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Vater und Sohn

Heinrich Schaumberger: Vater und Sohn - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
booktitleVater und Sohn
authorHeinrich Schaumberger
year1924
firstpub1876
publisherMartin Warneck
addressBerlin
titleVater und Sohn
pages276
created20130302
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Der Stein kommt ins Rollen.

»Hast gestern auf dem Markt nichts Neues erfahren, Hansjörg?« fragte der Bergbauer seinen Knecht am Abend eines trüben Novembertages. »Es muß viel Leute in Schottendorf gegeben haben.«

Der Knecht verschluckte die Antwort, die ihm auf der Zunge lag, als Auguste mit einer großen Suppenschüssel in die Stube trat, und sagte bloß: »Es hat sich gemacht.«

»Nu,« sagte der Bauer verwundert, »hast du sonst gar nichts erlebt?«

»Ei ja, erlebt genug, aber nichts Gescheites,« war die Entgegnung. »Ich wollte es nicht ausbreiten, aber verschwiegen bleibt's doch nicht – der Schreinersfrieder hat sich gestern wieder aufgeführt, 's war eine Schand'.«

Hansjörg nickte der Magd zu, da Auguste den Löffel niederlegte und hinausging, dann fuhr er beherzter fort: »In allen Wirtshäusern und Schnapsläden hat er sich herumgetrieben, auf dem Tanzboden tat er wild und wüst, und die Bärbel durfte nicht 66 drei Schritt von ihm. Herr, 's war ein arger Spektakel! Die Burschen wollten den beiden auflauern und ihnen heimleuchten, aber unserer Auguste und dem Johannes zu Willen, ruhte ich nicht, bis ich sie davon abbrachte. Ein andermal helfe ich dem Frieder nicht wieder.«

»Ich dank' dir, Hansjörg,« sagte die Bäuerin. »Das war schön von dir.«

»Braucht's keinen Dank. Mich dauert nur unsre Auguste, wird sich das arme Mädel wieder abkümmern! – Herr, ich meine, Ihr solltet einmal ernstlich mit dem Frieder reden, er treibt's in der letzten Zeit gar zu toll.«

Die beiden Dienstboten gingen hinab in den Stall, die Bäuerin räumte, da Auguste noch nicht zurück war, allein den Tisch ab, und der Bauer stopfte in tiefen Gedanken seine Pfeife. Als die Bäuerin zurückkehrte und nach dem Gestrick langte, sagte er zu seinem Sohn, einem Buben von zehn Jahren: »Hans, nimm deine Bücher und geh zum Beckenfritz, er wartet auf dich; bleib mir aber nicht zu lange aus.« Während der Knabe fröhlich die Treppe hinabstürmte, setzte sich der Bauer auf die Ofenbank neben den Lehnstuhl seiner Frau, sah ihr ernst in die Augen und begann: »Was sagst du nun?«

Die Bäuerin ließ daß Gestrick in den Schoß sinken und sagte: »Mir liegt der Schrecken in allen Gliedern. – Ist's denn möglich?«

»Sagt' ich nicht, so wirds kommen? – Ich hab' dem Frieder schon lang nicht getraut.«

67 »'s ist schlimm! – Aber Jörg, tust du dem Frieder nicht doch am Ende unrecht? – Mir will der Gedanke nicht aus dem Kopf, es ist nicht so weit, als die Leute glauben. Jörg, die Bärbel ist schlecht, die legt es darauf an, Frieder ins Gerede zu bringen.«

»Wenn er sich aufführt wie gestern, ist's nicht nötig.«

Die Bäuerin wiegte sinnend den Kopf. »Eben das bestärkt mich in meiner Meinung. Es ist klar, die Bärbel geht darauf aus – Gott mag wissen, was sie dabei für Absichten hat – den Frieder an sich zu ziehen, darum macht sie die Geschichte ärger als sie ist, führt ihn absichtlich in die Schande und bestärkt ihn in allen Lastern.«

»Wär's möglich? Aber eine Entschuldigung für den Frieder ist's immer nicht, er ist ein Mann und sollte gescheiter sein. Mich dauert nur die Annelies; was wird das werden, wenn sie es endlich erfährt!«

»Daran mag ich nicht denken. – Und doch, Jörg, die Annelies ist viel an dem Unglück schuld!«

»Ist das dein Ernst?«

»Sieh, mit der Urkunde ist's so eine Sach', ich glaub' fest, dem Frieder ist dadurch großes Unrecht geschehen, denn der Hofhannes war von jeher kein Guter. Darauf, ob Hannes recht oder unrecht hat, kommt es aber nicht an, Annelies hätte zu Frieder stehen müssen, nicht zu ihrem Vater. Ich habe ihr das schon selber gesagt, bin damit freilich schön angekommen; auch mein ernstliches Zureden, sie solle doch gut und freundlich gegen Frieder sein, war ganz vergeblich; umgekehrt, sie ist eher noch schlimmer 68 geworden. Überleg nur selber, wie sie's treibt: tagtäglich quält und ärgert sie ihn; ein gutes Wort, ein freundliches Gesicht kennt er gar nicht mehr an ihr. Mich wundert's nicht, wenn zuletzt Frieder würmisch wird, über alle Stränge schlägt und der Bärbel dankbar ist für ihr freundliches Wesen.«

»Von dir hätte ich das nicht erwartet, daß du Frieder in Schutz nähmest.«

»Das tu' ich nicht, Sünd' bleibt Sünd', aber was wahr ist, muß man auch sagen.«

Der Bauer nickte und ging in der Stube auf und ab. »Hör, Alte,« begann er nach einer Weile, »was meinst, wenn ich einmal mit Frieder redete?«

»Ist so 'ne Sach'! – Ihr seid das vorigemal nicht gut auseinander gekommen, drum ist mir bang, du machst das Uebel ärger. – Doch rede ich auch nicht ab, ihr waret ja immer Freunde, vielleicht gibt er noch was auf dich. Aber ich bitt' dich, komm säuberlich an ihn, sei mild und freundlich.«

»Will's schon machen!« sagte der Bauer, indem er die Pelzkappe aufsetzte. »Vielleicht treff' ich ihn im Wirtshaus, dann findet sich auf dem Heimweg Gelegenheit; gerade heute wäre die rechte Zeit. – Sieh nach dem Mädle und richte sie auf; sie soll sich's doch nicht allzusehr zu Herzen nehmen.«

Frieder war wirklich im Wirtshaus, ausnahmsweise still und vernünftig, auch nicht in Gesellschaft seiner Zechgenossen. Das machte dem Bergbauer Mut, auf dem Heimweg sagte er: »Eil' nicht so, Frieder, möcht' mit dir reden.«

69 »Möchtest mir wieder den Text lesen? Habe nichts mit dir zu schaffen.«

»Das redet das böse Gewissen aus dir, früher wärest du mir nicht so gekommen. – Frieder, was ficht dich an, daß du auf deine alten Tage solch' ein Lumpenleben beginnst?«

»Kreuzhagel – das nenn' ich aber grob!«

»Nenn's wie du willst! Ich könnt's vor Gott nicht verantworten, wollt' ich deinem Treiben ruhig zusehen; weil wir so lange gut Freund waren, darum muß ich reden.«

»Gut Freund!! – O du!«

»Frieder, tu' nicht so! Weißt nimmer, was ich dir auf dem Wege nach Sülzdorf sagte? – Sieh, das ist schon buchstäblich eingetroffen. Hättest du damals auf mich gehört, jetzt dürfte dich kein Mensch einen Säufer und Spieler schelten, dann würde es auch nicht heißen: Der Schreinersfrieder hat sich mit seiner Magd eingelassen.«

»Wer sagt das?«

»Frag' lieber, wer es nicht sagt; denk' an gestern!«

»Und du glaubst dem Geschwätz, traust mir wirklich solche Schlechtigkeit zu?«

»Kann ich anders nach dem, wie du's treibst?«

»Ich seh', daß ich dich richtig taxiert habe. – Und was weiter?«

»Und was weiter?« – Daß sich Gott erbarm, so redet nur ein –, ich mag das Wort nicht auf die Zunge nehmen?«

»'s ist auch dein Glück, daß du das nicht 70 'rausgesagt hast. – Mich entschuldigen vor dir, dazu bist du mir nicht gut genug, ich sage bloß: die Leute lügen, ich habe nichts mit der Bärbel! Ich bin freundlich, weil sie's mit mir ist – weiter nichts. Nun sollst du aber erfahren, was ich von dir und deiner Freundschaft halte. – Meinst, ich wüßte nicht, wer die Annelies stützt und gegen mich hetzt? – Meinst, ich merk' nicht, wie du mit meinen Leuten unter einer Decke steckst, wie du darauf ausgehst, mir das Vermögen aus den Händen zu zwingen, damit sich deine Auguste mit dem Johannes ins warme Nest setzen könnt'?«

»Ei, so wollt' ich doch gleich!« brauste der Bergbauer auf, »das sind ja schändliche Lügen.«

»Wundert's dich, wenn du einmal die Wahrheit zu hören bekommst? – Merk' dir's; was ich bin, ich verantwort's; ein heimtückischer Schleicher, wie du, bin ich wenigstens nicht.«

»O Frieder – das will ich dir gedenken! Du tust jetzt wohl, als kümmerte dich die ganze Welt nicht nagelkuppengroß, aber wart' nur, wart' nur! Bist du wirklich nicht weiter mit der Bärbel, als du sagst, wie lange wird's dauern, so behalten die Leute doch recht. Du spielst jetzt mit der Sünde, weil du meinst, du bist doch noch der alte Schreinersfrieder und du kannst zurück, wenn du willst. Aber gib dem Teufel ein Haar, so bist du sein mit Leib und Seel'. Ich will's erleben, daß du noch ganz anders pfeifst, dann komme mir aber nicht!«

»Brauchst keine Sorge zu haben, 's müßt sehr schlimm um mich stehen, wenn ich daran dächte, 71 dich aufzusuchen. – Nimm dich in acht, Jörg, komme ich erst hinter deine Schliche, Gott sei dir gnädig.«

Daheim ging Frieder heftig atmend in der Stube auf und ab, von Zeit zu Zeit lachte er rauh auf. Als er das Licht vom Tische nahm, sagte er zur Bärbel, die eben von der Lichtstube heimkehrte und ihn verwundert betrachtete: »Du bist ein Hauptmädle, im kleinen Finger hast du mehr Verstand, wie mancher im Hirn, vor dir hab' ich Respekt. Der Bergbauer hat sein Teil, der kommt in zwei Tagen nicht wieder an mich, nun will ich mit den andern auch schon fertig werden. Ich spür's, ich bin noch nicht zu alt, ich hab noch Leben und Kräfte in mir. Gute Nacht.«

Bis tief in die Nacht brannte das Licht auf seiner Kammer, auch droben im Bergbauernhaus waren die Fenster lange erhellt. Nach einer ernsten Unterredung schloß der Bauer: »Ja, Marie, wir sind fertig miteinander. Wir werden schwere Dinge erleben, Gott steh' der Annelies und dem Johannes bei, daß sie das Leid ertragen!« Die Bäuerin nickte seufzend. – Bald sollte sich zeigen, wie gerechtfertigt dieser Wunsch war.

Am Abend des nächsten Tages trat Johannes ins Bergbauernhaus, bleich, verstört; Auguste, die erschrocken aufsprang, bemerkte er nicht, sein Auge suchte den Bauer. »Pat',« begann er, und die Stimme versagte ihm fast, »Pat', es ist nicht möglich; sagt's, es kann nicht sein – es ist nicht möglich!«

»Setz' dich, Johannes,« bat die Bäuerin und drückte ihm die Hand. »Komm zu dir, es ist gewiß nicht so schlimm.«

72 »Armer Bursch!« sagte der Bauer mitleidig. »Von wem hast du's erfahren?«

»Und Ihr wißt's auch schon? – Also ist's wahr? – O, meine Mutter!«

»Nicht doch, Johannes, wer wird gleich verzagen?« tröstete die Bäuerin und strich ihm sanft über die Stirn. »Komm, erzähle, was du erfahren, das macht dir das Herz leichter.«

»Die Burschen sagten mir vorhin – ich dachte, ich muß in die Erde versinken – mein Vater hätte es mit – mit –; sie hätten ihm gestern in Schottendorf aufpassen wollen, und wenn er sich noch einmal so – aufführte, wollten sie ihm heimleuchten.«

Auguste weinte, die Bäuerin hielt seine heißen Hände in den ihren, und der Bauer ging mit großen Schritten in der Stube auf und ab. Endlich blieb er vor dem Jüngling stehen und sagte: »Johannes, was hilft's? – Einmal mußt du es doch erfahren. Nimm dich zusammen, du bist ja kein Kind mehr.«

»Pat'! – O, die Schande – das Elend!«

»Das ist's freilich,« erwiderte der Bauer achselzuckend, »du mußt es eben tragen, zu ändern ist's nicht. Ich wollt' selber gern nicht dran glauben, aber es ist kein Zweifel. Beruhige dich, du bist brav, und dich trifft die Schande nicht.«

»Aber meine Mutter, meine Mutter! – Pat', helft, verlaßt uns nicht; redet mit dem Vater, Ihr geltet was bei ihm, wendet ihn um.«

»Deinen Vater gib auf, dem ist nicht zu helfen. Ich habe gestern mit ihm geredet – was gäb' ich 73 drum, könnt' ich das ungeschehen machen. Nicht weil er mich so schlecht behandelt hat, aber mit meiner guten Meinung goß ich nur Öl ins Feuer. Laß ihn, er ist blind und toll, und wie gesagt, dich trifft die Schande nicht.« Damit ging er hinaus.

Die Bäuerin stand am Fenster und zupfte kopfschüttelnd die gelben Blätter von ihrem Monatsrosenstock; die Reden ihres Alten gefielen ihr nicht, sie empfand, daß damit Johannes nicht geholfen war. Kurz entschlossen ging sie ihm nach; sie wollte ihn veranlassen, nochmals mit Johannes zu reden, damit er nicht ungetröstet von ihnen gehen müsse.

Johannes saß am Tisch, hatte den Kopf auf die Arme gelegt und rang nach Atem; verzagt trat Auguste zu ihm, legte die Hand auf seine Schulter und flüsterte: »Johannes!«

Er blickte auf, zog das Mädchen an seine Seite und klagte: »Auguste, wer hätte das gedacht? – Es ist schrecklich, der Vater ein –«

»Sag' das böse Wort nicht,« bat das Mädchen und lehnte sich auf seine Schulter. »Vielleicht ist's gar nicht so schlimm, die Leute reden gar viel.«

»Nein, Auguste, mir sind selber die Augen aufgegangen, die Bärbel – o die Bärbel!«

»So tröste dich, es ist ja nicht das erstemal, daß so was vorkommt, und die böse Zeit wird vorübergehen.«

»Was mir am Herzen nagt, ist nicht allein die Schande und das Unglück. Ach, Auguste, wenn der Vater so sein kann – wo ist dann noch Rechtschaffenheit? 74 Denk' nur, wie angesehen war er weit und breit – und jetzt? Wenn ich das überlege, dann wird mir's schwindlig, mir ist, als wären alle Menschen schlecht.«

»Johannes, das ist nichts! Wenn dein Vater unrecht tut, deswegen wird die Welt nicht schlechter. Wer keinem Menschen mehr was Rechtes zutraut, taugt selber nichts, und das paßt auf dich nicht. Du bist brav und gut, drum darfst du nicht so denken.«

Johannes drückte dem Mädchen die Hand, nach einer Weile begann er: »Was soll aber werden, wenn es nun die Mutter erfährt? Überlebt sie den Schrecken, so ist das Elend nicht abzusehen; denn, dir darf ich es ja sagen, die Mutter ist jetzt oft schon schlimm gegen den Vater und tut nicht, was recht ist – wie wird sie es nachher treiben?«

Auguste nickte betrübt, und Johannes fuhr fort: »Von Jugend auf hat die Mutter an mir gearbeitet, mich gegen den Vater aufzubringen, nun wird sie verlangen, daß ich mich ganz von ihm lossagen soll.«

»Er hat sich schwer an deiner Mutter versündigt.«

»Er bleibt immer mein Vater.«

»Ja freilich. – Wenn mein Vater das getan hätte – Gott verzeih' mir's, so was zu denken – ich könnt' doch auch nicht von ihm lassen.«

»Aber die Mutter wird mich verfluchen und verwünschen, bin ich ihr nicht zu Willen – und der Vater wird mir es nicht danken, er hat mich noch nie leiden mögen.«

»Armer, armer Bursch!« klagte das Mädchen. 75 »Es ist freilich hart, recht hart, aber was bleibt dir übrig. Tu', was du denkst, das recht ist, und laß dich sonst nichts anfechten. Stürmt deine Mutter, so tröste dich, du hast ihren Zorn nicht verdient; stellt sich dein Vater ungebärdig, habe Geduld! Er wird auch noch zur Einsicht kommen.«

»Auguste, habe Dank!« flüsterte Johannes.

»Wofür? – Ach könnt' ich dir helfen, aber ich bin eben nur ein armes, einfältiges Mädle.«

»Sag' das nicht!« rief Johannes und zog sie an seine Brust. »Dir hab' ich schon mehr zu danken, als ich aussprechen kann, und wenn ich jetzt bestehe, ist's auch dein Werk. Auguste, mag's drüben wettern, ich klage nimmer, ich will unserm Herrgott danken, daß ich dich habe.«

»Aber Auguste – Johannes! Herr du meine Güte, was macht ihr für Streiche?« rief die Bäuerin, die ihren Alten nicht mehr angetroffen und nun voller Verwunderung in der Tür stand. »Wenn das ein Mensch gesehen hätte!«

Erschrocken sprangen beide auf. Auguste verbarg ihr glühendes Gesicht am Hals der Mutter, und Johannes sagte verlegen: »Pate, seid nicht bös, wir haben uns eben lieb.«

»Nu, nu!« begütigte sie, »so schlimm war's eben nicht gemeint, weiß ich doch schon lang, wie es zwischen euch steht, aber so was schickt sich doch nicht. Seid nur zufrieden, ich verrat euch nicht, und du, Johannes, bist du jetzt ruhiger?«

76 »Ich denke, es soll werden. – Pate, der Vater steht so allein, kein Mensch warnt ihn, und doch ist mir, als müsse er umkehren, wenn ihm recht liebreich zugeredet würde. Dem Bauer ist's vielleicht mißglückt, allein er hat es vielleicht nicht recht angefangen. Pate, wenn ich es wüßte – –«

»Möchtest selber mit ihm reden?« fragte die Bäuerin.

»Darf ich?«

»'s ist eine gefährliche Sach'. – Wenn nur der Bauer da wär'; doch der ist dagegen, das ist vorauszusagen,« sagte die Bäuerin nachdenklich. »Hast du wirklich das Herz? – es kann auch recht schlimm für dich ausschlagen.«

»Davor fürchte ich mich nicht, wenn ich nur wüßte, ob ich darf.«

»Dann tue es in Gottes Namen. Bitt' ihn, er soll die Bärbel aus dem Hause schicken, vielleicht wird ihm das Herz weich.«

»Was meinst du, Auguste?«

»Tu's, ein Unrecht ist gewiß nicht dabei.«

»Mir graut vor dem Heimgehen; – meine Mutter, meine arme Mutter! Pate, Auguste – verlaßt sie nicht; wenn sie es erfährt – steht ihr bei.« –

»Hättest nicht zu bitten gebraucht,« entgegnete die Bäuerin herzlich. »Sei darum ohne Sorgen, das versteht sich ja von selbst.«

»Und härm' dich nicht zu sehr, Johannes,« bat Auguste. »Denke dran, unser Schicksal steht in Gottes Hand.«

77 Am nächsten Morgen war Bärbel in allerschlechtester Laune, brauste im Haus herum und schnurrte die Gesellen an, daß ihr Hansmichel ärgerlich die Faust vor das Gesicht hielt und versicherte, wenn sie ihm noch einmal so komme, wolle er ihr einen Denkzettel anhängen. Als die Gesellen mit den Kühen nach Sülzdorf fuhren, um Bretter zu holen, wollte sie Annelies wegen ihrer Unart zurechtweisen; aber auch ihr antwortete sie so unverschämt, daß Johannes, der zufällig dabei stand, vor Zorn das Blut ins Gesicht schoß. Zwar hatte der Vater heute auch nicht ausgesehen, als sei bei ihm viel auszurichten, allein in seiner Erregung besann sich Johannes nicht lange, ging in die Werkstatt und sagte zum Vater, der einsam dort arbeitete: »Vater, ich hätte eine rechte Bitte, schlagt sie mir nicht ab, ich will Euch gewiß so bald nicht wieder plagen.«

»Was ist's?« fuhr ihn Frieder an.

»Ich weiß nicht, was der Bärbel in den Sinn kommt, sie tut wie närrisch. Eben hat sie die Gesellen grob behandelt, und die Mutter, die ihr das verweisen wollte, fuhr sie an, 's war eine Schande. Drum wollte ich Euch recht gebeten haben: schickt sie fort.«

»So? – Weiter nichts? – Wer hat dich aufgehetzt und an mich geschickt?«

»Wie Ihr nur so denken könnt! – Ich wollte keinem Menschen geraten haben, mich gegen Euch aufzureden, ich komme allein für mich selber – und, nicht wahr: Ihr tut's?«

78 Oha! – Ja so! – Und was suchst du darunter?«

»Ich? – Ich verstehe Euch nicht.«

»Aber ich dich! – O du! – Willst du mich schon meistern – den Herrn im Haus spielen? Oha! – Deine Pfiffe kenn' ich; dir, deiner Mutter und dem Bergbauer weich ich nicht fußbreit, basta, kein Wort weiter!«

»Vater, Ihr tut unrecht, mir und den andern; die Mutter und der Bergbauer wissen gar nicht, daß ich bei Euch bin. Und ich laß nicht nach und bitte Euch recht von Herzen, schickt die Bärbel fort. 's ist ja nicht meinetwegen – was hätte ich für Nutzen dabei? – Vater, tut's, daß endlich die lästerlichen Reden der Leute ein Ende haben.«

»Da soll doch gleich ein heiliges –! Auch du traust mir solche Schlechtigkeit zu?« schrie Frieder und hob die Hand.

Johannes wich dem Schlage aus, stolperte über ein Werkzeug, stürzte rücklings nieder und verletzte sich im Fallen am Kopf. Als er sich blutend aufrichtete, fragte Frieder erschrocken: »Es hat dir doch nichts geschadet?«

»Kaum die Haut geritzt – was bin ich auch so ungeschickt. – Vater, hört auf mich, ich bitte Euch um Christi willen, schickt die Bärbel fort, bringt Euch und uns nicht ins Elend!«

»Oha! schrie Frieder. »Geh hin, spreng es aus in die Welt, dein Vater hätte dich wegen der Bärbel blutig geschlagen. – Tu's nur, je schlechter du mich 79 machst, desto besser für dich; – aber die Bärbel bleibt da, merk's, nun erst recht bleibt sie da!«

Krachend warf er die Tür hinter sich ins Schloß. Johannes saß auf dem Hackklotz und seufzte: »Arme Mutter! – Aber er ist auch unglücklich, vielleicht am unglücklichsten von uns allen. – Könnt' ich helfen – aber mit meinem Tun ist's vorbei.« Draußen hörte er die Gesellen Bretter abladen; um niemand merken zu lassen, was vorgefallen war, schlich er leise in seine Kammer.

Frieder verließ sein Haus und rannte ziellos durch den kalten Nebel. So sehr er Johannes zürnte, seine Worte hatten ihn doch tiefer ergriffen, als er sich selbst gestehen wollte. Sie riefen ihm das Gespräch mit dem Bergbauer ins Gedächtnis, daran reihten sich schwere Gedanken. Der Bergbauer war ihm stets in Wahrheit ein treuer Freund gewesen, Johannes hatte ihm nie ernstliche Ursache zur Unzufriedenheit gegeben und sich beim Einzug treulich seiner angenommen – verdienten beide nicht mehr Vertrauen als die Bärbel? Dazu war die Bitte des Sohnes vernünftig und klug, sie zeigte einen Ausweg, die Verwirrung zu lösen und zu einem ordentlichen Leben zurückzukehren. »Noch bin ich nicht, für was mich die Leute ansehen,« sagte er zu sich selbst, »aber die Gedanken sind auch Sünde, und wohin soll dieser Zustand zuletzt führen? – Soll ich ihm folgen und die Bärbel wegtun? – Aber dann bin ich wieder verlassen; sie ist doch die einzige, die aufrichtig zu mir steht. Wären Johannes und der Bergbauer 80 aufrichtig gegen mich gesinnt, hätten sie mir vertrauen, aber nicht gleich das Schlimmste von mir denken müssen. Tu' ich ihnen jetzt den Willen, werden sie mich verhöhnen und verspotten, dann haben sie mich schon unter sich, und ich darf nicht mehr mucken. – – Nein – ich könnt' es jetzt auch nicht ertragen, wäre die Bärbel fort. – – Ich hab' sie gern, das ist wahr, aber zu was Unrechtem darf es deswegen doch nicht kommen – dabei bleibt's!« 81

 


 

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