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Venetianische Novellen

Franz Freiherr von Gaudy: Venetianische Novellen - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
authorFranz Freiherr von Gaudy
titleVenetianische Novellen
publisherBibliographische Anstalt
addressBerlin
year1890
firstpub1838
seriesFranz Freiherrn Gaudys poetische und prosaische Werke
volumeFünfter Band
printrunNeue Ausgabe
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100824
projectid2aeb9a63
status1
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Gianettino l'Inglese

Nach den Niederlagen, welche der österreichische General Bianchi dem König Murat im April des Jahres 1818 bei Ferara, und kurz darauf in den ersten Tagen des Mai unfern von Macercata beigebracht hatte, zerstreute sich das, in der Eile zusammengeraffte, neapolitanische Heer nach allen Richtungen hin. Die Mehrzahl warf ihre Waffen von sich und suchte in wilder Flucht auf den über die Apenninen und Abruzzen führenden Straßen ihre Heimat zu erreichen. Nachzügler, welche die Engpässe bereits von Feinden besetzt fanden, durchstreiften in kleineren oder größeren Abteilungen unter einem aus ihrer Mitte gewählten Führer das Flachland, und wurden aus schlechten Soldaten ganz vorzügliche Räuber. Die Landstraße war noch zu keiner Zeit unsicherer gewesen, und die zahlreichen Detachements der Österreicher, welche die Provinz unaufhörlich durchzogen, vermochten nur unvollkommen dem Unwesen zu steuern, indem die Briganten nicht allein durch genaue Ortskenntnis den Eifer ihrer Verfolger zu hintergehen wußten, sondern auch nur allzuoft in dem Landmann, der in den Rächern nur den fremden Eindringling sehen wollte, einen nachsichtigen Warner und Hehler fanden.

Zu jener Zeit begab es sich, daß ein hochbepackter Reisewagen auf dem Wege zwischen Bologna und Florenz schwerfällig über den Kamm der Apenninen zog. In allen den kleinen, schmutzigen Dörfern, welche über den Bergweg verstreut sind, standen die Einwohner auf den Schwellen und starrten mit stumpfer Neugier auf die Vorüberziehenden, auf die vier schwerbewaffneten Karabiniere, welche die Reisenden in Bologna zu ihrem Schutz gedungen, und die jetzt ihre Gäule am Zügel führend, den jähen Abhang mühselig mit ihren hohen Steifstiefeln erklommen, auf den schweren Wagen mit Vache und Felleisen, mit Mohr und Kammerjungfer auf dem Bock, auf die fünf, unter der Peitsche des Postknechts seufzenden Pferde, welche nicht imstande waren, die mächtige Last den steilen Bergpfad hinanzuwinden, und zu deren Hilfe am Fuße einer jeden neuen Anhöhe ein Zug silbergrauer, zu diesem Zwecke in Bereitschaft gehaltener Stiere vorgehängt wurde.

Jene elenden Dorfschaften auf den Apenninen sind das unheimlichste, was man sich nur denken kann, wahre Räuberhöhlen. Graue, rauchschwarze, von verwittertem Stein erbaute Häuser mit morschen Dächern und kleinen mit Lumpen verstopften Fenstern, vor denen zerrissene Wäsche hängt, oder hier und da ein kümmerlicher Blumentopf vegetiert, enge finstere Gassen, durch welche der Wagen sich kaum zu winden vermag, zerfallene steinerne Treppen, auf denen das schwarzbraune zerlumpte Gesindel hockt, Männer, die dem Fremden und seiner Habe mit boshaft habsüchtigen Blicken nachstieren, selten ein junges, strohflechtendes Mädchen, desto häufiger scheußliche alte Weiber und nackte Kinder, die den Wagen mit widrigem Geheul umschwärmen, um der Madonna willen betteln, und so oft sie sich in der Erwartung getäuscht finden, dem Reisenden gellende Verwünschungen nachkreischen: dies ist das Schauspiel, welches in jedem dieser Ortschaften sich wiederholt. Mißtrauisch biegt sich der Fremde aus dem Wagen, um sich zu vergewissern, ob Koffer und Mantelsack noch nicht abgeschnitten worden sind, und atmet erst frei auf, so wie er das dunkle Häusergewirr hinter sich weiß.

Es war einer von jenen ernsten, kalten Inselbewohnern, Sir Robert Fitz-Alvyne, welcher mit seiner Gattin, Lady Penelope, und seinem vierjährigen Sohne Johnnie den innern Raum der Karosse einnahmen. Im Vertrauen auf seine Waffen und die gleichfalls mit Gewehr versehene Bedienung, hatte der Baronet keinen Anstand genommen, die Reise fortzusetzen. Alle die Gerüchte, welche ihm von der Unsicherheit der Straßen, und der ebenso zahlreichen als verwegenen Bande des Pippo Ceccarelli, der sie gefährden sollte, zu Ohren gekommen waren, glaubte er entweder als gänzlich aus der Luft gegriffen, oder mindestens übertrieben verwerfen zu dürfen; er schrieb den größten Teil der Abmahnungen auf Rechnung des Eigennutzes seines Wirts in der Aquila nera zu Bologna, und war nur mit Mühe durch die inständigsten Bitten der Lady zu bewegen, daß er sich die Eskorte der Karabiniere bis nach dem Florentinischen Grenzzollamt Filigara gefallen ließ.

So hatten die Reisenden langsam die Höhe der Apenninen erreicht. Der Weg wand sich durch herrliche Kastanienwälder, welche auf dem Gebirge noch in voller Blüte standen, nachdem in der Ebene ihre Flüchte schon längst gereift waren. Unter ihrem Schatten weidete hier und dort eine verstreute Ziegenherde, deren verschlafener Hirt vom Rollen des Wagens erwachte und die faulen Glieder dehnte – sonst war aber kein Mensch,weit und breit zu sehen.

Sir Robert schob ein langes Perspektiv auseinander, ließ den Wagen halten, legte das Fernrohr phlegmatisch erst zum rechten, dann zum linken Wagenschlag hinaus und visierte schweigsam vom Berggipfel aus, über die teils waldigen, teils kahlen Höhlen und Abhänge, welche sich allmählich dem Thale zu verflachten und auf den einzelnen Spitzen ein Kapellchen trugen, in die Ferne. »Wohl, sehr wohl!« sprach er. »Das Thyrrhenische Meer rechts – das Adriatische links – mit einem Blick. Erste Merkwürdigkeit auf der Tour – werden zwischen Filigara und Pietromala auf die zweite stoßen, Lady – an den Monte di Fo – kleiner Vulkan – Flamme sechs Fuß hoch – nur bei Nacht sichtbar – unterirdisches Getöse.« – »Wohl, sehr wohl, Sir!« antwortete die Lady, und seufzte aus beklommener Brust beim Anblick der vielen Holzkreuze, die zu beiden Seiten der Straße standen und den Wanderer mahnten, für das Seelenheil der hier Erschlagenen ein Pater zu beten.

Der Zug setzte sich wieder in Marsch und bog um die Ecke. Auf der einen Seite des Hohlweges erhob sich ein Fels, auf dessen Spitze etliche Granatenbüsche und Ginsterstauden schwankten. Da fiel ein Schuß. Der Postillion stürzte mit zerschossener Kniescheibe vom Pferde und heulte erbärmlich. Die Karabinieri saßen blitzschnell auf, richteten ihre erschrockenen Blicke nach dem Ort, wo der Pulverdampf zerfloß, gewahrten ein Dutzend im Sonnenschein blinkender Flintenläufe, wandten ihre Gäule und jagten, als ob sie die ganze Hölle auf ihren Fersen hätten, davon. Die Eskortengelder waren pränumerando gezahlt worden – konnte man also von den friedlichen Helden verlangen, daß sie sich noch für ihre Schützlinge totschießen lassen sollten? Die Ochsentreiber hatten schon früher die Stränge abgeschnitten und das Weite gesucht. Mit raschen Sätzen sprangen einige zwanzig sonnenverbrannte Kerle mit spitzen, bandumflatterten Hüten, die Muskete in der Faust, Dolch und Pistolen im Gürtel, vom Felsen in den Hohlweg hinab. Der Vorderste warf sich an den Wagen, riß den Schlag auf und schrie dem Engländer das bekannte: faccia in terra! zu. Statt aller Antwort feuerte der Baronet, ohne eine Miene zu verziehen, ein Pistol auf ihn ab, verfehlte zwar den Hauptmann, faßte aber dagegen den Hinterstehenden um so schärfer. Matteo stürzte mit zerschmettertem Kopf gegen die Steine. Eh' jedoch der Engländer das zweite Pistol ergreifen konnte, war er ziemlich unsanft aus dem Wagen gerissen, zu Boden geworfen und nach einigen nachdrücklichen Kolbenstößen und Fußtritten geknebelt worden. Lady Penelope lag in Ohnmacht, der kleine Johnnie umfaßte schreiend ihre Kniee. Das Kammerkätzchen hatte in der Todesangst die Arme um den nebensitzenden Mohren geschlungen, drängte sich fest an ihn, als wolle sie ihr bleiches Gesichtchen in der Nacht des Afrikanischen begraben und dergestalt unsichtbar werden, während Ali sich vergebens wand, die würgende Umarmung abzuschütteln und seinem Herrn zu Hilfe zu eilen.

In fünf Minuten waren Koffer und Mantelsäcke vom Wagen geschraubt, geschnitten und aufgesprengt – Briganten besitzen in solchen Affairen eine ausnehmende Handfertigkeit – und Kleider, Wäsche, Damenhüte, Shawls, Toilettengegenstände lagen in bunter Verwirrung quer über der Straße – jeder Liebhaber langte zu. Endlich schrie der Hauptmann, welcher eine spezielle Visitation der Taschen des Wagens, wie deren des sehr edlen Baronets angestellt hatte, der Bande zu: »Nichts als Plunder, nirgends Gold! Diese verdammten Engländer führen nichts als unleserliche Kritzeleien bei sich. Einerlei, so mögen sie für uns zum Wechsler traben. – Signora!« schrie er der Lady ins Ohr. » Corpo di Madonna! Sie liegt noch immer in Ohnmacht. Heda, Antonio, gieb mir die Branntweinflasche. Aufwachen muß sie, und sollte ich sie mit dem Messer kitzeln. Halt, der Branntwein wirkt schon. Signora werden nach Florenz fahren – verstanden? – Was schreien Sie? Wer thut der Signora etwas zu Leide. Ich bin ein Galant uomo. Also Signora werden innerhalb zwei Tagen – heute ist Mittwoch – verstanden? – eintausend Doppien, wohlgezählt, in der sechsten Stunde – ich meine in der dritten Stunde nach Mitternacht, nach französischer Uhr – man muß den Balordi-Milordi alles haarklein vorsagen, sonst geben sie nichts als Tölpeleien an – also in der dritten Stunde nach Mitternacht werden Madonna tausend Stück Doppien in einem Sack bei dem nächsten Obelisk an der Kirche Santa Maria Novela zu Florenz niederlegen lassen. Verstanden? Ich meine den Platz, wo die Wagen rennen. Wißt Ihr's nicht, so fragt – jedes Kind giebt Euch Bescheid. Still, kein Wort! – Damit aber Signora sich in der Bestürzung nicht etwa zu unserem Schaden verrechne, so bleibt der Herr Gemahl und der Bambino so lange bei uns. Ich will den Sack schon gemeinschaftlich mit dem Milordo überzählen. Still, sage ich. Wir sind ehrliche Leute, und ich bin der Pippo Ceccarelli. Wer kann von ihm sagen, daß er jemals sein Wort gebrochen habe? Also tausend Napoleoni, Signora, nicht eine Grazie drüber oder drunter – eine Lumperei für einen Milordo und seinen Sohn. Schweigt, sage ich. Der Matteo dort, war er ein Hund, um sich von einem englischen Ketzer ohne Beichte und Absolution totschießen zu lassen. He? Macht mich nicht wild. Und nun fort – die Zeit ist edel. Wozu das Abschiednehmen, das Weinen? Kinderei. Zahlt, zählt richtig und in achtundvierzig Stunden habt Ihr die beiden wieder. Seid aber pünktlich, das rate ich, wo nicht, so laßt nur immerhin ein Dutzend Seelenmessen für die Eurigen lesen – doch ich vergaß, daß Ihr Ketzer seid. Gleichviel. Pippo Ceccarelli spaßt nicht. Und nun zieht mit Gott,«

Der Brigante riß den vergeblich sich sträubenden Knaben aus dem Arm seiner Mutter, warf ihn leicht wie einen Bündel über die Achsel und sprang wie eine Gemse die Bergwand hinan. Die übrigen Räuber richteten den Baronet auf und trieben ihn hurtig mit sich fort. Es ging rasch. Der Milordo schwur keuchend und im breitesten Italienisch: er habe sein lebelang noch keine englische Meile zu Fuß gemacht – er sei kein Epsomer Wettrenner. Eine gespannte Pistole, welche ihm mit einer verteufelten Miene an die Schläfe gesetzt wurde, schlug alle Einwendungen nieder und beflügelte seine Schritte. Er trabte zuletzt ganz wacker.

Unterdessen war es dem Mohren Ali gelungen, sich aus dem Arm der nervenschwachen Kammerjungfer zu ringen, den verwundeten Postillion auf den Bock, den Rest des wohl oder übel zusammengerafften, chiffonierten Flitterstaats seiner Herrin in den Wagen, und sich auf den Sattelgaul zu werfen. Dann hieb er ganz barbarisch auf die Pferde los. Gegen Abend waren sie bereits in Florenz. Mylady hatte sich nicht bei der zweiten Merkwürdigkeit des Weges, bei dem feuerspeienden Berge aufgehalten; ebenso wenig war sie aber auch von der Dogana zu Filigare aufgehalten worden. Die Beamten der letzteren hatten so viel Einsehen, daß die Ährenlese für patentierte Spitzbuben nach der Ernte der unpatentierten selten viel abwerfe.

Lady Penelope war gleich nach ihrer Ankunft zu dem englischen Gesandten geeilt und hatte ihn in ihrer Verzweiflung beschworen, sie ohne Verzug zu dem nächsten Friedensrichter zu führen, um dort den gottlosen Briganten verklagen zu können. Giltige Zeugen könne sie stellen, den Mohren Ali und die Kammerjungfer Arabella. Der Ambassadeur ließ sie, ohne sein Gesicht zu verändern, austoben und bedeutete sie hierauf: der beste Rat, den er in diesem verdammten Lande – in einem englischen Munde ist nämlich das Epithet verdammt von Italien unzertrennlich – ihr geben könne, sei: das Geld bei Schilling und Pence auf die Piazza di Maria novela zur bestimmten Stunde tragen zu lassen. »Der sehr ehrenwerte Baronet,« setzte er hinzu, »ist in den Händen eines römischen Räubers, wir Mylady, befinden uns aber dermalen bekanntlich in Toskana. Man könnte zwar zu dem päpstlichen Stuhl Rekurs nehmen, und dieser würde gewiß nicht Anstand nehmen, sich mit der Delegation von Bologna, der bewußten Entführung halber, in Korrespondenz zu setzen.« – »Ah, ich atme auf!« rief die sanguinische Lady. – »Hierauf wäre es auch nicht unwahrscheinlich,« fuhr der Gesandte gelassen fort, »daß, wenn der Tatbestand gehörig ermittelt, der Legat Sr. Heiligkeit eine Patrouille von Karabinieren beordern würde.« –

»Ha, diese Elenden« unterbrach ihn die Engländerin – »sie flohen, ohne nur den Säbel gezückt zu haben! Dennoch aber, Mylord, wie lange würde es währen, bis die päpstliche Soldateska auf die Beine und die Räuber vor die Assisen gestellt würden?«

»Dem Gange der Geschäfte zufolge bezweifle ich nicht, binnen heute und anderthalb Jahren das Kommando ausrücken zu sehen.«

»Aber, mein Gott, bis dahin sind ja mein Sohn und Sir Robert schon tausendmal von jenen Ungeheuern ermordet worden!«

»Höchst wahrscheinlich, Mylady,« erwiderte die Exzellenz gelassen, »und deshalb erteilte ich ihnen auch gleich von Hause aus den wohlmeinenden Rat, die tausend geforderten Goldstücke zu zahlen, wozu ich mir die Ehre gebe, Ihro Gnaden meine Bürgschaft bei einem hiesigen Bankier anzutragen.«

Mit schwerem Herzen entfernte sich die unglückliche Dame und fuhr zu einem der ersten Florentiner Handlungshäuser, um das traurige Geschäft abzuschließen, »Tausend Stück Louisd'or,« seufzte sie, »diesen vermaledeiten Schurken. Tausend schöne blanke Stück! Und mein armer Johnnie! Das süße, zarte Kind! Sir Robert ist ein Mann – aber mein Kind, mein Johnnie!« –

Der Mohr Ali erhielt die Anweisung, das Geld abzuliefern. Er war ein beherzter Bursch, seinem Herrn treu ergeben, und hatte gewiß, wenn ihm nicht damals Miß Arabella die Kehle zusammengeschnürt, manchen wackern Briganten dem Signore Matteo nachgesandt – vielleicht auch die Sache schlimmer gemacht – wer kann's wissen.

Er stand pünktlich zur anberaumten Zeit auf dem öden Platz, klirrte manchmal zum Zeitvertreibe mit dem schweren Sack, und brummte gleich seiner Herrin höchst verdrießlich: »Tausend schöne Stück Napoleons an solche Lumpenkerle, die kein ganzes Hemd auf dem Leibe haben. Und nun obenein auf den Schuft bis um drei Uhr nach Mitternacht, einer Stunde, wo jeder ehrliche Diener in den Federn steckt, warten und passen zu müssen! Ob man den Spitzbuben nicht noch bitten sollte, einen Sack Gold gefälligst abholen zu lassen? Niemand kommt. Doch halt – da schleicht mir solch ein verdächtiger Patron wie ein Kater um den Brei. Er will sicher gehen, der Galgenschwengel. Ich muß die Lockpfeife noch einmal erschallen lassen. – Was gilt's, er kommt!« – Und dabei schlug er kräftig mit dem Geldsacke gegen das Marmor-Piedestal des Obelisken.

Wirklich schien dies, durch die ganze Welt verständliche Signal nicht in taube Ohren geklungen zu sein. Ein bärtiger Kerl mit über die Schulter geworfenem Mantel und tief in die Stirn gedrücktem Hut schlich behutsam heran, nistete sich endlich hart an den Diener, und hob vertraulich an: »Eine schöne Nacht, Gevatter. Wartet Ihr vielleicht auf Euer Schätzchen, der Ihr den Sack voll Nüsse dort versprochen habt?«

Einen vermaledeiten Hund von Italiener erwarte ich,« erwiderte ärgerlich Ali, »dem ich lieber einen Stich in das Gekröse, als den zehnten Teil von einem Pence gönne.«

Der Italiener fuhr hastig mit der Faust in die Brusttasche, ließ aber gleich darauf die Hand langsam sinken. »Schwarzer Hund,« murmelte er giftig, »wenn Dein Rußgesicht die Nacht nicht noch finsterer machte, so müßtest Du mich von den Apenninen her wiedererkennen. Wie ist's, bringst Du das Geld? Ich habe keine Zeit zum Scherzen. Der Tag muß gleich anbrechen.«

Der Bediente reichte langsam bedächtig den Sack, entriß ihn jedoch wieder den hastig danach langenden Klauen, und rief: »Sachte! Da könnte ein jeder kommen, Tausend Napoleoni sind nicht so leicht zu verdienen. Womit kannst Du Dich als den echten Boten ausweisen! Euch Galgenpack traue der Teufel.«

Dem Brigante mochte wohl mehr darum zu thun sein, das Geld in die Hände, als Händel zu bekommen; so verschluckte er denn zum zweitenmal seinen Groll, und hielt dem Bedienten einen unkenntlichen Gegenstand vor die Augen. »Kannst Du sehen, Schwarzer, kannst Du's erkennen?«

»Nichts,« war die Antwort. »Dort brennt eine Laterne. Dorthin laß uns gehen.«

Wenige Schritte von dem Obelisken glimmte eine Lampe vor dem Bilde der Santa Annunziata. Der Bandit zog seinen Hut tief vor der heiligen Schutzpatronin von Florenz, schlug das Kreuz und murmelte ein Gebet zwischen den Zähnen – dann riss er eine goldene Kette mit Uhrschlüssel aus der Weste und übergab sie dem Mohren.

Ali erkannte sie für das Eigentum des Baronets, händigte dem Räuber nach kurzem Bedenken das Geld ein, und entfernte sich mit einem kräftigen englischen Fluch.

Mit zwei Sätzen war ihm Santo wieder auf den Fersen: »Die Kette, schwarzer Hund! Her damit, sie ist mein.«

»Ho? Und wie sollte mir Mylady glauben, daß ich das Gold nicht unterschlagen, wenn ich ihr nicht ein Zeichen bringe? Ho? Mach', daß Du heim kommst, sonst schieß' ich Dir eine Kugel durch die Ohren. Denkst Du, Dummkopf, daß ich ohne Waffen hierher kommen würde?«

Aus dem Wamse eine lange Reiterpistole ziehen, sehr verfänglich mit dem Hahn knacken und die Mündung dem Briganten mit grinsendem Lächeln unter die Nase halten, war das Werk einer Sekunde.

Der Bandit schwankte einen Augenblick, ob er die schöne Kette in der Hoffnung aus Entschädigung von seiten des Kapitäns fahren oder ob er es mit dem Gereizten bis aufs äußerste kommen lassen solle. Das letztere schien ihm doch nicht eben rätlich, und so schleuderte er denn noch einmal die fünf Finger gegen den in schußfertiger Positur Stehenden, und verschwand mit einem raschen Sprung in der Dunkelheit. –

Die Sonne neigte sich allmählich zum Untergang, und vergoldete die Gipfel des Höhenzuges, die Spitzen der vereinzelten Pinien. Es war der Abend des nämlichen Tages, an welchem das Lösegeld für Vater und Sohn dem Boten eingehändigt worden war. Mit einbrechender Nacht war aber auch der Termin abgelaufen, und das unglückliche Paar dem Tode verfallen.

In einem von Kastanienbäumen beschatteten Bergthale, durch welches ein von hohen, schroffen Felsufern eingeengtes Wasser über Blöcke strudelte, war es, wo die Bande des Pippo Ceccarelli ihr Lager aufgeschlagen hatte. Ein verwittertes Haus, welches schon längere Zeit leer gestanden haben mochte, und dessen mit Steinen beschwertes Schieferdach zum größten Teil von Stürmen entblättert worden war, gewährte ein günstiges Versteck, und verhinderte wenigstens, daß das Tag und Nacht lodernde Feuer nicht zum Verräter der Verfehmten werde. In der Hütte saß ein junges hübsches Weib mit einem Säugling an der Brust. Die oft gewundenen Korallenschnüre, die silbernen Kreuze und Medaillen, welche an ihrem Halse schaukelten, die goldenen Ohrringe und der feinere Kopfschleier ließen in ihr die Frau des Häuptlings erkennen. Nächst der Pflege ihres Töchterleins lag ihr die Bereitung der Abendmahlzeit ob, welche in einem mächtigen, schwarzen Kessel über dem Feuer brodelte. Ihr Gatte lehnte sich finster brütend und mit verschränkten Beinen an den Thürpfosten, und blies den Dampf aus einem kurzen Thonpfeifchen vor sich hin. Einzelne Briganten lagen auf dem Rasen um eine bauchige Flasche Chianti gereiht, und spielten unter Fluch und Zank mit schmutzigen Karten. Zwei andere, die Karabiner nachlässig zwischen den Beinen haltend, saßen auf einem Baumstamm und bewachten den armen Baronet, welcher mit düsterer Miene vor sich hinstarrte, und von Zeit zu Zeit die blonden Locken seines schlummernden Sohnes streichelte.

»Pippo,« rief das Weib, »das Essen ist gar. Komm herein, ruf auch die andern, und vergiß mir nicht den Milordo und seinen kleinen blonden Engel. Sei ein galant'uomo. Gefangene dürfen nicht verschmachten.«

Der Hauptmann fuhr rasch auf, warf noch einen erwartungsvollen Blick in die Ferne, schüttelte verdrießlich den Kopf, und trat dann an den Engländer: »Signore, zum Abendbrot, wenn's gefällig wäre.« – Der Baronet verneinte durch Zeichen. – »Signore, da drinnen steht eine Bottiglia echter Aleatico. Trinkt eins auf die Reise.« – Abermaliges Verneinen, – »Nun, wie Ihr wollt, Milordo,« brummte der Räuber, satt oder nüchtern – sterben müßt Ihr doch!« – Und damit trat er in die Hütte zurück, ergriff den eisernen Schaumlöffel, langte ein tüchtiges Stück Ziegenfleisch heraus, die strohumflochtene Flasche vom Sims und that beiden Bescheid.

»Der Santo kommt nicht,« murrte er vor sich hin, »in einer Viertelstunde ist die Zeit um. Lumpenhunde, diese Engländer. Mann und Kind für elende tausend Napoleoni zu opfern!« –

»Nun, so warte noch einen Tag länger,« wandte Mariuccia ein. »Wer weiß« –

»Warten und mich hängen lassen,« schnaubte sie der Mann an. »Die vertrackten Deutschen spuken überall herum. Schon zwei Tage verdämmern wir in diesem Winkel – Sanguinaccio di Dio! – und nicht ein Grano verdient. Und der Matteo tot! – Wenn ich das dem Ketzer vergebe – ich will ohne Sakrament sterben.«

Mariuccia hatte während dessen das Haus verlassen und war freundlich an den Briten getreten. Sie wiederholte ihre Einladung und fragte, als auch sie eine ablehnende Antwort erhalten hatte, ob sie nicht wenigstens dem kleinen Bambino einen Bissen geben dürfe.

Der Baronet warf einen kummervollen Blick auf seinen Liebling: »Er schläft so schön!« antwortete er.

»Ei laßt mich nur machen, Herr,« erwiderte das gutmütige Weib. »Ich bin Mutter und liebe den kleinen Krauskopf wie meine eigene Peppina.« – Damit hob sie das schlaftrunkene Kind vom Schoße des Vaters, küßte es zärtlich und trug es in die Spelunke.

Die letzte Viertelstunde war verronnen.

Ceccarelli trat mit der Uhr in der Hand aus der Thüre, den Karabiner über der Schulter. »Die Zeit ist um, Signore,« rief er mit dumpfer Stimme Sir Robert zu. »Macht Euch fertig.«

Der Engländer biß sich auf die Lippe und erwiderte kein Wort.

»Nun, wird's?« fragte der rohe Hauptmann.

Da rang sich der Seufzer: »Mein Johnnie! Mein einziges Kind!« aus der schmerzerdrückten Brust.

»Das dankt Ihr Eurer sauberen Frau allein, Zeit genug hab' ich ihr gelassen. Ich aber muß Wort halten, sonst kann ich nur gleich mein Gewerb aufgeben und Melonenschalen in den Schmutzwinkeln suchen. Pippo Ceccarelli brach noch niemals sein Wort. Vorwärts!«

Der unglückliche Vater rang die Hände. »Schont meines Sohnes,« rief er, »gewährt meinem Kinde wenigstens noch eine vierundzwanzigstündige Frist. Meinen Tod will ich Euch vergeben – aber mein Kind, mein einziges Kind« –

»Sorgt nicht für den Knaben,« entgegnete der Fühllose und riß den Engländer von seinem Sitze auf. »Nur zu bald seid Ihr wieder mit ihm vereinigt im Himmel oder« – wie er dumpf murmelnd hinzusetzte – »in der Hölle. Fort! Hier an den Rand stellt Euch hin. Ich möchte Euch nicht gern lange quälen. Seid ein Mann.«

»Barmherziger Gott! Mein Kind! Schonung für meinen Johnnie!« rief der verzweifelnde Vater, und breitete die Arme weit aus – da riß der Bandit ein Pistol aus dem Gurt und drückte es ab. Der Widerhall dröhnte dumpf aus den Schluchten. Der Baronet schlug mit der Hand an das getroffene Herz, schwankte und wäre vornüber gefallen, Pippo sprang jedoch wie ein Tiger auf seine Beute, packte ihn mit starker Faust und stürzte ihn rücklings hinab in den Waldstrom. Zweimal noch schlug der Körper schwer auf – dann ward es still.

»Der Alte wäre aufgehoben,« rief der Mörder» »nun kommt's an den Jungen. Wo hast Du die Ketzerbrut versteckt, Mariuccia?« schrie er in die Hütte hinein.

»Was? den Knaben, meinen süßen Engel, willst Du schlachten, Du verlorene Seele!« rief das Weib, indem sie ihrem Mann leidenschaftlich in die Arme fiel. »Ich leid' es nun und nimmermehr. Er ist mein Kind; er hat an meiner Brust gelegen. Unterstehe Dich's und rühre meine Aprikosenblüte an – die Augen reiß ich Dir aus.«

»Fort Weib,« erwiderte Pippo, »das Kind stammt von ketzerischen Eltern. Die ganze Rotte zu vertilgen, erwürbe uns den Himmel. Denk' an die Worte des Pater Girolamo.«

»Nein, sag' ich, nein! Das Kind ist kein ketzerisches. Nein. Es trägt um den Hals ein Kreuz von roten Korallen. Als ich den Knaben auf dem Schoß hatte, hab' ich das Kruzifix in den Händen gehabt, hab' es geküßt. Gutkatholischer Eltern Kind ist der Kleine. Madonna weiß am besten, wo sie ihn geraubt haben mögen.« . Unschlüssig ließ der Mann die Arme sinken

»Pippo, süßer Pippo,« hob das Weib schmeichelnd an. »Laß mir den Bambino. Jetzt so alt müßte unser Gianettino jetzt sein, wenn ihn nicht das arge Fieber – O, mein ewiger Jesus! – Laß ihn leben; die Heiligen führten ihn aus den Händen der Irrgläubigen zu guten Christen. Ein Wunder ist's – lade nicht den Zorn des Himmels auf Dein Haupt – vergreife Dich nicht an seinem schuldlosen Engel.«

»Zeig' mir das Kruzifix, Weib, dann will ich glauben.«

Mariuccia eilte in den Winkel, in welchem der zitternde Kleine kauerte, nahm ihn unter freundlichen Liebkosungen auf den Arm und enthüllte seine weiße Brust. Sie hatte wahr gesprochen. Der Knabe trug ein goldgefaßtes Kreuzchen von Korallen, auf welchem die wohlbekannte Chiffre I.H.S. von Engelsköpfen umgeben zu sehen war, am seidenen Bande um den Hals.

Pippo warf den Kopf zurück, und hing zum Zeichen, daß er dem Kleinen das Leben schenke, die Büchse an die Wand. Dann kehrte er zur Flasche zurück, und stieß noch einige Flüche gegen den Santo aus, welcher wahrscheinlich in irgend einer Osteria betrunken liege, wenn er nicht überhaupt mit dem Gelde durchgegangen sei, und ebenso viele gegen die Engländer, welche guten Christen die Kinder stehlen.

Mit der letzten Verwünschung wäre Pippo vielleicht minder freigebig gewesen, wenn er hätte ahnen können, daß die Eltern des nunmehr adoptierten Kindes Irländer und ebenso eifrige Katholiken als er selber waren. Doch, daß es außerhalb Italiens noch gute Christen geben könne, das überstieg die Kenntnisse des würdigen Häuptlings.

Mariuccia war selig über den errungenen Triumph, überhäufte den verschüchterten Kleinen mit Liebkosungen, und sagte ihm in einem Atem zwanzig fromme Lügen vor, wie sein Vater verreist sei, und morgen wiederkomme, und ihm Weintrauben und Orangen mitbringen werde. Schade nur, daß der Knabe außer der englischen Sprache keine andere verstand, und demzufolge alle die schönen Tröstungen bei ihm verloren gingen.

Ein anderer wirksamerer Trost senkte sich jedoch bald auf ihn hernieder – der Schlaf. Mariuccia bettete ihn in die breiteste Futterschwinge, die sie auffinden konnte, rückte den bald Einschlummernden an ihr Lager, schlug drei Kreuze über ihn, und empfahl ihn andächtig ihrem Schutzheiligen. Der Kapitän aber nahm den Hut mit Bändern und Heiligenbildern vom Kopf, kniete davor nieder, und begann seinen Rosenkranz anzubeten – da stolpert? der lange, vergebens erwartete Bote über die Schwelle.

»Sohn eines Hundes!« fuhr Pippo ihn grimmig an. »Wo bleibst Du so lange? Betrunken bist Du. Und wo hast Du das Geld gelassen? Her damit!« ^ , ,

»Pah,« erwiderte Santo mit unsicherer Stimme, indem er einen festen Standpunkt an der Maner zu gewinnen suchte – »ich betrunken? Was wollen die sieben elenden Foglietten sagen? He? bin ich ein Maulesel, daß ich bei Tag und bei Nacht, ohne einen Bissen zu genießen, auf den Beinen sein solle? Nach Florenz traben – zurück – sich an dem Ketzergold halb lahm schleppen – gehetzt werden wie ein Fuchs – Corpo di Giove – was denkt Ihr? Da habt Ihr den verwünschten Sack, und nun gebt mir zu trinken.«

Er warf den schweren Beutel klirrend auf die Erde, packte, ohne eine Erlaubnis abzuwarten, die Aleatico-Flasche und setzte sie an den Mund.

Mit stumpfem Blick starrte der Kapitano ihn an. Nach einem viertelstündigen Schluck warf Santo die geleerte Flasche aus der Thür, und sich auf die Erde.

Nur mit Mühe war dem Trunkenen der Grund seines Zuspätkommens abzufragen. Er hatte sich unverzüglich nach Empfang des Geldes auf den Weg begeben, und war noch zur Nachtzeit aus der Porta San Gallo gelassen worden. Bei Tagesanbruch, nachdem er schon Fiesole im Rücken hat, und sich in der Höhe von Villa Gerini befindet, begegnet er einem Karabiniere. Der sieht ihn mit ganz sonderbaren Blicken von der Seite an, reitet aber doch, rückwärts schauend, vorüber. Santo beschleunigte seine Schritte, und mochte nun das Geld geklimpert, oder der Teufel sonst sein Spiel gehabt haben – genug, der Gensdarm lenkt sein Pferd um, und jagt dem Verdächtigen nach. Santo wirft sich auf die Gefahr, lebendig geschunden zu werden, in eine Cypressenwand, arbeitet sich mit wütender Anstrengung durch, springt durch den Olivenwald und erreicht glücklich eine Höhle – nicht viel größer als ein Fuchsbau. Tort rutschte er herein und harrt sechs, sieben Stunden, bis er voraussetzen darf, daß sich der gelangweilte Karabiniere zurückgezogen haben werde. Halbtot vor Hunger und Durst kriecht er hervor, erreicht das Wirtshaus delle tre Maschere, und läßt sich dort ein Stück Salami und eine halbe Fogliette geben. Aus der halben werden sieben ganze. Santo erinnert sich endlich seiner Mission, rennt über Hals und Kopf die Berge hinan, und langt eine Stunde zu spät an, um den Engländer zu retten.

Pippo Ceccarelli blickte düster während der oft unterbrochenen Erzählung in die verglimmenden Kohlen. Mariuccia weinte laut. »Hab' ich Dir nicht geraten,« schluchzte sie, »noch einen Tag oder zwei zu warten. Warum hörtest Du auch nicht. Poverello!«

»Schweig, Weib, schweig! Du machst mich toll. Sein böser Stern trug die Schuld – nicht ich. – Ich muß Wort halten. Wort auf die Minute, sonst gilt im Flachlande mein Name keinen Melonenkern mehr. Schweig. Es war ja nur ein Ketzer – ein Kinderräuber. Er verdiente es nicht besser. Und den Jungen da – wir können ihn nicht wieder herausgeben – wie sollten wir auch? Behalt' ihn, Mariuccia. Er mag das Geld erben – mag unser Sohn bleiben – unsere Beppina dereinst heiraten. Besser für ihn, als daß er zu dem ketzerischen Weibe wiederkehrt.«

Das Verschwinden eines vornehmen Engländers und seines Kindes, ihr fast gewisserMord, waren jedoch auch in jenen bewegten Zeiten nicht so leicht verklungen, als daß die Behörden sich nicht hätten verpflichtet fühlen sollen, Nachforschungen anzustellen und verlockende Belohnungen für den Verräter anzubieten. Der zerschmetterte, fast unkenntliche Leichnam war das einzige Resultat derselben. Pippo war kurz darauf aus der Gegend verschwunden. Er mochte wohl einsehen, daß er nach dem begangenen Mord auf keine Ranzion mehr zu hoffen habe. Sein Name und der des kleinen Johnnie verschollen. Die Bande zerstreute sich, um sich andern anzuschließen. –

Es war im Jahre 1832. Die österreichische Intervention hatte bereits die von Bologna aus nach Rom rückenden Massen der Insurgenten zersprengt, und die Ruhe im Lande wenigstens scheinbar wieder hergestellt. Die päpstliche Regierung war jedoch fürs erste noch allzusehr mit Pazifikation der Gemüter und Konfiskation der Güter, mit Prozessionen und Proskriptionen in der Hauptstadt beschäftigt, als daß sie ihre väterlichen Blicke über die Ringmauern hinaus hätte richten können. So geschah es denn, daß eine Menge heimatloser Verzweifelter sich wieder in Banden zusammenthaten, irgend einen unzugänglichen Felsen der Albaner-, Marser- oder Volskergebirge zu ihrem Horst erkoren, und von Zeit zu Zeit in die Kampagna herniederstiegen, um den Krieg gegen Mantel- und Geldsäcke bis dicht unter die Nase des heiligen Petrus auszudehnen.

Die gefürchtetste Brigantenhorde war die des Gianettino l'Inglese. Der Name ihres Anführers verbreitete Schrecken bis an die Schwelle des Quirinals, paralysierte die kecksten, in der napoleonischen Schule gebildeten Gensdarmen, und war hinreichend, die Ausflüge der Reisenden und Maler wochenlang zu verzögern, wenigstens so lange, bis die seinigen eine entgegengesetzte Richtung genommen hatten. Sein Wohnsitz war in einer der wildesten Gebirgsschluchten, zwischen Riofreddo und Carzoli, just auf der päpstlichen und neapolitanischen Grenze. Das Volk beschwur es mit tausend Eiden, daß Gianettino ein Zauberer sei, sich an zwei Orten zugleich befinden, sich auch nach Umständen unsichtbar machen könne, und jederzeit auf einen Bajocco wisse, wie viel Pachtgeld der Pächter abzuliefern habe. Die Mehrzahl der letzteren schätzten sich glücklich, mittelst eines Jahrgeldes den Schutz des Gefürchteten erkaufen zu können, und beeiferten sich, ihn und seine Gefährten reichlich mit Lebensmitteln zu versorgen. Er war der König des Sabiner- und Marser-Gebirges. Die rohen Sagen des Landvolks fanden bald in dem klatsch- und wundersüchtigen Rom Eingang, und gingen mit den wunderlichsten Übertreibungen von Mund zu Mund. Gianettino sollte ein junger Mann von höchstens zwanzig Jahren sein, schön wie ein Apoll, tapfer wie Cäsar, schlau wie der General Miollis, verwegen dem Tod ins Antlitz schauend, die Piaster zu ganzen Händen wegwerfend. Seinen Zunamen l'Inglese erklärte das Gerücht dadurch, dasß er ein englischer Prinz von Geblüt sei, welcher aus Passion für die freie, unstäte Lebensart das Metier eines Brigantenhäuptlings erkoren habe. Man erinnerte sich an den bekannten Alfonso Piccolomini, Herzog von Monte-Mariano, welcher aus Rachsucht gegen das Ende des 16. Jahrhunderts gleichfalls Räuberhauptmann geworden war, und seinem Amte zehn Jahr lang auf das nobelste vorgestanden – und fand am Ende das Gerede höchst wahrscheinlich. In Rom ist nichts so unsinnig, als daß es nicht Glauben finden solle. –

In jenem Jahr war es, wo an einem der Juli-Morgen eine ältliche, schwarzgekleidete Dame aus dem Albergo Fenice zu Vicovaro trat. Ohne die abmahnenden Erzählungen der Padrona von der Unsicherheit der Wege zu beachten, ließ sie sich von einem ältlichen Mohren mit ausgebleichtem Teint und grauem Wollhaar in den Damensattel ihres Maultiers heben, und verlangte einen Führer nach Riofreddo. Lange Zeit wollte sich, ungeachtet des verheißenen hohen Botenlohnes, kein Vicovarese zu dem mißlichen Gange bereitwillig finden lassen; endlich meldete sich aber doch noch ein krausköpfiger, verschmitzter Bursche von etwa fünfzehn Jahren, trieb sein Eselchen herbei, schwang sich der Quer auf das sattellose, nur mit einem Strick gezäumte Tier, und jagte im Galopp der Dame voran, wobei er aus voller Kehle, wenn auch gerade nicht allzulieblich seine Ritornelle sang.

Stillschweigend und in Gedanken folgte die Dame. Sie war von großer Statur und hager. Von ihrem Gesicht hatte Comino trotz seiner schwarzen Luchsaugen, eines, dichten Schleiers halber, noch nichts erlauschen können.

Als die Reisende das Kloster San Cosimato erreicht hatte, apostrophierte sie der Bursche: »Wie war's, Signora, wir machten eine kleine Rast bei den ehrwürdigen Vätern Franziskanern. He? ein kleines Frühstück – ein rifresco. Werden nachher weit und breit kein Haus mehr zu sehen bekommen, und die Felsen hier herum sind kein presciutto, der Spiagvia-Fluß kein Orvieto. Ein schönes Kloster, San Cosimato! Liebe, herrliche Väter – eine schöne Kirche – wunderthätiges Madonnenbild.« –

Die Dame schüttelte verneinend und gab dem Führer das Zeichen, weiter zu ziehen.

»Der Böse mag's wissen,« brummte Comino vor sich hin, »was das Weib in unsern Bergen zu suchen hat! – Signora,« fuhr er laut fort, »werfen Sie einen Blick auf die malerischen mit immergrünen Eichen bewachsenen Felsen, auf den malerischen Fall des Baches, vor allem auf die wunderschönen Aloen, die dort in der Schlucht wachsen.«

Die Fremde lüftete einen Augenblick den Schleier, überflog die romantische Gegend mit kaltem Blick und ließ den Vorhang wieder fallen. Cominos Neugierde war gestillt, er murmelte etwas von einer vecchia puttana zwischen den Zähnen, und wollte eben wieder voraussprengen, da befragte ihn die Dame, ob er den Räuberhauptmann Gianettino l'Inglese kenne.

»Ob ich ihn kenne, Madonna?« war die Antwort. »Wie meinen Bruder. Seht nur, mein Schwager Gianbattista hat eine Kousine, die Cattarina, deren Onkel Bartolo, oder Bartolone, wie wir ihn zum Unterschied von dem schiefen Bartolino nennen, den Tommaso Spina-Vivaldi, einen Brillanten bei Gianettos Bande, zum Gevatter hat. Nun seht Ihr doch, daß ich ihn kennen muß.«

»Wohlan denn, so wirst Du auch wissen, wo er sich gewöhnlich aufhält, und mich zu ihm führen können.«

Comino riß die Augen tellergroß auf: »Euch zu ihm führen? Andere Leute danken ihrem Schutzheiligen, wenn er den Gianettino nur recht weit von ihnen fortführt – und Ihr wolltet« –

»Wie ich sagte. Ich muß ihn sprechen. Doch Du giebst vor, ihn zu kennen. Wie steht er aus? Beschreibe mir ihn genau.«

Der Junge schwur bei den wunderthätigen Gebeinen seines Patrons von Compostella, wie er mehr als fünfzigmal dem Kapitän einen, mit Artischocken beladenen Esel von seiten des Filippo Ricci, des reichen Negoziangte ti campagna habe zuführen müssen, und begann auch sofort eine Schilderung zu entwerfen, welche jedoch das Gepräge des Abenteuerlichen und Unglaublichen allzusehr trug, als daß das Geschwätz die Aufmerksamkeit der Fremden lange hätte fesseln können.

»Eine alte Liebschaft, eine verzweifelt alte« – lachte Comino für sich. »Nein, da haben wir sie doch in den Bergen besser. Was sich die alte Katze nur einbildet. – Hört einmal, Signora, da Ihr Euch so viel aus dem Räuberprinzen zu machen scheint, so werdet Ihr auch schon wissen, daß er verheiratet ist,«

»Vermählt,« rief die Dame hastig, »und mit wem?«

»Ei mit der schlanken Peppina, Tochter des selig am Galgen verstorbenen Pippo Ceccarelli, ehemals famosen Briganten-Häuptlings. Eine liebe, prächtige Frau – aber eifersüchtig wie der Böse. Hütet Euch vor der. Hat auch schon ein Paar Kinder – zwei Buben, schön wie die Engel.« –

Die Reisende brach in Thränen aus und schluchzte laut.

»Nun, da haben wir Lichtmeß!« rief heimlich der Bube mit höhnischer Grimasse. »Richtig, wie ich's mir dachte. Eine verlassene reiche Alte, die dem Messer Gianettino jetzt die Ohren vollschreien will. Das wird eine göttliche Komödie abgeben – nicht für fünf Paoli möchte ich sie missen.«

Der Weg wurde immer steiler und rauher, die Gegend zur Wildnis. Sparsam ließen sich nur noch einzelne Ölbaumpflanzungen an den Hügellehnen entdecken; desto üppiger wucherten die mit Epheu umrankten Eichen, desto dichter drängten die mit Traubenbüscheln belasteten Kastanienbäume ihre Zweige ineinander. Die Sonnenstrahlen prallten glühend von den nackten Felsrändern ab. Es war bereits die dritte Nachmittagsstunde. Die Donna schien alle Lust zu weiteren Fragen verloren zu haben, und flüsterte nur dann und wann dem begleitenden Mohren einige Worte leise zu.

Comino lenkte jetzt von der Straße ab, seitwärts in eine Schlucht, hielt dann plötzlich sein Tier an und wandte sich an die Reisende. »Ist es noch immer Euer fester, unumstößlicher Wille, den Hauptmann zu sprechen?« – »Gewiß.« – »Nun, dann sitzt ab. Laßt Euer Tier hier unter Obhut des schwarzen Kameriere. Auf diesem Wege kommt es so nicht fort, der ist nur für Räuber und Ziegen gemacht. Aber hört, Madonna, Euch kann's gleichgiltig sein – gebt mir lieber den Führerlohn gleich hier – ich meine nur, aus Gianettinos Revier spazieren die Börsen selten so schwer heraus als hinein.«

Die Dame nahm keinen Anstand, die Bitte des Knaben zu gewähren. Comino drehte die empfangenen Scudi mißtrauisch herum, und machte dann plötzlich einen freudigen Luftsprung: »Ihr müßt eine Engländerin sein, Exzellenza!« rief er. »Wer bezahlte sonst so generös. Ah, Ihr sollt auch wie eine Prinzessin bedient werden, verlaßt Euch darauf. Wartet hier einen kleinen, kleinen Augenblick. Ich springe voraus und melde Euch an.« – Er pfiff gellend auf dem Daumen, und sprang lustig den steilen Abhang hinan.

In wenigen Sekunden belebte sich die Einöde. Der Pfiff wurde erwidert; Hunde schlugen laut an. Auf der Höhe rannten wilde, verbrannte Kerle und halbnackte Kinder hin und her, beugten sich über die Felswand und schauten mit starrer Neugier auf die Ankommende. Kurz darauf hüpfte auch Comino den Felspfad hinab, schwenkte schon von weitem den Strohhut, und rief überlaut: »Kommt nur, kommt, Exzellenza, Gianettino ist daheim. Er will Euch sprechen. Fürchtet Euch nicht vor ihm – er scheint mir heute bei Laune.«

»Ich mich fürchten, und vor ihm?« seufzte die Engländerin schmerzlich. – Kurz darauf stand sie vor einer niedrigen, von Epheu und wildem Hopfen dicht überwachsenen Hütte, welche als Verlängerung und Wetterdach an eine tiefe Felsgrotte angebaut war. Auf der Schwelle saß ein junger kräftiger Mann im reichen, phantastischen Kostüm der Briganten, um den Hals eine Menge goldener und silberner Ketten, an denen Heiligenbilder und Talismane hingen, in dem Gurt zwei lange Pistolen neben dem breiten Messer, eine rote Schärpe um die Hüften, Pelzsandalen mit Riemen statt der Schuhe. Sein regelmäßiges, feines, wenngleich stark von der Sonne verbranntes Antlitz stach seltsam gegen die wilden, gemeinen Gesichter der umstehenden Gefährten ab. Das blaue Auge ward von düsteren, gerunzelten Brauen beschattet; das lockige Haar war lichtgelb. In den Händen hielt er nachlässig die Zither und den Federkiel, mit welchem er noch kurz zuvor die Saiten gestrichen haben mochte. Ihm zur Seite saß ein üppig schönes Weib in der Gebirgstracht, mit rabenschwarzen, in Zöpfe geflochtenen Haaren, und schaukelte ein in der Schwinge schlummerndes Kind, während sie den Rocken spann. Ein zweiter Knabe wälzte sich nackt zu ihren Füßen.

Die Engländerin blieb regungslos vor dem berüchtigten Banditenhäuptling stehen – ihr Busen arbeitete heftig – der Mund rang lange vergebens nach Worten, bis sie endlich in abgerissene englische Laute ausbrach.

»Sprecht Italienisch, Signora,« erwiderte Gianettino, »Englisch hab' ich einmal gekonnt, aber längst schon vergessen. Sagt's in meiner Sprache, was Ihr von mir begehrt.«

»Englisch hast Du gesprochen« – stammelte die Britin mit erhobenen Händen – »und Du trägst ein rotes Korallenkreuz auf der Brust mit vier Engelsknöpfen und Flügeln« –

Der Häuptling fuhr verwirrt auf, riß aus dem Busen das bezeichnete Kreuz und rief sichtlich erschrocken: »Woher wißt Ihr – ist es dies, welches Ihr meint?«

»Ewiger Gott!« rief die Dame außer sich, »so ist denn meine entsetzliche Ahnung eingetroffen, und so muß ich Dich wiederfinden. Du kennst mich nicht? Johnnie – Johnnie! Du erkennst Deine unglückliche Mutter nicht?«

L'Inglese fuhr mit der Hand über die Stirn, und streckte sie dann abwehrend gegen die leidenschaftlich heranstürzende Frau aus.

Lady Penelope lag auf den Knieen vor dem verlorenen Sohne. Sie führte ihm den Räuberanfall in den Apenninen, das Bild seines ermordeten Vaters ins Gedächtnis zurück. Sie beschwor ihn bei allen Heiligen, von seinem ruchlosen Treiben zu lassen – ihr zu folgen – die reichen Besitzungen in Irland zu übernehmen.

Und immer verharrte der Räuber in seinem finstern Schweigen. Als nun aber Peppina verstand, wie ihr der Gatte entführt werden solle, warf sie sich mit der vollen Leidenschaftlichkeit einer gereizten Neapolitanerin zwischen den Mann und dessen weinende Mutter: »Und was soll aus mir werden?« schrie sie, »was aus Deinen Kindern? Verlassen willst Du uns – uns verkaufen? Ein Unglück über jenes Weib, welches uns trennen will!«

»Ruhig, Peppina,« entgegnete der Gatte. »Wer spricht davon, Italien zu verlassen. Signora, hier steht mein Weib, hier sind meine Kinder – meine herzlichlieben Knaben. – Eure Geldsäcke wiegen die nicht auf. Sie mit mir nehmen – Ihr könnt nicht daran denken – mein Weib stürbe, fern von ihrem Vaterlande – unter jenen kalten, vornehmen Leuten – Sie ist eines Räubers Tochter – eines Räubers Weib. Ich selber – nein, ich ertrüg' es nicht. Ihr habt mich fünfzehn Jahre als tot beweint – glaubt noch ferner, ich sei's – haltet alles für einen bösen Traum. Hier bin ich frei, frei wie der Adler in der Luft – dort – nein, nein. – Und Ihr, meine Mutter, meine wahre Mutter, die mich gesäugt hat.« –

Er wandte sich von der trostlos zusammengesunkenen Gestalt und verhüllte sein Gesicht. Plötzlich raffte er sich auf, und stürzte sich, unfähig, den Anblick länger zu ertragen, in das Gebüsch.

Peppina hob mit Hilfe der Räuber die ohnmächtige Lady auf. Ihr Gefolge trug sie nach Riofreddo zurück. Nach einem halben Jahre starb sie im Kloster der englischen Fräulein zu Rom am gebrochenen Herzen.

Über Gianettinos fernere Schicksale schweigt die Geschichte. Daß er die römischen Gebirge unmittelbar nach dem unseligen Wiederfinden verlassen habe, steht fest – wahrscheinlich wandte er sich südwärts nach den Abruzzen, wo er wohl noch bis auf diese Stunde, vielleicht unter fremdem Namen, hausen mag. Viele Leute, welche stets verlangen, daß seltsame Menschen und Verhältnisse auch stets ein seltsames Ende nehmen müssen, behaupten, daß Gianettino sich späterhin noch eines bessern besann, sich nach Irland begab, und jetzt, als reicher Grundbesitzer und Parlaments-Mitglied, wider die Orangemen mit eben der Kühnheit und Gewandtheit, als ehedem gegen die päpstlichen Karabiniere, fechte. Ich für meinen Teil halt' es für Lüge.

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