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Vater und Sohn

Heinrich Schaumberger: Vater und Sohn - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
booktitleVater und Sohn
authorHeinrich Schaumberger
year1924
firstpub1876
publisherMartin Warneck
addressBerlin
titleVater und Sohn
pages276
created20130302
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Neuer Sturm.

Wenn ein blendender Feuerstrahl die rabenschwarzen Gewitterwolken zerrissen hat und der brüllende Donner verhallt ist, dann schweigt auf Minuten das Toben des Sturmes, eine tiefe Stille folgt dem Aufruhr der Elemente, und der segnende, erquickende Regen rauscht stärker nieder auf die erschrockene Erde. Ähnlich in Frieders Seele. Der furchtbaren Spannung der Leidenschaften, die sich endlich in stürmischer, wilder Tat Luft verschafften, folgte ein gewaltsamer Rückschlag. An Stelle der Erregung trat tiefe Erschlaffung, eine müde Stille legte sich über seine Seele; er sehnte sich nach Ruhe, nach einem langen, tiefen, traumlosen Schlaf. Aber er fand ihn nicht. Drohend stand neben ihm ein dunkles, gestaltloses Etwas, dessen eisiger Hauch ihn erschreckte, so oft er die Augen schloß; in den Tiefen seiner Seele regte es sich wie nagender, fressender Schmerz. Als endlich das ersehnte Licht des Tages heraufdämmerte, schauderte er zurück vor sich selber, vor der Größe seiner Schuld, die er jetzt erkannte. Er suchte Vergessenheit in der Arbeit, aber 120 der Schmerz nagte fort; ein geheimes Bangen lag wie ein Alp auf ihm; mitten im eifrigsten Schaffen überlief ihn ein Schauer bei dem Gedanken: »du bist ein Ehebrecher!« Dann mußte er sich in plötzlicher Mattigkeit niedersetzen, kalter Schweiß perlte auf seiner Stirn, und die teilnehmenden Blicke des Johannes, den seine Seufzer aufmerksam machten, drangen ihm wie Messerstiche ins Herz. Reuevoll sehnte er sich nach Befreiung von seiner Tat, und mit der Empfindung, daß nur Annelies den Schmerz in ihm stillen könne, erwachte ein herzlicher Wunsch nach Versöhnung mit der schwergekränkten Frau. So oft Johannes von der kranken Mutter in die Werkstatt zurückkehrte, lauschte er, ob er ihm nicht ein gutes Wort von ihr überbringe; auch die Frage nach ihrem Befinden lag ihm mehrmals auf den Lippen, doch unterdrückte er sie; dafür gelobte er sich im stillen, nach ihrer Genesung selbst mit ihr zu reden und sich um jeden Preis mit ihr zu versöhnen – der milde Himmelsregen rauschte nieder.

Allein der Zorn, der ihn von Annelies schied, war zu alt, die Erbitterung zu tief, als daß diese innere Erwärmung hätte bleibend sein können, schon am folgenden Tage bereitete sich ein neuer Umschwung vor. Frieder ward ruhiger und gewöhnte sich an den neuen Zustand, der ihm im ersten Augenblick so schrecklich, so unerträglich erschienen war; er begann über seine Lage nachzudenken und fand, daß es nicht so gar schlimm um ihn stehe. »Der Hofhannes war noch viel schlechter als ich und ist doch als angesehener Mann gestorben,« sagte er sich. »Was ich getan, 121 haben tausende vor mir vollbracht, und tausendmal wird es nach mir geschehen; wie mancher Ehebrecher steht in Amt und Würden, und kein Mensch darf ihn darum ansehen. Mit einem Stück Geld ist die Bärbel abzuweisen; hat sie erst das Haus verlassen, wächst Gras über die Geschichte, und kein Mensch denkt mehr daran. – Annelies – freilich, ob die nachgeben wird? – Aber was will sie machen? Vorwerfen darf sie mir nichts, schon wegen der Schlechtigkeit ihres Vaters nicht, denn die ist noch viel größer als die meinige: umgekehrt muß sie froh sein, wenn ich ihr verlorenes Erbe verschmerze. – Ich und Annelies heben gegeneinander auf; ich tu die Bärbel aus dem Haus, und sie läßt es mit den Gütern beim alten, so ist uns beiden geholfen, und der Lärm war für uns eine Lehre; vielleicht gestaltet sich in Zukunft unser Leben desto besser. – Wozu sich gleich den Kopf abreißen? – Ich will auch ein übriges tun und das erste Wort reden – Annelies wird bis dahin zur Einsicht kommen und nicht mit dem Kopf durch die Wand wollen.«

Eine große Veränderung war dennoch mit Frieder vorgegangen; Bärbels zuversichtliches, dreistes Wesen erschreckte ihn; er wich ihr aus, um so ängstlicher, je mehr er merkte, wie sehr er sich an sie gewöhnt hatte. Auch in das Wirtshaus kam er seltener; seine Zechbrüder steckten die Köpfe zusammen: »Was nur den Frieder anficht? Der ist doch wie umgewandelt, und gerade seit jenem Abend, da man meinte, nun ist's mit ihm für immer vorbei – daraus werde einer 122 klug.« Selbst den Nachbarn fiel die Veränderung auf; der Herrnbauer sagte einmal zu seinem Bruder, dem Beckenjörg: »Wir haben dem Frieder doch unrecht getan, der macht einen rechtschaffenen Anfang zur Umkehr.« – »Wollens abwarten!« war die Entgegnung, »ich traue ihm nicht.«

Wunderbar schnell erholte sich Annelies von ihrer Krankheit; schon acht Tage nach jener Schreckensnacht verließ sie das Bett, und die Herrschzeit der Bärbel fand ein unerwartetes Ende. Annelies war sanfter und stiller als früher, sprach wenig, und man sah ihr an, daß sie mancherlei Gedanken bewegten. Zwar redete sie nicht mit Frieder, doch ging sie ihm auch nicht allzu absichtlich aus dem Weg; Bärbel allein durfte sich nie in ihrer Nähe blicken lassen. Für die häuslichen Arbeiten nahm sie die Hirtenkathrin zu sich und beschränkte Bärbel dadurch auf Stall und Scheune.

Zufällig kam in diesen Tagen der Hofkaspar nach Bergheim, und es fiel ihm ein, daß er nichts versäume, wenn er sich bei dieser Gelegenheit nach dem Ergehen der Schwester erkundige. Annelies fuhr wohl ein Stich durchs Herz bei seinem Anblick; aber er war doch aus ihrer Freundschaft, und nach einigem Besinnen trug sie ihm auf, er solle zu Frieder gehen und wegen der Bärbel, die sie nicht mehr ersehen könne, mit ihm reden. »Aber sprich vernünftig und komme säuberlich an ihn, ich will keinen neuen Streit, wir haben Unglück genug im Haus!« rief sie ihm nach. – Höhnisch lachend stolperte Kaspar in die Werkstatt und verlangte im 123 Namen der Annelies, Frieder solle entweder im Augenblick die Bärbel fortschicken oder selber das Haus räumen. Frieder, den schon der Anblick des Mannes reizte, der ihm als Mitschuldiger am Betrug in Tiefenort verhaßt war, konnte nicht ahnen, daß Kaspar boshaft gerade das Gegenteil von dem tat, was ihm Annelies an das Herz gelegt; der befehlende Ton des Schwagers empörte ihn vollends; das Verlangen, an sich nicht ungerecht, erregte seine Erbitterung, da man ihm keine Gegenleistung zugestand. Alle Reue, alle guten Vorsätze erstickten im neuauflodernden Zorn. »Das alte Spiel,« fuhr es ihm durch den Kopf. »Sie wollen mich nun einmal gänzlich unterdrücken! Aber halt da – wehrlos gebe ich mich nicht in ihre Hände, überhaupt nicht, denn sie sind nichts Besseres als ich. Hundert Ursachen hätte ich schon gehabt, gegen sie loszufahren, und ich tat es nicht – darum gebe ich jetzt auch nicht nach, nicht fingerbreit, mag daraus werden was da will!« – Ohne sich auf weitere Auseinandersetzungen einzulassen, schrie er Kaspar an. »Sag's ihr, so ließ ich mir nicht kommen; hab' ich unrecht getan, so wird's hundertmal aufgewogen durch das, was ich von euch habe erleiden müssen. Und jetzt geh, geh im Augenblick, willst du deine Gliedmaßen nicht auf dem Weg zusammenlesen; geh fort, eh' ich in Wut komme.«

Kaspar hätte sich wohl gern gestellt, aber er traute Johannes und den Gesellen nicht und verließ trotzig die Werkstatt. Bei Annelies vollendete er sein Bubenstück; vorsätzlich entstellte er Frieders Worte, seine eigne 124 Roheit verschwieg er. Als er das Haus verließ, zitterte Annelies an allen Gliedern vor Zorn, und Johannes, der sich über Kaspar beklagen und den Vater in Schutz nehmen wollte, erfuhr so kränkende Abfertigung, daß er im Innersten verletzt schwieg.

Der Augenblick, da eine Vereinigung möglich gewesen, war vorüber, das rechte Wort zur Versöhnung blieb ungesprochen – der gänzliche Verfall schritt rasch vorwärts.

Bärbel, der sich Frieder jetzt fest und rückhaltlos anschloß, triumphierte; zwar ließ sie ihren Verdruß nicht merken, vergessen konnte sie es jedoch Frieder nicht, daß er sie eine Zeitlang beiseite geschoben. »Hab' ich dich nur erst ganz, dann will ich dir das wett machen!« gelobte sie sich innerlich, und sie war die Natur, darin Wort zu halten. Freilich gab ihr die Rückkehr Frieders auch sonst keine rechte Befriedigung; Annelies machte keine Anstalten zu sterben; ihr zum Trotze schien sie im Gegenteil täglich frischer aufzuleben, und noch andre Sorge begann sie zu ängstigen. Das Gerücht hatte sich verbreitet, die Schreinersgüter gehörten schon lange der Annelies, und es hinge bloß von ihr ab, ihren Namen in die Grundbücher eintragen zu lassen; – wenn sich das bewahrheitete, waren ihre Absichten vereitelt; denn, starb dann auch Annelies, so fiel der Besitz doch an Johannes. Heftig drang sie in Frieder um Aufklärung; er machte Ausreden, allein seine Verlegenheit bestätigte, was er leugnen wollte, und Bärbel war trostlos. Es kam zu heftigen Auftritten; Bärbel dachte sogar daran, ihn zu verlassen – aber das war schon zu spät.

125 Eine Vorladung Frieders, im Amt die Überschreibung seiner Güter an Annelies zu genehmigen, kam ihr zufällig in die Hände und gab ihr die Gewißheit, vor der sie so lange gezittert. Was sie mit Frieder redete, erfuhr niemand; danach lag sie krank zu Bett, während Frieder bleich und verstört das Haus verließ. In wahrer Todesangst eilte er in nahen und fernen Städten von einem Advokaten zum andern, bot große und immer größere Summen dem, der die Verschreibung verhindern würde. Hatte er jedoch seine Verhältnisse klar dargelegt, so ward ihm als Antwort ein bedauerliches Achselzucken; überall ward er mit dem wohlgemeinten Rat entlassen. »Vergleicht Euch in Güte mit Eurer Frau, ein Prozeß wäre Wahnwitz.« Einige Winkeladvokaten machten ihm zwar Hoffnungen, allein als er bestimmte Zusicherungen verlangte, wiesen sie ihm die Tür. – Trostlos kehrte er heim; ihm bangte vor den Stürmen, die ihm daheim bevorstanden; eine dunkle Ahnung, Bärbel könne sich von ihm lossagen wollen, quälte und ängstete ihn; – jetzt fiel im die Kälte und Gleichgültigkeit der letzten Zeit schwer auf die Seele. Wunderliches Ding das Menschenherz! Statt daß ihm diese Zurücksetzung, deren Ursache er unmöglich verkennen konnte, die Augen hätte öffnen sollen, vermehrte sie nur feine Verblendung; ohne Bärbel glaubte er das Leben nicht mehr ertragen zu können, und einen neuen Zorn warf er auf Frau und Sohn, denen er schuld gab, sie zerstörten sein letztes und einziges Glück.

Beim Eintritt in sein Haus kamen ihm der 126 Bergbauer und Ritzengottfried entgegen. »Also richtig hat der Bergjörg auch darin seine Finger!« knirschte er und stellte sich breit und trotzig den Männern in den Weg, die ihm jedoch klug auswichen und nicht taten, als bemerkten sie seine herausfordernden Blicke. Droben in ihrer Kammer starrte ihn Bärbel mit weit geöffneten glanzlosen Augen entgegen; noch ehe er ein Wort reden konnte, verfärbte sie sich und sank schluchzend in die Kissen zurück – sie wußte, woran sie war. Frieder wollte sich einen Stuhl an ihr Bett ziehen, wollte ihr freundlich zusprechen, allein sie schrie: »Weg, weg von mir, wir sind geschieden, ich habe nichts mehr mit dir zu schaffen!« Eine Flut von Vorwürfen und Verwünschungen folgte diesen Worten. Frieder stand zuerst wie betäubt; aber bald hörte er nichts von den Scheltworten und Anklagen, mit denen ihn die Dirne überhäufte; im Zorn erschien sie ihm reizender, ihre Wildheit verstrickte ihn fester in wahnsinnige Leidenschaft. Außer sich rief er: »Sag' nicht mehr, daß du von mir willst, du bist mein, jetzt und immer; ich laß dich nicht, mit dem Teufel selber nehm' ich's auf um dich! Du darfst mich nicht verlassen, hörst du? – Du darfst nicht, es gibt sonst ein Unglück!« – –

Am selben Nachmittag schaffte Johannes mit den Gesellen emsig in der Werkstatt, und bei den munteren Reden, die heute ausnahmsweise die Arbeit belebten, vergaß er fast seinen Kummer. Da sah er den Ritzenvetter von Dammsbrück und den Bergbauer ins Haus treten, hörte sie mit der Mutter reden und dann zur 127 guten Stube hinaufsteigen. Erschrocken fragte er sich: »Was bedeutet das? – Sollte ein Anschlag gegen den Vater im Werk sein?« Je länger er über die möglichen Ursachen dieses unerwarteten Besuches sann, desto ängstlicher ward er; kurz entschlossen legte er endlich seinen Hobel aus der Hand und ging den Männern nach.

»Gib acht,« sagte Hansmichel und lehnte sich verdrießlich an die Hobelbank, »es gibt wieder was; vergebens setzen sich der Ritzengottfried und der Bergbauer nicht in die obere Stube zur Annelies, der Johannes ist auch arg erschrocken. – Das ist doch ein wahres Hundeleben in dem Haus, und wird's nicht bald anders, weiß ich, was ich tu'! – Wäre Johannes nicht, dem Meister hätte ich schon lange den Hobel vor die Füße geworfen.«

»Ich auch,« stimmte Martin bei; »aber Johannes dürfen wir nicht verlassen, der arme Bursch hat ohnedies Elend genug auf seinen Schultern liegen. Was nur los sein mag? – Frieder ist seit drei Tagen nicht ins Haus gekommen, und als er fortging, sah er aus, ich bin vor ihm erschrocken.«

»Ja, er könnte einen beinahe dauern, und doch verdient er kein Mitleid. 's ist eine verkehrte Sach', Unrecht hüben und drüben, man weiß nicht, wie man sich dazu stellen soll. Der arme Johannes! Er möchte so gerne die Geschichte ausgleichen, sorgt und kümmert sich ab zum Erbarmen und ganz vergeblich, Feuer und Wasser vertragen sich eher, als der Meister und die Meisterin. Und wie wird ihm gedankt! – Ich möchte nicht in seiner Haut stecken!«

128 Als Johannes in die gute Stube trat, sagte eben Gottfried: »Ich bin froh, daß es nun zu Ende geht. Sei nur standhaft und laß keine Zaghaftigkeit spüren, wenn Frieder etwa über dich kommen sollte. – Zurück darfst du um keinen Preis mehr – morgen müssen dir die Güter zugeschrieben werden.«

»Soweit ist's schon?« rief Johannes und trat an den Tisch. »Und davon erfahre ich nichts? Solch wichtige Sache, die mich so nah angeht, wird heimlich hinter meinem Rücken abgemacht?«

Verlegen blickte Annelies und der Bergbauer, die bei dieser unerwarteten Unterbrechung fast erschrocken herumgefahren waren, auf Johannes; nur Gottlieb bewahrte seinen Gleichmut und entgegnete gelassen: »Seinerzeit würden wir dir gesagt haben, was dir zu wissen nötig ist. – Solche Geschäfte machen die Männer allein ab.«

»Bin ich ein Kind?«

»So ist's nicht gemeint,« fiel der Bergbauer begütigend ein. »Johannes, es ist nicht immer gut, wenn man um alles weiß; wir haben dir von unserm Vorhaben nichts gesagt, damit du leichter darüber hinwegkommen solltest.«

»Wirklich? – Pat', diesmal seid Ihr nicht aufrichtig, gesteht nur, Ihr verschweigt mir den Handel, um selber leichter darüber hinwegzukommen; denn daß ich niemals darein willigen würde, wußtet Ihr gut genug.«

»Weiß freilich nicht, womit ich's verdient habe, gewohnt bin ich's schon, daß du mir in allen Stücken entgegen bist,« erwiderte der Bergbauer verdrießlich 129 und doch auch nicht ohne Verlegenheit. »Einen Rat will ich dir geben, und er ist gut gemeint: überleg' dir inskünftig deine Worte, ehe du damit herausplatzest, du könntest sonst in große Ungelegenheiten kommen; es sind nicht alle Leute so gutmütig wie ich.«

»Ich meinte es nicht bös,« antwortete Johannes, dem eine leichte Röte die Wangen färbte, »allein in dieser Sache hättet ihr mich nicht übergehen dürfen. Mutter, ich bitte Euch, laßt von Eurem Vorhaben! Es kann Euch doch nicht daran liegen, den Vater gänzlich zu verderben, beschwert Euer Gewissen nicht.«

»Gott und die Männer da wissen es,« begann Annelies tief aufatmend, »ich habe es nicht leichtsinnig unternommen. Es ist hart, daß ich davon reden muß, aber du zwingst mich dazu. In meiner Krankheit sind mir gar mancherlei ernsthafte Gedanken gekommen, ich habe da eingesehen, deinem Vater ist's nicht immer gut gegangen, ich war vielleicht auch oft nicht, wie ich sein sollte. Zuletzt aber hätte das Unrecht, das mein Vater an uns verübte, auch einen gelasseneren Menschen wie Frieder in Zorn gebracht, und es war nicht klug von mir, daß ich ihn an jenem Unglücksabend noch mehr aufreizte. Wie ich das so überlegte, nahm ich mir vor, ich wollt' ihm den Schlag nicht nachtragen, ihm auch sonst alles verzeihen und die Güter lassen, wenn er die Bärbel fortschickte und wieder ordentlich würde.«

»Großer Gott, Mutter, ist das Euer Ernst?« fiel ihr Johannes ins Wort. »Mir blutet das Herz! Hättet Ihr doch das dem Vater gesagt oder sagen 130 lassen, jetzt wäre alles gut. Der Vater, ich weiß es, sehnte sich selber nach Ordnung; der Kummer lag schwer auf ihm; er dauerte mich oft, wenn er so tief seufzte. Mutter, Mutter, warum habt Ihr das versäumt?!«

»Versäumt? – Schickte ich nicht den Kaspar an ihn?«

»Kaspar! – Warum mußtest Ihr Euch denn gerade dem anvertrauen?«

»Warum – ja, warum? – Wie oft mußte ich das schon hören? Was kann ich für seine Schlechtigkeit? Hat der Kaspar betrogen, trifft ihn die Verantwortung, nicht mich. – Johannes, halte ein, vergiß nicht, ich bin deine Mutter! Ich habe getan, was ich konnte – mußte Frieder gleich so arg gegen mich aufbegehren? Durfte er mir nicht zuvor ein gutes Wort gönnen, ehe er dem Faß den Boden ausstieß? – Nein, Johannes, mich trifft keine Schuld. Behält er mir zum Trotz die Bärbel im Haus – du kannst nicht verstehen, was es für eine Ehefrau heißen will, mit solchem Weibsbild unter einem Dach zu wohnen – so greif' ich nach den Gütern, dabei bleibt's, rede mir kein Wort mehr.«

»Mutter, hört noch eins. Die Sache ist nicht schlimmer, als da Ihr den Kaspar an den Vater schicktet – wenn ich oder sonst jemand es dahin brächte, daß der Vater sogleich die Bärbel fortschickte – versprecht Ihr mir, daß Ihr ihm dann die Güter lassen wollt?«

»Nicht schlimmer als damals?« weinte Annelies, »geh mir aus den Augen, wenn du das sagen kannst.«

131 »Mutter, laßt Euch erweichen, versprecht, daß Ihr gut sein wollt, wenn der Vater nachgibt.«

»Nie und nimmer! – Und meine Geduld ist auch zu Ende! Zu was sitzet Ihr da? – Habt Ihr kein Wort zu meinem Beistand?«

»Das ist doch leeres Gered'!« sagte Gottfried gleichgültig und klopfte die Asche aus seinem Pfeifenkopf. »Du hast uns einmal die Geschichte übertragen, und nun führen wir sie durch, selbst wenn du zurück wolltest.«

»Und ich weiß nicht, was ich von dir denken soll, Johannes,« fiel der Bergbauer ein. »Was hast du nur immer mit dem Menschen, dem Frieder? Merk's doch einmal, das ist ja dein Vater gar nicht mehr. Daß du es nur weißt, ich selber habe deiner Mutter geraten, sie solle die Güter an sich ziehen.«

»Das hätte ich freilich von Euch am wenigsten erwartet, und wie Ihr das übers Herz bringen konntet, verstehe ich nicht – dagegen sage ich: er bleibt mein Vater, was er auch tut; ich wenigstens lasse mich nicht gegen ihn aufbringen.«

»'s ist eine wunderliche Welt heute, hätte nie gedacht, daß ich mich gegen einen grünen Jungen verantworten müßte. Du verdienst freilich keine Antwort auf deine unverschämten Reden; wenn ich's doch tue, geschieht's nur, damit du siehst, der Bergbauer braucht seine Augen nicht niederzuschlagen. – Ich halte was auf mich und meine Ehre, darum verlange ich von meinen Gefreundten das gleiche. Frieder stellte sich auch, als wäre ihm sein guter 132 Name was wert, und jetzt kommt es 'raus, das war eitel Lug und Trug – das ist es, was uns scheidet. Einen Menschen, der sich jahrelang verstellen kann, wie es Frieder tat, der in seinen alten Tagen Unzucht treibt und seine Frau schlägt – mit dem habe ich keine Gemeinschaft. Und solchem Menschen ist überhaupt nicht zu trauen, der ist zu allem fähig – darum müssen ihm die Hände gebunden, und vor allen Dingen euer Vermögen sicher gestellt werden!«

»Wenn ich gleich weiß, jedes Wort ist vergeblich, so sage ich doch, Ihr tut dem Vater unrecht. Das mag zuletzt auch sein, wie es will; ich, als Kind vom Haus, und weil ich an das Vermögen auch ein Recht habe, ich sage, die Mutter soll die Güter nicht nehmen.«

»Gut!« fiel ihm Gottfried ärgerlich ins Wort, »wir wissen jetzt deine Meinung, wir haben eben eine andre und dabei Punktum.«

»Aber Ihr dürft mich nicht übergehen.«

»Was du nicht alles weißt,« entgegnete der Bergbauer spöttisch. »Aber du bist noch jung, darum wollen wir dir deinen Vorwitz zugut halten.«

»Euer Spott trifft mich nicht, bin ich doch gerade alt genug, um einzusehen, daß Ihr und der Vetter unser Unglück voll macht. Wenn die Mutter zu weit geht, ist's ihr nicht allzuhoch anzurechnen, sie ist eine Frau und gekränkt, erzürnt obendrein, aber Ihr solltet klüger sein und nicht den Haushalt gänzlich auseinander reißen.«

»Johannes, Johannes, nimm dich in acht,« rief der Bergbauer ernstlich zornig. »Vergiß nicht, Bürschle, 133 es könnte mir einmal einfallen, daß der Schreinersfrieder dein Vater ist, und der Apfel nicht weit vom Stamm fällt. – Denk' an Auguste! – Jetzt geh, wir haben noch wichtige Dinge zu bereden.«

Traurig verließ Johannes die Stube, droben im Bergbauernhaus setzte er sich neben Auguste und klagte ihr, daß all sein Mühen vergeblich gewesen.

Auguste erschrak heftig und sagte weinend: »Ach, Johannes, was hast du gemacht? Der Vater hat nun einmal einen Zorn auf Frieder, warum mußtest du ihn noch mehr erbittern? Ich ahn's, ach, ich ahn's, nun kommt das Unglück auch über uns!«

»Schilt nicht, Auguste, ich habe mir selbst schon Vorwürfe gemacht, daß ich den Männern so rundweg meine Meinung sagte – aber ich kann nicht anders. Unrecht still zusehen, ist mir einmal nicht gegeben, ich muß reden, die Worte kommen ganz von selbst, sie sind da und lassen sich nicht unterdrücken. Sei mir nicht bös, Herzlieb; Leid wird wohl kommen, ich ahn's auch, allein es ist besser, Leid als Unrecht tragen. Mir wird's nicht leicht, was ich tu', Auguste, ich stehe zwischen beiden Eltern, und wie ich mich auch wende, es wird mir übel ausgelegt. Was noch werden soll, weiß ich nicht, aber ich halte aus; brav und treu allerwegen, davon laß ich mich nicht abbringen.«

Der Eintritt des Bergbauern unterbrach das Gespräch; mürrisch zankte er mit Hans und Auguste; der Bäuerin gab er kurze Antworten, und Johannes, dessen Gruß er kaum erwiderte, seufzte auf dem 134 Heimwege: »Wie lange werde ich im Bergbauernhaus noch ein- und ausgehen?«

Am nächsten Morgen hielt der Bernerwagen des Ritzengottfried, der selbst die Zügel führte, und neben dem der Bergbauer saß, vor dem Schreinershaus. In der Haustür trat Johannes zur Mutter, ergriff ihre Hand und sagte mit bewegter Stimme: »Mutter, tut's nicht! – Bleibt daheim, denkt an die Folgen! – Tut's wenigstens heute noch nicht.« Annelies sah ihm halb zornig, halb ängstlich in die Augen, und als draußen Gottfried ungeduldig mit der Peitsche knallte, riß sie sich mit den Worten los: »Johannes, verzeih dir's Gott, daß du mir den schweren Gang noch schwerer machst. Ich tu's nicht leichtfertig, dein Vater will's nicht besser haben, gib ihm die Schuld, nicht mir.« – Der Bergbauer half ihr auf den Wagen, die Pferde zogen an, und Johannes seufzte: »Nun ist's entschieden!«

»Jawohl, entschieden,« rief Frieder rauh, der unbemerkt zu ihm getreten war. »Aber freue dich nicht zu früh, Bursch! Die Güter habt ihr mir nun wohl aus den Händen gewunden, aber noch ist nicht aller Tage Abend, wir kommen noch einmal zusammen, und dann rechnen wir ab!«

An Johannes vorbei stürmte er ins Freie; er ging nicht ins Gericht, was sollte er dort? – Die Verschreibung konnte er doch nicht hindern. Lange irrte er ziellos durch die Flur, erst gegen Mittag kehrte er zurück und setzte sich im Wirtshaus fest. Selbst Geuß und Saufpaule erschraken vor seiner Wildheit und 135 suchten, freilich vergebens, ihn zu beruhigen. Als gegen Abend Gottfrieds Wagen draußen vorbeirollte, schrie Frieder: »Jetzt zieht die Annelies in ihr Haus ein! – Hurra, wird drüben eine Freude und Herrlichkeit sein – freilich, solch seine Sachen fängt man nicht alle Tage! – Aber holla, was kümmert mich Haus und Hof? – Hin ist hin! – Dafür bin ich jetzt ein freier Mann, heisa, frei wie der Vogel in der Luft! – Juhu! – Lustig gelebt und selig gestorben, heißt dem Teufel die Rechnung verdorben! Darauf leb' ich, darauf sterb' ich! – Bier her, juhu!« 136

 


 

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