Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Heinrich Schaumberger >

Vater und Sohn

Heinrich Schaumberger: Vater und Sohn - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
booktitleVater und Sohn
authorHeinrich Schaumberger
year1924
firstpub1876
publisherMartin Warneck
addressBerlin
titleVater und Sohn
pages276
created20130302
sendergerd.bouillon@t-online.de
Schließen

Navigation:

Vollendet.

Auf dem kleinen Bauernwagen, den zwei runde Braune durch den Schmutz der Tiefenorter Hochgasse schleppten, saßen in dunkle Mäntel gehüllt zwei Männer, die, ohne auf die lautlos niederrieselnden wässerigen Schneeflocken zu achten, im eifrigen Gespräch dichte Rauchwolken in den Nebel hinausbliesen.

»Dabei bleibt's!« sagte der Ritzengottfried und schlug kräftig in die dargereichte Hand seines Bruders. »Getreide und Geräte, soweit es nicht zum täglichen Hausbedarf nötig ist, wird geteilt, den Hof bekommt Kaspar nicht unter 24 000 Gulden. Ist ihm das zu hoch, behalte ich das Gut für denselben Preis.«

»Bin neugierig, was an Kapitalien vorhanden ist,« meinte der Schäfersbauer, »ich dachte mir so ein zehn- bis zwölftausend Gulden zum wenigsten.«

»Wenn der Kaspar nicht gar zu sündlich betrogen hat, ist's eher mehr denn weniger.«

»Gottfried, ich werde die Sorgen nicht los, der Alte wird doch mit dem Hof keinen schlechten Streich gemacht haben?«

108 »Zuzutrauen wär's ihm wohl, aber ich glaube doch nicht; zuletzt sind wir auch da.«

»'s ist dumm, daß wir nicht auf den Schreinersfrieder zählen können – der wäre für uns eine Hilfe.«

»Werden auch ohne ihn fertig. Im Vertrauen: der Annelies gönne ich's schon, daß sie auch was erfährt, sie war gar so hochmütig und tugendstolz.«

»Und dem Frieder ist's auch nicht zu arg zu verübeln, daß er nebenausgeht, wenn er's nur nicht so sündlich dumm anfing.«

»Freilich, das ist's!« bestätigte Gottfried und schwippte mit der Peitsche. »Wir müssen aber doch tun, als wären wir arg erbittert, sonst – du verstehst mich.«

Beide Brüder lachten aus vollem Hals; die Pferde bewegten die Ohren und fielen in flotten Trab, als sie festen Boden unter die Hufe bekamen und die ersten Häuser Tiefenorts aus dem Nebel auftauchten. Kopfschüttelnd sah Gottfried den Bruder an, als im Hof niemand erschien, sie zu begrüßen; fluchend warf er einem Knecht, der achtlos an dem Gefährt vorbeigehen wollte, die Zügel zu und ging trotzigen Schrittes dem Bruder nach ins Haus.

Frieder saß schon am Tisch und sagte höhnisch: »Man merkt, daß wir im Hofhaus nichts mehr zu suchen haben – es müßte denn sein, daß sich Kaspar aus Furcht vor uns in ein Mausloch verkrochen hätte; – seit einer Stunde hat sich kein Mensch blicken lassen.« In der Küche wurden Türen auf- und zugeworfen; sonst blieb es still. Zornig riß der 109 Schäfersbauer das Fenster auf und rief einem Knecht zu: »Sage deinem Herrn, es wären Leute im Haus, die mit ihm zu reden hätten; kommt er nicht bald, wissen wir unsern Weg weiter.«

Der Knecht lachte; die Worte wirkten aber doch; denn Kaspar trat mit einem Papier in die Stube.

»Wir danken für die Bewirtung und werden's gleich machen seinerzeit, verlaß dich darauf,« sagte Gottfried, ohne seinen Gruß abzuwarten. »Jetzt bringe die Papiere und Bücher – heute wird kein Federlesens gemacht.«

»Werdet bald genug erfahren, wie es steht,« entgegnete Kaspar höhnisch. Vorsichtig wischte er den Tisch ab, faltete das Papier in seiner Hand, das mit dem großen Amtssiegel bedruckt war, auseinander und forderte die Brüder zur Einsichtnahme auf. Die Männer lasen und lasen, sahen sich erschrocken an, wischten die Augen und lasen wieder – und je bleicher sie wurden, desto hämischer verzog sich Kaspars Mund.

Und die Männer hatten wohl Grund zu erschrecken; das Schreiben war nicht mehr und nicht weniger als ein in aller Form Rechtens ausgestellter und obrigkeitlich bestätigter Kaufbrief folgendes Inhalts: Der Johannes Jakob Röschler verkauft sein Hofgut in Tiefenort mit allen walzenden Grundstücken, Haus und Hof, totem und lebendem Inventar, sowie sämtlichem Hausgeräte seinem jüngsten Sohn Johann Kaspar Röschler um 8000 Gulden rheinisch. – Zugleich war in dem Kaufbrief bestimmt: von diesen 8000 Gulden fallen 4000 Gulden dem Kaspar Röschler 110 sogleich als Erbteil zu, da die übrigen Geschwister bei ihrer Verheiratung ebenfalls je 4000 Gulden als Mitgabe bekommen haben. Die übrigen 4000 Gulden bleiben bis zum Tod des Verkäufers als unkündbare Schuld auf dem Hofgut stehen; von den Zinsen hat Kaspar Röschler den Vater bis zum Tod zu unterhalten und für ein standesgemäßes Begräbnis zu sorgen, danach werden sie unter die vier Geschwister zu gleichen Teilen geteilt, als letztes Erbgut, da sonst kein Vermögen vorhanden ist. Der Vertrag wird erst nach dem Tod des Verkäufers bekannt gegeben, und bis dahin steht dem Verkäufer das Recht zu, ihn jederzeit wieder aufzuheben.

Dergleichen Scheinverkäufe an bevorzugte Kinder sind in reichen Bauernfamilien nicht ungewöhnlich; denn der Bauer ist nicht minder stolz auf den Glanz und Reichtum seiner Familie als der adlige Grundherr, und da er nicht wie dieser sein Vermögen, um es vor Zersplitterung zu bewahren, in ein Majorat umwandeln kann, nimmt er, um das gleiche Ziel zu erreichen, seine Zuflucht zum Betrug. So auch der Hofhannes. Wie er einst selbst durch die Ränke des Vaters ohne Mühe ein reicher Mann geworden war, scheute auch er sich nicht, dem jüngsten Sohn Kapital und Grundvermögen zuzuwenden, damit der Hofbauer von Tiefenort nach wie vor für den ersten Mann der Gegend gelten könne. Nur pfiffiger, gehässiger, als gewöhnlich zu geschehen pflegt, war er zu Werke gegangen. Nichts scheute er mehr als Lärm und Streit, wenn er sich im Unrecht wußte, darum mußte 111 der Kaufvertrag geheim bleiben bis nach seinem Tod, mochten dann die betrogenen Kinder klagen und schelten, soviel sie wollten, das focht ihn nicht mehr an; durch die Klausel, welche ihm gestattete, jederzeit den Kaufvertrag rückgängig zu machen, hatte er zugleich seinem Kaspar, dem er nicht ohne Grund mißtraute, die Hände gebunden. Denn wollte Kaspar nicht die glänzenden Aussichten für die Zukunft verlieren, mußte er alle Launen des Vaters geduldig ertragen; obgleich eigentlich Herr des ganzen Vermögens, besaß er in Wahrheit doch nichts und war ärmer als sein geringster Tagelöhner.

Für jahrelange Entbehrungen und Erniedrigung war nun heute die Stunde der Vergeltung gekommen. Wohl hatten, wie wir wissen, Frieder und auch die älteren Brüder befürchtet, der alte Hofhannes könne sie auf Kosten des Kaspar verkürzt haben, aber so schlimm hatten sie es sich doch nicht gedacht; solches Unrecht war ja ganz unerhört. Kaspar saß behäbig im Lehnstuhl und lachte spöttisch, als er sah, wie sich seine Brüder nicht in die Lage der Dinge finden konnten, wie sich Gottfried wieder und wieder die Augen wischte, und der Schäfersbauer kreidebleich mit den Händen in der Luft rum focht; auch ihr Fluchen und Toben rührte ihn nicht, war er doch seiner Sache sicher, und für den schlimmsten Fall lauschten seine Knechte vor der Tür. Dir Vorsicht war allerdings unnötig, denn nachdem sie hundertmal Ehre und Seligkeit verschworen, der Wisch, wie sie den Kaufbrief nannten, solle Kaspar teuer zu stehen kommen, 112 wurden die Brüder ruhiger, sahen ein, daß mit Drohungen doch nichts auszurichten sei und suchten einzulenken. Dafür begann Frieder zu wettern – aber das war gerade, was Kaspar wünschte. Eine Weile ließ er den Schwager gewähren, dann sagte er: »Jetzt bist du mir still; es ist schon viel, daß ich dich überhaupt im Haus leide, ich tät's auch nicht, hätte ich dir nicht was zu sagen. Paß auf! Zwischen dir und der Annelies besteht keine Gütergemeinschaft – 's ist ein Glück für die Schwester! – Jetzt hat der Vater gerichtlich festgemacht: die Schreinersgüter, die du ihm abgetreten hast damals bei deiner Freierei, werden auf die Annelies überschrieben, und die tausend Gulden, die sie jetzt erbt, kriegst du auch nicht unter die Hände; euer Vermögen bleibt getrennt.«

Frieder war jach aufgefahren und ächzte tonlos: »s ist nicht möglich, nicht möglich – sag's, Kaspar, sag's – bring' mich nicht um den Verstand!«

»Als wenn du einen zu verlieren hättest!« höhnte der Hofbauer, »'s ist, wie ich gesagt, und dabei bleibt's; was warst du auch solch ein Narr!«

Frieder war bleich geworden; seine Blicke irrten unruhig umher, und seine Lippen bewegten sich, ohne daß er einen Laut hervorgebracht hätte. Endlich stieß er die Worte heraus: »Es kann nicht sein, ihr könnt das nicht durchsetzen, ihr dürft gar nicht, wenn ihr auch wolltet. Kaspar – Schwäger – die Güter sind mein von Gottes und Rechts wegen – könnt ihr anders sagen? – Und jetzt redet, daß ihr das nicht zugebt, nehmt mir den Stein vom Herzen; – mein 113 Gott sagt's nur, im Ernst könnt ihr doch nicht daran denken!«

»Wärst du ein reputierlicher Mann, ließe sich wohl darüber reden; – wie's aber mit dir steht, bei dem Lebenswandel, den du führst, versündigen wir uns an der Schwester, wollten wir uns deiner annehmen!« sagte der Schäfersbauer. »Und jetzt höre du ein Wort, Kaspar! Du kannst selber nicht glauben, daß dieser Schandbrief Rechtskraft hat; – gib nach beizeiten, wir wollen uns in Güte vergleichen.«

Kaspar lachte, und Frieder schrie: »Und ich laß es nicht gelten, das ist Betrug, spitzbübischer Betrug! Die Güter gehören mir; Heidenmillion – ich will sehen, wer daran rührt! Probierts einmal und nehmt sie mir; eh' ich das zugebe, eh' geschieht ein Unglück!«

»Kaspar, zum letztenmal,« fuhr Gottfried dazwischen auf, »willst du in einen gütlichen Vergleich?«

»Willst du mich äffen?« zürnte Kaspar, dem der Streit zu lange währte. »Was da Vergleich! – Dort liegt er – ist auch der nicht gut genug, beschwert euch weiter, ich lasse mich auf nichts ein, bin fertig mit euch.«

»Aber wir nicht mit dir!« schrien die Brüder einstimmig, indem sie hinausstürmten. »Du sollst bald mehr von uns hören!«

Frieder sah ihnen verstört nach; unentschlossen, ob er ihnen folgen oder bleiben solle, drehte er seine Mütze in den Händen. Plötzlich sagte er: »Kaspar, du wirst einen schweren Stand bekommen gegen deine 114 Brüder – so was ist ja unerhört, wie der Hannes an seinen Kindern gehandelt, das kann die Obrigkeit nicht ruhig geschehen lassen. Aber ich will dir gegen deine Brüder beistehen, du sollst behalten, was du hast, nur verhilf mir zu der Urkunde.«

»Ja, ich helf' dir, aber aus dem Haus, wenn du nicht gleich gutwillig gehst!« schrie Kaspar grob. »Ich habe jetzt den Lärm satt, und merk' dir's, du bist der allerletzte, mit dem ich mich einlassen möchte, selbst wenn ich's nötig hätte. Es bleibt, wie ich gesagt habe, auf dem nächsten Amtstag werden deine Güter der Annelies zugeschrieben– und jetzt marsch, wir sind fertig!«

Wie er aus Tiefenort kam, wußte Frieder nicht, er war verwundert, als er sich auf dem Weg nach Bergheim fand. Ein wilder Schmerz über diese unerhörte Bosheit des Hofhannes, dem er nie etwas zuleid getan, zog ihm das Herz zusammen. Auf der Höhe zwischen Tiefenort und Bergheim lehnte er sich an den Holzapfelbaum, hob drohend die Fäuste gegen das Hofhaus, aus dem er soeben mit Schimpf und Schande gestoßen worden war, dann schlug er die Hände vor das Gesicht und stöhnte: »So ist alles, alles hin, Erbe und Eigentum verloren für immer, für alle Zeiten bin ich ein ruinierter, beschimpfter Mann. – O – und auch mein Erworbenes ist fort, verbaut in das neue Haus, das mir nicht gehört!« – – Beim Weiterschreiten taumelte er wie ein Betrunkener; vor seinen verglasten Augen lag ein dunkler Schleier, und als sein Fuß an einen Stein stieß, stürzte er wie ein Kind in den Schnee. Mühsam raffte er sich auf, 115 blickte verstört umher, und ein Stöhnen entrang sich seiner Brust. – Der Stein, über den er gefallen, war der Lagstein seines Kirschenackers – der nun auch nicht mehr sein war. Das Wasser trat ihm in die Augen bei den Worten: »Verloren – dahin! – Was bin ich noch?– Wie wird mir's im Alter ergehen?«

Plötzlich warf er den Kopf zurück, zerschlug seinen Eichenstock am Lagstein, und während der Nordwind in seinen Haaren wühlte, schrie er mit heiserer Stimme. »Gibt es keine Gerechtigkeit mehr auf Erden, kann der Herrgott selber das zulassen, finde ich nirgends Hilfe, so helfe ich mir selber. – Den Raub muß ich ihnen freilich lassen, und straflos bleiben sie auch – aber heimzahlen, vergelten wenigstens kann ich ihnen – und so wahr sie mir heute das Herz entzwei gerissen haben, ich tu's! – Annelies – Annelies! – – Ich habe nicht gewollt, ich meinte, ich müßt's überwinden – das weiß Gott!« – – Er vergaß seine Mütze aufzuheben, barhäuptig rannte er dem Dorfe zu; als er sich durch den Garten seinem Hause näherte, stand ihm kalter Schweiß auf der Stirn, in wirren Strähnen hing ihm das Haar in das Gesicht, und sein Atem ging röchelnd. Plötzlich hemmte er die eilenden Schritte; lautes Jammern und Wehklagen scholl ihm entgegen, und wie ein Blitz durchzuckte ihn der Gedanke: ist Annelies gestorben? – Vor seinen Ohren rollte es wie Donner; Bäume und Häuser begannen sich um ihn zu drehen; es ward ihm so schwach, daß er sich an einem Baume festhalten mußte. Wirre, tolle Gedanken schossen ihm 116 durchs Hirn: der Herrgott hat ein Einsehen mit meiner Not, er will nicht, daß ich in Sünde und Schande falle – ich soll noch glücklich werden. – Unwillkürlich faltete er die Hände – da ward das Schreien lauter, und er erkannte die Stimme der Annelies. Wie betäubt starrte er eine Weile vor sich nieder, dann brach er in ein rauhes Lachen aus: »Äfft mich der Teufel bis zuletzt? – Verflucht, daß ich glauben konnte, für mich gäbe es noch ein Glück. – Der Tanz ist drinnen losgegangen – mir recht – jetzt durch, mag es enden, wie es will und kann.«

An der Tür hätte er fast die Bärbel überrannt, die ihm hastig zuraunte: »'s ist ein Glück, daß Ihr kommt; der Johannes und die Bergbäuerin haben der Annelies alles gesteckt und hetzten den ganzen Nachmittag an ihr. Geht und stopft ihnen die Lästermäuler.« Mit wildem Schrei warf Frieder die Magd beiseite und stürmte in die Stube.

Seit dem bösen Wort der Bärbel: es gehört doch alles dem Frieder! – war Annelies nicht wieder ruhig geworden; ihr Verdacht wuchs täglich, allein so scharf sie auch beobachtete, Gewißheit konnte sie nicht erlangen, und die Bergbäuerin wie auch Johannes wichen ihren Fragen behutsam aus. Heute, da Frieder in Tiefenort war, und sie sich vor Überraschung sicher wußte, winkte sie die Hirtenkathrin zu sich und ruhte nicht, bis ihr die Alte das Gerede der Leute mitteilte. Johannes hörte das Jammern der Mutter in der Werkstatt; voller Schrecken eilte er in die Stube, dort kam ihm die Kathrin heulend entgegen: »Ich kann 117 nichts dazu, wahrhaftig nicht, deine Mutter hat mehr gewußt als ich.« – Das sagte ihm genug; ohne Säumen eilte er in das Bergbauernhaus und holte die Pate zur Mutter.

Annelies war außer sich; verzweiflungsvoll rang sie die Hände, alles Zureden war vergeblich und vermehrte nur die Aufregung der unglücklichen Frau, die ihre treuesten Freunde mit kränkenden Vorwürfen überhäufte, weil sie ihr das Unglück so lange verheimlicht hatten. Bekümmert verließ die Bäuerin die Kammer der Annelies, setzte sich zu dem bleichen Johannes auf die Ofenbank und sagte: »Es ist freilich ein Hartes für deine Mutter, aber sie treibt es auch arg. – Wenn nur um Gottes willen jetzt dein Vater nicht heimkommt.«

Sie hatte kaum ausgeredet, so tönte der Schrei Frieders herein; im nächsten Augenblick ward die Tür aufgerissen. Zitternd ging die Bäuerin dem Wilden entgegen und bat: »Um Gotteswillen sei stät, Frieder, deine Annelies weiß alles.«

»Und das sagst du mir, du!« fuhr sie Frieder an. »Hinaus mit dir, hinaus, fort aus meinem Haus!«

»Deinem Haus?« schrie Annelies, die sich in die Stube geschleppt hatte. »Das Haus ist mein, du selber mußt hinaus und das gleich, jetzt im Augenblick!«

»Was sagst du?« rief Frieder. »Ha – so weißt du schon die Geschichte? – Hast vielleicht deine Finger selber drin stecken? – Verflucht! – Und du wagst mir zu drohen? – Jetzt, wo es auskommt, daß dein Vater dem Kaspar alles Vermögen zugewendet 118 und den Hof um achttausend Gulden verkauft hat – jetzt willst du mir noch so drohen?«

»Daß sich Gott erbarm!« ächzte Annelies und sank in den Sessel; allein Frieder riß sie am Arm empor und schüttelte sie heftig: »Ja, schrei nur, verstell' dich nur, mich betrügst du nicht – du selber hast's doch so weit gebracht, daß dir meine Güter zugeschrieben werden sollen. Aber hüte dich, ehe ich's so weit kommen lasse, sollst du sehen, was geschieht.«

Annelies hatte sich losgerissen, die blauen Male am Arm brachten sie um alle Besinnung, gellend schrie sie: »Habt ihr's gehört? – Die Güter werden mir zugeschrieben, die ganzen Sachen sind mein Eigentum! – Im Grab noch dank' ich meinem Vater, daß er so gut für mich gesorgt hat, und keine Stunde mehr leide ich den da im Haus, fort muß er, heute noch, er und seine –«

Weiter kam Annelies nicht, ein Schlag Frieders warf sie nieder. Ehe er jedoch zum zweitenmal die Hand heben konnte, riß ihn Johannes zurück und stellte sich zwischen ihn und die Mutter. Jammernd rang die Bergbäuerin die Hände, als sich Vater und Sohn mit zornfunkelnden Blicken maßen – doch plötzlich wendete sich Frieder ab und ging hinaus.

In der Nacht noch mußte Johannes den Arzt zu der todkranken Annelies holen, bei der die Bergbäuerin und die Hirtenkathrin wachten. Frieder ließ sich nicht blicken; als die Sonne rot und glanzlos heraufstieg, fielen ihre Strahlen auf einen Ehebrecher. 119

 


 

 << Kapitel 9  Kapitel 11 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.