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Vater Milon und andere Erzählungen

Guy de Maupassant: Vater Milon und andere Erzählungen - Kapitel 8
Quellenangabe
typenarrative
authorGuy de Maupassant
titleVater Milon und andere Erzählungen
publisherEmil Goldschmidt
printrun1.-3. Tausend
translatorFr. von Oppeln-Bronikowski
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060526
projectidd8e4b00e
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Aus alten Tagen

Meine liebe Colette!

Ich weiß nicht, ob du dich eines Verses aus Sainte-Beuve entsinnst, den wir zusammen gelesen haben, und der sich meinem Gedächtnis fest eingeprägt hat; denn er sagt mir Manches, dieser Vers, und oft hat er mein armes Herz beruhigt, besonders in der letzten Zeit. Er heißt:

»Im selben Haus geboren werden, leben Und sterben ...«

Hier bin ich nun ganz allein in diesem Hause, in dem ich geboren bin, gelebt habe und auch zu sterben gedenke. Es ist nicht alle Tage heiter, aber es ist süß; denn ich bin von Erinnerungen umgeben.

Mein Sohn Henry ist Advokat; er besucht mich jährlich zwei Monate. Jeanne wohnt mit ihrem Manne am andern Ende Frankreichs; sie besuche ich jeden Herbst. So bin ich denn hier allein, ganz allein, aber vertraute Gegenstände umgeben mich und erzählen mir unausgesetzt von den Meinen, von den Todten wie von den fernen Lebenden.

Ich lese nicht mehr viel, aber ich denke viel, oder besser, ich träume! Freilich nicht in meiner Art von ehedem. Du kennst ja unsere abenteuerlichen Grillen, unsere Pläne, die wir schmiedeten, als wir zwanzig Jahre alt waren, all die glücklichen Aussichten, die sich uns eröffneten!

Von alledem ist nichts in Erfüllung gegangen, oder vielmehr, es ist alles anders gekommen, weniger süß und poetisch, aber doch zufriedenstellend, wenn man sein Schicksal zu nehmen weiß. Denn weißt du, warum wir Frauen so oft unglücklich sind? Weil man uns in der Jugend zu viel an das Glück glauben lehrte. Wir sind nicht mit dem Gedanken erzogen worden, daß der Mensch zu kämpfen, zu harren und zu leiden hat. Und unser Herz bricht beim ersten Stoße. Mit offener Brust erwarten wir Ströme von glücklichen Ereignissen, und es kommen immer nur halbwegs gute. Dann weinen wir gleich. Das Glück, das wahre Glück unserer Träume habe ich erst lernen müssen. Es besteht nicht in einem glücklichen Ereignis, denn die sind sehr selten und von kurzer Dauer, sondern einfach im steten Erwarten einer Reihe von guten Dingen, die niemals kommen. Glück, das ist das glückliche Warten, das ist ein Dunstkreis von Hoffnungen, also die Illusion ohne Ende. Ja, meine Liebe, es giebt nichts Gutes, als die Illusionen, und so alt ich bin, mache ich mir noch alle Tage welche; nur hat sich ihr Gegenstand geändert, denn meine Wünsche sind nicht dieselben geblieben. Ich sagte dir schon, daß ich die meiste Zeit mit Träumen verbringe. Was soll ich auch andres thun? Ich habe dazu zwei Arten. Ich will sie dir nennen: vielleicht, daß sie dir nützlich sind.

Die erste ist sehr einfach; sie besteht darin, daß ich mich in einen niedrigen Lehnstuhl, der meinen alten Knochen weich genug ist, vor mein Kaminfeuer setze und meine Blicke auf Das zurück schweifen lasse, was dahinter liegt.

Oh wie kurz ist doch ein Menschenleben! Besonders, wenn es ganz an einem Orte verfließt.

»Im selben Haus geboren werden, leben Und sterben ...«

Welche Fülle von Erinnerungen! Sie drängen sich förmlich. Und wenn man alt wird, deucht es einem kaum zehn Tage her, daß man jung war. Ja, es ist alles verflossen, als wär' es nur Ein Tag gewesen! Morgen, Mittag und Abend – und die Nacht fällt schnell, die Nacht ohne Morgenrot!

Wie ich so Stunde auf Stunde in's Feuer starre, wird mir die Vergangenheit wieder lebendig, als wäre es gestern gewesen. Ich weiß nicht mehr, wo ich bin; der Traum reißt mich fort; mein ganzes Dasein lebe ich noch einmal durch.

Und oft glaube ich wieder, ich wäre noch ein Mädchen: so stark sind die Eindrücke der Vergangenheit, die Gefühle der Jugend, ihre hohen Stunden und selbst ihr Herzklopfen, all diese achtzehnjährige Lebensfreude; und das Vergangene steht greifbar, wie neue Wirklichkeit, vor meinen Augen.

Namentlich meine Jugendspaziergänge suchen mich wieder heim! Hier auf meinem Lehnstuhl, als ich vor meinem Feuer saß, dachte ich neulich wieder an einen Sonnenuntergang auf dem Mont Saint-Michel und gleich darauf an eine Hetzjagd im Walde von Uville; und der Duft des feuchten Sandes und des thaufrischen Laubes, die Glut der Sonne, die in's Wasser tauchte, und die feuchte Wärme ihrer ersten Strahlen, als ich durch's Holz galoppierte – das alles umschwebte mich plötzlich wieder. Und alles, was ich damals gedacht habe, meine Begeisterung vor den endlosen Weiten des Meeres, mein frohes Selbstgefühl, als die Zweige im Reiten mich streiften, meine kleinsten Gedanken, all die kleinen Ergebnisse meiner Beobachtungen, meiner Wünsche und meiner Gefühle, alles, alles ist wieder da, als wären die fünfzig Jahre nicht verflossen, die mein Blut gedämpft und mein Hoffen gewandelt haben. Meine andere Art aber, die Vergangenheit zu beschwören, ist bei weitem die bessere.

Du weißt oder du weißt nicht, meine liebe Colette, daß im Hause nichts weggeworfen wird. Oben unter dem Dache haben wir eine große Trödelkammer, die »das Antiquitätenkabinet« heißt. Alles, was nicht mehr gebraucht wird, wandert dort hinein. Ich gehe oft herauf und sehe mich um. Da erblicke ich dann einen Haufen von Nichtigkeiten wieder, an die ich nie mehr dachte, und die mir eine Menge Dinge in's Gedächtnis zurückrufen. Zwar sind es nicht die trauten Möbel, die man von Kindheit auf kennt, und an denen die Erinnerungen von Ereignissen, von Freuden und Leiden, von Tagen unserer Geschichte haften. Keine Gegenstände, die mit unserem Leben verknüpft sind, und darum eine Art von Persönlichkeit und Charakter angenommen haben. Keine Gefährten unsrer holden und trüben Stunden, – die einzigen, ach! die wir sicher sind, nicht zu verlieren, die einzigen, die nicht sterben werden wie die andern, deren Züge, deren liebe Augen, deren Mund und Stimme auf ewig dahin sind! – Aber ich finde in dem alten Trödel eine Menge von alten, nichtssagenden Dingen wieder, die vierzig Jahre um uns herum gewesen sind, ohne daß sie einem je aufgefallen wären, und die nun, wo man sie wieder sieht, plötzlich die Bedeutung und den Ausdruck alter Zeugen annehmen. Sie kommen mir vor, wie Leute, die man unbestimmt gekannt hat, ohne daß sie sich je offenbart hätten, und die plötzlich eines Abends ohne jede Veranlassung zu schwatzen beginnen, ohne wieder aufzuhören, und uns ihr ganzes Dasein und alle ihre Intimitäten erzählen, von denen wir nichts ahnten.

Und ich gehe vom einen zum andern und mein Herz krampft sich wehmütig zusammen. Halt, sage ich mir, das habe ich an dem Abend zerbrochen, wo Paul nach Lyon abreiste. Oder: Ach, da ist ja die kleine Laterne, mit der Mama an den Winterabenden immer zum Gottesdienst ging!

Es sind auch Sachen darunter, die nichts sagen, die von den Großeltern herstammen, Dinge, die niemand unter den Lebenden gekannt hat, von denen sogar niemand weiß, wer sie besessen. Niemand hat die Hände gesehen, die sie angefaßt, noch die Augen, die sie beschaut haben. Die geben mir lange zu denken! Sie kommen mir wie Verlassene vor, deren letzte Freunde gestorben sind ...

Vielleicht, meine liebe Colette, wirst du das alles kaum begreifen, vielleicht wirst du über meine Einfalt und über meine kindlichen und sentimentalen Anwandlungen lachen. Du bist Pariserin, und Euch Pariserinnen ist dieses in sich gekehrte Leben, dieses ewige Zurückgreifen auf sein eigenes Herz etwas Unbekanntes. Ihr lebt nach außen, und alle eure Gedanken flattern in den Wind. Ich lebe allein, darum kann ich dir nur von mir erzählen. Wenn du mir aber antwortest, dann sprich mir auch ein wenig von dir, damit ich mich auch in deine Lage versetzen kann, wie du dich morgen in die meine wirst versetzen können.

Aber nie wirst du den Vers von Sainte-Beuve ganz verstehen:

»Im selben Haus geboren werden, leben Und sterben ...«

Tausend Küsse. Deine alte Freundin

Adelaide.

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