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Gerhart Hauptmann: Veland - Kapitel 5
Quellenangabe
authorGerhart Hauptmann
titleVeland
publisherPropyläen Verlag
editorHans-Egon Hass
year1971
isbn3549051437
firstpub1925
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20161121
projectid72b2911f
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Dritter Akt

Bödwild sitzt wenig erhöht und hält Velands Haupt auf dem Schoß.

Bödwild

Oh, welches Leid geschah dir, welche bittre Not
ward in der Unglücksjahre schmerzerfüllter Zeit
auf dich, du Gott, wie eine Bergeslast gehäuft?
Verflucht mein Blut, dieweil es meines Vaters Blut,
der allen deinen Jammers einz'ger Ursprung ist.
Ich hasse meinen Vater. Fluch dem goldnen Bett,
in das er mich als Säugling einst hineingelegt.
War es doch deiner blut'gen Marter Werk, und ich
ward schuldig, als ich sel'ger Ruh' darin genoß.
Schlagt mich, mißbrauchte Hände!

Veland

Sprich, was träuft so heiß
herab auf mich wie Regen in der Sommernacht?
Was ist's, was mir so brennend übers Antlitz spült
und alles ganz zerschmilzt, was an und in mir ist?
Soll ich mit allem, was ich bin, in Nichts vergehn?

Bödwild

Verflucht der Estrich, den ich trat im Königshaus,
weil er mir nicht verraten, daß dein Schweiß und Blut
ihn bildete! Weil er nicht schrie und meinen Fuß,
den ahnungslosen, nicht mit Stacheln mir durchstach.
Verflucht das goldne Dach, weil es mich deckte und
vor Schnee und Schloßen sicher barg, indes du hier
die Geißelhiebe littest deiner bittren Fron.
Es sei verflucht, weil es in schwarzer Höllennacht
des Winters mir den Strahl der Sonne vorgetäuscht,
so daß voll Freude schlug das Herz in meiner Brust,
indes hier Nacht und Trübsal würgend auf dir lag.

Veland

Dies alles sei gesegnet, sei gesegnet heut.
Gesegnet sei dies alles, weil es dir gedient.

Bödwild

Verflucht der Zaum, der mir das wilde Roß gezähmt,
der Zügel, der nicht glühend ward in meiner Hand,
weil beides dir entpreßt und deiner Kunst der Jarl.
O du, durch Leiden heilig, du Gesegneter
durch Not! Befreiter durch der Knechtesketten Last,
der höchsten Ehr' teilhaftig durch die tiefste Schmach.
Durch Ohnmacht mächtig, ja allmächtig! Deine Hand,
gefesselt selbst, doch Täter jeder guten Tat!
Verwundeter und dennoch Arzt der ganzen Welt.
Mit Schlangengift getränkt, mit Schlangengift gespeist,
wardst grade du zum Schrecken allen Giftgewürms,
durch Aussatz rein, durch Eiterbeulen lieblich! Schön
durch der Scheusäligkeit entmenschtes Götzenbild.
Du, hart und leuchtend wie Demant, ganz ungetrübt,
gehärtet und geläutert von der Niedertracht
im Tiegel der Gemeinheit.

Veland

O Bödwild, du bist
nicht deines Vaters Tochter.

Bödwild

Niemals drang mir noch
ein Lob so sehr wie Balsam in die wunde Brust
als dies, Geliebter.

Veland

Niemals wusch mir solche Flut
die Wunden, wie sie jetzt mein Elend überrinnt. –
Doch nun geh heim, dein Vater wartet.

Bödwild

Wartet er?
Mag er denn warten, wie die Klippe in der Bucht.
So wie zu dieser und nicht mehr zieht's mich zu ihm.

Veland

Doch deine Mutter schreit nach dir, Schaum vor dem Mund.

Bödwild

Laß schreien, bis sie heiser wird, was geht's mich an?

Veland

Du bist das letzte ihrer Kinder; außer dir
ist nichts von dem lebendig, was ihr Schoß gebar.

Bödwild

Sie haben Ai und Ingi, meine Brüder.

Veland

Nein! –
Wenn ich Verbrechen eingestehe, lüg' ich nie.

Bödwild

So laß sie leben, laß sie tot sein, einerlei!
Stürb' ihnen doch die Mutter, doch der Vater nach.
Ich hasse beide, will sie niemals wiedersehn.

Veland

Bist du so hart? Nun grade bricht zum erstenmal
das Mitleid in mir auf mit deiner Eltern Not.

Bödwild

O reiße diese Pflanze mit der Wurzel aus,
die deine wahre Kraft vernichtet und dich so
zwiefach ohnmächtig wieder preisgibt dem Verrat.

Veland

Die Hochzeit ist bereitet, und der Doppelthron
des Brautpaars wartet schon im hohen Ehrensaal.

Bödwild

Du willst mich von dir stoßen, Leidgehärteter,
nachdem uns deines Himmelsfeuers Glut vereint?

Veland

Jarl Gunnar hat des Vaters, hat der Mutter Wort
und deins. Eidbrüche rächt des Himmelsvaters Zorn.

Bödwild

Wenn du nur, Veland, gnädig auf mich niederblickst.

Veland

Jarl Gunnar ist der schönste Mann im ganzen Nord
und auch der stärkste unter allen, wie man sagt.

Bödwild

Laß deiner Wunden Eiter mich mit meinem Haar
auftrocknen, gönne mir nur diese Seligkeit,
und gönne mir's, Jarl Gunnar ins Gesicht zu spein.

Veland

Warum nicht wählst du mein entstelltes Angesicht,
das deinem Speichel oftmals als Gefäß gedient?

Bödwild

schreit auf, wirft sich zu seinen Füßen

O Veland, hab Erbarmen, hab Erbarmen, oh!

Veland

Steh auf, die Hörner dringen näher schon! Mir ist,
als mahne mich an Längstvergeßnes ihr Getön.
Wie seltsam kann verwandeln uns ein Augenblick.

Bödwild

Oh, nimm mich an, Veland, o Veland, nimm mich an
als deine Magd, als deine Metze meinethalb!
Als Teppich diene deinem wunden Fuß, Veland,
mein Haar, der Hände Flächen; wolle nicht verschmähn,
dem Wert zu geben, was mir so nur Wert gewinnt.
Nur stoße mich nicht von dir aus, und wirf mich nicht
den Wölfen hin, die nun schon heulen vor dem Tor.

Veland

Mir sind es Wölfe, dir ist's eine lichte Schar
erlauchter Männer, Fürsten, die, wenn du erscheinst,
bereit sind, auf den Knieen dir zu huldigen.

Bödwild

Sind es dir Wölfe, Veland, laß uns augenblicklich fliehn;
den aber schicken wir mit blut'ger Schnauze heim,
der sich zu nah an unsre flücht'gen Fersen wagt.

Veland

Ich wob, ein ruß'ger Weber, mir mit blut'ger Faust
gewalt'ger Fittiche ein Zwillingspaar: so will
mir's scheinen, wenn ich grüble. – Wüßt' ich nur, warum?
Wo soll ich atmen, wenn nicht hier im Paradies?

Bödwild

Verdammt die Stätte, die dein Gram allein begrünt.
Verschlinge doch der Abgrund diesen Velandsholm,
der willig sich zur Marterstätte eines Gotts
hergab; verdammt auch sei die bittre Meeresflut,
die sein Entweichen feige, liebedienerisch
den Strand umrollend, Tag und Nacht, verhinderte.

Veland

Was fluchst du diesem sel'gen Eiland, Königskind?
Die Brüste meiner Mutter sind mir nicht so wert.

Bödwild

Veland, die Feinde wettern schon an deine Tür
und fordern Einlaß.

Veland

Kind, es ist der Südsturm nur,
der weiche Süd, der duft'ge Süd, der liebe Süd,
der Weihrauch heißer Zauberwälder mit sich führt.

Bödwild

Veland, in Splitter kracht das Tor, wach auf, du schläfst.
Wenn du vor Gunnars Händen mich nicht schützen kannst,
so tut es dieser scharfe Stahl in meiner Hand.

Veland

Wohl, nun erwach' ich. Prasselnd bricht der Schutt herein
der Steinlawine, deren Bollwerk ich zerstört:
und der sie löste, hält sie nun nicht wieder auf.
Nun laß mich handeln, Bödwild, meine stolze Magd.
Hierher nun: dieser dunkle Schrein empfange dich.
Er soll dich bergen hinter seiner erznen Wand.
Und öffnet sie auf meinen Wink sich wiederum,
so stehst du da als deiner nackten Schönheit Bild.

Bödwild

Nichts unterlass' ich, was du jemals mir befiehlst.
Gib mich den Augen des verhaßten Feindes preis,
nur ihren Händen nicht und ihrer Bande Zwang.

Veland

Ganz ohne Sorge, Bödwild, sei: mein ist die Macht.

Bödwild

Doch zahllos sind die Mannen meines Vaters, und
die gelbgefleckten Doggen heulen wütend vor dem Tor.

Veland

Nur ungeduld'ge Hochzeitsgäste, die ich lud,
sind diese Lärmer, und zum Tafeldecken wird es Zeit.

Bödwild

O Veland, Grauen faßt mich, denn du bist kein Mensch.
Zum Gotte hast du dich gewandelt, jetzt, im Augenblick,
mit einem Gotte hat mein Schicksal mich vermählt.

Veland

So mache dich gefaßt, daß nicht Entsetzen dich
töte, wenn du als Tier mich wiederum erblickst.

Bödwild

Sei Tier, sei Gott: erkenn' ich, daß du Veland bist,
so weiß ich, bist du der, dem ich verdanke, daß ich bin.
Und wenn ich stürbe, oh, ich stürbe nur vor Glück.

Veland

Niemand, auch du nicht, stirbt vor Glück in dieser Welt.

Bödwild

Nein, weil, wer Glück geschmeckt, wie ich, nicht sterben kann.
Er lebt, lebt ewig, Veland, schon im Augenblick.

Veland

Oh, traue nicht dem Truge solcher Ewigkeit.
Du schienst ein Wesen eben noch mit mir zu sein,
und schon bin ich ein andres, bist ein andres du.
Und andres, unaufhaltsam, jeden Augenblick,
dringt in mir auf und spottet jeder Schleuse, reißt
hinweg jedwedes Wehr. Bald bricht die Glut hervor,
die um sich alles, auch wohl ihr Gefäß verkohlt.
Bin ich ein Gott, entrinn' ich doch mir selber nicht
und nicht dem Schicksal, das zum Spielzeug mich erkor.
Und ohne Gnade zwingt es zu vollenden mich
und auszuspein die grauenvolle Nachtgeburt,
die es in meinem Haupte ausgebrütet wie
in einem Vipernei. Doch nun umhülle dich
die Nacht, bevor du grausen Tag dem Vater bringst.

Bödwild verschwindet. Veland ist allein. Man hört das Bellen der Doggen, Geschrei vor dem Eingang und Stöße von Eisenstangen gegen die erzne Tür.

Veland, nun bist du Veland wiederum und ganz,
nun deine Magd nicht hier ist, die zum Knecht dich macht
und deiner Rache Glut erstickt in ihrem Schoß.
Nun aber kocht der Rache Abgrund wiederum in mir.
Und nicht mehr heiß' ich Veland, bin nicht Veland mehr,
nicht Leib, nicht Seele mehr: nur Rache bin ich noch,
ich heiße Rache, heiße so und bin's, sonst nichts.
Oh, eine Meute heult in meinem Innren auf,
die jener gelbgefleckten Doggen Laut verschlingt:
in Qual des Hungers, der die Eingeweide nagt,
erwürgt sie fast in jenen erznen Ringen sich,
dran sie der Vogt noch grade hält mit knapper Not.
Die Jagdwut, Gier nach Blut und Mordlust macht sie toll.
Sie wittert, wittert, wittert ihr verhaßtes Wild.
O Harald, welchen Zauber trägst du doch in dir,
daß mich dein Nahn berauscht, so wie den Marder Blut,
daß, saug' ich deine Wittrung, Liebling, aus der Luft
mit heißer Nüster, blind für alles sonst mein Auge wird,
mein Ohr verstopft und alle meine Sinne taub
für alles sonst als dich. Und geile Inbrunst girrt
nach Marter, Folter, Wundenbrand und Pein für dich.
Längst hätt' ich dich getötet, wäre nicht ein Tod
zu wenig für das Arge, was du mir getan,
verwaiste nicht mit deinem Tode meine Wut.
Du gabst mir tausend Tode, und ich sollte dich
mit einem Tode büßen, einem Hellerlein?
War dies mein Sinn, wo, Harald, wäre heut dein Staub?
Auf deine Martern sinnen war mein Lebenswerk.
Und doch, vor meinem Rachedurst ein Stümper nur
und Weichling, werd' ich heut beweisen, was ich bin.

Er nimmt in einer Art Webstuhl Platz und bleibt dort regungslos hocken. Nun erscheinen Bui und Boddi, mit Eisenstangen vorfühlend, und Gunnar.

Harald

noch unsichtbar

Veland, Veland!

Bui

Wie Donner hallt die Höhle nach.

Boddi

Und Höhl' auf Höhle. Wer ermißt dies Labyrinth?

Harald

wie vorher

Veland!

Atli

Ist dies nur Echo, Boddi, auf des Königs Ruf,
was tausendfältig um uns Veland, Veland schreit?

Gunnar

O welche bittre Hochzeitsnacht ist mir bestimmt!
Daß solche Qualen in der Welt sind, wußt' ich nicht,
und daß ein Mensch sie zu ertragen fähig ist.
Bödwild! Bödwild! Es schreit aus mir die tiefste Not.

Bui

Schweigt, Jarl, erstickt den Wehschrei Eurer Brust,
er ist des Höllenschmiedes Labsal, Nahrung und
gibt hundertfache Kräfte seinem blinden Haß.

Harald

Ai! – Ingi! Lieben Kinder, euer Vater ruft;
wenn ihr noch lebt, die Rettung naht. Antwortet laut.

Harald erscheint mit vielen Bewaffneten.

Bui

Nicht so, Jarl Harald: List allein besiegt den Wicht.

Harald

Bödwild, wo bist du? Ai und Ingi, macht euch kund
mit einem Seufzer, einem Laute, einem Ruf.

Boddi

Hier funkelt etwas höllengrün aus schwarzer Nacht.

Atli

Jawohl, ich stoße an ein seltsames Gerüst,
und drinnen, unbeweglich, hockt ein graues Ding
mit Riesenflügeln, ähnlich einer Fledermaus.

Bui

Er ist's! Nicht näher, Atli! König Gunnar, halt!
Ich sah ihn so schon einmal, starr, gleichwie aus Stein.
So teilt er gleich dem Zitterrochen Schläge aus,
tödlich betäubende, mit unsichtbarer Kraft.

Gunnar

O Jarl, Jarl Harald, welchen fürchterlichen Knecht
und aller Schrecken Meister hast du dir gehegt!
Nie vorher wagte solches eines Herrschers Hand.

Harald

Jarl, dieser ist nicht Veland mehr, den ich gelähmt
und meinem Dienste bändigte. Doch wer er ist,
ich weiß es nicht. O Veland, Veland, rege dich.
Streif ab den Bann von dir und uns. Es sei genug.
Vergeltung hast du, bis zum letzten, nun geübt,
und härtre Schläge gibt es nicht, als ich erlitt.

Atli

Was hat der Feuerwurm geknurrt und was gefaucht?

Bui

Es stechen grüne Flammen aus den Augen ihm.
Sein Antlitz dunstet schweflig, wie des Dorsches Haut.

Gunnar

Die Fackeln vor!

Atli

Hätt' ich die Gelbgefleckten doch
nicht vor dem Tor gelassen auf des Königs Wort.
Selbst nicht, wenn sie den Eisbär wittern, sträubt ihr Kamm
so wild empor, ist halb so fürchterlich ihr Grimm,
als wenn des Schmiedes Wittrung ihre Nase streift.

Gunnar

Jarl, bleibe aufrecht! Niemals hast du deiner Kraft
so sehr bedurft als grade jetzt im Augenblick.
Auf keinem Thing, in keinem Kampf, in keiner Schlacht.

Harald

Veland, ich biete meine Hand dir zum Vertrag.
Wir ritzen unsern Arm und mischen Blut mit Blut.
Dein Haß verzehrt dich selbst, Veland, vergib, vergiß.

Veland

Du irrst, du irrst, ich liebe dich gar sehr, o Jarl.

Harald

O Veland, dies ist deine wahre Meinung nicht.

Veland

Ich liebe dich, verbände sonst mich Haß mit dir?

Harald

Du legst in Eisen gleichsam meinen ganzen Leib.

Veland

Wie du den meinen.

Harald

Nun, so sag' ich: Sei nun frei!

Veland

Des Alls gramvoller Notzucht doch entgeh' ich nicht!

Harald

Gib meine lieben Kinder mir heraus, Veland,
und sei mein Bruder. Wahnwitz hat mein Weib erfaßt.

Veland

Ich weiß.

Harald

Die Königsburg, mit Gästen angefüllt,
harrt Bödwilds, dieses jungen Herrschers Braut.
Du siehst ihn bleich, entstellt, von bittrem Gram zerstört.

Veland

Er lebt.

Harald

Der Tod ist solchem Leben vorzuziehn.
Heut, wo sich ihm sein höchstes Glück vollenden soll,
verkehrt sich alles ihm in uferloses Leid,
wenn du nicht Mitleid und Erbarmen hast mit ihm.

Veland

Er lebt, er lebt: jetzt lebt ihr beide wahrhaft, Jarl.

Harald

Tu einmal Gutes, lerne endlich Gutes tun,
und öffne uns das Grab, zu dem du uns die Welt
gemacht.

Veland

Nun lebst du, lebt ihr beide wahrhaft, Jarl.

Harald

O dehne nicht die Zeit mit diesem dunklen Wort:
führ ihm die Braut, mir meine beiden Söhne zu,
und meine Harfenmeister sollen durch das Reich
hin deinen Ruhm nur singen, jetzt und alle Zeit,
und auch dein Leid, und welches Unrecht ich dir tat.

Veland

Ich grüble, grüble; habe nur Geduld mit mir.

Gunnar

O Jarl, die Zunge blutet mir, und länger will
ich nun nicht mehr so reden hören diesen Knecht
und auch den König nicht mehr reden so wie jetzt.

Veland

zu Gunnar

Es tut mir leid, daß dich ein Blitz zerschmettern wird.

Gunnar

Mir nicht, wenn meine Axt in deinem Kopfe sitzt.

Veland

Unholde Gäste! Wißt ihr nicht, wozu ich euch
lud? Hat nicht Bui und Boddi meinen Spruch gesagt?

Harald

Nur hirnverbrannter Wahnsinn kam aus ihrem Mund.

Veland

Seid ihr so schlechte Boten?

Harald

Bödwild sei bei dir.
Zur Hochzeit ladest du uns ein, und was noch sonst.
Die ganze Schmiede sollte jauchzen und du selbst
auf und davon dich heben, einem Geier gleich.

Veland

Gleich einem Adler, und so wird es alles sein.
Doch Hochzeitsgäste, dünkt mich, die geladen sind
zu reichem Mahle und zu reichem Schauspiel dann:
sie sollten dankbar, freundlich und bescheiden sein.

Harald

Jarl Gunnar, schweige, schweige, ich gebiet' es dir! –
Wir nehmen deine Abendmahlzeit an, Veland.
Doch wenn ich dir nun sage, Lieber, sei mein Gast,
des Königs und der Königin im goldnen Saal! –?
wo du, ein Gott, auf meinem Hochsitz thronen sollst! –?
O Schmied, mein Haar ist weiß geworden diese Nacht.
Die Kinder! meine Kinder! Gib sie mir zurück.

Veland

Du warst bisher gewöhnt an heitre Träume, Jarl:
der heute dich besucht, ist mehr von meiner Art,
wie ich jahraus, jahrein sie aß als täglich Brot.

Gunnar

Willst du uns hier noch länger schmählich hinziehn, Schmied?

Veland

Gewiß nicht, und so nehmt denn Platz an meinem Tisch.

Harald

Und also nimmst du selbst als Bruder mich nicht an,
verschmähst die Hochzeit und den Hochsitz? beides? –

Veland

Nein!
Du siehst, ich setze auf den Hochsitz mich. Und auch
der eignen Hochzeitsfeier halt' ich mich nicht fern.

Es wird eine lange Tafel aus Stein sichtbar, auf welche Becher gestellt sind und zinnerne Teller. Veland nimmt auf dem Hochsitz Platz.

Harald

Schweigt still, ihr Mannen, ich befehle, reizt ihn nicht!
Noch liegt's in seiner Hand, zum Paradiese mir
die Grabesnacht zu wandeln, die mich jetzt umgibt.
Sieh, Veland, blut'ger Angstschweiß quillt auf meiner Stirn.
Wir wollen gern wohl deine Gäste sein, wohlan.
Nur eines sage mir: ob mir beschieden ist,
ans Herz zu reißen Ai und Ingi einmal noch?
Sprich, werd' ich meine beiden Knaben wiedersehn?

Veland

Du wirst die Knaben wiedersehn, o armer Jarl.

Harald

Wenn dies mir vorbehalten ist, bin ich nicht arm. –
Bist du voll Tücke? Spielst du, wie die Katze spielt
mit ihrem Opfer, das dabei vom Blute trieft?
O Veland, kehre deine sinnlos kalte Wut
hier gegen mich, hier gegen meine offne Brust.
Erbarme dich nur meiner lieben Kinder, Schmied.
Sag nur zwei Worte: Sie sind ledig aller Qual!
Und deinen Stahl im Herzen, will ich glücklich sein.

Veland

Nun: »Sie sind ledig aller Qual!« So sagt' ich's denn!

Harald

Schwörst du beim Pfuhl im dunklen Erdenschoß den Eid?

Veland

Beim Pfuhl sei es geschworen.

Harald

O so laß mich dir
abbitten alles, was ich je an dir verübt,
der du mir Böses so mit Gutem jetzt vergiltst.

Veland

Wie anders? Bist du doch jetzt wie ein Vater mir.

Harald

Nun setzt euch alle. Dunkel zwar ist Velands Tun,
allein, ich habe nun sein Wort und fühle klar,
daß Frühlingsatem seines Hasses Eis zerschmilzt
und er nichts Arges weiterhin im Schilde führt.

Gunnar

Das lahme Scheusal soll auch mir mit Eiden sich
verbürgen, daß Bödwild, die königliche Braut,
an Leib und Leben ungekränkt uns wiederkehrt:
nicht eher nehm' ich Platz an dieses Wichtes Tisch.

Veland

Nehmt meinen Eid: die Braut wird bei der Hochzeit sein.

Alle, auch Gunnar, haben jetzt an der Tafel Platz genommen.

Gunnar

Könnt' ich dem Lahmen auf den Grund der Seele sehn.

Veland

O dort ist Jubel; namenlose Seligkeit,
dort jauchzen alle Himmel im Triumph.
O Jarl, ich liebe dich mehr, als ich sagen kann,
denn nie, nie tatst du an mir Böses. Aber stets
tatst du mir Gutes, Gutes ohne Maß und. Ziel.
Und so ergreife den Pokal, der vor dir steht.
Das gleiche tu' ich mit dem meinen, Harald, wie du siehst.
Versöhnung trinken wir uns zu aus tiefster Brust..

Harald

Hört ihr's, ihr Mannen. Seinen Bruder nenn' ich mich,
und allen Streit begraben wir mit diesem Trunk.

Harald und Veland trinken einander zu.

Gunnar

Ein Hoffnungsstrahl, scheint's, bricht aus diesem Trunk hervor:
warum durchsticht er tödlich mich wie scharfer Stahl?
Mit Graun geladen bis zum Bersten ist die Luft.

Bui

Es wankt der Jarl.

Harald

Was ist in diesem Becher, Schmied?

Veland

Wein, welchen deine eignen Trauben jüngst verspritzt.

Harald

Wein? Ist dies Wein? Mich ekelt's. Schwindel faßt mich an.

Veland

Trink tiefer, und es wird der Trunk dir Kraft verleihn.

Harald

nachdem er wieder getrunken

Gift! Ich erbreche mich.

Veland

Dies ist dir oft geschehn, o Jarl,
und kein Gelage gibt es, scheint mir, ohne das.

Harald

Furchtbarer Wein!

Bui

Der Mund des Jarl ist schwarz, mir scheint's.

Boddi

Geht's dir wie mir? Die Glieder sind mir tot wie Blei.

Harald

Was hast du hier für Becher, was für Schalen, Schmied?
Aus welchem Stoff gebildet?

Veland

Köstlicher als Gold
ist dieser Stoff, denn nie umfing je rotes Gold
so unbegreiflich hohen Zaubers Rätselgut.

Harald

Aus einer Schädeldecke trank ich, Mannen. Fort!

Er wirft den Pokal gegen die Wand.

Eine Stimme

schmerzlich verhallender Seufzer

O weh, nun tatst du Böses Ingi, deinem Sohn!

Die Mannen

Was war das?

Gunnar

Dies war Ingis Stimme.

Veland

Ja, sie war's.
Grausam hat ihn mißhandelt seines Vaters Faust.

Harald

Schmied, Wahnwitz schlägt die Klauen in mein armes Hirn.

Veland

Wie oft im Wahnsinn hab' ich einsam hier getobt.

Harald

Ingi, mein Sohn! Wo bist du denn? Dein Vater ruft.
Er brüllt nach dir, dem Tier gleich, das der Schlächter würgt.

Die Mannen und Gunnar

Ingi! Prinz Ingi! Dich zu retten, sind wir hier!

Veland

Geduld! Vergeblich stört ihr meine Höllen auf,
und eure Schuld ist's, wenn ihr grauenvoller Sturm
des Jammers euch das Herz noch ganz versteint.

Man hört rätselhaftes Durcheinanderheulen aus den Tiefen.

Boddi

Wer dies vernahm, kann nie sich mehr des Lichtes freun.

Gunnar

Nicht! Nein! Dies muß verborgen bleiben, soll der Mensch
sich freuen können nur des kleinsten Atemzugs.

Veland

Geatmet hab' ich und vernehm' es immerzu.

Atli

Ein reißendes, ein wildes Tier schuf diese Welt.
Wüßt' ich, der Tod befreie mich von seiner Wut,
ein Ende macht' ich auf der Stelle meinem Sein.

Gunnar

Fluch meiner Mutter, die mich in die Welt gebar!

Die Mannen

durcheinander

Es gibt kein Licht, nur mörderisches Graun und Nacht.

Harald

Aus allem diesem Heulen hab' ich nichts gehört
als meiner Kinder, meiner Knaben Hilferuf.
So schwarz die Stunde, starb in mir die Hoffnung nicht.

Veland

Und ganz gewiß, die Hoffnung trügt dich nicht, o Jarl.
Und nahe, näher als du meinst, ist, was du suchst.
Gebiete nur, Gehorsam zeigt im Augenblick
dir deine süßen Knaben.

Harald

Wie? so eisig, Schmied,
sind nun auf einmal deine Worte wiederum?

Veland

Weil ich an deinen Knaben meine Lust gekühlt.

Harald

Heraus die Schwerter! Und ein jeder sei verflucht,
der nicht in diesen Folterknecht es tief versenkt,
sofern er dem Befehl des Jarls sich jetzt nicht fügt.
Zeig meine Knaben, Veland, mir im Augenblick!

Man erblickt in einem blassen, phosphoreszierenden Licht die Prinzen Ai und Ingi. Sie halten einander bei der Hand. Sie haben einen blutigen Ring oberhalb des Ohrs um die Schädeldecke und einen ebenso blutigen Ring um den Hals. Aus beiden rinnen Blutsstreifen.

Veland

Du siehst, der Knecht gehorsamt, wenn der Herr befiehlt.

Harald

Ich habe nichts gesehen, nein, bei Gottes Licht.

Gunnar

Auch ich nicht, und doch weiß ich nicht mehr, wer ich bin
und ob ich sehe, fühle, denke oder nicht.

Die Erscheinung der Knaben verschwindet.

Veland

Bödwild! Bödwild! Um deinetwillen bin ich hier,
und dies schafft meiner Seele Klarheit wiederum.
An dich nur denken macht zum Manne wieder mich ...
Und nun dein Bild vor meine wirre Seele tritt,
zerteilt es, wie die Sonne selbst, den Dunst der Nacht.
Bödwild, in deiner königlichen Schönheit Macht
tritt aus dem Dunkel, und du blitzest dieses Tier
und alles Graun hinweg mit deiner Wimper Schlag!

In einer goldglänzenden Nische erscheint Bödwild. Sie ist ohne alle Bekleidung, etwa in der Haltung der kindischen Aphrodite.

Veland

Auch du riefst nicht vergeblich, Gunnar, was du riefst.

Gunnar

Nichts seh' ich. Seht ihr dieses Blendwerk, Mannen? Nein!

Veland

Es ist kein Blendwerk. Bödwild ist von Fleisch und Blut.
Bödwild! Du siehst, wie sie den Kopf nun lächelnd hebt
und meine Augen sucht, nicht deine, armer Jarl.

Gunnar

Der Schmied macht Narren aus uns allen: dies ist Trug.

Veland

Sieh hin genau, und sage mir, ob Lebenshauch
nicht ihre vollen, warmen, süßen Brüste bläht.

Gunnar

Du Wurm, verfluchter Wurm!

Veland

O Gunnar, zweifle nicht,
daß diese Arme, diese Brust und dieser Schoß
dem Manne alles zu gewähren tüchtig sind,
doch freilich Durst und Hunger niemals stillen!

Gunnar

Nimm das!

Er wirft sein Schwert nach Veland, dieser fängt es auf und läßt es zur Erde fallen.

Veland

Nun, König Harald, sei mein Zeuge, daß
der Jarl den Frieden und das Gastrecht schmählich bricht.

Harald

Bödwild! – Ich bin von Sinnen. Welcher Höllenspuk
ist dies nun wieder? Noch der Knaben blut'ges Bild
in schwerbedrängter, ringend grambetäubter Brust,
erscheint dies Bild des Lebens, doch der nackten Schmach,
unnennbar großer Schande Bildnis auch zugleich.
Ihr Mannen, kehrt euch ab, bei eurem Eid! Entehrt
dies schamlos preisgegebene Bildnis nicht, das euch
die Tochter eures Königs vortäuscht, mir Bödwild.

Gunnar

Bödwild!

Harald

Bödwild!

Veland

Sie blickt nach dir auf deinen Ruf –
du siehst es, König Harald –, achtet nicht des Jarls.
Ihn haßt sie, glaub es mir. Drum werb' ich wieder jetzt
um Bödwild, die ja freilich so schon mir gehört.

Harald

Blickst du mich an, Bödwild, so martre ferner nicht
den Mann und Vater, der ja nur noch Marter ist.
Und du, du Hund, du friß dein eigenes Gespei.

Gunnar

Ich werfe meinen Mantel über dich, Bödwild.

Veland

Er wird zu nichts vor solcher Schönheit Strahl, o Jarl.
Du meinst ja überdies, sie sei ein Schemen nur.

Gunnar

Werft Mäntel über sie, ihr Mannen!

Veland

Warum das?
Bewegt sie nicht die Hand, und deckt sie züchtig nicht
schon selbst damit die elfenbeinern blonde Scham?

Gunnar

Hinweg mit diesem Hohn!

Harald

Hinweg! Hinweg!

Veland

Warum!
Wißt ihr Vollkommneres? Hat süßer je gebebt
in zarten Wollustschauern einer Göttin Fleisch?
Hat edler je ein Inselmarmor sich bewegt?
Und eines Körpers Mienenspiel mehr Adel je,
mehr unantastbar heilig reine Form gezeigt?
Wer dies zu bilden je nur den Gedanken faßt,
ein solcher Künstler wählt Verzweiflung, Ohnmacht, Tod.

Atli

Wie lange hält mit seiner Spiegelfechterei
der Gauch uns auf?

Veland

Soll dies für dich kein Schauspiel sein,
Atli, der du doch geil bist wie ein Hirsch in Brunft?
Und lächelt dir die Schöne nicht verstohlen zu?

Harald

Genug.

Veland

Noch nicht. Geduld noch einen Augenblick.
Beachtet, was sie tut. Zwei rote Äpfel nimmt
sie auf: je einen Apfel in die eine Hand,
und rauchend quillt ein weißer Dunst daraus empor.
Nun gar, mir scheint, verläßt sie ihren goldnen Schrein
und steigt herab. Die Äpfel stellt sie auf den Tisch;
nun kann der Schmaus beginnen, König Harald, iß!

Harald

Dies sind nicht Äpfel, dies ist rotes Fleisch, das zuckt.

Atli

Zwei jungen Rehen ausgebrochne Herzen sind's.

Veland

Du mußt es wissen, Atli, da du Jäger bist.
Magd, sage ihnen, wessen Herzen du gebracht.

Harald

Hast du hier Mägde, Veland?

Veland

Eine nur, nur eine Magd.

Gunnar

Hast du hier Mägde?

Veland

Wie ich sagte, eine nur.

Gunnar

Elender, schlechter Gaukler, dies ist nicht Bödwild.
Ein Dämon ist es, dem du ihre Fratze liehst.

Veland

Magd, höre, was er sagt, und gib dem Mann Bescheid.

Harald

Zurück, schamloser Dämon! Eines Vaters Leid
ist heilig. Höhne fürder meinen Jammer nicht.

Veland

Nehmt diese Magd für meine Magd und für nichts mehr.

Gunnar

Ich hätte nie geglaubt, es könne eine sich
wegwerfen, sei's die schlechtste Vettel, an den Schmied.

Veland

Da hast du recht, die schlechteste Vettel ist es nicht.

Harald

Weh, welche Täuschung! Fast genau der Wahrheit Bild.

Veland

So schenk dem Vater Bier und sprich ihn an, Bödwild,
denn beides, Trunk und Stimme, lehrt ihn etwa wohl,
daß kein Gespenst du, keines Zaubers Täuschung bist.
Du hast das Hochzeitsbier vergessen, Trulle, was?

Er stößt sie roh mit der Faust.

Die Mannen

Tod ihm! Er hat die Königstochter grob berührt.

Gunnar

Was sprecht ihr, Mannen? Packt uns alle Wahnwitz an?
Bist du der Traum, der aus dem tiefsten Schlamm der Nacht
in gift'gen Blasen quillt und, trächtig jeder Qual,
sich stechend, würgend, mordend auf den Menschen wirft?
Wer hörte je mich schreien, weil ich Schmerzen nicht
ertrug? Erpreßte irgendwas mir einen Laut
der Furcht, der Angst? Nun aber ... nicht, wenn Blut hoch auf
aus meinem Herzen spritzte, schrie ich; doch was hier
mich anhaucht, anbläst, reißt den feigen Schrei der Not
aus meiner Brust.

Veland

Es geht vorüber, Jarl: du trinkst
am besten eilig, was das Schicksal dir kredenzt.

Harald

Bödwild!

Gunnar

Erlauchte Königstochter!

Harald

Kind! Mein Kind!
Bödwild, mein Kind! Bist du's, mein vielgeliebtes Kind?

Bödwild

Ich bin's, mein Vater. Und warum erschreckst du so,
wenn ich dir sage, daß ich bin die, die ich bin?

Harald

Sie spricht, sie spricht! Was spricht sie? O verliert kein Wort.

Bödwild

Mein Vater ...

Harald

Ja, es ist der glockenklare Laut,
der tiefe Laut, von dem die Hallen des Palasts
so königlich erschollen. Sagt mir, was sie spricht
und wann und wie verruchter Mord an ihr geschah:
denn dies ist eine Tote.

Veland

Eine tote Magd,
meinst du, sei diese da, die schweren Leibes, vor
Begier nach rasendem Genusse zitternd, steht.
Dies Weib, das meiner mitleidlosen Fäuste Griff
mit allen Heimlichkeiten heiß entgegenschwillt.
Da, her! So, her! Der Metze greif ich in den Schopf
und reiße rückwärts ihren Hals, so, wie ihr seht.
Sie fällt nicht, denn sie ist so stark als wie ein Rind.
Verbeiße sich in ihre Gurgel, wer da mag.

Harald

Wer diesen Schmied erlegt, mein Königreich ist sein.

Gunnar

Der Schmied hat sie gelähmt, verzaubert und mißbraucht.

Veland

Ist sie gelähmt, so lähmt' ich sie, sonst aber nicht.

Bödwild

Verflucht sei, wer sein Eigentum dem Schmied verwehrt!

Gunnar

Was sagt sie da?

Harald

Vor wildem Lärm verstand ich's nicht.

Bödwild

Mein Eh'gemahl, er schalte mit mir, wie er mag;
verdammt sei, wer ihn hindert!

Veland

Weiter reiß' ich sie
herab, schon wie ein Armbrustbügel ist ihr Leib,
und doch, sie fühlt nicht Schmerz, nur Wollust!

Harald

Wach nun auf,
Bödwild! Bejammernswertes, liebes Kind!

Gunnar

Wach auf,
Bödwild! Geliebte, königliche Braut, wach auf!
Magie und Alb des Alben hält im Schlaf dich fest.

Bödwild

Du armer Schwächling, armer Geck, ich schlafe nicht.
Ich wachte nie so selig wie im Augenblick.

Veland

Seht, wenn ich ihre Schenkel packe, wie sie knirscht,
von süßer Wut gerissen, mit dem Elfenbein
der königlichen Kiefer! Wie die Nüster sprüht!
Und welches Feuer gießt ihr Auge funkelnd aus!
Gebt acht: bald wird sie wiehern wie ein wildes Roß!

Bödwild

Besteige mich! Ich trage dich, wohin du willst!
Durch Himmel und durch Höllen ras' ich mit dir fort!

Veland

in wahnwitziges Lachen ausbrechend

Nun Jarl, nun Könige, seid ihr zufrieden, wie?
Hab' ich von meiner Hochzeit euch zu viel gesagt?

Gunnar

Kennst du mich, Bödwild? Bödwild, Bödwild, kennst du mich?

Harald

Du bist nicht Bödwild, meine stolze Tochter, nein,
die frostig keusch heruntersah auf jeden Mann
und jeden mit dem Blick der Löwin von sich wies.

Veland

Mir aber leckt sie meine Eiterlumpen, wenn ich will.
Wollt ihr, die Probe mach' ich gleich im Augenblick.

Bödwild

Veland, du sollst mir Arges tun, ich liebe dich
und hasse alle, die dir Böses angetan.

Harald

Du leere Hülse meiner Tochter, die
der Wicht mit seiner bittren Galle angefüllt,
hinweg von meinem Blicke, denn du schändest die,
die nachzuäffen der verdammte Schmied dich zwingt.

Bödwild

Verdammt sei der Verdammer!

Harald

Bödwild, Bödwild, oh!
Ich bin's, weil ich in Velands Höllen dieses Wort
von dem Gespenste höre, das sich meine Tochter lügt.
Hinaus, ihr Männer! Folgt mir! Gebt mir Licht! Licht! Luft!

Veland

Ein Weilchen noch. Erst sieh, wie meine Brunst sich kühlt
in deinem Königsblut.

Harald

Fort! Gebt mir Licht! Licht! Luft!

Veland

Seid still, ihr Hunde, ohne Laut! und rührt euch nicht! –
Gefällt sind diese Laffen, dies vergeckte Pack:
nicht tot, nur von des Axthiebs schwerer Wucht betäubt.
Nun bin ich wieder Veland, schüttle mich und mir
das kleine Ungeziefer aus dem Pelz, und jetzt
muß es sich zeigen, ob mein Zauber nicht versagt.

Tiefe Dunkelheit, dann Helle.

Auf dem Hochsitz an der Tafel König Harald, steif, wie von Starrkrampf befallen. Nur seine Augen bewegen sich. Dies bleibt bis zu Ende. Er spricht nie mehr. Nur zuweilen beweisen gurgelnde und ächzende Laute des Schmerzes, des Grauens usw., das er hört und sieht. Gunnar, ebenfalls an der Tafel, befindet sich in einem ähnlichen Zustand. Die Mannen Haralds ebenfalls, teils sich mühsam aufrecht haltend, teils die Stirnen auf der Tischplatte. Bödwild liegt auf dem Angesicht, Veland steht. Er hat ihr Haar um seine Faust geknotet.

Nun weißt du alles, weißt du alles, Jarl.
Das Graun zerriß die Blutgefäße deines Hirns.
Für meine Rache, zeigt sich's, bist du viel zu klein.
Und doch, die ungesättigte zu sättigen,
sinn' ich: wie weit' ich, dehn' ich ihr Gefäß?
War dies mein Ziel: die Grabesruhe um mich her!
Mich friert, so einsam fühl' ich mich mit einemmal.
Schmerz, Pein und Gram, selbst diese lassen mich allein
und leer zurück. Die Rache blieb. Ist's wirklich so?
Blieb wirklich meiner Rache fürchterliche Sucht
in mir? bei mir? Sie blieb – verkümmert, wie mir scheint!
Allein, sie blieb. Hat Sättigung sie so geschwächt?
Gilt ihr, was sie verzehrt, als Nahrung nicht,
daß sie jetzt nur noch wie ein hungernd Kindlein greint?
Ich weiß es nicht. Nimm, Veland, dich in acht, daß du
nicht etwa selber deiner Rache Opfer wirst.
Tiergott, Gottier, genug der schwarzen Raserei!
Halt inne, horche lautlos nun in dich hinein,
ob nicht in dir ein neuer Tropfen sich gebiert.
Du bist's, Ketill? Bist du's? Dringt aus der Seele Grund
nicht jetzt ein funkelnd heißer Tropfen deines Klangs?
Es ist mir nicht bekannt, daß ich dich rief, o Hirt.
Durch welchen Zauber steigst du, Sanfter, in mir auf?
Wie wagst du das? Gefolgt von junger Lämmer Laut,
Die Herde überrieselt mich gleichwie ein Feld.
Du führst sie in die Höllenflammen grasen, Freund,
in des Bluttrinkers Rachen, zwischen eines Hais
furchtbare Kiefer führst du sie. Soll die Schalmei,
Blutströme stillend, wecken einen andern Strom?
den Tränenstrom, der meine Höllen doch nicht löscht
und strömend mit dahinnimmt meine beste Kraft?
mich schneller noch verbluten macht, als war' es Blut?
Erbarmungslos, ich spür's, ist auch der Liebe Schritt.
Vor ihm ist keine Rettung. Seiner Flöte Ton
macht erzne Pforten schmelzen, alle Riegel auf.

Die Schalmei Ketills erklingt näher und näher, bis er selbst erscheint. Nun setzt er die Flöte ab.

Ketill

Erlaube, daß ich dich besuche, fleiß'ger Schmied.

Veland

Du kamst zu mir und hast mich nie deshalb gefragt.

Ketill

Ich kam, wenn du mich riefest aus gequälter Brust.
Du riefst mich, Veland.

Veland

Nein, Ketill, ich rief dich nicht.
Wie sollt' ich auch, wo's endlich zu vollenden gilt
das, was du nie begreifen kannst, Ketill.

Ketill

Ein Hirt begreift des Lamms und auch des Wolfes Not.

Veland

Ich bin nicht mehr in Not, nicht mehr, nicht mehr, Ketill.

Ketill

So sprachst du oft, wenn blut'ger Schweiß von deiner Stirn
herabtroff und das bleiche Graun in deinem Blick
vom Bohren deiner immer offnen Wunde sprach.

Veland

Nicht fühl' ich meine Wunde mehr, sie ist geheilt.

Ketill

Des Leiden ist unsterblich, der unsterblich ist.

Veland

Du lügst. Unsterblich bin ich, aber nicht mein Leid.
Es ist versiegt, von heißen Wüsten eingeschluckt.
Die Not ist aus. Zum wilden Prasser ward ich nun,
ich stopfte meiner Seele Wanst mit blut'gem Fraß.
Mit Männerleichen sind die Stollen angefüllt.
Vor Vatersaugen löscht' ich meiner Geilheit Wut
an dieser und vor König Haralds Augen aus
und vor dem Bräut'gam dieser schmachbedeckten Braut,
die hündisch, wenn sie von der Ohnmacht aufersteht,
den Fuß mir lecken wird, der ihr ins Antlitz tritt.
Du hörst es, Harald?!

Ketill

Trage, König, dein Geschick.
Geduldig dulde. Duldend kannst du König sein
so gut als herrschend.

Veland

Ja, geduldig dulde nur,
ohnmächt'ger Geck, dem Blödsinn aus dem Antlitz blökt.
Was ich an dieser tat, noch deinem Leichenhirn
bleibt es im Tode furchtbar-fressend eingebrannt. –
Du hörst es, Gunnar?!

Ketill

Könige, ihr leidet viel,
im Übermaß, so wie ihr einst Genuß gesucht.
Nehmt alles hin in Demut.

Veland

Ja, nehmt alles hin,
was ich bis jetzt an guten Gaben euch geschenkt
und was ich Süßres noch davon zurückbehielt.
Ihr richtet auf Ketill den grauenvollen Blick.
Bringt er die grüne Weide auf dem Rücken mit?
Auf mich schaut her, horcht her und wittert. Ich allein
schneide für alle Sinne euch das Futter jetzt.

Ketill

Allein, du selbst: mich anzusehn, wer hindert dich?
O Veland, sieh mich an! Wer weiß, ich bringe wohl
dir dennoch eine Weide deiner Seele mit.
Schweig, sieh auf mich, und sieh in dich! Und wittre dann
mit deinen Nüstern! Lausche mit des Luchses Ohr.
Denn nicht umsonst, aus tiefrem Grunde bin ich hier.

Veland

Laß mich. Bist du der Bote einer fremden Macht,
die an mir reißt und meine Rache hindern will?

Ketill

Ich ahne andres, das viel eher dich erlöst
aus diesem Grab, das so viel bittre Qualen birgt,
dir einen Ausgang schlägt durch seiner Wölbung Nacht
zur lichten Weite. Dies vermag die Rache nicht.

Veland

Alles vermag die Rache! Harald, hörst du das?
Alles vermag die Rache! Diese Lust, die ich genoß,
sie ekelt mich – vernimm! verliere nicht ein Wort –,
als hätt' ich mich vermischt mit einem räud'gen Tier.
Selbst das Erinnern an die Schmutztat spei' ich aus.
Ich hasse dieses widerlich verderbte Weib.
Schorf! Hebe dich aus Velands Nähe, fliehe weit
hinweg. Noch besser, einen Stein um deinen Hals,
und sei mit dir ersäuft die ganze Harald-Brut! –
Horch, was ist das?

Veland erschrickt und lauscht.

Ketill

Du sprichst zu viel und überhörst
vielleicht den Ton, der aus der Luft herniedersinkt.
Ein süßes Wunder etwa, das du kaum geahnt,
indes der Blutrausch in den Adern dir getobt.

Veland

Ich ahnte wohl das Wunder. Hätte Ekel mich
vor dieser sonst, dem Opfer meiner Brunst, erfaßt?

Ketill

Als flögen Schwäne, schien es, übern Velandsholm.

Veland

Einfält'ger Schafhirt, solche Flügel hat kein Schwan.

Ketill

Es rauschte voll heran und schwindet weit.

Veland

So ist's,
und also denkst du mich zu täuschen, frecher Hirt,
um mir, gelähmt, die sichere Beute zu entziehn.
Dies war nicht Herwar Allweiß, nicht mein liebes Kind,
nicht König Hödwers Tochter, meine süße Braut.
Was suchte sie auf dieser eklen Walstatt wohl,
Allvaters Liebling?

Ketill

Ward sie wohl von ihm gesandt,
um endlich zu entscheiden, Veland, deinen Kampf?

Veland

Nie kehrt zurück, die einstmals meinen Hals umschlang,
und käme sie, was könnt' ich tun in meiner Schmach?
Die Zähne blecken könnt' ich ihr ins Licht hinauf,
mit denen ich wehrloser Knaben zwei zerriß.

Ketill

O Veland, Veland, furchtbar war ihr Wehgeschrei.

Veland

Das lügst du, denn sie starben stumm, sie schrieen nicht.

Ketill

Veland, sie schrieen, glaub es mir, sie schrieen laut.
Allvater hat den fürchterlichen Ruf gehört.

Veland

Ich lache sein! Allvater hört nicht, er ist taub.
Daß er es ist, weiß Veland. Traue seinem Schwur.

Ketill

Und doch, er hat der Knaben Todesschrei gehört.

Veland

Sie schrieen nicht.

Ketill

Sie schrieen laut und schreien noch.

Veland

So hat er dennoch weiter nichts vernommen, Hirt,
als jener Stürme, jener Winde Heulen, die
er 'seit dem Anfang aller Dinge selbst erregt.

Ketill

Er kann dich strafen, Schmied, denn furchtbar ist sein Zorn,
furchtbarer seine Macht. Erwäge, was du sprichst.

Veland

Er hat an mir längst alle Waffen abgestumpft.
Auch seine Hämmer mag er weiter schleudern, denn
der neue Schlag macht, wie die alten, härter mich.

Es blitzt.

Ketill

Dies war sein Blitz, und furchtbar flammt er in dein Grab.
Und draußen, hörst du, schüttert Donner überm Meer.

Veland

Was tut's? Mit Feuer wußte ich von je Bescheid.
Als Antwort schleudr' ich es zu ihm hinauf
aus Erdentiefen, wo's, ein Meer, geschmolzen wogt.
Und nun, im Augenblicke, spür' ich es, Ketill,
was mir gelang, als meines Frones höchster Preis:
zwei Feuerflügel, wie kein Gott sie je besaß.
Sie jucken schon mir an den Schultern: bald nun, Hirt,
schieß' ich, Allvaters spottend, leuchtend durch das All.

Ketill

Um was zu tun? Um wo zu landen, armer Schmied?

Veland

Zu tun? Dem Volk der Fröner Gutes, Böses ihm
und jedem, der vom blut'gen Schweiß des Knechtes lebt,
Allvater und den Seinen! – Wo ich landen will?
Dort, wo das Schweigen unser aller Schicksal webt,
vor dem Allvater hinschmilzt wie ein Tröpflein Tau
in Wüstenglut, wo er vergeht so gut wie ich.
Dort will ich landen, seinesgleichen ganz und gar.

Ketill

Und das ist deine neue Freiheit, Veland?

Veland

Ja.

Ketill

Empörung, die dich Haralds harter Fron entband,
sie bäumt sich auf nun gegen Himmelsvaters Glanz
und Herrschaft, die so segensreich die Welt regiert.

Veland

Er macht lebendig nur, damit er töten kann,
solang er selber lebt; unsterblich ist er nicht.

Ketill

Er ist unsterblich, und, allmächtig überdies,
beugt er von neuem deinen Nacken unters Joch,
wenn du nicht heiß und demutsvoll um Gnade flehst.

Veland

Um Gnade einen, der Herware zu sich rief
und von mir nahm und so mir aus der Seele riß,
was mich den Wonnen seines Himmelslichts verband?
Allvater heuchelt armen Knechten einen Tag,
wie unter Rosen sich des Mörders Stahl versteckt.

Ketill

Wie wirst du seinen Tag vermissen, nun erst ganz
verbannt in Nacht, wo du nicht bittre Reue fühlst.

Veland

Ich brauche seinen Tag nicht mehr, er reizt mich nicht,
und mein Verbrechen gilt nunmehr mir so gering,
daß keiner Reue Regung klein genug erscheint.
Die Rümpfe meiner Opfer weis' ich ihm vielmehr.
Da sind sie, ausgeblutet: mag er sie besehn;
ein andrer König Harald ist er und nicht mehr.
Hörst du dies, Harald? Lallender Allvater, du.
Und sieh nun deiner Knaben Rumpf, vom Kopf getrennt.
So geb' ich deine lieben Söhnlein dir zurück.
Trau nicht Allvatern, denn er ließ ja dies geschehn
in seiner Tücke. Doch geschah es ohne ihn
und gegen seinen Willen, wer ist mächtiger,
ich oder er? – Du hörtest dieses, höre mehr:
Nicht du, nicht Folterqual, auch meine Rache nicht
erneuert mich in diesem ungeheuren Augenblick.
Es ist ein andres, das ich dir nicht nennen kann.
Du sitzest, weil es dich berührt, gelähmt und blöd.
Berührt es etwa einen Gott, er stürzt vom Sitz,
die Fersen bäumend. Anders hat es mich berührt.
Es macht auch mir vom Boden frei den schweren Fuß
und reißt mir Fernen auf des nie durchmeßnen Alls.
Und wo die Nacht am tiefsten ist, dort brech' ich bald
mit meinen eignen mächt'gen Feuerflügeln ein.
Allvaters ruhesel'ge Bosheit acht' ich nicht.

Ketill

Ich will dir sagen, wo du landen wirst, o Schmied,
mit deinen Feuerflügeln: in der ew'gen Hölle Grund.

Veland

Im Nichts dereinst. Doch vorher noch auf manchem Stern,
von dem so mancher Diamant mir Kunde gab,
den ich aus heißen Meteoren brach und schliff.
Dort werd' ich sehen, was ich niemals hier erblickt,
der eignen Erdenfrone endlich reife Frucht:
die Frucht des Schweißes und der göttergleichen Kunst,
die ich im Dienst von Narren hier nur ausgeübt. –
Steh auf, Bödwild: ich habe furchtbar dich mißbraucht.
Doch jetzt, im Abschied, als Gemahlin grüß' ich dich,
die Kindesbürde trägt von einem leidenden,
erlösten Gott, der in dir wieder sich gebiert.
Und so gebäre meinen Sohn: ich nenne ihn
Wittich und gebe ihm in seinen Schild den Blitz.
Und dieser Held besteige deinen Thron, o Jarl.
Der Tausch ist gut, ein unverdient gewaltig Glück.
Was, gegen ihn, war deine hingemähte Brut,
dem meines Himmelsfeuers Glut die Adern schwellt?
Vielleicht, daß der den Blitz gebiert, der deinem Volk,
du lallender Allvater, du! Allvaters falschen Tag
nun erst zum Tage macht.

Eine ungeheure Helligkeit, die alles und auch Ketill niederwirft, blitzt auf. Danach ist Veland verschwunden.

Bödwild

O Veland, Veland, weh!
o nimm mich mit dir, nimm mich mit dir, weh.

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