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Venetianische Novellen

Franz Freiherr von Gaudy: Venetianische Novellen - Kapitel 12
Quellenangabe
typefiction
authorFranz Freiherr von Gaudy
titleVenetianische Novellen
publisherBibliographische Anstalt
addressBerlin
year1890
firstpub1838
seriesFranz Freiherrn Gaudys poetische und prosaische Werke
volumeFünfter Band
printrunNeue Ausgabe
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100824
projectid2aeb9a63
status1
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Kalabresische Feindschaft

Wie ich zeither den Stoff zu meinen abendlichen Konversazioni den alten Chroniken entlehnte, oder eine jener Novellen, welche so alt als die Welt sind, und von Zeit zu Zeit, von Volk zu Volk wanderten, zurechtstutzte und sie meinem geehrten Publikum, mit einem Tüpfchen aufs i von meiner Invention verbrämt, wieder vortrug; wenn ich manchmal mich sogar unterfing, meinen Zuhörerkreis in Ermangelung der besseren mit eigener Fabrikware unterhalten zu wollen – Versuche, welche ihren unverhofft günstigen Erfolg allein nur in der Langmut und Nachsicht, die meine teuren Gönner mit dem alten Erzähler von der Riva dei Schiavi haben, verdanken – so will ich am heutigen Abend einmal die Fabelwelt mit der Wirklichkeit vertauschen, die nebelumhüllte Vergangenheit mit der jetzigen Zeit, will, statt aus schweinsledernen Folianten, aus den Tagesblättern schöpfen und eine Begebenheit, welche der Mehrzahl meiner Zuhörer aus einzelnen Zeitungsberichten noch wohl erinnerlich sein wird, im Zusammenhange vortragen. Klingt übrigens unserm Ohr der Inhalt einer Thatsache fabelhaft oder mindestens unwahrscheinlich, welche auf dem Schauplatze der Bühne, wo sie sich ereignete, zu den alltäglichen gerechnet wird, so dürfte dies nur beweisen, daß wir Venetianer uns unter dem Schutz einer weisen, gerechten, väterlich gesonnenen Regierung befinden und der Barbarei des Mittelalters um Jahrhunderte früher als die Bewohner der südlichen Provinzen entwachsen ??? für beides aber dem Himmel nicht dankbar genug sein können. Der Schauplatz ist das kleine kalabresische Städten Misura. Die Zeit fällt in das Jahr 1837, sage ein tausend achthundert und siebenunddreißig.

Nicht nur in den Annalen der mächtigen, italienischen Staaten begegnen wir ans jedem Blatte jenen blutigen Zügen, welche unser schönes Vaterland Jahrhunderte hindurch zum Schauplatz innerlicher Zwietracht, des Blutvergießens und der Fremdenherrschaft machen – auch die Geschichtsbücher der kleineren Städte und Ortschaften spiegeln sie uns zurück und zeigen überall das betrübende Schauspiel der um die Herrschaft kämpfenden Edlen, von Parteihaß zerrissener Mauern, von Verbrechen, die, von Leidenschaft eingegeben, straflos unter dem Deckmantel der Gesetze verübt wurden, von Bürgern, welche sich auf den Wink ihrer Tyrannen hinschlachteten, statt ihre vereinten Kräfte gegen ihre Unterdrücker zu wenden.

So war auch Misura seit undenklichen Zeiten Zeuge der Kämpfe zweier adliger Geschlechter gewesen und durch die Feindschaft der Familien Longobuco und Polizzi zerspalten worden. Von den jedesmaligen Zeitverhältnissen bedingt, hatten die Farben der Streitenden gewechselt – der Bewegungsgrund, der Haß war der alte geblieben. Als die Ritter von ihren Felsennestern in die Städte hinabstiegen und den Eisenharnisch mit dem Bürgergewand vertauschten, war jener unversöhnliche Groll ihr treuer Begleiter geblieben. Ihre Waffe wurde statt des Schwertes die Feder, das Schlachtfeld ihrer Fehden die Gerichtsstube, und die wechselseitige Erbitterung wurde durch den gesetzlichen Schein, mit welchem jede Partei ihre Angriffe zu rechtfertigen suchte, nur noch gesteigert.

Die Häupter der Familien waren in der letzten Zeit Felice Longobuco und Aloisio Polizzi, welcher das Amt eines Stadt- Syndikus bekleidete. Letzterer war verheiratet und Vater einer Tochter, während Don Felice noch unvermählt war und sein Hauswesen von einer älteren Schwester verwalten ließ.

Misura ist nicht groß genug, als daß zwei Todfeinde sich ausweichen könnten, der öffentlichen Orte sind zu wenig, um nicht eine tägliche Begegnung zu bedingen. Eine jede aber war nur ein neuer, in die offene Wunde geträufelter Gifttropfen, ein um so tiefer ätzender, je weniger die verfeinerte Sitte den rohen Ausbruch der Leidenschaft gestattete, je mehr Don Aloisio auf Bewahrung seiner obrigkeitlichen Würde bedacht sein mußte und Don Felice Longobuco die Verletzung der obersten Magistratsperson zu scheuen hatte.

Eines Abends trafen die Feinde sich wieder in dem einzigen Kaffeehause des Ortes. Don Felice spielte Domino; hinter seinem Sessel stand zufällig der Syndikus mit andern Gästen, anfänglich ohne das Spiel zu beachten, späterhin gedankenlos dem Aufdecken und Aneinanderreihen der Steine zuschauend; er mochte nicht einmal eine Ahnung von der Nähe seines Widersachers haben. Don Felice war im Unglück. Ist nun aber an und für sich schon jeder Spieler mit irgend einem Aberglauben behaftet, so ist es der Verlierende gewiß im noch höheren Grade und gleich bereit, sein Mißgeschick weniger den begangenen Fehlern oder der Ungunst des Glückes, als zufälligen äußeren Einwirkungen zuzuschreiben.

Mißlaunig wandte sich Don Felice um und wurde seinen Gegner gewahr. Die Gelegenheit, seinem Unmut auf Kosten seines Feindes Luft zu machen, war günstig. »Ihr stört mein Spiel, Don Aloisio,« hob er mit gebieterisch-wegwerfendem Tone an, »und würdet mich verpflichten, wenn Ihr den eingenommenen Platz gegen einen andern tauschtet.«

Im Syndikus keimte augenblicklich der Entschluß, dem Zufall, welcher ihn auf diesen Platz geführt hatte, den Anschein der Absichtlichkeit zu leihen. Weit entfernt daher zu weichen, lehnte er sich vielmehr auf dem in den Boden gebohrten Rohrstock vor, maß Don Felice kalt verachtend vom Wirbel bis zur Zehe und warf schweigend um ein weniges den Kopf zurück, als halte er den Gegner einer Antwort für unwürdig.

»Hört Ihr nicht, was ich sage, Don Aloisio?« wiederholte mit steigendem Ingrimm Herr Longobuco. »Eure Nähe ist mir lästig. Ihr steht mir im Wege, – hier wie überall.«

»Gereicht Euch meine Nähe zum Ärgernis,« erwiderte Polizzi höhnisch, »so hoffe ich zu Gott, daß es Euch in den ersten zwanzig Jahren nicht daran fehlen solle.

»Vielleicht ließe die Frist sich noch abkürzen,« war die Antwort.

Dieser Wortwechsel war laut genug geführt, um von jedem der Anwesenden vernommen worden zu sein. Die Feindschaft der beiden Stammhäupter war jedoch zu offenkundig, und Reibungen hatten zu häufig stattgefunden, als daß diese neue feindselige Begegnung eben besondere Sensation hervorgebracht hätte.

Am nächstfolgenden Morgen ritt Don Aloisio Polizzi nach seinem, fünf Miglien von der Stadt gelegenen Landgute Monfelice. Der mit niedrigen Steinmauern eingefaßte Weg führte ihn durch eine Olivenwaldung bergan. Es war in der Mitte des Sommers. Weit und breit war kein lebendes Wesen zu sehen. – Alles hatte sich vor der höher und höher steigenden Glut der Sonne geflüchtet, und nur das betäubende Schrillen der Zikaden, welches aus den Karruben und Myrtensträuchern tönte, unterbrach das Schweigen. In Gedanken versunken und von der Hitze erdrückt, ließ der Reiter die Zügel des lässig bergan klimmenden Gauls aus der Hand schlüpfen. Da hörte er sich laut beim Namen rufen, fuhr auf und sah einen wilden, bärtigen Kerl mit spitzigem, reich bebändertem Hut und angeschlagenem Gewehr hinter der Mauer stehen. Don Aloisio griff rasch zum getreuen Karabiner, ohne welchen kein Kalabrese sich nur eine Viertelstunde Weges über Land wagt, und spannte knackend den Hahn. »Fort mit der Flinte!« schrie der Brigant. »Macht keinen unnötigen Lärm. Wir sind unserer Zehn.«

Wirklich tauchte auch hinter den Steinen und Aloestauden ein halbes Dutzend sonnenbrauner, bis an die Zähne bewaffneter Gesellen als Bürgen für das Wort des Redners hervor. Das Auge des Syndikus überflog die Rotte. Einen Moment lang schwankte er, ob er nicht rasch seinen Schutz abgeben, das Pferd herumwerfen und sein Heil in der Flucht suchen solle. Da übersprang der erste die Mauer, warf mit trotziger Sicherheit sein Gewehr über die Schulter, und ging phlegmatisch, als ob es sich um die harmlosesten, gleichgiltigsten Gegenstände handele, auf den Reiter zu. »Nehmt Vernunft an, Don Aloisio,« sprach er, »steigt ab, legt die Waffe nieder und fürchtet nichts. Wir sind Galant-'uomi.«

Der Syndikus überzeugte sich wohl nun, daß Widerstand und Flucht gleich unmöglich seien und folgte der Anweisung des Räubers. Die übrigen hatten sich mittlerweile genähert.

»Ich kenne Dich wohl,« sprach Herr Polizzi zum ersten, »Du heißest Valentino mit dem Beinamen Monocolo, und hast schon einmal vor zwei Jahren wegen Straßenraubes zu Misura im Gefängnisse gesessen.«

»Wenn Ihr mich so gut kennt,« versetzte der Einäugige, »so werdet Ihr auch wissen, daß ich von jeher zu stolz zum Leugnen war.«

»Und Du,« wandte sich Don Aloisio zu dem Nächststehenden, »bist Marco Donnola, und wurdest zu lebenslänglicher Zuchthausstrafe verurteilt wegen« –

»Wegen einer Kinderei,« lachte Marco. »Machten da nicht die Herren vom Gericht ein Wesen über einen elenden Messerstich im Streit, als ob ich die heilige Hostie selber durchstochen hätte. Und wenn die Wache der Granili nicht so jämmerliche Wichte, meine Brüder dagegen so wackere Bursche waren, so säße ich wohl noch heute hinter den Gittern. Aber jetzt, alter Herr, hat sich das Blatt gewandt; jetzt sitzen wir zu Gericht und Ihr seid der Gefangene. Wir aber schreiben nicht mit Tinte, sondern mit Blut!«

»Was soll das Geschwätz, Signor!« unterbrach ihn der Einäugige. »Don Aloisio ist ein Mann, und einen Mann schüchtern Worte nicht ein. Hat er uns gleich vor die Schranken gezogen, so that er's als Richter und erfüllte seinen Beruf, wie wir jetzt den unsrigen. Schweig', sag ich Dir. Dem Hahn, der morgens kräht, wird abends der Hals abgeschnitten. Wer weiß denn, ob sie nicht sich noch vertragen, und dann wird uns Exzellenza nicht vergessen, daß wir gegen ihn wie Ehrenmänner gehandelt haben. Hast Du den Richter zum Gevatter, sagt das Sprichwort, so darfst Du die Schwarzröcke bei der Nase zupfen.«

»Ihr seid von Don Felice Longobuco angestellt worden?« fragte der Syndikus, »Gesteht es nur ein.«

»Ihr kennt den Vogel am Gesänge,« antwortete Marco.

»Und wie viel hat er für meinen Fang geboten?«

»Wenig, spottwenig,« brummte Monocolo. Aber was hilft's, ist der Handel einmal geschlossen, so hinkt das Markten wie ein lahmer Gaul hinter dem Wagen. Zweihundert Dukati bringt Ihr uns ein, Exzellenza, keinen Quattrino mehr. Spottgeld, wahres Spottgeld.«

»Ich zahl' Euch das doppelte, wenn Ihr mich frei laßt.«

Ein unwilliges Murren lief durch die Bande. »Wir sind Männer, Don Aloisio,« rief der Einäugige, »und halten auf Manneswort. Geht, Signor, das schmeckte einmal wieder nach der Schreibstube. Laßt uns das nicht wieder hören – und nun vorwärts.«

»Noch eine Frage denn,« rief der Sindako: »seid Ihr gedungen, mich zu ermorden? Sprecht!«

»Euch zu morden! Die heilige Madonna behüt' uns. Wo denkt Ihr hin? Don Felices Auftrag lautet, Euch zu greifen. Euch sicher zu verwahren. Was er mit Euch vorhat, wer kann's wissen! Ihr werdet's ja noch zeitig genug erfahren. Von uns habt Ihr nichts zu befahren. Und nun kommt, laßt Euch die Augen verbinden, es geht nach unserem Mausloch. Wenn Ihr auch den Weg dahin nicht verraten werdet, so – San Gennaro, welch ein schönes Seidenschnupftuch habt Ihr da! Verkauft's mir nachher – ich zahle Euch bar und was Ihr wollt. Mein Weib hat mir schon lange um ein solches Tuch in den Ohren gelegen.«

Nach einem halbstündigen, beschwerlichen Steigen, während dessen Don Aloisio von zwei der Briganten geführt wurde, machte der Trupp Halt. Die Binde fiel von den Augen des Gefangenen, er stand in einer räumigen Höhle. Weiber, erwachsene Dirnen und Kinder lagerten um ein flackerndes Feuer, an welchem der Kessel brodelte, starrten ihn mit stumpfer Neugier an und flüsterten dann heimlich untereinander. In der hinteren Vertiefung lagen andere Gesellen schlafend und in einem Haufen welker Blätter halb versteckt. Ein hagerer, hartknochiger Greis richtete sich im Winkel auf, trat an den Syndikus und hieß ihn willkommen. Don Aloisio nickte stumm. »Ihr scheint mich nicht zu kennen, Exzellenza,« fuhr der Alte fort. »Freilich war der graue Fuchs Euch bis jetzt zu schlau, um in Euer Eisen zu gehen. Mein Name wird Euch aber wohl kaum unbekannt sein, sollte ich meinen. Zwischen Neapel und Reggio leben nicht viele, die noch nie von dem alten Trenta-tre hörten.«

Aloisio war eben kein schwachnerviger, verzärtelter Mann; als er jedoch den Namen des Räubers vernahm und seine Rechte von dessen eiserner Faust geschüttelt fühlte, überlief ihn doch ein Schauder. Trenta-tre war der hartherzigste, gefürchtetste Bandit in den Abruzzen – seinen Namen führte er von der Zahl der dreiunddreißig von ihm verübten Mordthaten. »Seid ohne Furcht, Don Aloisio,« fügte der Brigant hinzu, »ohne Not soll Euch kein Haar gekrümmt werden. Befehlt über mich, über die Meinigen, über die ganze Wirtschaft – Ihr seid Padrone.«

Der Charakter des kalabresischen Briganten ist ein wunderliches Gemisch von Rohheit und feinerem Gefühl, von Verworfenheit und Ehrgeiz. In der Ausübung seines Handwerks sieht er nur den ehrenvollen Kampf des Unterdrückten gegen den Gewalthaber, des Bedürfnisses gegen den toten Buchstaben des Gesetzes; er gefällt sich, seinem Treiben einen schimmernden, fast möcht' ich sagen, chevaleresken Anstrich zu geben, gegen Arme den Großmütigen zu spielen, den Gastfreien seinem Gefangenen gegenüber. Er ist Räuber und Mörder – beides aber als Galant'uomo; Trenta-tre und seine Gefährten wetteiferten in Aufmerksamkeiten gegen den Syndikus. Ein Fürst, welcher das Haus eines Vasallen mit seinem Besuch beehrt, hätte nicht ehrerbietiger aufgenommen, nicht sorgsamer bedient werden können. Wohl fühlend, wie bedrückend ihre Nähe für den unfreiwilligen Gast sei, räumten die Söhne des Gebirges ihre Höhle, um sich auf einem freien Platz vor derselben im Kreise zu lagern. Dort machte der weingefüllte Schlauch den Umgang; in einförmigem Takt rasselten die Bleche des Tamburins, knatterten die Kastagnetten; Bursch und Dirne traten paarweise zur Tarantella an und gaukelten in zierlichen Wendungen aneinander vorüber. Weithin schallte das Jauchzen der Ausgelassenen durch die Schluchten.

Die Schatten verlängerten sich, als ein Fremder in die Höhle trat, langsam auf Don Aloisio zuschritt und mit verschränkten Armen vor ihm stehen blieb. Es war Don Felice Longobuco. Der Syndikus sah auf, warf seinem Gegner einen Blick des tötlichsten Hasses zu und richtete wiederum das Auge auf die in Asche versinkende Kohlenglut. Jeder fühlte das Gewicht der verhängnisvollen Stunde, und wie der lebenswierige Kampf nun der Entscheidung nahe; jeder wog im Geiste die Worte, die er dem Todfeinde zuschleudern wolle, und sann, wie er den Stachel der Rede schärfen, das fressendste Gift in die Wunde des Gegners träufeln möge.

Longobuco brach das Schweigen zuerst. »Ihr seid in meiner Gewalt, Polizzi. Der langersehnte Augenblick erschien, wo ich meine Rache befriedigen, wo ich Euch vernichten kann. Und ich will's – ich werd' es.«

»Vielleicht,« entgegnete Don Aloisio verächtlich, »wenn Ihr den Mut dazu hättet.«

»Meint Ihr? In Wahrheit? Ein Wort von mir, und Trenta-tre wird an Euch zum Trenta-quattro.«

»Ihr kämt mir nur zuvor.«

»Hört mich an, Polizzi. Ich bin nicht hierher gekommen, um Eure knabenhaften Großsprechereien mit anzuhören und meinem Groll auf Weiberart mit Scheltworten Luft zu machen. Ich hasse Euch tötlich und Ihr mich nicht minder. Nebeneinander können wir nicht bestehen. Schweigt! Einer von uns muß das Feld räumen, und dieser eine seid Ihr. Es kostet mich nur einen Wink, um Euch ermorden zu lassen – wenn ich ihn nicht gebe, so geschieht es lediglich, um Euch lebenslänglich mit dem Bewußtsein zu martern, daß Ihr jeden Atemzug der Gnade Eures Feindes verdankt. Schweigt, sage ich. Kein Wort! Ihr tretet mir Euer Landgut Monfelice ab – gerichtlich, versteht mich wohl. Ein Scheinkauf sichert mir den Besitz. Ihr verkauft Haus und Hof in Misura – Ihr wandert aus – wohin, gleichviel – so weit als möglich – über die Grenze. Das Königreich hat nicht Raum für uns Beide. Habt Ihr mich verstanden? Antwortet! Wollt Ihr?«

Polizzi warf bitter lachend den Kopf zurück.

»Ich habe Eure Weigerung erwartet,« fuhr Longobuco fort, indem er seinem Gegner um einen Schritt näher trat. »Ich würde ebenso wenig als Ihr auf den Vorschlag eingegangen sein. Hört denn den zweiten. Erwägt ihn wohl, Ihr habt nur zwischen ihm und dem Tode die Wahl. Eure Tochter Vittoria ist schön – gebt sie mir zum Weibe,«

»Eher dem elendesten Schurken aus Trenta-tres Bande,« fuhr der Syndikus auf, »als einem Longobuco!«

»Polizzi, ich warne Euch, reizt mich nicht, bei der Seele der Madonna, Ihr seid sonst verloren.«

»Lieber tot, als mein Kind dem Feind unseres Geschlechtes opfern,« erwiderte Don Aloisio.

»In Wochenfrist dürftet Ihr vielleicht kälter über diesen Punkt urteilen. So lange geb' ich Euch Bedenkzeit. Auf Wiedersehen, Herr Sindaco!«

Drei Tage waren bereits seit dem Ausbleiben Polizzis verstrichen. Die Bestürzung der Seinigen wuchs mit der Wiederkehr eines jeden der nach Monfelice gesandten Boten. Niemand wollte den Syndikus weder dort noch unterwegs gesehen haben.

Frau Gonegonda Polizzi kannte den Charakter ihrer Landsleute, besonders den des Feindes ihres Gatten zu genau, als daß sie einen Augenblick hätte in Zweifel bleiben sollen, von welcher Seite der Streich geführt worden sei. Ebenso wohl wußte sie aber auch, daß das Einschreiten der öffentlichen Behörde nur dazu dienen könne, die Rachsucht des Gegners zu stacheln und die tragische Katastrophe zu beschleunigen. Die Rettung ihres Gatten hing lediglich von der Willkür Don Felices ab, und wie wenig auch von dieser Seite zu hoffen war, so hielt es Signora Polizzi dennoch für Pflicht, wenigstens einen Versuch zu machen, den Feind des Hauses umzustimmen. In Trauergewändern zog sie mit ihrer Tochter nach dessen Hause und drang in das Zimmer von Longobucos Schwester. Dort warfen die beiden Frauen sich auf die Kniee und erhoben, ohne ein Wort hervorzubringen, flehend die Hände.

Marina Longobuco teilte die feindseligen Gesinnungen, welche ihr Geschlecht gegen die Polizzi hegte. Das erste Gefühl der Kalabreserin war das des Triumphs über die verhaßte Familie, des befriedigten Stolzes, Gattin und Tochter des feindlichen Stammhauses tief gebeugt zu ihren Füßen zu sehen. Später erst machte die Weiblichkeit ihre sanfteren Rechte geltend.

»Signora, Ihr eine Bittende, eine Knieende? Und vor mir – vor einer Longobuco! Steht auf – redet. Was führt Euch zu mir?«

Die beiden verharrten lautlos weinend in ihrer demütigen Stellung.

Verwirrt trat Fräulein Marina an die Mutter und ersuchte sie dringend, ihre entwürdigende Stellung aufzugeben. Mildere, gütigere, ihr unwillkürlich entschlüpfende Worte bezeugten, daß ihr Herz für jenen stummen Jammer nicht unempfindlich bleibe. Allmählich begann sie die Feindin über die Unglückliche zu vergessen, und beschwor diese dringend, ihr den Grund ihrer Thränen zu vertrauen; was in ihrer Macht stände, um sie zu trocknen, gelobe sie heilig, zu thun.

«Meinen Gatten! Meinen Vater!« riefen die Frauen. »Gebt ihn uns zurück. Euer Bruder hält ihn gefangen. Seid barmherzig, Signora. Bei den Schmerzen der Madonna beschwören wir Euch - bittet ihn frei!«

Marina erschrak heftig. Sie kannte den Haß und den rachsüchtigen Charakter ihres Bruders zu gut, als daß sie ihn nicht eines gewaltsamen Ausbruchs seiner Leidenschaften hätte fähig halten sollen. Die Kunde von dem letzten Streit war auch ihr zu Ohren gekommen, erst jetzt aber brachte sie das rätselhafte Verschwinden des Syndikus mit jenem Wortwechsel in Verbindung.

»Ihr äußert da einen entsetzlichen Verdacht, Signora,« erwiderte sie mit zitternder Stimme. »Ich weiß gar wohl, daß mein Bruder mit dem Syndikus in Feindschaft lebte – einen so gewaltthätigen, verbrecherischen Schritt aber – Nein, nein. Steht auf, Signora. Augenblicklich verfüge ich mich zu Don Felice. Er muß sich in Euren Augen rechtfertigen; er ist es Euch schuldig, mir, sich selber. Erwartet mich hier.«

Nach einer Viertelstunde kehrte Marina von ihrem Bruder zurück. Er hatte sie mit harten Worten angelassen und sie gescholten, daß sie sich für die Mitglieder jenes feindseligen Stammes verwende. Von dem Syndikus wisse er nichts. Sei er verschollen – um desto besser. Er für seinen Teil habe keine Schuld daran. Die Heftigkeit, mit welcher er sich weigerte, diese Versicherung den beiden Frauen mündlich zu geben, ja sie nur sehen zu wollen, war jedoch seiner Schwester in einem zweideutigen Lichte erschienen und hatte sie im Verdacht, als ob Don Felice doch wohl nicht so ganz schuldlos bei jenem Handel sein könne, nur noch bestärkt. Mit ungeheuchelter Bekümmernis unterrichtete sie Mutter und Tochter von dem unbefriedigenden Erfolg ihres Fürworts. Einen anderen Trost aber, als ihre aufrichtige Teilnahme, vermochte sie ihnen nicht zu reichen.

Andere fünf Tage vergingen und noch immer war keine Spur vom Syndikus ausfindig gemacht worden. Die übrigen Familienglieder und Anhänger der Polizzi teilten den Verdacht der Frau Gonegonda und sprachen ihn unverhohlen aus. – Keiner aber wollte den ersten Schritt wagen und den gefürchteten Gegner zur Rechenschaft ziehen. Ihre moralische Überzeugung, daß Don Felice das Haupt ihres Stammes bei Seite geräumt habe, konnte den Mangel an gerichtlichen Beweisen nicht aufwiegen. Da beschlossen Gonegonda und Victoria noch einen zweiten Versuch zur Befreiung ihres Gatten und Vaters zu wagen, und sich geradezu an Don Felice zu wenden. Sie ersahen den Augenblick, wo er die Treppe hinabstieg, fielen ihm zu Füßen und umklammerten, noch ehe er sich ihrer erwehren konnte, schluchzend und wehklagend seine Kniee. Vergeblich strebte der verwirrte Longobuco sich loszumachen und seine unverkennbare Bestürzung unter der Maske des Zorns zu verbergen. »Was wollt Ihr von mir, wahnsinniges Weibervolk?« schrie er mit unsicherer Stimme und abgewandtem Gesicht. »Laßt mich los! Was hängt Ihr Euch an meine Kleider, Vittoria? – Laßt mich – sage ich Euch – ich kann nichts mehr thun – Ihr kommt zu spät!«

Als Frau Gonegonda jenes unwillkürliche Zugeständnis und die grausame Bestätigung ihres Verdachtes vernahm, stieß sie einen lauten Schrei aus und sank in Ohnmacht. Andere Hausbewohner eilten hilfreich herbei. – Zeuge von Longobucos Worten war keiner gewesen.

Am Morgen des nämlichen Tages war der Marchese Santaspina, einer der reichsten Gutsbesitzer von Misura, auf die Jagd geritten. Die Hunde waren bereits losgekoppelt und durchstreiften schnuppernd das Dickicht, mit gespanntem Hahn stand der Marchese auf dem Anstand, des Augenblicks gewärtig, wo das Wild durchbrechen solle; da vernahm er das mit Bellen untermischte, klagende Geheul eines seiner Spürer. In der Meinung, daß dieser auf einen der in den Bergen nicht seltenen wilden Eber gestoßen und von diesem geschlagen worden sei, gebot er seinen Dienern hinzuspringen, brach selber durch das Gestrüpp und gelangte, von des Hundes Stimme geleitet, auf einen kleinen, baumfreien Rasenplatz. Das Tier stand vor einem dampfenden Aschenhaufen, sprang seinem Herrn entgegen, zerrte ihn nach der Brandstelle und brach wiederum in ein klägliches Winseln aus. Mit Schaudern erkannte der Marchese in der Asche halbverbrannte Knochen – der noch vollkommen kenntliche Schädel löste jeden Zweifel, daß jene Gebeine einem Menschen angehört hatten. Eine furchtbare Greuelthat ahnend, hieß der Marchese seine Diener mit genauester Sorgfalt den Ort durchsuchen und jedes Kennzeichen, welches zur Spur führen könne, beachten. Einzelne Stücke Tuch waren verkohlt und zerfielen bei der leisesten Berührung – sie konnten keinen Aufschluß geben. Endlich erblickte einer der Jäger einen kleinen auf der Asche liegenden Schlüssel. Der Marchese Santaspina nahm ihn zu sich und machte, heimgekehrt, augenblickliche Anzeige von seinem Funde bei der obrigkeitlichen Behörde. Der Schlüssel ward von Frau Polizzi als das Eigentum ihres Gatten anerkannt und öffnete auch ohne Schwierigkeit die Schatulle, zu welcher er der Angabe nach passen sollte. Es blieb kein Zweifel mehr, daß der Syndikus ermordet, daß seine Leiche verbrannt worden sei. Die Witwe klagte Don Felice Longobuco als den Mörder ihres Gatten an. Der Angeschuldigte ward zur Haft gebracht und die Untersuchung eingeleitet.

Ein Ziegenhirt aus der Gegend stellte sich aus freiem Antrieb als Zeuge und sagte aus: »Im Laufe der vergangenen Woche habe ich Don Felice zu wiederholten Malen in den Bergen gesehen, und einmal auch im eifrigen Gespräch mit dem mir wohlbekannten Briganten Trenta-tre. In der Dämmerung des Morgens, an welchem der Marchese die Überreste des Ermordeten auffand, trieb ich meine Herde an dem genannten Gebüsch vorüber. Auf einem kleinen Platz im Gehölz saßen mehrere Männer um ein mächtiges Feuer, von welchem der Wind mir einen widrigen, brandigen Geruch zuwehte. Als ich mich dem verdächtigen Orte näherte, sprangen zwei von jenen Männern auf und riefen mir mit vorgehaltenem Gewehr zu, mich augenblicklich zu entfernen. Ich zog mich tiefer in die Berge, jene beiden aber gehörten zu Trenta-tres Gefährten.«

Auf Befehl des Governatore wurde die Guardia civica aufgeboten und das Gebirge umstellt. Zwei Räuber fielen in die Hände der Gensdarmen; es waren dies der Einäugige und Marco Donnola, Der Erstere gestand augenblicklich, daß Trenta-tre von Longobuco den Auftrag erhalten hätte, den Syndikus zu fangen. »Wir vollzogen den Befehl,« lautete das Geständnis, »und brachten Don Aloisio nach der Höhle. Herr Longobuco erschien an dem Abend des nämlichen Tages, um sich mit dem Syndikus zu besprechen. Der Streit der beiden war laut genug geführt, daß man ihn draußen vernehmen konnte. Don Felice verlangte von seinem Gegner Abtretung der Güter und Entfernung aus dem Königreich, und, als dieser den ersten Vorschlag verwarf, die Hand seiner Tochter. Als Don Felice unverrichteter Sache aus der Grotte trat, hörte ich ihn zu Trenta-tre sagen, daß er sich am folgenden Morgen die versprochenen zweihundert Dukati abholen lassen könne. Meine Frau ging nach Misura, empfing das Geld bar und richtig aus Longobucos Händen und noch obenein eine hübsche buen' mano. Unseren Gefangenen haben wir jederzeit wohlgehalten – er hat wahrlich keine Ursache gehabt, über uns zu klagen. Nach Verlauf von vier Tagen kam Herr Longobuco wieder und besprach sich abermals mit seinem Feinde, ohne sich jedoch mit ihm einigen zu können. Nach anderen drei Tagen erschien er zum letztenmal. Der Wortstreit war heftiger als jemals. Don Felice trat mit zornbleichem Gesicht aus der Grotte und an Trenta-tre. »Der Starrkopf,« sprach er, »will sich nicht beugen. Sein Blut komme über ihn. Ich übergebe ihn Dir. Mach's kurz. Jede Spur von ihm muß vertilgt werden.« – Der Alte fragte noch einmal leise wegen des Preises an; Don Felice fuhr ungeduldig auf. »Ich habe Dir's schon einmal gesagt – vierhundert!« – worauf Trenta-tre sich begütigt abwandte und Longobuco sich aufs Pferd warf, um heimzujagen. Kurz darauf ging unser Hauptmann zu dem Gefangenen und verkündigte ihm, daß er sterben müsse. Er ließ ihm noch zwei Stunden Zeit, um sich mit dem Himmel zu versöhnen, lieh ihm auch seinen eigenen geweihten Rosenkranz. Nach Ablauf jener Frist vollzog er das Gebot. Wir trugen die Leiche ins Gebüsch, wo wir sie auf zusammengetürmtes Reisig warfen und verbrannten. Einem neugierigen Hirten habe ich selber mit der Kugel gedroht, wenn er nicht unverzüglich seiner Wege ginge.«

Marco Donnolas Verhör gab im wesentlichen dieselben Resultate als das des Einäugigen. Beider Aussagen, so wie die des Hirten wurden Longobucu vorgehalten, und von den Briganten ihm ins Angesicht wiederholt, ohne jedoch den Angeschuldigten zum Geständnis bewegen zu können. Man brachte ihm seine eigenen Worte, welche er gegen die Witwe geäußert: »wie es jetzt zu spät sei,« in Erinnerung. Er leugnete, sie jemals ausgesprochen zu haben, andere Zeugen hatten sie aber nicht gehört, und die Aussagen der Gattin und Tochter hatten nach neapolitanischem Gesetz keine Kraft.

Als dem König der Bericht über den Handel vorgelegt ward, befahl er, daß ein außerordentlicher Kriminalhof für diese Angelegenheit eingesetzt werde. Dieser darf ohne Appellation über Tod und Leben entscheiden, vorausgesetzt, daß eine entschiedene Mehrzahl sich Für oder Wider herausstelle. Longobuco ward nach Neapel abgeführt. Er gewann dort Don Aurelio Tosta, den geschicktesten Anwalt der Hauptstadt, für seine Sache, und verhieß ihm 5000 Dukati, wenn er seine Lossprechung bewerkstellige. Hierauf bewies Don Aurelio: daß die Aussage zweier Verwandten von keiner Glaubwürdigkeit, die zweier Räuber ungiltig, und die des einzigen Hirten bei einem Kapitalverbrechen ungenügend sei; daß ferner jener Schlüssel des Syndikus von dessen Angehörigen später und aus Rachsucht gegen seinen Klienten auf die Brandstelle gelegt worden sei, indem er auf der Asche gelegen und nicht innerhalb derselben. Die Stimmen des Kriminalhofes wurden durch diese, 5000 Dukati schwere Folgerung hinreichend geteilt, um den Prozeß dem Appellationshofe überweisen zu können. Dieser hat Don Felice Longobuco wegen Mangels an giltigen Beweisen von der Anschuldigung des Mordes freigesprochen.

Don Felice ist seitdem nach Misura zurückgekehrt und nimmt dort, von seinem lästigen Nebenbuhler befreit, die Stelle der ersten Standesperson im Orte ohne Widerrede ein. Seit kurzem spricht man davon, ihn an der Stelle des verschollenen Polizzi zum Syndikus zu erwählen.

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