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Gerhart Hauptmann: Veland - Kapitel 3
Quellenangabe
authorGerhart Hauptmann
titleVeland
publisherPropyläen Verlag
editorHans-Egon Hass
year1971
isbn3549051437
firstpub1925
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20161121
projectid72b2911f
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Erster Akt

Die Schafinsel. Eine flache Ödenei mit spärlichem Graswuchs. Zwischen Blöcken der Eingang in die Werkstatt Velands. Diese selbst ist unterirdisch. Erster und zweiter Strandwächter, Bui und Boddi, schwer bewaffnet, langsam den Strand abschreitend.

Bui

O widerwärtig schauderhafter Dienst, den uns
Harald, der König, aufhalst: immer nur den Strand
von dieser wüsten Insel abzuschreiten.

Boddi

Er
straft uns. Zwar weiß ich nicht, womit wir es versehn
und seine Gnade uns verscherzten; doch wir sind
verbannt, so viel ist sicher.

Bui

Heißt es auch, daß wir
bestellt sind, Veland zu bewachen, dieses Vieh,
das einem Menschen kaum von ferne ähnlich ist:
wir selbst sind die Gefangnen!

Boddi

Und bei alledem
erpreßt man noch von uns den Zoll der Dankbarkeit;
denn, sagt man, dieses Untier zu bewachen, ist
der Tüchtigste, der Tapferste kaum gut genug.
Und eine Last von Ehren sei auf uns gehäuft,
indem man uns zum Wächteramte auserwählt.
Wahrlich, ich wüßte keine Last, die ich so gern
ins Meer versenken würde.

Bui

Aus der Seele hast
du mir gesprochen, Bruder. Oder legte endlich doch
auf andre Harald unsre ehrenvolle Last!

Boddi

Als König würd' ich töten diese Nachtgeburt
Veland! Ich bin ein Krieger zwar, und, weiß es Gott,
Furcht hat sich mir im Schlachtgetümmel nie genaht;
allein, sooft ich diesen bleichen Unhold, dies
gelähmte Scheusal, diesen fürchterlichen Schmied
erblicke, läuft es eisig übern Rücken mir.
Ja schon, wenn seine Höhle in der Nähe ist.
Und dabei heißt es, daß er unsern König haßt
und nur das Leben deshalb trägt, um sich an dem
zu rächen, der so furchtbar ihn verstümmelt hat.
Wer aber tat das?

Bui

König Harald, niemand sonst.

Boddi

Und wo und wie geschah es? Weißt du's, sag es mir.

Bui

Im Wolfstal. König Harald hatte sich im Herbst
mit vielen seiner Mannen dorthin aufgemacht.
Sie ritten viele Tagereisen, ehe sie
am Fuße des Gebirges waren, drin es liegt.
Und manche Tagereise klommen sie hinan,
eh sie das Tal erreichten. Selten nur betritt
das abgelegne, felsumschloßne Menschenfuß,
und außer Atli, der des Königs Koppel führt,
kennt nur der Bär, der Adler nur den Weg dorthin.
Und, sagt man, böse Geister.
Mitteninne nun
im Tal liegt, ewig unbewegt, ein kleiner See.
Die Flut ist grundlos! Und am Ufer fanden wir
die Höhle Velands, aufgetürmt wie diese hier.
Rauch stieg aus ihrem Dache.

Boddi

Also warest du
auch damals von der Fahrt.

Bui

Und nie vergess' ich sie.

Boddi

Und merkte Veland euer Nahn? Des Luchses Ohr
hört nicht so fern Geräusche, als sie seines hört,
und keines Hundes Witterung war je so fein
als seine. Und sein Auge blicket adlerweit.

Bui

Es sollte wohl uns übel ausgeschlagen sein,
wenn er daheim war, der an Kraft ein Riese ist.
Allein, verlassen glimmte nur im leeren Haus
der Herd und sandte durch die Esse dünnen Rauch.
Wir traten unbehindert in das Innre ein. –
O Himmelsvater, welch ein Reichtum glänzte da
dem Jarl ins Auge! Aus geschwärzter Wölbung hing,
auf Lindenbast gereiht, der Ringe goldner Hort:
Armring und Fußring, Zauberring und Siegelring.
Die Last war groß und für zwölf Rosserücken wohl
zu schwer. Solch eine Goldlast sah ich nie seitdem.
Vergessen war da ganz im Augenblick die Jagd.
Was war uns jetzt der Höhlenbär und jedes Wild
außer das goldne: die bequeme Beute, die
uns ohne Hatz und ohne Kampf ins Eisen sprang
und jede Faust besinnungslos zum Raube trieb.
Allein, Jarl Harald hatte kaum die Wut erkannt,
als er mit harter Stimme jeden Griff verbot
ins fremde Gut des Schmiedes, und er sagte so:
»Der Schmied gilt mehr als hundertfach des Schatzes Wert,
ihn und nicht Gold, das doch von Hand zu Händen geht,
sollt ihr mir fangen und zu ew'ger Knechtschaft mir
heimschleppen. Dann erst nehmt, was er im Hause hat,
und teilt es nach gerechtem Spruche unter euch!« –
Und so geschah's. Wir hielten lange lauernd uns
versteckt im Hinterhalt, bis Veland endlich kam.
Da zagte mancher, der ihn sah und der das Wild,
den Bären, sah, der seine breite Schulter kaum
zu drücken schien, so ungebunden war sein Schritt.
Denn damals stand er ja noch aufrecht, war noch nicht
wie jetzt durch König Haralds List verstümmelt und verschrumpft.

Boddi

Geschah das gleich, durchschnitt man gleich die Sehnen ihm
an seiner linken Ferse und am rechten Knie?

Bui

Wir banden ihn, als er ermüdet von der Jagd
in unerwecklich tiefem Schlafe röchelnd lag.
Und erst hier auf dem Holm, als man die Fesseln ihm
abnahm, damit er durch die Werke seiner Kunst
sich nützlich mache, hat man ihm den Fuß gelähmt.

Boddi

Sein Los ist bitter. Und mich kommt es bitter an,
des vordem Freien schmähliche Gefangenschaft
bewachen, drin zum Tiere er entartet ist.
Doch sieh, dort kommt des Königs Jäger, Atli, her.
Wer hat sein Boot ihm durch des Sundes Eis gezwängt
Und wichtig muß die Botschaft sein, die er uns bringt.

Atli

ist eilenden Schrittes herangekommen

Ahoi, ihr Männer! Seid ihr's wirklich? Seid
ihr die Strandwächter, die ich suche, oder
nur wieder Schatten, die im Nebel schwinden?

Bui

Wir sind die Wächter, Bui und Boddi, fürchte nichts.

Boddi

Wer Bui und Boddi trifft, der ist in guter Hut.
Was aber, Atli, willst du auf dem Holme wohl
jagen? Denn weder Bär noch Eber gibt es hier.
Hier haust nur Seegevögel, und du wärest nie
ein Mann, der gerne Vögel oder Fische fing.

Atli

Wie gerne fing' ich Fisch und Vogel und
was für ein zahmes Wild ihr immer wollt,
müßt' ich nur nicht auf dieser Wildspur keuchen,
die nun der Drost samt allen seinen Dienern
seit Tagen schon in bittrer Not verfolgt.
Ihr Männer, Ai und Ingi sind verschwunden.

Bui

Die Königsknaben, Ai und Ingi, meinst du sie?

Boddi

Die Sprossen meinest du aus Harald Schönhaars Blut,
wovon des Königs ganzer Stamm ergrünet war,
die Augensterne Älruns, unsrer Königin?

Atli

Ja, sie! Sie eben mein' ich, niemand sonst.
Nach ihnen haben wir, der König selbst,
des Königs Mannen, haben Knecht und Magd
das Land auf allen Wegen abgesucht,
auf manchem tagereiseweiten Ritt
und Gang Gebirge, Wald und Feld durchforscht.
Das Schleppnetz suchte sie am Meeresgrund
und tief im Bett von Flüssen und von Seen.

Bui

Traf König Harald Schönhaar solch ein Schicksalsschlag,
so wird das höchste Glück von Göttern wohl gewährt,
damit, in trügerische Wonnen eingewiegt,
der Mensch nur um so sichrer ihrem Haß erliegt.

Boddi

Ist irgend etwas noch, das leise Hoffnung gibt,
sie doch noch, und noch lebend, aufzufinden? Sprich.

Atli

Ein andres Etwas jeden Augenblick.
Der Jarl fährt immer wieder jäh empor
vom Sitz und herrscht uns an: »Fahrt hier-, fahrt dorthin!«
Ai liebte den und Ingi jenen Ort.
Ein Fischer sah die Königskinder fischen,
ein Jäger Fallen stellen, und so fort.
Die Königin ist still, der Jarl bleibt ruhlos,
das Unabänderliche faßt sein Kopf nicht.
So hat er jetzt mich auf den Holm gesandt,
nach den Vermißten umzufragen. Und
ich frage, frage aber hoffnungslos.

Bui

Wie kämen Ai und Ingi auf den Velandsholm –
für Knabenhände eine allzu harte Fahrt!
Und dann ist hier der undurchdringlich strenge Wächterring,
dem nichts, was sich dem Ufer naht, entgehen kann.
Nie hat der Königskinder Fuß es je berührt.

Atli

Ich weiß es, weiß, daß du die Wahrheit sagst.
Fänd' ich die Knabenleichen angespült
im Sande hier und brächte sie dem König,
es überträfe schon mein Hoffen weit.
Denn mit den Toten brächt' ich ihm die Ruhe.
So aber: Ungewißheit zehrt ihn auf
und trinkt sein Blut gleich einer Otter, die
sich in die Brust ihm einbiß und nicht losläßt.
Wo kommt der Rauch her, der dort drüben aufsteigt?

Boddi

Aus Velands Schmiede. Hörst du denn sein Hämmern nicht?

Bui

Hör, Boddi, ein Gedanke schießt mir durch den Sinn.
Warum hat man bei Veland noch nicht Rats erholt?
Es geht die Rede, daß er manches andre noch
versteht als nur die Kunst, die Gold und Eisen schweißt,
und eine Greisin hört' ich von ihm sagen einst,
er wisse das Verborgne, was im Bauch der Erde, was
in Luft und Himmel waltet, in Vergangenheit
und Zukunft sich versteckt hält. Und so ist es auch:
mir hat er meines Weibes Tod vorausgesagt.

Boddi

Warum gedachte wohl der König Velands nicht,
der doch des Schmieds geheime Kräfte besser kennt
als irgendwer, und klagte ihm nicht seine Not?

Bui

Warum nicht? Du hast recht. Wär' ich in gleicher Not
als wie der Jarl, vor allem forscht' ich Veland aus.

Atli

Wenn sich's verhält, ihr Wächter, wie ihr sagt,
dann kam ich doch wohl nicht vergeblich her,
und ohne weiter einen Augenblick
durch Schwatzen zu vergeuden, laßt uns gleich
und unverzüglich zu dem Schmied hineingehn.

Bui

Man merkt, du kennst das Tier noch nicht, von dem du sprichst.
Viel eher pressest du den Bauern Hof und Feld
ab, eh du, gegen seinen Willen, diesem Wicht
ein Wort abzwingst. Nur List vermag das und Geduld.
Er haßt die Rede, wie uns immer wieder scheint:
die eigne Rede und die fremde Rede mehr.
Nicht anders als ein Stummer lebt er jahrelang,
und grimmig, zähnefletschend tritt er vor das Tor,
wenn Menschenrede Menschennähe ihm verrät.

Boddi

Und wenn sich endlich würgend Laute seiner Brust
entwinden und du aus des Höhlenbärs Gebrumm'
etwas zu hören glaubst, das einem Worte gleicht,
so schwitzt es, hinterhältig, Gift und Tücke aus
und hält den Sinn geheimnisvoller noch versteckt
als Schweigen.

Bui

Atli, er hat recht: so ist der Mann.
Noch immer muß man ihn belauern, will man ihm,
es sei nun, was es immer sei, abnötigen.
Und deshalb folgt mir, denn am längsten kenn' ich ihn,
ich kenne seine Schliche seit dem Wolfstal schon.
Wir liegen hier geduldig still im Hinterhalt.

Sie treten hinter Steinblöcke, von wo sie ungesehen den Eingang der Höhle überblicken können.

Aus der Schmiede tritt nun Veland der Schmied: ein mächtiges menschliches Urtier. Rostrote, langzottelige Behaarung bedeckt fast seinen ganzen Körper. Er schleppt einen Fuß nach. Er erklettert die Spitze eines Porphyrblockes und hockt dort nieder, in die trübe, zur Meereswoge sinkende Sonne starrend und von ihr blutig blaß beleuchtet.

Veland

Verdammte Schöpfung, bist du immer noch ringsum
bewegt von deines Erbfluchs ungebrochner Kraft?
Luft, die mein Fell zaust und die Brust mir nährend füllt!
Meer, frönend allen Stürmen, selber stürmend auch
und Blöcke gleichsam schleudernd flüssigen Gesteins
wider den fluch- und grambeladenen Velandsholm! –
Und du, du Erde, wüster Schauplatz einer Wut,
die sich in Zeugung spaltet und Vernichtung! Auf
was wartet ihr, das nicht schon längst vollendet ist?

Atli

Dies wäre Veland, der kunstreiche Schmied,
und nicht ein wildes Tier, das aus den Höhlen
der Felsenwüstenei im Hochgebirg'
furchtbar auf Beute ausgeht? Und ist dies
Sprache, an dem sein Schlund zu würgen scheint,
als wär's ein trockner Bissen in der Kehle?

Veland

Weh! Wehe! Wer nimmt auf sich meine blut'ge Tat?
Was fährst du boshaft rachezüngelnd auf mich ein,
Brandung, und schickst mir geiferndes Geschmeiß, gebierst
mir Schlangenbrut, mir tückisch zischendes Gewürm,
das hämisch, schadenfroh und widerlich mich höhnt?
Da! Meine Antwort!

Er hat einen schweren Stein erhoben und in die Brandung geschleudert.

Zur Belohnung nimm mein Brot.

Bui

An sonderbares Tun des Wichts sind wir gewohnt:
allein, wie er sich heut gehabt, befremdet mich.

Boddi

Versuchen wir doch, das Geknurr und das Geraunz
und das Gebell des lahmen Teufels zu verstehn.

Bui

Bei Gott, nun heult er auf: es geht durch Mark und Bein.

Atli

Ich bin ein Jäger, fürchte weder Bär noch Ur,
doch dieser Schrei raubt beinah die Besinnung mir.
Wo brach je so viel Qual und Wut aus einer Brust?

Boddi

Faßt eure Spieße fest, und haltet euch ganz still!
Entdeckt er uns, so schlägt's uns, fürcht' ich, übel aus.

Veland

Mord! Und warum nicht Mord? Was reißt aus mir Geheul
sich auf und sprengt die Luft mit wüstem Klageton?
Lache!

Er tut es laut und gräßlich.

Wer zwingt sich selbst zum Morde, außer dem,
der selbst der Schöpfer ist? Aus Mordgestöhn erblüht
die Welt! Und Blütenmord erschafft die reife Frucht.
Lache! Wer hört nicht überall das Mordgestöhn?
Was lebt, harrt seines Mörders! Ja, sogar der Stein,
auf dem ich hocke, wartet sein voll Ungeduld. –
Hinab jetzt, meine Mutter ist die Nacht, du Licht!
Mag nun die Mutter Haralds Söhne einmal noch
an ihrer Hand hinführen in des Vaters Traum.
Mich aber säuge sie zuvor mit schwarzer Milch
des gnadenlosen Grimmes und bedecke mich
mit undurchdringlichem Gewand, mich und mein Werk:
das meiner Rache Heiligtum im Schoße birgt.

Er hinkt zurück in die Höhle.

Bui

Er sprach von Haralds Söhnen. Habt ihr's auch gehört?

Boddi

Von Ai und Ingi?

Bui

Nein, die Namen nannt' er nicht.
Des Königs Namen stieß er laut und deutlich aus,
und auch der Söhne hat er irgendwie gedacht.

Atli

Auch ich vernahm von Söhnen etwas, sicherlich.
Gedenkt ihr nun noch nicht zu ihm hineinzugehen?

Bui

Ich wag' es nicht. Er hat heut seinen grimmen Tag,
da kennt er niemand, weiß von sich und andren nichts
und schlägt, gereizt, in sturem Wahnsinn um sich her.

Atli

Der Jarl hat wahrlich keinen beßren Knecht als ihn:
schon wieder reiht sich Hammerschlag an Hammerschlag.

Bui

Niemals ermüdet dieser fürchterliche Schmied.
Doch was ist das? Sag, tönt auch dir vor deinem Ohr
ein Schwall von ungewohnten Klängen rauschend auf?

Boddi

Ich höre nur die Brandung, die ans Ufer tost.

Bui

Und aus dem Meeresbrausen hörst du nichts heraus?

Boddi

Jetzt! Ja! Als rollte klingend Erz die Flut heran.

Bui

Das ist vorbei: es war wie Frühlingsdonner, der
fruchtbar und gnädig übers Inselmeer sich wälzt.
Nun aber fällt es aus der Luft wie Saitenklang
von goldnen Harfen, wie die Barden sie im Saal
Jarl Harald Schönhaars schlagen.

Boddi

Es ist wahr, bei Gott.

Atli

Von solchen Klängen haben Männer mir
erzählt. Unglaublich war die Nachricht mir.
Wer einmal sie gehört, so geht die Sage,
und hört sie nicht mehr, der verzehre sich
fortan in Sehnsucht, gleich als hätte er
am Tisch der Götter einmal nur gesessen
und wäre nun gestürzt in Finsternis.

Bui

Atli, auch du hörst diese himmlische Musik.

Boddi

Sie quillt aus Velands Schmiede, ich erkenn' es nun,
und füllt die Luft mit Sonne an und Vogelsang,
mit Grüne, Waldeslust und buntem Blütenhauch.

Bui

Laut schmettern erzne Becken aufeinander jetzt.

Boddi

Was strahlt dort?

Bui

An den Strand gestiegen ist ein Weib.

Boddi

Kein irdisches: vom Himmel ist sie ausgesandt.

Bui

In Gold gehüllt vom Scheitel nieder bis zum Fuß.

Boddi

's ist eine Göttin, die von Himmelsanmut strahlt.

Bui

Goldringe klirren an den zarten Fesseln ihr.

Boddi

Bei Gott, ihr Männer, eine nur ist dieser gleich
an Götterschönheit in Jarl Haralds ganzem Reich,
und das ist Bödwild, König Haralds Tochter selbst.
Doch wie kommt Bödwild auf die Insel? Still, nur still,
ihr Männer, ein Geheimnis, scheint's, enthüllt sich uns.

Bui

Sie kommt, sie schreitet vorwärts. Wohin geht ihr Weg?

Boddi

Sind nicht die schleppenden Gewölke über ihr
durchhellt von ihrer Schönheit Glanz, der aufwärtsbricht?

Bui

Ihr Männer, wohin geht ihr Weg? 's ist unerhört.
Sie schreitet auf die Schmiede zu, sie tritt hinein.
Verschwunden ist der Glanz mit ihr im Teufelsnest.

Atli

Gebt Worte mir, ein Stein drückt meine Brust.
Atem! Das packt mich! Atem! Ich ersticke!

Bui

Die Augen reib' ich mir, als wär' ich eben jetzt
aus jahrelangem tiefem Schlummer aufgestört.
Daß je die Königstochter Velandsholm betrat,
mit Eiden hätt' ich's abgeleugnet vor dem Jarl.
Nun steigt sie so, als wär's ihr ein gewohnter Gang,
sogar in den verrufenen Bau des Knechts hinab.
Wenn dies nicht etwa boshaft ränkevoller Trug,
Blendwerk und Zauber dieses zott'gen Teufels war,
der freilich aller bösen Täuschung Meister ist.

Boddi

Dies kann den Kopf uns kosten, Bui, hast du's bedacht?
Schon schneidet Schwertes Schärfe in den Nacken mir,
denn dies war Bödwild wirklich, sieht man doch im Sand
noch klare Spuren, die ihr Fuß hineingedrückt.

Atli

Ins Boot, ihr Männer, und zum Jarl sofort,
denn offenkundig ist's, daß dieser Schmied
mit Höllenkünsten Bödwild an sich lockt.
Und was der Vater alles Bösen tut,
das wahrlich tut er nicht in guter Absicht.

Bui

Wohl, Atli, doch verzieht noch einen Augenblick:
erstlich, weil wir ein beßrer Schutz zu dreien sind
für dieses höchste Gut aus König Haralds Schatz –
wer weiß, ob es des Schutzes nicht sofort bedarf –,
und dann, weil ihr geduldig auf der Lauer hier
noch mehr etwa und Wichtigeres wohl erfahrt.
Schon tritt sie aus der Schmiede wiederum hervor.
Still! Laßt uns keinen Laut verlieren, wenn sie spricht!

Bödwild tritt wieder aus der Schmiede hervor. Sie spricht rückwärts in die Schmiede hinein.

Bödwild

Knecht, Knuten gibt es, deinen ekelhaften Leib
mit Schwielen zu bedecken. Hüte deinen Blick!
Und eh mich jemals deine plumpe Arbeitsfaust
streife: viel lieber nehm' ich einen Tausendfuß,
als das zu dulden, ruß'ges Scheusal, in mein Bett.

Veland tritt ebenfalls, hinkend, aus der Schmiede.

Veland

Und dennoch greifen meine goldnen Spangen dir
ins Haar, das niemals eines Buhlen Hand gefühlt,
um die Fußknöchel fassen dich mit goldnem Zwang
Fesseln, goldelfenbeinern, meiner Finger Werk:
und so liebkosen meine Finger dich durch sie.
Und was meinst du zu meinen Schlangenringen denn,
die in das blonde Fleisch des Oberarmes sich
dir schwelgend wühlen, fest im Biß mit ihm verstrickt.

Bödwild

Wahnschaffnes Untier, aberwitz'ger Höllenhund:
wär' Gold nicht Gold, nicht rein geläutert durch die Kraft
des Feuers und von aller Schlacke rein geglüht,
ich streifte schaudernd das Geschmeid' vom Leibe mir,
so widert dein zudringlich geiles Wort mich an,
unflät'ger Krüppel, hassen dich die Götter so,
daß sie dich zwingen zu besudeln, was allein
an dir noch rein blieb, deines Künstlerfleißes Werk?

Veland

Meinst du, es müsse jeder ein Verschnittner sein,
der, Bildnerei zu bilden, Lust und Kunst besitzt?
Du irrst: die Brunst der Wildnis schuf das Roggenfeld.
Die Brunst des Meisters, sie allein, schmilzt rotes Gold
und knetet es zu köstlichen Gebilden um.
Die Brunst der Liebe nicht nur, auch des Hasses Brunst.

Bödwild

Nun, kannst du anders Ringe denn und Spangen nicht
vollenden, hilf dir mit dem Haß, was mich betrifft.
Und muß es Brunst sein, schenke mir des Hasses Brunst.
Nur fülle weiter mit Kleinoden meine Kammer an.

Veland

Genug nun der Kleinode hab' ich dir geglüht,
genug des Spielzeugs, dem dein Fleisch nur Wert verleiht,
ein neu Verlangen packt mich übermächtig an:
des Feuers Samen auszusän in Weibes Schoß
und rächend einen Gott zu zeugen wie mich selbst,
zum Leid verdammt, zu schmählicher Entwürdigung
und, ihm zu ewigem Gram, aus meines Todfeinds Blut.
Dies Werk allein ist's, daß sich noch das Leben lohnt.

Bödwild

Zwar kann ich deine Worte keineswegs verstehn;
eins ist gewiß: verderbt ist ihr geheimer Sinn.
Um dieses Sinnes halb verdienst du Züchtigung.
Doch, daß ich Augen, Ohr und Hände ferner nicht,
abstoßendes Gewürm, durch deine Gegenwart
beleidige, geh' ich nun und kehre nie zurück.

Veland

Du irrst, du kommst mir immer wieder, kehrst zurück,
der Bärin gleich, vom Honigstocke angelockt.
So fandest du ja auch den Weg zum Velandsholm,
kamst ungerufen, ungeladen her zu mir.
Rührt' ich dagegen je von meiner Insel mich
etwa, hochmüt'ge Törin, um dir nah zu sein?

Bödwild

Nein, weil des Königs gelbgefleckte Doggen dich
zerreißen würden vor den Toren des Palasts.
Doch freilich muß ich jenen Tag verwünschen, wo
ich kindisch-mädchenhafter Neubegier erlag
und mir zu landen wirklich hier gelang und ich
dem tückischen Zauber deines Höhlendunsts verfiel.

Veland

Verfallen bist du wahrlich ihm, Niarenkind,
denn noch sahst du den zehnten Teil des Hortes nicht,
den unterirdisch meine ruß'ge Wohnung birgt,
von Jade, Jaspis und Demanten Kammern voll,
auch ungezählte Rosseslasten Barrengold.

Bödwild

Der Schatz ist meines Vaters, nicht dein Eigentum,
Knecht! Und ich fordre billig, daß du nichts verbirgst.
Was meines Herrn und Vaters ist, das ist auch mein.

Veland

Und doch Verberg' ich deinem Vater selber heut,
dem König – treff' ihn jeder Fluch der Finsternis! –,
Kleinodien, nach denen seine Seele heult,
die er mit Qualen der Verzweiflung suchen muß.

Bödwild

Wie das? Seit Neumond sah ich meinen Vater nicht.

Veland

Nach Ai und Ingi frage, wenn du jetzt ihn siehst.
Wahrlich, die Stunde der Vergeltung ist nicht fern.

Bödwild

Dies sind ohnmächt'ge, längst bekannte Reden nur,
wie dein vertiertes Hirn sie immer neu gebiert,
und Harald Schönhaar, meines Vaters Majestät,
blickt heiter lächelnd nur auf dies Gekläff herab.

Veland

Vielleicht, daß du so nicht mehr sprichst, wenn du den Blick
umwendest. Lösen sich nicht Drachenschiffe dort
am Fuß des Vorgebirges, das des Königs Hof
und Burg als Krönung trägt auf seinem grünen Haupt?
Und scheint es nicht, als wenn, verwirrend, Ungeduld
die Masten beugte und mit Stümperhänden sich
bestürzt am Steuer quälte, durcheinanderhin
die Kiele jagend? Wildgewordnes Segeltuch
klatscht um die Masten, und wahrhaftig kopflos scheint
mir dies Geschwader, ob es an der Spitze auch
Jarl Harald Schönhaars Wimpel führt.

Bui

Der König selber kommt zum Holm, der König kommt.

Boddi

Bei Gott, mit allen seinen Mannen kommt er selbst.

Atli

Zum Landungsplatz, ihr Wächter! Furchtbar muß die Not
gestiegen sein in der zerrißnen Brust des Jarls,
wenn er zu dem verfemten Wege sich entschließt.

Boddi

Oder die Prinzen sind gefunden, und die Not
hat sich verkehrt in Jubel, und es ist 'ne Fahrt,
des neu geschenkten Glückes zu genießen. Kommt!

Bui, Boddi und Atli stürmen davon. Veland steh!, verdutzt, als er Bui, Boddi und Atli rücksichtlos reden hört, sie aus ihrem Versteck hervortreten und davonrennen sieht.

Veland

Wer wüßte nicht, daß einen Hahn die Liebesbrunst
taub macht und blind. Und drum benutzt der Jäger stets
die Balz, sicher heranzukommen an sein Wild.
Nun also: Bui und Boddi haben uns belauscht,
und was sie sahn und hörten, stecken sie dem Jarl,
sobald er einen Fuß nur auf den Strand gesetzt;
auch dein verbotner Umgang bleibt nicht mehr geheim.
Allein, was tut's? Das neu erlassene Verbot
ist eben doch nur wiederum dem alten gleich.
Du übertrittst es wie das alte auch.

Bödwild

Scham bringt mich um, wenn mich der König hier erblickt.

Veland

So tritt in meine Schmiede und verbirg dich dort.

Bödwild

Spring' ich ins Boot, entgeh' ich dem Geschwader nicht.

Veland

In meiner Werkstatt bist du sicher, niemand wagt
in meiner Arbeitshöhlen Weißglut sich hinein.
Ich aber leugne standhaft deine Gegenwart
und schwöre Atlis, Buis und Boddis Zeugnis ab.

Bödwild

Was blickst du heut so boshaft, bleicher Höllenhund,
und warum packte plötzlich mich ein Schauder an,
als ich den Fuß heut über deine Schwelle hob?
Und wieder packt der Schauder mich und doppelt stark,
nun ich dein Reich zum andern Mal betreten muß.
Am Ende sollt' ich meinem Vater offnen Blicks
entgegenschreiten und ihm alles eingestehn.

Veland

Tu's, doch dein stolzer Nacken mache sich bereit.
im Angesicht von König Haralds ganzem Troß
sich in den Staub der Erde zu erniedrigen.

Bödwild

Verbirg mich, Schmied, verbirg mich, ich ertrag' es nicht.

Bödwild geht in die Schmiede. Veland verrammelt hinter ihr das Tor. Hernach, den lauernden Blick immer in die Ferne gerichtet, benimmt er sich ähnlich einem angeketteten Hunde, der ein Stück Wild eräugt, das sich ihm ahnungslos annähert.

Veland

O Fest, o Fest, daß endlich nun sich meiner Burg
der Schmerzen und des bittren Frones Harald naht!
Komm nun, Willkommner! Zögre nicht, Heerkönig, Jarl,
Jarl Harald Schönhaar mit dem duft'gen Lockenhaupt.
Das letzte Werk ist fertig und das schönste auch,
an dem mein erster Hammer schon in deinem Dienst,
von meinem ersten Fluch begleitet, heimlich schuf:
Jahrzehnte sind seitdem vorbeigerauscht. –
Fackeln! Der Sonne Glutball ist hinabgetaucht,
schaudernd vor meinem Werk, das diese Nacht enthüllen muß.
Fort, feiger Gott, denn deines Lichts bedarf es nicht.
Auch ohne dich und seine Fackeln
wird jener, der da kommt, die Aureole sehn,
die es umgleißt, ja wird erblinden an dem Glanz.
Geduld. Veland, bezähme deines Blutes Sturm,
sonst sprengt die Adern rasend dir dein junges Glück.
Wie köstlich brennen meine alten Wunden mir,
und meine Sehnen trennt erst jetzt der grause Schnitt,
der mich zum Krüppel, Teufel und zum Knecht gemacht.
Geduld. Und halte deiner Wollust Gift im Herzen fest,
nur schweigend Bosheit schwitzend nach gewohnter Art,
denn so nur kannst du mit langsamer Marter ihn
speisen, auf gleiche Weise, als er dich gespeist.
Und kannst dich weiden, weiden an dem Rachewerk.

König Harald Schönhaar tritt an der Spitze einer großen Gefolgschaft, darunter Jarl Gunnar und wiederum Atli, Bui und Boddi, auf.

Harald

Bist du es, Veland, der auf einem Steine hockt,
als wärst du eins mit ihm und selbst nur Stein?

Veland

Ich bin's.

Harald

Meinst du, daß du ein Stein seist oder Veland noch?

Veland

Als Antwort gäb' ich gerne dir ein Rätsel auf.

Harald

Tu's, doch dann gib auch eines Rätsels Lösung mir,
um dessentwillen ich dich heute aufgesucht.
Denn zauberrunenkundig, sagt man, sollst du sein,
Verborgnes sehn in Zukunft und Vergangenheit.

Veland

Du irrst, o König. Hätte anders tückisch mich
mein Unheil so beschleichen können, wie es tat?
Ich bin ein grober Knecht mit zottiger Brust und Faust,
und hätt' ich wohl in deinem Dienste etwa erst
erlernen sollen Seherkunst und Wissenschaft?
wo mir der Schweiß in rauher Arbeit Tag und Nacht
vom Leibe floß und kaum die Zeit mir übrigblieb,
das Wüten meines Dursts zu stillen und den Schmerz
der unvernarbten Wunden, die du mir gemacht?

Harald

Ich tat dir unrecht, Veland, sprich nicht mehr davon.
Nur der fühlt andrer Schmerzen, der selbst Schmerzen fühlt.
Jung war ich, grausam unbedacht, als ich dich fing.
Die Götter aber schenkten damals alles mir,
schon eh ich bat, als wär' ich ihr verzognes Kind.
Und darum griff ich alles mir, was mir gefiel.
Die ganze Welt und alles, was darinnen war,
erschien mir als mein angestammtes Eigentum.
Nun aber flog ein schwarzer Riesenvogel, breit
beschwingt und krächzend, über meines Daches First,
und seitdem weicht von mir sein tiefer Schatten nicht.
O Veland, nun versteh' ich, was das Elend ist.

Veland

Bist du vor dieser Schmiede endlich angelangt,
so glaube mir, daß du nur halb erst Lehrling bist.
Und was du zu verstehen meinst, o armer Jarl,
vom Haus der Knechtschaft und des glutgebornen Frons
darüber wirst du lachen, wenn du Meister bist.

Harald

Und kurz und gut, ich gebe dir mein Königswort:
unendlich vieles schon verdank' ich deiner Kunst,
allein, gelingt es dir, mich meinen Ängsten dieses Mal
und meinen bittren Sorgen zu entheben, Freund,
so sollst du frei davonziehn, nicht nur ungekränkt,
auch reich belohnt, wohin es immer dir beliebt.

Veland

Und wie genieß' ich meiner Freiheit, meines Lohns?
Knüpfst du die Sehnen, die durchschnittnen, auch
mir wieder, daß ich wie in alter Jägerlust
das Elen überhole mit beschwingtem Sprung?

Harald

Sag mir, wo meine Söhne Ai und Ingi sind –
man sagt, daß deine Seele Seherkraft besitzt –,
und jede Buße alten Unrechts zahl' ich dir.
Doch führst du sie zurück in meine Arme, Schmied,
die süßen Knaben, meiner Mannesjahre Stolz,
mein und der Mutter höchste Erdenseligkeit,
so geb' ich dir ein Land zu Lehn, ein Königreich.

Veland

Hast du zum Wächter deines Hauses mich bestellt?
Wie kann ich wissen, wer die Prinzen dir geraubt?
oder hast du zu ihrem Lehrer mich gemacht
und ihre Wohlfahrt meinen Händen anvertraut?
oder meinst du, ich nähme es an Witterung
mit einem Bluthund auf, dem nie das Wild entgeht?
Schweißhunde, Wächter, Hüter hast du ja genug,
genug des faulen Volks, das von des Landes Schweiß
sich mästet und nichtstuerisch herumschmarotzt
an deinem Hof und deinem Tisch, der unterm Fraß
für alle diese faulen Fresser fast zerbricht.

Gunnar

Schlag' ich ihm mit der flachen Klinge übers Ohr
für diese gift'ge, unverschämte Rede, Jarl?

Veland

Versuch's, wenn du des Lebens überdrüssig bist!
Dem König hast du manchen Sieg erfochten zwar,
und dennoch bleibst du einer, den mein bloßer Blick
hinstürzt wie eine Färse, die der Axtschlag trifft.

Gunnar

Nun, diesem Blicke will ich stehn, und diesen Schlag
will ich erproben, aber nur an deinem Kopf.

Harald»

Still, Gunnar, wer ihn jetzt erzürnt, der ist mein Feind
und Feind auch meinen Söhnen, denn er sperrt den Rettungsweg.
Veland, ich bleibe dir getreu in meinem Wort.

Gunnar

Ich kann nicht glauben, daß im Kopfe dieses Viehs
was andres brüten soll als Haß und Finsternis.
An dieses Scheusals Sehergabe glaub' ich nicht.

Veland

O wär' ich blind! Ich sehe, sehe, glaub es nur.

Harald

Du siehst, ich fühle, daß du siehst! Und deshalb sprich,
enthülle der Verirrten, der Verschollnen Aufenthalt!
Zeig meine armen Knaben mir, sag, wo sie sind.

Veland

Ich weiß es nicht.

Harald

Du weißt es.

Veland

Wer denn zwingt mich dann,
es irgend jemand zu verraten, wenn ich's weiß?

Die Mannen

durcheinander

Der Marterpfahl, die Folter, wenn du störrisch bist!

Veland

An beides hat mich König Harald längst gewöhnt.
Noch nicht geboren ist der Folterknecht, der mir
ein Wort entreißen könnte, wenn ich schweigen will.
Allein, ihr faselt; heute, scheint mir, liegt der Jarl,
nicht ich, gefesselt auf die Folterbank gestreckt.
Und wenn ich seine Meinung recht mir deute, bin
ich's, der die Qual ihm mehren oder mindern kann.

Harald

Veland, Erbarmen! Du hast recht: es liegt bei dir,
in Ungewißheit mich zu halten und in Folterqual.
Bist du gleich uns unwissend, nun so mag es sein,
doch sonst, sei edel und verlängere nicht die Pein
des angstgejagten Vaters, der in bittrer Not
um seine Kinder jammert, die verschwunden sind
und die, o Graun, vielleicht im gleichen Augenblick
in namenloser letzter Not um Hilfe schrein.
Bist du vertiert heut, warst du einmal doch ein Mensch'
und fühltest; deiner Menschheit drum erinnre dich.

Veland

Ein Mensch bin ich gewesen: sprich, wo war doch das?
und weshalb könnt' ich es nicht bleiben, wenn ich's war

Harald

Weil du in meinen Felsgebirgen mir das Wild
ausrottetest und meiner Flüsse Gold mir stahlst,
auch den Tribut an mich zu zahlen weigertest,
deshalb geschah dir, was du zu beklagen hast.

Veland

Daß du zum Tier aus einem Menschen mich gemacht.
Allein, ich war noch mehr als nur ein Mensch, o Drost,
und das Verhängnis hatte längst den Halbgott schon
gestreift, als es dich endlich zum Gehilfen nahm,
Mensch! weil nur Menschen zu so niedrer Bubentat
sich fähig zeigen, als sie mir vorherbestimmt.

Harald

Du redest, Veland, während so die Zeit vergeht,
in der vielleicht das Unheil noch zu wenden ist,
das meiner Knaben goldnen Lockenköpfen droht.

Veland

Du mußt dich schon gedulden, denn in meinem Haupt
wohnt ungebrochen noch der alte Eigensinn.
Auch hast du so gewaltsam mich Geduld gelehrt,
daß ich sie dir zu lehren nun imstande bin.

Harald

Du rissest stets in deine Ketten, knirschtest stets
voll ungeduldigen Wütens wider mein Gesetz.

Veland

Und dennoch hab' ich mich bezähmt, sonst wär' ich tot.

Harald

Was du ersehntest, war nur Ungebundenheit,
ich aber will zwei Kindern Hilfe bringen, die
verzweifelnd jetzt vielleicht in allerhöchster Not
danach verlangen. Unmensch, sage, was du weißt.

Veland

Als du mich die Geduld zu lehren anfingst, Jarl,
mocht' ich aus Freiheitsdrang wohl ungelehrig sein.
Auch fühlt voll Grimm und Ungeduld der freie Mann
die bittre Schmach, wenn schmählich er in Fesseln liegt: –
geschweigen will ich ganz von der Verstümmelung,
die meinem gottentsproßnen Leibe widerfuhr
und die zum Wurm im Schlamme mich erniedrigt hat! –
Doch damals sucht' ich, damals sucht' ich wie du heut
nach meinem Kinde, das zugleich mein Weib mir war,
nach Herwar Allweiß, König Hödwers Tochter, der
geflügelten, die mir gen Süd entflogen war.
Und schon war ich auf ihrer Spur, Jarl, wie du heut
auf deiner Söhne Spur bist, die entflogen sind,
und darum kam damals dein Zwang mir zur Geduld
doppelt so bitter an als heut der meine dir.

Harald

Weißt du, wo meine Kinder sind? Sag dieses nur.

Veland

Kannst du mir sagen, wo Herware sei, o Drost?

Atli

Hund, hast du eines freien Mannes Tochter je
besudelt mit dem geilen Unrat deines Leibs,
entehrt mit deines hitzigen Hundeblutes Gier,
was hast du andres dann verdient, als daß man dich
mit einer räudigen Wölfin öffentlich vermählt
und mit Pestlappen, Lumpenhund, zu Tod dich peitscht.

Veland

Wohl, Atli, nicht in allem, doch in einem hast
du wirklich recht, Vermählung steht mir nah bevor.

Harald

Denkst du mit Hohn uns zu bewirten, sieh dich vor.
Wenn du mich reizest, denke immer noch, daß ich
der gleiche bin, der dich im Wolfstal überwand.

Veland

Doch ich bin nicht der Überwundne mehr, o Jarl.

Harald

An Wahnsinnsworte ist man ja von dir gewöhnt.
Was liegt dem Herrscher, was liegt mir daran, ob sich
der Stier im Joch der Knechtschaft frei dünkt oder nicht.

Veland

Hab Dank, daß du nun wieder ganz der alte bist.
Schlag weiter nur mit solchen Schlägen auf mich ein,
die jahrelang mir Brot und Lohn gewesen sind.
Ich muß sie hören, muß sie fühlen! Schlag nur, schlag!
So nur, nicht anders schmiedest du den Racheblitz,
der unabwendbar und vernichtend niederfährt.
Doch warum ist es grade meine Hochzeit, Jarl,
die dich auf einmal wiederum in Harnisch bringt,
nachdem du eben noch, ein Hilfeflehender,
demütig bettelhaft mit Bitten mich bestürmt?

Gunnar

Nun sei's genug, ich halte meine Faust nicht mehr,
wenn du den Hund auch nur ein Wort noch bellen läßt.

Harald

Veland! Veland! sag mir, wo meine Kinder sind.
Du kannst es, da du Meister aller Künste bist.
Und gibst du die geliebten Söhne mir zurück,
geht deine Macht so weit, ade dann, Velandsholm!
mein Eid! ich teile gerne Reich und Thron mit dir.

Veland

Was mein ist, willst du mit mir teilen, Harald Drost?
Bin ich es nicht, der dir dein Reich errichtet hat?
War ich es nicht, der Schwert und Pflug dir schmiedete
gleichwie den Kronreif und die Säulen deines Throns?
Hob ich das Erz nicht aus der Erde Schacht,
womit du deine Krieger wappnest und dein Haus
mit schweren Pforten panzerst, die kein Feind zerbricht?
Wer baute deinen Saal und schaffte Hausgerät
bis auf den Becher, dessen Rand dich täglich labt?
Wer machte Wohnungen der Menge deines Volks
und lehrte das unwissende, der Tiefe Frucht
zu wecken? Ich, der solchen Zaubers Rune kennt!
Und also bin ich's, der mit goldnen Ernten dir
weiträumige Speicher bis zum Bersten aufgefüllt.
Doch immerhin, gibst du die Hälfte mir zurück,
so bist du doch zur halben Einsicht nun erwacht.
Und diese Hälfte samt der halben Einsicht nun
nehm' ich und prüfe sie auf ihren Goldgehalt:
Jarl, soll ich deinen Wunsch erfüllen, mußt du mir
zum Pfande dessen, was du eben mir versprachst,
Bödwilde, deine Tochter, schenken für mein Bett!

Die Mannen stoßen einen Schrei der Wut aus und greifen an die Waffen.

Harald

Was sagt' er? Denn der Brandung Ton verschlang sein Wort.

Gunnar

Nie darf dein Ohr vernehmen, König, was er sprach.

Veland

Gib mir Bödwilde zur Gemahlin, und du tilgst
den Fluch der Taten, die du einst an mir verübt.
Dies sei mir Bürgschaft, daß dein Sinn gewandelt ist,
und deiner Söhne Kuß entbehrst du ferner nicht.

Harald

Es sei. Doch vorerst zeige meine Kinder mir.
Auch ich bedarf der Bürgschaft, daß du Wahrheit sprichst.

Veland

Jarl, sage mir, womit ich jemals dich betrog?

Harald

Nachtalfensproß, die Tücke sitzt in deinem Blut,
der Rachedurst, die Bosheit schwelt in deinem Blick.

Veland

Die Lüge hockt in deinem, lauernd, sprungbereit.
Nein, niemals siehst du deine holden Knaben, eh
ich meine Brunst in deinem Königsblut gelöscht
und als Gemahl Bödwildens das Beilager hielt.

Harald

Packt ihn! Erwürgt ihn!

Alles dringt mit Geschrei auf Veland ein; er springt ins Innere der Höhle und läßt eine schwere Gittertür hinter sich ins Schloß fallen.

Gunnar

Brecht hinein, zerreißt die Tür!

Harald

Zurück, wem seines Königs Wort noch etwas gilt
und meiner Söhne Leben!

Veland

durch das Gitter

Jarl, nun sage selbst,
ob ich mit Königseiden nicht bewandert bin.

Er entfernt sich lachend ins Innere der Höhle.

Bui

Ein toller Wolf im Zwinger, Eisenstangen her!

Boddi

Wozu? Kein Weibgeborner sprengt dies Gittertor.

Gunnar

Haltet den König! Er verfärbt sich. Er sinkt um.

Es entsteht ein kopfloses Durcheinander.

Rufe

Zu Schiff! der König stirbt! zu Hilfe! Ärzte! helft!

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