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Vater und Sohn

Heinrich Schaumberger: Vater und Sohn - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
booktitleVater und Sohn
authorHeinrich Schaumberger
year1924
firstpub1876
publisherMartin Warneck
addressBerlin
titleVater und Sohn
pages276
created20130302
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Harte Herzen.

Es war am zweiten Weihnachtsfeiertag, die letzten Strahlen der untergehenden Sonne fielen glühend rot durch die beeisten Fenster in die Bergbauernstube und funkelten auf den goldenen Äpfeln und Nüssen des Christbaums; der kleine Hans lehnte zwischen den Knien des Schreinersjohannes und setzte ihm eifrig die Vorzüge seiner neuen Pelzmütze auseinander, allein er plauderte tauben Ohren vor; in trübes Sinnen versunken, starrte der Jüngling vor sich nieder.

Solch trauriges Weihnachtsfest hatte er noch nie erlebt. Am ersten Feiertag verließ die Mutter das Krankenbett, auf welches sie der Kummer des Begräbnistages geworfen, mit ihr stand Haß und Zorn auf und schlug in lichten Flammen empor. Die finsteren Blicke Frieders empörten die krankhaft reizbare Frau; sie glaubte darin den Unmut über ihre Genesung zu erkennen, und dieser Gedanke, den sie sich nicht ausreden ließ, brachte sie zur Verzweiflung. Zwar hatte sie Johannes versprochen, dem Vater nicht neuen Anlaß zum Zorn zu geben, allein das war vergessen; an allen Gliedern zitternd überhäufte sie ihn mit 95 Schmähungen und Vorwürfen. Frieder, der zuerst erstaunt horchte, blieb ihr nichts schuldig, ein Wort gab das andere, bitterer und verletzender wurden die gegenseitigen Beschuldigungen, bis zuletzt Annelies rief: »Du übertriffst noch deinen Vater! Die Leute sagen schon, wenn du dein Saufen und Spielen lange forttriebst, würdest du das Haus für Fremde gebaut haben.« Höhnisch auflachend, hatte Frieder erwidert: »Du brauchst meinen Vater nicht schlecht zu machen – du! – Immer besser ein Säufer und Spieler, als ein Betrüger.« – Schon fürchtete Johannes das Ärgste, als der Eintritt auswärtiger Kunden dem Streit wenigstens für den Augenblick ein Ende machte.

Aber der Hader ruhte nicht, wenn auch der Zank nicht wieder diese Heftigkeit erreichte. Vergebens suchte Johannes zu vermitteln; er bat und warnte – umsonst. Der Vater antwortete ihm mit giftigem Hohn, die Mutter setzte ihm Trotz entgegen, und als er sich dennoch nicht abschrecken ließ, ward er barsch zur Ruhe verwiesen.

Traurig verließ er das Elternhaus; ein neuer Kummer fiel auf seine Seele, als er sich dem Bergbauernhaus näherte. Auch der Pate war in letzter Zeit anders geworden: kürzer, schärfer in seinen Reden, wenn auch nicht unfreundlich, doch schon minder herzlich, dabei auch rauh und heftig besonders dann, wenn er auf den Vater zu reden kam.

Heute bemerkte Johannes mit Schrecken, daß die Mutter den Bauern ganz auf ihre Seite gebracht 96 hatte; denn auf seine Klage antwortete der sonst so besonnene Mann mit heftigem Tadel Frieders, und seine Vorwürfe, obwohl nur allzu begründet, verletzten sein kindliches Gefühl. Mit Wärme nahm er sich des Vaters an. »Mein Vater ist nicht schlecht,« sagte er, »nur unglücklich. Als Kind habe ich ihn einmal nachts mit sich selber reden hören, und das will mir nicht aus dem Kopf; wenn ich gleich die Worte heute noch nicht zusammenreimen kann, seitdem weiß ich, den Vater drückt ein altes Leid, das er nicht sagen will oder nicht darf – und das treibt ihn ins Elend. Ich merke, die Mutter hat Euch gegen den Vater aufgeredet, aber glaubt mir, sie hat auch nicht in allen Stücken recht, sie selber reizt den Vater zum Zorn. – Klagt sie Euch wieder, sagt ihr das!« – Allein diese Erklärung erfuhr heftigen Widerspruch vom Bergbauer, der immer rascher in der Stube auf und ab ging, den Tabaksrauch in kurzen Stößen von sich blies und gereizt behauptete, Frieder sei durch allzu großes Glück übermütig geworden. Als ihn Johannes bat, wenigstens in seiner Gegenwart nicht so schlimm über den Vater zu reden, er könne und dürfe das nicht mit anhören, griff der Bergbauer verdrießlich nach der Pelzkappe und sagte: »Im Grund kann ich dir nicht so ganz unrecht geben, daß du ihn in Schutz nimmst, er ist nun einmal dein Vater; aber doch erzürnt mich's, daß du gar nichts auf ihn kommen lassen willst. Er gesteht es freilich nicht, meine Alte behauptet auch, er wäre noch nicht so weit mit der Bärbel, aber auf dem Weg dahin ist 97 er doch, und mit meinem eignen Bruder hätte ich kein Erbarmen, wenn er das täte.«

Johannes sah dem Bauer traurig nach, der heute zum erstenmal in Verdruß von ihm ging; ein tiefes Weh zog durch sein Herz, als er bedachte, welche schlimme Folgen ihm aus dem Zorn des Bauern erwachsen könnten. Er war froh, als sich die Bäuerin zu ihm setzte; ihr durfte er ja sein Herz öffnen. »Das fehlte nun noch,« sagte sie, nachdem er geendet, »Zank am lieben Feiertag und im Verdruß auseinander – o, die Männer! Was nur meinen Alten anficht, daß er dir das Leben verbittert! – Freilich mit deinem Vater wird es alle Tage schlimmer.«

»Pate, wenn Ihr nun auch noch über den Vater scheltet, dann weiß ich nimmer, was ich anfangen soll.«

»Loben kann ich ihn nicht, es ist zu schändlich, wie er's treibt, und was es geben wird, wenn deine Mutter das Gerede mit der Bärbel erfährt, daran darf ich nicht denken. Im übrigen tadele ich dich nicht, daß du deinen Vater in Schutz nimmst, vor dir werde ich nichts mehr über ihn sagen.«

»Was ist's schon wieder?« fragte Auguste besorgt, die festlich geschmückt mit einem Lichte in der Hand eingetreten war und dem Bruder, der sich an sie drängte, liebkosend über den Kopf strich.

»Der alte Streit!« entgegnete die Mutter und zupfte die Schürze des Mädchens in bessere Falten. »Du weißt ja, wie der Vater ist. Jetzt lasset die Geschichten, geht in die Lichtstube und seid vergnügt!«

98 Beim Anblick des Mädchen erhellte ein Freudenstrahl das Gesicht des Jünglings, allein seine Stirne umwölkte sich wieder bei den Worten: »Ist's nicht Sünde, Pate, jetzt an Lustbarkeiten zu denken?«

»Wir bleiben daheim, Johannes,« sagte Auguste und sah ihm traurig in die Augen. »Ach, wenn ich doch wüßte, womit ich dich trösten sollte.«

»Ei, warum nicht gar,« rief die Bäuerin, »setzt euch zusammen und flennt die ganze Nacht – das wäre das Wahre! – Ich leid's einmal nicht, daß ihr euch vergeblich abhärmt, und sage dir, Johannes, ich werde ernstlich bös, wenn du dem armen Mädle das Herz schwer machst.«

»Aber meine Mutter ist allein daheim.«

»Tut nichts, ich geh' zu ihr, macht jetzt vorwärts. Was wird's derweil mit dir, Hans?«

»Ich möcht' mit Johannes, Mutter; der Ungersandres und der Schustershanfrieder gehen auch in die Lichtstube.«

»Hätte das dein Vater gehört, der würde dir die Lichtstube anstreichen! – Geh zum Beckenfritz, Punkt zehn kommst du und holst mich im Schreinershaus ab.«

Als die Kinder die Stube verlassen hatten, schlug sie ein Tuch über Kopf und Schultern, verschloß das Haus und ging hinab ins Schreinershaus. Annelies saß im Lehnstuhl und sagte zur Bäuerin: »Ich dachte schon, du hättest mich auch vergessen, wie mich alles vergißt; sogar Johannes ist fortgelaufen – ich bin mutterseelenallein im Haus!«

99 »Dem Johannes mache keinen Vorwurf; ich selber habe ihn in die Lichtstube geschickt, obgleich er nicht wollte; dem armen Jungen ist ein Vergnügen zu gönnen.«

»Natürlich, an mich denkt kein Mensch.«

»Annelies, du tust nicht gut, daß du dich gegen die Welt so verbitterst. – Ich will nicht von mir reden, es gibt noch mehr Leute, die sich gern deiner annähmen, aber du bist so herb, so verdrossen, drum hat niemand recht das Herz zu dir zu gehen.«

»Möcht' auch wissen, wer sich meiner annähme.«

»Du darfst nicht zu viel verlangen. Jeder Mensch hat seine eignen Gedanken, und danach tut er. Sieh, wie dein Frieder zuerst ausartete, standen alle Leute auf deiner Seite; nach dem, was aber in Tiefenort vorgefallen ist, reden sie anders.«

»Freilich, jetzt fallen sie über mich und meinen Vater her, und Frieder ist der Unschuldengel – o, die Welt!«

»So ist's schon nicht – aber kannst du selber deinem Vater recht geben, wenn er dem Kaspar den Hof in die Hände gespielt hat? – Ich verhehle dir's nicht, Annelies, es gehen scharfe Reden unter den Leuten; sogar der Beckenjörg, der doch gewiß ein achtbarer Mann ist, und vor dem kein Ansehen der Person gilt, sagte gestern im Wirtshaus zum Frieder: wenn's wahr ist mit deinem Schwieger, dann bist du in vielem zu entschuldigen, ich kann mir denken, wie dir der Kopf warm sein mag. Und die Nachbarn haben ihm zugeredet, er solle sich seiner Haut wehren.«

100 »Was sagst du mir das?« weinte Annelies. »Kann ich es ändern?«

»Das nicht, aber du sollst dich ändern. Ich gebe sonst nichts auf das Gerede der Leute, aber dasmal ist's nicht ohne. Es wird dir sehr verdacht, und du tust nicht gut, den Frieder noch zu reizen; es heißt: dem Frieder sei es nicht so übel auszulegen, wenn er da und dort über die Schnur haue, du triebest ihn ja mit Gewalt dazu. Hör' auf mich, Annelies, komme mit Sanftmütigkeit an ihn, ich bleib dabei, von Grund aus ist er nicht schlecht.«

»Jawohl – ich bin wieder an dem ganzen Unglück schuld – o, wär' ich gestorben! Marie, es ist nicht schön von dir, daß du dich auch gegen mich setzest, aber es ist gut, kenne ich dich doch und weiß, was ich mir von dir zu versehen habe.«

»Deine bösen Reden trage ich dir nicht nach, du siehst eben nicht ein, wie ich's von Herzen gut meine. Was ich sage, ist keine Entschuldigung für den Frieder, ich will nur nicht ins Feuer blasen. Folge mir, Annelies, bezwinge dich, versuchs im guten, treib' ihn nicht zum äußersten, es kann ja kein gutes Ende nehmen.«

»Als ob das nicht schon Unglücks genug wär'. Was mir der Frieder angetan, ist über alles Maß, ich kann's ihm nicht vergeben, mag daraus werden, was da will.«

»So kann ich's auch nicht ändern; – rede von was anderem.«

Aber es kam kein Gespräch mehr in Fluß, beide waren verstimmt, und als um zehn Uhr Hans an 101 das Fenster klopfte, ging die Bergbäuerin mit ihm heim. Unterwegs dachte sie: Arme, arme Kinder, traurige Zeiten werden kommen, und euch wird das Unglück am schwersten treffen. Vor Schrecken hätte sie fast die Lampe aus den Händen fallen lassen, als sie daheim Auguste weinend im Sessel sitzen sah. Hans war zu Bett geschickt, die Mutter zog sich einen Stuhl neben ihr Kind und fragte: »Um Gotteswillen, Mädle, was ist passiert?«

»Ach denkt an,« schluchzte Auguste, »wir waren noch keine fünf Minuten in der Lichtstube, so kam Frieder mit der Bärbel auch herein. Die Bursche lachten und sangen ein Spottliedle auf ihn, aber er lachte mit und meinte: Das Liedle taugt nichts, mir macht es aber doch Spaß, drum geb' ich euch ein Fäßle Bier – und jetzt seid keine Narren, was geht euch mein Vergnügen an? – Nun war eine Herrlichkeit mit dem Frieder, es war nicht anders, als wollte ihn die Gesellschaft gleich in den Himmel erheben; Johannes und mich hat kein Mensch mehr angesehen. Johannes war käsweiß geworden; wer weiß, was es noch gegeben hätte – da bat ich so lang, bis er mit mir heimging. – Mutter, Mutter – was soll noch daraus werden?«

»Schlimm, schlimm!« seufzte die Bäuerin. »Aber – und das ist zuletzt auch ein Trost – lange kann das Treiben nicht mehr fortgehen, auf die eine oder andere Art muß es bald zum End' kommen. Bet', Kind; weiter ist nichts zu tun und wart's ab.«

Aber die Geduld der ängstlich Harrenden ward auf eine schwere Probe gestellt. Dumpfe Schwüle lag 102 auf dem Schreinershaus, äußerlich ging wohl noch alles seinen gewohnten Gang, aber die Spuren des inneren Zerfalls traten täglich sichtbarer hervor. Frieder war selten mehr nüchtern, nur in einer gewissen Betäubung fand er sein Leben, die Zustände in und um sich erträglich. Wichen einmal die Nebel aus seinem Hirn, dann schauderte er zurück vor dem Abgrund, an dem er hintaumelte, aber statt sich aufzuraffen, suchte er Vergessenheit im neuen Rausch. Er hatte das Vertrauen auf sich selber verloren, der Zorn auf den Johannes verwirrte ihn vollends, und auch Bärbel tat redlich das Ihre, daß er nicht zu sich kam.

Mit Annelies redete er seit der Leiche des Schwiegervaters kein Wort; dafür wirtschaftete Bärbel, als sei Haus und Hof schon jetzt ihr Eigentum, und Frieder ließ sie gewähren, auch da, als sie frech die kranke Frau reizte und quälte.

Johannes sah diesem Treiben mit tiefem Schmerz zu; daß sich der Übermut der Bärbel auch gegen ihn kehrte, beachtete er kaum, dafür erbitterten ihn die Beleidigungen der Mutter desto mehr. – »Darf ich's geschehen lassen? – Bin ich nicht der Annehmer meiner Mutter, da der Vater sie verläßt und der Herle gestorben ist?« fragte er sich oft. – Aber was sollte er tun? Mit dem Vater reden oder mit Bärbel? – Eines so gefährlich als das andre. Auguste, der er seine Not klagte, wußte auch keinen Rat, als: »Wart's ab; ertrag's, solange du kannst, und geht es durchaus nicht mehr, findet sich vielleicht ein Ausweg.«

103 Eines Tages – Frieder war nach Schottendorf – wühlte Bärbel in dem Weißzeug der Annelies und warf vor den Augen der Kranken die Stücke verächtlich durcheinander.

»Was fällt dir ein?« rief Annelies. »Was hast du in meinen Sachen zu kramen?«

»Eure Sachen?« lachte Bärbel höhnisch, »möchte wissen, wo die steckten; was im Haus ist, gehört ja doch dem Frieder.«

»Bärbel, Bärbel,« schrie Annelies, der eine furchtbare Ahnung aufging, »das ist ein Nagel zu meinem Sarg.«

Aber auch Bärbel zitterte, denn hinter ihr stand Johannes, und seine zornfunkelnden Augen weissagten nichts Gutes; hastig brachte sie die Wäsche wieder in Ordnung und verließ mit scheuem Blick die Stube.

Unentschlossen ging Johannes auf und ab; der Jammer der Mutter schnitt ihm ins Herz; es kam ihm vor wie Sünde, wollte er auch diese Bosheit ungeahndet hingehen lassen, und doch fürchtete er sich vor den Folgen eines raschen, in der Hitze hervorgestoßenen Wortes, hatte er doch den heimtückischen Charakter des Mädchens genugsam kennen gelernt. »Ich wag's – ich darf nicht länger stille zusehen,« sagte er nach ernstem Sinnen und ging der Bärbel nach.

Die Magd erschrak heftig, als er in die Scheune trat, und suchte schreiend den Ausgang zu gewinnen. Allein Johannes schloß kaltblütig das Tor und sagte: »Schrei nicht so unvernünftig, es nützt dir doch nichts, gib jetzt acht, was ich dir sagen will.«

104 »Ich will nichts hören, von dir will ich nichts wissen.«

»Glaub dir auf's Wort, aber ich bin einmal da, und du mußt mich hören. Bärbel, ich kenne dich, weiß womit du umgehst – wenn du dich nicht mehr vor der Sünde fürchtest, nimm dich in acht vor mir. Über mich kommst du nicht leicht weg; ehe ich ruhig zusehe, daß du die Mutter zu Tode kränkst und den Vater ins Elend treibst – Bärbel hüte dich, ich weiß nicht, was ich tue!«

»Ich seh's, womit du umgehst! Aber komm mir nicht zu nahe, rühr' mich nicht an, ich wehr' mich.«

»Geschwätz! Hand an dich lege ich nicht, es gibt ja wohl noch andere Mittel. Jetzt rede ich im guten. Laß ab; deinen Zweck erreichst du doch nicht! Hilf, daß in unserem Haus wieder Ordnung wird. Wenn du fortziehst und vom Vater läßt – dreihundert Gulden zahle ich dir sofort auf.«

»Du?« lachte Bärbel höhnisch. »Wovon? Woher denn?«

»Überleg's!« entgegnete Johannes, in dessen Gesicht eine dunkle Röte aufflammte. »Woher ich's nehme, was kümmert's dich? Stoß dein Glück nicht von dir!«

»Mein Glück? Ha! ha! Gestohlenes Gut und Glück?«

»Bedenk' dich!« knirschte Johannes, der kaum an sich halten konnte.

»Was da bedenken! Deinem Vater sag' ich's, was du für einer bist, und merk' dir's, mit Spitzbuben habe ich all mein Lebtag nichts zu schaffen haben mögen.«

105 Außer sich, warf Johannes die Magd an den Barren, wendete sich langsam ab und hörte, wie sie ihm nachrief: »Das sollst du mir bezahlen.«

Unruhig, verstört schritt er in der Werkstatt auf und ab! So hatte er auch hier das Übel nur schlimmer gemacht, hatte der Bärbel neue Waffen in die Hände gegeben, und daß sie davon Gebrauch machen würde, daran durfte er nicht zweifeln.

Eben trat der Vater ins Haus; Johannes hörte die Bärbel weinen und jammern, und er drückte seine Hand fest auf das schlagende Herz, als er den Vater fluchend näher kommen hörte. Minutenlang standen sich Vater und Sohn schweigend gegenüber – aber sonderbar, alle Ängstlichkeit war verschwunden; mit einer Ruhe und inneren Sicherheit hielt Johannes die wilden Blicke des Vaters aus, über die er selber erstaunte.

»Was hattest du mit Bärbel?« brach endlich Frieder los.

»Nichts Unrechtes, Vater.«

»Hast du ihr Geld versprochen?«

»Für den Fall, daß sie das Haus verläßt – ja.«

»Wer steht hinter dir?«

»Ich handle für mich selber.«

»Und woher willst du's nehmen? Gesteh, auf welche Art wolltest du mich betrügen?«

»Ihr solltet Euch schämen, Eurem leiblichen Kinde so was zuzutrauen. Woher ich's genommen hätte? Das weiß ich jetzt nicht, auf alle Fälle aber ehrlich und redlich beschafft, darauf verlaßt Euch.«

106 »Lügner, elender Lügner!«

»Rührt mich nicht an!« rief Johannes furchtlos, als Frieder auf ihn loskam. »Habe ich unrecht getan, verzeih' mir's Gott, ich konnte nicht anders. Ihr seid mein Vater, drum ich ertrage diesen Schimpf, aber schlagen lasse ich mich nicht!«

Frieder sah Johannes mit weitgeöffneten Augen nach, als er hoch aufgerichtet die Werkstatt verließ. »Bärbel,« sagte er am Abend und ging unruhig umher, »entweder ist Johannes ein durchtriebener Schuft oder – – Herrgott, wenn ich mich in ihm geirrt hätte?« 107

 


 

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