Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Heinrich Schaumberger >

Vater und Sohn

Heinrich Schaumberger: Vater und Sohn - Kapitel 2
Quellenangabe
typefiction
booktitleVater und Sohn
authorHeinrich Schaumberger
year1924
firstpub1876
publisherMartin Warneck
addressBerlin
titleVater und Sohn
pages276
created20130302
sendergerd.bouillon@t-online.de
Schließen

Navigation:

Ein neues Haus und ein alter Wurm.

Es war fast Abend, der westliche Himmel begann zu glühen, als der Meister den letzten hölzernen Nagel mit gewaltigem Schlage befestigte – das neue Haus war aufgerichtet. Schlank und zierlich, wie ein leichtes Netzwerk, stiegen die Balken zum Himmel, und doch standen sie schwer und fest, gerüstet zum trotzigen Widerstand gegen Wetter und Sturm. Die künftige Gestalt des Hauses war erkennbar, aber das kunstvolle Gefüge wohnlicher Räume, welches die äußere Form künftig umschließen sollte, konnte nur das Auge des schaffenden Meisters aus dem Gewirr der Balken herausfinden. Ein ernstes Sinnbild! – Ist für unsere Erkenntnis das menschliche Leben mehr als solch ein offener Bau? – Daran dachte freilich die Schreinersfamilie, für die der Bau gerichtet ward, wohl nicht; andre, nicht minder ernste Gedanken mochten sie bewegen; denn der Schreinersfrieder nahm seine Mütze ab und faltete die Hände, die Schreinersannelies weinte heftig, und Johannes, ihr einziger Sohn, blickte sinnend vor sich nieder.

8 Wie Ameisen kletterten unterdes die Gesellen im Gebälk umher, errichteten auf dem höchsten Speicher eine Bühne und sammelten sich dort um den Meister. Im langen Kirchenrock, um den hohen Hut ein buntes Seidentuch gebunden, trat der jüngste Geselle aus ihrer Mitte, befestigte auf der Spitze der beiden äußersten Giebelsparren einen grünen, mit wallenden Tüchern und Bändern geschmückten Tannenbusch und krönte so Haus und Werk. Der letzte Strahl der Sonne glänzte auf seinem Gesicht, der Abendwind spielte leise mit seinem blonden Haar, als er den Hut abnahm und den Zimmerspruch begann:

Das neue Haus ist aufgericht't;
gedeckt, gemauert ist es nicht,
noch können Regen und Sonnenschein
von oben und überall herein.
Drum rufen wir zum Meister der Welt,
er wolle von dem Himmelszelt
nur Heil und Segen gießen aus
hier über dieses offene Haus.
Zu oberst wolle er gut Gedeihn
in die Kornböden uns verleihn,
in die Stube Fleiß und Frömmigkeit,
in die Küche Maß und Reinlichkeit,
in den Stall Gesundheit allermeist,
ins ganze Haus einen guten Geist.
Die Fenster und Pforten wolle er weihn,
daß nichts Unseliges komme herein,
und daß aus dieser offnen Tür
bald fromme Kinder springen für.
Nun, Maurer, deckt und mauert aus;
der Segen Gottes ist im Haus!
                                                  (Uhland.)

9 Nach einem Hoch auf den Bauherrn, in das die Gesellen droben und die Bergheimer drunten kräftig einstimmten, leerte der Jüngling ein volles Glas und schleuderte es mit kräftigem Schwung unter die atemlos lauschende Menge. Heller Jubel ertönte, da das zerbrechliche Ding klanglos im Gras verschwand, und um seinen Besitz erhob sich großes Gedränge. Gespannt – Annelies vergaß sogar das Weinen – blickte die Schreinersfamilie in das Gewühl; endlich teilte sich der Haufe, ein junges schlankes Mädchen, in deren Hand das Glas funkelte, eilte auf die Schreinersleute zu und rief schon von weitem: »Pat', ich hab's, ich hab's! – und es ist noch wie neu!«

»Gott sei Dank!« seufzte Annelies erleichtert und betrachtete es forschend von allen Seiten. »Die Freude, Auguste! – Es ist ein gar böses Zeichen, wenn beim Aufrichten das Glas zerbricht.« Auch Frieders Augen glänzten, allein das Mädchen achtete wenig auf sein Lob; um ihre frischen Lippen spielte ein glückliches Lächeln, als ihr Johannes mit freudestrahlendem Angesichte leise zunickte. Die Hirtenkathrin, die von ihrem Vater selig, dem alten Hirtenhannes, allerlei geheime Kunst und Wissenschaft geerbt hatte, und sich gern ein wenig damit hervortat, kam auch herbei und nickte: »Ich sag's ja, das Augustele ist ein Glückskind! So ein Glas – hebe es ja wert auf! – ist ein wahrer Schatz im Haus! Und lasse es nicht mit bloßen Händen angreifen, das können die wundersamen Kräfte, die darin stecken, nicht vertragen. Ja, ja, Auguste, merk dir's, wundersame Kräfte stecken 10 drin! Zum Exempel: wenn ein Kind nur ein Tröpflein daraus trinkt, hat ihm das G'fraisch (Krämpfe) nichts mehr an; zahnt es gar durch die Glieder, so braucht man das Zahnfleisch bloß mit dem Glas zu berühren, und die Zähnle brechen durch, das Kind merkt gar nichts davon.«

Die Alte würde noch lange fortgeredet haben, hätte nicht eben der Meister mit seinen Gesellen droben auf dem Speicher den Choral angestimmt: Nun danket alle Gott mit Herzen, Mund und Händen! – Feierlich klang der Gesang, an dem sich alle Anwesenden beteiligten, hinein in den stillen Abend; kein Herz blieb unbewegt, nicht bloß in den Augen der Schreinersleute schimmerte es feucht. Gerührt dankte Annelies den Freunden und Nachbarn, die sie beglückwünschend umdrängten; auch Frieder war freundlich; aber seine Worte waren minder herzlich, und der hochmütige Zug um seinen Mund, seine stolzen Blicke wollten dem Bergbauer nicht gefallen. Die Gesellen, voran der Meister kletterten vom Haus herab, einzelne Zuschauer entfernten sich, da rief Frieder mit schallender Stimme: »Holla, verlauft euch nicht, unser Weg führt ins Wirtshaus, ihr alle seid heut meine Gäste!« Ohne sich nach Weib und Kind umzusehen, wollte er vorangehen, da trat ihm der Bergbauer in den Weg: »Gevatter schämst du nicht?–Willst du die Annelies und deinen Johannes am Weg stehen lassen?« Frieder runzelte finster die Stirn; ohne dem Bergbauer einen Blick zu gönnen, rief er den Seinen heftig zu: »Was steht ihr noch da? Wollt ihr mir an meinem 11 Ehrentag die Freude verderben? – Macht voran ins Wirtshaus, daß ihr den ersten Reihen nicht verpaßt.«

Annelies hielt bei diesen lieblosen Worten nur mit Mühe die Tränen zurück, traurig blickte sie Frieder nach, der weit voraus neben dem Meister dem Wirtshause zuschritt, und erklärte, sie möge von der Welt nichts mehr wissen, sie gehe heim. Auch Johannes war bleich geworden; seinen Bitten gelang es endlich, die Mutter doch zum Mitgehen zu bewegen.

Langsam folgte der Bergbauer den beiden; kopfschüttelnd sagte er zu seiner Frau: »Marie, bei unseren Gevattersleuten ist was nicht in Ordnung, ich fürchte, der Neubau bringt ihnen wenig Glück.«

»Was nur den Frieder angefochten hat? – Den ganzen Abend gönnte er der Annelies kaum ein Wort, und so barsch habe ich ihn noch nicht reden hören.«

»Das ist's nicht allein. Der Frieder muß was auf dem Herzen haben, mir ist sein wunderliches Wesen schon lang aufgefallen. Gott gebe, daß wir uns irren, es kann ja auch sein, daß ihn die vielen Sorgen der letzten Zeit verdrießlich machten. – Drum geh zur Annelies und rede zum guten, sie ist auch, wie sie ist; es wäre zu traurig, gäbe es heute einen Verdruß.«

Einsam und verlassen lag der luftige Bau, den noch vor kurzem fröhliche Menschenstimmen belebten; nur die Zweige des Tannenbusches droben auf dem Giebel wogten leise im Abendwind, als klagten sie, daß sie so bald ihres bunten Schmuckes beraubt wurden. Desto fröhlicheres Leben entfaltete sich auf 12 dem Tanzboden, halb Bergheim hatte sich eingefunden; so dicht gedrängt standen die Gäste, daß für die Tanzlustigen kaum Raum blieb. Trotzdem wirbelten die Paare lustig durch die Menge, Scherz und Lachen übertönte fast die Musik, und Frieder ermunterte fortwährend zu größerer Lustigkeit.

Nur zwei Frauen saßen teilnahmslos in einer einsamen Ecke, so vertieft in ihr Gespräch, daß sie nicht zu bemerken schienen, was um sie her vorging. Annelies hatte die Bergbäuerin in diesen stillen Winkel gezogen, um ihrem übervollen Herzen Luft zu machen; sie brach in leidenschaftliche Klagen gegen Frieder aus; auf alle Trostgründe der Bäuerin schüttelte sie traurig den Kopf und meinte zuletzt, indem sie sich mit der Schürze die Augen wischte. »Laß nur, Gevatterin! Ich weiß, du meinst es herzlich gut, aber für mich gibt es keinen Trost. Was du da sagst, habe ich mir selber hundertmal eingeredet – das ist vorbei.«

»Annelies, du tust deinem Frieder gewiß unrecht, er hat dich immer in Ehren gehalten.«

»Vor den Leuten, ja! – Im Herzen hat er mich verachtet von Anfang an. Wenn ich reden wollte – aber was hilft's? Und gib nur acht, mein Unglück ist noch nicht voll!«

»Du erschreckst mich zum Tod! –«

»Sei still! – Die Veitenmargt hat uns schon lang im Aug'. – Sieh nur, wie der Frieder tanzt, wie er mit den Weibern und Mädeln schön tut – an mich denkt er nicht. Komm wir wollen zu deinem 13 Jörg, in der finsteren Ecke wird mir ganz ängstlich.« Nachdenklich folgte ihr die Bäuerin; die Klagen kamen ihr nicht unerwartet; nur daß es so schlimm sein könne, hatte sie nicht befürchtet. Nach ernstem Besinnen, was hier zu tun sei, beschloß sie, nächstens mit ihrem Jörg darüber zu reden, heute aber ganz zu schweigen; als sie beim Näherkommen Annelies im heiteren Geplauder mit dem Bergbauer antraf, nickte sie zufrieden.

Johannes war auf Befehl des Vaters in den Reihen getreten, aber sobald es anging, schlich er hinweg, lehnte sich in ein Fenster und starrte traurig hinaus in die Nacht. Plötzlich legte sich eine weiche Hand auf seine Schulter; erschrocken fuhr er herum und blickte in ein paar große unschuldige Kinderaugen, die ihm heiter entgegenlachten. Das schlanke Mädchen, dem er heute auf dem Bauplatz so vertraut zugenickt, stand vor ihm und sagte: »Jetzt such' ich dich wer weiß wie lang in allen Ecken und wäre um ein Haar an dir vorbei gegangen. Ist das eine Art, in die Nacht hinausgucken nach den Irrgeistern und feurigen Männern, die draußen ihr Wesen treiben, während um dich die Leute so vergnügt sind?«

»Der Lärm tut mir weh, draußen ist's so still – ich möchte fort, weit fort.«

»Siehst du? Das kommt davon! Rasch in den Tanz, über ein fröhliches Herz hat der Nachtspuk keine Gewalt.«

»Aber ich bin nicht fröhlich, Auguste, ich kann nicht tanzen.«

14 Der neckische Zug um Augen und Mund des Mädchens verschwand bei der Frage. »Und was ist's schon wieder?«

»Hast du nicht bemerkt, wie der Vater vorhin die Mutter und mich vergessen hat, wie er uns so hart anfuhr?«

»Mir hat es weh genug getan, Johannes,« entgegnete das Mädchen und drückte ihm die Hand, »ich wollte nur nichts sagen, um dir das Herz nicht schwer zu machen. Du nimmst alles so ernst. Lieber Gott, solche Verdrießlichkeiten kommen in jedem Haushalt vor, bei uns auch, und wenn man sich wegen jeder Kleinigkeit ein graues Haar wachsen lassen wollte, mit achtzehn Jahren hätte man einen weißen Kopf.«

Johannes blickte lächelnd auf das Mädchen und meinte. »Bei dir hat es noch keine Gefahr!«

»Ich danke auch dafür!« lachte sie fröhlich und schüttelte die schweren dunkelblonden Flechten, die sich wie ein Kranz um den feinen Kopf legten. »Jeder Mensch hat einen Hochmut, warum sollte ich nicht auf meine Zöpfe stolz sein? Aber im Ernst, du verdienst gar nicht, daß ich dir noch ein gutes Wort gönne, böse müßte ich dir sein, recht böse. Wie war ich so glücklich, als ich das Glas erhaschte! Ich dachte, das macht dem Johannes gewiß auch Freude, und er wird nicht wissen, wie er mich genug loben soll. – Aber verlaß sich eins auf Männer! – der Herr da denkt gar nicht dran, wie ich seinetwegen meine Röcke in Gefahr brachte und mir fast die Füße habe abtreten 15 lassen – hätte ich das zuvor gewußt! – Zur Strafe sage ich dir auch nicht, was mir die Hirtenkathrin aus dem Glas prophezeit hat.«

»Auguste, du hast recht!« rief der Jüngling und ergriff beide Hände des holden Mädchens. »Verzeih' mir und tue nicht so heimlich; was hat die Kathrin prophezeit?«

»Ei, seht doch die Neugierde!« neckte Auguste. »Aber gib dir nur keine Mühe, du bringst nichts aus mir heraus.«

Johannes hatte seinen Kummer vergessen und ging fröhlich auf den Scherz ein; als er sich jedoch aufs Raten legen wollte, lachte sie ihn aus und meinte über und über rot: »Sei nur still, du erfährst nichts, kein Mensch erfährt was, es ist ja doch bloß dummes Zeug. Laß das und komm, wir wollen tanzen.«

Mancher Blick folgte dem schönen Paar; die Bergbauernleute, Augustens Eltern, nickten der Annelies lächelnd zu, nur der Frieder hatte dafür keine Augen. Im Eifer, andere zur Fröhlichkeit aufzumuntern, war er selbst in ausgelassene Lustigkeit und in eine merkwürdige Tanzlust geraten. Alle Nachbarweiber und ihre Töchter hatte er schon in die Reihen geführt, als er seine Magd, die Bärbel, nebendraußen bemerkte; kurz entschlossen ging er zu ihr und sagte: »Komm Bärbel, haben wir so manche schwere Arbeit zusammen vollbracht, wollen wir heute auch eins tanzen.«

Bärbel hatte dagegen natürlich nichts einzuwenden, am Ende des Reihen sagte sie. »Herr, einen Tänzer wie Euch hab' ich mein Lebtag nicht gehabt.«

16 »Geh doch!« lachte Frieder, »das ist lange vorbei. – Ja, wie ich in deinem Alter war, damals habe ich's mit jedem aufgenommen.«

»So dürft ihr nicht reden; – aber freilich – s'ist schade um Euch.«

»Bist du närrisch? Warum?«

»Drum!« sagte Bärbel, die an ihren Schürzenbändern zupfte und nur mit einem blitzschnellen Blick Annelies streifte, »Ihr dauert mich eben.« –

Frieder fuhr zusammen; ganz verändert, blaß, mit funkelnden Augen sah er dem Mädchen nach, dann setzte er sich in eine Ecke und trank. Aber je mehr Bier er hinabstürzte, desto nüchterner ward er, fort und fort klang ihm in den Ohren: Ihr dauert mich! –

Um Weib und Kind kümmerte er sich nichts; den Bergbauer, der ihn mit heimnehmen wollte, fertigte er kurz ab; als der letzte verließ er den Saal und wankte im grauenden Morgen heim.

Unausgekleidet warf er sich auf sein Bett, drückte die geballten Fäuste vor die Stirn und stöhnte: »Es ist schade um Euch! sagt sie. – Wo habe ich bis heute meine Augen gehabt?« 17

 


 

 << Kapitel 1  Kapitel 3 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.