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Venetianische Novellen

Franz Freiherr von Gaudy: Venetianische Novellen - Kapitel 14
Quellenangabe
typefiction
authorFranz Freiherr von Gaudy
titleVenetianische Novellen
publisherBibliographische Anstalt
addressBerlin
year1890
firstpub1838
seriesFranz Freiherrn Gaudys poetische und prosaische Werke
volumeFünfter Band
printrunNeue Ausgabe
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100824
projectid2aeb9a63
status1
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Der Schatzgräber

In der Mitte des vorigen Jahrhunderts lebte zu Murano in einem ziemlich baufälligen Hause, welches am Kanal unweit der Kirche San Pietro e Paolo steht, ein alter Fischer mit Namen Nicolo. Er war die ehrlichste Haut von der Welt, stets nüchtern wie ein Kabeljau, dienstfertig gegen seine Nachbarsleute, versäumte an keinem Festtage die Messe, war des Morgens schon mit den Schwalben auf den Beinen und hantierte noch mit seinem Kahne und den Netzen, wenn man kaum noch die Hand vor Augen erkennen konnte – war aber einer von denen, die es trotz aller Plackerei und Mühseligkeit zu nichts bringen. Es war ihm nun einmal, wie man zu sagen pflegt, nicht an der Wiege vorgesungen worden, daß er Glück haben solle. Wo die anderen Fischer sich vor Fang nicht zu lassen wußten, saß er halbe Nächte lang, ohne daß nur eine Gräte ihm ins Netz gegangen wäre; machte er endlich einmal einen schweren Zug, und er holte ausnahmsweise keinen vermoderten Klotz herauf, so konnte er darauf rechnen, daß zum mindesten drei Dutzend Maschen rissen, und die ganze Herrlichkeit durch das unbillige Loch wieder ins Wasser zurückplumpste, oder daß der schönste Fisch abstarb, eh' er ihn nach Venedig zu Markte gebracht hatte, ebenso wie er sicher war, niemals Austern zu fangen, ausgenommen im August, wo sie keine Christenseele mehr mochte. Auf alles, was der alte Nicolo anfing, legte der Teufel hurtig seinen Schwanz und verkehrte die Freude in Heulen und Zähneklappern. An einem gehörigen Hauskreuze fehlte es ihm denn auch nicht. Seine Ehefrau Catterina hatte nämlich zu vielen höchst löblichen Eigenschaften den gewaltigen Fehler, ein allzu getreues Gedächtnis zu besitzen; da sie nun die vielfachen Verluste ebenso schmerzlich als ihr Mann empfand, und keinen derselben ihm vorzurücken vergaß, so wurde das Lamento mit jedem Abend länger, und der geplagte Nicolo dankte oft seinem Himmel, wenn er den blassesten Schimmer des Frühlichts erwittern konnte, um nur hastig in die Lagunen hinaus zu stechen. Sein größtes Leiden aber hatte er mit seinem einzigen Sohne Masetto, einem kräftigen achtzehnjährigen Schlingel, mit dem auf Gottes Welt auch nicht das mindeste anzustellen war, und dies war auch der einzige Punkt, in welchem die Eheleute übereinstimmten; nur war die Mutter der Meinung, daß Masetto ein unverbesserlicher Faulpelz sei, während ihn der Vater für den pinselhaftesten Dummkopf im Gebiet der Republik erklärte. Der Himmel hatte ihm ein Paar gesunde, starke Arme verliehen, jedoch noch einen weit stärkeren Magen; die ersteren schien Masetto nur als unnütze Anhängsel, als ein Paar angenehmer Schnörkel am menschlichen Kadaver zu betrachten, so lange er sie nicht zum Augenausreiben, oder um die Speise nach dem Munde zu führen, verwandte, und noch bis auf den heutigen Tag ist in Murano Masetto der Held der Sage, so oft es gilt, mit Beispielen zu belegen, welche Fassungskraft ein sterblicher Magen besitze. Außerdem war die Natur mit der Gabe des süßesten Schlummers gegen diesen ihren Liebling verschwenderisch gewesen, und es kostete den wackeren Jüngling nur geringe Anstrengung, um von der Siesta bis zur Vesperglocke zu schlafen, und von dieser wiederum bis zur Siesta. Weise, alte Frauen wollten aus dieser eminenten Anlage zum großen Herrn folgern, daß er dereinst auch einer werden müsse – damit war aber den beiden Alten vor der Hand nur wenig gedient.

Eines Nachmittags saß der alte Nicolo vor seinem Hause im Flicken schadhafter Netze vertieft. Frau Catterina spann, wobei sie den zierlichen Flachsfaden so wenig als den des Gesprächs abreißen ließ. Die Nachbarinnen saßen unter den Thüren und fädelten kleine Muscheln zu Halsbändern, oder die roten, durch die ganze Welt berühmten Glaskorallen auf. Die Muraneser Jugend plätscherte halbnackt in dem Kanal und ließ stattliche Flotten von Rinde mit Papiersegeln vom Stapel laufen, ober balgte sich schreiend um die Schalen der abgenagten Wassermelonen, ohne jedoch mit allem Lärmen, ebenso wenig als die Frauen mit ihrem Zungen-, und die Türme durch ihr Glockenspiel den wackeren Masetto aus dem tiefen Schlummer, in welchen er über dem Erbsenlesen versunken war, erwecken zu können.

Während dessen kam ein ungewöhnlich und ausländisch gekleideter Mann langsam über die hölzerne Brücke gegangen, und schritt den Kai, auf welchem Nicolos Häuschen lag, entlang. Eine so fremdartige Erscheinung konnte nicht verfehlen, in dem einförmigen Murano allgemeine Aufmerksamkeit zu erregen und das Geklatsch der Weibsleute auf sich zu lenken. Ein langer, glänzender, bis auf die Brust reichender Bart, der schwarze, turbanähnliche, Bund auf dem Kopf, das faltige Obergewand mit den weiten Ärmeln, der lange Rohrstock, auf welchen der Fremdling sich mit der Rechten stützte, während die Linke eine prächtige Pfeife mit Bernstein-Mundstück hielt, verrieten ihn als Morgenländer. Die einen rieten deshalb auf einen Türken, obwohl diese sich nur selten aus dem Sestiere della Croce weiter entfernen, als um in eins der Kaffeehäuser unter den Prokrazien zu gehen; andere hielten ihn dagegen für einen armenischen Mönch von San Lazzaro, ohne zu erwägen, daß ein solcher wohl schwerlich Dolch und Pistolen im Gürtel tragen werbe, noch andere wieder, doch ebenso grundlos für einen Juden. Der Besprochene näherte sich gemächlich schlendernd, zog höflich grüßend vorüber, kehrte aber nach einigen Schritten schon wieder um, und knüpfte im reinsten Italienisch ein gleichgiltiges Gespräch über Wind und Wetter, über Glasperlen und Arbeitslohn mit den Frauen an. Die Kinder drängten sich im dichten Kreis neugierig um den langbärtigen, buntgekleideten Mann, worauf dieser lächelnd in den Gürtel griff, eine Handvoll Kupfermünzen über die maulaufsperrende Jugend regnen ließ, und seine herzliche Freude über das Schreien, Raufen und Beinzappeln der kleinen Manna-Sammler zu erkennen gab. Nachdem er sich satt gelacht, äußerte er den Wunsch, nach einem guten, nicht allzufernen Kaffeehause gewiesen zu werden, wobei er dem Führer eine Venetianische Lirazza als Ehrensold verhieß. Zwölf Dutzend Lirazzenfreunde meldeten sich augenblicklich zu dem vakanten Posten. Der Fremde musterte lächelnd den dienstwilligen Kreis, und äußerte dann gegen Frau Catterina gewandt: »Dort im Schatten schnarcht ja noch ein angenehmer junger Mann, welcher bei der vorigen Spende leer ausgegangen; ließe dieser sich nicht vielleicht bewegen, mir den begehrten Liebesdienst zu erweisen?«

»Ach, lieber Herr,« erwiderte seufzend die Mutter, »vom Bewegen ist er eben zu meinem Herzeleid kein großer Freund, und wie Ihr ihn dort seht, so liegt er des Tages nicht viel weniger als vierundzwanzig Stunden. Es ist schon ein Jammer und Elend mit solch einem Kinde. Aber wollt ihr nicht lieber den Alten zum Führer nehmen? Heda Nicolo, Ohren auf! Der fremde Herr wünscht für eine Lirazza nach dem Café-Fenice geführt zu werden.

»Ei nicht doch, liebe Frau,« entgegnete der Langbärtige, »laßt Euern guten Mann nur bei seinen Netzen. Besser, er verdient seinerseits, und der Sohn gleichfalls; und auf ein Stück Kuchen soll mir's auch weiter nicht ankommen, um den armen Schelm für den eingebüßten Schlummer zu entschädigen.«

»Nun, das muß wahr sein,« brummte Nicolo, »daß dem Dummen das Glück im Schlafe kommt. Auf, Masetto, auf!« indem er dem Träumer einen väterlich wohlwollenden Rippenstoß versetzte, »auf die Beine, sag' ich! Ach guter Herr! seht nur, um der Madonna willen, diese Nachtmütze von einem Menschen! Sperrt er nicht das Maul auf, als wollte, er den ganzen Hafen San Giorgio mitsamt dem Leuchtturm und der Dogana verschlucken, Laßt den heillosen Dummkopf liegen und folgt mir. Es sind nur ein paar Schritte.«

»Väterchen, Väterchen,« versetzte der Morgenländer, »Ihr seid gegen Euern Sohn zu barsch, zu rauh. Ihr verschüchtert ihn ja ganz und gar. Ich sage Euch, der Junge ist gar nicht nicht so übel, und gewiß nicht halb so dumm, wie Ihr ihn ausschreit. Hab' ich nicht recht, mein Söhnchen – wie heißt Du doch?«

»Masetto, Ew. Gnaden zu dienen,« antwortete die Mutter. »San Tommaso, sein Schutzpatron, muß aber, als der Schlingel über das Taufbecken gehalten wurde, just geschnarcht haben – Gott verzeih mir die Sünde – sonst wüßte ich nicht, von wem er den Austernschlaf her haben sollte.«

»Nun wohlan, Masetto,« nahm der Fremde wiederum das Wort, »nicht wahr, Du möchtest gern Deine Lirazza und ein schönes breites Stück Küchen haben?« Der Bengel kämmte mit den Fingern die glatt über die Stirn hängenden Haare, und fing dann aus breitem Maul an zu lachen. – »Seht Ihr wohl, Mutter, Euer Sohn hat mich vollkommen begriffen. Ich wiederhole es, er ist nicht so dumm, wie er aussieht. Laßt mich nur machen; wir werden schon miteinander fertig werden. Und nun, mein flinker Masettino, komm und laß uns nach dem Café-Fenice wandern.«

Masetto setzte sich schwerfällig in Bewegung, um dem Ausländer den Weg zu weisen, und sämtliche Muraneserinnen pflichteten einstimmig der Mutter Catterina bei, als diese behauptete: der Fremde müsse ein türkischer Nobile, ober wohl gar Senator sein, daß er auf jeden Fall eine Perle von einem Verdammten wäre, und die schönsten Zähne von der Welt zeige, so oft er lache.

Nach einer kleinen halben Stunde kehrte das seltsame Paar zurück, der Fremde aus seiner langen Pfeife wohlgemut blaue Ringel vor sich hin blasend, Masetto aus vollen Backen an einem Stück Torte kauend. »Mein guter Alter,« sagte der Morgenländer sich an Nicolo wendend, »Ihr habt da einen Prachtjungen von einem Sohn; der kann Euch mehr als Brot essen.« – »Glaub's, Illustrissimo, auch Kuchen, wenn er ihm so ins Maul schneit.« – »Nein, nein, was ich sage, ist mein vollkommener Ernst. Und wenn's Euch recht ist, so mag Masetto mich nach Venedig hinüber rudern. Ich wohne im Scudo di Francia am Canalazzo, und drei Lire geb' ich von Herzen gern, sowie ich ans Land gesetzt worden bin.«

Der Alte schüttelte nachdenklich die braune Fischermütze und erwiderte: »Ich zweifle nicht einen Augenblick, daß der Herr sein Versprechen wird halten wollen, desto mehr aber, ob's bis zum Halten kommt. Ich für meinen Teil mag dem Masetto keine leere Wassertonne anvertrauen, geschweige denn eine Gondel. Es ist ein Erbarmen, wie vernagelt der Junge ist.«

Zu allem dem lächelte der Fremde, welcher sich für den Handelsmann Michali aus Negroponte ausgab, und meinte, sie sollten ihm nur den Jungen überlassen; im Notfall verstehe er ja selber sein Ruder zu führen. – Da mußte sich denn der Fischer, dem die drei Lire auch am Herzen lagen, wohl fügen. Der Kaufmann kroch in die Gondel, Masetto stieß ab, ganz Murano guckte mit langen Hälsen nach und konnte sich vor Verwunderung nicht beruhigen, als es die Barke hübsch geradeaus, ja sogar ziemlich schnell vorwärts kommen sah, und sie bald nachher auch aus dem Gesichte verlor.

Masetto rechtfertigte das Vertrauen der Negropontiners auf das glänzendste, empfing seine drei Lire, wollte eben wieder abstoßen, als ihn der Padrone befragte, ob er nicht Lust spüre, einen kleinen Imbiß einzunehmen. Solche Aufforderung ließ aber der edle Jüngling nie vergebens an sich ergehen, nickte, mit dem ganzen Gesicht feixend, seine Einwilligung, pflanzte sich hinter einen wohlbesetzten Tisch und aß für vier Mann, wobei er für noch einmal so viel trank. Michali schien das größte Wohlgefallen an der Kapazität seines Schützlings zu finden, nötigte, so oft Jener Miene machte, zu pausieren, und befragte ihn am Schluß der reichlichen Mahlzeit, ob er wohl heute Nacht ebenso leicht als das frühere Geld noch eine Zecchine verdienen möchte? Er langte bei diesen Worten ein vollgerändertes Goldstück aus der Börse und legte es schmunzelnd auf das linke Auge.

Der ehrliche Masetto konnte sich überhaupt nicht erinnern, jemals eine Zecchine gesehen, geschweige denn besessen zu haben, und glotzte den Goldmann mit weit aufgerissenen Augen an. »Sieh nur, mein Söhnchen, eine Zecchine gilt nach dem jetzigen Kurs 15 Lire und 50 Danari, und diesen ganzen Haufen Geldes kannst Du im Umsehen erlangen, wenn Du mir den Gefallen thun willst – doch Du weißt doch das Arsenal? Schön. Hast auch schon die weißen, steinernen Löwen vor dem Thor gesehen? Scharmant. Du bist ein kluger, anstelliger Junge. Also das Goldstück ist Dein, wenn Du Dich entschließen kannst, dem größten der Löwen, ich meine den linker Hand sitzenden, eine Viertelstunde lang den Kopf zu krauen. Versteh' mich recht, Du sollst mit dem Tiere schön thun, es sacht hinter den Ohren kratzen, es leise streicheln, und Dich bei Leibe hüten, die Bestie zu zausen, oder ihr auf irgend eine Art weh zu thun; sie ist nämlich gegen unzarte Behandlung sehr empfindlich, und könnte leicht – doch Du bist ja ein vernünftiger Mensch, wirst Deine Sache schon machen und kein Unheil anrichten wollen. Gelt?«

Der Fischerjunge starrte dämisch vor sich hin, nickte aber, ohne zu wissen, wo das hinaus wolle, oder ob der Kaufmann nur seinen Scherz treibe, mit dem weinschweren Kopf und schlich indolent nach dem nächsten Sofa, auf welchem er in wenigen Augenblicken in das Reich der Träume hinüberschlummerte.

Die Markusuhr hatte halb zwölf geschlagen, als Michail den Schnarchenden, nachdem alles Rütteln vergeblich gewesen, mittelst eines ins Gesicht gegossenen Glases Wasser aufweckte und ihn bedeutete, jetzt sei es an der Zeit, die Zecchine beim alten Marmor- Löwen zu verdienen. Schlaftrunken taumelte Masetto hinter dem voranschreitenden Kaufmann über den Markusplatz und die Piazzetta, hier über die Riva degli Schiavoni und so weiter den Kai entlang. Dichte Wolken trieben über den Himmel und verhüllten den Vollmond, der nur selten einmal einen Lichtblitz auf die menschenleeren Straßen warf. Außer dem Arsenalotto am Zeughause war weit und breit kein lebendiges Wesen zu spüren. Der Negropontiner hemmte seine Schritte, faßte Masetto beim Ohrläppchen und wiederholte ihm langsam das Gesagte, wobei er ihn bei jedem Artikel nachdrücklich zupfte, um ihm die Vorschriften besser zu imprimieren. »Also Du hast gehört: was sich auch begeben möge, keinen Muck, das rate ich Dir, sonst bist Du verloren und ich mit. Verstanden?«

»Ja!«

»Vorwärts.«

Der griechische Kaufmann trat dicht an das Zeughaus, fragte anscheinend gleichgiltig den wachthabenden Posten, wie spät es sei, dankte für die Auskunft und bot ihm im Abgehen eine Prise ächten St. Omers an. Der Soldat schnupfte, taumelte aber, noch ehe er es bis zum Niesen gebracht hatte, in sein Schilderhaus zurück und ließ das Gewehr klirrend auf die Quadern fallen – im Handumdrehen schlief er wie ein Toter. Hierauf zog Michali ein kleines Fläschchen aus dem Gurte, goß ein Paar Tropfen daraus auf die Erde, streute in die der Flüssigkeit entsprühenden blauen Flämmchen eine Fingerspitze dürrer Kräuter, welche im Verbrennen keinen allzu lieblichen Geruch von sich gaben, und murmelte dazu etliche fabelhafte Redensarten in den Bart.

Da schlug es Zwölf. Mit dem letzten Glockenschlage sperrte der größte der sitzenden Löwen den Rachen weit auf und gähnte so recht aus Herzensgrund, so verführerisch, daß Masetto es ihm nachthun mußte, und wenn es ihm Kopf und Kragen gekostet hätte. Hierauf richtete der Löwe sich auf die Hinterbeine, sprang, da ihm das Piedestal für dergleichen Leibesübungen zu kurz wurde, herunter, schüttelte die Mähne, dehnte sich, wedelte mit dem Schweife hin und her und fing an, sich die Tatzen zu belecken. Allmählich wurden auch die andern drei Marmor-Löwen, groß wie klein, munter, machten sich gleichfalls von ihren Gestellen auf die Erde, brummten vor Freude, sich wieder zu sehen, drängten und schmiegten sich ganz behaglich aneinander und streckten sich zuletzt der Länge nach auf die Fliesen, um die vom langen Stehen und Sitzen steif gewordenen Gliedmaßen mit Bequemlichkeit zu recken. Dabei rollten den Tieren die großmächtigen Augen wie Feuerräder im Kopfe und leuchteten weit hin.

Jetzt gab Michali dem ganz verdutzt stehenden Masetto einen Wink, daß er nunmehr die Operation des Kopfkrauens beginnen möge. Diesem bedäuchte jedoch das Unternehmen ein verzweifelt riskantes, wenigstens schien ihm die Größe des Wagnisses mit der Verheißung in keinem richtigen Verhältnis zu stehen, und so schüttelte er denn mit einem weinerlichen Grinsen, nicht anders, als ob er in eine grüne Pomeranze gebissen, den Kopf, und wollte sich ganz sacht auf und davon machen. Der Zauberer, denn dies war der angebliche Kaufmann, zog ein recht satanisch-boshaftes Gesicht, schnitt dem Flüchtling den Rückzug ab und ließ, indem er ihn beim Wams packte, ein ganz verdammt spitzes Messer funkeln, mit dem er den Zitternden von Zeit zu Zeit subtil in den Rücken kitzelte, und ihn dergestalt, ohne Zwang gebraucht oder ein unfreundliches Wort gesprochen zu haben, bis dicht an den großen Löwen bugsierte.

Masetto guckte in seiner Todesangst bald das kolossale, griesgrämige Tier, bald mit flehmütigen Gebärden den giftigen Magier an, streckte fünfzigmal die Hand aus, so oft die Spitze des Dolches ihm durchs Hemde drang, und zog sie ebenso oft wieder zurück, wenn jener ihm Luft ließ. Als Michali aber doch gar zu empfindlich stichelte, beschloß der hartgequälte Junge, da er doch nur die Wahl zwischen dem Tode durch den Stahl oder dem durch die Zähne hatte, es mit dem minder boshaften Ungeheuer zu wagen, und mit der äußersten Fingerspitze ganz leise auf die stattliche Mähne zu tippen. Das Tier schien es gar nicht zu bemerken, Masetto strich nun schon etwas dreister, wenn auch nur mit schwebender Hand und immer zum Sprunge bereit, über die Haare – der Löwe rührte sich nicht und fing endlich, als der Bursche ganz beherzt auf und nieder streichelte und durch die Mähne mit dem fünffingrigen Kamm fuhr, vor Wohlbehagen wie eine Hauskatze an zu schnurren, zu spinnen und die Augen fest zuzukneifen.

Ihr habt alle gewiß schon tausendmal die besagten Löwen, die großen wie die kleinen, gesehen und wißt auch, daß unsere glorreichen Vorfahren sie als Denkmal ihrer Viktorien aus Griechenland herüber brachten. Den Aufmerksameren unter Euch wird es nicht entgangen sein, daß auf den Schultern des Größten, von dem ich eben erzählte, daß Masetto ihn magnetisieren mußte, ein seltsam verschlungenes und verwickeltes Band, welches sich über den Rücken zieht, eingemeißelt ist. Ohne Zweifel habt Ihr auch innerhalb desselben die krause, konfuse Schrift bemerkt, deren Striche und Kreuze kunterbunt durcheinander gesäet sind, und aus denen unsereiner so wenig als aus den Krähenspuren im Schnee klug werden kann. Die Gelehrten können es freilich erst recht nicht. Da kommen die einen und halten die Sprache für Arabisch, andere meinen wieder, sie sei Alt-Griechisch, noch andere, glaub' ich gar, Böhmisch – lesen aber kann's nicht einer.

Der Zauberer Michali wußte besser als die modernen Professoren, was er davon zu halten habe. Er war früher griechischer Mönch gewesen, hatte an dem Berge Athos gelebt und sich dem Studium der weißen und schwarzen Magie ergeben. Als er vermeinte, genug zu wissen, um sich mit seinen Teufelskünsten durch die Welt zu helfen, hatte er seine Zelle in Brand gesteckt, und sich in der Tracht eines armenischen Kaufmanns nach Venedig begeben. Er hatte nämlich aus seinen Büchern ersehen, daß zur Zeit, wo die Normannen in Athen hausten, einer ihrer Herzoge am Fuß der Akropolis einen reichen Schatz von Goldmünzen, den er in Bithynien und Griechenland zusammengeraubt, vergraben und die Angabe des Ortes, wo er läge, ganz genau in Zaubercharakteren auf dem Rücken des im Piräus stehenden Marmorlöwen habe verziffern lassen; wie ferner diese Schrift in der Johannisnacht für Denjenigen, welcher dem Löwen ein stundenwieriges Leben einzuhauchen und ihn zu zähmen wisse, zur lesbaren werde. Michali war sich nun wohl der Mittel bewußt, um das Marmorbild für jene Zeit zu beseelen, fühlte jedoch, daß es dem Einzelnen unmöglich sei, das Tier zum Stillhalten zu vermögen und zu gleicher Zeit die Runenschrift zu kopieren. So hatte er sich denn einige Tage in Venedig herumgetrieben, um einen möglichst dummen Helfer ausfindig zu machen, und nach dem ersten Blick auf Masetto ganz richtig geschlossen, daß dieser das brauchbarste Werkzeug bei seiner Beschwörung sein müsse.

Während nun der Muraneser die samtweiche Mähne des ungeheuren Tieres strich, während der zweite Löwe im Knäuel schnarchte, und die kleinen Löwchen sich auf dem Rücken wälzten und um die Alten spielten, hatte der Nekromant eine Schreibtafel hervorgezogen und die Schlangenschrift, welche auf dem wie Silber schimmernden Fell in goldenen Funken glitzerte, abgezeichnet. Als er mit diesem Geschäft zu stande gekommen, verspritzte er von neuem einiges flüssiges Feuer aus der Phiole und begann eine zweite Räucherung und, nachdem die Kräuter verglommen, richteten sich die gesamten Bestien auf, dehnten, reckten, schüttelten sich, schlichen hierauf schlaftrunken auf ihre Postamente zurück, gähnten noch einmal und rückten sich in ihre alten Posituren zurecht. Allmählich erlosch die Glut ihrer Augen – in zwei Minuten waren sie wieder versteinert.

Der Ex-Mönch trat dicht an den größten Löwen, betrachtete ihn aufmerksam von allen Seiten, und versetzte ihm, als er auch nicht das mindeste Zeichen von Leben mehr gewahrte, einen herzhaften Nasenstüber. Zu gleicher Zeit erwachte auch der Arsenalotto im Schilderhause, raffte hastig die entglittene Muskete auf und rieb sich verlegen die Augen. Um die Ecke hallte der feste, dröhnende Schritt der Ablösung. Der Mond brach hell aus den Wolken. Michali gab seinem Gehilfen das Zeichen zum Rückzug; und so schlichen die Beiden, ohne ein Wort über die seltsame Beschwörung zu wechseln, nach dem Scudo di Francia zurück.

Die blanke Zecchine in der einen Hand und einen Teller mit Presciutto in der andern, trat der Negropontiner überaus freundlich lächelnd am Morgen an das Kanapee, auf welchem Masetto die Nacht über kampiert hatte. Der Fischerjunge langte gierig nach Beidem und ließ Goldstück und Schinken fast mit gleicher Behendigkeit verschwinden. »Nun, mein Herzenssöhnchen,« hob der Magier schmunzelnd an, »mein Dienst scheint Dir so weit recht wohl zu gefallen. Wie war's, Du hieltest noch ein bis zwei Wochen bei mir aus, wobei ich nur verlange, daß Du Dich pumpsatt issest, und zur Verdauung so lange schläfst, bis Dich der Hunger wieder aufweckt: um Dich aber einigermaßen wenigstens für diese Strapazen zu entschädigen, empfängst Du jeden Abend regelmäßig Deine Zecchine. Nun, Täubchen, wie bedünkt Dich der Vorschlag?« – Masetto entwickelte im breitmäuligen Lachen ein blendend weißes Gebiß. »Du begleitest mich,« fuhr der Negropontiner fort, »auf einer kurzen Reise nach Athen, hilfst mir dort ein halbes Stündchen graben, sitzest nach vierzehn Tagen wieder in Murano und läßt die goldenen Vögel in Deiner Tasche singen.«

»Aber die Mutter Catterina und der Vater« – –

»Hörst Du denn nicht,« fiel ihm der Grieche in die Rede, »Salami und Pasta-frolla, Mavioli und Polenta, Stracchino und Makkaroni, Vicentiner und Cyperwein – was Dein Herz nur begehrt, und dies zwei volle Wochen hindurch. Übrigens hat der Vater Nicola seine Einwilligung zur Reise gegeben; als Du die große Gondel losbandest, sagte er mir's ganz heimlich ins Ohr. Hast Du denn nichts bemerkt? Und nun folge mir nach dem Porto-franco, das Schiff ist schon segelfertig.«

Nunmehr war Masetto vollkommen beruhigt, schleppte das Gepäck seines neuen Herrn in die Barke, und schwamm, ohne sich mit weiterem Nachdenken zu plagen, nach dem im Hafen harrenden Kauffahrer.

Der Wind war der günstigste und brachte das Schiff schon nach Verlauf von acht Tagen nach Athen. Schade nur, daß Masetto während der ganzen Zeit von den verheißenen und dargeboten gastronomischen Schätzen auch nicht eine Gabelspitze voll zu sich nehmen konnte. Sich krümmend zwischen Leben und Sterben, mit festgeschlossenen Augen leise vor sich hinwimmernd, sein elendes Dasein und den Negropontiner verfluchend, und zur Mutter nach Murano zurück verlangend, hatte er die volle Woche hindurch seekrank in der Koje gelegen. Totenbleich stieg er ans Land, taumelte wie ein Betrunkener hin und her und glaubte den ganzen Boden unter seinen Füßen schwanken zu fühlen. Obwohl der Sohn eines Fischers, war er doch noch nie auf der hohen See gewesen. Es bedurfte wenigstens eines achtundvierzigstündigen Schlafs, um die Lust am Leben und Essen wieder in ihm zu erwecken.

Michali hatte diese Frist benutzt, um sich in der Stadt umzusehen, und nach den mitgebrachten Nachweisungen die mutmaßliche Lage des Schatzes zu erforschen. Die äußeren Zeichen stimmten vollkommen. Wer mit dem Rücken an der ersten Säule rechts vom Eingang in den Minervatempel stand, und das Auge thalwärts auf den dritten Bogen einer alten Wasserleitung richtete, würde in der Mitte zwischen beiden Punkten ein kleines Haus erblicken; zwölf Schritt von dem letzteren, in der Richtung nach der westlichen Spitze des Piräus, war der Ort, wo der Schatz verscharrt liegen sollte. Säule, Bogen und Haus hatte Michali ausfindig gemacht, hatte die Wünschelrute gesenkt und an ihrem Zucken erkannt, daß die Angabe richtig sei, hatte hierauf den Ort mit dürrem Reisig bezeichnet und die nächste Nacht zur Hebung des Schatzes festgesetzt.

Maulend und verdrossen schlich Masetto mit Schaufel und Hacke in der elften Nachtstunde auf Michalis Fersen nach dem bezeichneten Platz. Die Nacht war rabenschwarz, ein naßkalter Wind pfiff landeinwärts und drohte, die Blendlaterne des Magiers auszublasen. Aus dem verfallenen Gemäuer klagte ein Käuzchen, und die herrenlos durch die Straßen irrenden Hunde fielen mit wüstem Geheul ein. Es war ein freier, öder Platz, auf welchem jenes kleine, unbewohnte Haus, umringt von traurigen Cypressen, lag. Dort machte der Negropontiner Halt, zog einen magnetischen Ring hervor, ließ ihn an seidenem Faden schaukeln und machte wohlbedächtig die Runde. Der Reifen schwankte hin und her – endlich stand er unbeweglich fest. Hier mußte es sein. Unverzüglich schritt er zur Arbeit, schwang die Hacke und hieß den verschlafenen Masetto seinem Beispiel folgen.

Schon waren fast zwei Stunden unter der angestrengtesten Arbeit verflossen, und noch hatte das Paar nichts weiter als Erdklöße, Wurzeln und Mauerziegel an das Licht gefördert. Masetto stöhnte jämmerlich und fühlte kaum noch seine Arme; da stieß sein Spaten klirrend auf einen harten Gegenstand – es war eine Eisenkiste – in den Deckel war ein Ring eingefügt – der Schatz war gefunden. Es mangelte in der kleinen Grube an Raum, um den ganzen Kasten herauszuheben, gesetzt auch, daß die Kräfte zweier Männer diesem Unternehmen gewachsen waren. Michali schob deshalb den Diener aus dem Loch und sprengte, vor Begierde zitternd, den Riegel. Lederne Säcke füllten die Truhe, einer dicht an dem andern.

Der Negropontiner reichte den ersten, den zweiten, den dritten Beutel dem außerhalb Harrenden – er blickte sich nach dem vierten – da fing die lockere Erde an, sich loszubröckeln, und unmittelbar darauf stürzten auch zwei Wände mit dumpfem Gepolter zusammen und verschütteten über und über den Zauberer mitsamt dem schönen Schatz.

Masetto war mit dem einsinkenden Rande ins Rutschen gekommen, raffte sich jedoch bald wieder in die Höhe und wischte sich sprudelnd die Erde aus Mund und Augen; hierauf guckte er mit verlängertem Halse in das Loch, – von seinem Herrn war keine Haarspitze mehr zu sehen. Er rief ihn bei Namen, anfangs leise, dann immer lauter, schüttelte nachdenklich den Kopf, als er keine Antwort bekam, bedachte jedoch, daß Signore Michali wahrscheinlich das gefundene Geld dort unten überzählen und am folgenden Morgen an der andern Seite wieder herauskriechen werde, und schlenderte, nachdem er es zu diesem befriedigenden Resultat gebracht, faul und träge mit seinen drei Lederbeuteln nach dem Wirtshause zurück.

Er saß am folgenden Morgen in der rosenfarbensten Laune vor dem Kaffeehause im Sonnenschein, that ein paar Züge aus dem Rohrpfeifchen, nahm dann wieder einen Schluck des schönsten Kaffeedolce und brummte den Refrain seines Leibliedchens: Nina, Nina, Nina, Nina, non dir di nò! vor sich hin, wobei er mit den baumelnden Beinen den Takt schlenkerte, – als ein ziemlich wohlgekleideter Mann, den man, auch ohne Rückblick auf farbige Schärpe und Kommandopfeife an silberner Kette, schon an seinem gesperrten Gange und dem etwas gebückten Nacken für einen Seemann erkennen mußte, vorüberstrich und den glücklichen Taugenichts einen Augenblick mit ganz besonderem Lächeln musterte: »Ei, ei, Landsmann,« sprach er, »so lobe ich mir die Matinen, wie Du sie singst. Sprich doch, Brüderchen, welcher Wind hat Dich denn von Venedig hierher verschlagen?«

Masetto staunte den Schiffskapitän ganz verdutzt an, ohne begreifen zu können, wie jener ihm gleich an der Nase angesehen, daß er Venetianer sei. Es fiel ihm nicht ein, daß man just kein Hexenmeister zu sein brauche, um den Vogel an den Federn zu erkennen, und aus dem kurzen schwarzen Wams, den blauen Pluderhosen, der roten Wollmütze und dem bekannten Volksliede auf einen Venetianischen Schiffer zu schließen – doch das Nachdenken war Masettos schwächste Seite. »Nun, Signore,« erwiderte er langsam und gedehnt, »wenn Ihr mich so genau kennt, so müßt Ihr doch auch wissen, daß ich mit dem Kaufmann Michali aus Negroponte nach Athen gezogen bin, um hier einen alten, vergrabenen Schatz zu heben, und daß ich nur auf meinen Herrn warte, um wieder nach Murano zurückzukehren. Ich werde vom Vater Nicolo und der Mutter Catterina schon Schelte genug bekommen, daß ich so lange weggeblieben bin.«

»Freilich, freilich weiß ich das alles, mein Söhnchen,« entgegnete der Schiffer schmunzelnd, »meine vorige Frage war nur Scherz. Komm ich doch in diesem Augenblick erst von Herrn Michali, mit dem Auftrage seinerseits, daß Du mit dem Gelde – Du hast's doch noch?«

»I, was werd' ich denn nicht. Die Säcke liegen ruhig unter dem Bette.«

»Scharmant. Also, der Dir sagen läßt, daß Du mit dem Gelde ja vorsichtig umgehen und keinem Menschen, außer mir, trauen mögest. Vor allen Dingen aber sollst Du nur in Gottes Namen nach Venedig zurückkehren, wohin er in diesen Tagen nachfolgen wird. Wenn's Dir also angenehm ist, so steige nur bald in meine Tartane. In fünf Minuten werden die Anker gelichtet.«

»Ei ja,« war die Antwort, »das klingt alles recht gut und schön, wer zahlt mir denn aber die acht Zecchinen, die ich noch vom Herrn Michali zu fordern habe? He?«

»Wer sonst als ich. Hier, nimm das Geld. Acht Stück bar und richtig. Und nun komm, mein Jüngchen – wie heißt Du denn gleich? Mein Namensgedächtnis ist nach dem letzen Fieber ganz miserabel eingeschwunden.«

»Masetto.«

»Ganz richtig, Masetto. Nun komm und laß uns nach dem Gelde sehen. Du sagtest vorhin, es wären – wie viel?« –

»Drei Säcke, Signore.«

»Mit Gold?«

»Das weiß ich nicht zu sagen. Schwer waren sie.«

»Bravo! Wir wollen sie doch gleich aufs Schiff tragen, dort sind sie am sichersten aufgehoben.«

Daß der aus Chioggia gebürtige Schiffskapitän Rocco Merluzzo der ärgste Spitzbube im ganzen Freistaat Venedig war, in früheren Jahren ganz ungescheut einen einträglichen Handel mit Ebenholz wie die Neger in der Sprache der Seelenverkäufer heißen, getrieben, und sich jetzt durch das Einschmuggeln von Salz und anderer Kontrebande nährte, wußte vielleicht, außer unserem Masetto, jedes Kind. Schon das schielende linke Auge, welches aus dem gelbbraunen, gekniffenen Gesicht, wie ein Fuchs ans seinem Bau, hervorguckte, war eben nicht geeignet, Vertrauen zu erwecken – Masetto aber verstand sich schlecht auf Physiognomik, tanzte lustig und guter Dinge nach dem Wirtshause voraus, belud sich mit den Schätzen und schwang jubelnd seine rote Kappe, als der Anker herauf gewunden wurde und es wieder nach Murano zurück ging.

Die Heimreise ging ebenso glücklich von statten als die Hinfahrt, und wohl eher noch besser, denn Masetto wurde nicht wieder von der fatalen Seekrankheit belästigt und durfte sich den delikaten Tisch des Kapitäns nach besten Kräften zu nutze machen. Außerdem war Rocco Merluzzo die Freundlichkeit selber und wußte seinem Passagier so drollige Geschichten zu erzählen, daß dieser sich mit Thränen im Auge die Seiten halten mußte, und oft vor Lachen zu schlafen vergaß.

»Aber sage mir Masetto,« fragte Rocco eines Abends, als die Tartane sich Venedig zu nähern begann, »sage mir, mein Hühnchen, wie kommt es, daß Du gegen mich noch niemals Deines guten, biedern Oheims Diego Malvivente gedacht hast? Meiner Treu, ein so guter Sohn wie Du, sollte doch so nahe Verwandte seiner Mutter nicht ganz und gar vernachlässigen, und obendrein eine so ehrenwerte Familie, wie die der Malviventi.«

Masetto wußte nicht, wie er diesen Vorwurf verwirkt habe; hörte er doch jenen Namen zum erstenmal in seinem Leben.

»Wie? ist es möglich,« rief der Kapitän verwundert, »Du kennst nicht den reichen Diego Malvivente, den Gastwirt zum goldenen Schnellgalgen, und auch nicht seine wackere Frau Maddelena und ihre allerliebsten Töchter Rosa, Nina und Marcoletta? Dacht' ich doch, als ich Dich vor dem Kaffeehause zu Athen das Lied von der Nina singen hörte, es gelte Deinem niedlichen Mühmchen, meiner Braut, und wollte deshalb schon auf Dich eifersüchtig werden. Du schüttelst mit dem Kopf? Aha, ich glaube den Zusammenhang erraten zu haben. Der alte Prozeß zwischen Deiner Mutter und ihren Verwandten wird noch nicht entschieden sein, Daher also dieser Groll. Hm, hm! Höre, mein Sohn, es ist doch nicht hübsch, wenn Blutsverwandte miteinander hadern und in jahrelanger Feindschaft leben. Ihr müßt Euch schlechterdings wieder versöhnen. Und weißt Du was, ich will die Sache ausgleichen – das heißt ein gottgefälliges Werk thun – will Dich bei den Malviventis einführen. Folge mir blindlings. Was gilt die Wette, sie nehmen Dich mit offenen Armen auf, und Du bist in der ersten Stunde dort wie ein Kind im Hause. So nahe Verwandte sich nicht kennen – ei, ei, das ist doch zu stark. Nur Geduld, Masettino, laß mich nur machen, und morgen Abend soll die Versöhnung schon zu stande gebracht sein. Du wirst Dich wundern.«

Die Tartane ging bei Chioggia vor Anker. Signore Merluzzo ließ sich zuerst ans Land setzen, um, wie er sagte, die Familie Malvivente auf die Erscheinung des Vetters vorzubereiten, kehrte auch schon nach Stundenfrist auf das Schiff zurück, und rief mit freudestrahlendem Gesicht: »Nun, hab' ich's nicht gesagt, Junge? Alles ist vergeben und vergessen. Herrliche, liebe Leute, Deine Verwandten – sie können's kaum erwarten, Dich in ihre Arme zu schließen. Komm nur rasch, Freundchen, und vergiß nicht, Deine Siebensachen gleich mit Dir zu nehmen.«

Die Gondel hielt vor einem ziemlich räuchrigen Hause in einem der engsten Kanäle von Chioggia. In der Hausthür stand ein kurzer, ungewöhnlich fetter Mann in Hemdsärmeln, auf dem Kopf die wollene Schiffermütze, mit kurzen, an den Knieen aufgeknöpften Beinkleibern und gewaltigen silbernen Schuhschnallen. Kaum hatte Kapitän Rocco ihm den erwarteten Vetter vorgestellt, als er die Fäuste wie wütend um Masettos Nacken schlang und ihn unter den zärtlichsten Küssen an sein gleißendes Gesicht preßte. »Komm heraus, Maddelena,« schrie er, »heut ist ein Freudentag! Der Sohn unserer vielgeliebten Muhme beehrt mein schlechtes Haus mit seiner Gegenwart. Wo steckt ihr Mädels, Rosa, Nina und Du Marcoletta? Weshalb ziert ihr Euch, hervorzukommen – seid doch sonst nicht so blöde. Seht dort Euern nächsten Verwandten, den wackern Masetto! Ja, der ist der Muhme Catterina so recht aus den Augen geschnitten, der ist von unserm echten Fleisch und Blut. Heißt ihn willkommen, Kinderchen, und aus vollem Herzen.«

Mama Maddelena, welche ihrem Gatten an spezifischem Gewicht nur wenig nachgab, wälzte sich aus der Lokanda, begleitet von den kichernd hinterdrein trippelnden Mühmchen, alle drei in taffetnem, grell bunten, ziemlich weit ausgeschnittenen Kleidern, hochfrisiert und mit prachtvoll geschminkten Backen. Nun ging's an ein Händedrücken, Umarmen und Erkundigen nach der lieben Muraneser Verwandtschaft – die Liebkosungen wollten kein Ende nehmen. »Denke Dir, Frau.« rief der ehrliche Diego, »unsere Muhme Catterina kann noch immer die fünfzehntausend Fiorini, um die wir prozessieren, nicht verschmerzen. Ei so wollt' ich doch, daß der Hund von Advokaten, der mich zum Rechtsstreit beredete, in der Hölle briete. Das doppelte gab' ich ja gern mit Freuden, wenn ich damit das alte, gute Verhältnis zurückrufen könnte.«

Masetto war über solche ehrenwerte Gesinnungen ganz entzückt und konnte sich nicht genugsam wundern, sowohl über den warmen Anteil, den die Malviventi an den Seinigen nahmen, als die Vertrautheit mit allem, was ihn selber betraf, und wie sie sogar schon wußten, daß Fegato alla Veneziana seine Leibspeise sei. – Liebe Menschen, diese Chioggianer – dachte er bei sich. – Die Alten thun ihnen doch ein himmelschreiendes Unrecht.

»Nun, Kinderchen,« fuhr Diego fort, »haltet Euch nicht zu lange bei den Komplimenten auf. Der Vetter wird rechtschaffenen Hunger haben, darauf wollte ich schwören, denn die scharfe Seeluft zehrt. Kommt, kommt in hen Eßsaal.« – Da folgten denn Alle dem würdigen Familienvater und reihten sich um den runden, unter Schüsseln fast brechenden Tisch. Masetto kam zwischen Rosa und Marcoletta zu sitzen. Beide Mädchen schienen ganz vernarrt in ihn, legten ihm die besten Bissen vor, wurden nicht müde, ihn zum Trinken zu nötigen und stets von frischem wieder einzuschenken, dem Vetter die Hände zu drücken und ihm schmelzende Blicke zuzuwerfen. Der alte Diego wollte es gleich weghaben, daß Masetto eine Auge auf seine Jüngste habe. Mutter Maddelena behauptete dagegen, daß Rosa die glückliche sei. Masetto lachte blöde und verschämt vor sich hin, ließ die verliebten Kousinen schalten und walten, fand aber doch, daß die Mädchen von Chioggia zehnmal mehr Vernunft besäßen, als die von Murano, welche ihn jederzeit eine Nachtmütze geheißen hatten.

Kaum war das Tischtuch abgehoben, als der Kapitän Merluzzo sich aus den Armen seiner zärtlichen Braut Nina wand, und den Rest des Abends bei einem freundschaftlichen Spielchen zu verbringen vorschlug. »Verstehst Du Faro, Söhnchen?« wandte er sich an Masetto, indem er einen Beutel mit Zecchinen und Colonnati auf den Tisch schüttete und die schmutzigen Karten aus der Tasche zog. »Nein? Nichts leichter als dies. Sieh, das Geld kannst Du Alles gewinnen, wenn Du Glück hast. Du wählst die erste beste Karte, ich schlage links und rechts ab. Die erste Hälfte verliert für Dich, die zweite gewinnt für mich. Begriffen? Gelt, das kann ein Kind spielen. Aber Glück muß der junge Mensch haben, das ist die Hauptsache.«

Dies schien aber dem guten Masetto völlig abzugehen. Nach ein paar Abzügen hatte er die vom Kapitän empfangenen acht Zecchinen verloren, und fand das Spiel bei weitem nicht so unterhaltend, als er sich anfänglich vorgestellt hatte. »Sollst morgen Revanche haben,« rief Merluzzo, ein viel zu galanter Bankier, als daß er den Geldlosen zum Weiterspielen hatte nötigen sollen, »morgen geht's vielleicht besser. Für heute, dächte ich, suchtest Du das Bett – die Augen fallen Dir ja vor Müdigkeit zu. Kommt, Gevatter Diego, laßt uns dem Vetter das Geleit geben. Noch ein Glas und dann gute Nacht! Packt ihn rechts, den ehrlichen Masetto, ich will ihn unter dem linken Arme fassen. Gerade aus, Junge; was lavierst Du denn? Ja, ja, der Vicentiner ist ein verteufelt hitziger Wein, der einem so jungen Burschen wohl zu Kopf steigen kann. Nun, laß gut sein, Brüderchen, morgen ist alles wieder gut.«

Mit schwerem Kopf und matt nachschleppenden Beinen stolperte Masetto am Arm seiner würdigen Führer drei enge Treppen hinauf in das für ihn bereitete Gemach. Diego lehnte den Trunkenen aufs Bett und schärfte ihm nur noch ein, daß er im anstoßenden Gemach, falls er während der Nacht Durst verspüren sollte, Wasser zur Genüge vorfinden werde. Hierauf wünschten die beiden Ehrenmänner ihm wohl zu ruhen, und polterten lachend und die Hände reibend die Treppe hinunter.

Die Voraussetzung des Onkels Diego ging in Erfüllung. Nach einigen Stunden erwachte Masetto vom entsetzlichsten Durst gepeinigt, kämpfte lange mit seiner Faulheit, ob er den Anforderungen des ausgedörrten Gaumens Gehör geben solle, und erhob sich zuletzt, unfähig, die Qual länger zu erdulden, nicht ohne Mühe vom Lager. Mit vorgehaltenen Händen im lichtlosen Zimmer umhertaunmelnd, erfühlte er endlich die angewiesene Thür, klinkte auf, schritt vorwärts, – und schlug wie ein Sack die ganze Höhe des Hauses hinunter. Sonder Zweifel wäre er in den Kanal, auf welchen die verräterische Thür hinausführte, gestürzt und im Schlamme erstickt, wie dies auch die Hoffnung des liebevollen Oheims und dessen Freundes Rocco Merluzzo gewesen war, wenn nicht just in demselben Moment ein hoch mit Heu beladener Kahn den Kanal entlang gefahren wäre. Auf diesen fiel Masetto, ohne weiteren Schaden, betastete halb schlaf-, halb weintrunken seine Gliedmaßen, fand sie noch im leidlichen Zustande, schloß hieraus, sein Fall könne nur Traum gewesen sein, und streckte sich so bequem als möglich aus, um auf dem Wasser wiegend die Fortsetzung des im dritten Stockwerk begonnenen Schlummers zu liefern.

Es war schon heller, lichter Tag, als Masetto erwachte. Der Kahn lag unfern der Kirche San Pietro e Paolo zu Murano, dem Hause des alten Nicolo gegenüber. Masetto rieb sich die Augen, blinzelte verwundert Kahn, Kirche und Haus an, ohne recht fassen zu können, wie er hierher gekommen. Der Kopf war ihm jedoch viel zu wüst, als daß er ihn noch hätte mit Lösung dieses Rätsels belästigen sollen, und so kroch er denn bedächtig aus seinem Heuneste, trat über die Schwelle, sah die Mutter am Herde beschäftigt und erkundigte sich teilnehmend, was sie zum Mittag koche. Frau Catterina brach in Freudenthränen aus, als sie das verlorene Söhnlein so unverhofft wiedersah, der Vater hingegen, welcher weniger zur Sentimentalität inklinierte, griff nach einem zähen Eichenprügel, um seinem Sprößlinge das unerlaubte Herumtreiben für's erste zu verleiden. »Sprich, Du ungeratener Schlingel,« schnaubte er ihn grimmig an, »wo hast Du diese vierzehn Tage über gesteckt, und wo hast Du vor allen Dingen die drei Lire gelassen, welche Dir der Kaufmann Michali für die Überfahrt bezahlte?«

Masetto erschrak, griff verlegen in die Taschen, drehte eine nach der anderen um und erfischte endlich ein in blaues Papier gewickeltes Päckchen, welches er dem zürnenden Alten hinreichte. Es waren richtig die drei Lire des Negropontiners, welche glücklicherweise in ihrem Versteck dem liebreichen Unterricht des Kapitäns Rocco entgangen waren. »Das ist Dein Heil,« murrte der halbbesänftigte Vater. »Wärest Du ohne Geld heimgekehrt, so hätte ich Dich –« und zu seinem Weibe gewandt, setzte er leise hinzu: »Der Junge ist am Ende doch nicht so uneben. Vierzehn Tage belustigt er sich selber und bringt das Geld unangetastet zurück. Ich will doch die Hoffnung nicht ganz aufgeben, daß er noch werden könne.« – –

Und der Schatz? – Ja, der liegt noch bis auf diese Stunde unter dem Gerippe des Zauberers Michali, zwölf Schritte von dem verfallenen Häuschen in Athen. Wer sich die Mühe geben will, auf Grund meiner Nachweisung dort nachzugraben, wird mir es Dank wissen; ich rechne aber darauf, daß er den Erzähler von der Riva degli Schiavoni mit einem Scherflein bedenken werde, und zwar ehe das noch jetzt blühende, weit verbreitete Geschlecht der Malviventi den glücklichen Finder bei seinen Lebzeiten beerbt.

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