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Vater und Sohn

Heinrich Schaumberger: Vater und Sohn - Kapitel 19
Quellenangabe
typefiction
booktitleVater und Sohn
authorHeinrich Schaumberger
year1924
firstpub1876
publisherMartin Warneck
addressBerlin
titleVater und Sohn
pages276
created20130302
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Ende.

Die Nachmittagssonne brütete heiß in den Baumwipfeln, deren Blätter auch nicht der leiseste Wind bewegte, die Vögel wiegten sich träumend auf den Ästen, die Menschen ruhten aus von den Arbeiten der Woche oder hörten in der Kirche die Nachmittagspredigt – kein Geräusch störte die tiefe Stille ringsum. Das Zirpen der Grillen, das von den Feldern eintönig hereinklang, paßte zu der zitternden Glut draußen im Sonnenschein. So meinte wenigstens der Bergbauer, der hemdärmelig unter dem alten Nußbaum im duftigen Grase saß, sich der Schattenkühle erfreute und blaue Dampfwölkchen aus seiner kurzen Pfeife behaglich in das grüne, schimmernde Gewölbe hinaufblies. Ein zufriedenes Lächeln lag auf seinem Gesicht, war doch Ordnung und Ruhe im Haus hergestellt. Eben überlegte er: »Der Johannes wird noch die Ernte abwarten – und dann, o herrje die Freud' – dann wird er Freierei machen« – als der Schreinersfrieder durch die Lücke der Hecke kroch und sich neben ihn setzte. Dem Bergbauer ward es ganz 265 wunderlich; ehe er jedoch zu Worte kam, begann Frieder: »Hör', Jörg, eigentlich verdiene ich nicht, da neben dir zu sitzen, aber wir waren gut zusammen von Jugend auf, ich kann oft vor Sehnsucht kaum bleiben, drum – willst du mich leiden?«

»Geschwätz,« entgegnete der Bauer und drückte seine Hand. »Sei willkommen! Konnt' auch nimmer bleiben, wärst du nicht gekommen, hätte ich dich aufgesucht!«

»Weißt was?« begann Frieder, nachdem er eine Weile sinnend vor sich hingeblickt hatte, »es ist das beste, wir machen gleich jetzt die Vergangenheit ab – ich habe dir viel zu sagen.«

»Ich dir auch – aber ich denke, wir lassen die Geschichten ruhen, das Reden nützt doch nichts!«

»'s ist schon wahr, aber ich muß doch erzählen, ich trage damit gleich eine alte Schuld gegen dich ab.«

Der Bauer widersprach, allein Frieder schüttelte den Kopf und berichtete getreu seine Schicksale vom Tag vor seiner Freierei bis heute und schloß, »nun kennst du meinen Lebenslauf durch und durch – kannst du mir noch ein Linsele vertrauen?«

Dem Bauer war schon lange die Pfeife erloschen, ohne daß er es beachtete, den Kopf hielt er tief gesenkt, fast als wollte er sein Gesicht dem Gefährten verbergen; jetzt hob er seine Blicke langsam zu dem Freund und sagte leise: »Frieder, du hast mir scharf in die Seele gegriffen! Ich könnte auch viel erzählen, aber ich will's kurz machen. Merke: ich war auf demselben Weg wie du, und was aus mir geworden 266 wäre, hätte ich in deinen Schuhen gestanden, daran darf ich nicht denken. – Komm wir wollen uns nicht mehr um das Vergangene grämen, sondern uns einträchtig zurechthelfen, wenn wieder eine Schwachheit über uns kommen will.«

Ein herzhafter Händedruck besiegelte den neugeschlossenen Freundschaftsbund, dann war es eine Weile still unter dem Nußbaum. »'s ist ein wunderlich Ding um das Menschenleben,« begann Frieder endlich. »Wäre ich immer ehrlich und aufrichtig gewesen, so tief hätte ich nicht in Schande fallen können, und heute noch säß' ich im Elend, stand mein Johannes nicht fest in Wahrhaftigkeit und Rechtschaffenheit.«

»Ja, du nicht allein, wir alle haben dem Johannes viel zu danken; im Grund genommen war er es auch, der mir auf den rechten Weg zurückverhalf. Meine Weiber haben sich wohl rechtschaffen gehalten, das ist nicht zu leugnen, aber das Beste hat der Johannes doch getan, wenn er gleich selbst nichts darum weiß. Frieder, wir wollen Gott danken, daß er uns mit solchen Kindern segnete; Johannes und Auguste sind – natürlich ganz unter uns gesagt – wahrhaftig tausendmal besser als wir selber! – Horch – eben ist die Kirche aus! – Hör', Frieder – wie wär's, wenn wir gleich heut Freierei machten? – Kuchen ist freilich nicht gebacken, aber was schadet's? – Ich meine, dem Glück tut's keinen Abbruch!«

»Glaub's selber,« lächelte Frieder und wischte sich heimlich die Augen, als ihn der Bauer ins Haus zog. Die Bäuerin schrie vor Freude laut auf, da sie 267 die Männer Hand in Hand daherkommen sah, und diesmal scheute sie sich nicht, von dem Schürzenzipfel Gebrauch zu machen. Sie erschrak wohl, als sie hörte, es solle heute noch Freierei sein, doch verlor sie den Kopf nicht; Hans ward ins Schreinershaus nach Johannes und Line geschickt, der Hansjörg mußte sich gleich nach Sülzdorf zu den Schulbauersleuten auf den Weg machen, und als Kathrin, die meinte, wenn alles ins Bauernhaus laufe, dürfe sie allein nicht daheim bleiben, in die Küche schlich, stand schon eine mächtige Pfanne mit Butter über dem prasselnden Herdfeuer, und die Bäuerin bereitete den süßen Krapfenteig. Kathrin kam gerade recht, denn eben ward die Bäuerin in die Stube gerufen.

Bei ihrem Eintritt zog Johannes das erglühende Mädchen an sich und sagte: »Ist's denn möglich? – Auguste bist du wirklich meine Braut? – Mir vergehen fast die Sinne, ich kann das Glück nicht glauben!«

»Johannes, herzlieber Johannes,« flüsterte das Mädchen unter Tränen und versteckte ihr Gesicht an seiner Brust.

»Ja. Ja, es ist schon so polterte der Bergbauer dazwischen, um seine Rührung zu bemeistern; »das Mädle ist jetzt dein für immer! – Hör', Johannes, es war doch gut, daß du damals auf deinem Kopf bestandest und die Güter nicht nahmst – heut ist's eine andre Freierei, wie's damals geworden wäre. – Nu, nu, zerdrück' mir die Hand nicht, Johannes – verdien's nicht, wahrhaftig nicht, hab' euch nichts wie Jammer und Leid gemacht! – Aber habt Dank, 268 daß ihr mir nichts nachtragt; gewiß und wahrhaftig, das vergeß ich euch all mein Lebtag nicht. So – seid glücklich, und der Herrgott gebe euch seinen Segen! – Aber zum –! Alte – Frieder – was steht ihr da? – Könnt ihr nicht auch ein Wort dreinreden? Muß ich's allein abmachen?«

»Johannes, halte Auguste gut, sie hat es um dich verdient,« weinte die Bäuerin. »Und Jörg, wir wollen auch zusammenstehen, wie sich's gebührt, 's ist um des Beispiels willen! – Gelt, du versprichst mir's?«

»Meine Hand drauf, Alte, das versteht sich! – Komm, Frieder, stell' dich nicht in die Ecke, du gehörst zu uns! – Und heule nicht so sehr, sonst fang ich auch noch an,« rief der Bauer, dem schon ein paar große Tropfen über die Backen rollten. »Komm, die Annelies muß sich im Himmel freuen, daß sich's so schön fügt. Und nun ist's gut, punktum – Himmelschwensel –! Ja so! – Alte, nimm mir das doch ja nicht übel! – Johannes, so rede doch auch was, hast du kein Maul?«

»Ich hab' meiner Auguste versprochen, ich bleib' brav und treu,« sagte Johannes und drückte die Hände des Mädchens an seine Brust. »Was Besseres weiß ich uns heute nicht. Auguste, brav und treu zu allen Zeiten, in Lust und Leid, in guten und bösen Tagen – brav und treu bis ins Grab!«

»Bis ins Grab brav und treu,« flüsterte die Jungfrau und zog Frieder, der verlegen seitwärts stand, in ihre Umarmung, indessen der Bauer an den 269 Fensterscheiben trommelte und die Bäuerin die schüchtern dreinblickende Line an ihr Herz zog.

»Hab' Wunder gedacht, was das für eine Herrlichkeit sein müßt', wenn's endlich zur Freierei käm' – und nun heult alles,« meinte Hans und brannte seine Pfeife an, die er bei dieser Gelegenheit in die Öffentlichkeit einzuschwärzen gedachte. »Wenn das Freien so 'ne schwermütige Sache ist, dank' ich davor!«

»O du,« rief die Bäuerin. »Aber um alles in der Welt, wo kommst du mit dem Stummel her? – Willst du ihn gleich weg tun! – Das fehlte grad', zwei Jahre konfirmiert und schon eine Pfeife! – Willst du sie wegtun!«

»Mutter, ich bin ein Bursch und kein Kind mehr,« entgegnete Hans weinerlich. »Und wenn Auguste ihren Johannes kriegt, dürft Ihr mir doch die Pfeife gönnen!«

Alle lachten; da das Brautpaar für ihn bat, sagte endlich der Bauer: »So laß ihn, Marie; heimlich raucht er doch, und das ist schlimmer, als wenn es unter unsern Augen geschieht. Merk's, Hans – die Sonntage ist dir's erlaubt! Erwisch ich dich aber sonst und gar bei der Arbeit mit dem Stummel, dann versalze ich dir die Freude!«

Damit war Hans einverstanden, und als eben der Schulbauer vorfuhr, eilte er hinaus, beim Abschirren der Pferde zu helfen.

War das ein Verwundern und Fragen! Der Bergbauer ward ordentlich stolz, als ihm der Schulfritz 270 die Hand drückte und versicherte, das habe er einmal klug gemacht. Die Schulbäuerin zog Auguste an sich und sagte: »Gott sei Dank, daß endlich das Leid ein Ende hat! Aber ich bin auch meinetwegen froh, daß ihr zusammenkommt, nun stehe ich auch nicht mehr so freundlos in der Welt. Auguste, wir wollen uns an den Männern ein Beispiel nehmen und auch treu zusammenhalten in Lust und Leid!«

Fröhlich saßen die Freunde zusammen; auf der Heimfahrt sagte der Schulbauer: »Anna, das war ein glücklicher Abend! Nun soll mir einer kommen und sagen, es geschehen keine Wunder mehr! – Herrlich hat es sich aufs neue bewiesen, die Liebe ist doch stärker als der Haß, und wahre Treue findet ihren Lohn!«

Am nächsten Sonntag kam der Bergbauer ins Schreinerhaus und sagte. »Frieder, mache dich zurecht, wir wollen zusammen ins Wirtshaus. Ich habe dich dort oft verlästert, jetzt will ich zeigen, wie unrecht das war.«

Frieder wollte nicht; als ihm jedoch auch Johannes zuredete, folgte er seufzend dem Bergbauer. Unterwegs hob er die Augen nicht vom Boden; desto trotziger blickte der Bauer um sich, fast als wollte er sagen, wer etwas dawider hat, daß ich mit Frieder gehe, der soll nur 'ran! Aber die Aufnahme im Wirtshaus verscheuchte seine heimlichen Sorgen. Der Schulz, der Herrnbauer, der Ungersbauer, selbst der Paulesnickel und Türkenhenner begrüßten die Freunde herzlich, machten ihnen an ihrem Tische Platz, und 271 ihre freundliche Zusprache erheiterte bald Frieders Stirn. Von der Vergangenheit ward nicht gesprochen; erst als der Holsteiner, der seitwärts der Tür gesessen hatte, still das Zimmer verließ, sagte der Schulz: »Frieder, danket Gott, daß er Euch gnädiglich zurechtgeholfen. Denkt, der Holsteiner ist auch zahm geworden, seit seine Frau vor Kummer über sein liederliches Treiben gestorben ist, und der Saufpaule hat ein schreckliches Ende gefunden. Vorigen Winter betrank er sich auf einem Bettelgang in Mühldorf, blieb unterwegs liegen und ist erfroren.«

»Dem Geuß ist auch das Handwerk gelegt,« fiel der Herrnbauer ein. »Im Rausch tat er einen bösen Fall – seit der Zeit hat er das Gehör, die Sprache verloren und führt ein elendes Leben.«

Als Frieder den Kopf hängen ließ, klopfte ihm der Schulz auf die Schulter: »Nicht traurig, Frieder, wir Nachbarn sind alle von Herzen froh, daß Ihr wieder unter uns seid als der alte, brave Schreinersfrieder. Haltet nur daran fest!«

Diese Worte fanden allgemeinen Beifall; auf dem Heimweg sagte der Schreiner: »Ich dank' dir, Jörg, nun bin ich in Wahrheit wieder daheim in Bergheim.«

Frieder lebte neu auf; rüstig schaffte er in der Werkstatt oder auf dem Feld, wo es gerade nötig war; die Ängstlichkeit seines Wesens verschwand; er mied nicht mehr absichtlich die Menschen und ging öfter mit dem Bergbauer ins Wirtshaus. Am liebsten war er aber doch daheim und las jetzt viel in dem 272 Starkenbuch der Annelies, das er sich vom Johannes hatte schenken lassen.

Nur noch ein großer Schrecken stand ihm bevor. Es war ein milder Sommerabend, Johannes dengelte auf dem Treppenaltan die Sicheln und Sensen, Frieder lehnte an der Brüstung und blies den Tabaksrauch in die linde Abendluft, und Line spielte zu seinen Füßen mit dem alten Spitz – als ein zerlumptes Weib die Treppe heraufkam und auf das Kind losstürzte. Johannes, der Bärbel erkannte, sprang auf, riß das Kind an sich und rief. »Zurück da, was willst du?«

»Mein Kind,« schrie Bärbel, »mein Kind!«

»Dein Kind? – Geh, du hast kein Kind mehr; denke, es wäre verhungert damals, als du es so schändlich verlassen hast!«

Ein heftiges Schluchzen erstickte Bärbels Stimme, endlich stöhnte sie: »Du bist hart, Johannes! – Ach, ich habe schwer dafür gebüßt! – Jetzt gib mir mein Kind, mein Kind! – Ich muß es haben!«

»Und was soll aus dem Kinde werden? – Willst du es unglücklich machen, willst du es hineinziehen in dein elendes Leben? – Laß ab, Bärbel, wenn du nur ein Fünkchen Liebe zu dem Mädle im Herzen hast, laß ab! – Ich versprech' dir, ich halte das Kind wie meine rechte Schwester, ich will's großziehn und versorgen. Drum laß ab, du hast überdies kein Recht mehr an Line!«

»Ich bin seine Mutter, sie gehört zu mir, und ich will, ich muß sie haben. – Line, kennst du mich 273 nimmer? – Komm zu mir, du bist ja mein Herzblättle! – Komm, du sollst's gut haben, ich geb dir alles, was du nur willst!«

»Das Kind selber mag nichts von dir wissen,« sagte Johannes leise, als das Mädchen ängstlich den Kopf an seinen Hals verbarg; »laß doch ab, Bärbel, jedes Wort ist vergeblich!«

»Und ich brauche Gewalt, wenn du nicht gutwillig nachgibst,« rief Bärbel und griff nach dem Mädchen, das sich schreiend an Johannes klammerte. Doch dieser streckte abwehrend seine Hand aus und sagte: »Zurück, rühr' Line nicht an! – Siehst du nicht, wie sich das Mädle vor dir fürchtet? – Zurück, sag' ich, du hast an diesem Ort nichts mehr zu suchen! Geh, jetzt gleich – beim Schulzen erwarte mich, ich habe noch mehr mit dir abzumachen.«

Das Schreien des Mädchens hatte Bärbel erschreckt; mit beiden Händen bedeckte sie das Gesicht, dann schlich sie langsam die Treppe hinab. Johannes hatte unterdes Line ins Haus getragen und der Kathrin übergeben; auf den Altan zurückkehrend, drückte er dem tief erschütterten Vater die Hand und sagte herzlich: »Beruhigt Euch, ich wußte, daß sie noch einmal kommen würde, und bin froh, daß es überstanden ist. Gebt euch zufrieden; ich sorge, daß Ihr fürderhin Ruhe vor ihr habt, und daß sie auch nicht in Verzweiflung von hinnen geht!«

Nach einer langen Unterredung beim Schulzen mit Johannes war Bärbel wie umgewandelt; heftig drückte sie beim Abschied die Hand des Jünglings 274 und verließ weinend das Dorf. Kein Mensch erfuhr, was die beiden zusammen verhandelt; wenn später Frieder oder die Nachbaren in den Schulzen drangen, er solle doch erzählen, entgegnete er stets: »Ich darf nicht reden, ich sage nur so viel. vor dem Johannes müssen wir alle den Hut heruntertun!« Später schrieb der Sülzdorfer Lichtengottlieb aus Amerika, er habe die Bärbel in Bremen getroffen und sei mit ihr übers Wasser. Sie habe ganz ordentlich ausgesehen, sei aber wie umgewandelt gewesen, immer still und traurig, sei auch mit niemand umgegangen. Das war die letzte Nachricht, die von ihr nach Bergheim kam.

Von da an ward der Friede im Schreinershaus nicht wieder gestört. Acht Wochen nach der Freierei war Hochzeit. Sie sollte zwar ganz in der Stille gefeiert werden, allein die Musikanten ließen es sich nicht nehmen, dem Sohn ihres Kameraden eine »Ehre anzutun«; sie geleiteten das Brautpaar mit Musik in die zum Erdrücken gefüllte Kirche. Diesmal war es nicht Neugierde, sondern wahre, herzliche Teilnahme, was die Bergheimer in die Kirche trieb, und als der Pfarrer Gottes reichsten Segen auf die beiden herabflehte, blieb in den weiten Räumen kein Auge trocken.

Beim Austritt aus der Kirche begrüßte das Brautpaar ein munterer Marsch; aus allen Ecken krachten und knallten Ehrenschüsse, und das halbe Dorf begleitete die Neuvermählten bis ans Bergbauernhaus. Mit einem Kranz trat ihnen die festlich geschmückte Line entgegen und stotterte ein Verslein, das sie Hans gelehrt, allein sie brachte es nicht zu Ende, plötzlich 275 streckte sie die Ärmchen aus und rief: »Ich euch gut bin!« Da hob Johannes das Kind auf den Arm, Auguste gab ihm einen Kuß, und in dem Blick, den dabei die jungen Ehegatten tauschten, lag das stille Gelöbnis, treulich Elternstelle an dem Kind zu vertreten.

Sonst war es wirklich eine kleine, stille Hochzeit; außer dem Pfarrer und Lehrer waren nur der Schulbauer, der Schulz und der Herrnbauer mit ihren Weibern zugegen. Die Armen kamen jedoch nicht zu kurz dabei; der Braut stand es gar wohl an, wie sie mit herzgewinnender Freundlichkeit die Gaben verteilte und jede Spende mit einem guten Wort zu begleiten wußte.

In traulicher Unterhaltung saßen am Abend die Freunde zusammen; als sich jedoch das Gespräch der Vergangenheit zuwendete und manches Auge trübe wurde, sagte der Schulbauer: »Lasset die Vergangenheit ruhen! Die Frage, ob alles so hat kommen müssen, ist mir gar nicht recht! Bedenkt doch, wäre der Haß nicht gewesen, wie hätten wir erfahren, was wahre Liebe vermag? Ich meine, gerade solche Taten müssen geschehen, damit die Welt erfährt, was es auch im Bauernstand für tüchtige Menschen gibt, und – das ist am Ende die Hauptsache – wie auch ein einfacher Mann das Rechte finden und vollenden kann, wenn es ihm nur ernst darum zu tun ist! – Johannes, du hast hart kämpfen müssen, dafür steht auch dein Glück auf sicherem Grund, und du hast selbst gelernt, feststehen und beharren; – was dir 276 auch noch im Leben begegnen mag, du wirst dich nicht niederzwingen lassen. Und so wollen wir anstoßen und trinken auf dein und Augustens Wohl, auf langes, gesegnetes Leben und Wirken!«

Manches Jahr ist seitdem dahingegangen, die Worte des Schulbauern haben sich erfüllt, Johannes ward ein fester Mann. Auguste ist die glücklichste Frau, nur vielleicht ein wenig zu stolz auf ihren Mann, doch leisten ihr hierin der Schreinersfrieder und die eignen Eltern treulich Gesellschaft. Der Schulbauer und seine Anna sind im Schreinershaus wie daheim, Johannes sitzt längst im Gemeindevorstand, und der Schulz wie auch der Herrnbauer halten große Stücke auf ihn. Erkundigt sich in Schottendorf, Hildburghausen oder sonstwo ein Fremder nach dem Schreinersjohannes, so kann er darauf rechnen, daß ihm die Bergheimer antworten: »Ja, der Schreinersjohannes, das ist ein glücklicher Mann, aber er verdient's auch!« – Und will sich der geneigte Leser persönlich von der Wahrheit dieses Wortes überzeugen, so mag er nur am Sonntagnachmittag einen Blick in den Schreinershof werfen, er wird dann gewiß nicht mehr zweifeln.

 


 

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