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Venetianische Novellen

Franz Freiherr von Gaudy: Venetianische Novellen - Kapitel 16
Quellenangabe
typefiction
authorFranz Freiherr von Gaudy
titleVenetianische Novellen
publisherBibliographische Anstalt
addressBerlin
year1890
firstpub1838
seriesFranz Freiherrn Gaudys poetische und prosaische Werke
volumeFünfter Band
printrunNeue Ausgabe
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100824
projectid2aeb9a63
status1
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Die Braut von Ariccia

Erst mit dem Ende des Junimondes reift dessen schönste Blüte für den Römer und den Bewohner des Albaner Gebirges – ich meine damit das weltberühmte, wunderherrliche Blumenfest zu Genzano. Von weit und breit strömen an jenem Tage die Leute nach dem nach der neapolitanischen Straße gelegenen Bergstädtchen, wohl nur der kleinere Teil aus Andacht, bei weitem der größere aus Neugier, um zu sehen und gesehen zu werden. Wirft man einen Blick auf die Wagenreihen, auf die Schwärme der Reiter zu Roß und Esel, auf die Fußwanderer, welche vom frühen Morgen an aus der Porta San Giovanni ziehen, die Appische Straße bedecken, die von Velletri heraufkommen, von Rocca di Papa herniedersteigen, auf die Prozessionen, welche sich durch die Olmata von Genzano drängen – so begreift man kaum, wie alles das Volk in dem engen Städtchen unterkommen will; es ist, als ob die Menschen die Häuser verdrängen müßten. Und bei der Seele des heiligen Francesco von Assisi, ich kann es den Leuten nicht verdenken, wenn sie an jenem Tage den letzten Paolo für die Vettura springen lassen – ist doch im ganzen Jahre kein Fest, welches sich mit diesem messen darf. Ich war Zeuge, wie Se. Heiligkeit der Stadt und der Welt von dem Balkon des Lateran herab den Segen erteilte, wie er ein andermal unter dem Donner der Kanonen von der Engelsburg um den Platz der Peterskirche getragen wurde. Ich habe der kolossalen Grobheit der Schweizersoldaten und ihren Hellebardenstoßen, mit denen sie namentlich gegen gut katholische Christen recht freigebig sind, herrisch Trotz geboten, um mich am Ostertage in die Sixtinische Kapelle zu drängen – und dennoch gestehe ich frei und unumwunden, daß ich die Feier des Blumenfestes dem Pomp jener hochheiligen Tage bei weitem vorziehe. Ist dies Bekenntnis Sünde, so hoffe ich, daß sie mir dereinst nicht allzu hoch wird angerechnet werden.

Die Gelehrten behaupten von dem Blumenfest, daß sein Ursprung und die Sitte, die Straßen mit Blumen zu bestreuen, noch aus dem grauen Heidentume herstamme, und halten auch zur Verteidigung ihrer Meinungen ein Dutzend Citate ans alten, römischen Schriftstellern in Bereitschaft. Ich für meinen Teil habe nichts dagegen einzuwenden, und weiß nur, daß die Feier jenes Tages schon uralt ist, wie dies auch eine Begebenheit, die sich im Jahre 1582 zutrug, beweist. Die Geschichte lebt noch jetzt im Munde des Volkes, und ich erzähle sie wieder, wie ich sie von dem Gärtner des dem Fürsten Chigi zugehörigen orto di mezzo vernommen habe.

In dem gemeinten Jahre waren m den Nachmittagsstunden des 25. Juni die Straßen der Stadt wieder mit einer unübersehbaren Menschenmasse gefüllt. Das Auge fühlte sich beim Anblick der bunten, durcheinander wogenden Menge verwirrt. Alle die schimmernden Festtrachten des Stadt- und Landvolks strömten dort auf und nieder, der kecke Adelige mit gebauschtem Seidengewand, mit Spitzenkragen und schwanken Federn auf dem Barett, der Weltgeistliche im schwarzen Talar, die Landsmannschaften der fremden Maler, der kräftige Bewohner von Trastevere mit roter Schärpe um die Hüfte und buntseidenem Haarnetz, die Bewohner von Grotta ferrata oder Civita la Vigna mit vollen roten Nelken hinter dem Ohre, der derbe Kampagnaschäfer mit Sandalen und der keulenförmigen Mazarella, der winselnde Bettler und der Mönch mit dem riesigen Rosenkranz, dessen Kreuz er den Andächtigen zum Kuß reichte. Dort bewegte sich die Albaneserin mit dem silbernen Pfeil im rabenschwarzen Haare und dem weißen, gebrochenen Kopftuch, dort das Mädchen von Ariccia, kenntlich an den blauen Bändern des Jäckchens, das scharlachrot gekleidete Weib von Nettuno, die schöne Velletrinerin mit freiem Nacken und dem Blumenkranz im Haar.

Alles schob und drängte sich durcheinander, schüttelte die Hände, nickte Willkommen und Lebewohl. Die einen freuten sich der gewirkten Teppiche, welche in farbiger Pracht von allen Balkonen hingen, und der noch weit herrlicheren der überall herniederlauschenden schönen Mädchen. Andere wieder stiegen auf den Schloßberg nach den mit Myrten umflochtenen Säulen, unter denen der von Kerzen umfunkelte Hochaltar mit dem Bilde der Madonna ruhte. Noch andere wanden sich mühsam längs der Häuser hin, um nicht den Blumenteppich, der die Straßen bedeckte, zu beschädigen, und musterten neugierig die zarten, leuchtenden Gemälde, welche der Fleiß der Genzaneserinnen aus feingepflückten Blüten zusammengestellt hatte. Es war ein wunderbar schöner Anblick. Wer vor der Kirche Santa Trinita steht, sieht die drei Hauptstraßen des Städtchens sich gerade und regelmäßig von diesem Punkt wie ein Fächer ausbreiten und den Berg hinanklimmen. Alle waren sie von oben bis unten mit jenem bunten, duftenden Mosaik ausgelegt. Die dunkeln Blätter der Stechpalmen, Myrten und Lorbeern bildeten den Grund, in dem die von Rosen umfaßten Gemälde lagen. Es waren Steine, Rosetten, Springbrunnen, in welchen sich Tauben baden, das Gotteslamm mit der Fahne, Altäre mit flammenden Herzen, seltsam verschlungene Namenszüge, die Wappen des Papstes oder des damals über Genzano und Ariccia herrschenden Geschlechtes der Savelli, und alle Abstufungen von Licht zu Schatten wurden durch einzelne Blättchen abgespiegelt. Am durchsichtigblauen Himmel war kein Wölkchen zu spüren, und auch nicht das leiseste Lüftchen ging, welches die Blütengemälde hätte zerstreuen können. Wer seine Schaulust auf der Straße befriedigt hatte, suchte ein Plätzchen in den Osterien, um beim Spiel und dem glänzenden, süßen Genzaneser-Wein die Stunden bis zum Beginn der Prozession zu verbringen.

Zu den letzteren gehörten auch zwei städtisch, wenn auch gleich nur nach der Weise der minder wohlhabenden Bürger, gekleidete Männer. Der ältere von ihnen hatte eine von den Physiognomieen, welche man nie wieder vergißt, wenn man auch nur einmal mit ihnen in Berührung gekommen ist; ein lauerndes, rastlos bewegliches, überall hinspähendes Auge, hämisch gekniffene Lippen, eine hohe, kahle Stirn. Abstoßender noch war seine kleine magere Gestalt. Er war am ganzen Leibe verschroben, ohne daß man doch just hätte sagen können, daß und wo er verwachsen gewesen wäre. Die Gliedmaßen wollten nirgends zu einander passen – es schien, als habe er sie auf den Auktionen zusammengekauft. Der jüngere war ein großer, hübscher Blondin von höchstens achtzehn Jahren, dessen regelmäßige Züge und seiner Teint seltsam genug gegen die sonnenverbrannten, bartumbuschten Gesichter der Schäfer und Landleute, welche das Wirtshaus füllten, abstach. Nur mit heimlichem Widerwillen schien er dem ältern zu folgen und sich in der allerdings mehr als gemischten Gesellschaft nicht besonders heimisch zu fühlen. Ohne sich jedoch an das Mißbehagen seines Gefährten zu kehren, zog ihn der Kleine an einen noch unbesetzten Tisch und kommandierte mit der trotzigen Sicherheit des Stammgastes die Bottiglia und Artischocken. Die Grüße, welche er rechts und links verteilte, die Gegengrüße: Willkommen, Signor Carlo! Wir freuen uns, Herrn Pagnotto in unserer Mitte zu sehen! bewiesen zur Genüge, daß seine Persönlichkeit eine sattsam bekannte sein müsse, und in der That hatte er auch als Verwalter des Fürsten Savelliin Ariccia sattsam Gelegenheit gehabt, mit den Bewohnern des Albaner Gebirges, welches damals fast ausschließlich von seinem Herrn beherrscht wurde, in Berührung zu kommen. Ob diese aber jederzeit eine freundliche gewesen, läßt sich, nach dem Amte zu urteilen, welches Pagnotto mit unumschränkter Vollmacht während der Abwesenheit seiner Gebieter bekleidete, mit ziemlicher Glaubwürdigkeit bezweifeln. Wenigstens verkündeten die scheuen, mißtrauischen Blicke, welche die Anwesenden von Zeit zu Zeit auf ihn warfen, und die Eile, sich wieder aus seinem Bereich zu entfernen, daß jene Begrüßungen wohl mehr aus Furcht, als aus Verehrung herstammten, und daß Jeder bei sich zu denken schien: es bleibe doch immer ratsam, dem Teufel dann und wann eine Kerze anzuzünden.

Wirklich blieb der Tisch, an welchem die Beiden saßen, verödet. Alles drängte sich in die entfernteren Ecken des Zimmers, so daß die Gemiedenen ihre Bemerkungen ungestört austauschen durften. Eine Weile hindurch schien das wilde Treiben den Jüngling zu belustigen, bald aber flüsterte er seinem Begleiter mit wegwerfendem Kopfnicken zu: »Laß uns gehen, Carlo, dies Toben des betrunkenen, schwarzbraunen Gesindels, das Brüllen beim Moraspiel, dies Gedränge, und vor allem diese verdickte Atmosphäre sind mir unerträglich. Fort von hier.«

Der kleine Pagnotto hielt den Aufstehenden beim Ärmel zurück. »Ei nicht doch, Bossignoria, wo denkt Ihr hin? Jetzt, wo die schönste Lust beginnen soll, treibt Ihr zum Gehen. Schaut doch nur auf diesen ehrwürdigen Bruder Kapuziner, dem der Wein zu Kopfe gestiegen, und wie köstlich er zwischen den handküssenden Bauern umhertaumelt. Werft einen Blick auf dies frische Bauerweib aus Albano, mit Ketten und Ohrringen. Sie ist die Frau des Filippo Agnolo – er wohnt hart am Springbrunnen. Sollte die Euerm Geschmack nicht zusagen? Betrachtet nur den vollen üppigen Busen, den blendenden Nacken. Ha! Corpo die Mercurio! Als ich in Eurem Alter war – – oder weiter rechts das nette Dirnchen mit der Silbernadel im Haar. Sie ist noch nicht verlobt – Ihr seht's an der geballten Hand am Knopf der Nadel ist auch erst dreizehn Jahre. Mariuccia heißt sie, Tochter des Vignarolen Testi.«

»Ja, ich räume Dir's ein. Du hast mir nicht zu viel von der Schönheit der Gebirgsbewohnerinnen gesagt – herrliche, stolze Gestalten, zärtliche Augen! Doch wenn man mich in dieser Umgebung sähe, mich erkennte. In Genzano findet sich Alles meilenweit zusammen – die Römer – die Römerinnen – sie würden es mir nimmer vergeben.«

»Unbesorgt, Exzellenza,« wisperte der Alte. »Hier zu Lande denkt man tolerant über dergleichen. Erwägt außerdem nur, daß Ihr erst seit Wochenfrist aus Mailand zurückkehret, und wer wird in dem achtzehnjährigen jungen Manne den sechsjährigen Bambino, als welcher Ihr dorthin zoget, wiedersuchen wollen? Wer will in dieser Bauernkneipe, in Eurem schlichten, braunen Gewande, in meinem angeblichen Neffen, den Fürsten Orlando Savelli wiedererkennen? Werft Zweifel und Zagen von Euch und genießet das Leben mit vollen Zügen. Ich habe Euch Götterlust versprochen, und beim Haupte des Apollo, ich will mein Wort lösen. Wartet doch wenigstens die Prozession ab, wo Ihr all' die holden Gestalten an Euch vorüberziehen seht, und – was gilt die Wette – sie wiegen Eure Mailänderinnen auf. Wie kann sich ein junger Mann, der auf Abenteuer ausgeht und seinen Ovid an den Fingern herzusagen weiß, an die Verkleidung stoßen, oder an das rauchschwarze Gewölbe und all' dieses heillose Lumpenpack? Nicht die schmutzige Muschel ist es, nach der man fischt, wohl aber nach der verborgenen Perle. Ja freilich hängen in dem alten Theater des Marcellus, Euerem Fürstensitze zu Rom, in Eueren Schlössern zu Ariccia und Genzano seidene Vorhänge, wo hier nur Spinnweben. Freilich klirren dort auf den Marmorfliesen Rittersporen und Degen, und hier in der lichtlosen Osteria nur Gläser und Flaschen. Eure Damen tragen Straußen- und Reiherfedern auf dem Kopf, unsere Landdirnen begnügen sich mit dem panno und der Nadel. Was sind aber alle die angehängten Reise gegen die angeborenen und in diesen nehmen es Eure Landestöchter mit allen Herzoginnen und Marchesinnen der Welt auf. Fühlt Ihr Euch nicht ein Halbgott in dem Bewußtsein, unumschränkter Herr und Gebieter eines so übervollen Blütenwaldes zu sein, keines anderen Werbens, als eines gnädigen Augenwinks zu bedürfen, keiner Liebeserklärung als eines Fingerzeigs? Und ich weiß Euch ein Vöglein, das Euch zum Schlagen bringen soll, Ha! Corpo di Verere! Wenn die Henne gackelt, so ist das Ei nicht mehr weit. Wahrlich, dort kommt sie, die Mutter der Schönsten der Schönen, die alte Benedetta – und hier der Vater! Willkommen, Battista Romagnoli! Willkommen, Frau Benedetta! Hierher geschaut! Verkennt Ihr Euren allen Freund Pagnotto? Nur immer näher heran und trinkt ein Glas auf das Wohlsein Eures Töchterleins. Wo habt Ihr sie gelassen? doch nicht in Ariccia? Die Sünde vergab' Euch die Heilige nimmermehr, wenn Ihr ihrem Feste die lieblichste Blüte entzogen hättet. Oder schweift sie mit ihrem Bräutigam, dem wackeren Mario Camucci, noch in der Stadt umher? Reicht mir Eure Hand. Seht hier meinen Schwestersohn, den Giorgio Squaldo; ist erst seit acht Tagen aus Mailand, wo er in dem Park der Visconti die Gärtnerei erlernte, zurück. Aber, meiner Treu! Da folgen ja auch die Kinder. Bravo! Gesegnet sei mein holdes Täubchen immerdar und einen Tag, und auch Du, mein schmucker Mario. Immer heran nur, hier ist Raum und Wein für uns Alle.«

Die herzugetretenen Ariccianer folgten der dringenden Einladung. Die schöne Braut kam zwischen dem angeblichen Gärtnerburschen und ihrem Verlobten zu sitzen. Es war ein reizendes Geschöpf. Ihr glänzendes Schwarzhaar war von keinem Schleier verhüllt und nur durch den silbernen Pfeil mit der offenen Hand zusammengehalten. Das brennende Augenpaar, welches aus langen Wimpern hervorstrahlte, die hohe, kühne Stirn, der frische, wollustatmende Mund, der Busen, auf dessen füher Fülle die rote Korallenschnur wogte, das weiße Tuch, welches in hundert zierlichen Falten von dem Nacken herabrollte, die anmutsvolle, königliche Gestalt – der Fürst vermeinte, noch nie etwas Reizenderes gesehen zu haben. Und jetzt ihm so nahe: das Säuseln ihres Atems streifte seine Wange, ihre Hand berührte die seinige, als er ihr den gefüllten Becher reichte, sie lächelte ihn dankend an – wie verzaubert hingen seine Blicke an dem Mädchen.

»Aber sage mir, Giorgio,« lachte der Verwalter dem Prinzen zu, »seit wann hast Du die Sprache verlernt? Magst Dich auch wohl besser aufs Pflanzen des Rosmarins als auf das der Myrte verstehen. Nun, laß es gut sein, es war nicht so übel gemeint.« Und dann zu dem alten Romagnoli wie entschuldigend gewandt: »Es ist ein braver, tüchtiger Bursch – aber nur noch blöde, schüchtern wie ein zwölfjährig Mädchen. Angestoßen, Freunde!«

Die Plaudereien des kleinen Pagnotto und einige hastig hinuntergestürzte Gläser halfen dem jungen Prinzen glücklich über die erste Befangenheit hinweg. Binnen kurzem hatte er seine Gesprächigkeit, seine weltmännische Gewandtheit wieder erlangt, und die freundlichen Blicke der schönen Lätitia bekundeten nur allzu deutlich, wie sehr die Unterhaltung nach ihrem Wunsche sei. Nur der Bräutigam ward immer schweigsamer und finsterer, verwandte seine argwöhnischen Blicke nicht einen Moment von den Scherzenden und rückte unruhig auf der Holzbank hin und her. Es war ein nerviger Bursch, mit düsterem, tückischem Blick; der spitze Hut mit dem Marienbilde und den bunten Bändern saß ihm verwegen in den krausen, schwarzen Locken, ein wilder Bart, welcher sein Kinn umflocht, die behaarte Brust, die Muskeln des aufgestreiften Armes zeugten von nicht gewöhnlicher Kraft. Leicht möglich, daß er zur Stunde die vermeintlichen Eingriffe in seine Bräutigamsrechte geahndet hätte, wenn nicht auch zu gleicher Zeit die Glocken von allen Türmen das Beginnen der Prozession ausläuteten. Die Familie stürzte hinaus, der Fürst wollte sich der Schönen anschließen, fühlte sich aber am Arm zurückgehalten, und sein unwilliger Blick begegnete dem bedeutungsvollen Zeichen Pagnottos, welcher das Augenlid mit dem Finger herunter riß.

»Laß mich, Carlo, ich muß ihr nach! Sie entschlüpft uns in dem Gewühl, vielleicht auf immer.«

»Halt, Exzellenza! Keinen Schritt von hier. Seid Ihr bei Sinnen? Wollt Ihr die Tochter unter den Augen der Eltern entführen? Hattet Ihr kein Auge für den Bräutigam, für seine kaum verhehlte Wut, für sein Verstummen, seine Blässe? Nicht von der Stelle lasse ich Euch, Wollt Ihr denn gleich einen Messerstich zwischen die Rippen haben? Corpo di Giove, über das junge Blut! Setzt Euch und hört – aber nein, Ihr seid zu ungeduldig. So kommt denn ins Freie und laßt uns die Prozession mit ansehen, und, wenn Ihr darauf besteht, dem Mädchen auch von weitem folgen, aber auch nur aus der Ferne. Kein Wort mehr für heute, Ihr kennt sie jetzt, ich weiß, wo sie wohnt, ich stehe für den günstigsten Erfolg – in drei Wochen längstens ist sie die Eurige. Hat der alte Carlo Pagnotto wohl jemals die Unwahrheit gesprochen? Kommt, Prinz, aber ruhig, ruhig Chi va piano, va lontano. In einer halben Stunde sag' ich Euch das Weitere,«

Sie traten hinaus, Orlandos Blicke vermochten weder die mit wallenden Kirchenfahnen über die Blumenstraße langsam einherziehenden Brüderschaften, noch die Knaben mit Weihkesseln und Lichtern auf sich zu ziehen. Ohne einen thätlichen Wink des Verwalters hätte er es versäumt, sich vor dem vorüberziehenden, riesengroßen Kruzifix auf die Kniee zu werfen. Nicht der Bischof unter dem blumengeschmückten Baldachin, welcher die Monstranz in den Händen hielt, nicht die Knaben, welche sich hinter ihm herdrängten, und die von seinem Schritt geweihten Blätter hastig aufrafften, vermochten seine Aufmerksamkeit zu fesseln. Der Zug der Frauen und Mädchen strömte hinterdrein. Tausende von weißen Kopfschleiern drängten sich aneinander die Bergstraße schien wie mit Schnee überdeckt zu sein. Lätitia aus diesem Schwarm zu finden, war unmöglich. Die Prozession wallte langsam dem flimmernden Hochaltar zu. Es begann zu dämmern. Die Gruppen lösten sich und wanden sich unter Scherz und Gesang der Heimat zu. Orlando ergriff mißmutig den Arm seines Begleiters und drängte ihn durch die Eichenalleen vor dem Thor nach Ariccia zurück.

»Und so seid Ihr denn urplötzlich in so gewaltige Leidenschaft zu der schönen Romagnoli entzündet worden, mein Prinz?« schmunzelte lauernd Pagnotto, als sie in den Ulmenwald von Genzano hinabstiegen.

»Das Mädchen ist ein Engel des Himmels! Sie muß die meinige werden, sie muß, sage ich Dir. Versucher, Du hast sie mir gezeigt, Du hast diese Stürme in meiner Brust geweckt – wehe Dir, wenn Du sie nicht zu beschwichtigen weißt,«

» Dio mio!« seufzte der Kuppler kopfschüttelnd, »das ras't und schäumt und tobt wie die Wellen gegen den Monte-Circello. Dämpft, wenn es Euch beliebt, Eure Liebeswut mit einem winzigen Pulver Geduld, und Ihr sollt an mir sehen, was ein alter, treuer Diener des Hauses vermag, Lätitia ist Braut« –

»Bei allen Dämonen der Unterwelt, erinnere mich nicht daran« –

»Sie ist in ihren Mario vernarrt,« fuhr der Verwalter kaltblütig fort, »und demnach wenig Aussicht, daß sie, für's erste wenigstens, Ew. Fürstliche Gnaden jenem ungeschlachten, schwarzäugigen Lümmel vorziehen wird. Ihr, Exzellenza, seid aber zu ungestüm, um Euch bis zu jenem Mondeswechsel des Herzens mit trocknem Schmachten begnügen zu wollen, also« –

»Also?«

»Also muß der Bauer beiseite geschafft werden.«

»Bei allen Heiligen, was meinst Du, Carlo?« fragte Savelli erschrocken. »Ihn ermorden lassen? Nun und nimmer.«

»Ruhig doch, Herr. Wer spricht, wer denkt denn an Mord. Beiseite schaffen meinte ich, den Schlingel entfernen, auf ein halbes Jährchen höchstens. Dann mag er loskommen – nach Ariccia zurückkehren und sich am Abhub der fürstlich Savellischen Tafel den Magen nach Herzenslust verderben. Laßt mich nur machen, Principe, Es müßte ja mit Zauberei zugehen, wenn ich dem Signor Amoroso nicht ein freies Quartier und Kost, letztere freilich mäßiger noch als Fastenspeisen, verschaffte. Er hat ein Häuschen, unfern der Porta Romana bei uns, und ein Gärtchen in der Vertiefung von Valle d'Ariccia, mit einem Dutzend Broccoli und Artischockenstauden, weiter nichts. Mit diesem Bettelkram reitet er jeden Markttag nach Rom – dort laßt mir freie Hand. Hat der Vogel erst einmal den Kopf durch die Schlinge der Porta San Giovanni gesteckt, so mögt Ihr mich auf die Galeeren schicken, wenn er sich nicht den Hals zuschnürt. Er muß Händel anfangen.«

»Und wenn er nun harmlos und friedfertig wieder heimkehrt?«

»Er muß, sag' ich Euch, Herr. Kennt Ihr denn Eure Landsleute so wenig, daß Ihr ihnen noch Lammsblut in den Adern zumutet? Mario ist ein verteufelt hitziger Bursch, an dessen Pelz wir schnell genug eine Klette werfen wollen. Und ist er erst so weit – Corpo di Mercurio! – wofür wär't Ihr denn Fürst Savelli, der Neffe des Senators, wenn Ihr nicht meinen birbaccione am Fuße des Kapitols einquartieren könntet? Hat er erst ein Dutzend Wochen die Vorübergehenden durch das Gitter angebettelt und mit dem leinenen Sack an der Schnur nach halben Bajocchi geangelt – was gilt's, der Tölpel wird kirre und fragt fortan nach dem Vergangenen so wenig, als nach den Wolken des verwichenen Jahres.«

Signore Carlo Pagnotto war einer von denen, welchen man kein Unrecht thut, wenn man jeden vor ihnen, als vor den von Gott Gezeichneten, warnt. War sein Äußeres abschreckend, so war es sein Inneres gewiß noch zehnmal mehr. Er war der hartherzigste Schurke im ganzen Latium. Durch Kriecherei und ehrlose Dienstleistungen hatte er sich unter dem verstorbenen Fürsten nun Savelli zu dem Posten des Verwalters aufgeschwungen, hatte seine Untergebenen auf das schamloseste ausgesogen und durch Bestechungen der nächsten Umgebungen seines Herrn jede Klage zu ersticken gewußt. Wohl ahnend, daß nach dem Tode des alten Fürsten alle Stimmen sich wider ihn erheben würden, hatte er sich beeilt, dem Erben unter dem Scheine ehrfurchtsvoller Huldigung bis Mailand entgegen zu gehen, in der That aber, um dessen Schwächen zu erforschen und, seinen Neigungen schmeichelnd, ihn sich geneigt zu machen. In kurzer Frist hatte der schlaue Pagnotto erkannt, daß Trägheit und Sinnlichkeit und eine gewisse negative Gutmütigkeit, wie sie den meisten Sinnlichen inne wohnt, die geistigen Hauptelemente seines Gebieters seien – ihm die erwünschteste Entdeckung. Jetzt begann er dem fürstlichen Weichling die verführerischen Sirenentöne von Herrscherlust, von unbegrenzter Macht vorzusingen, von der Schönheit der Frauen seines Gebiets, von dem Himmel auf Erden, den er ihm erschließen wolle. Kaum in Rom angelangt, überredete er den jungen Savelli, das Blumenfest verkleidet zu besuchen, fest überzeugt, daß unter den Tausenden reizender Latinerinnen gewiß doch eine den am üppigen Mailänder Hofe Auferzogenen fesseln werde. Mit heimlichem Entzücken gewahrte er, wie schnell sein Plan reifte, wie er der einzige Vertraute der Schwäche seines Herrn, wie er ihm fortan unentbehrlich sei.

Mario Camucci rückte, wie Pagnotto es vorhergesagt hatte, am nächsten Mittwochmorgen durch die Porta San Giovanni, nachlässig auf seinem Esel hinter den vollen Gemüsekörben hängend und mit den Beinen baumelnd. Ein aus Ariccia gebürtiger Diener der Savelli begann unter dem Thore ein gleichgiltiges Gespräch mit dem Reiter, während die Lanzenknechte – eine zu allen schlechten und boshaften Streichen aufgelegte Nation, besonders auf der Wache, wo sie Muße haben, neue auszuhecken – dem Esel heimlich ein Bündel getrockneter Disteln unter den Schwanz banden. Das sonst so langmütige Tier hatte kaum die Verleihung dieses molestierenden Distelordens empfunden, als es auch auf das entschiedenste dagegen protestierte, und, erbärmlich brüllend, erst mit dem rechten, dann mit dem linken Hinterfuß ausschlug und zuletzt, den Kopf zwischen die Beine nahm und das ganze Hintergestell so ungebührlich erhöhte, daß Reiter, Kohlköpfe und Artischocken unter dem schallenden Gelächter der Soldateska zu Boden kollerten. Mario raffte sich wütend und ein maledetto über das andere fluchend, auf, warf einen zornsprühenden Blick auf das zum erstenmale rebellische Saumtier und entdeckte auch augenblicklich die Ursache dieser Widersetzlichkeit. Da biß er auf den Knöchel, schleuderte die fünf gespreizten Finger den Hohnlachenden entgegen und sprudelte gegen sie alle Ehrentitel und Verwünschungen, welche sich just seinem Gedächtnis darboten, aus. Es waren ihrer genug, um die Soldaten aufzubringen, sie zu bewegen, ihn mit den Schäften der Hellebarden zu Boden zu schlagen und ihn als unmittelbaren Beleidiger der Wachtmannschaft, als mittelbaren Er. Heiligkeit des damals regierenden Papstes Gregor XIII, zu kurbeln und in den Kerker unterhalb des Kapitals zu schleppen. Der von seiner Doppellast befreite Esel galoppierte, die Ohren schüttelnd, nach Ariccia zurück, und brüllte die Tauerbotschaft von dem Verschwinden seines Herrn dessen Angehörigen zu. Nur über das Wie und Wo vermochte der zur Wahrheit wohl Ermahnte keine Rechenschaft abzulegen.

Pagnotto säumte keinen Augenblick, den Prinzen von dem Gelingen seines Planes in Kenntnis zu setzen, und dieser ebenso wenig, nach Ariccia zu eilen, um in der Familie Romagnoli die Rolle des Trösters zu übernehmen. Er erschien wieder als der arme Gärtnerbursche Giorgio Squaldo, erst wöchentlich, bald täglich. Angeblich diente er in einer Vigna unterhalb Marino. Er nahm so herzlich an dem Kummer der Schwiegereltern teil, so herzlich an dem der verlassenen Braut, wußte seine Worte so hübsch zu setzen, that so bescheiden, brachte so niedliche Sächelchen aus Mailand mit – sie mußten ihm wohl gewogen werden. Pagnotto hatte dem alten Battista mit gewichtigem Stirnrunzeln zugeraunt, wie Giorgio einst sein einziger Erbe werde: Mario war und blieb verschollen; die Braut hatte sich bereits an die häufigen Besuche des gewandten, blonden Giorgio gewöhnt – und von der Gewöhnung bis zur Liebe soll es ja, wie man sagt, nicht weiter, als vom rechten Augenwinkel bis zum linken sein.

Wer weiß, was noch geschehen, wenn nicht Lätitia eines schönen Tages nach Rom gekommen wäre und auf der Piazza Montanara, gegenüber dem alten Theater des Marcellus, ihren Spargel und Salat zum Verkauf ausgeboten hätte. Eben war sie beschäftigt, ihre in der Hitze welkenden Gemüse mit dem Wasser des dortigen Springquells zu befeuchten, als aus dem Palast ein stolzer Zug Kavaliere sprengte – an ihrer Spitze der blonde Giorgio im seidenen Wams und Mantel, mit lang nachwallenden Federn, dem ritterlichen Schwert an der Seite. Der Korb entsank ihren Händen. »Um der Madonna willen,« stöhnte sie, »wie deute ich das? Täucht mich mein Auge? Sprecht, ich bitte Euch,« sich zu einem an der Fontäne gähnenden Facchino wendend, »sprecht, wer ist der Reiter auf dem stattlichen Rappen, der eben vorbei reitet?«

»Ei nun, den pflegt ja sonst jedes hübsche Mädchen zu kennen, ebenso wie er wiederum alle kennt, Prinz Orlando Savelli ist's, der junge Erbe,«

Lätitia schüttelte verstummend das Köpfchen - sie mußte sich geirrt haben. Da lenkte der Fürst noch einmal um und flüsterte einem in dem Thor stehenden Diener ein paar flüchtige Worte zu – der Diener aber war kein anderer, als der häßliche Pagnotto. Nun blieb kein Zweifel mehr – sie war auf das schmählichste hintergangen, ihr Bräutigam das Opfer der Falschen geworden.

Wie eine Rasende stürzte Lätitia über den Platz und durch die Straßen. Die Leidenschaftlichkeit der Südländerin kennt keine Schranken. Vor den Augen schwimmt es ihr wie Nebel – von dem stürmisch wogenden Busen ist der Achtlosen das Tuch entglitten, die Silbernadel aus dem Geflecht der Haare, die nun wie schwarze Wellen hinter ihr herrauschen. Willenlos führt ihr Fuß sie dem Thore zu. Schon hat sie das Campo oaccino erreicht – da fällt ihr irrer Blick auf den Turm des, Kapitals und ein Gedankenblitz durchzuckt ihre Seele: Hin zum Senator, dem obersten Richter Roms – er muß mir Gerechtigkeit schaffen. Schon hat sie die Salita mit fliegendem Fuß erklommen, da tönt der Ruf: »Lätitia, meine Lätitia!« in ihr Ohr. Sie blickt auf – ein bleiches, verwildertes Gesicht starrt durch das Gitter des Erdgeschosses – sie erkennt es, es gehört ihrem Mario – sie stiegt auf ihn zu, umklammert die gekreuzten Stangen, preßt ihr vor Wut, vor Entzücken glühendes Gesicht an das kalte Eisen. Thränen stürzen aus ihren Augen und versiegen auf den erhitzten Wangen, Seufzer, Verwünschungen, Ausrufe des freudigsten Taumels drängen sich auf ihren Lippen – langer Frist bedarf es, ehe sie die gemachte Entdeckung, den Argwohn des zwiefachen Betrugs hervorstammeln können. Und nun kommen die Furien der Wut übel den Gefangenen. Krampfhaft schüttelt er die Kerkerstäbe – er knirscht mit den Zähnen – sein Auge rollt – er wird leichenbleich, »Rache! blutige Rache!« lallt er. »Nein, nicht zum Senator, Lätitia. Meinst Du, daß der hochmütige Nobile für das Krümmen des getretenen Wurms Gefühl habe? Rache an dem fürstlichen Heuchler, an dem Teufel von einem Kuppler! Frei muß ich sein – heute Nacht noch. Schnell, Mädchen, eine Feile. Verbirg sie in der Foglietta – reiche sie mir durch's Gitter im Vorübergehen, wenn erst die Stunde der Siesta für die Lanzenknechte geschlagen hat. Um Mitternacht bin ich in Ariccia.«

Er war's.

Ohne die leiseste Ahnung zu haben, daß der den Liebenden freundliche Zufall sein arglistiges Gewebe ermittelt habe, ritt der Prinz in Begleitung seines Mephistophles-Pagnotto am Abend des folgenden Tages nach Ariccia. Mit Erstaunen gewahrten sie das bisher leer gebliebene Haus des Mario Camucci hell erleuchtet und von Menschen umdrängt. Ausgelassene Knaben schwangen jauchzend sprühende Kienbrände auf der Straße, feuerten Pistolen ab und warfen die zischenden Schwärmer in die Höhe. Die Frauen hoben sich auf den Zehen, um durch die Fenster zu schauen und von innen tönte das lustige Schwirren der Mandoline, das Klirren bei Tambourinschellen, das Jauchzen der Fröhlichen. Die fragenden Blicke der beiden Reiter begegneten sich. Da trat der alte Romagnoli mit seiner Frau aus der Thür und begrüßte die Ankömmlinge mit herzlichem Handschlag: »Kommt Ihr doch zur Verherrlichung unseres Festes wie gerufen, Ihr guten Herren und Freunde. Steigt ab, steigt ab und tretet ein. Heut, ist der Ehrentag unserer Lätitia. In der gestrigen Nacht kehrte der Mario aus dem verdammten Rom zurück – hat lange genug im Gefängnis schmachten müssen, der arme Schelm – und weshalb? Oh sanguinaccio di Dio! – weil er die Landsknechte – ha, möge sie ein Unheil treffen – Spitzbuben hat er sie geheißen. Wie? Drei Monate Kerker für die Wahrheit? Es war wohl billig, daß wir seinem Verlangen nachgaben, und ihn gleich heute Hochzeit machen ließen. Aber so steigt doch von den Pferden,«

»Thut's, Principe,« flüsterte Pagnotto seinem Herrn heimlich ins Ohr. »Macht gute Miene zum üblen Spiel, welches uns der Teufel höchsteigenhändig gemischt haben muß. Faßt Euch – noch ist nichts verraten – nichts verloren,«

»Nichts verloren,« grollte Orlando zähneknirschend – »und was wäre jetzt noch zu gewinnen?«

»Das reizende Weib – vielleicht noch die Braut. Bis zur Mitternacht ist es noch weit.«

Der Jüngling folgte dem Versucher ins Gemach. Dort führte das glückliche Paar unter dem evviva! und bravi! der Anwesenden den Saltarello auf. Mit gesenktem Haupt und zierlich gebogenen Armen gaukelte Mario um seine Schöne, deren reizende Formen im anmutigen Tanze nur noch verführerischer hervortraten. Die linke Hand in die Hüfte gestemmt, mit der rechten das Seidentuch schwingend, dem Geliebten entgegen gleitend, ihn schamhaft fliehend und wieder mit vor Glück und Zärtlichkeit leuchtenden Augen nahend, schwebte sie mit bezaubernder Grazie über den Boden. Orlando befand sich in namenloser Aufregung. Die Qualen verschmähter Liebe, Wut, so nahe am Ziele gescheitert zu sein, glühende Begierde kreuzten sich wild in seinem Busen. Mit stierem Blicke und geballten Fäusten stand er auf der Schwelle. Carlos ängstliches Zureden glitt unvernommen an seinem Ohr vorüber.

Der Tanz war beendet. Mario ging frei und ungezwungen auf den Fürsten zu, bot ihm die Haud und gab ihm mit herzlichen Worten die Freude über seinen Besuch zu erkennen. Niemand hätte aus seinen Zügen lesen können, was in der Seele des Rachedurstigen vorging – noch hatte die Stunde der Vergeltung nicht geschlagen. Lätitias Auge flammte, als sie den Heuchler erblickte, doch schnell gefaßt, hieß auch sie ihn willkommen und brach dann kurz das Gespräch ab, um sich wieder ihrem Gatten zuzuwenden.

Und unaufhörlich schwirrte die Zither, dröhnte das Tambourin, drehten sich Tänzerpaare im Reigen, unaufhörlich kreisten die Becher voll feurigen Albaner Weins. Lätitia ruhte vom Tanz. Wie eine Schlange wand sich Orlando hinter ihren Stuhl; die Worte versagten sich ihm über dem Anschauen der irischen, glutatmenden Gestalt, »Habe ich das um Euch verdient?« flüsterte er ihr endlich mit bebender Stimme zu. »So falsch konntet Ihr sein? Anderes verhießen Eure Blicke zu jener Zeit, als ich noch allein um Euch war – damals ließen sie mich das schönste, das einzige Erdenglück hoffen.«

Langsam wandte Lätitia das dunkle Flammenauge nach dem Flehenden um.

»O Lätitia, nur eine Viertelstunde Gehör gewährt mir. Heute – jetzt sind wir unbemerkt in dem Gewühl – eine flüchtige Viertelstunde nur. Mein Leben, meine Seligkeit hängt von der Gewährung ab. Lätitia, ich liebe Euch so sehr, so sehr!«

Das Mädchen wiegte nachdenkend den Kopf; wie plötzlich entschieden, erwiderte sie mit scharfer Stimme: »Es sei darum. Verlaßt jetzt das Zimmer. In einer halben Stunde erwartet mich an der Porta Romana, drei Häuser von hier. Geht und seid verschwiegen.«

Freudestrahlenden Blickes stammelte der Verführer seinen Dank über diese unverhoffte Gunst und drängte sich durch die Menge dem Stelldichein zu. Mit unaussprechlichem Hohn blickte die Braut dem Abgehenden nach, sprach einige leise Worte mit ihrem Gatten und verschwand wenige Augenblicke darauf mit ihm im Nebengemach. Der Jubel der jungen Männer schallte den Entfliehenden nach. Die Gäste zerstreuten sich allmählich.

Mit vor Ungeduld hochschlagendem Herzen harrte der Prinz am Thore. Ein schweres Gewitter zog übel die Ebene; seine falben Gluten spiegelten sich im Meere, erhellten die öde Kampagna mit ihren vereinzelten Pinien und Ruinen und Warttürmen und ließen auf Augenblicke das schon damals zerfallene Stammschloß der Savelli am Fuße des Berges aus der Nacht auftauchen. Düster blickte sein Besitzer in die Tiefe zu seinen Füßen und wandte dann wieder den finsteren Blick auf die Straße und das in Nacht versunkene Häuschen des verhaßten Mario. Die Frist, innerhalb welcher die Braut erscheinen wollte, war bereits verflossen, »Sollte sie mich hintergehen wollen?« murmelte er dumpf in sich hinein. »Woher aber die so schnelle, so willfährige Zusage. Nein, fort mit jedem Zweifel, sie hält Wort, sie erscheint. Schon erkenne ich ihren wehenden Schleier, ihr weißes Busentuch. »Lätitia, meine Geliebte!« – Mit ausgebreiteten Armen eilte er ihr entgegen, preßte sie stürmisch an sein Herz, fühlte sich von nerviger Faust gepackt, und ein Dolch fuhr in seinen Nacken. Stöhnend sank er zu Boden.

Als man am folgenden Morgen die Leiche fand, klagte jedermann den bösen Pagnotto, welcher aus gerechter Besorgnis vor gleich blutiger Ahndung über Nacht landesflüchtig geworden war, des Mordes an. Daß Mario Camucci, in die Gewänder seiner Braut vermummt, die That vollbracht haben könne, fiel keinem ein – hatten doch alle den Glücklichen mit seiner schönen Lätitia der Brautkammer zufliegen sehen, wußte doch keiner, welchen Anlaß zur Rache ihm der Ermordete gegeben hatte. Erst auf dem Sterbebette bekannte er sein Verbrechen.

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