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Venetianische Novellen

Franz Freiherr von Gaudy: Venetianische Novellen - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
authorFranz Freiherr von Gaudy
titleVenetianische Novellen
publisherBibliographische Anstalt
addressBerlin
year1890
firstpub1838
seriesFranz Freiherrn Gaudys poetische und prosaische Werke
volumeFünfter Band
printrunNeue Ausgabe
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100824
projectid2aeb9a63
status1
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Canaletta

In einer der Osterien des dritten, oder gar noch tieferen Ranges, an welchen es auf der Riva dei Schiavi, unterhalb der Kaserne, nach dem öffentlichen Garten zu, keinen Mangel hat, rannte der Wirt mißmutig auf der Diagonale seiner Schenkstube hin und her, rückte dann und wann einen Sessel zurecht, trat wieder an den Schenktisch zurück, überflog die doppelte Buchhaltung der Kreide-Hieroglyphen, das Album der bösen Zahler, und stockte dann wieder den Kopf lauschend aus dem Fenster.

»Wo sie nur heute bleiben mögen, meine wackeren Jungen?« brummte er verdrießlich. »Die dritte Nachmittagsstunde muß schon längst begonnen haben, wenn den hämmernden Riesen an der Markusuhr die Armee nicht eingeschlafen sind, und auch nicht eine Seele läßt sich in meinem silbernen Kabeljau blicken! Demonio! Heute am ersten Februar, wo meinen flotten Teerjacken die Monatsgage gezahlt worden ist. Irgend ein spitzbübischer Gevatter muß den Matrosen wieder ein neugemaltes Schild in den Weg gehängt haben, und so was zieht meine Seehunde an, wie die Wetterstange den Blitz. Und – Testa die Bacco! Seit wann wohnt denn in meinem Hause ein General, daß ich eine Schildwacht vor der Thür habe. Rennt doch die Blauhose schon seit einer halben Stunde mit verdrehtem Halse auf und nieder. Ob er nun endlich das Osteria e cucina auf dem Schilde herausbuchstabiert haben wird? Die schnauzbärtige Vogelscheuche verjagt mir mit seinem ewigen Patrouillieren noch alle Gäste. Was nur der Ungar hier zu suchen hat? Der muß auch noch nicht wissen, daß nur Schiffsleute ohne zerschlagenen Kopf aus meinem Hause kommen. Nun tritt er gar herein. Gut, Söhnchen, an Erfahrung sollst Du gewinnen, das schwöre ich Dir beim Löwen des heiligen Markus.«

Der Soldat schritt durch die Thur. warf sich, ohne den Wirt einer besonderen Aufmerksamkeit zu würdigen, in einen der Rohrsessel, langte die kurze, ungarische Pfeife, den mit Quasten und Stickereien verzierten Tabaksbeutel aus der Bärenmütze, stülpte sie sich wieder auf, und rief, nach einigen raschen Zügen, welche das Zimmer mit Rauch füllten, nachlässig über die Schulter nach Wein. Der Inhaber der Osteria zuckte verächtlich die Achseln, riß hustend die Fenster auf, um der frischen Luft den Zugang zu gestatten, schob aber doch, da er, ungeachtet seiner riesigen Statur, sich nicht getraute, im Einzelkampf es mit dem Ungar aufzunehmen, die verlangte Flasche auf den Tisch.

Ein tiefes Schweigen trat ein. Der Soldat strich sich den mächtigen Schnurrbart, abwechselnd dampfend und schluckend. Der dicke, wohlbekannte Wirt, Meister Pio, auch von den Matrosen Zio Pio genannt, räusperte sich und begann so etwas von einer Konversation, erhielt aber keine Silbe Antwort, und wandte sich mit einem halblauten Fluche von dem Weintrinker wieder ab. Es war ein kräftiger, untersetzter Bursch, von etwa dreißig Jahren. Die kleinen, pechschwarzen Augen lagen tief in dem gelbbraunen, pockennarbigen Gesicht. Über dem Munde lag, einem schwarzen Schlagbaum vergleichbar, der ungeheure, steifgewichste Schnurrbart. Ein Künstler hatte allenfalls die blauen, prall anliegenden Beinkleider des Ungarn als Studium für ein Schneiderschild, oder die unverhältnismäßig langen Arme zu einem Gibbon benutzen können, sonst aber hätte der Soldat sich wohl nur höchst unvollkommen zu einem Modell geeignet. In der Rangierrolle war er als Stefan Oglinovits, aus dem Zipser Komitat, Gemeiner bei der dritten Grenadierkompanie des dreizehnten ungarischen Infanterieregiments (Freiherr von Gumpoldikirchner) eingetragen.

Eine Viertelstunde mochte dieses lautlose Tête à Tête gewährt haben, als die Thür aufsprang, und ein Dutzend nicht eben allzunüchterner Teerjacken und Gondoliere hereinstürmte.

»Willkommen, tausendmal willkommen!« jauchzte Zio Pio hinter dem Schenktische hervor, sprang seinen Gästen freudig aufatmend entgegen und schüttelte ihnen der Reihe nach die harten Hände.

»Wein! Salami! Austern! Makkaroni! Merluzza!« rief der eintretende Chor wild durcheinander, drängte sich heftig um den Tisch und sog stehend oder sitzend aus den schnell erteilten Bottiglien.

»Aber wen zum Teufel hast Du da herein gelassen, Zio?« fragte ein hagrer Traboccoloführer, welcher sich dem Ungar gerade gegenüber niedergelassen hatte. »Seit wann dürfen sich denn solche weißen Landsperlinge in unser Nest drängen? He?«

Der Wirt zum silbernen Kabeljau riß mit dem Zeigefinger das Augenlid niederwärts und schnitt dem Stefan Oglinovits hinterrücks ein flämisches Gesicht. Die Übrigen steckten die roten und blauen Schiffermützen zusammen und murmelten untereinander, während sie böswillige Blicke auf den unschuldigen, vor sich hindämmernden Fremdling warfen.

»Zio,« schrie der Traboccoloführer Marcello, »die Pest über Dich, daß Du nicht reines Haus hältst – und obendrein heute am Ersten, wo die Zwanzigkreuzer meinen Jungen in der Tasche klingeln und sie überall die Könige spielen wollen. Noch eine Bottiglie, Meister, und hundert Stück Austern – frische, das rat' ich Dir.«

Pio zuckte die Achseln bis an die Ohren, schob den Weidenkorb mit den schönen Muscheln vor Marcello auf den Tisch und begann alsbald mit dem krummen Messer die Schalen aufzubrechen – ohne, trotz seiner langgeübten Fertigkeit in diesem Geschäft, den von allen Seiten nach der leckern Speise langenden Händen genügenden Stoff bieten zu können.

Die Matrosen starben nun zwar vor Lust, dem schuldlosen Stefan die Wucht ihrer Fäuste fühlen zu lassen, und ihn hinterher aus ihrem Heiligtum zu werfen. Gebildete Leute – und auch unsere Seekrabben machen in jetziger Zeit auf diesen Titel Anspruch – werden jedoch, eh' sie Händel anfangen, nie ermangeln, vorher für einen giltigen Vorwand zu sorgen. Vor der Hand ließ sich aber gegen Stefan Oglinovits, außer seiner unberufenen Anwesenheit, noch nichts sagen. Er saß ruhig wie ein Marmorlöwe, trank ohne Muck seinen Wein und bezahlte jede Fogliette prompt und bar mit den Centesimi, welche er aus seinem ledernen Tabaksbeutel krebste. Auch er hatte an diesem Tage seinen Monatssold empfangen, und wollte sich für die drei Zwanziger, welche ihm nach Abzug an Kreide, Lack und Stiefelwichse übrig geblieben waren, einmal eine Güte anthun – was wir ihm übrigens nicht verdenken wollen.

»Clemente,« rief der hagere Traboccoloführer einem seiner Genossen zu, wobei er ihm zum Zeichen des Einverständnisses mit den Augen zuzwinkerte, »hast Du schon die neue Geschichte von dem ungarischen Soldaten und seinem Leutnant gehört?«

»Nicht ein Wort, Marcello. Heraus damit.«

»Ja, her damit!« riefen auch die übrigen Händelsüchtigen.

»Denkt Euch, Kinder, der Offizier schilt seinen Burschen tüchtig aus, weil er ihm das letzte Mal unbrauchbare Schwefelhölzchen gebracht hat. Blauhose nimmt den Ausputzer ruhig hin, und denkt bei sich: wart', das woll'n wir schon besser kriegen. In der nächsten Nacht kommt der Tenente spät nach Hause, taucht in die Zündflasche eins, zehn, alle hundert Stück – kein einziges will Feuer fangen. Mit Fußtritten weckt er den Kalfaktor aus dem Schlaf und nennt ihn einen wilden Esel, der nicht einmal ein Bund Schwefelhölzer einzukaufen verstehe. Halten zu Gnaden, stammelt der Buffalo, sind Hölzer gut. Hab' ich sie alle hundert probiert, hat keines versagt.«

Die Matrosen brachen in ein wildes Gelächter aus – Stefan verzog keine Miene und paffte.

Elemente wollte eine noch bessere Geschichte wissen, ein dritter die allerbeste. Jeder gab mit höhnischen Seitenblicken auf das gemeinsame Stichblatt einen jener höchst vortrefflichen Züge, welche Nachbarvölker einander, Hasenschwänzchen gleich, anhängen, zum besten. Jedem wurde ein tosender Beifall zu teil – nur Stefan verzog keine Miene und paffte.

» Cospetto di Nettuno!« schrie Marcello, der, vom genossenen Wein und dem Schweigen des Soldaten kecker gemacht, es nunmehr an der Zeit hielt, die unverschleierte Offensive zu ergreifen. » Cospetto di Nettuno! Der blaustrumpfige Eisbär dort schläft wohl – oder sollte er gar tot sein? Ja, bei den armen Seelen im Fegefeuer, er geht schon in Verwesung über. Vielleicht gelingt mir ein Wunder, und ich erwecke ihn von den Toten!« – Dies sprechen und dem Ungar die Schale einer eben ausgeschälten Auster ins Gesicht werfen, war eins.

Nächst der Geduld war Kenntnis fremder Sprachen die schwächste Seite unsers Stefan Oglinovits. In der Unsrigen hatte er es wenigstens noch nicht über die beiden Grundelemente »Wein und Speck« gebracht – der Grund, weshalb auch die von allen Seiten geschleuderten Witzbrocken an dem kasemattierten Gewölbe seines Hirnschädels erfolglos abgeprallt waren. Das Wurfgeschütz des Traboccoloführers hingegen zündete.

Bedächtig klopfte der Ungar seinen schwarzen Podreczaner Pfeifenkopf aus, trat an die Thür, drehte den Schlüssel zweimal herum, versenkte ihn in die Tasche, und zog seinen guten Säbel vom Leder. Und nun begann der denkwürdigste Kampf, welcher seit Abel und Kains Duell von der Sonne beschienen worden war.

Ich habe den Orlando furioso und innamorato von Alpha bis Omega mit Andacht durchlesen, um mich zu einer meines Gegenstandes würdigen Begeisterung hinauf zu schrauben. Ich bin außerdem noch heute Morgen in den Palazzo Ducale gegangen und habe in der Sala del maggior consiglo die Land- und Seesiege, welche unsre glorreichen Vorfahren erfochten, und die Pinsel der unsterblichen Meister Tintoretto, der beiden Palma und Zucchari verewigten, angeschaut, um meine Einbildungskraft zu entflammen, sie mit heroischen Bildern zu befruchten. Aber wie so matt erscheinen mir die transzendenten Farben der Dichter, wie blaß die materiellen der Maler gegen diejenigen, deren ich bedarf, um das Bild jenes einzigen Kampfes zu kolorieren. Ich sehe es wohl ein, die Größe meiner Aufgabe überwiegt menschliche Kräfte. Die Zunge, die Sprache selber werden an mir zu Verrätern. Beschämt lasse ich den Griffel sinken, und kann nur im nüchternsten Zeitungsstile die stupenden Waffenthaten des Stefan Oglinovits berichten. Der Homer, auf welchen der Grenadier die gerechtesten Ansprüche hat, schlummert noch.

Die Fenster waren noch geöffnet – die Thür verschlossen. An der letztern stand Stefan Oglinovits wie der Engel mit dem feurigen Schwerte, und fuchtelte mit entsetzlichen Schwadronhieben auf die Adamiten los. Wo aber ein Ungar hin haut, dort blühen fortan weder Mimosen noch Kamelien. Herkules vermag, dem Sprichworte zufolge nichts gegen zwei – Stefan mußte demnach ein sechsfach mächtigerer Held sein. Nicht geballte Fäuste, nicht Schemelbeine, nicht von allen Seiten gezückte Messer vermochten ihn einzuschüchtern. Unaufhaltsam drang er vorwärts, ein rüstiger Schnitter durch die Garben. Der Traboccoloführer, das ganze Dutzend der Gegner mußten durch das Fenster springen – kein anderer Weg führte ins Freie.

Das Feld war rein. Der Sieger steckte den Flamberg beruhigt ein, und zerrte den halb zertretenen Zio Pio unter dem Tische hervor. Ehe der Triumphator jedoch den Ambrosianischen Lobgesang zur würdigen Feier der Völkerschlacht angestimmt hatte, hielt er es für geraten, die glorios erkämpfte Beute in Sicherheit zu bringen. Er trank hastig die Neigen der Matrosen aus und bedeutete den Wirt, ihm den Rest der im Korbe gebliebenen Austern zu öffnen. So alt er geworden, hatte er doch von jener Zauberspeise bisher erst eine Schale gekostet, diejenige nämlich, welche ihm der Marcello an den Kopf warf.

Pio gehorchte demütigst. Stefan setzte die Austern mit leidlichem Geschick an den Mund – schlürfte – schüttelte verwundert den Kopf – ließ sich die zweite reichen – schlürfte – verzog das Gesicht zu einem grausenerregenden, weinerlichen Lächeln, und langte nach der dritten. Mit einem Wort, frische Austern schmeckten ihm ganz gut. Stefan Oglinovits war keineswegs so dumm, als er aussah.

In kurzer Zeit war der Korb geleert bis auf eine einzige, riesengroße Auster, welche Stefan als würdigen Schlußstein des lukullischen Frühstücks bezeichnet und bis zuletzt aufgespart hatte. Ebenso wie an Größe, übertraf sie jedoch ihre Schwestern an Sperrkraft ihrer Schalen – sie war schlechterdings nicht aufzubrechen. Zio Pio ließ erschöpft die Arme sinken, Stefan riß ihm ungeduldig das Messer aus der Hand – die Klinge brach. Nun zog er den Pallasch und machte einen neuen Versuch, mit jener andern Tizonada das Thor der bestürmten Veste zu sprengen. Es war vergebens. Mit starrer Verwunderung sahen, sich Gast und Wirt an. Beide schienen sich auch ohne Worte zu verstehen, und einander beizupflichten; die Auster müsse behext sein. Eh'jedoch noch einer von den beiden das rechte Wort gefunden, um den Bann zu lösen, stürmte ein zweiter ungarischer Grenadier atemlos ins Zimmer, und schrie dem Austernesser zu: »Mach, daß Du in die Kaserne kommst, Stefan, der Feldwebel läßt Dich überall suchen, Horia Scapary ist auf der Hauptwache krank geworden; Du bist zur Ablösung bestimmt.« –

Stefan Oglinovits war ein zu guter Soldat, als daß er den Dekretalen des Papstes seiner Kompanie nur das leiseste Bedenken entgegenzusetzen hätte wagen wollen. Flugs schob er die Riesenauster in seine Patrontasche, um auf der Wachtpritsche einen kleinen Zeitvertreib zu haben, drückte dem Zio Pio mit so kräftiger Rührung die Hand, daß dieser vermeinte, zeitlebens keinen Zapfen mehr aus dem Fasse ziehen zu können, und flog nach der Kaserne. Schon nach zehn Minuten schulterte er unter den Arkaden des Dogen-Palastes, dicht neben den Kanonen, mit Anstand und der ihm eigentümlichen Würde.

Nacht war's. Der zitternde Schimmer der an der Wand glimmenden Lampe vermochte kaum die Tabaks-Wolkenschichten, welche den Dampfkessel der Wachtstube bis zum Platzen füllten, zu durchbrechen, ein Teil der Wachtmannschaft wagte es, bei dieser geisterartig-nebelhaften Beleuchtung einen aus gebräunten Kartenblättern bestehenden kohärierenden Körper durch energisches Melieren zu spalten, und nächstdem den mystischen Inhalt dieser Papyrusrollen zu entziffern. Die größere Hälfte ruhte in malerischen Attitüden auf Bänken und Schemeln von den Anstrengungen der nächtlichen Promenade. Unter den letzteren befand sich auch Stefan Oglinovits, welcher von seiner Thaten Gebirgslast und den ungewöhnlichen Massen konsumierten Weines erdrückt, auf der Pritsche lag, und trotz des vielfachen Rüttelns seiner Kameraden schnarchte, daß das Gewölbe von dem Schall seiner Nasen-Posaune erdröhnte. Da wurde dem Schlummernden ein seltsames Traumgesicht, ein um so seltsameres, da seine gesunde Konstitution und das schöne Gleichgewicht seiner Seele ihn bisher noch niemals zum Träumen hatte kommen lassen.

Er sah die gerettete Auster, an deren Sprengung ihn der K.K. Nachtdienst und die Müdigkeit gehindert hatten, von selber die Kiefern öffnen, und der klaffenden Spalte ein winziges, wunderliebliches Mädchen entschweben. Die Kleine, welche nach des Geistersehers Aussage nicht größer als eine scharfe Patrone gewesen, gaukelte, einer Mücke gleich, auf und nieder, schwirrte ihm ein paarmal um die Nase und ließ sich endlich gemächlich auf einem Zipfel seines steifgedrehten Schnurrbarts mit gekreuzten Beinchen nieder. Stefan konnte späterhin nicht genug erzählen, wie lieblich und anmutig das kleine Hexchen anzuschauen gewesen sei. Leider war er in der Wahl seiner Metaphern und Gleichnisse ziemlich beschränkt, und so lief denn gewöhnlich die Beschreibung darauf hinaus, daß die Austern-Prinzessin noch schwärzere Augen, weit zierlichere Händchen und ein viel weißeres Gesicht als die Marcoletta gehabt habe.

Besagte Marcoletta war eine unserer Wasserträgerinnen, welche in ihre zwei kupfernen Kessel das spärliche Wasser des Dogenbrunnens sammeln und in die Häuser vertragen. Ich kann übrigens dem Ungar zu seinem Ruhme nachsagen, daß sein Gleichnis nicht so ganz übel gewählt war. Ich habe selber das Mädchen gekannt, und beschwöre es, daß selten eine nettere Dirne mit dem Krummholz über den Markusplatz trippelte, daß nicht Einer der schwarze Mannshut mit Blumen und Bändern so verwegen auf dem schwarzen Lockengeflecht saß, und daß aus keinem roten Röckchen ein Paar niedlichere Füßchen hervorguckten. Stefan Oglinovits hatte ihr schon lange mit funkelnden Augen und einem absonderlichen Grinsen nachgestarrt. Seine Blödigkeit beim weiblichen Geschlecht und der Mangel an Sprachkunde hatten ihn jedoch leider gezwungen, auf dieser ersten Stufe des Kourmachens stehen zu bleiben.

Nachdem die auf dem Schnurrbart wippende Kleine sich das Haar und einige Falten ihres blaßblauen Röckchens geglättet, hob sie mit einem glockenhellen Stimmchen an: »Stefan! Stefan Oglinovits, höre mir zu. Gieb acht, was ich Dir sagen werde. Ich meine es gut mit Dir. Aber vor allen Dingen schnarche nicht so grimmig, Du derangierst meine Koiffüre, und ich kann vor Deinem Schnauben mein eigen Wort nicht verstehen.«

Der galante Ungar gehorchte, und zog das Schnarrregister ein. Die Kleine fuhr fort:

»Wisse, daß ich einer der Elementargeister bin, die in den Gewässern herrschen, eine Undine, und Canaletta heiße. Mein Reich ist der Kanal der Giudecca bis an die Lagunen hin. Ich kenne Dich wohl und habe Dich oft belauscht, wenn Du am Fenster der Kaserne vor dem Rasierspiegel standest, und Deinem Schnurrbart die gehörige Schwungkraft mittelst schwarzen Wachses verliehst. Dein martialisches Äußere frappierte mich gleich – ich ahnte nicht, wie sehr ich Dir dereinst verpflichtet sein werde. Du hast mich heute vom Verderben gerettet. Höre – aber,« hustete sie, »nimm mir's nicht übel, Ihr raucht doch hier famos schlechten Tabak. Kaum kann ich's in dem Qualm aushalten. Ich muß mich kurz fassen. – Also: mein Grenznachbar, der Meermann Lagunazzo, verfolgt mich schon seit längrer Zeit mit seinen Liedesanträgen. Der ungeschlachte, rohe Bewerber, welcher in dem ewigen Umgang mit Bootsknechten und anderem Gesindel total verwildert ist, und sich auf die liederliche Seite geworfen hat, ist mir jedoch in der Seele verhaßt. Wo ich nur konnte, ging ich ihm bisher aus dem Wege, vermied schon seit Jahr und Tag die Konversazioni und Bälle der Nixen, entsagte sogar, so sauer es mir auch wurde, dem letzten Meer-Karneval, und langweilte mich in meinem Revier auf das entsetzlichste. Heute früh war ich ausgegangen, um mir ein neues Kollier Perlen einzusammeln, und hatte suchend und verwerfend in der Zerstreuung die Grenzen meines Reichs überschritten. Lagunazzo erblickt mich, stürzt wie ein Haifisch auf mich los – kaum daß ich noch Zeit habe, in eine leere Austernschale zu schlüpfen und fest zuzuklappen. Vergeblich flucht, vergeblich beschwört mein verhaßter Amante mich, mein Kloset zu öffnen. Wiederholt trägt er mir seine Hand an, und detailliert mir die politischen Vorteile, welche unseren respektiven Reichen aus der Verschmelzung erwachsen müßten, spricht von Zollverband, von Arrondierung und dergleichen mehr. Ich stecke mir die Finger in die Ohren und antworte nicht, da ergrimmt der boshafte Lagunazzo und schleudert mich in meiner Schale in das Boot eines über uns hinwegziehenden Austernfischers; dieser aber rudert, als wenn er mit meinem Feinde einverstanden wäre, unverzüglich zurück, und verhandelt mich mit dem ganzen Fange an den Wirt zum silbernen Kabeljau. Meine Lage war eine desperate. Es wird Dir nicht unbekannt sein, daß wir Wassergeister das Licht der Sonne nicht ertragen können, und in ihm trotz Fischen absterben. Nur unter dem Schutz der Nacht ist es uns vergönnt, unser Element mit der Luft zu vertauschen. Was wäre aus mir geworden, wenn es dem rohen Matrosenpöbel gelungen wäre, die Wände meines Zufluchtsortes zu sprengen! Ich segnete den plumpen Gesellen, der Dich beleidigte, noch mehr Deine Riesenkraft, welche die ganze Bande ans dem Fenster jagte, ich umklammerte mit letzter Kraftanstrengung die Pfosten, als auch Du gewaltsam einzudringen versuchtest – und bin nun, wie durch ein Wunder, gerettet. – Aber die Tabaks- und Branntweingerüche sind wirklich unerträglich – ich muß fort. Stefan Oglinovits, mittelbar hast Du mich geschützt – ich will es Dir vergelten. Verlange fortan, was Du willst, nur nicht das unmögliche. Versteh mich recht. Jeder, auch der kühnste Deiner Wünsche, wenn er nicht die Kräfte des Elementargeistes übersteigt, geht augenblicklich in Erfüllung: die erste Forderung aber, welche meine Macht, oder vielmehr die Schranken der Möglichkeit überschreitet, beraubt Dich meines Schutzes auf immer. Verscherze nicht Dein Glück, Stefan, ich warne Dich. Und nun, Adio!« –

Canaletta verschwand spurlos. Stefan erwachte, richtete sich auf und rieb verdutzt die Augen. Sein erster Griff war nach der Auster in der Patrontasche – die Schale stand sperrangelweit offen. »Bassa teremtete!« fluchte der wachthabende Korporal, »was schneidest Du für eine Fratze, Oglinovits? bist Du toll, daß Du leere Austernschalen in die K. K. Patrontasche steckst? Kennst nicht 's Reglement?«

»Ei, so wollt' ich doch,« brummte der Soldat dämisch den Kopf kratzend, »daß doch gleich dreimalhunderttausend Tonnen silbergrauer Teufel – oder halt' einmal, die können mir auch nichts helfen – daß ich eine tüchtige Portion Stockfisch und eine Flasche Cyperwein zur Hand hätte!«

»Nun, so sperr' doch die Augen auf, Esel!« erwiderte der Unteroffizier, »Da steht Dir ja Alles vor der Nase.«

»So? Nun, das trifft sich ja gerade recht. Wollen's gefälligst zulangen, Herr Korporal? Der Morgen rückt nachgerade heran, und ein Schluck auf den nüchternen Magen könnte auch nicht weiter schaden,« Der wackere Wacht-Kommandant ließ sich nicht zweimal nötigen, und des mit der K. K. Patrontasche getriebenen Frevels wurde nicht weiter gedacht.

Mit wüstem Kopf ging Stefan Oglinovits am folgenden Morgen umher, Undine, Stockfisch, Prügelei und der boshafte Meermann spukten unter seinem Hirnschädel wild durcheinander. Halb und halb war er, trotz des Zauberfrühstücks, schon zu der Überzeugung gediehen, daß die ganze Hexenwirtschaft ihre Heimat allein in der Bottiglia habe. Zweifelnd strich et sich den Bart, beguckte die Spitze, als ob noch eine Spur der Schaukelnden darauf zu finden sein müsse, langte die Austernschale wieder hervor und schüttelte nachdenklich den Kopf. »Alles, was ich wünsche, sollte ich haben, versprach die kleine Hexe, nur nicht das Unmögliche. Verdammt! Was ist denn nun solch einem fingerlangen Teufelskinde möglich, und was nicht? Und wenn ich nun jetzt, Spaßes halber – na, was denn nun gleich – ja, wenn ich mir einen neuen Tabaksbeutel voll guten, ächten, Ungarischen wünsche - ist denn das auch zuviel?« – Der Beutel baumelte schon zum Platzen voll an seinem Säbelgehenke. – »Schau, schau. Das Blitzmädel hält Wort. Nun, da will ich denn auch mit Ruhe und Vernunft überlegen, was ich noch allenfalls brauchen könnte.«

Stefan Oglinovits war, trotz seines leicht reizbaren Temperaments, so weit eine gute ehrliche Haut, und inklinierte im allgemeinen mehr zum Phlegmatiker, als zum Sanguiniker, So gab er denn auch der Undine keine Ursache, sich über die Unbescheidenheit ihres Schützlings zu beschweren. Tage, ja Wochen gingen hin, eh' er wieder einen Wunsch auf's Tapet zu bringen wagte. In den meisten Fällen wurden sie durch Gewährung einer herzhaften Portion Makkaroni, einer Fogliette, eines Stückchens Lack, um die Tasche spiegelblank zu erhalten, realisiert. Sah er seine scheu aus der Ferne verehrte Marcoletta viertelstundenlang am Markusbbrunnen harren, bis ihre Kessel vollgetröpfelt waren, dann wünschte er ihr wohl mitleidigen Herzens, daß sie nur halb so lange zu warten brauche, und lachte heimlich, wenn sie das Gefäß ganz verwundert heraufwand. Leider traf es sich einmal, daß ihm von seiten des Kapitäns Einhundert mit dem Haselstocke als gerechte Strafe für eine, an seinem Schnürstiefel fehlende Öse zudiktiert worden waren. Gern hätte der ehrliche Stefan auch in diesem intrikaten Fall die Vermittelung seiner Freundin in Anspruch genommen, da er jedoch nicht mit sich einig war, ob die Dame das Recht habe, in militärischen Angelegenheiten zu intervenieren, so zog er lieber die Jacke aus und zählte ohne Muck bis siebenundneunzig. »Ich wollte doch, daß die Prügel zu Ende waren,« seufzte er halbvergessen vor sich hin – und kaum hatte er das Wort gesprochen, als der Hauptmann »Gnade« rief, und der Profoß den furchtbaren Szepter senkte. Oglinovits dankte reglementsmäßig für gnädige Strafe, und freute sich wie ein Kind, drei vollständige Hiebe erspart zu haben.

So führte denn Stefan das herrlichste Leben von der Welt – kein Prinz konnte es besser wünschen. Er zog auf Wache, putzte sein Gewehr, hatte Tabak und Kommißbrot vollauf, und besuchte regelmäßig an jedem Sonntage das Wirtshaus zum silbernen Kabeljau. Um dort von seiten des Zio Pio und der Matrosen mit freundlichem Gesicht gesehen zu werden, bedurfte es nicht einmal der Zauberkräfte Canalettas – die langen Arme, welche so heillos zu walken verstanden, lebten noch in gutem Angedenken.

Dort saß er eines Abends und lauschte andächtig dem Gespräch der Gäste, ohne eben sonderlich viel davon zu verstehen. Die Sitzung war lebhaft; es wurde viel gezankt, noch mehr getrunken. Jeder Anwesende klagte über das unerhörte Unglück, welches ihn verfolge, jeder wolle am härtesten vom Schicksal getroffen worden sein.

Der Meister Marcello jammerte über den Verlust seines Traboccolo, welches bei Nachtzeit vom Dampfschiff in Grund und Boden gesegelt worden war; ein Gondolier über die Seltenheit verliebter Intriguen, bei denen allein noch etwas zu verdienen sei; eine Teerjacke über die Mäßigkeitsvereine, denen sein Kapitän beigetreten, und ihm nun, statt den deputatsmäßigen Rum zu liefern, den Leib mit Kakao aufschwemme.

Da sprang ein junger Mann, mit schlichten, schwarzen Haaren, auf dessen blassen Wangen eine hektische Röte flackerte, aus dem Winkel, in dem er bisher unbemerkt gesessen, und schrie im grellsten Falsett: »Nein, Signori, ich, ich bin der unglücklichste Sterbliche von Euch allen, ach, wohl gar unter der Sonne. Vernehmt die Ursache, und Ihr werdet mir den Dornenkranz nicht rauben wollen. Ich bin Dichter – Bescheidenheit verbietet mir zu sagen, bekannter, oder wohl gar berühmter – ich schreibe eine Elegie, in welcher sich das trostlose Los, welches den Stockfischen zu teil geworden ist, beseufze. Mein gerechter Zorn entbrennt, daß der boshafte Tyrann Mensch sich gegen jenes harmlose Völkchen mit platten Köpfen verschwören habe, die fettesten desselben einfange, sie schlachte, einpökle, oder respektive dörre; ja, daß das Gefühl der Nationalität mit Füßen getreten werde, indem der etc. Tyrann die Bürger eines und desselben Stammes, je nachdem Willkür und Grausamkeit sie traktiert, nach ihrem Tode mit den verschiedenen Namen Kabeljau, Laberdan, Klippfisch und Schellfisch taufe – ich beschwöre zum Schluß die Unsterblichen, sich der schmachvoll Unterdrückten anzunehmen. Ich lese meine Dichtung in der Akademie meiner Vaterstadt Legnago vor. Ein ungeheurer, ein wütender Applaus färbt meine Wangen mit holder Schamröte – Kränze fliegen mir von allen Seiten zu. Alle stürmen auf mich ein: ein Meisterwerk, wie dieses, müsse der Vergessenheit entrissen werden, müsse im Munde der Mit-, der Nachwelt leben – ich solle meine Elegie der Presse übergeben. Widerstrebend willige ich ein, sende mein Manuskript der Ober-Zensurbehörde in Mailand – und erhalte den zerschmetternden Bescheid: Obwohl dergleichen hochverräterische Anspielungen, wie »ein harmloses Völkchen mit platten Köpfen«, »der Tyrann«, »das mit Füßen-Treten der Nationalität«, eigentlich die schärfste Ahndung verdienten, so wollen wir doch, in Erwägung Ihrer Jugend und Dummheit, es für dieses Mal mit einem strengen Verweis und Verbot, die quastionierte Elegie dem Druck zu übergeben, bewenden lassen. – Ist eine solche Grausamkeit erhört? frage ich – meinen Ruhm, meine Dichtung in Windeln zu ermorden? Mitglied der Accademia della Crusca, degli Arcady hätte ich werden müssen – und nun – oh! Zehn Napoleonsdor gäbe ich darum, wenn ich die Handschrift gedruckt wüßte. O, ich Elender!« – Die hellen Thränen rannen über seine Wangen.

Mit großen Augen starrte ihn die Mehrzahl der Zuhörer an. Keiner hatte so recht verstanden, was er wolle. Stefan Oglinovits am wenigsten.

»Was fehlt denn dem Mageren dort, daß er so heult?« befragte er den wieder genesenen Horia Scapary, welcher ihm bei der Flasche Gesellschaft leistete.

»Werd' aus der Alfanzerei nicht klug,« war die Antwort. »Weiß nur, daß er zehn Napoleons ausbietet, und ein langes und breites über Stockfische und Nationalität geredet hat.«

»Zehn Stück Napoleons, ein hübsches Stück Geld,« erwiderte Stefan, »hab' sie noch nicht auf einem Haufen gesehen. Und was soll der thun, der das Geld verdienen will?«

Horia murmelte so was von Tyrannen, Plattköpfen, einsalzen und schlachten, Stefan hörte kaum darauf, und gedachte nur der zehn Goldstücke. Die könntest Du Dir selber holen, meinte er bei sich, und lallte halbtrunken: »Seejungfer, Du da, ich will, daß der kreideweiße Mensch dort seinen Willen haben soll!«

In dem nämlichen Augenblick empfing er von unsichtbarer Hand eine ungeheure Ohrfeige, und in seinen brummenden Ohren tönte Canalettas Stimme: »Dummkopf, Du hast das Unmögliche verlangt. Den Ausspruch der Mailänder Ober-Zensurbehörde vermögen nicht Götter, geschweige denn Elementargeister umzustoßen. Fort, Unglücklicher, ich verstoße Dich!«

Die erzürnte Undine hielt Wort, und Stefan Oglinovits muß bis auf den heutigen Tag, so oft ihn die Reihe trifft, vor dem Palazzo Ducale schultern. Wunsche hat er noch täglich, aber die hegen ja auch wir, und weder ihm noch uns gehen sie in Erfüllung.

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