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Venetianische Novellen

Franz Freiherr von Gaudy: Venetianische Novellen - Kapitel 13
Quellenangabe
typefiction
authorFranz Freiherr von Gaudy
titleVenetianische Novellen
publisherBibliographische Anstalt
addressBerlin
year1890
firstpub1838
seriesFranz Freiherrn Gaudys poetische und prosaische Werke
volumeFünfter Band
printrunNeue Ausgabe
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100824
projectid2aeb9a63
status1
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Villa Tornaquinci

Hart an der großen Straße, welche von dem berühmten, die Casa des heiligen Franziskus von Assisi umschließenden Kloster Santa Maria degli Angeli nach Foligno führt, liegt auf einer der Anhöhen des Appenninen-Vorgebirges die alte Stadt Spello, ein finsteres, rauchschwarzes, unheimliches, verödetes Nest von beinahe mehr Häusern als Einwohnern. Wer von fern einen Blick auf den mit Gebäuden wie mit Giftpilzen dicht überwachsenen Bergkegel wirft, auf das graue, zerfallende Gemäuer, auf die Bäumchen und Sträucher, die nach Herzenslust auf Dächern und Zinnen sprießen, dem kommt es vor, als ob die alten verwitterten Häuser selber auf der Höhe sich tötlich gelangweilt und versucht hätten, rasch ins Thal hinab zu klettern, um davon zu rennen, dann aber plötzlich, von den Epheu- und wilden Weinranken zurückgehalten, nicht weiter gekonnt hätten, und nun in ihrer tristen Versteinerung den glücklichen Vorüberziehenden neidischen Herzens nachschauten und sich dehnten und gähnten, oder als ob der Ort zur Zeit der Guelfen- und Ghibellinenkriege mit Feuer und Schwert verwüstet worden, wo dann kein Mensch den Fuß seitdem hineingesetzt, und nur Füchse und Eulen und Dohlen in dem Trümmer-Wirrwarr hausen könnten. Die hunger- oder fieberbleichen Einwohner, welche, in ihre zerlumpten Mäntel gewickelt, sich mit trübseliger Miene an die Porta consolare lehnen, scheinen mehr als Wächter dorthin gestellt, um jeden Fremden von dem Eintritt zurückzuscheuchen. Wenn ja noch ein wißbegieriger Maler es wagen möchte, die dunklen, winkligen Straßen bergan zu klimmen, um die Wandmalereien des Pinturicchio in der Domkapelle zu betrachten, so kneift er gewiß nach den ersten zehn Schlitten schon wieder die Augen zu, um nur nicht die rauchschwarzen Arkaden, die Eisenbalkone vor den scheibenlosen, papierverklebten Fenstern, die zerbröckelnden Simse, die überall geborstenen Mauern, das ausgefahrene, von Gras hoch überwachsene Steinpflaster und den ganzen wüsten Jammer länger mit anzuschauen, und rennt dann wieder, als ob ihm der Kopf brenne, nach dem Thor zurück, um so rasch als möglich in die draußen harrende Bettura zu springen. Die Toten sind in Spello schon schlimm genug daran, um wie viel mehr erst die Lebenden. Dicht an der Stadt und am Abhang der mit Ölbäumen bepflanzten Berge liegt eine in Trümmer zerfallene Villa, welche früherhin den Namen Tornaquinci nach ihrem dermaligen Besitzer führte. Als wir an ihr vorüber fuhren, wies der Vetturin mit dem Peitschenstiel nach dem grauen Gemäuer und erzählte mir eine dort vor ungefähr sechzig Jahren vorgefallene Begebenheit, welche er noch von seinem Großvater gehört zu haben vorgab, und deren Wahrheit er bei den elftausend Jungfrauen beschwor. Vetturins-Worte find nun zwar just kein Evangelium, doch das geht mich weiter nichts an. Hat der Schelm gelogen, so mag er's auch vertreten – ich wasche meine Hände in Unschuld und erzähle auf seine Verantwortung das Gehörte so schlicht und kunstlos, wie ich's vernommen habe, wieder.

Im letzten Dritteil des vorigen Jahrhunderts lebte der alte Conte Flavio Tornaquinci, der letzte seines Geschlechts, mit seiner Gemahlin Donna Pompea und ihrem einzigen Töchterlein Simonetta auf jener Villa. Der Graf hatte von seinem hochseligen Herrn Vater außer einem fürstlichen Vermögen noch zwei Leidenschaften geerbt, von denen jede, einzeln genommen, schon hinreicht, eine doppelt so große Erbschaft zu verschlingen – es waren dies Baulust und Prozeßsucht.

Kaum hatte der alte Graf Ercole die Augen geschlossen, als sein Sohn mit einer wahren Wut die ihm zugehörigen Schlösser und Villen auf allen Gütern und in den Städten schleifen ließ, um sie nach neuem Plan von Grund aus wieder aufzuführen. In seiner Passion fragte er nicht immer danach, ob er auch auf eigenem Grund und Boden baue, bekam zu den vom Vater überkommenen Prozessen von allen Seiten neue, fing noch andere wegen ihm vorgeblich zustehender Lehen an, und begann auch gleich die streitigen Landgüter, noch ehe ihm diese zugesprochen waren, mit neuen Schlössern im grandiosesten Stil zu schmücken. Jedermann mußte ihm einräumen, daß er seltene architektonische Kenntnisse besitze und mit vielem Geschmack zu bauen wisse; die Lehnsvettern, welche den Rechtsstreit au dem Tage gewannen, wo der letzte Palast beendet war, und diesen geruhig bezogen, waren namentlich damit einverstanden. Graf Tornaquinci hätte nun gewiß nicht einen Augenblick angestanden, den nach Verlauf von zwanzig Jahren zu seinem Nachteil entschiedenen Prozeß wieder aufzunehmen, wenn nicht zufälligerweise sein Vermögen zu gleicher Zeit sein Ende erreicht hätte. Wenn aber Schweizer nicht ohne Geld zu haben sind, so gilt dies noch weit mehr von Juristen. Die Advokaten zuckten frostig lächelnd die Achseln und versicherten dem Kläger, daß seine Sache schon von Hause aus eine rettungslos verlorene gewesen sei; sie hätten ihm oft genug geraten, davon abzustehen, er habe nur nicht hören wollen – eine Warnung, von der der arme Conte die erste Silbe zu hören vermeinte. Von allen seinen Gütern war ihm nur jene Villeta bei Spello übrig geblieben. Die weitaussehenden Pläne und großartigen Unternehmungen, die ihn bisher beschäftigten, hatten ihn kaum an die unbedeutende Besitzung denken lassen, und so war sie zu seinem Heil der Umwälzung, welche die übrigen Schlösser betraf, entgangen.

Es war an einem regnigen Herbstnachmittag, als eine mit Maultieren bespannte Karosse vor dem Thor der Villa hielt; sie brachte den aus Rom von seinen Gläubigern vertriebenen Grafen in Begleitung der Signora Pompea und der damals siebenjährigen Simonetta. Der alte Giovacchino, früher Kammerdiener bei dem Vater des Grafen, und der einzige, welchen der Sohn aus dem Bediententrosse beibehalten hatte, war vorausgesandt worden und stand bereits mit dem langen Rohrstock und dem zerfaserten Silberbandelier unter dem Portal. Hatten nun gleich sechzig Sommer ihm die Farben aus Livree und Wangen gezogen, so waren sie doch nicht imstande gewesen, die dunkelrote Nasenspitze, welche wie der abendsonnenbeglänzte Gipfel des Soracte aus der Winterlandschaft des blassen Gesichts ragte, zu bleichen. Wer des greisen Leibdieners hageres, totenlarven-ähnliches Gesicht, über dessen starre Unbeweglichkeit nur selten ein weinerliches Grinsen wie ein Heuschreckenschwarm über die arabische Wüste flog, zum erstenmale sah, und das unstäte Irren der zwei verschiedenfarbigen Augensterne, sowie die ganze himmellange, bis zur Durchsichtigkeit magere, ungelenke Gestalt betrachtete, der fühlte sich geneigt, dem allgemein verbreiteten Glauben beizupflichten, daß die Mutter des Giovacchino, als dieser noch unter ihrem Herzen ruhte, sich an einer Gartenstatue von Stuck, vou welcher die Bekleidung abgefallen, versehen habe. Nachdem der Alte seinen Pflichten als Schweizer genügt und die eisernen, in ihren verrosteten Angeln kreischenden Gitter aufgerissen, trat er das Amt als Kammerdiener an und hob die gräfliche Familie aus der Karosse, um sie in das Haus zu geleiten. Wohlgefällig machte er die Exzellenzen aufmerksam, wie er überall, wo der Regen durch die Lücken des morschen Daches zu dringen pflege, sorgsam Fässer und Eimer untergesetzt, und schwankte hierauf mit seltsam eckigen Bewegungen hinaus, um zuförderst seinen Obliegenheiten als hochgräflicher Mundkoch vorzustehen, und späterhin als Hofmarschall die beiden Maultiere mit Maisstroh zu speisen.

Die Gräfin Pompea war eine überaus vornehme, strenge, kalte Dame, und im höchsten Grade schweigsam, welches letztere der böse Leumund allein auf Rechnung ihres auch sogar mit Worten kargenden Geizes schreiben wollte. Sie wandte langsam das welke, grämliche Gesicht nach allen Seiten und musterte die abgeschabten Tapeten von gepreßtem Leder, den verschossenen Damast der wurmstichigen Sessel, die gigantischen Rostflecke auf dem grünlich schillernden Spiegel und die Risse des Deckengemäldes, welche dem schlummernden Endymion über die Nase gingen.

»Villa Tornaquinci,« hob der Graf Flavio mit festgekniffenen Augenwimpern und süßlichem Lächeln an, »ward in der letzten Zeit von unserer erlauchten Familie um ein weniges gegen die übrigen Besitzungen zurückgesetzt.« –

»Es will den Anschein gewinnen,« erwiderte die Gräfin, »als ob Exzellenza nicht zu viel behaupteten.«

»Wir werden jedoch Sorge tragen, Exzellenza,« fuhr der Conte fort, »daß die Casa in kürzester Frist unserm Range gemäß eingerichtet werde. Der Plan zu einer neuen Baute ist bereits entworfen. Nach Beendigung unseres großen Prozesses soll unverzüglich damit begonnen werden.«

Die Gräfin senkte verstummend den Kopf, ließ sich auf einem Fauteuil nieder und schien die Regentropfen, welche in abgemessenen Pausen von der Decke in die vollen Zuber klatschten, zu zählen. Der Graf zog eine ellenlange Sporteltaxe ans der Tasche und ging kopfschüttelnd die Posten durch; die kleine Simonetta war längst reisemüde auf dem Kanapee eingeschlafen.

Es konnte nicht fehlen, daß die Ankunft einer so erlauchten Familie die Gemüter der Spellaner auf das lebhafteste beschäftigen mußte und sämtliche Zungen in Bewegung setzte, um die Fragen, ob der Graf sich als Mitglied des Kasino aufnehmen lassen, ob er den Konversazioni beiwohnen, ob er selber welche in seiner Villa geben werde, für und wider zu besprechen. Schon der nächste Sonntag sollte diese Rätsel schon zum Teil lösen.

An jenem Tage rollte die gräfliche Staatskarosse, deren Schnitzwerk unleugbare Spuren einstmaliger Vergoldung trug, durch die Porta consolare. Von den Häuptern der beiden Maultiere, welche den Wagen zogen, nickten großmächtige, rotwollene Büschel; Schellen und Bleche, welche an ihrem Halse klingelten, waren zwar nur von unscheinbarem Messing, im Auge des Kenners hingegen von unschätzbarem Werte, indem sie, nach der Versicherung de« Grafen, aus Benvenuto Cellinis Werkstatt hervorgegangen sein sollten. Zwei starke, weiße Ochsen waren als Vorspann vorgelegt, um die kolossale Kutschen-Arche den steilen Bergpfad zum Dom hinanzuschroten. Die Fenster hatte man der zerschlagenen Spiegelscheiben halber heruntergelassen, und Spellos Gaffer konnten mit Bequemlichkeit den fürstlichen Anstand der beiden im Fond thronenden Exzellenzen anstaunen. Vor dem Wagen keuchte der alte verwitterte Giovacchino, mit Armen und Beinen schlenkernd und auf seinen kupferbeschlagenen Rohrstock gestützt, als Läufer, und schwenkte, so oft er atemschöpfend stillstand, unter greulichen Ge bärden den Prügel, um die gnädige Herrschaft gegen den bei dereinstiger Bevölkerung möglichen Zudrang des Pöbels zu schützen. Solchen Glanz, solche Pracht hatte Spello nie geahnt. Als nun vollends nach Beendigung des Gottesdienstes die Frau Gräfin zwölf Bettler, zu Ehren der zwölf Apostel, jeden mit einem Bajocco zu begaben geruhte, erreichte die Exaltation der Einwohner ihren Gipfel, und die gerührtesten Segenswünsche der Völker lallten der heimwärts rumpelnden Karosse noch aus weiter Ferne nach.

Derselbe Festzug wiederholte sich eine Stunde vor dem Ave Maria, als das hohe Paar dem Governatore und dem Luogotenente die Staatsvisite machte, und bei beiden Honorationen Eis und Schokolade einzunehmen sich herabließ. Der Graf trug zum Staunen der Anwesenden die Relation seines höchst verwickelten, jetzt der Entscheidung nahen Prozesses vor; der Gegenstand desselben war eine Schuldforderung von anderthalb Millionen Scudi, die einer der gräflichen Ahnherren dem päpstlichen Stuhl zur Zeit Alexanders des Sechsten vorgestreckt hatte. Die Frau Gräfin konnte sich zwar nicht entschließen, an der Unterhaltung teil zu nehmen, verzehrte dagegen auf das huldreichste Konfitüren und gelato, so lange beides vorhalten wollte. Man war allgemein von dem feinen Hofton, der echt noblen Zurückhaltung der Dame, von den schwebenden anderthalb Millionen, von den tiefen juridischen Kenntnissen des Grafen bezaubert. Letzterer rechnete auf das Vergnügen, seine gütigen Wirte auf seinem Kasino bei sich zu sehen, sobald er mit den unerläßlichen Bauten aufs reine gekommen. Der Plan zu einem neuen Salon, welchen er bei dieser Gelegenheit entrollte, erregte die gerechte Bewunderung der Anwesenden, sowohl durch seine kolossalen Dimensionen, als durch die feenhafte Pracht, mit welcher er ausgestattet werden sollte. Den folgenden Sonntag dieselbe Morgenfahrt in die Messe, gleich verschwenderische Almosenspende, erneuerte Visite bei den Standespersonen, Wiederholung des Alexandrinischen Prozesses, abermalige weitschweifige Auseinandersetzung des Salonplans. Dritter, zehnter, fünfzigster und alle folgenden Festtage glichen dem ersten wie ein Ei dem andern.

Die Einwohner von Spello erschöpften sich vergeblich in Konjekturen über die Gründe, weshalb die Rota romana mit ihrem Endspruch so lange zögere, wo Architekt, Mauermeister und Handlanger zur Gründung des verheißenen Zauberschlosses blieben, unterstanden sich aber dennoch nicht, das Wort Sr. Exzellenz des Grafen Flavio Tornaquinci, Ritter des goldenen Sporns, in Zweifel zu ziehen, und schlichen nur dann und wann ganz heimlich an das Thor, um mit langen Hälsen durch das Eisengitter und über die zertrümmerten Mauern nach der Villa zu spähen. Dort aber herrschte eine Totenstille. Sie sahen meistens nur die verwilderten Taxushecken, welche ihr Gezweig um die kopflose Pomona von Stein schlangen, das Becken einer ausgedörrten Fontäne, in deren Mitte ein Delphin in der Sonne briet, und manchmal um die Mittagszeit ein dünnes Rauchwölkchen sich aus den Spalten des Schornsteins emporringeln. Wenige vom Glück Begünstigte erblickten noch das hohe Ehepaar, wie es in der Dämmerung vor der Villa, auf der Terrasse oder auf den mit buntem Sand bestreuten Gängen zwischen den mit schimmernden Glaskorallen ausgelegten Beeten feierlich auf- und niederspazierte, und wußten nicht genug zu rühmen, wie galant der Graf seine Gemahlin mit spitzen Fingern geführt, wie vornehm das einem farbigen Tulpenbeet gleiche Seidenkleid der Gräfin hinterdrein gerauscht habe, wie der alte Giovacchino einen weiten zersplissenen Schirm, wenn auch die Sonne schon längst untergegangen war, über die Frisur seiner Gebieterin haltend nachgeschlichen, und eine breitzinkige Harke am Hosenbund hinter sich hergeschleift habe, um mittelst dieser sinnreichen Maschinerie jede Spur der Tritte sogleich wieder zu verwischen.

Nur einer der Inquilinen von Spello durfte sich rühmen, freien Zutritt zu dem verwünschten Schlosse zu haben. Es war dies der Minorit Dom Luis Sans Obispo, ein gelbbrauner, melancholischer Hispanier, der Beichtvater des gräflichen Paares. Der Conte nannte ihn ein unschätzbares Juwel, und sagte nicht zuviel, denn wohl niemand verstand besser Schokolade zu kochen, als Dom Luis, und bewies eine eiserne Ausdauer bei den Vorträgen des Grafen, mochte dieser nun ihm seine Prozesse mit Suppliken, Repliken, Sentenzen und Dekreten, und den ganzen Schwall von bezüglichen Paragraphen der Gesetzsammlungen vortragen, mochte er ihm die Beschreibung der einst zu erbauenden Paläste machen und dabei Vitruv und Palladio der Pfuscherei bezichtigen. Wenn Graf Flavio bei diesen abendlichen Unterhaltungen allein das Wort zu führen pflegte, zupfte die Gräfin einst und lautlos Goldfäden; der Minorit saß mit gefalteten Händen und gesenkten Augen auf einem Tabouret am Ende der Tafel; Simonetta spielte mit einem ausgestopften Bologneserhündchen, dem einstmaligen Günstling der Gräfin, der unter den Händen des Kindes stockweise Haare ließ, seit die Motten in sein Fell gekommen: Giovacchino aber war unermüdlich, unter seltsamem Grinsen Gast und Herrschaft mit silberklarem Wasser zu versehen, denn der Brunnen von Villa Tornaquinci war weit und breit berühmt und der Stolz des alten Kammerdieners.

Daß der Spanier um das Glück, tägliches Glied dieses auserwählten Kreises geworden zu sein, beneidet wurde, bedarf wohl kaum der Erwähnung. Die Zahl der Neider wuchs aber mit jedem Jahr, welches sich in bleierner Einförmigkeit über Villa Tornaquinci wälzte, und während welcher Simonetta zur wunderlieblichen Jungfrau reifte. Ein poetischer Sekretario des Luogotenente, Ehrenmitglied der Akademie der Arkadier zu Rom, feierte ihre Schönheit in einem Dutzend Sonette, in denen er geistreich auseinandersetzte, daß nicht nur sie, sondern auch er eine Simonetta sei. Er verglich sich nämlich mit dem berühmten Echo bei Mailand, indem er stündlich zu Hunderten von Malen diesen süßen sentimentalen Namen wiederhole. Die Augen der jungen Spellaner waren während der Messe nur auf das schöne Kind gerichtet; an der Kirchenthür entstand ein mörderisches Gedränge, um nur die Finger ins Weihwasser tauchen und es ihr dergestalt reichen zu können, und seitdem Simonetta nach dem Beispiel ihrer Frau Mama die zwölf Deputat-Bajocchi verteilte, war es nichts Seltenes, daß die schlankesten, gesundesten jungen Männer sich als Krüppel vermummten, nur um aus ihrem weißen Händchen den Kupferdreier zu empfangen. Eins nur blieb den Leuten unerklärlich, nämlich, wie ein so morscher Stammbaum, als der hochgräfliche, noch eine so reizende, lebensfrische Blüte wie Simonetta habe treiben können. Man mußte nur das allerliebste Kind Sonntags im Dom knien sehen, wie es mit den neugierigschlauen Kolombinen-Augen über den Fächer hinwegschielte oder mit den zarten Fingerchen den schwarzen Schleier graziös so weit lüftete, daß das volle, frische Antlitz sichtbar wurde, und rechts und links die Aschermittwochs-Gesichter der Alten, wo sich die Tochter wie ein Bändchen Petrarca-Sonette zwischen zwei pergamentzähen Kasnisten in groß Folio ausnahm; oder wenn sie aus dem Kokon der altfränkischen Seidenwimpeln, welche aus der mütterlichen Garderobe für die Kleine zurecht geschnitten waren, wie aus einer seltsamen Maske schelmisch lächelnd hervorguckte und den steifen Gewändern zum Trotz gleich einem bunten Stieglitz unter den Blumen umherflatterte; wenn sie hinter den steinernen Vasen mit Aloestauden über die niedrige Mauer lauschte und den Vorüberziehenden Sträuße ans ihrem Versteck nachwarf, oder wenn sie auf das einzige gräfliche Haustier, den lahmen Storch im Garten die noch weit lahmere Vogelscheuche Giovacchino hetzte: – und jedem fielen gewiß die Kindermärchen von Elfen, die zur Strafe eine Zeitlang auf Erden ausdauern müssen, von verwunschenen Prinzessinnen und schatzhütenden Drachen ein.

Es war wohl nicht einer, der nicht gern hätte die rechte Stunde und das rechte Wort erlauern mögen, um den Zauber zu lösen und Simonettina zu entführen. Dabei war sie nicht allein ein Wunderkind an Schönheit, sondern auch, in Erwägung der Anforderungen, die man an ihre vornehme Abstammung machen durfte, ein weit größeres von wissenschaftlicher Ausbildung. Dom Luis Sans Obispo hatte ihr nicht nur die Klosterlitanei und das Lesen beigebracht, sondern sie auch eine leidlich unleserliche Hand zu schreiben gelehrt; durch ihren Herrn Vater war sie mit den Namen aller derjenigen, welche jemals über Recht und Rechtsverdrehung geschrieben, vertraut geworden, während die Frau Gräfin streng darauf gehalten hatte, daß ihr Töchterlein nicht nur die Grundregeln der Heraldik, sondern auch sämtliche Namen ihres großmächtigen Stammbaumes, welcher eine Wand im Vorsaale einnahm, an den Fingern hersagen könne. Nur in der Genealogie des ersten Dutzend Ahnherren von Äneas abwärts irrte das schöne Kind noch ab und zu, weil nämlich ihre Namen fast das ganze Jahr hindurch hinter aufgeschütteten Artischoken und Kürbissen begraben lagen. Über Simonettas dereinstige Bestimmung gingen die widersprechendsten Gerüchte. Die eine Hälfte der Spellaner wollte aus guter Hand wissen, Graf Flavio erwarte nur die glückliche Entscheidung seines famosen Prozesses, um dann unter den regierenden Häuptern Europas, wohlverstanden unter den stiftsfähigen, einen standesgemäßen Eidam zu erküren. Die andere Halbscheid dagegen wollte gehört haben, wie das Fräulein schon als Windelpüppchen von Donna Pompea der Madonna gelobt worden sei, und nur das siebzehnte Jahr erwarte, um den Schleier zu nehmen.

So war der Namenstag des heiligen Franziskus von Assisi wieder einmal herangekommen. Scharen von Wallfahrern stiegen von den Bergen hernieder und zogen nach dem Kloster Maria degli Angeli und an der Villa vorüber. Für Simonetta war es ein Fest, den einzelnen mit Pilgerstab und Muschelhut Vorüberwallenden, so wie den bunten Prozessionen ganzer Dorfschaften, welche paarweis mit Musik und Gesang, mit Fahnen und Kreuzen des Weges gingen, über die steinerne Balustrade nachschauen zu dürfen. Oftmals stimmte sie wohl mit glockenheller Stimme ein Liedchen an und freute sich kindisch, wenn die Vorüberziehenden lange Hälse machten, um die Sängerin hinter den dichten Cypressenwänden zu erlauschen, bis darüber einem nach dem andern die Bußgesänge in der Kehle sitzen blieben, und der Vorsänger sich die ersinnlichste Mühe gab, hie eingefrorene Melodie wieder in Fluß zu bringen.

Als sie eines Tages wiederum auf ihrem Lieblingsplätzchen saß, gewahrte sie unter den Vorübergehenden einen jugendlichen, wohlgekleideten Reiter, der, still vor sich hinträumend, die Zügel schlaff über den Hals seines Braunen hängen ließ und weder den mit grauen Olivenwäldern bedeckten Bergen, noch der sonnigglänzenden Ebene, weder der mit Epheu überwachsenen Bergstadt, noch der verwitternden Villa eine besondere Aufmerksamkeit zu schenken schien. Es war dies ein junger, reicher Edelmann aus Florenz mit Namen Lancilotto Torrigiani, welcher von Rom kam und jetzt langsam des Weges zog, weil er an jenem Tage nicht weiter als bis nach dem nahgelegenen Assisi wollte. Simonetta ließ neckend eine Orange aus der Hand und bis vor die Füße des Pferdes rollen. Das Tier schreckte zusammen, prallte seitwärts und stieg, als es der unwillige Reiter mit dem Sporn strafte, der harten Behandlung ungewohnt, in die Höhe. Ein unwillkürlicher Schrei entschlüpfte dem geängstigten Mädchen und lenkte das Auge des Kavaliers auf die verwirrt und verlegen stehende Simonetta. Bald hatte indessen der in allen ritterlichen Künsten Geübte sein Roß beruhigt und sprengte, den Federhut tief vor der verschämt Errötenden abziehend, vorüber. Nach einigen Schritten lenkte er aber wieder um, grüßte noch verbindlicher, empfing mit sichtlicher Freude den blöden Gegengruß und näherte sich dann galant dem Söller, weil er sich, nach seiner Aussage, verpflichtet fühlte, das Fräulein des verursachten Schreckens halber um Verzeihung zu bitten.

Die Bekanntschaft war gemacht. Der Florentiner war so freundlich und bescheiden und wußte seine Worte so zierlich und anmutig zu setzen, daß Simonetta gar nicht müde werden konnte, ihm zuzuhören; dabei war er der hübscheste Mann, den sie jemals gesehen hatte. Es war ihr, als könne sie ihm keine Frage schuldig bleiben oder ihm etwas verhehlen. So hatte denn der gewandte Lancilotto in fünf Minuten alle Verhältnisse halb erraten, halb aus dem Munde des zutraulichen Mädchens erfahren und nach abermals fünf Minuten ihr das Versprechen entlockt, des Abends wiederum auf dem Balkon erscheinen zu wollen. Das Abenteuer bedünkte dem Kavalier zu lieblich, um nicht die Weiterreise zu vertagen, und so zog er denn, da er völlig unabhängig war und nur zu seinem Vergnügen reiste, nach einem unscheinbaren, unfern des Weges gelegenen Wirtshause, mit dem festen Entschluß, so lange in der Nähe des jungen Fräuleins zu verweilen, als er unentdeckt bleiben würde, und ihn das seltsam angesponnene Verhältnis zu fesseln vermöge.

Pünktlich stand er, sobald das Angelus eingeläutet worden war, an der Mauer – Simonetta war ihm schon zuvorgekommen. Nach kurzer Zeit klagte Lancilotto, daß die Unterredung mit rückwärts gebogenem Hals doch auf die Länge sehr lästig falle; das Mädchen war von der Richtigkeit dieser Bemerkung vollkommen durchdrungen. Er erbat sich die Erlaubnis zu einem Versuch, mit Hilfe der Epheuranken an den zerbröckelten Steinen hinaufzuklettern – auch dagegen fand sie nichts einzuwenden, und war vielmehr von ganzem Herzen erfreut, als er ihr zur Seite in der dichtesten Oleanderlaube auf der von Moosflechten überwachsenen Steinbank saß. Was dort gesprochen wurde, darüber beobachtet die Sage das tiefste Stillschweigen. Authentisch ist nur, daß dieser erste Besuch nicht der letzte blieb, daß Lancilotto, so oft sein Liebchen in der Villa zurückgehalten wurde und eine schwerseufzende Zuhörerin bei den väterlichen Erläuterungen der Pandekten abgeben mußte, entweder auf den breiten Blättern der Aloe einige zärtliche Worte gekritzelt fand, oder ein unorthographisches Billet im Rachen des Stein-Delphins, mit einem Worte, daß er sich zum Sterben in sie verliebte und Simonetta um kein Härchen minder in ihn.

So viel hatte Herr Torrigiani wohl begriffen, daß er, trotz seiner adligen Geburt und der nicht unbeträchtlichen Güter, weder von dem Grafen noch von der Gräfin Tornaquinci als Werber allzufreundlich aufgenommen werden werde. Da er nun aber kein sonderlicher Liebhaber von Körben war und er es auch überhaupt liebte, kurz und entschieden zu Werke zu gehen, so schlug er seiner Geliebten das Auskunftsmittel der Entführung vor. Zwei-, dreimal rund abgeschlagen, fand der Vorschlag zum vierten Male ein geneigteres Ohr. Simonetta fand den Garten mit seinen schwarzen Cypressen und nasenlosen Faunen, mit dem ausgetrockneten Bassin und den Schnörkeln von Glaskorallen mit einem Male ganz abscheulich langweilig; noch langweiliger die gähnerlichen Karyatiden an der Villa und ihr durchlauchtiges Dach, durch welches ihr nur allzuoft ins Bettchen regnete; am allerlangweiligsten aber das ewige Goldfädenzupfen, das Memorieren des verschimmelten Stammbaumes, das Schokoladen-Gequirle des Dom Luis und das Wasserkredenzen des rotnasigen Gliedermanns Giovacchino. Der Geliebte hingegen erschloß ihr die weite Welt; folgte sie ihm, so durfte sie mit den Wolken und Vögeln auf munterem Pferdchen über Berg und Thal fliegen, durch prächtige, blitzende Städte rollen, in schimmernden Palästen in Lebens- und Liebeslust schwelgen – welche Wahl für ein flatterhaftes, unerfahrenes, blind verliebtes, fünfzehnjähriges Mädchen?

Eines schönen Abends durchhinkte Giovacchino den ganzen Garten, um die junge Gräfin aufzusuchen; mit kläglicher Unkenstimme rief er sie zur Abendunterhaltung, drohte mit allerungnädigstem Stirnrunzeln, durchstöberte jeden Myrtenstrauch, wandte jedes Artischokenblatt um – vergebliche Mühe. Die Vermißte saß längst zu Roß und galoppierte lustig mit Herrn Torrigiani auf dem nächsten Wege nach Livorno, um sich von dort nach Marseille einzuschiffen.

Mit weinerlichem Stottern und unter entsetzlichen Grimassen stattete der greise Kammerdiener den Exzellenzen Bericht von seinen erfolglosen Nachforschungen ab und überreichte als einzige Ausbeute eine auf dem Steintisch vorgefundene Visitenkarte. Nachdem Donna Pompea die mit Bleistift gekritzelten Worte: »Lancilotto Torrigiani et Simonetta Tornaquinci pour prendre congé« mühsam entziffert hatte, lehnte sie sich langsam mit weit offenen, starr vor sich hinblickenden Augen in den Sessel zurück, und ihre schlaff herabsinkenden Hände ließen das halbzerzupfte Stückchen Goldbrokat auf die Erde fallen. Graf Flavio erwachte zuerst aus seiner Betäubung, zitierte mit festgeschlossenen Wimpern und im grellsten Falsett alle auf Mädchenraub bezüglichen Stellen aus dem alten und neuen römischen Recht, sprach Fluch und Enterbung über die mißratene Komtesse aus, gelobte eine halbe Million Scudi nach Entscheidung des großen Alexandrinischen Prozesses Demjenigen zu zahlen, der den ruchlosen Verführer zur Stelle schaffe, die ganze Million aber zum Bau eines Kerkers zu verwenden, gegen welchen die Stahltürme in Ariosts und Bojardos Dichtungen elende Kartenhäuser sein sollten – – da unterfing sich der greise Diener, den Rockschoß seines zürnenden Gebieters zu küssen und ihn um die Gnade anzuflehen, daß er für einen Augenblick geruhen möge, den Strom der Rede zu hemmen; seinen plebejen Sinnen wolle es nämlich unzweifligermaßen fast bedünken, als ob Donna Pompea maustot sei und Exzellenza seit einer halben Stunde mit einer Leiche die Konversation zu führen beliebe. Der Conte schlug langsam die Augen auf, betrachtete prüfend den bläulichen Streifen, welcher sich über die Schläfe seiner Gemahlin zog, sprach noch einige verwirrte, abgebrochene Worte von einem prachtvollen zu gründenden Mausoleo, tunkte darauf mit zitternder Hand die Feder in das Tintenfaß, um auf dem riesigen Stammbaum ein Kreuz hinter den Namen von Frau und Tochter zu malen, und sank rücklings über. Er war zu seinen Vätern versammelt worden. Giovacchino zog die noch nasse Feder aus der erkalteten Hand und setzte das dritte Kreuz unter das Wappenschild des Grafen Flavio Tornaquinci, hob die Leiche behutsam auf, löschte die Messinglampe aus und verschloß hinter sich die Thür.

Am nächstfolgenden Sonntage fuhren die beiden Exzellenzen mit den alten Maultieren, dem Vorspann der weißen Ochsen und dem rotnasigen Giovacchino als Läufer zur gewohnten Stunde in die Messe, und zwar zur eigenen Totenmesse. Ganz Spello war bei der Feierlichkeit gegenwärtig und bejammerte aufrichtig die Langsamkeit der Nota romana, welche durch ihr Zögern die Gegend um eine fürstliche Villa, die Einwohner selber um die versprochenen Konversazioni gebracht habe. Die beiden Särge wurden dicht vor dem Altar eingesenkt, nachdem Dom Luis Sans Obizpo sie geweiht hatte, und nach vierundzwanzig Stunden gedachte außer dem grauen Giovacchino seine Seele mehr des hochseligen Paares. Der Kammerdiener kehrte nach der Villa Tornaquinci zurück, ohne sie je wieder mit einem Schritt zu verlassen, verschloß und verrammelte das Thor, ließ es in den Angeln rosten, das Wohngebäude vollends zerfallen und den Garten nach Herzenslust verwildern.

Herr Lancilotto war unterdessen mit dem Fräulein glücklich in Marseille angelangt. Damals waren nämlich noch goldene Zeiten für junge, entführungslustige Kavaliere; sie konnten die halbe Welt durchstreifen, ohne daß es jemandem einfiel, sie zu fragen, wes Geistes Kind und wie sie zu ihrer Begleiterin gekommen wären. Seitdem die Pässe Mode geworden und in jeder Stadt dreimal visiert werden, soll es ein passionierter Liebhaber wohl bleiben lassen, mit seinem Schätzchen in die weite Welt hinaus zu laufen. Der nächste Gendarm fängt die reiselustige Schöne ab und bringt sie auf das höflichste wieder heim, noch ehe sie Zeit gehabt hat, sich um einen Kuß bitten zu lassen. Wer die ruhigen Nächte, welche Eltern und Vormünder fortan genießen, in Erwägung zieht, wird nicht länger leugnen können, daß die Welt mit Riesenschritten vorwärts eile und mithin immer wohnlicher werde. Vor sechzig Jahren aber nutzte sie noch gewaltig im argen liegen, da das liebende Paar nicht nur, wie bereits erwähnt, ungehindert Marseille und späterhin sogar Paris erreichen durfte, sondern sogar auch in letzterer Stadt einen Priester sehr bereitwillig fand, sie so schön und fest zu kopulieren, als wenn Se. Heiligkeit der Papst selber die Training vollzogen hätte.

Nunmehr begann ein Leben voller Freude und Herrlichkeit für das junge Ehepaar. Prächtige Gastmähler und Bälle folgten einander auf dem Fuße, und von allen war die schöne Simonetta Königin. Sie wähnte, den Himmel auf Erden gefunden zu haben, und die Erinnerung an Villa Tornaquinci und ihre in diesem gräflichen Hungerturme durchgähnten Jugendjahre erwachte höchstens nur noch im Traume. Signore Lancilotto war der liebenswürdigste, galanteste Gatte von der Welt und liebte seine Frau so zärtlich und treu, als nur irgend ein Ehemann thun kann, das heißt noch volle vier Wochen nach der Trauung. Von dieser Epoche an ließ er zwar in der Galanterie nicht im mindesten nach, verdoppelte sie wohl eher im Gegenteil – nur geschah dies leider gegen andere Frauen als die seinige. Die junge Signora besaß noch zu wenig Welt, um das freisinnige Benehmen ihres Mannes richtig würdigen zu können; sie nahm sich vielmehr jene kleine Zerstreutheit zu Herzen, grämte und härmte sich ab und verfiel zuletzt auf den unseligen Gedanken, dem Gemahl unter Thränenströmen die bittersten Vorwürfe zu machen. – Weiberthränen sind aber anerkannt das zweckdienlichste Mittel, um eheliche Flammen bis auf das letzte Fünkchen auszugießen. Hatte nun Signore Torrigiani die Tage außerhalb des Hauses verbracht, so fing er von da an, auch die Nächte zu verschwärmen. Außerdem war er leidenschaftlicher Spieler und, weil er es jederzeit mit Anstand war, auch unglücklicher. In Jahresfrist hatte das edle Landsknechtspiel nicht allein die mitgebrachten Gelder verschlungen, sondern auch die Florentiner laufende und vorauserhobene Gutspacht, und, da es ohne Geld in Paris schwer ist, als großer Herr zu leben – freilich anderwärts auch nicht viel leichter - so mußte Herr Lancilotto sich wohl, wenngleich mit der übelsten Laune von der Welt, entschließen, mit dem einzigen Schatz, der ihm von seinen früheren übriggeblieben war, mit seiner Frau nämlich, bei Nacht und Nebel ohne viel Geräusch sich in den Wagen zu setzen, um in seiner Heimat die Wiederkunft besserer Zeiten, so gut es gehen wollte, abzuwarten.

In Livorno erfuhr Simonetta den plötzlichen Tod ihrer Eltern. Schon seit dem Augenblick, wo sie anfing, sich unglücklich zu fühlen, hatte sich die Reue über ihre Flucht eingefunden, wie sich denn überhaupt die Gewissensbisse jedesmal zu unrechter Zeit einzustellen pflegen. Auch ohne die nahe Verbindung, in welcher dieser Verlust mit ihrer Entweichung aus dem väterlichen Hause stand, zu kennen, überließ sie sich den Ausbrüchen der schmerzlichsten Verzweiflung und beschwor ihren Gatten bei allen Heiligen, zuerst nach Villa Tornaquinci zu gehen, um auf dem Grabe ihrer Eltern Thränen der bittersten Reue vergießen, um die Schatten der schwer Gekränkten um Verzeihung anflehen zu dürfen. Der Florentiner willigte kalt ein; ihm war es ziemlich gleichgiltig, in welchem Zufluchtsorte er die begangenen Thorheiten abbüßen solle, und der versteckteste däuchte ihm noch der beste.

Es war in der Dämmerung eines Novembertages, als das junge Ehepaar vor dem Thore der Spellaner Villa hielt. In Simonettas Seele erwachte die Erinnerung an jenen Abend, wo sie mit ihren aus Rom flüchtigen Eltern hier angelangt war. Wie damals goß der Regen in Strömen, zogen weißliche Nebelwolken aus den Schluchten der Appenninen, schwankten die Wipfel der Cypressen im Sturm, kämpften die Krähen schwerfällig gegen den Wind an. Der Epheu, der die Mauer umrankte, war voller geworden, die Mehrzahl der steinernen Vasen lag zertrümmert am Boden, Signore Torrigiani sprang aus dem Wagen und versuchte vergeblich den verrosteten Klingeldraht zu ziehen, das Gitterthor zu öffnen. Kein lebendes Wesen ließ sich innerhalb der Ringmauern spüren. Laut rief er den Namen des alten Kammerdieners – keine Antwort. Der Sturm sauste, die nassen Zweige der Myrtenstauden rauschten; die welken Blätter wirbelten durch die Luft. Ungeduldig riß der Edelmann eine Pistole aus dem Wagen und drückte sie gegen das Thor ab, um das Schloß zu sprengen. Da wankte mit behutsam schlorrendem Schritt eine schwarze, fabelhafte Gestalt, ein langes spanisches Gewehr im Anschlag an der Backe haltend, einher – es war Giovacchino, welcher den ersten, der Miene mache, das Thor mit Gewalt zu öffnen, mit dem Tode bedrohte.

»Fort mit der Flinte, alter Narr,« zürnte Lancilotto, »Deine Gebieter sind es, welche an der Pforte stehen und augenblicklich eingelassen zu werden verlangen.«

Da ließ der hagere Greis langsam das Rohr herabsinken und entgegnete mit widriger Freundlichkeit: »Ei, ei, Exzellenza, welch unverhofftes Glück! Willkommen auf Villa Tornaquinci, Signora höchst willkommen! So kehren Illustrissimi nach einem kleinen Ausfluge doch wieder zurück – werden vieles verändert finden« – –

»Was soll dies unersprießliche Geschwätz?« fuhr Lancilotto auf. »Und wie lange sollen wir in diesem vermaledeiten Wetter im Freien stehen? Aufgemacht!«

»Wird sich schwerlich machen lassen, Exzellenz«. Den Schlüssel hab' ich an dem Tage, wo der Herr Graf und die Frau Gräfin beigesetzt wurden, in den Brunnen versenkt – was hatte ich alter Mann noch in der Welt zu thun? – Und daß die gnädige Herrschaft je wiederkehren werde, wer konnte daran denken?«

Scheltend und wetternd rüttelte der Kavalier an den Eisenstäben – sie blieben reglos; jedes Werkzeug aber, das Schloß zu erbrechen, mangelte. –

»Vielleicht lassen sich der Signor Kavaliere herab,« hob Giovacchino nach einer Pause mit boshaftem Lächeln an, »die Mauern zu überklettern. Hochdieselben haben es ja nicht zum erstenmale versucht, und auch Signora werden wohl noch geruhen, sich des früher eingeschlagenen Weges zu erinnern. Ich wollte darauf schwören, es ginge um vieles leichter hineinzukommen, als hinaus.« –

»Der welke Schuft,« murmelte Torrigiani giftig, »verspottet uns noch. Mög' ihn ein Unglück treffen!« –

Er sprang nach dem Wagen, um das zweite Pistol zu ergreifen. Simonetta aber fiel ihm in den Arm und bat ihn, von seinem Vorhaben abzustehen. »Wir haben viel abzubüßen,« sprach sie mild, »laß uns nicht damit beginnen, neues Unrecht zu begehen. Übe Nachsicht mit dem alten Diener des Hauses – er ist treu wie Gold – morgen ist er gewiß wie umgewandelt. Komm, mein teurer Freund, es wird schon gehen. Laß uns eilen. Mich verlangt aus der feuchten kalten Luft – ich fühle mich recht krank.«

Zähneknirschend ließ der Florentiner von der Waffe, erklomm die niedrige Gartenmauer und hob mit Hilfe des Fuhrmanns sein fieberschauerndes Weib hinüber. Giovacchino hatte sich unterdessen entfernt.

Der Garten war zur Wildnis geworden. Dichtes Gras wuchs durch den Kies der Gänge: breitblätteriges Unkraut überwucherte die einzeln und wie verloren stehenden Blumen, und die nassen Zweige der freirankenden Sträucher schlugen dem mühsam vordringenden Paare entgegen. Auf einer Marmorbank saß der alte, lahme Storch und zerriß eine zuckende Schlange. Simonetta erkannte den Platz wieder: am Abend der ersten Zusammenkunft mit Lancilotto hatte sie dort gesessen. Sie deutete furchtsam auf den Fleck, ihr Gatte aber warf mißlaunig den Kopf zurück und zog das bleiche Weib schweigend mit sich fort. –

Giovacchino stand bereits unter dem Thore der Villa und umspann die Ankommenden mit endlosen, kriechenden Bewillkommnungsphrasen, bei denen die Angeredeten in Zweifel blieben, ob sie dieselben nicht als bittern Hohn zu nehmen hätten. Herr Torrigiani schnitt die weitschweifige Rede kurz ab und hieß den Alten Kaminfeuer anlegen. Lange Zeit wollte das herbeigeschleppte nasse Bündel Weinreben nicht zünden; nachdem es endlich angeglommen, druckte der Sturm den Rauch herab und erfüllte das Zimmer mit unleidlichem Qualm. Die Flamme mußte gelöscht und Thür und Fenster aufgerissen werden. Lancilotta stand finster brütend auf der Schwelle und sah die schweren, grauen Wolken sich träge über den Himmel wälzen und die Bläschen der Regentropfen im gesammelten Wasser zerspringen, Simonetta saß auf dem verblichenen Damastkanapee, verdickte ihr Gesicht mit der Hand und weinte leise vor sich hin.

Der grauköpfige Diener setzte die vierarmige Messinglampe auf den Tisch, und erbat sich Befehle, welches Zimmer er für die Herrschaft in stand setzen solle.

»Das erste beste,« herrschte ihm der Kavalier zu, »Meinethalben dieses hier, vorausgesetzt, daß wir nicht über Nacht vom Regen hinweggeschwemmt werden.«

»Dies wäre nun wohl die geringste Sorge,« grinste der Kammerdiener, »wenn nur nicht – indessen Exzellenza haben zu befehlen.« – Er murmelte noch allerhand Unverständliches vor sich hin, und begann hierauf langsam und umständlich die Vorbereitungen zur Nacht zu treffen. Nachdem er die Lagerstätte bereitet, zog er sich auf die Schwelle zurück mit einer Miene, als ob er noch gar manches auf dem Herzen habe, und nur auf die erste Gelegenheit um loszubrechen harre.

Lancilotto schritt, in düsteres Sinnen verloren, heftig im Gemach auf unb nieder, und bemerkte erst spät Giovacchinos Verweilen. »Nun, was soll es noch?« fragte er den Alten rauh.

Der Angeredete wiegte den Kopf hin und her, und begann endlich, nachdem er lange vergeblich nach der ihm passend scheinenden Einleitung gehascht hatte: »Demnach dürfte auch füglich jenes Kreuzlein dort auf dem Stammbaum, welches den Namen der Signora als einer Verstorbenen bezeichnet, wiederum gelöscht werden.« Aufschreckend blickte Simonetta nach der bezeichneten Richtung, der Kammerdiener aber fuhr mit ingrimmiger Kälte fort: »Bitte nicht etwa den Verdacht zu hegen, als ob ich mich unterfangen, jenes Zeichen auf die Tafel zu malen. Es waren des Herrn Vaters Exzellenz», welche mit letzter Armzuckung Ihro Gnaden dies Denkmal zu setzen geruhten.« –

»Um der Madonna willen,« rief Simonetta, bleich und verstört auf den Stammbaum zustürzend, »mein Vater, mein eigener Vater« – –

»Wie Signora sagen. Und zwar an jenem Abende, wo die gnädige Frau ihre Reise ins Ausland anzutreten beliebten, und die Frau Gräfin aus Alteration darüber vom Schlage gerührt wurde.« –

»Wahnsinniger Unmensch,« fuhr Lancilotto auf den Bedienten ein, »willst Du mein Weib morden?« Aber Simonetta hatte die letzten Worte kaum vernommen, und lag in tiefer Ohnmacht auf dem Boden. Der Florentiner stieß den hämisch vor sich hin lächelnden Graukopf wütend aus dem Zimmer und flog zu seiner unglücklichen Gattin, um ihr alle mögliche Hilfe zu gewähren. Nach einigen Minuten erwachte sie, rang verzweiflungsvoll die Hände und warf sich auf die Kniee, um unter Vergießung von Thränenströmen zu beten. Nur mit Mühe konnte Lancilotto die Erschöpfte bewegen, sich zur Ruhe zu begeben.

Die Nacht war mittlerweile hereingebrochen; im Hause herrschte ein eisernes Schweigen, draußen tobte der Sturm fort, rasselte mit den Ziegeln des Daches, und warf in kurzen Zwischenräumen einen offenstehenden Laden gewaltsam gegen das Fenster. Die Lampe glimmte düster und erhellte nur spärlich das wüste Gemach, in dem die Reise-Effekten unordentlich verstreut umherstanden. Die soeben erlebte erschütternde Szene, der Gedanke an die eigene verzweifelte Lage ließen Lancilotto keine Ruhe finden. Mit unstäten Schritten wandelte er über die knisternden Fliesen und warf bald einen Blick auf das in fieberhaft unruhigem Schlaf liegende Weib, bald auf das unheimliche Zimmer und den morschen, bettelhaften Trödelkram, der es ausfüllte. Sein Entschluß, die Villa mit Tagesanbruch auf immer zu verlassen, stand fest.

Da erhob Simonetta sich plötzlich vom Lager und schlich auf den Zehen leise und mit weit ausgreifenden Schritten hinter Torrigiani her, umklammerte ihn krampfhaft von hinten und streckte, ohne ein Wort vorzubringen, den Zeigefinger weit vor sich hin. Ihr Gesicht war leichenfahl, das Auge stier.

»Um Gottes willen, was ist es, was fällt Dir ein?« fragte der erschrockene Gatte.

»St! st!« flüsterte die Frau ganz heimlich, »sieh nur! sieh nur dorthin! Sie sind's ja.«

»Wer? sie?« –

»Närrchen, die Alten,« erwiderte schaudernd und mit irrem Lächeln Simonetta. »Schau' doch nur genau hin, Lancilotto, wie die Mutter Goldfäden zupft – jetzt läßt sie den Rest fallen – legt sich langsam zurück – hu, wie die Augen weit offen stehen! Mich graust. Sieh nur den blauen Fleck am Halse – sie ist tot – und der Vater – er steht auf, setzt auf den Stammbaum das Kreuz neben den Namen der Mutter – und jetzt macht er auch mir das Todeszeichen – Vater! Vater! Halt ein! Ich lebe ja noch!«

Mit den Gebärden des Wahnsinns stürzte Simonetta vorwärts, als wolle sie der Erscheinung in den Arm fallen. Ihre umherirrende Hand stieß die Lampe um, Lancilotto packte, außer sich vor Entsetzen und mit sträubendem Haar die auf dem Tische liegende Pistole und drückte sie, wie um das Grauen zu gewältigen, mit fest geschlossenen Augen ab. Dem Knall folgte ein tiefes, schmerzliches Stöhnen – er hatte sein Weib erschossen.

Simonetta ruht im Dom von Spello zur Seite ihrer Eltern. Den Kavaliere Lancilotto will man nach vielen Jahren als Kroupier bei einer der Pariser Spielbanken gesehen haben, und noch lange nach der traurigen Katastrophe behaupteten die Spellaner, daß in dem Garten der Villa Tornaquinci eine lange, aschfarbige Gestalt von Zeit zu Zeit hinter den Gesträuchen auftauche und wieder versinke: ob es aber der alte Haushofmeister, ob es ein Gespenst gewesen, hat keiner zu untersuchen gewagt. Die Villa ist seitdem unbewohnt geblieben und vollends zerfallen.

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