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Venetianische Novellen

Franz Freiherr von Gaudy: Venetianische Novellen - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
authorFranz Freiherr von Gaudy
titleVenetianische Novellen
publisherBibliographische Anstalt
addressBerlin
year1890
firstpub1838
seriesFranz Freiherrn Gaudys poetische und prosaische Werke
volumeFünfter Band
printrunNeue Ausgabe
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100824
projectid2aeb9a63
status1
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Die Maske

Die endlose Reihe der Säle und Prunkgemächer in den neuen Prokurazien war festlich erleuchtet. Tausende von Wachskerzen funkelten von den Girandolen und strahlten, ins unendliche vervielfältigt, von den mit Spiegeln bekleideten Wänden zurück. Das geblendete Auge des Eintretenden mochte sich nur allmählich an diese Verschwendung von Glanz und Schimmer gewöhnen. Es war einer der Karnevals-Abende des Jahres 1730. Alles, was in Venedig auf Adel der Geburt, auf körperliche Vorzüge Anspruch machen durfte, fand sich in den Prokurazien vereinigt – die Dominante befand sich aber zu jener Zeit auf dem Gipfel der Macht und war weltberühmt durch die Reize ihrer Töchter – der einzige Ruhm, welcher sich noch nicht überlebte.

Waren nun mich sowohl die Gesellschaft, als der Ort ihrer Versammlung zu feierlich, als daß man hier noch jenen sprudelnden, ausschweifenden Karnevals-Taumel, wie er auf dem Markusplatz, in den Theatern und anderen öffentlichen Orten niederen Ranges überschäumte, hätte bemerken können, so gab es doch keinen der Anwesenden, der sich dem elektrischen Zauber, welcher jener schönsten Zeit des Jahres ausströmt, gänzlich entziehen konnte, keinen, der nicht durch ein lebendigeres, keckeres Wesen, durch Empfänglichkeit für Scherz, durch die Lust, sich immer wieder in den farbigen Wirbel zu stürzen, den Abglanz der allgemeinen Freudigkeit bekundet hätte. Jeder fühlte sich beglückt, die Fesseln der Alltäglichkeit wenigstens auf Stunden abstreifen zu dürfen: der Patrizier, der strengen Etikette seines Standes, die Schöne, der Aufsicht mürrischer Väter oder eifersüchtiger Gatten entronnen zu sein. Der Schwarm der Masken wogte bunt durcheinander. Die Kavaliere beeiferten sich, mit einschmeichelnden Worten ihre Huldigungen den Damen zu bringen, bald den ihnen aus schönem Munde geheimnisvoll zugeflüsterten Verheißungen lauschend, bald in mutwilligem Wortstreit ihren schönen Gegnerinnen die Spitze bietend. Andere, bei denen zärtliche Empfindungen nur einen untergeordneten Rang einnahmen, drängten sich um die mit Gold belasteten Tafeln, an welchen die Patrizier im vollen Ornat Bank hielten. Bekanntlichermaßen genossen zu jener Zeit nur die Nobili das Vorrecht, ihren Mitbürgern öffentlich das Geld abzunehmen; und die dichten Massen, welche jederzeit die verlockend aufgetürmten Schätze umstanden, die beträchtlichen Summen, welche gewagt wurden und verloren gingen, bewiesen, daß jenes Privilegium ein ersprießliches, und demnach die Vorrechte der patrizischen Abstammung kein leerer Wahn seien.

Einen seltsamen Kontrast mit dem geräuschvollen, bewegten Treiben der Versammlung bildete ein junger, vorteilhaft gebildeter Mann von einigen zwanzig Jahren, welcher sich mit verschränkten Armen und in düsteres Hinbrüten versunken, in eine der Fensterbrüstungen lehnte. Aus den Öffnungen der Maske blitzte ein dunkles, geistvolles Augenpaar, welches, um für schön zu gelten, nur eines gesänftigteren Ausdrucks bedurft hätte – der vorherrschende deutete jedoch auf geistige Unruhe, auf eine feindselige Stimmung. Der sich Isolierende war ein junger Nobile, Namens Ugo Gricci.

Wenn ein einundzwanzigjährigre, lebenslustiger Patrizier an einem Karnevals-Abend seinen bisherigen Gewohnheiten untreu wird, den Cyper verschmäht, die Schönen keines Blickes würdigt, und anstatt die verführerischen Zauberblätter durch die Finger gleiten zu lassen, in einem Winkel an den Nägeln kauet, und über die Nichtigkeit des menschlichen Treibens, die Vergänglichkeit irdischer Güter philosophiert, so muß diesem anomalen Lebensüberdruß wohl eine gewichtige Veranlassung zum Grunde liegen. Ich habe jederzeit gefunden, daß junge Leute für tiefsinnige, moralische Betrachtungen ausgezeichnet empfänglich sind, so lange sie kein Geld haben – und dieser Fall traf leider auch bei Herrn Ugo Gricci ein. Vor einer halben Stunde hatte er im Bassette sein Taschengeld bis auf die letzte Zecchine verloren und außerdem noch hundert Stück auf Parole – wie er aber diese Ehrenschuld tilgen sollte, war ihm noch höchst unklar.

Nach der Berechnung irgend eines gelehrten Mathematikers kommen auf jeden Vater, welcher sich ein Vergnügen daraus macht, die Spielschulden seines Sohnes zu tilgen, fünf Phönixe, zehn Basilisken und einundzwanzig Einhörner; der alte Baldessare Gricci war aber der geizigste Pantaleone im ganzen, weiten Gebiet der Republik. Von dieser Seite war für den jungen Edelmann nichts zu hoffen. Nun existiert zwar noch ein zweites Mittel, wie man auch ohne bares Geld alte Schulden bezahlen kann, nämlich neue zu machen. Signore Ugo grämte sich auch keineswegs darüber, daß er zu diesem zweiten Auswege schreiten solle, und nur deswegen, daß er es nicht könne, weil er jene schöne Hilfsquelle der lockern Söhne filziger Väter schon bis auf den Grund erschöpft hatte, und in ganz Venedig auch keine Lira mehr geliehen bekam. Meines Erachtens hatte er demzufolge vollkommenes Recht, seinen Unstern zu verfluchen und seinen Herrn Vater in den Himmel, oder sich selber in die siebzehnte Hölle zu wünschen.

Ein leichter Schlag mit dem Fächer schreckte den Träumer aus seinen melancholischen Grübeleien ans. Zwei weibliche, in Schwarz gekleidete Masken hatten sich ihm unbemerkt genähert, und schienen jetzt mit heimlichem Lächeln das Resultat ihrer galanten Herausforderung abzuwarten. Sie glichen einander zum Verwechseln, es war dieselbe Größe, derselbe schlanke Wuchs, dieselbe Schwärze des Haares. Eine vollkommen gleich gewählte Kleidung, welche bei aller Einfachheit doch vom feinsten Geschmack und gesuchter Eleganz zeugte, vollendete die Illusion.

»Und wodurch,« fragte der Patrizier, »habe ich eine so strenge Ahndung, wie die aus schöner Hand mir gewordene, verwirkt!«

»Gerechte Strafe,« erwiderte die eine der Masken, »für fahrlässige Kavaliere, welche sich von schutzlosen Damen an ihre Ritterpflichten mahnen lassen.«

»Ich habe von einem alten Volke gehört,« sprach die zweite, »daß es die Gewohnheit hatte, bei Festmahlen einen Totenkopf auf die Tafel zu stellen und sich durch den Anblick jenes unvermeidlichen Dereinst zum lebendigen Genuß der Gegenwart zu begeistern – und so hege ich denn die Vermutung, daß Signor Ugo Gricci hierher zu gleichem Zweck auf Befehl des hohen Senats aufgestellt worden sei.«

»Oder,« fiel die erste ein, »als Warnungspiegel für die Bewohner des schönen Venedigs, als erschreckendes Beispiel, wie tief die Galanterie bei unsern jungen Nobili im Preise gefallen sei.«

»Allerdings muß ich mich als straffällig bekennen,« erwiderte der Patrizier. »Sollte aber das Gefühl des eigenen Unwertes mir nicht als Entschuldigung dienen? Wie konnte ich bei einer so zahlreichen, glänzenden Nebenbuhlerschaft ahnen, daß die Damen den ungefügigsten Ritter zu ihrem Champion erküren würden.«

»Hohle Worte!« entgegnete die erste Maske. »Wir kennen die Eitelkeit unserer jungen Herren besser, als daß wir uns durch die lügenhafte Demut des Illustrissimo bethören lassen sollten. Doch gesetzt auch, der Geist der Selbsterkenntnis wäre urplötzlich über Herrn Ugo Gricci gekommen, so soll uns das nicht hindern, ihn für den heutigen Abend zu unserm Cavaliere servente zu wählen. Ein bescheidener Ritter, oder wenigstens eine Bescheidenheit heuchelnder, ist uns nur so erwünschter.«

Der Patrizier erwiderte durch eine tiefe Verbeugung, bot den Masken den Arm und ließ sich von ihnen in das dichteste Gewühl entführen. Seine Galanterie behielt jedoch einen mehr negativeren als positiven Charakter; nur zu deutlich ging aus seiner Schweigsamkeit hervor, daß er die übernommene Ritterpflicht mehr um ihrer selbst, als um der eskortierten Damen willen ausübe. Es ist ein trauriges Zeichen der menschlichen Schwäche, daß auch der Geistreichste, Vorurteilsfreieste den Mangel an Geld so tief empfindet, und sich, mit dem Bewußtsein einer leeren Börse, einer schülerhaften Befangenheit, einer lähmenden Verstimmung nicht erwehren kann. So versank denn auch der Nobile, trotz der größten Anstrengung, mit der ausgelassenen Laune seiner Damen zu wetteifern, immer wieder in seine fatale Morosität. Seine Scherze blieben erzwungen, seine Artigkeiten frostig.

»Es ist eine vergebliche Mühe,« begann nach einigen Gängen durch die Säle die erste Maske zu ihrer Gefährtin, »die wir uns nehmen, unsern Kavalier aus seiner Lethargie zu wecken. Tiefer Liebesgram drückt ihn zu Boden. Es ist offenbar, daß die Gebieterin seines Herzens das Rendezvous nicht gehalten hat, oder, was noch verdrießlicher wäre, daß sie jetzt eintraf und den Treulosen mit eifersüchtigen Blicken durchbohrt. Wir bemitleiden Euch, Signore, und entbinden Euch hiermit der gezwungenen Dienstleistung.«

»Ihr thut mir unrecht, Madonna. Mein Wort zum Pfande, daß ich frei im vollen Sinne bin. Und wenn ich einen Kummer empfinde, so ist es nur der, daß ich die Damen, welche sich so holdselig des Verlassenen annahmen, nicht kenne, und nicht weiß, wem ich für diese unschätzbare Gnade verpflichtet bleibe.«

»Ei seht doch,« erwiderte die erste Dame, »wie galant er sich herauswindet. Wahrhaftig. Nun, ich will meinen Verdacht so wenig als Euern Arm aufgeben. Kommt, laßt uns an die Bank des Ludovico Contarini treten. Wisset, das Spiel ist das wirksamste Gegengift gegen unerwiderte Liebe. Ich habe es mir vorgenommen, Euer Arzt zu werden. Kommt, kommt. Unglück in der Liebe bedeutet Glück im Spiel, und ich wage es auf das Eurige hin. Wir sind Moitié!«

Eine fatalere Proposition hätte unserm völlig von Geld entblößten Nobile nicht leicht gemacht werden können. Ein Glück war es, daß er die Maske trug, sonst hätte die Dame gesehen, wie ihm alles Blut ins Gesicht schoß; so aber bemerkte sie seine Verwirrung nicht, oder nahm doch den Schein an, sie zu ignorieren, hing sich nur noch fester an seinen Arm und drängte ihn nach der bezeichneten Bank. Sie war diejenige, welche bisher die glücklichsten Geschäfte gemacht hatte, und deshalb auch stets von der größten Zahl der Pointeurs umlagert.

Die Maske ließ Herrn Gricci nicht Zeit, das beschämende Bekenntnis von den verlornen Dukaten hervorzustottern, und warf rasch vier Goldrollen auf eine Karte. Sie gewann auf den Abschlag. Die kühne Spielerin verdoppelte, verdreifachte den Satz – ihr Wagnis wurde vom Glücke gekrönt. Jede Karte, welche sie oder der aufatmende Ugo wählten, fiel in den Gewinnst. In halbstündiger Frist häufte sich das Gold vor ihnen.

»Das Spiel regt mich zu sehr auf,« begann die Maske leichthin. »Laßt uns einen Gang machen, Signore, und tragt Sorge für unsere Kasse.« Ugo schob so viel Gold in seine Taschen, als sie zu fassen vermochten, ließ sich über den Rest vom Bankier einen Wechsel ausstellen, und beeilte sich, die rätselhafte Schöne wieder einzuholen. Zwischen einem Liebhaber mit leerer Tasche und einem mit gefüllter ist ein mächtiger Unterschied. Alle Beklemmung war von dem Patrizier gewichen. Er war wie umgewandelt, und ganz wieder der lebensfrohe, witzige, galante Ugo Gricci, welcher seit Jahren der Gegenstand des Neides für sämtliche Venetianerinnen gewesen war.

Mit Ungestüm drang er jetzt in die Unbekannte, welche er in einem Atem seinen Schutzgeist, wohlthätige Fee, und der Himmel weiß wie weiter nannte, sich ihm jetzt zu erkennen zu geben. »Untröstlich wäre ich, Signora, wenn ich den Namen der wunderbaren Zauberin, welche mich ihrer Huld würdigte, nicht erführe, wenn mir die Gelegenheit versagt würde, ihr durch lebenslängliche Dienste zu beweisen, daß sie keinen Undankbaren verpflichtete.«

»Sachte, sachte, Illustrissimo,« war die Antwort. »Woher wißt Ihr denn, daß ich der sogenannte Genius bin? Vielleicht ist es auch meine Freundin – woran wollt Ihr uns unterscheiden?«

Der Nobile hatte sich zwar nur einen Augenblick von den beiden entfernt, und während des Spiels stets nur mit einer der Damen gesprochen – um so mehr frappierte ihn dieser unvorhergesehene Einwurf, und er vermeinte anfänglich wirklich, sich an die Unrechte gewandt zu haben: ein Irrtum, welchen außer der bereits erwähnten äußeren gleichförmigen Erscheinung, ein ähnliches, oder unter der Maske leicht zu verstellendes Organ begünstigte. ^

»Ich weihe meine Dienste,« erwiderte nach kurzem Besinnen Ugo, »derjenigen von Ihnen, welche zuerst mir die Ehre erwies, mich anzureden, und, wenn mich mein Gehör nicht völlig täuscht, so sind Sie es, Madonna.«

»Sie dürften es vielleicht bereuen,« versetzte die angeredete Maske, welche wirklich die vom Patrizier gemeinte war, »dem täuschbarsten aller Sinne vertraut zu haben. Doch sei's, ich nehme Ihre Dienste an, ohne weiter erörtern zu wollen, ob ich dies Anerbieten dem Fächerschlage, oder meinem Spielglück zu verdanken habe. Nichtsdestoweniger rate ich Ihnen, uneigennützig wie ich bin, es doch nicht ganz mit meiner Gefährtin zu verderben. Es könnte die Zeit kommen, wo Sie Ihr Mißgriff bitter schmerzen würde. Wir beide scheinen einander völlig zu gleichen, und dennoch –«

»Waltet,« fiel ihr die andere lachend in die Rede, »ein bedeutender Unterschied zwischen uns. Eine nämlich hat gerechte Ansprüche, für schön gehalten zu werden, während die zweite frappant häßlich ist. Seht Euch demnach vor, Herr Ugo, daß Ihr die richtige Wahl trefft, und nicht die Dohle statt der Taube einfangt.«

»Paris hatte ein leichtes Spiel,« entgegnete der Edelmann, »da die Göttinnen durch ein gefälliges Demaskieren ihm jeden Zweifel benahmen. Ich darf mich nur auf den geheimen Zug des Herzens verlassen, und dieser, Signora, spricht zu Euern Gunsten. Euch, Madonna, würde ich den Apfel reichen, wenn ich dadurch Eure Freundschaft nicht zu kränken befürchten müßte.«

»Wahrlich nicht,« erwiderte die Verschmähte fröhlich. »Doch bedenkt, daß wir Euch beim Worte halten.«

»Darum flehe ich Sie an. Doch wie,« fragte Ugo ungeduldig weiter, »soll ich dies liebliche Rätsel lösen? Und woran erkenne ich die Gebieterin meines Herzens wieder?«

Die erste Dame reichte dem jungen Manne einen blitzenden Diamantring und erbat sich ein gleiches Zeichen von ihm. »Merkt Euch, Signore Gricci, daß Ihr fortan auf Lebenszeit der Besitzerin Eures Türkises verfallen seid, und daß, wenn die Begierde, den Gegenstand Eurer Wahl näher kennen zu lernen, nicht bis übermorgen verkühlt ist, Ihr in der dritten Stunde Um zehn Uhr nachts. vor der Kirche San Giovanni e Paolo, dicht bei der Reiterstatue des Feldherrn Coleoni, erwartet werdet. Eine Gondel wird zur bezeichneten Stunde landen. Der Barcarol giebt Euch die Losung: Il pazzo – Ihr gebt die Gegenlosung: per amore

»Ein ominöses Erkennungszeichen, Madonna.«

»Sind denn die Liebenden nicht alle mehr oder weniger thöricht? Und nun lebt wohl.«

»Aber Euer Geld, Signora.«

»Übermorgen rechnen wir ab. Bis dahin Adio!« Die Masken machten sich los, winkten ihm mit dem Fächer den Abschiedsgruß und verschwanden im Gedränge.

Wenn ich für jede Verwünschung, welche von jeher von Wartenden über die Länge und Langsamkeit der Zeit ausgestoßen wurde, nur einen Centesimo hätte, ich wäre imstande, nur die Republik Venedig mit den drei zugehörigen Königreichen Cypern, Candia und Morea, von denen uns bekanntlich nichts als die drei roten Mastbäume vor der Markuskirche geblieben sind, zu erstehen. Auf jeden Fall hätte Signor Ugo Gricci den größten Teil zu jenem Verwünschungsfond, und zwar bloß durch die während jener zwei Tage verwirkten Centesimi, beisteuern müssen. Seine Ungeduld war grenzenlos. Am nächsten Morgen durchirrte er sämtliche Kirchen Venedigs, des Abends die Theater, um die geheimnisvolle Unbekannte zu finden – sie blieb unsichtbar. Er spielte und gewann – vermochte aber vor innerer Bewegung nirgends auszudauern. Er mußte sich selber fragen, wie es nur habe zugehen können, daß er so eine urplötzliche Leidenschaft zu einer Unbekannten, deren Gesicht er nicht einmal gesehen, habe fassen können; und blieb sich die Antwort schuldig, ohne daß deshalb sein Liebeseifer nur im mindesten abgekühlt worden wäre. Die einfachste Lösung jenes Rätsels ist, daß die mysteriöse Erscheinung seine Neugierde erregt, seine Einbildungskraft entflammt hatte, und daß er sich so lange vorredete, wie er sterblich in die Unbekannte verliebt sei, bis er selber daran wie an ein Evangelium glaubte – eine Selbsttäuschung, welche mit zu den Erbfehlern unseres Geschlechts gehören soll.

Am Tage des Rendezvous stand Herr Ugo wiederum an dem Eingänge der Markuskirche an einem der Pfeiler gelehnt, und musterte die scharenweis' der Messe zueilenden Venetianerinnen. Zu jener Zeit trug das weibliche Geschlecht durchgängig noch die gleichförmige Vesta di Zendale, eine an und für sich gar löbliche Sitte, welche zum großen Leidwesen der Väter und Ehemänner durch Pariser und Wiener Moden verdrängt worden ist, die aber an jenem Morgen den verliebten Ugo zur Verzweiflung brachte. Hundertmal wähnte er seine Dame in der Eintretenden zu erkennen, hundertmal spitzte er die Finger, um ihr das Weihwasser anzubieten, hundertmal ließ er die Hand wieder sinken.

Da wisperte ihm eine Stimme die Worte ins Ohr: »Exzellenza, ich flehe um einen Augenblick Gehör.« Der Nobile blickte sich unwillig um. Es war ein kleiner, dürftig gekleideter Mann, mit nicht besonders zu empfehlender Physiognomie, welcher ihn, auf den Zehen sich hebend und reckend, anredete. Der Kavalier, welcher in dem Kleinen einen Spion des heiligen Uffizio, oder mindestens doch einen Kuppler vermutete, wandte sich verächtlich von ihm ab, ohne ihn einer Antwort zu würdigen. –

»Exzellenza,« flüsterte das Männlein wieder, »heute erscheint sie nicht.«

»Wer? Sie?« fuhr ihn der Patrizier an. »Von wem redest Du? Was hast Du mit mir zu verhandeln?«

»Geruht mir nur zu folgen, Illustrissimo.«

Der Kleine trippelte voran, und drückte sich unter dem Portal des Dogen-Palastes in eine der Nischen, in denen die öffentlichen Schreiber ihr Bureaus aufzuschlagen pflegen, die aber des Karnevals halber verlassen stand. Furchtsam blickte er sich nach allen Seiten um, ob er auch nicht belauscht werde, und zischelte dann: »Ich wiederhole Euch, Exzellenza, Ihr wartet vergebens. Heute kann sie die Kirche nicht besuchen.«

»Bei allen Teufeln, wen meinst Du mit Deiner Sie?«

»Wen anders, als die schwarze Maske, gnädiger Herr, dieselbe, welche Euch im Spiel jenes unerhörte Glück brachte.«

»Und woher weißt Du? Wie heißt sie? Sprich! Ihr Name wiegt zehn Zecchinen.«

Der Spion schmunzelte verschmitzt, als er die schönen Goldstücke in die Tasche gleiten ließ: »Exzellenza verpflichtet mich durch ihre überreiche Gabe zur Dankbarkeit, zur Aufrichtigkeit. Euch nur das Geringste zu verhehlen, wäre ein Judasstreich. So wißt denn: die unbekannte Dame ist Teresa Foscari, Witwe des Proveditore Diego Mazzini. Von ihrem Reichtum müßt Ihr bereits gehört haben, und ebenso gewiß auch von der Strenge, mit welcher der Verstorbene seine Gattin behandelte. So lange er lebte, durfte sie keinen Schritt über die Schwelle wagen. Man hat allerlei gemunkelt von eifersüchtigen Grillen, mit denen der Selige sich geplagt habe – ich kann es Euch besser sagen. Der einzige Grund, weshalb der Proveditore Donna Teresa geheiratet hatte, war ihr unermeßliches Vermögen, derjenige, weswegen er sie wie eine türkische Sklavin bewachte – ihre Häßlichkeit. Ja, Exzellenza, der Verstorbene schämte sich, an der Seite seiner Frau gesehen zu werden, die von der Natur Verwahrloste in die Zirkel der Noblesse einzuführen.« –

»Mensch, Du lügst,« schrie der junge Patrizier und packte den Kleinen ungestüm bei der Kehle.

»Josef! Maria! Ihr würgt mich, Illustrissimo! Ist dies der Dank für meine Aufrichtigkeit? Laßt los, ich beschwöre Euch!«

»Ei,« fuhr er atemholend fort, »wie kann man so leidenschaftlich sein? Das ist nicht galant, gnädigster Herr. Kann ich denn dafür, daß Donna Teresa einen so ausgesprochenen Bart auf der Oberlippe und ein Feuermal auf der linken Wange habe?«

»Aber ihr Wuchs, ihre Haltung, ihre Locken.« –

»Lassen nicht das mindeste zu wünschen. Deswegen eben geht Donna Mazzini aber auch en masque auf Eroberungen aus. Und dann noch eins: Luigi Mazzini, Bruder des Verstorbenen Proveditore, ist jetzt Staats-Inquisitor. Ihm muß der Erbschaft halber daran liegen, daß seine Schwägerin sich nicht zum zweitenmal verheirate. Bedenkt jetzt, welche ernsthafte Folgen aus jener Intrigue für Euch erwachsen dürften, wie leicht es Sr. Exzellenz werde, dem unwillkommenen Schwager ein freies Logis unter den Bleidächern anzuweisen. Doch Basta! Für zehn Zecchinen habe ich genug gesagt. Wir sind quitt. Unterthänigster Diener!«

Mit diesen Worten entschlüpfte der Vertraute gleich einer Eidechse unter einem Schwarm eintretender Masken und ließ den Patrizier in äußerster Verwirrung zurück.

Die Angaben des Spions hatten leider nur zu viel Wahrscheinlichkeit für sich. Der Reichtum des verstorbenen Proveditore, wie der der Familie Foscari, war weltbekannt, ebenso war die Unsichtbarkeit der Donna Teresa schon längst ein Gegenstand der Glossen für Venedigs Müßiggänger gewesen. Nur zu wohl erinnerte er sich, wie sie ihn auf ihre Häßlichkeit vorbereitet hatte, und gedachte des heutigen Rendezvous, bei welchem sie unter dem Schutz der Nacht die Mystifikation fortzusetzen willens schien. Sein erster Gedanke war, die ganze alberne Intrigue abzubrechen, nicht nach der Kirche San Giovanni e Paolo zu gehen, und jede spätere Einladung unberücksichtigt zu lassen. Dann fiel ihm aber wieder das unselige Gold, welches er von ihr in Händen habe, auf die Seele. In seinem Unmut sah er es für das Handgeld an, mit dem sie ihn sich habe erkaufen wollen. Der Gewinnst des vorigen Tages hatte ihn glücklicherweise in stand gesetzt, sich der gehässigen Verpflichtung zu entledigen. Hatte er nun auch gleich vollkommene Ursache, sein günstiges Geschick zu preisen, daß er den Schlingen einer reizlosen Kokette und den gefährlichen Verfolgungen ihres Schwagers entgangen sei, so schmerzte ihn doch die Vereitelung des schönen Traumes, welchem er sich so voreilig hingegeben hatte, nicht minder lebhaft. Er war in Verzweiflung.

Mit dem dritten Glockenschlage stand der verstimmte Ugo an dem Piedestal der bezeichneten Statue. Der Platz vor der Kirche war verödet. Alles Leben hatte sich nach dem Mittelpunkt der Dominante, dem Markusplatz und der Piazzetta, deren Mauern von der tosenden Brandung der Karnevalslust widerhallten, zurückgezogen. Selten nur strich eine tief verhüllte Maske den Kai entlang, selten nur huschte eine Gondel mit buntschimmerndem Papierballon vorüber – nach ewig langem Harren auch eine schwarze, lichtlose. Sie landete. Der Gondolier sprang ans Land, ging auf den Patrizier zu, und flüsterte das Losungswort: » Il pazzo

»Er redet nur zu wahr,« murmelte Ugo vor sich hin. »Ein Narr war ich – noch aber ist es Zeit zu genesen.«

Noch einmal fragte der Barcarol, wie an der richtigen Person zweifelnd: » Il pazzo

» Per amore!« tönte die dumpfe Antwort.

»Folgt mir, Exzellentissimo, Ihr werdet in der Gondel erwartet.« –

Ugo Gricci schlüpfte durch das Pförtchen, fühlte sich von zwei weichen Armen umschlungen, an glühende Lippen, an einen stürmisch wogenden Busen gepreßt. »Schweig, schweig, mein Herz!« waren die einzigen Laute, welche die Schöne flüsterte. Undurchdringliche Nacht herrschte in der Kajüte. Süßschmeichelnde Liebkosungen erstickten jedes Wort. Die Gondel stieß ab und schwamm weich nach den Lagunen hinaus. Ugo hielt ein jugendliches, zur holdesten Blüte entfaltetes, nach Liebe schmachtendes Weib in den Armen. Die Warnungen des Spions, die eigenen Vorsätze waren spurlos verweht. Entschlüsse fassen und sie ausführen ist bekanntlich zweierlei, und nur so viel gewiß, daß der Mann, welcher der Versuchung Widerstand leistet, seit dem heiligen Antonius noch geboren werden soll.

Zwei Stunden waren den Liebenden im Rausch der beglückenden und beglückten Liebe wie ein Traum entschwunden. Die Gondel hielt wieder am Kai. »Und wann werde ich Dich wiedersehen, Geliebte?« fragte Ugo im Scheidekuß. »Wann wird der Beglückte Dein holdseliges Antlitz erschauen dürfen?«

»Morgen, mein Liebling, soll das Rätsel sich lösen. Morgen um die nämliche Stunde sollst Du mir beweisen, daß Deine Liebe eine wahre sei.«

Daß der junge Mann es an Beteuerungen und Schwüren für die Aufrichtigkeit seiner Leidenschaft nicht werde haben fehlen lassen, begreift sich leicht. »Morgen, morgen!« wiederholte die Schöne und drängte ihn leise von sich ab. »Wir müssen uns trennen. Lebe wohl!« –

Berauscht von seinem Liebesglück flog der Nobile nach Hause. Die Nacht verging ihm unter wachen Träumen von jenen wonnigen Stunden der erhörten Leidenschaft. Mit Unwillen drängte er die wieder aufkeimende Erinnerung an die boshaften Einflüsterungen des Spions zurück. Er war zu selig gewesen, um sein Glück nicht vollkommen zu wähnen. »Nein,« rief er, »nur ein jugendlichschönes Weib ist so zu lieben fähig. Wehe dem verdammten Ruffiano, wenn er jemals mir wieder in die Hände fällt. Ermorden lasse ich ihn für die Lästerungen jenes Engels. Einen Bart dichtete der schamlose Hund ihr an, als ob in Venedig ein Lippenpaar zarter, üppiger, schwellender, als das von mir tausendmal geküßte wäre! Eine dämonische Lüge ist es – aber ich werde dies Gewebe zerreißen, die Intriguen irgend eines hämischen Rivals entlarven – ich will – ich muß - « u.s.w.

Den phantastischen Galimathias der Monologe eines exaltierten Liebhabers zu wiederholen, werden meine günstigen Zuhörer mir erlassen. Es genügt, wenn ich berichte, daß Signore Gricci verliebter als jemals aufstand, und schon drei Viertelstunden vor der anberaumten Frist vor dem alten Bartolomeo Coleone gleich einer Schildwacht auf- und niederrannte.

Die so sehnlichst erwartete Gondel langte endlich an. Der Patrizier nahm sich kaum Zeit, das Erkennungszeichen hervorzustottern, stürzte in die Gondel – und fand sie leer. Der Barcarol zupfte den Sprachlosen eine Viertelstunde lang beim Ärmel, um ihm zu bedeuten, daß Madonna ihn in ihrer eigenen Casa erwarte, ehe er die freudige Botschaft fassen konnte. Dann aber war er wieder vor Entzücken und Ungeduld außer sich. Man erzählt sich, er habe die Füße und den spanischen Rohrstock fest an den Fußboden gestemmt, um den Kahn schneller fortzuschieben. Wahrhaftig, Donna Teresa hatte nicht so unrecht, wenn sie dem jungen Manne die Devise: »Der Narr aus Liebe« als Losungswort gab.

Die Gondel wand sich durch die nachtschwarzen Kanäle und unter dem Ponte dei Ospici ins Freie hinaus. Die Riva dei Schiavi, der Dogenpalast, die Zecca glüheten von dem zitternden Schimmer der ringsumher in den Eisenringen lodernden Pinienfackeln. Bald von rötlichem Schein beleuchtet, bald in Schatten untertauchend, schwirrten Tausende von Masken über den Kai, und gleich dem hohlen Brausen des nahenden Sturmes zogen die dumpfverworrenen Stimmen der ausgelassenen Menge über das Wasser. Einzelne Sterne schaukelten sich abspiegelnd in der Flut, aus welcher jeder Ruderschlag jene in unseren Gewässern gewöhnlichen phosphorischen Lichtstreifen lockte. Die Gondel flog über den Kanal, umkreiste die Dogana und landete am südlichen Ufer der Giudecca.

»Stets geradeaus!« rief einer der Kondottieri dem Aussteigenden nach.

Ugo stürmte durch den Garten. Bunte, leuchtende Glaskugeln schlangen sich, Fruchtschnüren gleich, von Ast zu Ast und verstreuten einen wunderbaren Glanz auf die aus den Blütenbüschen hervorlauschenden Marmorbilder, auf den Strahl der Fontänen.

Der Patrizier betrat die Schwelle des Marmorpalastes – kein lebendes Wesen ließ sich erblicken. Schwere Seidenstoffe, edle Steine, Vergoldungen, von Meisterhand gefertigte Gemälde schimmerten von allen Wänden. Ohne sich bei der Musterung der rings verstreuten Schätze aufzuhalten, durchschritt Herr Gricci hastig die lange Reihe der Gemächer, deren jedes das vorige an Pracht überflügelte, riß die letzte Thür auf – und erblickte die Herrin dieses Zauberschlosses. Sie ruhte auf einem goldstoffnen Divan in einer Nische. Seltene, wunderliche Blumen neigten von allen Seiten die leuchtenden Kelche wie huldigend vor ihrer Königin. Dasselbe schwarze Seidengewand, in welchem Ugo sie zum erstenmale erblickt hatte, umschloß die schönen Glieder, aber wie an jenem Tage verhüllte auch die Halbmaske und kostbare Bauta ihr Gesicht.

Der Jüngling flog auf die Geliebte zu, sank vor ihr auf das Knie und preßte die weiße Hand, an deren Finger sein Türkis schimmerte, inbrünstig an die Lippen.

»Teresa,« seufzte er wonnetrunken, »Zauberin, wie bist Du so über Alles schön! Löse nun auch die Maske, laß mich Dein Antlitz in aller seiner Holdseligkeit sehen!«

»Fordre es nicht, Liebling meiner Seele,« erwiderte Teresa, »ich bitte Dich. Deine Liebe wird erkalten, wenn Du mein Gesicht erblicktest. Ach, muß ich denn das schmerzliche Bekenntnis wiederholen, daß ich nicht schön sei!«

»Doch, doch, Geliebte. Wie kannst Du Deine eigenen Reize schmähen! Nimm sie ab, die neidische Maske, ich beschwöre Dich.«

»Was könnte ich Dir versagen, mein Freund?« seufzte Donna Mazzini, löste die Bänder der Larve – wie vom Blitz getroffen fuhr der Patrizier auf und drei Schritte zurück. Ach – der Spion hatte fürchterlich wahr geredet: Donna Teresa war häßlich, abstoßend häßlich. Weder das feuerfarbene Muttermal auf der linken Wange, noch der schwarze, auf der Oberlippe wuchernde Schatten waren erfunden. Durch welchen boshaften Zauber kam ein so reizender Körper zu jenem widerwärtigen Antlitze? Ugo barg das Gesicht in den Händen. Er gedachte der gestrigen Gondelfahrt und seiner geträumten Seligkeit – er war vernichtet.

»Was ist Dir, mein Ugo, mein zärtlicher Freund,« rief Donna Teresa und breitete sehnsüchtig die Arme nach dem schaudernd sich Abwendenden. »Wie? Meine Ahnung wäre Wahrheit geworden? Deine Liebe wäre erloschen, seit ich Deinem Verlangen nachgegeben habe? Ugo, es ist nicht möglich. Ich liebe Dich mehr als mein Leben! Meine Güter, meine Schätze, nimm sie hin – nimm Alles hin – nur verlasse mich nicht!«

»Ich bin der unglücklichste Sterbliche,« seufzte der Patrizier; »ich bin strafbar, da ich die reizende Täuschung mutwillig vernichtete – aber ich kann an Euch nicht zum Lügner werden, Madonna. Behaltet Eure Schätze – lebt wohl – und vergeßt den Undankbaren.«

Wie ein Verzweifelnder stürzte er aus dem Hause und schritt, bis zum Tode unglücklich, das Ufer entlang. Da traten zwei Männer von üblem Aussehen aus dem Dunkel und nisteten sich hart an Herrn Gricci. – »Was wollt Ihr? Wen sucht Ihr?« fragte er, mit der Hand nach dem Messer greifend.

»Euch, Exzellenza. Im Namen des Uffizio. Ihr seid unser Gefangener. Gebt Euch gutwillig.«

Hätte jene schmähliche Enttäuschung nicht die Kraft des jungen Nobile gebrochen, er würde jener Annäherung schwerlich so willig Folge geleistet haben. Von Schmerz gebeugt ließ er die Hand von der Waffe und, ohne ein Wort zu sprechen, sich von den Häschern fesseln und die Augen verbinden. Sie geleiteten den Gefangenen in einen Nachen, ließen nach einer halben Stunde landen, und führten Herrn Gricci mehrere Treppen hinauf. Das Klirren des Schlüsselbundes verriet die Nähe des Kerkermeisters. Ein verrostetes Schloß wurde aufgesperrt – die Thür flog wieder zu. – Der Patrizier sah sich in einem matt erleuchteten Gewölbe allein. Von seinem Unstern zu Boden gedrückt, sank er auf eine Holzbank.

Nur kurze Zeit war er den demütigenden Anklagen seines Gewissens überlassen geblieben, als die Kerkerthür abermals geöffnet wurde und ein ältlicher Mann in der Tracht der Senatoren in das Gemach trat. »Ugo Gricci,« begann der Fremde, »der Staats- Inquisitor Luigi Mazzini steht vor Dir, der Schwager jenes unglücklichen Weibes, welches durch ihren Liebeswahnsinn unsere Familie entehrte. Vernimm, was ich Dir sagen werde. Bei Dir allein steht es, Deine Freiheit wieder zu erlangen, oder jahrelang unter den Bleidächern zu schmachten. Meine Späher haben mich von allem unterrichtet – Leugnen wäre vergeblich. Mir, als Bruder des im Grabe Verratenen und als Inquisitor, liegt die doppelte Pflicht ob, jene Schmach, jene Verletzung der Sitte zu ahnden. Vor dem heiligen Tribunale werde ich jene Thörin anklagen und darauf dringen, daß sie in klösterlicher Abgeschiedenheit ihren Leichtsinn büße. Die ehrwürdigen Väter der erlauchten Republik werden keinen Anstand nehmen, meinem gerechten Verlangen zu willfahren. Wirst Du vor Gericht die Wahrheit bezeugen, wirst Du eingestehen, auf welche Weise Du irre geleitet wurdest, so verbürge ich Dir die Freiheit, aber auch nur durch ein offenes Bekenntnis kannst Du sie Dir erringen. Jetzt wähle.«

»Angeber eines Weibes, eines unglücklich liebenden, sollte ich werden?« rief der entrüstete Ugo. »Ist sie nicht schon durch mein Zurücktreten unglücklich genug, und mein Zeugnis soll sie noch der Rachgier ihrer Feinde überliefern? Sucht Eure Verräter anderswo. Geht! Über meine Lippen kommt kein Wort gegen die Arme.«

Da flog die Thür auf, und ein junges engelschönes Weib warf sich an die Brust des jungen Edelmannes: »Ich bin Diejenige,« rief sie, »welche zu verraten Du Dich weigertest, die Dich über Alles liebt, die wahre Teresa Mazzini. O vergieb, Du mein süßer Freund, daß ich Dich zu prüfen wagte, daß ich die Überzeugung gewinnen wollte, ob Deine Liebe der reichen Erbin oder dem geliebten Weibe gelte. Meine ältere unvermählte Schwester, mein edler Schwager Luigi hier willigten ein, die Rollen dieses von mir ersonnenen Spieles zu übernehmen. Der Spion, die verkleideten Häscher sind meine Dienstboten, dieser Kerker ist mein Haus – von nun an das Deinige. Wirst Du der kecken Laune zürnen, mein Ugo? Ich war ja allzugewiß, daß Du die Probe bestehen müßtest, daß ich mich in Dir nicht geirrt habe.«

Donna Teresa flehte nicht vergebens. Die Freude, einer drohenden Gefahr entronnen zu sein und ein schönes, reiches, leidenschaftlich liebendes Weib errungen zu haben, können einen schon zur Versöhnlichkeit stimmen. Die Hochzeit der Liebenden wurde noch vor dem Beginn der Fastenzeit vollzogen.

Ich glaube bereits erwähnt zu haben, daß meine Geschichte sich vor etwa hundert Jahren zugetragen hat. In der jetzigen Zeit würde es fabelhaft klingen, wenn man einem jungen Manne zumuten wollte, eine Reiche auszuschlagen, wäre sie auch älter als der Bucentaur, häßlicher als eine Meerkatze. Nur Geld, Geld muß sie haben, ruft jeder Freier, und weil auch ich, ohne ein solcher zu sein, das nämliche Bedürfnis fühle, so mögen meine hochzuverehrenden Gönner es mir nicht verargen, wenn ich jetzt mit meinem Zinnteller die Runde in der edlen Versammlung mache.

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