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Vater und Sohn

Heinrich Schaumberger: Vater und Sohn - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
booktitleVater und Sohn
authorHeinrich Schaumberger
year1924
firstpub1876
publisherMartin Warneck
addressBerlin
titleVater und Sohn
pages276
created20130302
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Brav und treu.

Vater, ich möchte Euch was sagen,« begann Johannes, als er am Sonntag Nachmittag allein mit dem Vater in der Stube war.

»Was ist's?« fragte Frieder und blickte verwundert von seiner Schreiberei auf.

»Seht,« meinte Johannes zögernd und nestelte an seiner Pfeife, »der Bau ist bald fertig, bis zum Winter sind wir im neuen Haus lange eingerichtet, dazu haben wir jetzt gerade zwei tüchtige Gesellen – auf den Hansmichel und den Martin könnt ihr Euch in allen Stücken verlassen – und zwanzig Jahre bin ich auch gewesen –«

»Bin neugierig, wo du hinauswillst,« unterbrach ihn Frieder, legte die Papiere zusammen und brannte seine Pfeife an. »Möchtest am Ende gar heiraten?«

»Das wäre doch zu bald,« lachte Johannes. »Nein, ich hätte ein andres Anliegen. Mein Handwerk versteh' ich so ziemlich, darin habe ich Euch viel zu danken; was aber das Rechnen und Schreiben betrifft und besonders das Zeichnen, ohne das ein Schreiner 41 gar nicht bestehen kann heutzutag, da sieht's windig aus. Drum wollt' ich Euch bitten, laßt mich den Winter über auf die Baugewerkschule nach C. Heuer könnt Ihr mich entbehren, weil Ihr Martin und Hansmichel habt, und bei meinem Alter ist's die höchste Zeit, wenn ich's noch zu was bringen will.«

Frieder zog die Stirne kraus. Schon als Johannes Geselle ward, hatte er daran gedacht, ihn auf eine Schule zu tun, verschob es aber von Jahr zu Jahr und ärgerte sich nun, daß ihm Johannes vorgriff. »Hm, hm!« brummte er, »die Sach' ist mir selber schon im Kopf herumgegangen, aber heuer geht's nicht, warte bis übers Jahr.«

»Ich bitt' Euch, überlegt's Vater. Wer weiß, was später dreinkommt, ich meine, gerade diesmal schickt sichs besonders gut.«

»Durch den Bau sind viele Bestellungen liegen geblieben, die müssen im Winter aufgearbeitet werden.«

»Das wird uns nächstes Jahr nicht besser gehen; braucht Ihr wirklich Hilfe, so hat mir der Zieglersferdinand gesagt, er trete jeden Tag bei uns ein.«

»'s geht nicht, wo soll ich das Geld hernehmen?«

»Ja, die paar Gulden, die ich mir sparte, reichen freilich nicht aus, aber ich will mich schon einrichten, daß ich Euch nicht zu sehr zur Last falle.«

»Hm, hm! – Hast's arg eilig, dahinter steckt gewiß noch was; gesteh's nur, du denkst doch ans Heiraten.«

»Vater!«

42 »Verstell' dich nicht, deinen Patenleuten zulieb läufst du nicht allabendlich ins Bergbauernhaus. Und wäre das was Unrechtes? – Die Auguste ist ein braves Mädle.«

Johannes ward rot und entgegnete leise: »Ich habe Auguste immer für meine Schwester angesehen.«

»Dummes Zeug!« lachte Frieder. »Aber ich dringe nicht in dich, willst du es nicht gestehen, mir auch recht, nur tu' deine Augen auf. Die Auguste ist ein prächtiges Mädle und reich, Johannes, sehr reich – drum folge mir, bleibe daheim und mache die Sache fest.«

»Und wenn es sein sollte, das hat noch lange Zeit.«

»'s ist wahr, ihr seid beide noch jung, aber bei solchen Mädeln muß man bald dazutun, sonst sitzt man hintendran. Folge mir und benütze die Gelegenheit, mit Auguste bist du geborgen; was du erheiratest, brauchst du nicht zu erarbeiten.«

»Ihr meint es wohl gut, aber ich denke anders. Um reich zu werden, heirate ich nicht, und ihres Geldes wegen versetzte ich keinen Fuß nach Auguste. Ich bitt' Euch, überlegt Euch die Sache mit der Gewerkschule, mir liegt viel daran, und ich fürchte, komme ich diesmal nicht hin, wird überhaupt nichts daraus.«

Frieder stand am Fenster und trommelte an die Scheiben. Plötzlich drehte er sich nach Johannes um: »Ein für allemal, heuer bleibst du daheim. Wäre mir eine schöne Sach'; wo ich mich den Sommer über mit dem Bau halbtot gerackert habe, soll ich für den 43 Winter auch noch das Geschäft allein auf mich nehmen, mich mit Gewalt zugrund' richten? – Ich glaube, dir wäre es einerlei, aber ich danke! Im übrigen bist du noch derselbe Dämling wie in deinen Bubenjahren, du bringst es im Leben zu nichts!« Dann ging er hinaus.

Johannes sah ihm traurig nach, allein die trüben Gedanken über diese rauhe Behandlung hielten heute nicht stand, des Vaters Worte über Auguste machten ihm viel zu schaffen. Er begann ernstlich zu überlegen, ob er wirklich Auguste nur wie eine Schwester liebe. Wohl hatte er schon öfter, besonders wenn seine Kameraden von ihren Liebsten erzählten, daran gedacht, es müsse doch herrlich sein, wenn er Auguste zum Schatz hätte, und in der Ordnung wäre es auch – allein die Gewohnheit, in Auguste noch immer das kleine, seines Schutzes bedürftige Mädchen zu sehen, die geschwisterliche Vertraulichkeit, mit der sie ihm entgegenkam, brachten solche Bedenken bald wieder in Vergessenheit. Heute war es jedoch anders, ein ganz neues beglückendes Gefühl war in ihm erwacht.

In der milden Abendkühle nach dem heißen Tag saßen die Männer neben Weib und Kind vor den Haustüren, atmeten mit Lust den würzigen Geruch, den der Abendwind von den blühenden Getreidefeldern ins Dorf trug, lauschten dem Quaken der Frösche im Grund, den dumpfen Hammerschlägen des Sülzdorfer Eisenwerks und erfreuten sich dieser Vorzeichen einer beständigen Witterung. Rund und glänzend stieg der 44 Mond über den Stammberg jenseits der Wertha empor, und wie er so freundlich in die Gassen hereinleuchtete, ward es lebendig im Dorf. Plaudernd und rauchend sammelten sich die Bursche auf dem Bauholz vor dem Zimmerhaus, manches Auge schielte heimlich hinauf zum Spritzenhaus nach den Mädchen, die bald darauf, das Gestrick in der Hand, singend die Straße herabzogen. Beim Bauholz gab es einige Unordnung; die Bursche, die ihre Schätze begrüßen wollten, drängten sich zwischen die Mädchen, dabei ging es ohne Küsse natürlich nicht ab. Endlich entwirrte sich der Knäuel, Arm in Arm, in Reihen, die die ganze Breite der Gasse einnahmen, zogen die Mädchen voran, die Bursche folgten, und die ganze Gesellschaft sang:

Muß i denn, muß i denn zum Städtele 'naus,
Städtele 'naus,
und du mein Schatz bleibst hier.

Johannes, in der Meinung Auguste zu treffen, hatte sich angeschlossen, allein da er das Mädchen nicht bei ihren Kamerädinnen fand, gefiel es ihm nicht unter den Burschen; beim Beckenhof blieb er zurück, drückte sich unter die Büsche des Schloßgartens und schritt auf dem breiten Kiesweg langsam ins obere Dorf zurück.

Es war eine wundervolle Nacht. Der Mond, dessen Bild die kleinen Wellen des Schloßteichs zitternd widerspiegelte, goß ein zauberhaftes Licht über die uralten Baumgruppen, umstrickte die Rosenbüsche mit einem Silbernetz und leuchtete als milder Glanz aus den halbgeöffneten Blütenkelchen der Blumenbeete. Entzückt blieb Johannes stehen, tief atmend sog er die berauschenden Düfte ein und lauschte dem Gesang 45 seiner Kameraden, der in der Ferne leise durch die stille Nacht erklang. Eben vernahm er noch:

Es stand eine Lind' im tiefen, tiefen Tal,
    war oben breit und unten schmal,
darunter zwei Verliebte saßen,
    vor Liebe all ihr Leid vergaßen. –

Dann ward es still, die Sänger mochten in die tiefe Schleifgasse einbiegen, die zur Zangenmühle abführt. Wie oft hatte Johannes das selber mit gesungen, ohne sich etwas Besonderes dabei zu denken; aber heute, wo ihm die Liebe im Herzen erblüht war, verstand er ahnend der Liebe Lust und Leid auch im Lied. Leise den »G'satz« vor sich hin summend, verließ er den Schloßgarten, schlenderte durchs Kugelgäßle, von dessen Hecken er manches Blatt abriß und sinnend zerzupfte, bog ums Wagnershaus und schritt in glückseliger Versunkenheit am Bergbauerngarten hin. Da hörte er oben auf der Mauer unterdrücktes Lachen, eine Rose streifte seine Wange, und als er aufblickte, sah er eine Gestalt in den Büschen verschwinden. Mit zwei Sprüngen war er um die Gartenmauer, und Auguste, die eben ins Haus schlüpfen wollte, wäre ihm fast in die Arme gelaufen.

»Warte nur, ein andermal bin ich doch schneller wie du!« rief sie dem Jüngling entgegen, der plötzlich verlegen dreinschaute und verzagt fragte: »Darf ich rein?«

»Ich wüßte nicht, daß dir unser Garten verboten wär'«, lachte Auguste, indem sie umkehrte, »und das Bänkle ist um nichts kürzer worden, wir werden wohl beide Platz haben.«

46 Unter dem Rosenstrauch an der Giebelseite des Hauses, dessen Bewurf im Mondschein leuchtete, setzte sie sich auf das niedere Bänkchen, das ihr Johannes als Knabe gezimmert hatte. Aus den ordnungslos niederfallenden Ranken und Zweigen, die sich wie Kränze und Girlanden über ihre Stirne und Schultern legten, aus den Rosen, die um ihr Gesicht nickten und wankten, lächelte das Mädchen dem Jüngling entgegen, der klopfenden Herzens vor ihr stand und die Augen nicht wenden konnte von dem lieblichen Bild. Es drängte ihn, ihre Hand zu ergreifen und zu sagen: ich bin dir gut – aber eine wunderliche Scheu hielt seine Zunge gefesselt, und als seine Kameraden, die sich dem Dorfe wieder näherten, drunten sangen:

Ach wie wär's möglich dann,
daß ich dich lassen kann;
hab dich von Herzen lieb,
das glaube mir.

Du hast die Seele mein
so ganz genommen ein,
daß ich kein andre lieb,
als dich allein. –

– und so seine geheimsten Gedanken und Empfindungen aussprachen, kam ihm das vor wie Sünde, es ward ihm unsäglich schwül, am liebsten wäre er ihr davon gelaufen. Zum Glück merkte das Mädchen nichts von seiner Not; unbefangen meinte sie, als er sich so weit als möglich von ihr entfernt auf das Ende der Bank setzte: »Nimm dich in acht, du fällst gewiß noch in die Dörner. Rück' doch 'ran, ich habe 47 noch niemand gebissen, und glühendes Eisen bin ich auch nicht. Was ist nur mit dir? – Vorhin gehst du vorbei und tust nicht, als ob ein Bergbauernhaus in der Welt wäre, und jetzt sitzest du da – sage, ist an mir etwas nicht in Ordnung, weil du mich so anguckst?«

»Ach, Auguste, du bist so – so –« – so schön wollte er sagen, aber das ging doch nicht, das Wort blieb ihm im Halse stecken, und der Husten, in den er verfiel, trieb ihm das Blut ins Gesicht. Das Mädchen schüttelte den Kopf: »Du bist wunderlich – was wolltest du doch sagen?«

»Ach, du bist so – geputzt!« platzte Johannes in seiner Verlegenheit heraus.

»Johannes, bist du bei Trost?« lachte sie fröhlich und strich ihre Schürze glatt. »Hast du mich nicht alle Sonntage in dem Anzug gesehen?«

»Nun ich meine ja nur,« entschuldigte er sich. – Wie schön das Mädchen aussah, wenn die Schatten der Rosenblätter über ihr frisches Gesicht huschten; wie gut ihr das buntseidene Halstuch stand, unter dem die blühweißen Hemdärmel so sauber hervorquollen! – Er machte einen Versuch, näher zu rücken, blieb aber sitzen, roch an der Rose, die ihm Auguste zugeworfen, und begann zögernd: »Ja, eigentlich wollte ich dir was sagen.«

»Ich dachte es ja gleich, du hättest was auf dem Herzen,« sagte Auguste, setzte sich dicht zu ihm und sah ihm erwartungsvoll in die Augen. Das hätte ihn um ein Haar wieder außer Fassung gebracht; allein er hielt sich tapfer, fuhr mit der Hand ins Halstuch, das ihm plötzlich sehr eng vorkam, und 48 begann: »Sieh, wir haben uns gern gehabt wie Geschwister, aber das ist nichts mehr. Weißt du – ach – wie sag' ich doch gleich – ja, weißt du – mit der Lieb' ist's vorbei.«

»Johannes!« rief Auguste, deren Augen sich mit Wasser füllten.

»Gott, so versteh mich doch!« bat Johannes und ergriff ihre Hand. »Ich meine ja nur die Lieb', wie sie bisher war. – Guck, jeder Bursch hat sein Mädle gern und sie ihn, und sind auch keine Geschwister – und da – da hab' ich gedacht – du könntest auch mein Schatz sein!«

»O, du böser Mensch! Wie du mich erschreckt hast!« lachte und weinte das Mädchen an seinem Hals, und leise setzte sie hinzu: »Ich hab' schon lang' erwartet, du würdest einmal mit mir reden.«

Freundlich versteckte sich der gute alte Mond hinter dem Kastanienbaum im Hofe, die Rosen nickten sich heimlich zu und streuten ihre süßesten Düfte aus und vom Dorf klang es herauf:

Stirbt Blum und Hoffnung gleich,
wir sind an Liebe reich,
denn die stirbt nie in mir,
das glaube mir. –

»Und ist es dein Ernst?« fragte Johannes immer wieder. »Bist du wirklich mein Schatz?«

»Ich habe dich lieb, Johannes, lieber als die ganze Welt. – Bist du mir auch treu?«

»So mußt du nicht fragen, das versteht sich von selbst und ist gar nicht zu denken, daß wir uns einmal 49 nimmer liebhaben können. Ach, das Glück! Ist nun auch der Vater hart und läßt mich nicht auf die Schule, es soll mich nicht kümmern, ich nehme Stunden in Schottendorf; denn ein rechter Mann muß ich werden, nicht wahr, das willst du auch?«

»Du guter, braver Mensch!«

»Ja, brav und rechtschaffen – da hast du meine Hand darauf, ich bleib's, weil ich lebe. Versprich mir's auch; – so, dabei bleibt's.«

Im Dorf war es still geworden, nur dann und wann hörte man noch eine Tür ins Schloß fallen, der Mond sah verstohlen hinter dem Kastanienbaum hervor, als wollte er sagen: Nun Kinder, ich dächte, es wäre Zeit. – Da drängte Auguste zum Aufbruch. Vor der Haustüre gab ihr Johannes noch einmal die Hand und sagte: »Da hast du eine Rose von mir, wie ich eine von dir hab', wir müssen in allen Dingen gleich sein. Schlaf wohl herztausiger Schatz; brav und treu, nicht wahr? – Gute Nacht!«

Am Morgen rief sich Johannes fröhlich zu: »Weißt du, du hast einen Schatz! – Guten Morgen, Auguste, denkst du auch an mich?«

Dann wickelte er die Rose säuberlich in weißes Papier, legte sie in die Lade zu seinen übrigen Kostbarkeiten – Schreibhefte und Bücher aus seiner Schulzeit, verblichene Bänder, die ihm Auguste geschenkt, als er mit ihr den Plan aufstellte – und ging im Herzen glücklich an die Arbeit.

50 Nicht so Frieder. Verdrossen kam er in die Werkstatt und ärgerte sich, daß Johannes so heiter war. Die Worte seines Sohnes: um reich zu werden, heirate ich nicht, klangen ihm wie ein versteckter Vorwurf; dazu hatte er gestern durch seine schroffe Weise sich selbst einen lange überlegten Plan vereitelt. – Beides wurmte ihn; je länger er darüber nachsann, desto mehr. Zunächst hoffte er noch, Johannes werde seine Bitte wiederholen: allein als Tag für Tag verging und Johannes die Bauschule vergessen zu haben schien, ward Frieder ernstlich zornig; dies Schweigen hielt er für eine neue absichtliche Kränkung.

Am nächsten Sonntag führten Frieder Geschäfte nach Schottendorf. Sein Erstaunen war nicht gering, als der Ratswirtschristian, bei dem er stets einkehrte, sich zu ihm setzte und laut, daß es alle Gäste hören mußten, sagte: »Das lasse ich mir gefallen, du wendest doch was an deinen Buben. Der »Modellör« Dorn sagte mir gestern, dein Johannes habe Zeichenstunde bei ihm genommen, und der neue Herr Kantor erzählte, ein gewisser Johannes Scheler von Bergheim komme zu ihm in Rechen- und Schreibstunde. So ist's recht! – Ich sagte auch gleich: »Ja, der Schreinersfrieder, das ist einmal ein richtiger Mann!«

Frieder lächelte und nickte, obgleich es ihm nicht zum Lachen war, bezahlte seine Zeche und ging heim.

»O, der Duckmäuser!« zürnte er, als er allein war, und ballte die Fäuste. »Ehe er mir ein zweites gutes Wort gönnt, bringt er mich in Schimpf und Schande – denn was sollen die Leute von mir denken, 51 wenn's heraus kommt, wie's wirklich ist? Und daß es heraus kommt, dafür wird Johannes schon sorgen. Und von Fremden muß ich erfahren, was er tut; – s'ist sündlich, wie ich im eignen Haus verachtet bin!«

Daheim sah Bärbele sogleich, daß ihm etwas quer gegangen sein müsse, und baute darauf ihren Plan. Besonders sauber angetan erschien sie beim Abendessen, schlau wußte sie den Blick Frieders auf sich zu ziehen; danach, als Annelies, die sich nicht wohl fühlte, zu Bett gegangen war, setzte sie sich mit dem Strickzeug vor die Haustür und erwartete ihren Herrn.

Schwere Regentropfen rauschten und klapperten auf den Ziegeln des Vordaches, aus den Gärten wehte ein erfrischender Erdgeruch herauf – darauf achtete sie jedoch nicht, sie horchte gespannt den Tritten Frieders, der in der Stube heftig auf und ab ging. Endlich trat er zum Ausgehen gerüstet in die Haustür, brannte seine Pfeife an und fragte in möglichst gleichgültigem Tone: »Wo steckt Johannes? Er war wieder nicht beim Essen.«

»Er wird eben bei seinem Schatz sein,« war die kurze Antwort.

»Wer ist das?«

»Wenn er's auch verleugnet,« kicherte Bärbel, »es weiß doch das ganze Dorf, daß er mit der Bergbauers-Auguste geht.«

»Verleugnet? – Was schwätzest du?«

»Meint Ihr, ich hätte keine Ohren? Ihr und Johannes habt ja vor acht Tagen geschrien, drei Häuser 52 weit mußte man's hören. Habt Ihr einmal wieder Heimlichkeiten abzumachen, dann schickt mich erst aus der Küche.«

»Und ist's gewiß? – Ich meine mit Johannes und Auguste?«

»Fragt weiter. Ist er etwa nicht vor acht Tagen von Euch weg ins Bergbauernhaus gelaufen? Hat er nicht den ganzen Abend bei der Auguste im Garten gesessen?«

Frieder trat an die Brüstung und starrte finster hinaus in den fallenden Regen; – also auch darin hatte er ihn betrogen! – Plötzlich fragte er: »Ist Johannes nach Schottendorf?«

»Ihr waret kaum durch den Herrenhof, so rannte er mit einem Pack Bücher zur Lorenzgasse hinaus. er nimmt ja Stunden in Schottendorf. Ich hab's mit angehört, wie er der Annelies sagte, Euch zum Trotze täte er's, und sie hat ihn auch gründlich bestärkt.«

Eine leichte Röte stieg ihr bei dieser Unwahrheit ins Gesicht; wie im Trotz gegen sich selbst warf sie jedoch den Kopf zurück und fuhr fort. »Herr, es geht mich nichts an, aber manchmal überläuft mich's, wenn ich mit ansehen muß, wie Euch die eignen Leute zum Narren haben.«

»Zum Narren halten; – ist mir's nicht von jeher so gegangen?« knirschte Frieder. »Aber meine Geduld ist zu End', jetzt will ich ihnen den Herrn zeigen! Dir dank ich, Bärbel; es soll dein Schade nicht sein, daß du zu mir hältst.«

53 Ohne den strömenden Regen zu beachten, ging er mit weiten Schritten hinüber ins Wirtshaus.

Bärbel nickte und sah ihm mit zufriedenen Lachen nach; hinter Johannes, der eben triefnaß von Schottendorf heimkehrte, drohte sie mit der Faust und zischte durch die Zähne: »Warte nur, Bürschle, du sollst an mich denken.« 54

 


 

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