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Gerhart Hauptmann: Veland - Kapitel 4
Quellenangabe
authorGerhart Hauptmann
titleVeland
publisherPropyläen Verlag
editorHans-Egon Hass
year1971
isbn3549051437
firstpub1925
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20161121
projectid72b2911f
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Zweiter Akt

Eine Abteilung in dem Höhlenlabyrinth Velands: schwarz, verrußt. Mehrere Schmiedeherde, Ambosse, Hämmer, Zangen usw. Gitterpforten in andre unterirdische Räumlichkeiten. An den Wänden mehrere gewaltige, kunstreich beschlagene Truhen. An einer dieser Truhen steht Bödwild. Sie prüft Goldschmiedearbeiten und behängt sich mit Schmuck. Zuweilen blickt sie in einen metallenen Handspiegel. Ohne von ihr zunächst bemerkt zu werden, tritt Veland durch eine der Gittertüren.

Veland

Nun ist es wieder stille draußen vor dem Tor,
auch stieß das letzte Königsschiff vom Strande ab.

Bödwild

Beim Himmel, Veland, ich vergaß fast, wo ich bin,
so viele der Kleinodien sind hier aufgehäuft.

Veland

Wie viel unnützer Lärm, wo sich ein Herrscher zeigt.
Hast du nicht Waffenklirren und Geschrei gehört?

Bödwild

Nicht müde wird man, diesen Hort sich anzuschaun,
darin zu wühlen, wie in eines Bornes Flut,
die beiden Arme badend tief hinein versenkt.
Dies ist ein Quell, doch diese Truhe ist zugleich
unendlich vieler bunter Strahlenquellen Quell,
von denen jede farbensprühend überquillt.
O Glanz, o Feuer, das in diesem Kasten stürmt,
mit Lichtern blitzend, die das Auge kaum erträgt.
Und manche solcher Pracht, daß ewige Blindheit selbst
dem, der sie stahl, fast noch geringe Buße scheint.

Veland

Du hast nun, Königstochter, reichlich Muße, dich
an dieser Kiste voll Kleinodien satt zu sehen.

Bödwild

Das will ich, und das werd' ich: satt sehn werd' ich mich.
Du wirst mich nun so leicht nicht wieder los, o Schmied,
und keinesfalls, bevor ich den Tribut erhob,
den Zehnten dieses ungeheuren goldnen Raubs.

Veland

An goldner Angel hing noch stets der beste Fisch.

Bödwild

Was sagst du?

Veland

Nichts, als daß ich niemals knausrig bin:
nicht wenn ich gebe, freilich auch im Nehmen nicht.

Bödwild

streicht sich über die Augen

Ich bin benommen, dieses tausendfältige Sprühn
senkt Zauber der Betäubung schleichend in mein Blut.
Holla, du tück'scher Affe, sag, wie kam ich doch
zu dieser ungewohnten Stunde hier herein?

Veland

Wenn über diesem Bettel schon Vergessen dich
beschleicht, du Strotzende, wie will denn deine Kraft
dem ganzen noch verborgenen Hort gewachsen sein?

Bödwild

Ich gehe nun, gleichviel wie ich hereinkam, Schmied;
mir scheint, hier ist ein lähmend Räucherwerk verteilt
im Raum, womit du irgendwas im Schilde führst.

Veland

Wohl führ' ich was im Schilde, du hast recht,
und was an mir liegt, denk' ich's zu vollenden auch.
Verbrenn' ich aber Räucherwerk für dich, o Weib,
so ist's ein duftend Opfer höchstens, wie man es
der Liebesgottheit darzubringen schuldig ist.
Dich hat nur Gold verwirrt, und freilich, es betäubt,
was immer in der Welt vom Weib geboren ist.

Bödwild

eine Gittertür rüttelnd

Die Pforte ist verschlossen, hurtig, öffne mir!

Veland

Du hast vorhin nach Gürtel mich und Reif gefragt,
womit du, einer Göttin gleich, beim Hochzeitsmahl
geschmückt, an deines Gatten Seite, ringsumher
verschmähte Männerherzen tödlich treffen willst.
Du wirst es ohne Schmuck, und auch der Frauen Glanz
beim Fest, du wandelst ihn in Todesfarbe um.
Allein, auch Reif und Gürtel sind vollendet, und
ich log aus Bosheit nur, um zornig dich zu sehn.

Bödwild

Du Narr und Lügner, weise die Kleinodien denn
mir endlich vor, und halte mich nicht länger auf!
Wie komm' ich bei stockfinstrer Nacht denn durch den Sund?

Veland

Dies, glaube mir, ist eine müß'ge Sorge nur.

Bödwild

Die Fahrt ist weit, und ohne Segel ist mein Boot,
auch kam ich ohne Bootsmann, wie es meine Art.

Veland

Nun, eine Nacht, verbracht auf Velandsholm, was tut's?
An Daunen mangelt's nicht und einem goldnen Bett.

Bödwild

Du rasest, gottverdammter Knecht, unreiner Wicht!
Bedecke Aussatz, weiß wie Schnee, doch meine Haut
lieber, als daß mir einer sagen dürfte, du
verbrachtest eine Nacht allein mit diesem Knecht
Veland: für immer wär' ich ja dadurch entehrt.
Anspeien müßten mich die Helden ja im Königssaal.

Veland

Und dennoch trug mir deines Vaters Majestät
vor wenig Augenblicken einen halben Thron
mit seines Königreiches einer Hälfte an.

Bödwild

Das blökt der Wahnwitz eines unvernünft'gen Tiers,
am Feuer deiner Schmiede ist dein Hirn verdorrt,
du dünkelhafter Einfaltspinsel. Auf die Tür!
Denn jetzt ist mir, als drücke sich ein glühend Mal
in dieser Stunde schon schandbar auf meine Stirn.

Veland

So willst du Reif und Gürtel also nicht mehr sehn?

Bödwild

So schwatze nicht und handle: bring den Plunder her!

Reif und Gürtel erscheinen in der Luft schwebend.

Veland

Ich habe Diener, die es für den Meister tun.
Gefällt die Arbeit dir? Wo nicht, so schilt mich aus.

Bödwild

Ein Gott hat dies geschaffen, keines Menschen Hand,
wenn es nicht etwa nur ein bunter Schatten ist.

Veland

Erlauchte, so geruhe deinen weißen Arm
danach zu strecken.

Bödwild

Gleich ist's, ob er schwarz, ob weiß.
Nun seh' ich wohl, an feiner Goldschnur senkte sich
der Reif herab und Gürtel. Oh, wie köstlich gleißt
doch diese, aller Kronen Krone! Ganz umhüllt
vom brünstigen Spiele der Karfunkel, muß das Haupt
erstrahlen, das sie trägt.

Veland

Und dennoch hast du nicht
zu fürchten, daß die schwere Goldlast deines Haars
verblasse oder schmelze unter diesem Reif.

Bödwild

Doch dieser Gürtel übertrifft die Krone fast!
Wie bildete so feine Schuppen deine grobe Faust?
Du hast das Meer an Perlen, der Gebirge Schoß
an Edelsteinen leergeraubt.

Veland

Was tut man nicht,
würdig die Braut zu schmücken am Vermählungstag.

Bödwild

Zwölftausend Rosse wiegen dies Geschmeid' nicht auf,
nicht für drei Königreiche geb' ich's wieder her.

Veland

Und doch, erst wenn die Krone deinen Scheitel krönt,
gewinnt sie ihre volle Flammenkraft und wird
zur zweiten Sonne, purpurdröhnend, gleichsam wie
die andre, ehe sie zum Grund des Meers versinkt.
Und so der Gürtel: sieh, er schläft. Was du jetzt siehst
an ihm, ist nicht sein wahres Leben, nur sein Schlaf,
tot im Metall noch starrt die reiche Bildnerei.
Erst wenn du ihn gleich einem Kinde an die Brust
hebst und ihm einräumst, daß er dich wie einen Stamm
bewegten Elfenbeins umschlinge, wacht er auf.
Dann spielt um deine Hüften Nordlichtzauber, und
es ziehn um sie den Reigen nackte Jünglinge,
im Schwertertanz dir huldigend.

Bödwild

Laß sehen, Schmied.

Sie versucht den Gürtel um die Hüften zu nehmen.

Veland

Nicht so.

Bödwild

Wie anders? Unterweise mich denn! He,
willst du krepieren? Deine Zähne klappern ja,
und deine Fratze starrt mich an, wie Stein so grau.

Veland

Willst du, es sollen wirklich diese Fäuste dir
nahen, dich selbst gürten?

Bödwild

Hurtig, sei nicht zimperlich!
Für mich bist du nicht Fisch, nicht Fleisch, nicht Mann noch Weib.

Veland

Was ich für dich bin, ahnest du bis jetzt noch nicht.
Die Frage aber lautet jetzt: was bist du mir?
Die einzige Macht, vor der ich zittre; hörst du das?
sonst lach' ich aller Götter, aller Könige.

Bödwild

Ich bin ein Weib nur, und ich liebe Weiber nicht,
die waffentragend auf der Männer Spuren gehn.
Von mir ist nichts zu fürchten, wenn du folgsam bist.

Veland

Ich halte meines Schicksals Steuer in der Hand,
Herr meines Loses bin ich heut wie nie zuvor.
Den Todfeind draußen band ich auf ein glühend Rost,
wo er sich windet in unnennbar wilder Pein.
Dies weiß ich, und mein Herze hüpft vor Lust darum.
Ich fürchte keine Wächter mehr, die Woge nicht,
die Tag und Nacht mit dumpfem Drohn den Strand berennt,
nicht macht sie ferner mir zum Kerker Velandsholm.
Gram, der so lange mir am Lebensmark gezehrt,
im ersten Rachebrande ist er fast verkohlt.
Heut noch ein Krüppel, hinkend, trägt mich morgen schon
bereite Adlerschwinge fort im höchsten Flug. –

Bödwild

Du sprichst in Rätseln, wunderliche Mißgeburt.
Doch nun die Riegel auf! Zwar werd' ich diese Nacht
kein Auge schließen, denn wahrhaftig, Veland, hier
hast du geschaffen, was die Nacht mir taghell macht.
Allein, 's ist hohe Zeit. Auch plagt mich Ungeduld,
die glotzenden Gesichter meiner Fraun zu sehn
beim Anblick dieses übermenschlich hohen Werks.

Veland

Weh! Wehe! wenn ich nun das Wort nicht sprechen kann
vor Schmerz um dich, wie es mein hartes Werk verlangt.
Weh, wenn nun deiner jungen Schönheit Unschuld mich,
den alten zauberkundigen Meister, lähmt!
Du meinst, daß Götter deiner warten und dein Fuß
schreite auf buntem Himmelsbogen in ihr Reich,
derweil vor meiner Seele steht dein wahres Los.

Bödwild

Nicht, meine nicht, daß je mich eine Bangigkeit
vor dir beschleicht: wahnwitz'ger Hochmut solcher Art
beflecke niemals dein fronseliges Knechtsgehirn.
Doch öffne schleunigst jetzt der Pforte Riegel mir,
sonst fürchte meines Vaters Strafen, deines Herrn!
Du kennst sie, weißt, wie einst dein Fleisch in Fetzen hing,
als man für irgendein Vergehn dich ausgepeitscht,
bis drüben zum Palaste drang dein Schmerzgebrüll,
die Hunde überheulend, die es aufgestört.

Veland

Die Dankbarkeit ist König Haralds Sache nicht
noch seiner Kinder: doch ich will ihm dankbar sein.
Er zahlt mit schlechter Münze mir mein gutes Gold:
mit gleicher Münze, mindrer nicht, vergelt' ich ihm.

Bödwild

Boshafter, tück'scher Kobold, Hilfe ruf' ich nun.
Du übst hier Ränke; laß mich an die frische Luft!
In nebelhaften Dämmer hast du mich gehüllt.
Was lockte mich zum zweiten Male hier herein?

Veland

Nichts, doch du suchtest Unterschlupf, flohst vor dem Jarl.

Bödwild

Richtig, so war's. Und hat der Jarl nach mir gefragt?

Veland

Nach deinen beiden Brüdern, die verschollen sind.

Bödwild

Wie, Ai und Ingi sind verschwunden?

Veland

Ja, es scheint:
sonst hätte schwerlich so der Jarl sein Haar gerauft.

Bödwild

Was heißt das, Ai und Ingi sind verschollen? Wie?
Unmöglich, alles dies ist Traum, nicht Wirklichkeit.
Sie sind des Landes Zwillingssonne. Ohne sie
ist Dunkel außen so wie innen im Palast,
und meinen Vater, meine Mutter trennen kaum
noch Stunden von der eignen Gräber Finsternis.

Hallende Schläge gegen Eisen dringen vom äußeren Tor herein.

Bui

unsichtbar

Veland! He, Veland! Gut Freund! Öffne, laß uns ein.

Bödwild schüttelt heftig am Tor.

Veland

Was rufst du nicht?

Bödwild

Ich kann nicht.

Veland

Bui und Boddi sind's,
die Wächter, und sie kommen, um nach dir zu sehn.

Boddi

unsichtbar

Wir sind es, Bui und Boddi, Veland, die du kennst,
in guter Absicht kommen wir, sei des gewiß.
Wir walteten stets milde unseres Amts, du weißt's.

Veland

Erlauchte, gib ein Lebenszeichen, melde dich.

Bödwild

heiser

Du hämischer Hund hast meiner Stimme Klang geraubt.

Veland

Sie kommen als Schatzgräber, und du bist der Hort.

Bui

unsichtbar

Bui bin ich, Bui, stets ging mir nahe dein Geschick,
und manches gute Wort, Schmied, legt' ich für dich ein.
Laß uns von alten Zeiten plaudern.

Veland

zu Bödwild

Plaudre denn.

Bödwild

Wo bin ich? Schwarze Wogen und ein schwarzes Schiff!
Wer steht am Steuer? Haltet! Schwindel packt mich an.

Veland

So Schiff als Woge, beide sind mir wohlbekannt.
Komm, stütze dich, Jarl Gunnar ist's, dein Bräutigam.
Auf kurze Zeit nur füge dich der Macht des Schlafs,
bis Bui und Boddi ihres Wegs gegangen sind.

Stützend, haltend, fast tragend führt Veland Bödwild davon durch eine der Gitterpforten. Gleich darauf kommt er wieder und läßt Bui und Boddi ein.

Bui

Da sind wir. Das war mehr, als ich erwartete:
du öffnest, und dein Zorn scheint mir verraucht zu sein.
Doch Rauch hast du genug gemacht, vertrackter Schmied.
Jarl Harald, Gunnar und die Mannen allesamt,
recht sehr bedenklich hustend stiegen sie an Bord.

Veland

Was wollt ihr hier? Macht's kurz und packt euch eures Wegs!
An Müßiggänger werf' ich meine Zeit nicht fort.

Bui

Fahr doch nicht gleich so zu, du Vipernmaul.
Wir kommen doch sonst miteinander leidlich aus.
Vergiß nicht, daß ich redlich mich dawider schon
gekehrt, als man im Felsgebirge dich verriet,
dich meuchlings überfiel und dich verstümmelte.

Veland

Hast du's verhindern können, Knecht? Sonst prahle nicht.

Bui

Mußt du denn immer schimpfen, Wicht, aus vollem Hals?
Was, Köter, schnappst du, wenn man hinterm Ohr dich kraut?

Veland

Einfältige Tölpel, was auch eure Absicht ist,
mein Fell zu streicheln oder zausen, gilt mir gleich:
kommt ihr mir nahe, reiß' ich euch die Gurgel durch.

Boddi

Wenn du so weiter geiferst, reißt mir die Geduld.

Bui

Ei, laß ihn, ist er nicht der Herr im eignen Haus?

Veland

Ich bin's! Und laßt es euch gesagt sein: mehr als je,
seitdem sich Harald nährt von meinem blut'gen Schweiß.

Bui

Auch unsrer schmeckt ihm: nun, das ist so Königsart!
Laß uns doch endlich, wackren Spießgesellen gleich,
einmal vertraulich schwatzen und nicht immer Galle spein.

Veland

Damit ihr aller Mühen überhoben seid
und euren Wanst nicht etwa durch ein Nadelöhr
hindurchzuquälen unnütz den Gedanken faßt;
auch darum, daß ihr eure plumpen Finger nicht
zerbrecht am Knoten, den kein Bui und Boddi löst:
so hört und führt euch meine Runen zu Gemüt,
steckt sie dem Jarl, und wohl bekomm' der Botenlohn!
Ich habe einen Käfig mir geschmiedet und
mit schweren Riegeln ihn verwahrt von solchem Stahl,
den selbst des Wettergottes Hammer nicht zersprengt.
In diesem Kerker aber eingeschlossen liegt,
merkt auf, das blutende, zerrißne Herz des Jarl.
Ich war's, der es ihm ausschnitt und darein verschloß.
Nun kommt das andre: ihr sucht Bödwild; sie ist hier.
Geht, sagt dem Jarl und seinem künftigen Tochtermann
Gunnar, dem Strahlenden, sagt ihnen deutlich so:
Der Fronknecht Veland ladet euch zur Hochzeit ein.
Hört ihr: zur Hochzeit ladet Veland beide Jarls.
Und sind sie lüstern, sagt, daß zwei Pokale schon,
zwei Wunderwerke schon von mir gebildet sind,
gefüllt mit einem heißen Trank, so rot wie Blut.
Sagt: König Haralds Herz wird eure Speise sein.

Bui

Furchtbare, freche Worte sprichst du, Spottgeburt
aus Dreck und Feuer! Doch du gibst uns Rätsel auf,
die sich wie leere Seifenblasen blähn
und dann zerspringen. Dies war oft so deine Art.
Doch dir zum bittren Leid berichten wir's dem Jarl.

Veland

Tut's! Diese Ringe, dieses Hackgold nehmt zum Dank.
Und auch noch dieses tut ihm kund, sagt meinem Herrn:
es werden alle Gruben, Höhlen, Schächte und
Erdlöcher deines Maulwurfs, deines Krüppelschmieds,
die ganze Satansschmiede, sagt ihm einfach so,
auffliegen, aufgesprengt von einem Jubelschrei,
und dann hebt Veland sich mit Flügeln in die Luft,
und gleich dem Adler wirst du ihn entkreisen sehn.

Bui und Boddi ziehen sich zurück. Veland bricht unter tollen Freudensprüngen in wahnwitziges Gelächter aus.

O Fest, o Fest! Wie hat sich alles mir gefügt!
Nun aber zögre nicht mehr, Veland: schnell ans Werk,
füge die erste Stufe von der Treppe nun,
die in des Grauens, des Entsetzens Abgrund bald
der Weichling mit den duftigen Locken abwärts steigt,
in Weißglut wird sie zischen unter seinem Fuß. –
Nun kommt heraus, ihr Königsknaben, kommt hervor.

Die Königsknaben Ai und Ingi, Knaben von höchster Schönheit, kommen durch eine der Gittertüren aus dem Innern des Velandsbaues.

's ist Zeit, ihr Prinzen, daß ihr an die Heimfahrt denkt.

Ai

Jetzt schon, wo wir doch grade kaum gekommen sind?

Ingi

Du strobelköpfiger Zottelbär, da irrst du dich,
du wirst uns, bis der Abend dämmert, nicht mehr los,
und morgen mit dem frühsten sind wir wieder hier.

Veland

Wenn man euch nur nicht etwa im Palast vermißt.

Ai

Man meint, wir seien nur im Wald auf Vogeljagd.
Da sind wir oftmals manche Stunde unterwegs;
wir haben's unserm Vater abgetrotzt, dem Jarl,
daß uns Atli, der Jäger, nicht begleiten darf.

Veland

Wie lange meinet ihr wohl auf dem Holm zu sein,
ihr Burschen, seitdem euer Boot ans Ufer stieß?

Ai

Kein Stündlein ist seitdem herum, so kurze Zeit.

Veland

Ein Augenblick wird oft zur kleinen Ewigkeit
und eine kleine Ewigkeit zum Augenblick.
Drei Tage und drei Nächte sind vergangen, seit
ich euch, auf euer Pochen, in die Schmiede ließ.

Ingi

Sag lieber doch drei Wochen oder Jahre, Schmied.
Wenn man schon lügt und Spaß treibt, warum soll der Spaß
so mager, nicht die Lüge von den fetten sein!

Veland

Wie seltsam: ihr seid gern bei mir. Und hat man euch
denn nicht vor mir und meinem finstren Sinn gewarnt?

Ingi

Wir sahen deiner Essen Rauch und wollten selbst
ergründen, ob du wirklich wie ein Feuerwurm
auf Schätzen liegst und flammenspeiend sie bewachst.

Veland

Und also fliegen Haralds Kinder allesamt,
von bösen Zaubern angetrieben, in ein Licht,
das seine Wurzeln aus dem Höllenabgrund speist.
Sagt, habt ihr wohl den Drachen nun gefunden, der
Verderben haucht? Bekennt doch: wie erschein' ich euch?

Ingi

Ein armer Hinker bist du, lahm und doch an Künsten reich.
An deiner Hände Werken sieht man sich nicht satt.

Ai

Nein, wer dich einen Drachen nennt, der kennt dich nicht.
Du bist ja kindgut, wie ein armes krankes Tier.

Ingi

Und nichts bewachst du, eher schenkst du alles fort,
wo du nur immer ein Begehren halbwegs spürst.

Veland

Oh, oh!

Ai

Was stöhnst du so auf einmal?

Veland

Wehe, oh!
Es ist nichts weiter! Geht! Wählt euch Ringe, wie ihr wollt,
nach Herzenslust, Goldschnallen, Wehrgehenke – geht!
Oh, oh! – ah! – geht! Seht mich nicht an.

Ingi

Was hast du denn?
Du stöhnst ja auf, daß man davon ins Mark erschrickt.
Wer quält dich?

Veland

Eitrige, verfluchte Lappen, fort!

Er reißt Binden von seiner Wunde und schleudert sie fort.

Macht Eisen glühend, Eisen glühend, hört ihr nicht,
und bohrt es in die Wunde mir!

Ai

Die Wunde ist's?
dich peinigt Schmerz in deiner offnen Wunde, Schmied?

Veland

Laßt, nun ist's gut.

Ai

Was schweigst du? Ist es wirklich gut?
Was beißest du die Zähne aufeinander, sag
uns doch, wie wir dir helfen können, armer Knecht?

Veland

Laßt ab! Laßt ab mit Foltern! Lieber tötet mich.

Ai

Nennst du es foltern, wenn man dir zu helfen sucht?

Veland

Ihr seid berufen, mir auf fürchterliche Art
und nicht nach eures Herzens Wunsch mir beizustehn.

Ai

Nun fletschest du schon wieder deine Zähne, Wicht.
Noch eben blickten deine Augen flehentlich,
und schon entzucken ihnen Blitze düstrer Wut.
Niemand ist deiner sicher, und man sagt mit Recht,
wenn du mit weicher Tatze irgendwen berührst,
erfühlst du nur die Stelle für den Prankenhieb.

Veland

verändert

So ist es, Bürschlein, kommt denn näher zu mir her,
denn die Gevattern logen nicht, die das gesagt.

Ingi

Doch du, als du uns von den goldnen Scheiben sprachst,
die du uns zeigen wolltest! nun, wo sind sie denn?
Die Götter spielten einst damit im Himmelreich:
so sagtest du, in ihrer Kindheit, und es klang
vom Flug des goldnen Götterspielzeugs hell die Luft.

Veland

Ah, wartet, gleich erinnr' ich jenes Wurfgolds mich:
zwölf runde Platten waren es, schwerlötigen Golds.
In Ruhe lagernd: jede gleich dem vollen Mond –
geschleudert: jede einer bunten Sonne gleich.
Dies Spiel bedurfte keines Lichtes in der Nacht,
so hell ward von der Gotteskinder Jauchzen, ward
vom herrlichen Getön des Spielwerks und vom Glanz
der Mond- und Sonnenwürfe alles überflammt. –
Ein Teufel stahl sie, stahl die goldnen Scheiben, und
die Götter wurden alt und grämlich, welk und kalt.

Ingi

Bist du der Teufel, der sie, stahl?

Veland

Mir zeigte sie,
o weh! die Schwanenflüglige die mich verriet,
doch auf Verrat ist ja dies ganze Sein gestellt!
Und beide trugen wir gemeinsam sie ans Licht
aus einer tiefen Spalte, die im Wolfstal klafft.
Wie bald erscholl das ganze Tal vom Vogelsang!

Ingi

Nun also, diese Wunderscheiben zeig uns jetzt! –
Er schweigt! Er ist nicht bei sich. Was geschah mit ihm?

Ai

Veland! He, Veland!

Ingi

Weit die Lider aufgesperrt,
kehrt er das Weiße seines Auges uns nur zu.
Die Sterne scheinen rückwärts in sein Haupt gewandt.
Wir wollen gehn. Ruf nochmals seinen Namen laut,
damit er uns entlasse durch die erzne Tür.

Ai

Veland!

Ingi

Er hört nicht. Einen neuen Possen hat
er ausgesonnen, uns zu ängsten. Zittert nicht
das ganze Scheusal leise wie ein Espenblatt
und scheint, in sich versunken, blind und taub zu sein?

Ai

Musik, Getöne wie von Erz und Saitenspiel,
hörst du es auch?

Ingi

Und niemals hört' ich ähnliches
Geräusch: dazwischen Pochen wie von Hammerschlag.
Wo kommt es her? Von allen Seiten dringt es zu.

Ai

Du irrst: es bebt aus seiner Stirne, seiner Brust hervor.

Ingi

Ja, du hast recht. Wie urgewaltig braust es auf,
die Flut dringt an. Kaum halt' ich auf den Füßen mich.
Er schwitzt Gewalt aus, dröhnt von göttergleicher Macht.

Ai

Horch, süße Stimmen schweben jetzt aus ihm empor.
Oh, braucht' ich dieses Jubilierens Himmelslaut
doch nie mehr missen bis zum letzten Atemzug!

Gesang weiblicher Stimmen

Durch Myrkwid flogen Mädchen von Süden.
Sie saßen am Strand der See und ruhten.
Schönes Linnen spannen die südlichen Frauen.
Ihrer eine hegte sich Egil, Slagfider die zweite.
Aber Herware Allweiß nahm Veland zum Weibe.

Veland

Weh mir! Herware, horcht doch, Schwanenflügelschlag,
er flieht, ein letztes Blinken, übern Firn davon;
gen Süden eilt sie wieder hin, von wo sie kam.

Gesang weiblicher Stimmen

Vom Weidwerk kamen die wegmüden Schützen
Slagfider und Egil, fanden öde Säle,
gingen aus und ein und sahen sich um.
Da schritt Egil ostwärts Älrunen nach,
und südwärts Slagfider, Swanwit zu finden.

Derweil im Wolfstal saß Veland,
schlug funkelndes Gold und festes Gestein
und band die Ringe mit Lindenbast.
Also harrt' er seines holden
Weibes, wenn sie ihm wiederkäme.

Ai

Auf einmal schweigt nun alles wieder. Ist er tot?

Veland

Ich bin's, weil ich aus diesem Traum erwachen muß
und meines Feindes Nestbrut sehe, der mich hier
festband, daß ich mein Liebstes nicht verfolgen darf.
O Not! o namenlose Not des Darbens! – Doch
Geduld! Der Rache Flügel sprossen deutlich schon
am künstlichen Gestricke meiner blutigen List,
und bald entheben Riesenschwingen mich davon,
ihr, der Vermißten, nach: sie kann mir nicht entgehn.
Zieraffen, kommt nun, tretet in die Kammer ein.
Millionen euresgleichen wirft der Mütter Schoß,
damit Jarl Harald seinen Acker düngen kann
mit Jünglingsblut. Auch ich nun fordre meinen Zoll
von ihm: denn auch mein Garten soll nun bald erblühn.

Ai

Öffne die Pforte, Unhold, ich befehl' es dir!

Veland

Und ich befehle dir und ihm: tritt hier herein!

Ingi

Ai, tritt zurück, hier riecht es nach geronnenem
Blut, rost'ge Eisenketten lagern dort umher
und bärtige Köpfe, blutbesudelt, wie mir scheint.

Ai

Unwiderstehlich zieht ein unsichtbares Netz
mich dorthin. Dies sind tück'sche Zauber, laß mich frei!
Der Kronprinz bin ich, werde einstmals König sein,
und wer mir nicht gehorcht, dem blüht der Henkersblock.

Veland

Ich zeig' euch eine Kiste, ganz aus schwerem Erz,
darin ich die zwölf goldnen Scheiben aufbewahrt.
Das Götterspielzeug wartet eurer, greift hinein.

Ai

Behalt dein Spielzeug. Laß uns frei, sonst will ich dich
lehren, welch eines starken Herrschers Blut ich bin.

Veland

Dir hilft kein Flehn, dein Weg ist vorgezeichnet.

Ai

Wie?
Gebieten nennst du Flehn, armseliger Feuerwurm?

Ingi

Oh, laß uns leben, laß uns leben, Veland!

Veland

Er
weiß besser, welcher Augenblick für euch erschien.
Hurtig! Seid mir doch dankbar! Denn was mühsam sich
andre erarnen in jahrzehntelangen Mühn,
euch, die ihr noch nicht flügge seid, fällt's in den Schoß.

Ai

Jarl Harald! König Harald, höre deinen Sohn!
O hätt' ich doch gemieden diesen Velandsholm
und dein Gebot nicht übertreten. Rette mich,
mein Vater, hilf, aus tiefer Not schrei' ich zu dir!

Veland

Dies tat ich oft. Sei sicher, daß er dich nicht hört.

Ai

Ingi, reiß mich zurück!

Ingi

Mich selber spült es fort
mit dir, als wären wir im Strudel eines Stroms.

Beide werden magisch fortgezogen durch das Pförtchen eines Verlieses, in dem schwere Ketten rasseln.

Ai

von innen

Mir graut. Hier kriecht in schwarzen Lachen Giftgewürm.

Ingi

O Sonne, Wiesen, Wogen, Meer und Vogelsang!

Veland

Des Kastens erzner Deckel gähnt: blickt nur hinein,
und aller Wünsche höchster ist sogleich erfüllt.

Man hört krachend den Erzdeckel der Kiste zuschlagen. Danach ebenso die Pforte des Verlieses.

Nun ist's geschehn, und wie auf dein Gebot man einst
die Sehnen mir durchschnitt, so tat ich heute dir.
Doch weiter nun ans Werk, ans Werk! Die Zeit vergeht. –
Doch welch ein Laut ist das? Ketill, der Schafhirt, scheint's.
Vor ihm ist keine Rettung. Seiner Flöte Ton
macht erzne Pforten schmelzen, alle Riegel auf.

Ketill tritt Flöte spielend ein. Weiche, heilandartige Erscheinung.

Ketill

setzt die Flöte ab

Erlaube, daß ich dich besuche, fleiß'ger Schmied.

Veland

Du kamst zu mir und hast mich nie deshalb gefragt.

Ketill

Ich kam, wenn du mich riefest aus gequälter Brust.

Veland

Hab' ich dich je gerufen, tat ich's ohne Laut,
nie hörte jemand Veland um Erbarmen flehn.

Ketill

Dein Los allein schon, Veland, fordert es heraus.

Veland

Nicht mehr, Ketill! Bald wirst du dessen Zeuge sein.

Ketill

In Reichtum wühlend und in Schätzen ohne Maß,
lebst du als Ärmster aller Armen hierzuland.

Veland

Nicht mehr, nicht mehr! Und hin ist alle Not, Ketill.

Ketill

So sprachst du oft, wenn blut'ger Schweiß von deiner Stirn
herabtroff und das bleiche Graun in deinem Blick
vom Bohren deiner immer offnen Wunden sprach.
Des Leiden ist unsterblich, der unsterblich ist.

Veland

Du lügst. Unsterblich bin ich, aber nicht mein Leid.
Noch heute brenn' ich selber es für ewig aus.

Ketill

Allein, noch schüttelt's dich, die Zähne klappern dir
umsonst nicht so vor Frost. Trink dies, es nimmt
das Fieber, nicht nur meinen Schafen tut es gut.

Veland

Dies Fieber stillet dein armseliges Tränklein nicht.

Ketill

So mögen meiner Flöte Klänge, wie schon oft,
dir Lindrung träufeln in der Seele wilde Glut.

Veland

O dieser Flammen Wollust, Schafhirt, kennst du nicht.

Ketill

Und doch, könnt' ich sie dämpfen, Schmied, ich tät' es gern.

Veland

Du kannst kein Blut sehn, Rache aber stillt nur Blut.

Ketill

Gern würd' ich meins vergießen, könnt' ich nur damit
auslöschen diesen fürchterlichen Rachebrand;
wahrlich, er legt die ganze Welt in Asche noch.

Veland

Gib hin dein Blut, für wen du magst, mich dürstet nicht
nach deiner Arzenei, denn meine steht bereit,
von ihren glühen Läuterbränden ahnst du nichts.

Ketill

O Veland, tue denen wohl, die Übles tun,
und liebe, die dich hassen, dir zum ew'gen Heil.

Veland

Ich lache deiner, und es lachen dein noch mehr
die Unsichtbaren; deren Lefzen fließen schon
vor Gier, weil sie nach meinem Gastmahl hungrig sind.
Und nun, Ketill, getreuer Knecht, heb dich hinweg.
Es drängt die Zeit, und Bui und Boddi bitten schon
zu meiner Hochzeit. Richten muß ich eilig jetzt
für das Gelage Hochsitz, Becher, Wein und Brot.

Ketill

O segne, die dir fluchen, Schmied, und fluche nicht
dem Fluchenden: denn du verdoppelst nur den Fluch,
und Doppelfluch erwürgt den Segen ihm und dir.

Veland

Zu spät, Ketill. Schon band ich los den Höllenhund,
und eh er ganz nicht seinen blut'gen Fraß verzehrt,
zwingt ihn an seine Kette wiederum kein Gott.

Ketill

Leb wohl und denke mein in aller deiner Not.

Veland

O Not, o heil'ge Not, nun erst erkenn' ich ganz,
daß du es bist, die mich zum Gott emporgesäugt.

Ketill

Leb wohl. Bedarfst du meiner dennoch, rufe nur.

Veland

Bleib! Gerne hört' ich immer deiner Flöte Klang,
und deiner sanften Herde Rauschen war mir lieb.
Oft, wenn ich es vernahm, entspannte sich mein Hirn,
das brennende, das lange Nächte durch umsonst
gerungen um Erlösung von des Wachens Qual.
Da schlief ich ein und hatte Frieden, wußte nichts
von meiner Schmerzen Wut. Und dafür sei bedankt. –
Fast ist mir weh, wo du nun von mir gehst, Ketill,
denn dies ist wohl zum letztenmal, daß ich dich hier
erblicke. Mit dem Tagesgrauen fahr' ich hin
von diesem Unheilsholme, weit ins Morgenrot.
Nur meiner Qual Gespenster bleiben hier bei dir.
Ade, du lieber Schäfer! Dank! Und nochmals Dank!

Ketill

Soll ich im Scheiden spielen, oder hast du nun
schon bessere Musik und brauchst die meine nicht?

Veland

Du guter Hirte, spiele, deine Flöte hab'
ich nicht umsonst aus heil'gem Weidenholz gefügt
von einem Ast, auf dem Herware saß und sang
und strählte ihres schweren Haares goldnen Strom.
Laß ihrer Stimme einen fernen Widerhall
das Herz mir hüpfen machen in entmenschter Brust.
O Täler, Gärten, Inseln ihr voll Seligkeit,
an deren Brust mein Flügelpaar nun bald mich trägt,
wenn erst die Furt des blut'gen Sumpfs durchwatet ist.

Ketill hat sich entfernt. Sein Flötenspiel ist verhallt. Veland nach kurzem verfinstertem Schweigen

Wie kommt's, daß du erblassest, Veland, und dein Herz
aussetzt, wie eine Feldmaus sich nicht mehr bewegt,
wenn eine Faust von Eisen sie zusammenpreßt?
Du bist allein, und deine Brust verrät es dir
im Wollustkerne deiner übersel'gen Tat.
Du stießest manchem Feuersee den Zapfen aus
und brülltest auf, wenn sich das flüssige Metall
weißglühend in die Form ergoß. Was bist du nun
so kleinlaut? hast auf deiner Stirne Todesschweiß
und Totenstarre in der eiseskalten Hand,
wo zeugend sich der Rache Glut ergießen soll? –
Es bricht durch Eis und Schnee des Heklas rote Brunst,
er schmilzt Gestein und wälzt es kochend ab zu Tal,
in Liebeshaß verheerend, was ihm widersteht.
Wach auf, Bödwilde, furchtlos tritt zu mir herein!

Bödwild erscheint wiederum.

Bödwild

Wann wirst du aus dem Traume mich entlassen, Schmied?

Veland

Nicht eh zu Ende dieser ganze Traum geträumt,
wenn du für Traum dies halten magst, o Königskind.

Bödwild

Obgleich dies alles wirklich scheint, ist es doch Traum.
Seit du mich einst als Kind auf deine Arme nahmst
und ich aus vollem Halse schrie, mich zu befrein,
träumt' ich den Traum und alles, wie es jetzt geschieht.

Veland

Und wie, wie war der Traum, den du so oft geträumt?

Bödwild

Wenn ich die Augen kaum geschlossen, spricht zu mir
der Vater: Meide, meide, Kind, den Velandsholm.

Veland

Und dann?

Bödwild

Versprech' ich es und tu' es wiederum
trotzdem, wie heut, und wie ich's auch vordem getan.

Veland

Was also tatest du?

Bödwild

Den Holm besucht' ich doch.

Veland

Trotzdem er sagte: Meide ihn?

Bödwild

Gewiß, trotzdem.

Veland

Allein, du sagtest eben doch, du träumtest jetzt.

Bödwild

Ach ja, das kommt, weil Träume stets verwirrend sind.

Veland

So bist du also wahrhaft hier und nicht im Traum?

Bödwild

– Hier bin ich wohl, gewiß, wo sollt' ich anders sein?

Veland

Zu Haus, in deinem königlichen Bett, Bödwild.

Bödwild

Du Ausgeburt des Traums, wie seltsam doch, daß du
zurecht mich weisest und den Irrtum richtigstellst.

Veland

So liegst du nun im Bett und schläfst?

Bödwild

Ja, wenn man will.
Ein sonderbarer Schlaf ist freilich solch ein Traum.

Veland

Erwachst du nun wohl lieber oder träumest fort?

Bödwild

Erwachen, fürcht' ich, steht jetzt nicht in meiner Macht.

Veland

Da sprichst du lautre Wahrheit aus im tiefsten Traum.

Bödwild

So sagst du immer, und so stierst du stets mich an,
wenn du mit deinem fürchterlichen Alpdruck drohst.
Allein, ich schreie, und so weck' ich selbst mich auf.

Veland

Versuch's.

Bödwild

Weshalb? Ich weiß ja, Unhold, Traum ist Traum.

Veland

Du wagst es nicht. Und das ist gut. Sei ganz ein Lamm,
so fühlst du nicht die mag'sche Fessel, die dich lähmt.

Bödwild

Aus hundert Träumen kenn' ich deine Tücke, Wicht,
heut sollst du mich nicht lähmen, wie so manches Mal.

Veland

Zerschlage doch das Gruftgewölb', das dich bedeckt.

Bödwild

Du sprichst von einem Gruftgewölb', das nicht besteht.

Veland

Nun gut, nun also: wenn du träumst, was träumst du denn?

Bödwild

Ich möchte heim, und etwas hemmt mich fort und fort.

Veland

Was hemmt dich denn?

Bödwild

Bald ist es das, bald ist es das.

Veland

Und was?

Bödwild

Ein Brautschmuck bald, bald eine Tür und bald
der König und die Seinen vor dem Velandsschacht.

Veland

Und solche Not bereitet dir der Velandstraum?

Bödwild

Stets, und noch größre, doch ich kenn' ihn allzugut;
selbst heute, wahrlich, jagt er wenig Furcht mir ein.

Veland

So ist der Traum wohl, sage, heut besonders schwer?

Bödwild

Gewiß, weil heute im Palaste Hochzeit ist.

Veland

Wo ist die Hochzeit? Und wer wird vermählt, Niarenkind?

Bödwild

Bödwild, des Königs Tochter, weißt du das nicht, Schmied?

Veland

Mit wem wird sie vermählt? Mit Veland?

Bödwild

Bist du toll,
Gespenst? Mit König Gunnar, wie ein jeder weiß.

Veland

Gunnar? Ist das nicht das geleckte Milchgesicht?

Bödwild

Gunnar ist Gunnar, Knecht, und weiter sag' ich nichts.

Veland

Ich bin der Schatten deines Traums, hast du vor mir
Geheimnisse, Bödwild, vor deinem andern Ich?

Bödwild

Gibt es doch Dinge, die man selbst sich nicht gesteht,
und du, mein andres Ich, du machst mich lachen, Schmied.

Veland

Demnach, so scheint es, Liebchen, träumst du wieder nicht.

Bödwild

Wie wagst du mich zu nennen, ekles Nachtgezücht?

Veland

Was tut's, du träumst ja nur.

Bödwild

Nimm dich in acht, es packt
mich zehnfach heftig kalter Jähzorn oft im Traum.

Veland

Es ist die Angst des, den lebendig man begrub.

Bödwild

Laß mich hinaus, im Hochsitz prangt der Vater schon,
im Schmucke steht die Mutter da und ihre Fraun.
Die Hörner schmettern, und des Volkes Woge jauchzt.
Der Bräut'gam harrt und seine Fürsten um ihn her.

Veland

Laß Väter thronen, Mütter harren, laß Gunnar
stehn blöde wie den Ochsen vor dem Tor: was tut's?

Bödwild

Wenn bei dem Hochzeitsfest die Braut fehlt, tut das nichts?

Veland

Nur keine Angst, nur keine Angst, du träumst ja bloß,
von Kindheit auf ist dir bekannt der Velandstraum.

Bödwild

Scheußliche Fratze, freilich, ja, ich träume, ja!
Doch seh' ich meine Mutter aufgelösten Haars
nach Ai und Ingi rufen, des Palastes Tor
verlassen, wilden Blickes, auf den Lippen Schaum.

Veland

Dein Velandstraum, nichts weiter, den du längst ja kennst.
Auch Harald Schönhaar hat ihn oft geträumt
im Königsbett. Indes aus jeder Pore ihm
in kalten Perlen brach der gift'ge Todesschweiß.

Bödwild

Ich will nun wachen.

Veland

Packt nun doch die Angst dich an?

Bödwild

Geschmeiß! Nie! Hocktest du leibhaftig selbst vor mir.

Veland

So recht! Stolz muß der Nacken sein, den Veland sich
mit ruß'gen Arbeitsfäusten beugt und, muß es sein,
auch krachend bricht. – Komm nun, laß uns zu Bette gehn.

Bödwild

Daran erkenn' ich meinen Velandstraum. Daran
erkenn' ich ihn und will geduldig warten, bis,
wie immer, mich die Wintersonne freundlich weckt.

Veland

Wie aber setzt dein Velandstraum sich weiter fort?

Bödwild

Ich rufe Hilfe!

Veland

Rufe nur, soviel du magst.

Bödwild

Hört mich – ich rufe Hilfe – drüben im Palast!

Veland

Sie hören dich, auch sandt' ich meine Boten schon,
und ihre Schiffe stoßen schon vom Ufer ab.

Bödwild

Ich bin gelähmt.

Veland

Das bist du.

Bödwild

Rettet, rettet, eilt!

Veland

Blick her nun, König Harald, und du, Königin,
so wickelt Veland langsam sich um seine Faust
dies fürchterliche Gold, das eurem Blut entquoll.

Er wickelt das offne Haar Bödwilds um seine Faust.

Bödwild

Ich bin gelähmt, Erbarmen!

Veland

Kein Erbarmen! Nein!

Bödwild

Veland, Erbarmen!

Veland

Dir entflieht zum zweiten Mal
ein Wort, das deinen stolzen Lippen selbst im Traum,
nun gar in deinem Velandstraum, sonst nie entschlüpft.

Hornruf.

Bödwild

Schon hör' ich König Haralds Horn. Hier bin ich! Hier!

Veland

So ist es, ja, die Hochzeitsgäste nahn, mein Lieb.
Doch meine Riegel weichen nur auf mein Geheiß.

Bödwild

Ach, wehe!

Veland

Welches Labsal, dieser Weheschrei.
Wie tief vertraut. Schon er allein vermählt dich mir.

Bödwild

Nimm weg die wilde, rohe Faust aus meinem Haar!

Veland

Lösch aus die Glut, die Haar und Hand mir jetzt verschmilzt.

Bödwild

Du machst mich wehrlos, niedriger, gemeiner Wicht!
Fort, fort, unreiner Griff, hinweg aus meinem Schopf!

Veland

Er nimmt ein Bad, es badet die verfluchte Faust,
die Frönerfaust, von allem Staub und Ruß sich rein.

Bödwild

Furchtbarer Teufel, laß mich los!

Veland

Mit diesem Wulst
bleibt meine Hand verbissen, meine Faust vermählt,
bis wir vom Hochzeitslager wieder auferstehn.

Bödwild

Fort, Kröte, ich zertrete dich!

Veland

Wie's dir beliebt.
Tu, was du kannst und magst, ich will das gleiche tun.

Bödwild

Tier!

Veland

König Harald, König Harald, sieh, nun sieh!

Bödwild

Tier! Niemals!

Veland

Bödwild, Bödwild! Bödwild! Bödwild! Oh!

Sie sinken umschlungen hin. Längeres Stillschweigen. Dann hört man

Gesang weiblicher Stimmen

Durch Myrkwid flogen Mädchen von Süden.
Sie saßen am Strand der See und ruhten.
Schönes Linnen spannen die südlichen Frauen,
ihrer eine hegte sich Egil, Slagfider die zweite.
Aber Herware Allweiß nahm Veland zum Weibe.

Die Hörner Haralds tönen näher und näher.

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