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Venetianische Novellen

Franz Freiherr von Gaudy: Venetianische Novellen - Kapitel 15
Quellenangabe
typefiction
authorFranz Freiherr von Gaudy
titleVenetianische Novellen
publisherBibliographische Anstalt
addressBerlin
year1890
firstpub1838
seriesFranz Freiherrn Gaudys poetische und prosaische Werke
volumeFünfter Band
printrunNeue Ausgabe
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100824
projectid2aeb9a63
status1
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Die Calvi

Unter den patrizischen Geschlechtern, welche in Venedig vor etlichen Jahrhunderten blühten, nahm das der Calvi im goldenen Buche der Nobili den ersten Rang ein; keines durfte sich eines älteren Adels rühmen, keines einer größeren Anzahl von Stammesgenossen, keines übertraf es an Reichtum und Macht. Sein Name ist längst erloschen, ja, in der neueren Zeit bis auf die letzte Spur verweht, seitdem ein reicher Engländer den Palast der Familie, freilich aus der zehnten, zwölften Hand erstand, die Marmortafeln der Façade, die Treppen, die Balkone, Säulen, Fenster bis auf die Dachziegel abbrechen, sorgfältig numerieren und nach England schleppen ließ, um dort in dem finstersten Winkel seines nebligen Landgutes die ganze Herrlichkeit wieder aufzubauen. Ich erinnere mich der Casa Calvo noch gar wohl. Sie stand unweit der Rialtobrücke und war in den letzten Zeiten verräuchert und zerfallen, genug: rohe, hölzerne Bretter bedeckten die scheibenlosen Fenster; an die Pfosten des Wasserthores hatte seit Menschengedenken kein, Gondolier mehr seine Barke angebunden, und von den alten trichterförmigen Schornsteinen rauchte nur noch einer, nämlich der über dem Feuerherde des alten Casimirio Pozzo nero, welcher in Venedig bis zur Stunde, wo er das Haus dem Milordo verschacherte, anerkannt die besten Makkaroni und Capillini verfertigte. Wie gesagt, es war ein altes wackeliges Gebäude, in dem keine Ratte mehr aushalten mochte; mich schmerzte es aber doch, als ich es schleifen und stückweise ins Schiff laden sah; es war, als stürbe mir wiederum ein alter guter Bekannter ab. Das an seiner Stelle neuerbaute Assekuranz- Kompanie-Gebäude von Lloyd mit seinen weißen Wänden und hohen blitzenden Fenstern will mir gar nicht gefallen. – Doch das gehört wohl schwerlich hierher; also rasch und ohne Umschweife zur Sache.

Das Haupt der im Eingang erwähnten Familie Calvo war in der Mitte des sechzehnten Jahrhunderts Herr Mauro Calvo ein finsterer, hartherziger, menschenfeindlicher Greis. In früheren Jahren war er einer der Staatsinquisitoren gewesen, hatte sein Amt mit unerbittlicher Härte verwaltet und sich den Nobili sowie dem Volke verhaßt gemacht, am meisten aber den Mitglieder, seiner Sippschaft. Er war unverheiratet geblieben; die einen wollten wissen, es sei aus Geiz geschehen, die anderen, weil er unfähig wäre, irgend einen Menschen zu lieben, die besser unterrichteten aber, weil er in seiner Bewerbung um die schöne Maria Contarini unglücklicher gewesen sei, als sein jüngerer Bruder Alessio, welcher sie zum Altar führte. Auf diesen und dessen zahlreiche Kinder hatte nun Herr Mauro den finstersten Haß geworfen, und suchte in Verzweiflung darüber, daß sein Vermögen Fideikommiß und mithin unantastbar sei, seinen Bruder in weitläuftige Prozesse zu verwickeln, dessen Ruf, wo er es nur irgend konnte, zu schmälern, mit einem Wort, ihm alles mögliche Herzeleid anzuthun.

Tagelang mit solchen boshaften Plänen sich tragend und über Unheil brütend, saß der alte Staatsinquisitor einsam und so viel als möglich selbst von der zitternden Dienerschaft gemieden, in der Casa Calvo. Wer es nicht unumgänglich mußte, hütete sich, den alten Wolf in seiner Höhle aufzusuchen: ja sogar diejenigen, welche auf dem Canalazzo unter dem Hause vorüber fuhren, warfen mißtrauische, furchtsame Blicke nach oben und atmeten erst freier, wenn sie sich wiederum aus dem Bereich des grauen Bösewichts wußten. Nur die Söhne des Messer Alessio mieden die Nähe des verrufenen Palastes nicht und suchten ihn vielmehr geflissentlich auf, ohne ihn jedoch jemals zu betreten. Jung, mutwillig, ausgelassen, wie sie waren, ergriffen sie jede Gelegenheit mit Freuden, um ihrem Oheim seinen Haß nach Kräften zu vergelten, und ihn recht aus Herzensgrunde ärgern zu können. So fuhren sie bei Tage in festlich geschmückten Barken mit lustigen Gesellen und lockeren Dirnen zechend und singend unter den Fenstern des Herrn Mauro vorüber, oder brachten ihm Nachtständchen auf verstimmten Geigen, quäkenden Pfeifen, wozu sie mit Kesseln und Pfannen ein höllisches Getöse machten, und wußten sich vor Freude nicht zu lassen, wenn der Alte scheltend und wetternd mit der Nachtmütze auf dem Balkon erschien, nach seinen Knechten schrie, sie mit Spießen und Stangen die Ruhestörer verjagen hieß, und diese dann jauchzend und unter schallendem Hohngelächter in den vogelschnellen Gondeln nach allen Winden zerstoben.

Meine Zuhörer werden nach dieser Lieblingsbelustigung der jungen Calvi eben kein allzugünstiges Urteil über deren Sittlichkeit und Bescheidenheit gefällt haben, und wirklich ließ sich von ihrem Lebenswandel auch nur wenig Lobenswürdiges berichten. Auf Erhaltung des Rufes, die wildesten, zügellosesten Nobili der Republik zu sein, wachten sie mit Eifersucht. Man hieß sie nur die Meerraben des Canalazzo, und sie thaten sich auf diesen Namen, wie auf einen Ehrentitel etwas zu gute. Gab es Händel und Raufereien, wurde die Tochter eines ehrsamen Bürgers entführt, und der zur Hilfe eilende Vater halb totgeschlagen, so konnte man mit Gewißheit annehmen, daß die Calvi den Unfug angezettelt oder wenigstens die Hand mit im Spiele gehabt hatten. In jenen Zeiten war der Seidenmantel eines Nobile noch eine Art von Tarnkappe, welche den Frevler in den Augen der Gerechtigkeit unsichtbar machte. Dieses Vorrechts bedienten sich aber die übermütigen Junker in seiner schrankenlosesten Ausdehnung. Sie waren der Schrecken aller Väter und Ehemänner, und jeder ruhige Bürger schlug bei dem Namen Calvo heimlich das Kreuz.

Nur ein Einziger wurde von den Verwünschungen, welche das ganze Geschlecht belasteten, nicht betroffen; es war dies der jüngste von den sechs Söhnen des Messer Alessio, welcher Marcantonio hieß und ein stiller, freundlicher, bescheidener Jüngling war. Weit entfernt, die Ausschweifungen der älteren Brüder zu teilen, that er alles, was in seinen Kräften stand, um das angerichtete Unheil zu hintertreiben und zu vergüten, mahnte die übrigen, obwohl ohne sonderlichen Erfolg, von ihrem verzweifelten Treiben ab und machte allezeit, wenngleich mit nicht größerem Glück, den Fürsprecher der Unterdrückten und Gemißhandelten bei seinem Vater. Herr Alessio war aber auch eben nicht die Behörde, welche für dergleichen Klagen ein allzeit offenes Ohr hatte. Nachsichtig gegen das Treiben seiner älteren Söhne, meinte er, die Jugend müsse ihr Recht haben und austoben; ein venetianischer Nobile dürfe sich schon manches herausnehmen, und es sei im Gegenteil ganz heilsam, dem allzu üppigen Bürger von Zeit zu Zeit in Erinnerung zu bringen, daß es in Venedig noch Patrizier gebe. Er selber war in seinen jüngeren Jahren ein toller Geselle gewesen. – Verspottet von den wilden Brüdern, von dem gleichgesinnten Vater gering geschätzt, stand Herr Marcantonio unter den Seinigen allein, ging seinen eigenen Weg und teilte seine Zeit zwischen löblichen, eines Edelmannes würdigen Beschäftigungen und unschuldigen Zerstreuungen. Zu diesen gehörte vor allem die Lust, sich selber mit einem leichten Nachen in die Lagunen hinauszurudern und dort zu angeln.

An einem schönen Sommernachmittag hielt er mit seinem Kahn in der Nähe der kleinen Insel Santa Catterina. Wer je in Venedig war, wird sie wohl kennen. Wenn man nach Fusina fährt, bleibt sie zur rechten Hand liegen. Das Kloster nimmt den ganzen Raum der kleinen Sandbank ein. Die Mauern werden ringsum von den Wellen bespült; die vielen Bäume und blühenden Gesträuche, welche über sie hervorragen und dichtgedrängt das Kirchlein umgeben, verleihen dem Inselchen das Ansehen eines im Meere schwimmenden Blumenkorbes. Jetzt werden die leeren Gebäude zu Pulvermagazinen verwandt; zur Zeit des Marcantonio aber hatten sie noch ihre ursprüngliche Bestimmung als Kloster der Benediktinernonnen bewahrt.

Marcantonio hatte unter den Klostermauern, vor dem Wind geschützt, die Ruder eingezogen und die Angel ausgeworfen, blickte andächtig auf die von den hüpfenden, glänzenden Wellchen geschaukelte Feder, und nur selten unwillig in die Höhe, wenn ein schwerbeladenes Traboccolo Küstenfahrzeug. oder eine flüchtige Gondel vorüberrauschten, wenn der gewaltsame Ruderschlag die Oberfläche der See mit Schaum bedeckte, und dann die vorüberstreichenden Fische verscheucht auseinander stoben. Da rieselte plötzlich ein Schnee von Orangenblüten auf ihn hernieder. Er sah auf und bemerkte noch, wie der geschüttelte Zweig des Zitronenbaums zurückschnellte und eine weibliche Gestalt im Gebüsch untertauchte.

Eine Störung wie diese war allzu anmutig, als daß sie nicht auch dem eifrigsten Angler hätte willkommen sein sollen. Herr Marcantonio Calvo sah wohl ein, daß es hier gelte, die Rolle des Angelnden mit der des Geangelten zu vertauschen, und konnte es kaum erwarten, daß sich die reizende Lockung wieder zeige, um herzhaft anzubeißen. Wir haben vorhin seiner Sittsamkeit und Bescheidenheit alle Gerechtigkeit widerfahren lassen und preisen ihn noch jetzt, trotz jenes Verlangens, als einen wohlgeratenen, tugendsamen Jüngling, als die Perle der damaligen jungen Venetianer. Wer an seiner Stelle, anstatt einer so hübschen Aufforderung Gehör zu geben, und ein so gefälliges Abenteuer verfolgen zu wollen, die Ruder einsetzt und heimwärts jagt, der möge den ersten Stein auf meinen Helden werfen. Ich für meinen Teil habe es noch nicht vergessen, daß ich einmal zwanzig Jahr alt war, und hätte es um kein Haar anders gemacht, als Messer Calvo, welcher Fische Fische sein ließ und durch die Finger nach der Mauerzinne hinaufblinzelte.

Es währte nicht allzu lange, so tauchte ein junges, feines Mädchen mit verlängertem Hälschen schüchtern und behutsam aus den Sträuchern auf und streckte eben den Arm aus, um den Fischer zum zweiten Mal mit Blüten zu überschütten, als dieser rasch aufblickte und die kleine Delinquentin auf der That ertappte. Sie ward über und über rot, und das stand dem zarten Gesichtchen gar lieblich. Ihr Gewand war das der Laienschwestern des Klosters; sie konnte nur erst Novize oder wohl gar nur Kostgängerin sein, wie ihrer denn gar viele aus den angesehensten Familien Venedigs vorzugsweise nach Santa Catterina gesandt wurden, teils weil die Benediktinerinnen im Rufe standen, als verständen sie die Erziehung am besten zu leiten, teils weil die Abgeschiedenheit des vom Meere umringten Klosters sich besonders eignete, die jugendlichen Herzen vor den Lockungen der Welt zu sichern.

Statt sich an der Verwirrung der schönen Kostgängerin lange zu werden, begann Herr Marcantonia sofort, sich mit zierlichen Worten für die ihm geschenkte Aufmerksamkeit zu bedanken, und ihr mit geläufiger Zunge eine Menge schöner Dinge über ihre Anmut und Reize und dergleichen mehr zu sagen. Ob der Diskurs gerade viel neue und geistreiche Sentenzen enthalten, möchten wir bezweifeln. In solchen Fällen kommt es jedoch weniger darauf an, durch Originalität zu glänzen, als zu schwatzen und der Schönen Zeit zu lassen, sich auf die passendste Antwort zu besinnen oder sie überhaupt mit der Redseligkeit anzustecken. Rede abgewonnen, alles abgewonnen.

Geraume Zeit hindurch blieb Herr Marcantonio freilich auf den Monolog beschränkt. Das junge Mädchen senkte die langen Wimpern, spielte mit dem Rosenkranz am Gürtel und sagte nichts. Da riefen die Glocken zur Hora; die Schöne schrak zusammen und wandte sich zum Gehen. »Ihr scheidet, Madonna!« rief der Patrizier mit beweglichster Stimme und bittend gefalteten Händen; »soll ich Euch nie wiedersehen, habt Ihr mir nur deshalb Euer holdseliges Antlitz zugewandt, um es mir wieder auf immer zu entziehen, mich zum unglücklichsten Sterblichen zu machen?« – »Wir sehen uns wieder,« flüsterte die Kleine, »bald – vielleicht morgen – um die nämliche Stunde. Lebt Wohl!« – Sie schlüpfte davon.

Herr Calvo ruderte zurück. Er hätte vor innerer Freude und Seligkeit laut aufjauchzen mögen. Früher war er noch nie in Liebe gewesen. Hatte er gleich seinen wüsten Brüdern gar häufige und ernstgemeinte Vorwürfe wegen ihrer galanten Intriguen und sündigen Umgangs mit den Frauen gemacht, so konnte er sich doch nicht verschweigen, daß ein wenig heimlicher Neid damit im Spiele gewesen sei. Ohne die Neigung zu fühlen, jenes zügellose Treiben mitzumachen, hätte er doch gar gern gewußt, wie es thue, sich von einem herzigen Wesen geliebt zu wissen und es in allen Ehren wieder zu lieben. Jetzt glaubte er das Ziel seines unbestimmten Sehnens erreicht zu haben, Er vergegenwärtigte sich das Bild des jungen Mädchens, ihre großen leuchtenden Augen, ihre hohen, fein gezirkelten Augenbrauen, das freundliche, verschämte Lächeln des Mundes, das braune Haar, welches verstohlen ans dem Kopfschleier hervorblickte, und vermeinte, nie etwas Schöneres gesehen zu haben. Er redete sich vor, daß er sterblich verliebt sei, und dies so oft, bis er es wirklich wurde. In solchen Fällen thut der Glaube Wunder.

Hielt Herr Marcantonio am folgenden Tage die Stunde des Stelldichein pünktlich inne, so muh man es der jungen Kostgängerin rühmend nachsagen, daß auch sie ihn nicht allzu lange warten ließ. Bei dem gestrigen Schütteln des Blütenzweiges hatte sie wohl ursprünglich nichts Arges, und nur einen harmlosen Scherz im Sinne gehabt, einen wohl verzeihlichen für ein junges, lebensfrohes Mädchen, welches jahraus, jahrein nichts als graue Klostermauern, grämliche Nonnen, vorüberziehende Wolken und Schiffe sah. Die Worte des Nobile, des ersten Mannes, von welchem sie dergleichen zu hören bekam, hatten jedoch auf das unbefangene Kind ihren Eindruck nicht verfehlt. Sie fühlte sich geschmeichelt, die ernstere Aufmerksamkeit eines jungen, schönen Mannes erregt zu haben, von ihm als begehrenswerter Gegenstand angesehen zu werden. Die Neuheit des Verhältnisses, die Heimlichkeit desselben vollendete die Bezauberung und so stimmten denn ihre Gefühle mit denen des jungen Mannes so ziemlich überein. Diesmal war sie beredter, Herr Marcantonio erfuhr von ihr ohne Mühe, daß sie Claudia heiße und die Tochter eines venctianischen Nobile sei. Über ihre Geburt walte aber noch, wie sie sagte, ein tiefes Geheimnis; ihren Vater kenne sie nicht, der Mutter wisse sie sich nur dunkel zu entsinnen, indem sie schon in frühester Kindheit nach Santa Catterina gebracht worden sei. Übrigens habe ihr die Priorin vertraut, daß sich jenes Rätsel losen werde, sobald sie das siebzehnte Jahr erreicht habe und sie dann auch aus dem Kloster genommen werden solle. Bis dahin seien aber noch zwei ewig lange Jahre, und sie wolle nicht in Abrede stellen, daß sie sich innerhalb der Ringmauern zum Sterben langweile.

Marcantonio wollte, wie billig, über ein so tragisches Verhältnis außer sich geraten und gab ihr vorläufig, als wirksamstes Mittel gegen die tätliche Langeweile, die Versicherung, daß er sie über Alles liebe und nicht ohne sie leben könne. Diese Aussage bekräftigte er mit tausendfachen feurigen Schwüren, und zwar so lange, bis die Wahrheit derselben der jungen Claudia einleuchtete, und sie ihm dieselbe beseligende Versicherung zurückgab. Die Gelübde, welche die beiden wechselten, kamen aus aufrichtigem, übervollem Herzen, wie alle Schwüre einer ersten Liebe, und hätte es in Marcantouios Macht gestanden, so würde er die Geliebte noch an demselben Tage aus dein Kloster und geradeswegs nach dem Traualtar gefühlt haben. Leider fallen bei Erbverteilungen den jüngeren Söhnen außer den Lustschlössern wenig andere zu; Herr Alejsio Calvo erfreute sich überdies noch einer gedeihlichen Gesundheit und so eröffneten sich denn in dieser Beziehung für das liebende Paar eben keine besonders erfreulichen Aussichten. Die Zukunft ließ sich aber über das Glück der Gegenwart, in deren Zauberkelch sich das liebende Paar berauschte, wohl leicht vergessen. Sie sahen sich täglich, wenn nicht das Wetter zu abscheulich war und den jungen Piloten am Auslaufen hinderte und wechselten die zärtlichsten Blicke und Worte über die Mauer, bis die melancholische Glocke die junge Kostgängerin in den Betsaal rief und Herrn Marcantonio nach Venedig, allwo er auf der Pesceria die seltensten Fische für sein schweres Geld einhandelte, um nicht bei der Heimkehr in das väterliche Haus als unglücklicher Angler ausgelacht zu werden.

Um diese Zeit war es, wo Italien von einer furchtbaren Pest heimgesucht wurde. Sie war von armenischen Kaufleuten nach Marseille geschleppt worden, und zog jetzt verheerend von Stadt zu Stadt den nördlichen Provinzen zu. Viele Tausende hatte schon das entsetzliche Gespenst hingerafft, eine gleich große Zahl vielleicht, die ihr vorauseilende Verbündete – die Furcht. Näher und näher rückte sie den Grenzen der Republik, schien aller gegen sie errichteten Barrieren zu spotten und erschien plötzlich dort, wo sie am wenigsten erwartet worden war. Venedig befand sich in tiefer Gährung Die Väter der Stadt verwachten Nächte hindurch, um die Vorschläge zur Abwehrung des todbringenden Ungeheuers zu prüfen und zu verwerfen, zugleich aber auch, um die geeigneten Vorkehrungen gegen etwaige Umtriebe der bei allgemeinen Unglücksfällen stets geschäftigen Mißvergnügten und Unruhestifter zu treffen. Die Kirchen waren mit Betenden überfüllt, Prozessionen zogen von Altar zu Altar. Die Beichtväter hatten nicht Ohren genug, um die Bekenntnisse eingerosteter Gewissen zu vernehmen; die Schreibfinger der Notare erlahmten beim Aufsetzen von Testamenten, die der Ärzte bei Anfertigung von unfehlbaren Rezepten und Verhaltungsmaßregeln. Geizige zogen ihre ausstehenden Kapitalien ein, um das Geld zu verscharren, während die jungen Wüstlinge das ihrige verpraßten und im fortwährenden Taumel sich gegen die Todesfurcht zu betäuben suchten, Messer Marcantonio war vielleicht der einzige Venetianer, welcher die allgemeine Unruhe nicht teilte, nach wie vor zum Liebchen ruderte und im süßen Geplauder mit ihr die Welt und ihre Sorgen vergaß.

Da stürzte eines Tages der Haushofmeister des Herrn Mauro Calvo zu dessen Bruder und überbrachte ihm, vor Schrecken bleich, die Nachricht, wie sein Herr soeben eines plötzlichen Todes verblichen sei.»Eine verdächtige Beule,« brachte er stotternd hervor, »habe sich auf der Brust gezeigt; bald darauf sei der Kranke von einem nicht zu stillenden Durst befallen worden und Zunge und Gaumen ihm geschwollen. Der hinzugerufene Arzt habe bebend erklärt, wie hier keine Rettung möglich sei, indem die Pest sich mit ihren tötlichsten Symptomen offenbare, worauf er mit eiligen Schritten das Haus verlassen. Nach Stundenfrist habe Herr Mauro unter den entsetzlichsten Qualen den Geist aufgegeben.«

Hatten nun gleich die beiden Brüder in steter Feindschaft gelebt, so konnte dennoch eine so unerwartete, von so schaurigen Nebenumstanden begleitete Nachricht nicht verfehlen, einen gewaltigen Eindruck auf Herrn Alessio zu machen. Tief erschüttert verhüllte er das Gesicht. Kann sein, daß der Todesfall ihn minder lebhaft berührt haben würde, wäre nicht die entsetzliche Überzeugung, daß die gefürchtete Seuche nunmehr auch in Venedig ausgebrochen sei, damit verknüpft gewesen. Wie viel Anteil das eine oder andere Gefühl an seinem Schmerz hatte, mochte Gott allein wissen; ich berichte nur der Wahrheit gemäß, daß der Gedanke an die ihm zugefallene Erbschaft, für den Augenblick wenigstens in den Hintergrund trat und der ernsten Trauer sich kein fremdes, entwürdigendes Element gesellte. Schweigend winkte er dem Haushofmeister, sich zu entfernen.

Aus dem Hause tretend begegnete dieser den älteren Söhnen des Messer Alessio, welche soeben lärmend und von Wein glühend von einem Gelag heimkehrten. Die Nachricht von dem Tode ihres Oheims ward von den trunkenen Gesellen mit wildem Jubel aufgenommen; freilich hatten sie dem Verstorbenen ferner gestanden, waren im Haß gegen ihn auferzogen worden und kannten ihn nicht als den Bruder ihres Vaters, nur als den unversöhnlichen Erbfeind ihres ganzen Geschlechts. Besonders Jacopo, der älteste und entartetste von allen, kannte in schmähenden Verwünschungen des eben Dahingeschiedenen und in seiner Freude über die ihnen zugefallenen reichen Güter keine Grenzen. Unverzüglich wollte er im Namen seines Vaters die Erbschaft antreten und die Casa Calvo durch ein prächtiges Gastmahl würdig einweihen. Den greisen Hausverwalter schauderte bei diesen fühllosen Reden. Vergeblich war es, daß er den jungen Wüstlingen den Schmerz des eigenen Vaters zu Gemüt führte, daß er sie beschwor, sich wenigstens bis nach dem Leichenbegängnis zu gedulden. Die rohen Junker rissen den Alten mit sich in eine Gondel, hießen diese nach dem Trauerhause rudern, stürmten tobend und lachend die Marmortreppe hinauf und bis in das Gemach, in welchem die Leiche des alten Mauro Calvo mit verhülltem Antlitz auf dem Ruhebette lag.

»Stirbt der Fuchs, so gilt der Balg!« lachte Cesarill, der zweite Calvo, indem er sich wohlgefällig in dem reich verzierten Zimmer umsah. »Die Pest soll leben!« jauchzte Filippo, der dritte Bruder; »sie meint es redlich mit unserem Hause und hat ein Meisterstück gemacht, indem sie gleich mit dem ersten Streich unseren giftigsten Gegner traf.« – Es war, als ob die Brüder sich in ihrem wahnsinnigen Taumel durch frevelhafte, lästerliche Reden zu überbieten suchten, bis endlich Jacopo hart an die Leiche trat, mit grausenerregendem Hohn den Toten um Erlaubnis bat, das teure Antlitz des gnädigen Oheims noch einmal betrachten zu dürfen, und zugleich die Decke hinwegzog. In dem Augenblick aber, wo er das geschwollene, von Pestflecken schrecklich entstellte Gesicht enthüllte, erhob sich der aus langer Ohnmacht erwachte Greis und starrte mit tief in den Höhlen liegenden Augen die Leichenschänder an. Hell aufschreiend und mit allen Gebärden des Entsetzens taumelten die Frevler zurück. »Ruchlose Buben, die Ihr meinen Tod nicht erwarten konntet,« rief der Alte mit heiserer, röchelnder Stimme, »schaudernd sollt Ihr gewahr werden, daß ich Euch zu früh starb!« Mit kaum vernehmlicher Verwünschung sank er in die Kissen zurück und hauchte die Seele aus.

Der Fluch des Oheims schien in Erfüllung zu gehen. Nach wenigen Tagen ward Jacopo von der Pest hingerafft, ihm folgte Cesario, diesem eine seiner Schwestern, kurz darauf auch die Mutter. Filippo ging, von Gewissensbissen und Todesfurcht gequält, in ein Kloster und hoffte durch Buße und Kasteiungen das Racheschwert von seinem Haupte abzuwenden.

Das schöne Venedig bot zu jener Zeit einen fürchterlichen Anblick dar. Tag und Nacht loderten hohe Feuer auf Plätzen und Straßen, um die Luft zu reinigen. In den Kanälen kreuzten sich die mit Leichen hastig davoneilenden Gondeln; die meisten toten Körper wurden in das Meer versenkt. Auf den Gassen sah man nur die mit dem Viatikum zu Sterbenden eilenden Priester, die sich täglich mindernde fromme Brüderschaft des Todes, deren Gelübde die Pflege der Kranken, vorschreibt, die in schwarzes Wachstuch gegen Ansteckung gehüllten Ärzte und den Auswurf des Pöbels oder Galeerensklaven, welche zur Beerdigung der Leichen gedungen waren und ihr Handwerk mit empörender Fühllosigkeit betrieben. Niemand wagte sich mehr aus dem Hause; jeder wich der Berührung des Nächsten aus. Die Furcht hielt den Gatten von der Gattin, den Vater vom Kinde entfernt. Alle dachten nur an sich und wie sie der schrecklichen Gefahr entgehen möchten.

Blieb nun gleich kein Haus von der fürchterlichen Heimsuchung verschont, und hatte auch jede Familie den Verlust eines oder mehrerer Mitglieder zu beweinen, so war dennoch nicht eine in Venedig, in welcher die Pest grausamere Verheerungen angerichtet hätte, als in der der Calvi. Der Tod wütete gegen die Nebenäste so grausam als in der Krone; es schien, als habe er die Vernichtung des ganzen Stammes beschlossen. Das empörende Benehmen der älteren Söhne bei Mauros Leiche war ruchbar geworden; man brachte ihren früheren wüsten Lebenswandel, sowie die Härte und Grausamkeit des ehemaligen Staatsinquisitors in Erinnerung und sah in dem raschen Hinsterben eines entarteten und verhaßten Geschlechts den Finger Gottes.

So lange die Pflege der Seinigen oder die Betrübnis des tiefgebeugten Alessio nicht seine Pflichten in Anspruch nahmen, war Marcantonio täglich nach Santa Catterina hinansgerudert. Eines Abends kehrte er tief betrübt zurück. Seine Geliebte war nicht erschienen; er gab den finstersten Vermutungen Raum. Wieder und immer wieder lenkte er die Barke nach dem Kloster, aber Claudia zeigte sich ihm nicht mehr. Er betrauerte sie als gestorben. Sein weiches Gemüt war von Allen durch den Tod seiner Angehörigen am tiefsten erschüttert worden; nun war auch die letzte Lebensfreude von ihm gewichen. Er verfiel in eine tiefe Schwermut, glaubte auch sich wie! seine übrigen Stammesgenossen dem Tode geweiht und sah ihm mit kalter Gleichgiltigkeit entgegen.

In dem armenischen Kloster der Mechitaristen auf der Insel San Lazzaro lebte zu jener Zeit ein in der Arzneikunde und manchem heimlichen wissen wohlerfahrener Mönch, Namens Basilia. An diesen wandte sich Messer Alessio in seinem Unglück und befragte ihn um seine aufrichtige Meinung, ob ihm irgend ein Mittel bekannt sei, den ans den Seinigen ruhenden, verderblichen Fluch zu lösen, oder ob auch er den Glauben hege, daß er nur durch den Tod des letzten Calvo gesühnt werden könne. Er bekannte ihm zugleich mit aufrichtiger Reue die Feindschaft, in welcher er mit seinem verstorbenen Bruder gelebt habe, den Frevel seiner stets mit strafwürdiger Nachsicht behandelten Söhne und die Fehltritte der eigenen stürmischen Jugend.

Der Mönch erwiderte hierauf: »Ihr erzählt mir da entsetzliche Dinge, Herr! Euer Geschlecht hat schwer gesündigt, es hat sich ungeheurer Verbrechen gegen die göttlichen und menschlichen Gebote zu Schulden kommen lassen und somit die strengste Ahndung verwirkt. Die gerechte Strafe des Herrn ist nicht ausgeblieben und hat Euch tief darnieder gebeugt. Ob aber der Untergang Eures sündigen Stammes beschlossen ist, ob es der Himmel an der Euch auferlegten Buße bewenden und sich von Eurer Reue versöhnen läßt, vermag das schwache Geschöpf Euch nicht zu verkünden. Gehet heim, vertraut Eure Sache dem Herrn und lasset mich nachforschen, ob ich in meiner Kunst und Wissenschaft Trost und Hilfe finden möge.«

Am folgenden Abend erschien der Pater Basilio im Hause des Messer Alessio Calvo und hieß diesen seine Söhne so wie alle noch übrigen männlichen Glieder des Geschlechts zusammenberufen: was er ihnen zu verkünden habe, gehe Alle an und müsse gemeinschaftlich beraten werden. Die Stammesgenossen waren schon längst versammelt und immer noch flogen die Blicke der ungeduldig Wartenden nach der Thür, ob nicht die Fehlenden bald eintreten würden. Als nun aber Herr Alessio als Ältester der Familie erklärte, sie dürften auf keinen mehr rechnen, da erkannten die Überlebenden erst recht lebhaft, wie furchtbar der Tod ihre Reihen gelichtet habe und Alle brachen in Thränen und Wehklagen ans, denn das ganze hochberühmte, einst so weit verzweigte Geschlecht bestand nur noch aus neun Männern.

Jetzt begann der Pater Basilio: »Ich habe nicht als Geistlicher zu Euch zu reden, will somit auch der Vergangenheit nicht gedenken und es Eurem Gewissen überlassen, inwiefern es Euch Schuld giebt, den Tod auf so viele Eurer Brüder herabgerufen zu haben, und wie Ihr fortan durch Gebet und Nutze Eure Vergehungen sühnen möget. Mir liegt es hier nur ob, Euch mitzuteilen, was Ihr zu thun habt, um dem gewissen Aussterben des Geschlechts vorzubeugen, Euer aller Leben zu fristen. Die Schriften der Weisen und Naturkundigen aller Völker und Zeiten bestätigen, daß es oftmals den Geistern der Bösen und unbußfertig Dahingeschiedenen gestattet werde, auf Erben zu wandeln, dem Satan zu dienen und Unheil und Verderben anzustiften. Die einen bedienen sich der menschlichen Gestalt, vornehmlich der von schönen Weibsbildern, um unerfahrene Jünglinge anzulocken und ihr Herzblut auszusaugen; die andern streifen bei nächtlicher Zeit durch die Häuser und töten die Schlafenden durch giftigen Anhauch. Diese bösen Geister heißt man Vampire, und werden von ihnen allerorten gar furchtbare Dinge berichtet. Man will wissen, daß der erste an der Pest Verstorbene in seiner Heimat zu einem solchen Vampir werde, wachend im Sarge liege und sein Leichentuch benage; ehe er dieses aber nicht ganz verzehrt habe, sei auch ein Aufhören der Pest nicht zu erhoffen. Oftmals zieht das Scheusal bei Nacht durch die Gassen, zeichnet dem Tode die Häuser, wo er einkehren solle, mit grüngelben Flecken, ruft auch wohl die Opfer bei Namen und wedelt sie, wenn sie dem Rufe Gehör geben, mit rotem Tuche an, worauf sie vergiftet niedersinken. So vermeldet die hungarische Chronika, daß in Temesvar ein vor der Stadt wohnender Schäfer, ein gottloser Gesell, zuerst an der Pest verstorben. Der sei dann als solch ein greulicher Spuk umgegangen und habe die Einwohner bei Hunderten in das Grab gestürzt. Endlich habe der Rat den Befehl erteilt, den Körper des Schäfers wieder aufzugraben. Obschon drei Wochen seit seinem Tode verstrichen, hat man ihn doch noch warm und rot im Sarge gefunden, worauf der Freiknecht ihm einen spitzigen Pfahl durch das Herz gestoßen. Das Gespenst hat einen kläglichen Schrei ausgestoßen, ist aber von Stund an wahrhaft tot gewesen, worauf auch das Sterben urplötzlich aufgehört. In unserer Stadt war Herr Mauro Calvo der erste Pesttote. Ich sage es frei und unverhohlen; es war ein böser, harter Mann; er schieb, ohne die heiligen Sterbesakramente empfangen zu haben, mit Haß im Herzen, mit Verwünschungen auf der. Lippe Somit halte ich denn nach meiner vollen, gewissenhaften Überzeugung den verstorbenen Mauro Calvo für einen Vampir. Einige Mitglieder seines Geschlechts haben sich unerhörter Vergehen gegen den Toten schuldig gemacht. Seine Rache hat bereits mehrere der Verbrecher ereilt und sie wird auch die andern treffen. Er lebt noch im Grabe und wird es so lange, bis er an dem letzten von Euch die Weissagung erfüllt hat: wie die Calvi schaudernd gewahr werden sollten, daß er zu früh gestorben sei. Hier gilt es, nunmehr dem teuflischen Scheinleben ein Ende zu machen, der verruchten Mordlust Einhalt zu thun. Euch, den Sippen, den nächsten Opfern liegt es ob, Euch und Eure Mitbürger zu retten. Die Macht der Hölle und des blutdürstigen Vampirs muß durch dessen Enthauptung gebrochen werden. Ein anderes Mittel aber kenne ich nicht. Entscheidet durch das Los, wer der Vollstrecker sein soll.«

Auch die wildesten, trotzigsten Männer erschraken bei dieser Zumutung. Stumm und blaß blickte einer den andern an; keiner wollte zuerst das Wort nehmen; jeder fühlte aber gar wohl, daß ihm nur die Wahl bleibe, das Ungeheure zu vollbringen oder das Los seiner Brüder zu teilen; denn die Sage von dem unheimlichen Treiben solcher Vampire war männiglich gar wohl bekannt. Mittlerweile hatte der Pater Basilio neun Papierstreifen geschnitten, das eine mit schwarzem Kreuz bezeichnet und die Lose in seinem Barett gemischt. Er hielt es Herrn Alessio zuerst vor. Mit einem verzweifelnden Blick gen Himmel griff dieser zu und entfaltete die Rolle – das Papier war weiß. Es zog ein zweiter, ein dritter – auch sie blieben von der blutigen Pflicht verschont. Das grausame Schicksal traf Marcantonio. Atmeten nun auch die übrigen frei auf, des furchtbaren Amts überhoben zu sein, so war doch nicht einer, welcher nicht des stillen, gutherzigen Jüngling bemitleidet und lieber einen andern als Vollstrecker gewünscht hätte. Das Papier entsank Marcantonios Händen; er bedeckte sein erbleichendes Gesicht und stieß einen dumpfen Schrei aus. Seine Brüder drängten sich an ihn und versuchten ihm Mut einzusprechen. Er wehrte sie aber leise ab, schüttelte wehmütig den Kopf und sprach: »Laßt ab mit Euern Trostworten; sie können das Unabänderliche nicht ändern, nicht mildern. Ich will nicht mit dem Geschick hadern, daß es just mir die furchtbare That zuwälzt, ich will nur daran denken, daß ich sie zu Euer aller Rettung unternehme. Der Himmel möge mir Kraft verleihen, das Gräßliche zu vollziehen. Ich bin bereit, sagt mir nur, was ich zu thun habe.«

Der Pater Basilio nahm jetzt das Wort: »Jede Stunde Verzuges kann einem oder dem anderen das Leben kosten. Was zu thun ist, möge gleich geschehen. So umgürte Dich denn, mein Sohn, mit dem schärfsten Schwerte; laß uns Fackeln nehmen und in Euer Erbbegräbnis unterhalb der Kirche dei Frati hinabsteigen. Ich will Dir bei diesem ernsten Gange treu zur Seite stehen.« – Geleitet von dem Segen seines greisen Vaters und nur von einem Diener gefolgt, machte sich Marcantonio auf den Weg. Die Erde schien unter seinen Füßen zu schwanken, als er die unterirdische Halle betrat. Ohne den stützenden Arm des Mönchs wäre er zusammengesunken. »Sei ein Mann!« rief ihm dieser leise zu. »Eile, jede versäumte Minute kann das Leben Deines Vaters, Deiner Brüder gefährden. Fort, schon die Luft ist vergiftet! Fort, sage ich Dir! Kommt es dem Manne des Friedens zu, Dir Mut einzusprechen?«

Der Pater Basilio riß Marcantonio durch die schmale Gasse der nebeneinander gereihten Särge mit sich fort. Die letzten Wochen hatten die ohnehin beschränkten Räume entsetzlich verengt. Der rötliche Schimmer der Fackel flog zitternd über die modertropfenden Wände, an denen menschliches Gebein auf schauerliche Weise zu Festons verschränkt war. In den Nischen ruhten übereinander getürmte Totenschädel. Die späteren Särge waren in wilder Unordnung zusammengerückt und übereinander gesetzt, die untern, morschen waren unter der Last gebrochen. Die furchtbare Zeit hatte den Tod der ihn sonst umgebenden feierlichen Würde entkleidet, und nun zeigte sich dieser in seiner widerwärtigsten Blöße. Marcantonio wollte die Ruhestätte seiner Mutter, seiner Geschwister aufsuchen. Der Mönch trieb dagegen mit ängstlicher Hast zur Eile, deutete schweigend auf einen einsam im Winkel stehenden Bleisarg und gab dem begleitenden Diener das Zeichen, dessen Deckel zu lüften. Lange Zeit mühte sich der Knecht vergeblich, das Sprengeisen in die Fugen zu bohren, um die Truhe aufzusperren. Eine von innen dawiderstrebende Macht schien seinen Anstrengungen zu spotten. Nur den vereinten Anstrengungen der drei gelang es, den Sarg zu sprengen.

Mit geballten Fäusten, mit weit offenen, stieren Augen lag die Leiche des greisen Mauro Calvo auf den Kissen; ein abscheuliches Grinsen schien den verzerrten Mund zu beleben. Es war ein furchtbarer Anblick, bei welchem den Zuschauern das Blut in den Adern gerann. »Das Schwert aus der Scheide!« schrie der Mönch, »nicht gezaudert! Meine Ahnung hat mich nicht betrogen. Er ist wahrhaftig ein Vampir! Zugehauen – sonst ist's um Dich und uns geschehen!« –- Mit dem Mute der Verzweiflung fühlte Marcantonio einen rasenden Streich gegen den Sarg und fiel ohnmächtig zu Boden.

Mehrere Wochen waren vergangen, als der junge Mann zum erstenmal vom Krankenlager, auf welches ihn die Schrecken jener Nacht geworfen hatten, erstand, Er sah auf dem Söller der Casa Calvo im Schatten der Myrten und Orangenbäume, und blickte stillsinnend auf das bunte Treiben des Canalazzo, auf die schnell vorübergleitenden Gondeln, auf die vor Lust jauchzende Menge. Die Wut der Pest war durch Enthauptung des Vampirs gebrochen worden; nach wenigen Tagen war die Krankheit erloschen. Durfte Marcantonio nun auch das Bewußtsein hegen, wie er durch seine kühne That der Wohlthäter seiner Mitbürger geworden sei, so fühlte er dennoch nicht minder klar, daß die Erinnerung an jene entsetzliche Nacht ihm fortan einer düsteren Wolke gleich nachziehen werde, und daß der Farbenglanz des Lebens für ihn ein für allemal erloschen sei. Indem er so trüben Betrachtungen nachhing, ward ihm ein Brief überbracht. Er war von Claudia, der totgeglaubten.

Sie schrieb: »Wenige Tage nachdem die Pest in Venedig ausgebrochen war, legte eine Gondel bei unserer Klosterinsel an. Eine hohe, edle Frau in Trauerkleidern stieg ans Land und verlangte, zur Priorin geführt zu werden. Bald darauf ward ich zu dieser gerufen und der Fremden vorgestellt. Diese umarmte mich unter einem Strom von Thränen und gab sich mir als meine Mutter zu erkennen; zu gleicher Zeit unterrichtete sie mich aber auch, daß ich keinen Vater mehr habe, indem dieser ein Opfer der Pest geworden sei. Sie führte mich mit sich nach Venedig, wo wir in tiefster Verborgenheit lebten. Mehr noch als die verhängnisvolle Zeit zwang uns der Haß der mächtigen Familie meines Vaters, welche mit dem Verstorbenen in offener Feindschaft gelebt hatte, zu dieser Zurückgezogenheit. Um den verhaßten Erben seine Güter zu entziehen, hatte er sich mit der Tochter eines edlen, aber verarmten Hauses vermählt – heimlich, um durch einen unerwarteten Erbfolger die Hoffnungen seiner Feinde um so grausamer täuschen zu dürfen. Ich blieb der einzige Sprößling dieser Ehe. – Mittlerweile betrieb es meine Mutter im geheimen, daß ihre Ehe als giltig anerkannt, und ich in meine Rechte eingesetzt werde. Erst wenn das Gericht zu meinen Gunsten entschieden, sollte ich des Vaters Namen erfahren und zugleich mit allem Glanz der reichen Erbin aus der Dunkelheit hervortreten. Da stürzte meine Mutter vor einigen Tagen in entsetzlicher Gemütsbewegung in mein Zimmer, und ich erfuhr aus ihrem Munde, daß der unmenschliche Haß der Sippen ihres Gatten diesen noch über das Grab hinaus verfolge, daß einer seiner Neffen Hand an die Leiche gelegt und die blutigste Greuelthat begangen habe. Die Verzweiflung entriß meiner Mutter ihr Geheimnis, Mein Vater war Mauro Calvo – der Leichenschänder seid Ihr! Morgen nehme ich den Schleier. Ich darf nicht sagen: Lebt wohl!«

Als unter dem Geläut der Klosterglocken von Santa Catterina die Locken der unglücklichen Claudia fielen, als sie mit dem Bahrtuche bedeckt wurde, zum Zeichen, daß sie für die Welt gestorben sei, segelte ihr unglücklicherer Liebhaber an den Klostermauern vorüber, um in Malamocco die Brigantine zu besteigen, die ihn nach Rhodos abführen sollte. Dort angelangt, nahm er das Kreuz und ward wenige Monate darauf, beim Entern einer maurischen Felucke, erstochen.

Fiel nun auch das Vermögen des alten Mauro unverkürzt an seinen Bruder und dessen Kinder, so schien doch ein Unsegen auf dem Erbteil zu ruhen. Durch Unglücksfälle aller Art, mehr aber noch durch eigene Schuld sank das Geschlecht der Calvi von Jahr zu Jahr und ging zuletzt in Armut und Elend unter. Der letzte fristete sein Leben als Bettler auf den Marmorstufen der Casa Calvo. An einem harten Wintermorgen fand man seine abgezehrte Leiche auf der Schwelle des Palastes seiner Ahnherren.

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