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Vater und Sohn

Heinrich Schaumberger: Vater und Sohn - Kapitel 12
Quellenangabe
typefiction
booktitleVater und Sohn
authorHeinrich Schaumberger
year1924
firstpub1876
publisherMartin Warneck
addressBerlin
titleVater und Sohn
pages276
created20130302
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Verstoßen.

Die Tauben girrten unter dem Dach und badeten sich im Brunnen neben dem Nußbaum; der alte Spitz saß schläfrig auf dem Treppenaltan und wedelte leise mit dem Schwanz, wenn drunten ein Bekannter vorbeiging, was ziemlich oft geschah, da er mit allen Bergheimern, die Schulbuben ausgenommen, in den freundschaftlichsten Verhältnissen stand; in den Fenstern blühten Monatsrosen und Lackstöcke, eine befriedete Stille lag über Haus und Hof, als habe nie ein unholder Geist Eingang gefunden, und doch war im Innern nur Haß, Zwietracht, Jammer und Herzeleid heimisch.

Frieder war allein in der Werkstatt; längst war der Hobel seinen Händen entglitten, müßig starrte er hinaus in die Welt, durch welche der erste Frühlingsodem wehte, und ernste Gedanken bewegten seine Seele. Trübe Tage lagen hinter ihm, trübere standen ihm bevor; ein Schauer überrieselte ihn, als er heute, zum erstenmal seit langer Zeit nüchtern, überlegte, was in Zukunft werden solle. Bisher hat er jeden Vorschlag zur gütlichen Auseinandersetzung mit 137 Annelies barsch abgewiesen, auf den Mangel entscheidender Beweise pochend, sogar dem Gericht, dessen Hilfe Annelies zur Entfernung der Bärbel in Anspruch nahm, getrotzt. Das war nun vorbei; er fühlte, auch wenn sich Bärbels Zustand noch länger hätte verbergen lassen, so konnte es nicht länger fortgehen, das Leben war für alle gleich unerträglich – und dennoch zagte der starke, wilde Mann vor der Entscheidung.

Frieder bedeckte sein Gesicht mit beiden Händen, als plötzlich lautes Wehklagen durch das stille Haus hallte – das war das Totenlied seiner Ehre. »Sie weiß es,« flüsterte Bärbel durch die halbgeöffnete Tür, »was soll werden?« Wie aus einen Traum erwachend, starrte er ihr in das bleiche Gesicht, seine Stimme hatte allen Klang verloren bei den barschen Worten: »Packe deine Sachen und mache dich auf nach Sülzdorf, du weißt, wo du dich hinzuwenden hast. – Marsch, vorwärts! – Was gaffst du noch? – Deines Bleibens ist hier nicht länger – vielleicht meines auch nicht!«

Langsam ging er in der Werkstatt auf und ab, sah die Hirtenkathrin weinend das Haus verlassen, sah sie mit der verstörten Bergbäuerin zurückkehren, auch den Bergbauern erschrocken ins Haus eilen und dachte: »Nun wird Gericht über mich gehalten und mein Urteil gesprochen – was sie mit mir vorhaben mögen!« Frieder hätte sich gerne in Erregung und Zorn hineingesonnen, allein es gelang ihm nicht; die Frage, »mußte es auch so kommen?« erweckte Gedankenreihen, die ihm den Angstschweiß auf die Stirn trieben. 138 Freundliche Bilder einer glücklichen Zukunft umgaukelten ihn; er sah vor sich ein ruhiges, sorgenfreies Alter, sah seine Ehre, sein Ansehen im Sohn fortleben, den Wohlstand seines Hauses sich mehren, frische Enkel um seine Knie spielen, und eine Stimme in ihm sprach: »So wäre es geworden, hättest du zur rechten Zeit deine Leidenschaften gezügelt!« Allein die Klagen der Annelies, die schneidend dazwischen tönten, sagten ihm, wie das für immer verloren, wie ihm für sein Alter nichts geblieben, als Schmach und Schande vor den Menschen, Haß und Reue im Herzen, ein elendes mühseliges Leben bis ins Grab. Trostlos drückte er die Stirn gegen die kalten Scheiben, und im wilden Schmerz fragte er sich wieder und wieder: »Hat es wirklich so kommen müssen?«

In seinem Kummer merkte er nicht, wie sich die Tür öffnete; erst als der Riegel ins Schloß schnappte, erwachte er aus seinem Brüten und sah sich dem Bergbauer gegenüber. Eine Weile blickten sich die einstigen Freunde, die heute als Todfeinde sich gegenüberstanden, prüfend in die Augen, als wollten sie ihre Kräfte messen; endlich begann der Bergbauer, der trotz aller Mühe das Beben seiner Stimme nicht verbergen konnte: »Du wirst wissen, warum ich komme, mache dir und uns keine Ungelegenheiten, es führt doch zu nichts – verlaß das Haus!«

»Was habe ich mit dir zu schaffen? – Hast du mir zu befehlen?«

»Ich bin Pate und Vormund deines Johannes und rede im Auftrage der Annelies. Mache keine 139 Weitläufigkeiten, du mußt selber spüren, daß deines Bleibens hier nicht mehr sein kann.«

Frieder hatte den Kopf auf die Brust sinken lassen, nach einer Pause sagte er leise: »Die Bärbel ist fort.«

»Zu spät! – Zu rechter Zeit hätte dich das retten können, jetzt ist's vorbei, die Annelies dringt auf Scheidung. Willst du das Haus räumen?«

»Gutwillig nicht,« rief Frieder, und seine Augen blitzten. »Das Haus ist mein, ich hab's gebaut, es steht auf meinem Grund und Boden – habt ihr das Herz, werft mich hinaus – freiwillig geh' ich nicht.«

»Besinne dich! – Du weißt, wie du im Amt angeschrieben stehst, jetzt eine Anzeige von der Annelies – und morgen schon führt dich der Gendarm aus dem Haus.«

Frieder hatte den Kopf wieder sinken lassen und wühlte mit den Füßen in den Hobelspänen; plötzlich brach er los: »Gut, ich räume euch das Feld, aber im Haus und Stadel steckt mein erworbenes Vermögen – zahlt mir das auf, aber bei Heller und Pfennig; auch das Hausgerät und Handwerkszeug, soweit es neu ist, die Bretter und Bohlen gehören mir – und ich sage, solange ein Heller meines Vermögens in euren Händen ist, solange ein Stück meines Eigentums im Haus steckt, bringt mich keine Macht der Welt von der Stelle.«

»Wie es mit dem erworbenen Vermögen wird, darüber streite ich nicht mit dir, das wird vor Gericht ausgemacht; mit deinem Aufenthalt hat es nichts zu 140 schaffen. – Willst du fort, oder soll ich eine Anzeige machen?«

»Was habt ihr vor? – Wollt ihr mich auch um mein Erworbenes betrügen?«

»Geteilt wird es, darauf verlaß dich – hast du es etwa allein zusammengebracht? – Und vom Betrügen sei ja still; du hast deine Bücher und Schriften, die stellen dir dein Eigentum sicher genug. – Frieder, mache dir keine Ungelegenheiten,« rief der Bergbauer, als Frieder fluchend auffahren wollte, »bis heute abend hast du Frist, bist du dann noch im Haus, weißt du, was geschieht!«

Frieder war wieder allein in der Werkstatt; mit gekreuzten Armen lehnte er an der Hobelbank, seine Augen irrten unruhig umher, bis sie auf einer Schachtel mit Schwefelhölzchen haften blieben. – Das war nun die Entscheidung – verstoßen und auch um sein letztes Gut betrogen! – Bis zum Abend durfte er noch bleiben, dann waren Annelies und Johannes hier Herr, erfreuten sich der Herrlichkeiten – welchen Reichtum barg nicht das Haus – und er war hinausgestoßen in Armut und Elend! – Bis zum Abend noch, dann war er ein Bettler! – Unwillkürlich ergriff er die Schachtel mit Streichhölzern; warum sollte er zugeben, daß sich seine Gegner ihres Raubes erfreuten? – Das Haus mit allem, was es barg, war sein Werk, er hatte es geschaffen – wer konnte ihn hindern, das eigene Werk wieder zu zerstören? – Heute abend – ein Strich – ein Fünkchen ins Heu und Stroh – und die ganze Herrlichkeit ging 141 in die Luft; – dann erfuhr Annelies auch, was es heißt, in Armut geraten. – Ein wilder Taumel erfaßte ihn, das war ja zugleich eine Antwort auf des Bergbauern hartes Wort »zu spät!« – Plötzlich kam ihm ein andres Wort des Bergbauern in den Sinn: »Jetzt spielst du mit der Sünde, weil du meinst, du kannst zurück, wenn du magst – aber gib dem Teufel ein Haar, und du bist sein mit Leib und Seel'.« – Die Schwefelhölzer entglitten seiner Hand, seine Haare sträubten sich, und leise stöhnte er: »Ehebrecher und Brandstifter – nun fehlt bloß noch Räuber und Mörder! Zu spät – zu spät. Der Bergbauer hat recht, ich gehöre dem Teufel mit Leib und Seele. Zu spät – zur Umkehr, ja aber ein Brandstifter – nein, das wenigstens will ich nicht werden.« – Langsam wankte er aus der Werkstatt; mit zitternden Händen packte er seine unentbehrlichsten Habseligkeiten zusammen, und im neu erwachten Zorn verließ er durch die Hintertür das Haus.

* * *

Um dieselbe Zeit, als Frieder einsam in der Werkstatt seinem Schicksal nachsann, lehnte Johannes am Kammerfenster und lauschte dem Brausen des Aprilsturmes, der die Aeste des Nußbaumes wild hin und her zerrte. Trübe Ahnungen lasteten auch auf seiner Seele, nicht minder trostlos als der Vater blickte er in die Zukunft. Die Eltern zu versöhnen, hatte er aufgegeben; stille ließ er beide gewähren, aber der Kummer, den er in sich verschließen mußte, legte sich 142 schwer und immer schwerer auf seine Seele; selbst Auguste vermochte nur noch selten seine umwölkte Stirn zu erheitern. Obgleich es zwischen ihm und dem Bergbauern nicht wieder zum offenen Zwist gekommen war, kehrte doch auch die alte Herzlichkeit und Aufrichtigkeit nicht zurück; eine Verstimmung, ja ein gewisses gegenseitiges Mißtrauen lag zwischen ihnen und erfüllte sein Herz mit schweren Sorgen. Noch vermittelte die Bäuerin, allein Johannes sah voraus, daß ein Bruch zwischen ihm und dem Bauer, dessen Feindschaft gegen Frieder immer bitterer und unverhüllter hervortrat, nicht ausbleiben konnte. Und freilich trieb es der Vater so, daß selbst Johannes kaum ruhig bleiben konnte und der Mutter recht geben mußte, die auf Lösung des unerträglichen Verhältnisses drang. Er sehnte sich nach Klarheit und Ordnung; seinem ehrlichen, geraden Charakter widerstrebten die unnatürlichen Zustände, die alle sittlichen Ordnungen verrückten – und doch bangte er vor einer Entscheidung, die nur zum Verderben des Vaters ausschlagen konnte.

Er ahnte, wie es um Bärbel stand, und als die Wehklagen der Mutter in seine stille Kammer drangen, faltete er die Hände – er hatte ja gewußt, daß es so kommen mußte. Als der Bergbauer ins Haus trat, kam ihm der Gedanke hinabzugehen, aber er schüttelte traurig den Kopf; – was sollte er dort? – Der Vater mußte das Haus verlassen, das war schon lange beschlossen, daran konnte sein Einspruch nichts ändern, und – vielleicht war es ja auch das Beste, 143 wenn der Vater wenigstens für einige Zeit aus dem Wege ging. Ein bitteres Gefühl quoll in ihm auf; die ganze Verwirrung war im Grunde doch nur um des leidigen Geldes und Gutes willen entstanden. Zwar kannte er die Vergangenheit des Vaters nur wenig, aber schwere Schicksale mußten es gewesen sein, die ihn gezwungen hatten, seine Güter an den Hofhannes abzutreten. Die nächtlichen Reden des Vaters kamen ihm wieder in den Sinn, er hatte damals deutlich »Urkunde«, wie auch »Sünde und Unrecht« vernommen; – hing das mit der Abtretungsurkunde zusammen? – Und wenn, dann war das gewiß die erste Ursache gewesen, die den Vater ins Elend trieb, und der Zorn der Mutter, von deren Brüdern und dem Bergbauern absichtlich genährt, hatte ihm jede Rückkehr unmöglich gemacht. »Warum ist der Haß überall größer und stärker in der Welt als die Liebe?« fragte er sich seufzend und stützte den Kopf in beide Hände. Sein Unmut war verflogen, ein herzliches Mitleid mit dem Vater überwog alle andern Empfindungen, und die Hände erhebend, gelobte er sich den Fall des Vaters nie zu eignem Vorteil zu benutzen. »Jetzt kann ich ihm freilich noch nicht helfen, aber bin ich erst mein eigener Herr, dann will ich nicht vergessen, was ich dem Vater schuldig bin. – Und könnte ich ihm wirklich gar nichts tun? – Halt, der Vater soll nicht ganz ohne Trost von uns gehen, ein gutes Wort wenigstens will ich ihm auf den Weg mitgeben; es ist freilich nicht viel, aber doch besser als nichts.« Ohne Säumen griff er nach der Mütze 144 und Jacke und schritt hinab; im Vorbeigehen hörte er in der Stube den Bergbauern sagen, »es ist mir selber ans Herz gegangen; er sah gar so verfallen aus. Alte, solchen Kampf mache ich nicht zum zweitenmal mit.«

»Jörg, Jörg, was mußtest du dich auch in die Sachen hängen?« entgegnete die Bäuerin. »Mir gefällt das Wesen nicht, gar nicht, ihr seid alle so wild, man meint nicht anders, ihr müßtet ersticken an einem guten Wort!«

»Still, das verstehst du nicht,« fiel ihr der Bauer barsch in die Rede. »Wenn das Johannes hörte, ging die Teufelei von vorne an. Für den Frieder ist keine Strafe hart genug; daß er aus dem Hause muß, ist noch viel zu wenig.«

Seufzend ging Johannes in den Garten, unter dem alten Apfelbaum wollte er den Vater erwarten. Trübe, schwere Wolken zogen am Himmel dahin, der Wind brauste hohl in den Tannen des Kulm und in den Zweigen der Obstbäume: kalte Aprilschauer rauschten nieder und durchnäßten ihn bis auf die Haut – allein er achtete nicht darauf, ein herbes Weh schnürte ihm das Herz zusammen, und bange Erwartung machte sein Blut in den Adern pochen.

Plötzlich stürmte der Vater aus der Tür, wendete sich gegen das Haus, betrachtete es minutenlang, dann schüttelte er drohend die Faust, und schwere Worte rollten über seine Lippen. »Fluchet nicht, Vater,« bat Johannes und zog die drohende Faust nieder, »tut es nicht; wer weiß, ob Ihr Euch nicht selbst verfluchet.«

145 Verwirrt starrte Frieder dem Sohn, den er nicht bemerkt hatte, ins Gesicht, entriß ihm seine Hand und keuchte. »Du – du hier? – Was willst du? –«

»Euch sagen, daß ich Euer Sohn bin und bleibe. – In Trübsal geht Ihr fort – aber, will's Gott, nicht für immer.«

»Was ist das? – Was soll das bedeuten? – – Aber ich versteh' dich, Bursch! – Kirre machen willst du mich, ein Mäntele um deine Schlechtigkeit hängen – geh', du solltest dich schämen, einen alten Mann und noch dazu deinen Vater zum Narren zu haben.«

»Das tut mir weh, Vater – könntet Ihr mir doch ins Herz sehen! – Solange mir ein Auge im Kopf steht, vergesse ich nicht, daß Ihr mein Vater seid – ich werd's durch Taten beweisen.«

»Jawohl, durch Taten! – Ich will deine Taten nicht sehen, habe genug und übergenug an dem, was du schon an mir verübt hast. Nicht vergessen willst du, daß ich dein Vater bin? – Lügner du! – Aber was rede ich? – Verflucht – –«

»Vater,« fiel ihm Johannes ängstlich ins Wort, »die Zeit wird Euch eines Besseren über mich belehren – aber fluchet nicht, denkt daran, ein Fluch könnte Euch die Rückkehr versperren.«

»Weißt du, ob ich je zurück will?« lachte Frieder bitter. »Eines Fluches bedarf es freilich nicht, der liegt ohnedies schon auf Haus und Gütern – was sag' ich: – einer? – hunderte! – Ihr werdet den Unsegen bald spüren, und ich will's erleben, daß auch ihr die Armut schmeckt!« Heftig stieß er die Hand 146 seines Sohnes, die ihm dieser noch immer entgegenhielt von sich und eilte fort.

Johannes sah dem Vater noch nach, als ihn Regen und Schnee längst seinen Blicken entzogen hatten; es war ihm, als sei ihm das Herz mitten entzwei gerissen. Dunkel stand das Elternhaus vor ihm, sein Anblick machte ihm Grauen – es fehlte ihm der Vater; der war gestorben für seine Familie und ging doch um bei lebendigem Leibe wie ein Gespenst. – Eine Wolke senkte sich auf das Dorf nieder, verhüllte vor seinen Augen das Vaterhaus und seine Umgebung, – schauernd wendete er sich ab, die Wolke erschien ihm wie ein Leichentuch, das sich über sein Leben und Glück legte.

Annelies ward endlich ruhiger und atmete erleichtert auf, als sie erfuhr, Frieder und Bärbel hätten das Haus verlassen. Öfter schon hatte sie nach Johannes gefragt; sein langes Wegbleiben, dessen Grund sie nur zu gut ahnte, begann sie zu ärgern, und da er endlich zu ihr in die Kammer trat, machte sie ihm heftige Vorwürfe; er habe einmal wieder gezeigt, daß ihm die Mutter gar nichts gelte, daß sein Herz bloß an dem Vater hänge. Gerade in den schwersten Stunden verlasse er sie und denke nicht daran, wie eigentlich alles für ihn und sein Glück geschehen sei. Johannes ließ die Mutter ausreden, bei den letzten Worten aber richtete er sich hoch auf und rief: »Meinetwegen wäre das geschehen? – Mutter, sagt das nicht wieder, mengt mich nicht in die Sache, daran will ich keinen Teil haben!« Ohne weiter auf ihr Schelten 147 zu achten, nahm er die Bibel vom Schränkchen, legte das Buch, indem er eine Stelle bezeichnete, auf ihr Bett und ging hinaus. Annelies las; bleich klappte sie die Bibel zu und drehte das Gesicht nach der Wand; – der Spruch, den Johannes aufgeschlagen, war Matth. 6, 12. »Und vergib uns unsre Schulden, wie wir unsern Schuldigern vergeben.«

* * *

Der Frühling kam, überall regte sich frisches Leben, nur im Schreinershaus achtete niemand auf das Erwachen da draußen. Auch nach der Entfernung des Vaters, der mit Bärbel in Sülzdorf zusammenlebte, wollte Glück und Friede nicht einkehren; zwischen der kränklichen Annelies und dem stillen, bleichen Johannes war es zu offenem Zwist und Hader gekommen. Gleich in den ersten Tagen führte Johannes einen Wagen mit Brettern und Handwerkszeug vor das Häuschen, das der Vater in Sülzdorf gemietet hatte, und lud ab, ohne auf das Schelten der Bärbel zu achten. Er hatte keinen Dank gewollt und erwartet, wie hätte ihn der Undank kümmern können. Zudem wußte er, daß ihn daheim noch viel Schlimmeres erwartete. Die Mutter war außer sich, als sie erfuhr, was Johannes getan; in ihrer Heftigkeit beschuldigte sie ihn des Diebstahls und drohte, ihn sogar zu verklagen. »Das ist ein vergeblicher Zank,« entgegnete er ruhig; »was ich dem Vater zustellte, habe ich aufgeschrieben; der Wert reicht noch lange nicht an den Lohn, den ich seit sechs Jahren als Geselle bei 148 Euch verdient habe. Ich hätte gern vorher mit Euch geredet, aber ich fürchtete, Ihr könntet mich hindern; der Vater kann nicht von der Luft leben, und wie sollte er sich ohne Handwerkszeug und Bretter etwas verdienen? Laßt mich diesmal gewähren, der Vater bedarf noch mancherlei, das wir entbehren können – ich werde Euch genau Rechnung legen und darauf sehen, daß Ihr nicht zu Schaden kommt.«

Annelies wäre gern aufgefahren, allein die Ruhe und Sicherheit des Sohnes, der sie dabei so traurig anblickte, brachte sie außer Fassung; als sie beim Bergbauer Rat und Hilfe suchte, schüttelte dieser ärgerlich den Kopf und sagte: »Der Kuckuck werde aus dem Burschen klug; ist's Verstocktheit oder was sonst, daß er immer das Gegenteil tut von dem, was wir wollen? – Laßt ihn diesmal gewähren, er bringt uns sonst in ein Geschrei, als hätten wir den Frieder wunder wie hart behandelt; zuletzt hättest du die Sachen ohnedies herausgeben müssen. Laß ihn, beim Scheidungsprozeß wollen wir Frieder schon dafür knebeln, und einmal wird der Junge ja auch vernünftig werden.«

Wenn nun auch Annelies geschehen ließ, daß Johannes noch manche Ladung nach Sülzdorf schaffte, verzeihen konnte sie es ihm nicht und vergalt es durch rauhe, lieblose Behandlung. Johannes ertrug diese Härte still wie etwas Unvermeidliches; er klagte nicht, ward nicht unmutig, nicht zornig, dagegen sah man ihn auch nie heiter; Gesellschaften mied er, auch ins Bergbauernhaus kam er selten, und Auguste 149 weinte oft im Verborgenen über die Veränderung des Geliebten. Seine liebste Erholung waren einsame Gänge durch die Flur, und auf der Teufelskanzel, einem vorspringenden Felsen im Steinschrot mit weiter Aussicht über waldige Berge und liebliche Täler, verträumte er manchen Sonntagnachmittag.

Gewiß wäre sein Trübsinn auch der Annelies und dem Bergbauer aufgefallen, hätte sie nicht der Scheidungsprozeß gegen Frieder, bei dem es wegen der Teilung des erworbenen Vermögens zu harten Kämpfen kam, vollauf beschäftigt. Von Anfang an hatten sie die Einmischung des Sohnes befürchtet und dankten Gott, daß er sich nichts um die Sache kümmerte. Zufrieden meinte der Bergbauer: »Johannes wird endlich vernünftig werden.« Er wußte ja nicht, daß Johannes keine Ahnung hatte, bei dem Prozeß könne es sich um Geld und Gut handeln.

Endlich traf die gerichtliche Entscheidung in Bergheim ein, und in ihrer Herzensfreude – Frieder war auch hier in all seinen Erwartungen betrogen – teilte Annelies abends den Stand der Dinge Johannes mit. »So steht's, fünfzehnhundert Gulden zahlen wir dem Frieder hinaus,« schloß sie, »dann sind wir frei von ihm. Und nun wollen wir ein neues Leben beginnen; ich hoffe, du wirst endlich eingesehen haben, zu wem du stehen mußt.«

»Und wer hat's so weit gebracht?« fragte Johannes, dessen Lippen zuckten.

»Deinem Paten hast du es zu danken, wem sonst?– Aber was ist mit dir, was hast du vor?«

150 »Laßt's gut sein – in der Sache hätte ich auch gefragt werden müssen, ich bin nächstens mündig und brauche keinen Vormund mehr. – Ich werde mit dem Paten reden.« Damit ließ er die erschrockene Mutter allein und ging hinauf ins Bergbauernhaus. »Wo ist der Bauer?« fragte er nach kurzem Gruß.

»Johannes, wie siehst du aus?« rief Auguste aufspringend. »Was ist dir begegnet?«

»Gerechter Gott, was ist's schon wieder?« fiel ihr die Bäuerin ins Wort, deren Stricknadeln in ihren Händen klirrten. »Was willst du vom Bauer?«

»Wo ist er? – Ich muß mit ihm reden!«

»Herr meines Lebens, nehmen die Schrecken kein Ende? – Setze dich, Johannes, und erzähle – ich zittere an allen Gliedern. – Nichts da, du bleibst, der Bauer ist über Feld, du triffst ihn nicht; – rede, was ist wieder geschehen?«

»Johannes, gilt auch mein Wort nichts mehr bei dir?« fragte Auguste, die zu ihm getreten war und ihre Hand auf seine Schulter gelegt hatte. »Setze dich, bis du ruhiger bist, und erzähle, laß mich nicht in der Angst.«

Halb widerstrebend ließ sich Johannes auf einen Stuhl ziehen, aufgeregt berichtete er den Ausgang des Prozesses, und wie er das neue Unrecht, das dem Vater angetan worden sei, nie zugeben könne. »Ich bin bald mündig – wie kann sich der Bauer unterstehen, ohne mein Wissen und Willen dem Vater für mich noch ein Stück seines sauren Schweißes abzupressen? – Was auf der Mutter Anteil fällt, 151 mag sie behalten, darüber habe ich nichts zu reden; was aber auf meinen Part kommt, bleibt dem Vater, kein Pfennig davon darf ihm entzogen werden!«

»Sagt' ich nicht, so wird's kommen? – Nun hat man das Elend zu Haufen,« klagte die Bäuerin. »Johannes, höre mich ruhig an. – Was du da sagst, habe ich dem Bauer alle Tage eingeredet – aber du weißt ja, wie er ist, es war rein vergebens. Ich habe ihm auch gedroht, du würdest den Vergleich nicht anerkennen; darüber hat er nur gelacht und gesagt, das wird festgemacht, daß hundert Burschen wie Johannes die Sache nicht umstoßen. – So hör' mich doch zu Ende! – Es ist schön von dir, daß du deinen Vater nicht unglücklich machen willst; was in deinen Kräften stand, hast du redlich getan, und in Zukunft ist dir der Weg zu ihm auch nicht abgegraben. – Jetzt sei einmal vernünftig, denke an dich selber und an Auguste. – Du bist im Zorn, und der Bauer hat einen alten Groll auf dich, kommt ihr jetzt zusammen, so ist die helle Feindschaft fertig. Folge mir, ergib dich darein, es werden ja auch wieder andre Zeiten kommen.«

»Ich kann nicht, Pate! Ihr sagt wohl, ich hätte getan, was möglich war – aber was habe ich bis heute ausgerichtet? –«

»Was zu erreichen war, gewiß. – Johannes, du bist sonst ein vernünftiger Mensch; überlege doch selber, der Streit mit dem Bauer nützt deinem Vater nicht so viel, als das Schwarze am Nagel wert ist – aber dir richtest du ein Unheil an, das gar nicht zu übersehen.«

152 »Soll ich ein Unrecht stillschweigend gutheißen?«

»Recht und Recht behalten ist zweierlei. Mußt du mit dem Kopf durch die Wand, wenn du fünf Schritte weiter eine Tür hast? – Jetzt sieht's der Bauer nicht ein, daß er einen verkehrten Streich gemacht hat, und deine Worte bringen ihn noch mehr in Zorn. – Wart's ab, bis er selber zur Überlegung kommt, dann hast du gewonnen Spiel, und wenn es durchaus sein soll, kannst du deinem Vater später das Geld ja immer wieder zustellen – er wird es auch dann nicht zurückweisen, verlaß dich darauf.«

Als Johannes noch immer unentschlossen schwankte, schlang Auguste ihre Arme um seinen Hals und rief: »Ich habe dich noch nie überredet, weil ich weiß, du hast mehr Verstand als ich; aber heute, Johannes, heute laß ich nicht nach, bis du mir versprichst, keinen Streit mit dem Vater anzufangen. Johannes, hast du mich lieb, folge der Mutter, die meint es gewiß gut.«

»Wenn du bittest und weinst, kannst du mit mir machen was du willst, Auguste. – Mag's drum sein; ich tu's freilich mit schwerem Herzen, es ist das erste Unrecht, dem ich wissentlich still zusehe; aber euch sage ich, den Vergleich erkenne ich nicht an; sobald ich kann, ersetze ich dem Vater den Schaden.«

»Ich danke dir, Johannes, du bist brav!« sagte die Bäuerin mit feuchten Augen und ging hinaus; sie wollte die jungen Leute nicht stören, die sich gewiß noch viel zu sagen hatten. 153

 


 

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