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Vater und Sohn

Heinrich Schaumberger: Vater und Sohn - Kapitel 15
Quellenangabe
typefiction
booktitleVater und Sohn
authorHeinrich Schaumberger
year1924
firstpub1876
publisherMartin Warneck
addressBerlin
titleVater und Sohn
pages276
created20130302
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Stille Jahre.

Wenn eine unerwartete Wendung des Schicksals eine Entscheidung fordert, die das ganze künftige Leben, Glück oder Unglück, Lust oder Leid bestimmen soll, wie pocht dann das Herz so ängstlich und verzagt in der Brust, wie stemmt es sich gegen das herbe »Muß«, wie plagt und quält es sich, einen Mittelweg zu finden, das harte Entweder–Oder zu umgehen! Im Gefühl seiner Schwachheit sehnt es sich nach Hilfe und Beistand; sich selbst mißtrauend horcht es hierhin und dahin, und je mehr Verwirrung das unklare, widerspruchsvolle Urteil der von eignen Interessen hin und her geworfenen Menge in ihm anrichtet, desto größer wird seine ängstliche, ratlose Verzagtheit. Und doch bleibt ihm zuletzt nur übrig, selbst zu wählen, allein auf sich gestellt, die bittere Entscheidung zu treffen, alle Verantwortung samt dem Urteil der Welt allein auf sich zu nehmen – und zu tragen.

Ist aber der Entschluß gefaßt, als fester Wille in die Seele eingewurzelt, der erste Zusammenstoß mit 186 den gefürchteten gegensätzlichen Meinungen überstanden, dann erfolgt oft ein bedeutsamer Umschwung im Gemüt. An Stelle der Verzagtheit tritt ein sicheres Vertrauen; die Opfer, welche die Entscheidung kostete und noch zu fordern droht, werden minder schmerzlich empfunden; ein Gefühl innerlicher Befreiung hebt über die Sorgen und Nöte der Gegenwart hinweg, und nicht mehr gänzlich hoffnungslos richten sich die Blicke in die Zukunft; die Empfindung innerlicher Erstarkung, die sich stets dem Bewußtsein treuer Pflichterfüllung zugesellt, läßt das Schwerste leicht, das Größte nicht unerreichbar erscheinen, das erhöhte Lebensgefühl sieht bereits den Kampf entschieden, das Ziel erreicht. – Und doch ist kaum ein Anfang zu nennen, der rechte, ernste, strenge Kampf steht noch bevor. Jetzt gilt es, bei den inneren und äußeren Anfechtungen, die auf das geängstete Herz einstürmen und grausam stets den wundesten Punkt zu treffen wissen – beharren; jetzt gilt es, mag auch die frühere Begeisterung sich in dumpfe, hoffnungslose Gleichgültigkeit verkehrt haben – jetzt gilt es: feststehen, sich bewähren – und die Bewährung, sie ist schwer.

Das erfuhr auch Johannes. Nur allzu bald ward er inne, wie das ein Irrtum war, als er nach dem Streit mit dem Paten meinte, nun sei das Schwerste überwunden – jetzt erst begann der Kampf.

Seine Weigerung, die Güter zu übernehmen, erregte in Bergheim ein gewaltiges Aufsehen; so was war ja seit Menschengedenken nicht vorgekommen, und je unverständlicher, unbegreiflicher den Nachbarn die 187 Handlungsweise des Jünglings war, je weniger sie seine Gründe verstehen konnten oder wollten, desto härter und liebloser waren ihre Urteile. Sein Tun war wochenlang das alleinige Dorfgespräch, man hätte meinen können, die Bergheimer wären für ihn mit verantwortlich, so eifrig, so einmütig verdammten sie den Jüngling; mit einer Beharrlichkeit, als hinge das eigne Wohl und Wehe von seinen Entschließungen ab, suchten sie ihm das Verkehrte seines Handelns klar zu machen und ihn zur Umkehr zu bewegen. So scheute die Schneiderslies einen weiten Umweg nicht, als sie, von Schottendorf heimkehrend, Johannes in der Rotleite ackern sah. Nachdem sie ihn genötigt, den Pflug anzuhalten, schalt sie auf ihn ein: »Johannes, fürchtest du dich nicht der Sünde, deine Mutter vor den Kopf zu stoßen? Du treibst es ja wahrhaftig noch schlimmer als dein Vater! Willst du mit Gewalt deine Mutter ins Grab bringen? Kehr' um, kehr' um beizeiten! – Denke daran, es müßte ja kein Gott im Himmel sein, wenn dir das ungestraft hinginge!«

Wenige Tage danach rief ihm im Wirtshaus der Türkenhenner höhnisch entgegen: »Solch sündlich dummen Menschen, wie du bist, muß es auf der Gotteswelt keinen mehr geben! So das Glück mit Füßen von sich zu stoßen, es ist rein unerhört! – Und warum? – Das sieht doch ein Blinder, daß der Frieder und die Annelies nicht wieder zusammenzubringen sind.« – »Ja, und bei aller Dummheit steckt auch noch ein arger Hochmut dahinter,« fiel der 188 Paulesnickel ein. »Das ist doch nicht anders, als dem Herrgott vorgegriffen; wollte der deine Eltern wieder zusammenbringen, würde er wohl selber Mittel und Wege gefunden haben.« – Ein andermal sagte der Ungersbauer, den Johannes als streng rechtlichen Mann achtete: »War es dir in deiner Haut zu wohl, daß du dich mit Gewalt zum Sündenbock für deinen Vater aufwirfst?« – Und als er sich am Sonntagabend zu den Burschen und Mädchen gesellen wollte, rief des Dorfmüllers Bärble schnippisch: »Johannes, du bist ein Feiner! Jahrelang läufst du der Auguste nach, und jetzt, wo du sie heiraten sollst, ist sie dir auf einmal nicht mehr gut genug? – Schäme dich! Auf was willst du warten? – eine Gräfin kriegst du doch nicht!« – Und der Schneidermarkus setzte hämisch hinzu: »Er fängt gerad' an, wie sein Vater, der hat seinerzeit auch das Fritzenmargtle wegen der reichen Annelies sitzen lassen. Aber wer weiß, vielleicht erleben wir es noch, daß er es gerade so weit bringt wie der Frieder!«

Anfangs hatte Johannes dazu nur den Kopf geschüttelt und war stille seines Weges gegangen, wohl einsehend, daß Widerspruch seine Gegner nur noch mehr reizen würde; er hoffte zugleich, so die Leute am ehesten zum Schweigen zu bringen. Als aber im Gegenteil die Aufregung zu wachsen schien, fast das ganze Dorf, den Herrnbauer und Beckenjörg allein ausgenommen, einhellig gegen ihn stand, da begannen die Reden der Bergheimer allmählich in seiner Seele Wurzel zu schlagen. Die unablässigen Anfechtungen 189 erregten peinigende Zweifel in ihm, es kamen schwere Stunden, da er fast an sich selbst irre ward. Der Schulbauer hatte ja freilich vorausgesagt, daß es so kommen würde, Johannes glaubte sich auch genügend darauf vorbereitet zu haben, allein so schlimm hatte er es doch nicht erwartet, und als der Vater, der in Sülzdorf mit der Bärbel in wilder Ehe zusammen lebte, jede Annäherung schroff abwies, als auch daheim die Tage sich stets trostloser gestalteten, drohte ihm fast sein Ziel aus den Augen zu schwinden, und der Kummer über ein verfehltes Leben steigerte sich trotz seines mannhaften Ringens dagegen zu einem finstern Trübsinn.

Weder Annelies noch der Bergbauer hatten ihren Plan fallen lassen. »Das müßte ja mit dem Teufel zugehen, wenn wir den Buben nicht endlich zur Vernunft brächten!« tröstete der Bergbauer, und kein Mittel blieb unversucht, Johannes für ihre Absichten zu gewinnen. Besonders Annelies setzte ihm hart zu mit Liebe und Haß, wie es kam; freilich überwog der Zorn die Milde weit – und dennoch bereitete gerade diese Johannes die größte Not.

Als das nicht zum Ziele führte, suchten Annelies und der Bergbauer durch Auguste auf den Jüngling zu wirken. Allein Auguste, von der Mutter unterstützt, widerstand ihren Bemühungen, selbst der Zorn des Vaters erschreckte sie nicht. »Johannes hat recht!« das war und blieb ihre Antwort. »Ich helfe nicht dazu, ihm das Leben noch schwerer zu machen.« – – Und doch geschah dies, wenn auch ohne ihre Schuld. 190 Der Unmut des Vaters wendete sich jetzt gegen sie, allen Ärger, der sich in seinem Herzen angesammelt, ließ er bitter an dem Mädchen aus, selbst die Bäuerin mußte harte Worte hören, wollte sie die Tochter in Schutz nehmen. Johannes konnte das nicht verborgen bleiben; das Leid, das Auguste seinetwillen traf, nagte Tag und Nacht an seinem Herzen, und der Schulbauer, der ahnte, was in seiner Seele vorging, rief ihm warnend zu: »Johannes, sei auf deiner Hut! Halte dich tapfer, du stehst in großer Gefahr!« Traurig schüttelte darauf Johannes den Kopf und sagte: »Nein, nein, Bauer, ich fall' nicht ab, ich bin kein Strohhalm; aber wenn es lange so fortgeht, wird mir alle Freude am Leben aus dem Herzen genommen.«

Da begegnete ihm Auguste, legte ihre Hand auf seine Schulter und sagte mit in Tränen schwimmenden Augen: »Johannes, hast du vergessen, was du mir an jenem Sonntag versprachst? – Warum gehst du umher wie verstört?«

»Ist's zu verwundern?« entgegnete Johannes traurig. »Ich wollte ja alles ertragen, alles; aber daß du so schwer leiden mußt, das ist zu viel.«

»Aber wohin soll es führen, wenn du dich so abhärmst? Johannes – denkst du am Ende gar an Umkehr?«

»Das habe ich nicht verdient, Auguste, das nicht; was ich einmal gesagt habe, dabei bleibt's. Ich habe mich herzhaft gegen den Kummer gestemmt, ich wollte ihn wenigstens nicht an den Tag kommen lassen, 191 aber ich bin eben auch nur ein Mensch; heiter aussehen, wenn mir das Herz weh tut, kann ich nicht. – Bin ich nicht schuld an deinem Elend?«

»Nein, nein, Johannes, das bist du nicht; überhaupt darf ich von Elend gar nicht reden; – der Vater ist wohl schlimm, dafür ist die Mutter desto liebreicher, und zuletzt trifft mich sein Ärger unschuldig. Johannes, laß dich nicht niederschlagen, du kannst sonst auf die Länge nicht bestehen. Und merke doch wenn ich dich traurig sehen muß, das ist für mich das schwerste Leid, und das ertrage ich nicht.«

»Du bist gut, Auguste! – Ich bitte dich, sorge dich nicht um mich, es wird gewiß mit der Zeit besser werden; aber jetzt reißt und zerrt eben alles an mir herum, ich weiß oft nicht, wo mir der Kopf steht. Habe Geduld, mit Gottes Hilfe wird ja endlich auch wieder Ruhe werden.«

Allein die Zeit ging hin, ein Jahr war schon lange vorüber – und die gehofften, besseren Zustände wollten nicht eintreten. Sorgenvoll beobachtete der Schulbauer seinen jungen Freund, der freudlos umherging, als seien ihm alle Hoffnungen auf die Zukunft entschwunden. Wohl wissend, daß mit gewöhnlichen Trostgründen hier nichts auszurichten sei, schlug der Schulbauer bei Johannes einen andern Weg ein. Um ihn der Schwermut zu entreißen, die ihm das Gemüt verdüsterte, suchte er seinen Blick von den eigenen, engen Verhältnissen ab auf das Allgemeine zu lenken, seine Teilnahme für höhere Zwecke, weitere Ziele zu erwecken – und sein Streben war nicht vergebens. Johannes ging eine 192 neue, wunderbare Welt auf; er lernte sich als Teil eines größeren, wichtigeren Ganzen erkennen; lernte einsehen, wie die Bedeutung des einzelnen nur in seinem Verhältnis zum Ganzen bestehe, und wie sich allmählich vor seinen Blicken der Kreis seiner Pflichten erweiterte, wie er auch seine geringe Arbeit als notwendig zum Heil des Ganzen erkannte, fühlte er sich innerlich mächtig erhoben. Leise nickte er, wenn der Schulbauer über die Beschränktheit und Teilnahmlosigkeit der Bauern klagte, deren Gedanken kaum über die täglichen Bedürfnisse hinausgingen, und die darum mit verdumpften Sinnen sklavisch am Hergebrachten hingen, hatte er das doch schmerzlich genug in seinem eignen Leben erfahren müssen.

»Sieh nur,« rief der Schulbauer oft, »mit welcher Blödigkeit und Unbeholfenheit der Bauer der Außenwelt, die für ihn dicht hinter den Grenzsteinen seines Flurbezirks beginnt, gegenübersteht; wie stumpf und gleichgültig er den Ereignissen der Zeit zusieht, solange sie ihn nicht unmittelbar berühren, und wie er, wenn sie ihn doch einmal vom warmen Platz am Ofen aufschrecken, nichts zu tun weiß, als ratlos in kindisches Jammern, Klagen und Schelten auszubrechen. Ja, solange der Bauer alles, was über seine tägliche Arbeit und sein allernächstes Denken hinausgeht, Gott und den Herren von der Regierung überläßt, solange er von oben her immer geleitet und geführt sein will – solange wird es nicht besser. Mir tut es in der Seele weh, wenn ich sehen muß, welche herrlichen Kräfte im Bauernstand ungenützt vermodern, und ich möchte 193 so gern den Bann von ihren Gemütern nehmen, ihre Seelen aus dem dumpfen Schlaf erwecken – habe aber einsehen gelernt, daß sich dagegen von außen her nicht ankämpfen läßt. Die wahre Hilfe kann nur aus dem Bauernstande selbst kommen. Es müssen Männer auftreten, die es wagen, auf Grund eigner Erkenntnis zu stehen, die selbständigen Geistes es unternehmen, die engen Schranken der versteinerten Sitten und Gewohnheiten zu durchbrechen und ihren Nachbarn das Beispiel eines freien, sittlichen Handelns vor Augen zu führen. – Du bist einer von den Berufenen, Johannes, darum mußt du beharren; was du tust, geschieht nicht mehr für dich und die Deinen allein, es ist eine Tat für das Allgemeine, wenn es in dieser Bedeutung auch nur ich und du verstehen.«

Johannes lehnte das Lob, das in diesen Worten lag, bescheiden ab, bestritt auch die Bedeutsamkeit seines Tuns, dagegen hob er das Wirken des Schulbauern rühmend hervor. Allein ihren Zweck erreichten jene Reden doch, sie wurden dem Jüngling ein mächtiger Sporn zu ernsterem Vorwärtsstreben. In der Stille, sich selbst unbewußt, reifte er zum klaren, willensstarken Charakter; wenn auch das Leid über sein häusliches Unglück, über die Hartnäckigkeit der Eltern, über die steigende Verbitterung des Bergbauern wie ein Schleier auf seiner Seele lag und den frischen Pulsschlag seines Lebens abdämpfte – der Trübsinn war für immer überwunden, klaren Blicks schaute er in die Zukunft, in ruhiger Entschiedenheit ging er seinen einsamen Weg.

194 Zwei Jahre waren vergangen seit jenem Sonntag, da sich sein Schicksal entschied, als ein Umschwung in der öffentlichen Meinung Bergheims bemerkbar ward. Johannes' Rechtschaffenheit und Tüchtigkeit, die sich bei jeder Gelegenheit aufs Neue bewährte, zwang gleichsam den Nachbarn die Frage auf: hatte er am Ende nicht auch damals recht, als er sich weigerte, die Güter zu nehmen? – Zwar blieb den meisten solche Handlungsweise auch jetzt noch unverständlich, aber sie hüteten sich wenigstens, sie zu verurteilen, begnügten sich, im stillen die Köpfe zu schütteln, und gestanden gern ein: gut gemeint hat er es gewiß. Besonderen Eindruck machte sein Umgang mit den angesehensten Männern, dem Beckenjörg, der in diesen Tagen Schultheiß geworden war, dem Herrnbauer und besonders dem Sülzdorfer Schulbauer; bald gingen einige seiner hitzigsten Gegner mit Sack und Pack zu ihm über, allen voran die Schneiderslies, die jetzt oft versicherte: »Der Johannes ist einmal einer, dem sieht man gar nicht an, was in ihm steckt! Ich hab's ja gleich gesagt, das ist der bravste Bursch weit und breit.« Von da an wuchs sein Ansehen, und so stieg er in der öffentlichen Achtung, daß ihm bei der Wahl der Gemeindedeputierten der Ungersbauer und Paulesnikel versicherten: »Es ist schade, daß du keinen eignen Haushalt hast, du zuerst gehörtest in den Gemeindevorstand.« Der Türkenhenner konnte freilich auch hier seine Tücke nicht lassen und entgegnete spitz: »Gewiß, dumm genug wär' er zu dem Amt, er hat es ja bewiesen selbigsmal;« – allein der Herrnbauer fertigte ihn derb ab.

195 Auch mit Annelies ging eine große Veränderung vor; ihr Mutterherz regte sich bei dem Lob, das Johannes von allen Seiten gespendet ward, die allgemeine Teilnahme und Achtung zwangen ihr Respekt vor dem Sohn ab, dem sich ein heimlicher Stolz bald zugesellte. Gern ließ sie es geschehen, daß das Hausregiment allgemach auf ihn überging, die Ruhe, die sie sich jetzt gönnen konnte, tat ihr wohl, und nun erkannte sie erst, welche Liebe in dem Herzen des Sohnes lebendig war. Oft kam ihr das Wasser in die Augen, wenn sie sah, wie sich Johannes um sie bemühte, wie er sich selbst nicht genug tun konnte, ihr das Leben behaglich und angenehm zu machen; – dann dankte sie ihm mit warmem Händedruck und sagte: »Gott wird dich segnen, daß du so gut gegen mich bist.«

Dennoch konnte sie auch jetzt nicht vergessen, daß Johannes um Frieders willen die Güter ausgeschlagen hatte; der Haß glühte unvermindert in ihr fort, und den Namen des Vaters durfte Johannes nie vor ihr nennen. War aber bei Annelies an eine Versöhnung mit Frieder weniger denn je zu denken, so standen die Sachen im Bergbauernhaus noch viel schlimmer. Sonderbarerweise wuchs mit der öffentlichen Teilnahme der Groll des Bergbauern gegen Johannes; er verbot der Bäuerin und Auguste jeglichen Umgang mit den Schreinersleuten, und es kam darüber, da sich die Bäuerin gegen dieses Verbot auflehnte, zu bösen Auftritten. Das Fehlschlagen aller seiner Pläne, der Starrsinn seiner Weiber, wie er ihre Festigkeit 196 nannte, erbitterten ihn; – im Zorn begann er das Wirtshaus aufzusuchen, und mit Schrecken mußte die Bäuerin sehen, wie er von Tag zu Tag mehr in ein liederliches Wesen verfiel. Auguste litt viel, und wäre ihr nicht der Gedanke an die Liebe und Treue ihres Johannes ein Trost geworden, sie hätte verzagen müssen.

* * *

Frieder lebte, seitdem er Bergheim verlassen, mit der Bärbel in wilder Ehe gedankenlos in den Tag hinein. Zwar hatten zuerst die ernsten Männer Sülzdorfs, am lautesten natürlich der Schulbauer, gegen diese Unsittlichkeit geeifert; besonders letzterer drang darauf: entweder solle Frieder die Bärbel heiraten oder das Dorf verlassen; – allein das Geld ist in Sülzdorf so gut eine Macht, als in Berlin oder Paris – und Frieder hatte Geld. Darum fehlte es ihm nicht an Freunden im Gemeindevorstand; als über ihn verhandelt wurde, entschied der Schultheiß: »Was geht es uns an, was Frieder in seinem Hause treibt? – Die Bärbel ist seine Magd, das Vermögen, das er ins Dorf bringt, beißt uns nicht, und damit basta!« Der Schulbauer war freilich andrer Meinung, allein er ward überstimmt, wie so oft schon, und mußte schweigen. Er wendete sich mit einer Klage an den Kirchenvorstand – mit nicht besserem Erfolg. Sülzdorf ist nämlich trotz seiner Kleinheit eines von den oberfränkischen Dörfern, die noch heute unter dem Fluch der mittelalterlichen Länderteilungen seufzen. Früher mit Bergheim, zu dessen Pfarrsprengel es zählt, 197 einem Staat angehörend, ward es bei einer späteren Teilung nebst Schottendorf dem Nachbarländchen zugewiesen. Den Herren von der Regierung war es nun äußerst störend, daß die neuen Sülzdorfer Untertanen mit dem Ausland noch in kirchlicher Verbindung standen; diesem Übelstand abzuhelfen, suchten sie Sülzdorf aus dem Bergheimer Kirchenverband zu lösen und es nach Schottendorf einzupfarren. Dagegen wehrten sich jedoch die Sülzdorfer so mannhaft, daß die Regierung ihren Plan fallen lassen mußte. Um nun wenigstens etwas zu erreichen, bestimmte sie, daß die Bewohner aller in Zukunft zu erbauenden Häuser zur Schottendorfer Pfarrgemeinde gehören sollten. Dabei blieb es denn auch bis auf den heutigen Tag. Wenn nun der ältere Teil des Dorfes, wozu auch der Schulhof gehörte, am Freitag nach dem ersten Advent mit Bergheim seinen Buß- und Bettag feiert, klappern in den Scheunen des neuen Dorfes lustig die Flegel; dagegen, wenn am Freitag nach der Fastnacht die nach Schottendorf eingepfarrten Sülzdorfer ihren Bußtag in festtäglicher Stille begehen, ist die andere Hälfte des Dorfes eifrig dabei, den Mist auf Wiesen und Felder zu führen, vor den Schlitten klingen die Schellen, und munter knallen die Peitschen. Das Haus, welches Frieder bewohnte, gehörte zur Schottendorfer Pfarrerei, im dortigen Kirchenvorstand saß der Sülzdorfer Schultheiß, Frieders Freund, und so war vorauszusehen, daß die Beschwerde des Schulbauern auch hier wirkungslos bleiben würde.

Nachdem Frieder zwei Jahre mit der Bärbel in 198 Saus und Braus gelebt hatte, ging die Herrlichkeit zu Ende; auf das Wohlleben folgte bitterer Mangel, Frieder und Bärbel gerieten in Unfrieden, und nun regte sich auch die öffentliche Meinung, die so lange geschwiegen. Vielleicht war es Folge der harten Urteile, die er jetzt täglich hören mußte, daß Frieder so auffällig verfiel. Aus dem Mangel ward bittere Not: eines Tages sagte der Schulbauer zu Johannes: »Hilf deinem Vater, er bedarf's, und ich denke, er wird dich nicht wieder abweisen.« Johannes ließ sich das nicht zweimal sagen, und der Schulbauer hatte recht, Frieder wies die Gaben nicht zurück; trotzdem blieb er nach wie vor fremd und kalt gegen den Sohn, auf die herzlichsten Worte hatte er keine Antwort. Erst am letzten Weihnachtsabend, da ihn Johannes auf dem Schottendorfer Christmarkt besonders reich beschenkte und ihm beim Abschied noch ein Röckchen, Schuhe und Strümpfe, goldne Nüsse und Äpfel, Zuckerwerk, sogar eine Puppe für seine kleine Line daheim für sie aufnötigte, schoß ihm das Wasser in die Augen, heftig drückte er dem Sohne die Hand und wendete sich rasch ab. Damit war wenigstens eine Eisrinde seines Herzens gebrochen, von Stund an war er herzlicher gegen Johannes – aber an dem Verhältnis sowohl zur Bärbel als zur Annelies durfte Johannes auch jetzt noch nicht rühren.

Bei Annelies wollte fast der alte Unmut wieder erwachen, als sich Johannes rückhaltslos dem Vater anschloß. Allein sie war merklich schwächer geworden, dazu wagte sie auch nicht mehr in früherer Weise gegen den Sohn aufzutreten, eine ihr selbst unerklärliche 199 Scheu hielt ihre Zunge gefesselt und, wenn auch im stillen seufzend und murrend – sie ließ ihn gewähren. Zuletzt gewöhnte sie sich an die regelmäßigen Gänge des Sohnes nach Sülzdorf – nur sie selbst wollte von Aussöhnung nichts hören. Der Bergbauer fluchte und tobte, schimpfte und lärmte im Wirtshaus über Frieder und Johannes, von denen er behauptete, es sei einer so schlecht wie der andere; dem Johannes besonders habe er nie getraut und er danke Gott, daß er ihm damals seine Auguste nicht gegeben. Daheim plagte er seine Weiber, und Johannes wie Auguste würden arg erschrocken sein, hätten sie ahnen können, mit welchen Plänen er sich trug.

So kam auch der dritte Frühling heran, und noch immer stand es in der Hauptsache beim alten.

Es war Sonntag nachmittag. Johannes saß allein in der Stube und arbeitete emsig an einer Zeichnung, von der er nur dann und wann den Kopf erhob, um dem Vogelgezwitscher draußen zu lauschen und in tiefen Zügen den Duft der Jelängerjelieberblüten vor dem offenen Fenster einzuatmen, da öffnete sich die Tür, und der Sülzdorfer Schneidersheiner trat mit den Worten ein. »Guten Abend, Johannes! So fleißig?«

»Hat keine Not! – Sei willkommen und such' dir einen Sitz.«

»Die Müdigkeit ist nicht groß; hab' auch nicht lang' Zeit.«

»Setz' dich nur; wirst doch die Ruh' nicht aus dem Haus tragen wollen?«

200 »Aber nur auf einen Augenblick,« sagte der Schneider und zog sich einen Stuhl an den Tisch. »Wo ist deine Mutter?«

»Sie schläft im Kafenetle, 's ist ihr just wieder einmal nicht recht.«

»So erschrick nicht. Einen Gruß von deinem Vater, du sollst zu ihm, er ist krank.«

»Was du sagst! – Ist's gefährlich?«

»Glaub's nicht, aber recht schlecht sieht er aus; er ist in letzter Zeit überhaupt arg zusammengegangen.«

»Hab' Dank fürs Ausrichten; ich will mich gleich auf den Weg machen.«

»Wird das beste sein. Einen Dank braucht's nicht, ist gerne geschehen. Adjes.«

Ein tiefer Seufzer in der Kammer sagte Johannes, daß die Mutter das Gespräch gehört hatte. Zuerst war er fast erschrocken, dann aber dachte er, es ist vielleicht eine Fügung Gottes. Getrost ging er zu der weinenden Kranken und sagte: »Mutter, Ihr habt gehört, was mir der Schneidersheiner ausrichtete – ist's Euch recht, wenn ich zu ihm gehe?«

»Geh, Johannes, halte dich nicht auf; ist's not, bleib' drüben, um mich brauchst du dich nicht zu kümmern.«

»Ich will die Kathrin rufen, auf die Nacht kann sie noch die Bergbäuerin bestellen.«

»Laß nur, ich will allein sein. Geh, und wenn du denkst, daß es ihm an etwas fehlt –, geh jetzt.«

»Ich dank' Euch! – Darf ich ihm das sagen?«

»Geh!«

201 Johannes trug der Mutter frisches Wasser zu, stellte ihre Tropfen hin, für den Fall, daß ihr eine Ohnmacht zustoßen sollte, dann verließ er durch die Hintertür das Haus.

Ein milder Frühlingsabend senkte sich auf die Erde, von den blühenden Obstbäumen wallten berauschende Wohlgerüche nieder, aus den Hecken schallte munterer Vogelsang, ein wundersames Leben sproßte und webte allüberall. Auch die Menschengemüter waren erwacht, scherzend zogen Burschen und Mädchen durch die Flur, schmückten sich mit den holden Kindern des Frühlings und sangen unter den Birken droben im Steinschrot von der Freude, dem Glück des Lebens. Sinnend schritt Johannes durch saftgrüne Saatfelder und schüttelte leise den Kopf, als er die Gesänge vernahm; in den letzten drei Jahren waren ihm Glück und Freude unbekannte Dinge geworden. Seine Gedanken gingen zurück in die Vergangenheit, Bild auf Bild glitt an seinem Geist vorüber; beim Königsbühel bog er vom Weg ab, wie vor drei Jahren stieg er den Hügel hinan und blickte sinnend hinaus in die Welt.

Eben versank die Sonne hinter den Tannen des Wachtberges, die in einem Feuermeer schwammen; in den Blütenbüscheln des Baumes surrten die Maikäfer, einzelne Schwalben sausten pfeilschnell durch die Luft, vom Steinschrot klang fröhliches Lachen und Jauchzen herab, und von Bergheim wie von dem ferneren Schottendorf tönte leise das Abendgeläute herüber. Johannes ließ den Kopf auf die Brust sinken und 202 seufzte: »Wie herrlich, o wie herrlich! – Ja, die Welt wird niemals alt; mag auch der Winter noch so hart und streng auf ihr liegen – der Frühling muß wiederkehren, die Welt muß wieder aufwachen zu lauter Jubel und Freude. Wie arm sind die Menschen dagegen; der Haß ist überall größer als die Liebe, und das Glück ist sogar vergänglich. Wie viel Menschen wohl wahrhaft glücklich sind?! – Was habe ich noch vom Leben gehabt? – Aber nein, so darf ich nicht denken; bin ich nicht heute ein ganz andrer Mensch als vor drei Jahren? – Nein, ich will nicht klagen; der Mensch kann gut und brav sein, das ist mehr als alle Herrlichkeit der Welt. – Und die Liebe besteht auch, ist mir nicht Auguste treu? – – – Und die Mutter war heute auch so ganz anders, sollte vielleicht eine neue Zeit kommen? – Sollte die Krankheit des Vaters eine Wendung zum Besseren mit sich bringen? – O mein Gott! Wie du es auch schicken wirst, ich will fest und treu bleiben, die trüben Jahre sollen nicht vergebens über mich gekommen sein.«

War es ein Schimmer des Abendrotes, das glühend über den Bergen stand, oder ein Abglanz des Feuers, das in seiner Seele aufglühte, was von dem Antlitz des Jünglings leuchtete – wer kann es sagen? – Noch eine Weile stand er in stiller Versunkenheit auf dem Hügel, dann eilte er mit weiten Schritten Sülzdorf zu. 203

 


 

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