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Vater und Sohn

Heinrich Schaumberger: Vater und Sohn - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
booktitleVater und Sohn
authorHeinrich Schaumberger
year1924
firstpub1876
publisherMartin Warneck
addressBerlin
titleVater und Sohn
pages276
created20130302
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Verfehlte Hoffnung.

Schon waren die Felder geleert, die Birke kleidete sich in bunte Farben und ließ ihre Blätter im herbstlichen Wind dahinflattern, die Schwalben sammelten sich auf dem Kirchendach zur Reife, als das neue Schreinershaus schmuck und nett zur Aufnahme der Bewohner bereit stand. Am Abend vor dem Einzug sagte die Bergbäuerin zu Annelies, die müde und traurig bei ihr im Sessel saß: »Gib dich jetzt zufrieden, Gevatterin; wohnt ihr erst im eignen Haus, kehrt Frieder gewiß um und wird wieder ordentlich.«

»Nein, nein, Marie!« weinte Annelies. »Meine Gebrechlichkeit ist ihm zuwider, ich bin ihm zur Last, drüben wird er erst recht denken: daherein gehört eine junge, schöne, gesunde Frau. Ach, ich kenne ihn in- und auswendig; mir graut vor dem Einzug, gib acht, nun geht mein Elend erst an.«

Und draußen im Garten unter dem schon halbentblätterten Rosenbusch sagte Johannes zu Auguste: »Warum er so ist, weiß ich nicht, ich kann nicht anders denken, es hetzt jemand an ihm. Wie er mich behandelt, 55 davon will ich still sein, er ist mein Vater; aber daß er die Mutter so sehr verachtet, daß er sie vor den Dienstboten beschimpft und kränkt, das frißt mir am Herzen.«

»Könntest du nicht einmal mit ihm reden?« fragte Auguste bekümmert.

»Hab' es probiert, aber es ist nichts. Bei uns dürfen nur noch fremde Leute reden, die Mutter und ich müssen schweigen.«

»Könnt' ich helfen!«

»Du gutes Herz! Hast du mich nicht schon oft getröstet und aufgerichtet? – Und ich werde noch viel Trost brauchen, ich ahne es. Auguste, ich wollte, der Einzug wäre vorüber, wer weiß, was es da wieder gibt; gute Nacht.«

Am Abend des nächsten Tages faß die Schreinersfamilie im neuen Haus zusammen am Tisch, selbst der alte Hofhannes hatte sich auf die Einladung Frieders eingefunden, um den Einzug mit zu feiern. Annelies wollte auch die Bergbauernleute herüberbitten, aber Frieder hatte dies, zu aller Erstaunen, barsch verboten. Als die Gesellen das Haus verlassen hatten, um sich im Wirtshaus auf Kosten ihres Meisters gütlich zu tun, legte Frieder ein Paket sorgfältig zusammengebundener Papiere und seine große rote Brieftasche vor sich auf den Tisch. Bedächtig öffnete er die Schnur, breitete die Papiere vor Hannes aus und sagte: »Schwieger, das ist die Rechnung über die Baukosten: die Quittungen dazu seht Euch genau an, es ist alles in Ordnung.«

56 Der Alte nahm schmunzelnd seine Hornbrille vor, prüfte Blatt für Blatt genau, kein Posten entging seinen Luchsaugen.

»Das ist in Richtigkeit,« nickte er, indem er Frieder die Papiere ordnen half. »Der Bau wäre keine unebene Sach', aber für die Kapitalien, die er gefressen hat, ist's doch schad'.«

Frieder lächelte, legte einige Schuldverschreibungen, die er aus der Tasche nahm, mit den Worten auf den Tisch: »Da seht, der Bau hat mich noch nicht ausgegeldet, es fehlt mir auch nicht an Kapitalien.«

Hannes machte große Augen, die Obligationen übertrafen seine Erwartungen. Während er heimlich die Beträge zusammenrechnete, liefen seine Augen forschend von einem zum andern, heimlich dachte er: »Was bedeutet das? – Frieder war nie aufrichtig gegen mich, soll das eine Leimrute sein? – Warte, mich fängst du doch nicht!« – Ein pfiffiges Lachen lauerte in seinen Mundwinkeln, als er die Schuldbriefe zurückgab.

Frieder hustete, strich sich mit der Hand über den Mund und begann: »Schwieger, Ihr seht, ich habe es vorwärts gebracht, das Vermögen ist mehr als verdoppelt, dazu habe ich bewiesen, daß Ihr mir vertrauen dürft, drum gebt die Verschreibung heraus, Euch nützt sie nichts, und mir ist sie ein Pfahl im Fleisch. Gefahr ist dabei nicht vorhanden, weder für Euch noch Annelies, Johannes erbt doch einmal das ganze Vermögen.«

»Ich dacht's gleich, du hättest was vor,« lachte Hannes, »nichts da, es bleibt beim alten!«

57 »Tut das nicht! Die Urkunde läßt mir Tag und Nacht keine Ruh, ich bin ein halber Mensch, solange ich sie nicht in Händen habe. Macht dem Hader ein Ende; für das Papier will ich Euch eine Verschreibung geben, daß Annelies viertausend Gulden eingebracht hat, mehr könnt Ihr nicht verlangen.«

»Was ist das für eine Urkunde?« fragte Johannes.

»Hat dir das deine Mutter noch nicht gesteckt?« entgegnete Frieder bitter. »Es ist die Bescheinigung, das dein Herle da meinem Vater im Spiel das Vermögen abgenommen hat. Dafür, daß er ihn und mich damals nicht von Haus und Hof jagte, mußten wir ihm die Güter abtreten.«

»Herle, das wär ja schrecklich!« rief Johannes »Ist's wirklich an dem?«

»Das hat gerade gefehlt, daß du dich in die Sache hängst,« brummte Hannes ärgerlich. »Dein Vater könnt' auch was Besseres tun, als so dumm schwätzen. Hätt' ich das gewußt, ich wär gewiß nicht gekommen.«

»Herle, wenn Ihr die Urkunde habt, gebt sie 'raus,« bat Johannes. »Das ist ja Sünd' und Unrecht.«

»Nun hab' ich das Geschwätz satt!« fuhr Hannes auf. »Von solch grünem Buben wie du laß ich mir nicht in meinen Kram reden. Kurz und gut, die Urkund' bleibt bei mir. – Meinst, ich bin ein Narr, Frieder, und laß deine Sachen aus der Hand, jetzt, wo sie dreimal so viel wert sind, wie ehemals! – Oha! – Ich bin der Hofhannes.«

58 Frieder war bleich geworden, aber er hielt an sich und sagte: »Annelies, jetzt rede du! – Dein Vater hat dir die 4000 Gulden, wegen der er die Güter an sich zog, als Mitgab' versprochen; wenn du willst, muß er die Verschreibung herausgeben.«

»Mutter, besinnt Euch nicht!« bat Johannes.

Aber Annelies, die mit weitgeöffneten Augen dem Gespräch gelauscht hatte und sehr bleich geworden war, traf ein Blick des Vaters; langsam stand sie auf und sagte: »Was mein Vater tut, ist mir all recht, der muß es besser verstehen wie ich.«

Frieder sprang jach in die Höhe, Hannes griff nach Hut und Stock und lachte spöttisch: »Du dummer Narr! Hast gemeint, den Hofhannes in den Sack zu stecken? – Oha, das geht nicht so geschwind! – Und einen grausamen Gefallen hast du mir getan; jetzt weiß ich doch genau, wie's mit dir steht! Haha!« Damit ging er hinaus.

Johannes folgte, er wollte noch einmal bitten, allein Hannes sagte giftig: »Red' kein Wort! Ich weiß, was du willst. Denkst du, ich hab' mich mein Lebtag geplagt, um mir zuletzt von dummen Buben übers Maul fahren zu lassen? – Red' kein Wort, sonst hast du's aus bei mir für immer.«

In seiner Angst suchte Johannes die Mutter. Er fand sie in der oberen Stube auf dem Kanapee liegen, ihr Gesicht verhüllte sie mit der Schürze, und ein krampfhaftes Schluchzen zuckte durch ihren Körper.

»Mutter, Mutter!« rief er, »was habt ihr gemacht! – Was ist's mit der Urkunde, und warum habt Ihr sie nicht verlangt?«

59 Annelies fuhr zusammen, wischte sich die Tränen aus den Augen und sagte: »Das habe ich nicht erwartet, daß auch du noch über mich herfallen würdest. Was es mit der Urkunde für eine Bewandtnis hat, weiß ich so wenig wie du, heute habe ich selber das erste Gewisse darüber gehört. – Aber merk' auf, Johannes! Dein Vater hat mich verachtet, solange er mich kennt; auf unserer Freierei sagte er mir ins Gesicht: ich nehm' dich nicht aus Lieb'! Damals habe ich das nicht verstanden – aber mir ist bald ein Licht aufgegangen, was er mit den Worten meinte. Mein Geld wollte er, und zum Dank, daß er durch mich reich wurde, machte er mich unglücklich. Ich war ihm ein Dorn in den Augen von Anfang an: er wartet schon lang auf meinen Tod, um eine andere in meine Sachen zu führen; – soll ich ihm nun selber dazu helfen? Nein und tausendmal nein! – Auch deinetwegen darf ich nicht; du wirst mir's im Grab noch danken, daß ich nicht nachgegeben hab'.«

»Aber er sagt, Euer Vater hätte dem Schreinerspaule das Vermögen im Spiel abgenommen. Mutter – wenns wahr wäre – Gott im Himmel!«

»Deinem Vater trau ich nicht so viel! – Der Schreinerspaule war in aller Welt bekannt als ein liederlicher Haushalter; hätten er und Frieder gerechte Dinge gegen meinen Vater gehabt, Frieder war gewiß der letzte, der sich's hätte gefallen lassen.«

»Mutter, diesmal hat der Vater gewiß recht, ich ahn's! – Ich bitt' Euch, gebt nach, verlangt die Urkunde, tut's um des Friedens willen.«

60 »Johannes, sag das nicht wieder!« rief Annelies, die mit weit geöffneten Augen vor dem Sohne stand. »Du weißt nicht, wie du mir ans Leben greifst. Seit mich dein Vater beim Aufrichten des neuen Hauses vor allen Leuten beschimpfte, seit er nicht mehr weiß, wie er mich genug drangsalieren soll, ist's vorbei zwischen uns. – Und wenn ich's auch tun wollte, es wäre doch vergebens; – du kennst meinen Vater nicht. – Ach, Johannes, mir ist es von Kindesbeinen an schlecht gegangen.«

Johannes mußte ablassen, er hatte schwere Mühe, die aufgeregte Frau zu beruhigen.

Frieder hatte unterdes nicht minder erregt das Haus verlassen. Ohne Bärbel zu bemerken, die wohl nicht ohne Absicht an der Haustür lehnte, stürmte er hinüber ins Wirtshaus. Die Gäste erschraken über sein zerstörtes, verwildertes Aussehen; ohne ihre erstaunten Blicke zu beachten, setzte er sich an den Ecktisch zum Steinmüller, den die Bergheimer seines unmäßigen Trinkens wegen »Geuß« nannten, und zum Saufpaule, die beide schon angetrunken waren. »He, Geuß!« schrie Frieder, »ich seh' ein, du hast mehr Witz im Kopf, wie die Bergheimer zusammen, sag mir deinen Leibspruch, ich will ihn mir merken.«

»Wirst du gescheit?« lachte Geuß. »Ich pfeif' auf die ganze Welt und bleib' dabei:

Alles versoffen vor meinem End,
macht ein richtiges Testament.
Erben die Kinder, streiten sich drum, –
lieber bring' ich's selber um!«

61 »Lieber bring' ich's selber um – das ist das Wahre!« jubelte Frieder. »Du bist ein Mordskerl, Geuß; auf dein Wohl, Bruderherz!«

Die Gäste, vor allem der Beckenjörg und der Schneidersnickel schüttelten die Köpfe; sie fragten leise die Gesellen, was das bedeute; aber die konnten keinen Aufschluß geben, sie waren selber wie aus den Wolken gefallen. Nur der Holsteiner, der auf eine freie Zeche hoffte, nahm sein Glas, setzte sich zu Frieder und schrie: »Stoß an! Jetzt gefällst du mir, redest wie ein Mann! Bin auch einer, bin dabei gewesen, wie Christian der Achte in die Luft ging drinnen in Holstein; – Donnerwetter! Mein Leibsprüchle ist auch nicht ohne: ›Lustig gelebt und selig gestorben, heißt dem Teufel die Rechnung verdorben!‹«

Als nun auch der Saufpaule mit seinen Sprüchen und Lumpenliedern herausrückte, räumten die übrigen Gäste den vieren das Feld. Morgens um zwei Uhr hörte sie der Wächter noch singen und schreien; sie wären auch wohl noch länger sitzen geblieben, hätte nicht der Wirt kurzen Prozeß gemacht und die Lichter gelöscht.

Mit sich und der Welt zerfallen, wetterte Frieder am Morgen im Haus und in der Werkstatt herum; die Hausgenossen atmeten auf, als er nach dem Mittagsessen wieder ins Wirtshaus schlich. Allein es wollte ihm nicht gelingen, den gestrigen Jammer zu ersäufen; die Schande wurmte ihn, und der Spott der Gäste erregte seinen Zorn, zeitig ging er heim.

Bärbel saß trotz der feuchtkalten Herbstluft auf dem Treppenaltan und erwartete ihn; sie sah das 62 Eisen glühen und wollte nicht säumen, es zu schmieden. »So bald?« fragte sie, als Frieder die Treppe heraufkam. »Hat's Euch nicht gefallen?«

»Mir ist die Welt zur Last!« knurrte Frieder.

»Glaub's! So wie Euch muß auch noch keinem Menschen mitgespielt worden sein, und noch dazu von den eignen Leuten! – 's Herz dreht sich im Leib um, wenn man das mit ansehen muß.«

»Nicht von allen, Johannes hat sich brav gehalten.«

Bärbel blickte fast erschrocken zu ihrem Herrn auf; was war das? – Allein, verblüffen ließ sie sich nicht; spöttisch lachend begann sie: »Und das nennt Ihr brav gehalten? Was hat er getan? Wär's ihm Ernst gewesen, hätte er anders für Euch geredet, verlaßt Euch drauf. Seht, das sind alles abgekartete Geschichten; erst muß der Johannes Euch ärgern, um einen Anfang zu machen, gestern setzten Euch der Hofhannes und die Annelies zu, gebt acht, nun wird auch der Bergbauer bald über Euch kommen. Und so geht's fort, bis Ihr mürbe geworden seid, denkt an mich.«

»Rede vernünftig! – Was soll das bedeuten?«

»Ha, ha, ich fürchte mich nicht, ich sag's gerade 'raus. Erfährt's die Annelies und der Johannes, muß ich freilich aus dem Haus, denn Ihr seid ja schon lange nicht mehr Herr; aber das ist mir eben recht, braucht' ich doch nachher das Treiben nicht mehr mit anzusehen. Wo sie hinaus wollen? – 63 Ihr habt sie reich gemacht, nun brauchen sie Euch nimmer, nun möchten sie Euch das Vermögen aus den Händen reißen, daß Ihr in Euren besten Jahren ins Eckele kriechen und Euch jedes Zehnerle vorzählen lassen müßt. Das ist's, worauf sie es abgesehen haben, und wenn Ihr Euch nicht beizeiten festsetzt, bringen sie's auch noch so weit.«

»Diesmal haben sie sich verrechnet,« knirschte Frieder, dem die Worte der Bärbel die eignen Gedanken und heimlichen Befürchtungen bestätigten; »sie kennen den Schreinersfrieder nicht. Dir dank ich, du hast mir die Augen aufgetan, und laß dich's nicht kümmern, wenn meine Leute über dich wollen – ich bin auch noch da.«

Bärbel sah Frieder nach, der hastig, als habe er zuviel gesagt, ins Haus eilte; höhnend schnippte sie mit den Fingern und lachte: »Dich hab' ich! – Mit der Urkunde wird es nicht viel auf sich haben, die Güter gehören ja doch dem Frieder. Nur immer zu, jetzt nicht mehr geschont, je mehr Lärm und Verdruß, desto besser für mich!«

Droben in seiner Kammer ging Frieder ruhelos auf und ab; oft fuhr er sich mit den Händen in die Haare und rief: »Wenn Bärbel recht hat, bin ich nicht wehrlos in ihre Hände gegeben? – Was ist noch mein von dem Vermögen? – O, die Urkunde, die Urkunde! – Aber ich geb' doch nicht nach, ich laß es aufs äußerste ankommen; ich will Meister sein in meinem Haus und mich meines Lebens erfreuen, soweit ich kann.«

64 Mutter und Sohn verbrachten die Nacht auch schlaflos; Johannes hielt der Kummer über die gestrige Schande des Vaters wach, und Annelies weinte über den Verfall ihres Haushaltes. Am Morgen machte sie Frieder Vorstellungen, kam aber damit übel an. Das war Frieder eine willkommene Gelegenheit; er erhitzte sich, ein heftiger Zank brach aus und riß die Kluft zwischen den Eheleuten noch weiter auf.

 


 

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