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Vater und Sohn

Heinrich Schaumberger: Vater und Sohn - Kapitel 17
Quellenangabe
typefiction
booktitleVater und Sohn
authorHeinrich Schaumberger
year1924
firstpub1876
publisherMartin Warneck
addressBerlin
titleVater und Sohn
pages276
created20130302
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Ein Fund.

Die Tür fiel ins Schloß, Johannes hatte das Haus verlassen, Annelies war allein. Vor dem offenen Kammerfenster bewegten sich leise die Blütenbüschel des Pflaumenbaumes, rote Sonnenlichter spielten zitternd an der Wand; dann und wann gingen draußen ein paar Nachbarn vorüber, und ihre Stimmen klangen gedämpft herein; im ganzen Haus regte sich kein Laut, das gleichförmige Ticktack der alten Schwarzwälder Uhr ausgenommen – die tiefe sonntägliche Ruhe war so recht geeignet zu stillem Sinnen und Brüten. – In Gedanken folgte Annelies dem Sohn. »Jetzt ist er da,« sann sie; »nun geht er schon den Königsbühel hinab. – Wie er ihn antreffen wird? Ob er wohl schwer krank ist? – Wie ihn Bärbel pflegt? Ob er sterben wird?« – Sie erschrak selbst vor dem letzten Gedanken, aber so viel Mühe sie sich auch gab, ihn zu vergessen, fort und fort klang es in ihr, ob er wohl sterben wird? Eine Wehmut kam über sie, eine Weichheit, die ihr selbst unbegreiflich war; sie ward fast böse über sich und ihre Gedanken, die 225 ruhelos um das kleine Häuschen in Sülzdorf flatterten.

Die Unruhe, das Herzklopfen komme gewiß vom Liegen, und die Hitze im Gesicht vom Geruch der Baumblüten, der heute ganz unerträglich stark sei, meinte Annelies und stand mühsam auf. Aber auch in der Stube ward es nicht besser. Die blanke Kommode, früher Frieders Stolz, kam ihr wunderlich vor, fast als sagte sie, weißt du, daß er sterben wird? Und noch manches andre schmucke Geräte erinnerte an den Mann, der jetzt krank darniederlag, ohne daß sie ihn pflegen durfte, der vielleicht starb, ohne daß sie ihn noch einmal gesehen. Ehe sie sich's versah, stand ihr das Wasser in den Augen; es war eigen, so große Mühe sie sich auch gab, durch Erinnerung an das Leid, welches ihr Frieder zugefügt, ihren Zorn zu erregen, es gelang ihr nicht; das Gedächtnis versagte den Dienst, ganz andre Bilder, als die gewollten, erwachten in ihr.

»Er habe freilich schwer gefehlt; aber alle Schuld an dem Unglück sei ihm nicht beizumessen; der Johannes, die Bärbel, sie selber hätte viel dazu beigetragen, und er sei hart für sein Vergehen gestraft – sagt Johannes stets – und wenn er recht hätte?« sann Annelies. »Stirbt Frieder, dann kann ich ihm kein gutes Wort mehr sagen, wenn ich auch wollte. Und wenn Johannes recht hätte? – Wenn ich auch mit schuld wäre – wie wollte ich vor Gott bestehen?« – Sie rang die Hände, als ihr der Bibelspruch, den ihr Johannes aufgeschlagen hatte, ins Gedächtnis kam; 226 unwillkürlich sprach sie leise: »Und vergib uns unsre Schuld, wie wir vergeben unsern Schuldigern.«

In der Stube ward es ihr enge, die Wände bedrückten sie; trotzdem alle Fenster offen standen, kam es ihr schwül vor zum Ersticken; langsam schleppte sie sich durchs Haus – ihre Angst ging überall mit. Zuletzt warf sie sich in der guten Stube aufs Kanapee und weinte.

Die Stille im Haus war ihr schrecklich, sie sehnte sich nach Menschen, nach tröstlicher Zusprache, und doch wußte sie, daß sie es jetzt bei niemandem aushalten könne. – »Und vergib uns unsre Schuld«, klang es in ihren Ohren. – Wenn sie sterben sollte, wie konnte sie auf Vergebung hoffen, da sie selbst nicht vergeben hatte? – Jahrelang hatte sie den Zorn mit sich herumgetragen, zürnte Johannes, der zur Versöhnung drängte – und hatte sie denn auch ein Recht, so strenge zu richten? – – Hier an diesem Orte hatte Johannes so dringend gebeten, doch den Vater nicht zur Verzweiflung zu bringen – und was war die Folge? Seinen Bitten zum Trotz hatte sie das Unrecht des Vaters vollendet und Frieder sein Erbe genommen – wie wollte sie in Zukunft beten. vergib uns unsre Schuld? – Sie gedachte des Zerfalls in den Haushaltungen der älteren Brüder, gedachte, wie über kurz oder lang Kaspar den Tiefenorter Hof, wo schon lange die Juden aus und ein gingen, als Bettler verlassen würde, und das Gerede der Leute, die öffentlich aussprachen: »das sei Sündenschuld, an den Kindern werde das Unrecht des 227 Vaters heimgesucht«, kam ihr vor wie ein Gottesgericht. – Hatte dies Wort bei ihr nicht eine besondere, schreckliche Bedeutung?

Hilfe und Trost suchend, irrten ihre Blicke umher und hafteten endlich auf der alten Nürnberger Bilderbibel, einem Erbstück vom Schreinerspaule, die seit dessen Tod nicht geöffnet, dick verstaubt unter alten Büchern und Papieren auf dem Schrank lag. Mit einem Seufzer der Erleichterung holte sie das Buch herab. Sie wollte beten, im Gebet hoffte sie gewiß Beruhigung zu finden. Als sie den Staub entfernt, öffnete sie das Buch – vorn waren etliche Bogen grobes, graues Schreibpapier eingeheftet, auf denen die Vorfahren ihres Schwiegervaters die wichtigsten Familienereignisse, Geburten und Sterbefälle, Hochzeiten und Taufen eingetragen hatten. Auch der Schreinerspaule hatte das so gehalten; sie fand den Geburtstag ihres Mannes und seiner Geschwister, die jedoch in früher Jugend verstorben waren, wie die Kreuze und Daten hinter ihren Namen bezeugten. Eine eigne Rührung durchzitterte Annelies, als sie las: »Anno 18.., den 22. Oktober ist mein Frieder in der allhiesigen Kirche als ehrsamer Junggeselle kopuliert mit der ehrsamen Jungfer Annelies Röschlerin von Tiefenort. Und ward die Traurede gehalten über den Text Röm. 12, 9. Gebe der allmächtige Herr Gott seinen Segen.« – Ja, Segen! – Wo war der geblieben? – Feuchten Auges wendete sie das Blatt um – aber was war das? – Mit zitternder Hand geschrieben, oft, besonders gegen den Schluß fast unleserlich, war 228 ein längerer Bericht eingefügt, dessen Entzifferung ihr Mühe machte. Schon bei den ersten Worten fuhr sie erschrocken zusammen, je weiter sie las, desto größer ward ihre Erregung; kalte Schweißtropfen perlten ihr an der Stirn, ihre Hände bebten, daß die messingenen Beschläge der Einbanddecken auf dem Tisch klirrten.

Das Schriftstück aber lautete:

»Sintemalen ich mein Ende nahe fühle und wohl bald werde dahin fahren müssen, will ich kund tun, was mein Gewissen allbisher arg bedrücket. Und weiß ich wohl, daß ich ein grausam Unrecht auf mir liegen habe, sintemalen ich meinen Frieder in arges Unglück und große Not leichtfertig gebracht. Hab' ihm auch gestanden, und bekenne an mit vor Gott, daß er mir nicht hat entgelten lassen, sondern mich gehalten, wie einem rechtschaffenen Kinde zukommt, wofür ihn Gott segne. Amen.

Habe ich aber durch schlecht Wirtschaften meinen Haushalt allezeit hinter sich gebracht, also daß das Vermögen hat abgenommen statt zu, und habe ich zuletzt, vom Teufel verblendet, noch allsoviel verspielet, daß ich dem Hannes Röschler von Tiefenort, als welcher mir schon vorher gegen hohe Zinsen hat etliche Kapitalien vorgestrecket, bin schuldig geworden viertausend Gulden rheinisch, worüber ich ihm eine Obligation habe ausstellen müssen. Ist aber dabei, Gott sei's geklagt, nicht sauber noch ehrlich zugegangen; würde mir auch solch himmelschreiend Unrecht niemalen haben gefallen lassen, so ich Beweise gegen den 229 Hannes in Händen gehabt. Habe es derowegen bis heute verheimlicht und nicht einmal Frieder zu wissen getan, um mich nicht in allzugroße Schmach und Unehren zu bringen.

Hat es sich aber in Wahrheit also zugetragen.

Und hat mich der Hannes Röschler nach Tiefenort bestellet, die Geldsachen in Ordnung zu bringen, hat mich auch, dieweil ihm böse Dinge zu Sinn standen, aufs beste aufgenommen, mit Bier und Schnaps traktieret, also daß ich allerlei starkes Getränk habe durcheinander trinken müssen, davon mir der Kopf alsbald wüst geworden. Habe aber, trotzdem mir vor den Augen flimmerte, die Obligation heimlich überlesen, ehebevor ich meinen Namen darunter gesetzet, und weiß ich gewiß, daß ich eine rechtschaffene Obligation über 4000 Gulden und nichts dahinter noch davor unterschrieben.

Danach kommt der Hannes und zeigt ein Schriftstück auf mit meiner Unterschrift versehen, darinnen ich mein Haus und Hof und all mein beweglich Hab und Gut verpfändet und eingewilliget, wenn ich bis zum 10. September 182. die 4000 Gulden nicht bei Heller und Pfennig zurückbezahlet, soll er berechtigt sein, mein gesamtes Eigentum an sich zu ziehen. Vermeinete zu Anfang, der Hannes wollte spaßen, hernach, als ich den bittern Ernst sah, kam ich vor Schrecken schier von Gedanken, überhäufte den Hannes mit Vorwürfen, beschuldigte ihn, er habe mir im Rausch betrügerisch ein falsch Papier zur Unterschrift untergeschoben. Hat mich darauf der Hannes verhöhnt 230 und verlacht und ging mit den Worten davon: Verklag' mich doch, wenn du's beweisen kannst. Im übrigen soll dein Frieder die Güter behalten, wenn er einwilligt, meine Annelies zu freien; tut er das nicht, greif' ich morgen nach Euren Sachen.

Und war richtig der nächste Tag der 10. September, also daß ich nicht anderswo konnte die 4000 Gulden auftreiben, den Pfandbrief einzulösen.

Gott verzeih mir die Sünde, den Betrug des Hofhannes verschwieg ich meinem Sohn, sintemalen ich mich vor ihm gefürchtet; sonst gestand ich ihm meine Umstände, bat ihn vor Gott und um Gott, von dem Fritzenmargtle zu lassen und die Annelies zu freien. Habe ihm auch gedrohet, mich aufzuhängen, so er's nicht täte, und mit meinem Fluch erschrecket. – –

Darauf hat auch Frieder die Annelies genommen, ob es ihm gleich sauer ankam; aber der Hannes hat ihm die Güter doch nicht gelassen, sondern Frieder mußte eine Urkunde unterschreiben, daß er die Güter nur zum Schein besitze – Gott wolle es dem Hannes nicht allzuhoch anrechnen, wie er mit uns umgesprungen. Und ist mein Frieder nicht glücklich geworden, sintemalen Annelies, sein Eheweib, nicht sachten Gemüts ist und ihm hart nachträgt, daß er nicht also liebreich, wie sie gehoffet; hat auch Frieder die Urkunde nicht können verschmerzen.

Und ich mein Ende nahe fühle, liegt mir das Unglück meines Sohnes, so ich durch argen Leichtsinn über ihn gebracht, schwer auf dem Gewissen, und will mir eine große Angst schier oft das Herz abdrücken. 231 Und schreibe das nieder, so vielleicht nach meinem Tod das Blatt in jemands Hände fallen sollte. Bekenne hiermit, daß mich Reue sehr geplaget, und ich oft in der Nacht mein Bett mit Tränen befeuchtet. Und bitte Frieder, daß er mir verzeihe; ich flehe zu Gott, er wolle ihm seine Treue vergelten, so er stets an mir bewiesen, mir aber gnädig sein im letzten Stündlein.

Und dies die Wahrheit in allen Stücken, wie ich bezeuge auf mein Gewissen, da ich bald in die Ewigkeit werde abgerufen werden.

Bergheim, den – – – 18..

Johann Paulus Scheler.«      

Als Annelies zu Ende gelesen, siel sie mit einem Schrei auf das Kanapee zurück, eine tiefe Ohnmacht umfing ihre Sinne.

Als sie wieder zu sich kam, vermochte sie nur mühsam ihre Gedanken zu sammeln. Trockenen Auges starrte sie auf das Schriftstück; es war die Handschrift ihres Schwiegervaters, das Datum ging auf vier Tage vor seinem Tod zurück – an der Echtheit konnte sie nicht zweifeln!

Schrecklich war das Dunkel, das bis heute auf ihrer Vergangenheit lag, erhellt; wenn auch ihre Gedanken ordnungslos durcheinander stürmten, wenn sie auch nicht zur vollen, klaren Erkenntnis aller Verhältnisse gelangen konnte – eines stand fest: der Betrug des Vaters hatte Frieder und sie selbst ins Unglück getrieben! –

Ihr Schmerz darüber war groß – allein das Bewußtsein, einen Teil seiner Schuld auch auf sich 232 geladen zu haben durch liebloses Wesen und hartherzige Strenge, bereitete ihr die bittersten Qualen. Wohl suchte sie sich zu entschuldigen; aber dann sah sie Johannes vor sich, wie er dringend zur Milde und Nachsicht geraten, und seine traurigen, vorwurfsvollen Blicke riefen ihr wieder die schrecklichen Worte ins Gedächtnis: Vergib uns unsre Schuld, wie wir vergeben unsern Schuldigern.

Annelies lag von Fieberschauern geschüttelt auf dem Kanapee; mit letzter Kraft riß sie das Blatt aus der Bibel, zerpflückte es in kleine Stücke, die sie in ihrer Tasche verbarg, dann verließ sie zum zweitenmal die Besinnung.

Als sie die Augen aufschlug, fand sie sich in ihrem Bett; die Bergbäuerin, die ihre Hände umschlungen hielt, beugte sich über sie und sagte: »Gott sei ewig, ewig Dank, daß du endlich die Augen auftust. Annelies, was ist dir begegnet?«

»Ist Frieder gestorben?« ächzte die Kranke, deren fieberglänzende Augen ruhelos umherirrten. »Ist er tot?«

»Wie kommst du auf den Gedanken? – Kathrin, sie redet irr; ach, daß Gott erbarm! Und kein Mensch im Haus! – Geh, treib einen Boten auf, der den Johannes heimholt und zum Doktor läuft – sie stirbt uns unter den Händen!«

Einen Augenblick horchte Annelies, als müsse sie sich besinnen, dann rief sie heftig: »Nein, nein, ich will keinen Doktor, mir kann keiner helfen, und Johannes laßt ihr beim Vater. ich bin's nicht wert, daß er um mich ist.«

233 »Annelies, so tu' mir nur den einzigen Gefallen und komm zu dir, ich vergeh' vor Angst. – Geh nur, Kathrin, und 's ist das beste, du läufst gleich zum Herrnbauer, daß er anspannen läßt und nach Schottendorf fährt.«

»Und ich will's nicht! Wenn Johannes erfährt. daß ich krank bin, kommt er heim, und er soll beim Vater bleiben. Mir ist jetzt wohl, ganz wohl, ich brauch nichts als Ruhe. – Du bleibst da, Kathrin, ihr bringt mich um, wenn ihr mir nicht folgt.«

»So wollen wir wenigstens die Schneiderslies bestellen, das ist eine gescheite Frau und versteht mehr, wie mancher g'studierter Doktor.«

»Willst du mich zu Tod quälen?« unterbrach sie Annelies und richtete sich halb auf. »Ich will niemand. Du bist schon zu viel, aber dich ertrag' ich noch am ersten; setz' dich und sei still, höre nicht auf meine Reden, ich habe so arge Träume gehabt, sonst ist's nichts.«

»So sei nur gut, du sollst ja deinen Willen haben. Da nimm die Tropfen und sieh, daß du einschläfst. Ich bleibe bei dir; nach Mitternacht schicke ich die Auguste – wenn dir's recht ist, natürlich. Ich blieb wohl selber gern bei dir, aber wir haben daheim eine kranke Kuh, und mein Jörg kommt ja Tag und Nacht nicht mehr aus dem Wirtshaus. – Leg' dich auf die rechte Seite, Annelies, daß die Träume nicht wiederkommen; sei ruhig, wir tun ja alles, was du haben willst.«

»Schick' nur die Auguste, sie ist mir recht; sie hat 234 auch zu meinem Johannes gehalten.« Tief seufzend drehte Annelies den Kopf nach der Wand.

Kopfschüttelnd sahen sich die Bäuerin und Kathrin an, wagten aber kein Wort zu sagen, da Annelies eingeschlafen schien. Ängstlich lauschten sie auf die unverständlichen Worte, welche die Kranke vor sich hin murmelte; als sie endlich gegen Mitternacht ruhiger war, ging die Bäuerin sorgenvoll heim, und Auguste löste Kathrin von ihrem Platz am Krankenbett ab.

Es mochte gegen drei Uhr morgens sein, im Osten glühte eben ein feuriger Streifen auf, als Annelies fragte: »Auguste – bist du da? – Sind wir allein?«

»Wie geht's Euch, Pate, habt Ihr gut geschlafen?« fragte Auguste teilnehmend dagegen und reichte der Kranken frisches Wasser. »Die Kathrin ist in der Stube eingenickt, soll ich sie aufwecken?«

»Nein, nein ich habe mit dir allein zu reden. Weißt schon? – Er ist krank.«

»Die Kathrin hat's droben gesagt.«

»Kind – möchtest du mir einen Gefallen, einen großen, großen Gefallen tun? – Darfst aber zu keinem Menschen darüber reden, auch zu Johannes nicht. – Willst du? – Was Unrechtes ist nicht dabei. – Geh, nimm die Papierstückel aus meiner Tasche, wirf sie in den Ofen und verbrenn' sie. Aber nichts darüber reden! – Willst du?«

Auguste nickte und tat, wie ihr geheißen war; als sie zurückkam, streichelte die Kranke ihre Hand und sagte seufzend: »Habe Dank, Auguste, du hast mir eine große Last vom Herzen genommen. Komm, 235 setze dich zu mir, recht nahe, so! – Kind, Kind, ist das ein Glück, daß der Johannes damals die Güter nicht genommen hat. – Mein Johannes ist ein braver Mensch.«

»Ja, Gott weiß es, das ist er!«

»Ach, Kind, was habe ich heute erfahren müssen. Mein Herz erzittert, wenn ich daran denke! Schreckliche Dinge sind geschehen, und mich trifft viel Schuld dabei. – – Vorhin brachte mich die Angst fast von Gedanken, Frieder könne sterben, ehe ich ihn um Verzeihung gebeten hätte.«

»Pate, ist's denn möglich?« rief das Mädchen und drückte ihre Hand an die Brust. »Pate, denkt Ihr im Ernst an Aussöhnung?«

»Und meinst du, daß er mir verzeihen wird?«

»Ach, wenn das Johannes gehört hätte! – Gewiß, Pate, verlaßt Euch darauf, Johannes wird sorgen, daß er's tut!«

»Du gutes Kind! Ja, das ist auch mein Trost; Johannes wird's tun,« flüsterte die Kranke und strich dem Mädchen über die dicken Flechten. »Vorhin war ich außer mir; ich meinte, Frieder müsse gestorben sein. Danach im Traum kam mir Johannes vor, gab mir die Hand und sagte: Mutter, seid nur ruhig, es wird noch alles gut! – Seitdem ist die Angst von mir gewichen. – Ich weiß, ich werde vor Frieder sterben, aber nicht eher, als bis ich mit ihm ausgesöhnt bin. – Weine nicht, Kind, ich sterbe gern, darfst mir glauben. Auf der Welt bin ich nicht mehr daheim, und nach dem, was ich heute erfahren, 236 könnte ich das Leben nimmer ertragen. Und es ist mir ein großer Trost, daß ich dir es jetzt schon sagen darf, wie mir ums Herz ist; du hast ja auch treulich geholfen, daß der Unfriede noch ein Ende nehmen kann. Jetzt weine doch nicht, machst mir das Herz wieder schwer, und 's ist mir so leicht, wie lange nicht. – Ja, was ich noch sagen wollte, habe keine Angst, auch eure Not wird bald ein Ende haben, wenn sich auch dein Vater noch eine Weile trotzig stellt. Und, Auguste, halte Johannes gut, er verdient's. Merke dir, auch mit der Liebe kann man sich versündigen. Ich habe Frieder gern gehabt, ach, so herzlich gern! – Aber wie er tat, als wär ich nicht auf der Welt, bin ich trotzig geworden, habe die Liebe in mich verschluckt, bis sie im Herzen erstickt ist. Mache es nicht wie ich; die Liebe im Herzen ist nichts, sie muß heraus, muß aus allem Tun und Reden hervorleuchten, und wenn es nicht beachtet wird, dann erst recht. – So, nun ist's genug geredet; bleibe bei mir, ich will jetzt schlafen – ach, schlafen! – Wie mir so leicht und so wohl ist! – Gute Nacht, Auguste, gute Nacht!«

Mit gefalteten Händen saß das Mädchen am Bett und lauschte den leisen Atemzügen der Kranken, die wirklich eingeschlummert war. Ihr seltsam verändertes, erweichtes Wesen hatte sie tief ergriffen, der Odem eines fremden, höheren Lebens, der ihr aus den Worten der Annelies entgegenwehte, durchschauerte ihr Gemüt mit schmerzlicher Ahnung, und sie ward fast unwillig, daß sich daneben doch auch eine 237 hoffnungsvolle Erwartung leise in ihrem Herzen regte. Treu behütete sie den Schlummer der Kranken; manches fromme Lied, mancher tröstliche Bibelspruch ward in ihrem Herzen lebendig, während draußen das Morgenrot höher und höher am Himmel emporstieg und die Erde aus ihrer nächtlichen Ruhe erwachte. Als der Spatz, der noch sein winterliches Nachtquartier im Zugloch der Kammer beibehalten hatte, auf den Pflaumenbäumen hüpfte, sein Gefieder in Ordnung schüttelte und dann seinen Morgengruß mit heller Stimme in die tauduftige Welt hinausschrie – erhob sich Auguste, blickte wehmütig in das bleiche Gesicht der Pate und schlüpfte leise aus der Kammer, um ihr ein stärkendes Frühmahl zu bereiten. Rasch näher kommende Männerschritte scheuchten sie aus der Stube; mit geröteten Wangen eilte sie Johannes entgegen und schlang ihre Arme um seinen Hals. »Wie steht's mit dem Vater?« flüsterte sie leise.

»Gut, recht gut, er ist außer Gefahr. Und denke dir das Glück, die Bärbel ist fort, und der Vater will sich mit der Mutter aussöhnen!«

Auguste hing sich fester an den Jüngling, vor Schluchzen konnte sie nicht reden. »Auguste, was ist dir?« rief Johannes erschrocken, »Freust du dich nicht? – Oder – Herrgott, wie konnte ich nicht gleich daran denken, ist die Mutter kränker geworden?«

»Erschrick nicht, sie ist recht schwach! Geh zu ihr! Ach, Johannes, mir zittert das Herz, deine Mutter ist auch umgekehrt! – Geh zu ihr, sie wird sich nach dir sehnen! –

238 »Ja,« erzählte Johannes, der neben dem Bett saß und bekümmert die welke Hand der Mutter betrachtete, »es war ein trostloser Zustand, und wären die Schulbauers nicht gewesen, ich weiß nicht, was hätte werden sollen. Jetzt ist der Vater versorgt, und das Kind im Schulbauernhaus gut untergebracht. – Aber wie ist es Euch, Mutter? – Soll ich nicht den Doktor holen?«

»Erzähle! – Ach, wenn du mir eines sagen könntest, das wäre die beste Arznei!«

»Ich kann's, Mutter,« entgegnete Johannes und beugte den Kopf tief nieder. »Der Vater ist zur Einsicht gekommen, sobald er kann, wird er Euch selber um Verzeihung bitten.«

Annelies seufzte tief, faltete die Hände und blickte dankend zum Himmel. Eine Weile war es still; Johannes wollte die Mutter nicht stören und trat ans Fenster – vielleicht auch, um die eigne Rührung zu verbergen. »Johannes, komm zu mir,« flüsterte sie und zog ihn dicht an sich. »Gott wird dich segnen, daß du beharrtest und uns zur Versöhnung verhalfst – ach, hätte ich früher auf dich gehört, wieviel Leid wäre uns allen erspart worden! Du hast in allen Stücken recht behalten, Johannes. – Frage mich nicht, wie ich zur Einsicht gekommen bin, merke nur das, mein Vater und ich haben schwere Schuld auf uns liegen. Sie ist mir allzu schwer, ich werde sie nicht lange tragen. – Bitte den Vater, er soll mir und deinem Herle vergeben – er versteht schon, was ich meine, wenn er auch nicht alles weiß; – wenn's 239 ihm möglich ist, soll er mir das selber sagen, damit ich ruhiger sterben kann.«

»Redet doch nicht so, Mutter! Ihr seid krank – ich will den Doktor holen!«

»Mir hilft kein Doktor, aber geh nur, du tust es doch nicht anders. Aber gelt, Johannes, du denkst einmal in Liebe meiner?«

»Mutter, ich meine, Ihr solltet mich nunmehr kennen,« entgegnete Johannes, der nur mit Mühe seine Fassung behauptete. »Soweit ist's ja noch lange nicht; haltet Euch ruhig, ich bin bald zurück!«

Matt legte sich Annelies in die Kissen zurück und sagte zu Kathrin, die sich weinend an ihr Bett setzte. »Was weinst du? – Freue dich, der Herr hat alles wohlgemacht!« 240

 


 

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