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Vater Milon und andere Erzählungen

Guy de Maupassant: Vater Milon und andere Erzählungen - Kapitel 18
Quellenangabe
typenarrative
authorGuy de Maupassant
titleVater Milon und andere Erzählungen
publisherEmil Goldschmidt
printrun1.-3. Tausend
translatorFr. von Oppeln-Bronikowski
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060526
projectidd8e4b00e
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Yveline Samoris

– Gräfin Samoris.

– Die Dame da unten in Schwarz?

– Sie selbst. Sie trauert um ihre Tochter, die sie getötet hat.

– Nicht doch! Was erzählen Sie mir da!

– Eine ganz einfache Geschichte ohne Verbrechen und Gewaltthaten. Frau Samoris hat mit Herrn Rappaport nichts zu thun.

– Was war denn aber der Grund?

– Fast nichts. Viele Hetären, sagt man ja, sind zu anständigen Weibern geboren, und viele sogenannte anständige Damen sind geborene Hetären, nicht wahr? So ist Frau Rappaport – pardon! Frau Samoris – eine geborene Hetäre, und ihre Tochter war zum ehrbaren Weibe geboren.

– Ich verstehe Sie nicht recht.

– Ich werde es Ihnen gleich erklären. Die Gräfin Samoris gehört zu jenen Talmi-Fremden, wie sie auf Paris alljährlich zu Hunderten herabregnen. Sie war eine Gräfin aus Ungarn oder der Walachei, oder sonst woher, und tauchte eines Winters in einem Hause der Champs-Elysses, dieses Abenteurer-Viertels, auf, wo sie ihre Salons aller Welt öffnete.

Ich ging auch hin. Warum? werden Sie fragen. Ich weiß es selbst nicht recht. Ich ging hin, wie wir alle hingehen, weil dort gespielt wird, weil die Weiber gefällig und die Männer Gauner sind. Sie kennen ja diese Freibeuterwelt mit ihren mannigfachen Aushängeschildern, sie sind alle von edler Geburt, alle haben Titel, und alle sind auf den Gesandtschaften unbekannt, ausgenommen die Spione. Alle sprechen von Ehre, auch wenn von ihren Stiefeln die Rede ist, prahlen mit ihren Vorfahren und erzählen von ihrem Leben; sie sind allesammt Aufschneider, Lügner und Schelme, verdächtig wie ihre Karten, trügerisch wie ihre Namen, kurz, eine rechte Galgen-Aristokratie.

Ich liebe diese Leute! Es ist interessant, sie zu durchschauen, interessant, sie kennen zu lernen, amüsant, sie anzuhören; sie sind oft geistreich und nie banal, wie öffentliche Beamte. Ihre Weiber sind immer hübsch, mit einem kleinen Stich in's Ausländisch-Gaunerhafte, vom Geheimnis ihres Daseins umwittert, das sie vielleicht zur Hälfte in einem Korrektionshause verbracht haben. Im Allgemeinen haben sie prächtige Augen und unwahrscheinlich schönes Haar; sie liebe ich gleichfalls!

Frau Samoris ist der Typus dieser Abenteuerinnen. Sie ist elegant, üppig und noch schön, reizend und verschlagen; man spürt, sie ist lasterhaft bis in's Mark. Bei ihr amüsirte man sich besonders gut, man spielte, tanzte, soupierte... kurzum, man ging in ihrem Hause allen weltlichen Vergnügungen nach.

Sie hatte eine schon erwachsene Tochter, eine große und stolze Erscheinung. Sie war immer fröhlich, immer zu Kurzweil aufgelegt, immer über das ganze Gesicht lächelnd und von leidenschaftlicher Tanzlust. Aber sie war unschuldig, unwissend und von Herzen naiv; sie sah nichts, wußte nichts, verstand nichts und erriet nichts von alledem, was im Hause ihrer Mutter vorging.

– Woher wissen Sie das?

– Woher ich das weiß? Das ist bei der ganzen Sache das drolligste. Eines schönen Morgens klingelte es bei mir und mein Kammerdiener meldete einen Herrn Joseph Bonenthal, der mich zu sprechen wünschte. Ich fragte gleich:

– Wer ist dieser Herr? – Ich weiß nicht recht, gnädiger Herr, sagte mein dienstbarer Geist, es ist vielleicht ein Diener.

Es war auch wirklich ein Diener, der bei mir in Stellung gehen wollte.

– Woher kommen Sie? fragte ich ihn.

– Von Frau Gräfin Samoris.

– Ach! ... Aber in meinem Hause geht es anders zu, als bei ihr.

– Ich weiß wohl, gnädiger Herr, deshalb wollte ich grade zum gnädigen Herrn kommen. Ich habe von den Leuten da genug; das macht man wohl mal mit, aber man bleibt doch nicht da.

Da ich grade noch einen Diener brauchte, nahm ich ihn.

Einen Monat später starb Yveline Samoris auf geheimnisvolle Weise. Ich habe alle Einzelheiten ihres Todes von Joseph erfahren, der sie wiederum von seiner Freundin, der Kammerzofe der Gräfin, hatte.

Eines Abends war Ball bei Samoris und zwei neue Gäste plauderten hinter der Thür. Fräulein Yveline, die eben getanzt hatte, lehnte sich gegen diese Thür, um ein wenig Luft zu holen. Sie sahen sie nicht kommen und das Mädchen verstand ihre Unterhaltung.

– Aber wer ist denn der Vater des jungen Mädchens? fragte der Eine.

– Ein Russe, scheint es, ein Graf Ruwaloff. Er sieht die Mutter nicht mehr.

– Und der jetzt regierende Herr?

– Jener englische Prinz, der sich in's Fenster lehnt. Frau Samoris betet ihn an. Nur dauern ihre Anbetungen nie länger als vier bis sechs Wochen. Übrigens sehen Sie ja, daß es an Freunden nicht fehlt; alle sind berufen ... und fast alle werden auserwählt. Das ist ein etwas teurer Scherz, aber ... Basta!

– Woher hat sie denn aber den Namen Samoris?

– Von dem einzigen Manne vielleicht, den sie geliebt hat, einem jüdischen Bankier aus Berlin, der Samuel Borris hieß.

– Gut. Ich danke Ihnen, Jetzt, wo ich unterrichtet bin, sehe ich klar. Und ich werde gerade auf's Ziel gehen.

Welcher Sturm der Entrüstung in dem Gehirn dieses jungen Mädchens ausbrach, das alle Instinkte eines anständigen Weibes besaß; welche Verzweiflung diese unschuldige Seele erfaßte; welche Qualen diesem unaufhörlichen Frohsinn, diesem bezaubernden Lachen, dieser übermütigen Lebensfreude ein Ende bereiteten; welcher Kampf in dem Herzen des armen jungen Wesens tobte, bis der letzte Gast gegangen war: das alles hat mir Joseph nicht verraten können. Aber noch an demselben Abend trat Uveline plötzlich in das Zimmer ihrer Mutter, die sich gerade hinlegen wollte, hieß das Kammermädchen herausgehen, das hinter der Thür stehen blieb, und sagte mit bleichem Gesicht und großen Augen:

– Mama, dieß habe ich eben im Salon gehört. Und damit erzählte sie die Unterhaltung, die ich Ihnen eben anvertraute, Wort für Wort wieder.

Die Gräfin war betroffen und wußte zu Anfang nicht, was sie sagen sollte. Dann stellte sie alles energisch in Abrede, erfand eine Geschichte, schwur und rief Gott zum Zeugen an.

Das junge Mädchen ging verwirrt, aber nicht überzeugt, und paßte seither auf.

Ich ensinne mich noch sehr deutlich der seltsamen Veränderung, die mit ihr vorgegangen war. Sie war immer ernst und traurig und blickte uns mit ihren großen Augen starr an, als ob sie auf dem Grund unserer Seelen lesen wollte. Wir wußten nicht, was wir davon halten sollten, und glaubten wohl, sie suchte einen Mann, sei es für immer, sei es vorübergehend.

Eines Abends war sie nicht mehr in Zweifel: sie überraschte ihre Mutter. Da sagte sie kalt, wie ein Geschäftsmann, der seine Vertrags-Bedingungen vorschlägt:

– Mama, ich habe mich zu Folgendem entschlossen. Wir werden alle beide fortziehen, in eine kleine Stadt oder auf's Land, wir werden dort ohne viel Aufsehen leben, wie wir können. Dein Schmuck allein ist ein Vermögen wert. Wenn du Gelegenheit findest, einen anständigen Mann zu heiraten, um so besser. Finde ich auch einen, noch viel besser. Wenn du nicht darein willigst, werde ich mich töten.

Dießmal schickte die Gräfin ihre Tochter zu Bett und verbot ihr ein für alle mal, ihr wieder solche Lektionen zu halten, die sich in ihrem Munde nicht geziemten.

– Ich gebe dir einen Monat Bedenkzeit, antwortete Yveline. Wenn unser Dasein sich in einem Monat nicht geändert hat, werde ich mich töten, da es für mein Leben keinen andern anständigen Ausweg giebt.

Damit ging sie.

Als ein Monat herum war, wurde im Hause Samoris immer noch getanzt und soupiert.

Yveline gab nun vor, sie hätte Zahnweh, und ließ bei einem Apotheker in der Gegend etwas Chloroform holen. Am nächsten Tage fing sie wieder an, und jedesmal, wenn sie ausging, brachte sie sich belanglose Dosen dieses Betäubungsmittels mit und füllte sie in eine Flasche.

Eines Morgens fand man sie tot in ihrem Bette; sie war schon kalt und hatte eine Chloroform-Maske vor'm Gesicht.

Ihr Sarg war mit Blumen überdeckt, die Kirche weiß ausgeschlagen. Bei der Trauerfeier war ein großer Menschenandrang.

Donnerwetter ja! wahrhaftig, wenn ich das vorher gewußt hätte – aber man weiß ja nie etwas – ich hätte das Mädel vielleicht geheiratet. Sie war ganz allerliebst.

– Und die Mutter, was ist aus der geworden?

– Oh, die hat geweint ... Erst seit acht Tagen beginnt sie ihre nächsten Bekannten wieder zu empfangen.

– Und was hat sie gesagt, um diesen Tod zu erklären?

Sie hat von einem Füllofen gesprochen, dessen Mechanismus entzwei gegangen wäre. Da die Unfälle mit diesen Dingern ehedem viel Lärm gemacht haben, lag nichts Unwahrscheinliches darin.

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