Gebetbuch ihrer Liebe als Dolmetscher dienen. Zuvörderst bat sie die beteiligten Heiligen, der notgedrungenen Profanation halber, inständigst um Verzeihung, riß dann die letzten Blätter ab, schnitt die einzelnen Buchstaben aus, setzte sich mittelst dieses Alphabets die Worte zusammen, welche sie dem jungen Manne wissen lassen wollte, und klebte sie mit Gummi auf ein Platanenblatt. Wir haben schon berichtet, daß Rosabella durch ihre Erziehung keinesweges berufen war, um als Schriftstellerin zu glänzen. Es war daher eine mühselige Arbeit. Am meisten grämte sich jedoch die Setzerin, daß der mangelnde Raum ihr eine lakonische Kürze vorschrieb. Folgende Worte pappte sie auf:

»Ich heiße Rosabella di Testa-Capriola, bin sechzehn Jahre alt, Gefangene im Harem des Dey, und frage, ob Ihr Euch und mich retten wollt. Für Geld kann ich sorgen. Kreuzt Ihr im Vorübergehen die Arme über die Brust, so nehme ich es für ein Zeichen der Einwilligung.«

Für ihr Leben gern hätte die Prinzessin, um den Eifer des Befreiers zu spornen, noch einen kleinen Steckbrief von sich angefertigt, und unter anderm bemerkt: wie ihre schwarzen Haare allgemeine Bewunderung erregt, daß ihre Zähne blendend, ihr Mund proportioniert, die Taille zum Umspannen wäre – auf ein Platanenblatt ließ sich jedoch nicht viel schreiben, und dann bedachte sie noch, daß die Erwähnung der sechzehn Jahre wohl hinreichende magnetische Kraft besitzen werde, um so mehr, da es sich nicht erwarten ließ, daß der Dey sich die Mühe gegeben haben sollte, eine Häßliche einzusperren – die gehen überall frei aus.

Nun lauerte die Kleine mit hochschlagendem Herzen auf einen günstigen Augenblick, in welchem sowohl sie, als auch der Gemeinte weniger beobachtet werden würden – glücklicherweise fand er sich schon den nächsten Tag. Der Fremde kehrte sinnend, das dunkle Auge auf die Erde geheftet, von dem Speicher zurück. Rosabella rollte das Blatt zusammen, schob es durch eins der kleinen Luftlöcher und beschwor alle Zephyre, es richtig an die Behörde abzuliefern – sie waren so galant. Der Brief flatterte dicht vor die Füße des Italieners. Dieser hob ihn rasch auf, warf einen scheuen Blick um sich und steckte das Blatt hastig in den Busen.

Gegen Abend war es ihm gelungen, die etwas anomale Orthographie der Prinzessin enträtselt zu haben. Ohne das Auge aufzuschlagen, faltete er im Vorübergehen die Arme zum Kreuz. Eine leichte Röte überflog sein schönes Antlitz. Rosabella fühlte sich im siebenten Himmel.

Am folgenden Tage wagte die Liebende den Versuch, ihrem neuen Freunde die ersten Subsidien zu dem bevorstehenden Befreiungskriege in die Hand zu spielen. Jede Odaliske empfängt nämlich ein monatliches Nadelgeld. Die Mehrzahl der Frauen legt es zurück, und erstattet es ihrem Herrn und Gebieter, um sich bei ihm einzuschmeicheln. Rosabella fühlte zu dieser captatio benevolenciae, wie die Lateiner sagen würden, wenig Beruf, und zog es vor, ihr Geld im eigentlichsten Wortsinn aus dem Fenster zu werfen. Sie bröckelte von dem Holzgitter so viel los, um ihr Händchen durchzwingen zu können, wickelte zehn Zecchinen in ein Tuch, und schleuderte das Päckchen dem Erkornen zu. Die Geldsendung lief weniger glücklich als die briefliche ab. Sie fiel dem Sklaven-Aufseher dicht vor der Nase hin. Dieser langte hurtig darnach, verdrehte seinen langen, braunen flechsenreichen Hals wie ein Kranich, schüttelte verdutzt den Kopf, mutmaßte, da er den unbekannten Wohlthäter nirgends entdecken konnte, daß dies Präsent ihm unmittelbar aus den Wolken zur Belohnung seiner Frömmigkeit zugefallen sei, lobte Gott und den Propheten, und prügelte kannibalischer als jemals auf seine Sklaven los. Rosabella war untröstlich.

Es dürfte wohl kaum einen unter Euch, meine verehrten Zuhörer, geben, welcher nicht jene reizende Episode im Don Quixote, ich meine die Erzählung des Gefangenen, der die schöne Zoraide, Tochter des reichen Mauren Agimorata, entführte, auswendig wisse und nicht mit sich und mir darüber einverstanden wäre, daß alle die tausend und aber tausend Nachahmungen jener ersten aller Novellen, mit ihr verglichen einen ziemlich faden Beigeschmack hatten. Auch gleichen sie sich alle, wie ein Centesimo dem andern. Eine verliebte Gefangene, ein schöner junger Dito, ein hilfreicher Renegat, ein geprellter Dey oder Bey – das ist immer und ewig das alte Lied, und wenn Euch diese Erzählung nicht so recht munden will, so bin ich der letzte, der es Euch verdenkt. Ich bitte nur inständigst, mir auf mein ehrliches Gesicht hin zu glauben, daß es mir nicht in den Sinn kam, mit Cervantes konkurrieren zu wollen, daß gleiche Motive notwendig auch ähnliche Bilder geben müssen, und daß Ihr mir nur noch einen Augenblick Gehör schenket und mit dem Rücken Eurer Rohrsessel anstehet, bis ich die Geschichte beendet habe. Sie ist ohnehin gleich aus.

Ich war bei der trostlosen Rosabella stehen geblieben. Sie begriff nur allzuwohl, daß sie ihre Zwecke niemals erreichen könne, so lange sie isoliert dastände. Ein Mittelsperson mußte gefunden werden. Ihr Wahl fiel auf die Jüdin Lea, auf dieselbe, durch deren mittelbare Empfehlung sie dem Harem des Deys eingebürgert wurde; – eine bessere aber konnte die Principessa nicht treffen. Abgerechnet das jederzeit rege Mitgefühl mit den Schmerzen unglücklicher Liebe, so war Lea auch ganz die Frau, um die drei Erzväter für einen Para zu verschachern. Eine schönere Gelegenheit zu einem Geschäftchen bot sich aber nicht so leicht dar.

Nach wenigen Tagen hatte Lea bereits ermittelt, daß der Italiener ein Venetianer Nobile sei, Gaetano Pesaro heiße, und als jüngerer Sohn in den Malteser-Orden habe treten müssen. Auf seiner ersten Karavane stürzte er beim verunglückten Entern eines Barbaresken-Piraten ins Meer, ward von den Mauren aufgefischt und nach Tunis geschleppt. Seine Ranzion war auf sechstausend Zechinen angesetzt. Der Orden aber löste keinen seiner Ritter aus, und der ältere Pesaro ließ wenig Lust spüren, seine Schatulle zu Gunsten des Johanniters leichter zu machen. Es war schon das dritte Jahr, seit Gaetano im Bagno schmachtete.

Mit unermüdlichem Eifer wurde nunmehr die Versilberung aller Pretiosen und beweglichen Effekten von seiten der Frauen begonnen, um das Lösegeld für den Venetianer und seinen Freund Rainiero Sperone zu erlangen. Zwei mußten nämlich losgekauft werden, wenn die Entführung glücken sollte, und Gaetano hatte den Genannten als das passendste Werkzeug bezeichnet. Die Geschenke Sidi Mehmeds, wie die des Muley Achmet wanderten durch Leas Hand. Armbänder, Perlen, Ohrgehänge – kurz, was Gold war und Goldeswert hatte, mußte über die Klinge springen. In acht Wochen war die erforderliche Summe beisammen, trotzdem, daß die ehrliche Jüdin die Hälfte wenigstens für ihre Mühewaltung zurückbehalten hatte. Die Gefangenen wurden ranzioniert. Ein Boot, welches sie nach einem auf der Reede liegenden französischen Kutter bringen sollte, lag im Hafen bereit. Die nächste Nacht war zur Befreiung der Prinzessin anberaumt. Sie sollte sich eine halbe Stunde nach dem Abendgebet nach dem Pavillon verfügen. Für Leitern, Brecheisen, Waffen, für den ganzen Entführungsapparat war gesorgt – es fehlte an nichts.

Meine Damen und Herren! Wie ich in alten Büchern gelesen, war es in Rom zur Heidenzeit Gebrauch, daß in den Kampfspielen, wo auf Tod und Leben gefochten wurde, der Sieger, ehe er dem Überwundenen das Schwert in die Brust stieß, zu den Zuschauern aufblickte und ihre Einwilligung vorher einholte. Hielt die Mehrzahl den Daumen der rechten Hand aufwärts gekehrt, so war dies ein Zeichen, daß sie den Gegner begnadigt wünschte, drückte sie ihn niederwärts, so hieß es: Stoß zu! Ich befinde mich in gleicher Lage mit den römischen Gladiatoren. In Eurer Macht liegt es, Don Gaetano den Pavillon glücklich ersteigen, und ihn mit seiner Inamorata glücklich entkommen zu lassen, oder irgend einen verräterischen Eunuchen aufzurütteln. Entscheiden Sie gütigst.

Sie schweigen? Sie stimmen weder für noch gegen? Wohlan denn, so trete die historische Wahrheit in ihre Rechte und der letzte, traurige Fall ein.

Der Verschnittene erwacht beim Gepolter der erbrochenen Gitter. Das liebende Paar wird, noch ehe es sich die ersten Komplimente gemacht hat, noch eh' Gaetano von seinem Erstaunen über Rosabellas Schönheit zu sich gekommen ist, gepackt, auf Befehl des erbosten Deys in einen weitläuftigen Sack gesteckt und in eine Barke geworfen. Was das Paar bei diesem forzierten Rendez-vous verabredet, darüber kann ich, da kein Dritter in diesem Bunde zugelassen wurde, nichts berichten. Ich weiß nur, daß der Kahn eine Viertelstunde weit in die See sticht, daß der Sack über Bord geworfen wird, daß die aufgeregten Wellenringe sich wieder verziehen, und die Henkersknechte mit größter Gewissensruhe nach Galata zurückrudern.

Sie entsetzen sich, meine teuern Zuhörer? Ihre Stirnen bewölken sich? Sie zürnen mir? Ich bitte, ich beschwöre Sie, konnte ich denn anders? Ein Wink von Ihnen, und ich hätte das liebende Paar mit vollem, steifem Winde nach der Villa des Prinzen Testa-Capriolo geführt, ihnen den väterlichen Segen erteilen lassen, den Nobile Pesaro zum Dogen von Venedig, die schöne Rosabella zur Dogaressa gemacht, ihren Kindeskindern das Leben bis auf den heutigen Tag gefristet. Sie allein, meine verehrten Gönner, sind an allem Elend schuld, Sie allein haben es zu verantworten, wenn sich die Haifische an dem Zwillichsacke, welcher die Unglücklichen umschließt, die Nasen wund stoßen, wenn die Jüdin Lea unbarmherzig erwürgt, und der alte Principe vom Deckel seines Geldkastens erschlagen wird.

Ich für meinen Teil wasche meine Hände in Unschuld, und habe die Ehre, Ihnen allerseits eine gute Nacht zu wünschen.

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