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Ut de Franzosentid/Aus der Franzosenzeit - Plattdeutsch/Hochdeutsch

Fritz Reuter: Ut de Franzosentid/Aus der Franzosenzeit - Plattdeutsch/Hochdeutsch - Kapitel 8
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authorFritz Reuter
titleUt de Franzosentid/Aus der Franzosenzeit - Plattdeutsch/Hochdeutsch
publisherVerlag von Otto Janke/Leipzig
translatorHeinrich Conrad
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Dat säbente Kapittel

Siebentes Kapitel

Wat min Unkel Hers' säd, un wat min Unkel Hers' was; un worüm Fritz Sahlmann fläuten müßt.

Was mein Onkel Herse sagte, und wer mein Onkel Herse war; und warum Fritz Sahlmann flöten mußte.

As de Uhrkenmaker den Sloßbarg hendal bröcht ward, was jo denn nu natürlich Fritz Sahlmann mitgahn, blot üm tau seihn, wo den Arrestanten de Sak kleden würd un wat hei woll nich utrischen ded; doch dit letztere geschach nich. De Tog gung langsam dal nah't Rathus, denn hei müßt sick mit Mäuh dörchwinnen dörch allerlei Gespann un Fuhrwark, dat taum Transportieren von Gepäck un Maroden un taum Vörspann von Kanonen ut de Dörper un de Stadt kummandiert was un de nu up den Sloßhof un den Weg taum Sloß tausam drewen un mit Franzosen ümstellt wiren, dat sei nich wedder schappieren süllen, denn dor wiren de ollen Buren nu all hellschen klauk up. – De Uhrkenmaker gung gedüllig as en Lamm un ok ganz ruhig mit sin beiden Wächters dörch den Hümpel, denn wenn hei sick ok in de Irst hellschen verfirt hadd un wenn em de ganze Sak dese Nacht äwer ok hellschen eklich un bedenklich was, so was hei doch während dat Verhür, wat de Adjudant mit em anstellen ded, in 'ne Ort von Verfat kamen, de sick mit de Redensort beteiken lett: »Red du man! Du kannst vel reden, ihre mi en Wurd dorvon gefällt«, un sin Antwurten wiren hellschen sporsam utfollen. Un wenn hei ok nich so'ne wille Krasch' in sick hadd, de up allens glik losgeiht, so was hei doch all tau lang' in de Welt west un hadd all so oft in de Tint' seten, dat bei nich glik verzagt. Hei let dat an sick kamen. »Wo dit woll ward?« säd hei sülwst, as hei in de Rathusdör rinne schuppst würd.

Als der Uhrmacher den Schloßberg hinunter gebracht wurde, war natürlich Fritz Sahlmann mitgegangen, bloß um zu sehen, wie den Arrestanten die Sache kleiden würde, und ob er wohl nicht ausrisse; doch dies letztere geschah nicht. Der Zug ging langsam nach dem Rathaus, denn er mußte sich mit Mühe durch allerlei Gespanne und Fuhrwerke durchwinden, die zum Transportieren von Gepäck und Maroden und zum Kanonenvorspann aus den Dörfern und der Stadt kommandiert und jetzt auf dem Schloßhof und dem Wege zum Schloß zusammengetrieben und mit Franzosen umstellt waren, damit sie nicht wieder ausrissen – denn das verstanden die alten Bauern jetzt bereits ganz ausgezeichnet. – Der Uhrmacher ging geduldig wie ein Lamm und auch ganz ruhig mit seinen beiden Wächtern durch den Menschenhaufen; denn wenn er sich auch anfangs sehr erschrocken hatte, und wenn ihm die ganze Sache diese Nacht über auch sehr eklig und bedenklich war, so war er doch während des Verhörs, das der Adjutant mit ihm angestellt hatte, in eine Art von Verfassung geraten, die sich mit der Redensart bezeichnen läßt: »Rede du nur! Du kannst viel reden, ehe mir ein Wort davon gefällt!« – und seine Antworten waren äußerst sparsam ausgefallen. Und wenn er auch nicht so einen wilden Mut in sich hatte, der gleich auf alles losgeht, so war er doch schon so lange in der Welt gewesen und hatte schon so oft in der Tinte gesessen, daß er nicht gleich verzagte. Er ließ es an sich kommen. »Wie dies wohl wird?« sagte er selbst, als er in die Rathaustür hineingeschoben wurde. –

»Fritz Sahlmann«, seggt Ratsherr Hers', as de Jung' wedder nah't Sloß ruppe will, »wat heit dit?« – Fritz vertellt denn nu mit de grötste Wichtigkeit de Geschicht von gistern, un wo Herr Droi in Mamsell Westphalen ehre Stuw' slapen un allens kort slagen hadd un wo hei sülwst den Herrn Amtshauptmann sin Pipen intwei smeten hadd – hei künn dor äwer nich vör, denn Fik wir schüllig doran – un wo de Oberst den Herrn Amtshauptmann hadd dodstecken wollt un wo Mamsell Westphalen in de Käk set as en Bild des Leidens; von den Isklumpen säd hei äwerst nicks.

»Fritz Sahlmann,« sagte Ratsherr Herse, als der Junge wieder nach dem Schloß hinauf wollte, »was heißt dies?« – Fritz erzählte denn nun mit der größten Wichtigkeit die Geschichte von gestern, und wie Herr Droz in Mamsell Westphals Stube geschlafen und alles kurz und klein geschlagen, und wie er selbst des Herrn Amtshauptmanns Pfeifen entzweigeschmissen hätte – er könnte aber nicht dafür, denn Fik wäre schuld daran – und wie der Oberst den Herrn Amtshauptmann hätte totstechen wollen, und wie Mamsell Westphal in der Küche säße als ein Bild des Leidens; vom Eisklumpen sagte er aber nichts.

Nu was äwerst min Unkel, de Ratsherr Hers', en ungeheuren Patriot, wenn ok man heimlich. Un dat hett sinen Grund. Denn, as hei mi nah langen Johren, as Bonepart all dod was, tauflustern ded, hürt hei üm dese Tid tau den Tugendbund. Un glöwen will ick em dat, denn wenn hei in Gesellschaft was, denn spelt hei ümmer mit 'ne lange Uhrked von sihr helle Hor – un Tanten Hersen ehr wiren swart – un wis't ümmer en gefährlich groten isern Fingerring, womit hei mal den Vagebunden, den Slössergesellen Höpner, binah dodslagen hadd, as de sick in de Gerichtsstuw' sihr unhöflich upführen ded. – »Fritz«, säd hei späder tau mi, »dit helle Hor is von eine heldenmütige Jungfrau, de sick Anno drütteihn den Kopp för't Vaderland hett scheren laten, un de isern Ring hett mi minen gollenen kost. Red' äwer nich dorvon, ick mag dat nich.« Hei was also üm de Tid, as dese Geschicht spelen ded, mit Recht sihr för Heimlichkeiten. Un mäglich is't ok, dat sin Ort un Wis', allens in'n ganzen, ut en widen Gesichtspunkt tau äwerslahn, mit sine heimliche Verbräuderung tausam hung, denn wenn min Oll mit de nichtswürdigsten Plackerien un Schinnerien sick Nacht un Dag afquälen müßt, dormit dat oll lütt dürftig Stadtwesen knapp noch tausam hacken blew un nich ganz ut den Lim güng, denn let Ratsherr Hers' Kutusoffen rechts marschieren un Czernitscheffen links un lawt Yorken un schüll up Bülown, hei verstünn sin Sak nich, denn hei hadd sick nich up Berlin, hei hadd sick bet rechts nah Stemhagen trecken un hadd Boneparten bet in de Flanken fohren müßt. Kort, hei was so recht de Mann dortau, ut en Sünnenprust en Dunnerslag tau maken: in jeden unschülligen französchen Kapperal sach hei den korsikanischen Wüterich, un hadd de Stadtdeiner Luth an'n blagen Mandag bi 'ne Gesellen-Slägeri en por Raps afkregen, denn hadd hei sick, as wir de Herzog von Meckelnborg mit Mulschellen traktiert worden.

Nun war aber mein Onkel, der Ratsherr Herse, ein ungeheurer Patriot, wenn auch nur heimlich. Und das hatte seinen Grund. Denn, wie er mir nach langen Jahren, als Bonaparte schon tot war, zuflüsterte, gehörte er um diese Zeit zum Tugendbund. Und das will ich ihm glauben; denn wenn er in Gesellschaft war, spielte er immer mit einer langen Uhrkette aus sehr hellen Haaren – und Tante Herses Haare waren schwarz – und zeigte immer einen gefährlich großen eisernen Fingerring, womit er mal den Vagabunden, den Schlossergesellen Höpner, beinahe totgeschlagen hätte, als dieser sich in der Gerichtsstube sehr unhöflich aufführte. – »Fritz,« sagte er später zu mir, »dies helle Haar ist von einer heldenmütigen Jungfrau, die sich anno dreizehn fürs Vaterland den Kopf hat scheeren lassen, und der eiserne Ring hat mich meinen goldenen gekostet. Sprich aber nicht davon, ich mag das nicht.« Er war also um die Zeit, wo diese Geschichte spielte, mit Recht für Heimlichkeiten. Und möglich ist es auch, daß seine Art und Weise, alles im Ganzen, aus einem weiten Gesichtspunkt zu überschlagen, mit seiner heimlichen Verbrüderung zusammenhing; denn wenn mein Alter sich Tag und Nacht mit den nichtswürdigsten Plackereien und Schindereien abgeben mußte, damit das alte kleine dürftige Stadtwesen knapp noch zusammenhängen bliebe und nicht ganz aus dem Leim ginge, dann ließ Ratsherr Herse den Kutusow rechts marschieren und den Tschernitschew links, und lobte York und schalt auf Bülow, er verstände seine Sache nicht, denn er hätte sich nicht auf Berlin, er hätte sich mehr rechts nach Stavenhagen ziehen und Bonaparten in die Flanken fahren müssen. Kurz, er war so recht der Mann dazu, aus einem Riesen einen Donnerschlag zu machen: in jedem unschuldigen französischen Korporal sah er den korsikanischen Wüterich; und hatte der Stadtdiener Luth am blauen Montag bei einer Gesellenschlägerei ein paar Hiebe abgekriegt, dann regte er sich auf, als wäre der Herzog von Mecklenburg mit Maulschellen traktiert worden. – –

»Holl din Mul, Jung«', flustert Ratsherr Hers' sihr indringlich, »Willst du jug' Dodsurtel hir up den öffentlichen Mark utschrigen? – För den Uhrkenmaker sin Lewen gew ik keinen Gröschen, denn dat is gewiß, dat de Möller un sin Fridrich den Schassür dodslagen hewwen...« – »De Möller nich«, föllt em Fritz in de Red', »de Möller was gistern nicks as Bramwin un Barmherzigkeit.« – »Na, denn sin Fridrich, dat's en Preuß. Weitst du, wat en Preuß is? Weitst du, wat en Preuß tau bedüden hett? Weitst du...? Dumme Jung', wat kickst mi an? Meinst du, dat ick di min Angelegenheiten up de Näs' binnen sall? – Doch, wat ick seggen wull – den ollen Amtshauptmann warden sei nah Bäjonn in Frankrik schicken, wo sei den Ivenacker Grafen sinen Schimmelhingst, den Herodoht, ok henschickt hewwen, un Mamsell Westphalen – so vel as ick de französchen Kriegsgesetze kennen dauh – ward woll einfach uphängt warden, un du, min Sähn, för de Bestellung, de du utricht hest, wardst woll en ungeheuren Puckel vull Släg' krigen.« – Fritz Sahlmann sach denn nu in 'ne trurige Taukunft un makt ok en Gesicht dornah. »Herr Ratsherr, doch nich up den öffentlichen Mark?« frog hei. – »Wo du grad geihst un steihst; dorüm heit dat jo Standrecht. Wenn äwer de Sak in de richtige Hand namen ward, kann allens noch schön taurecht kamen. – Kannst du swigen?« – Fritz Sahlmann säd, hei künn ganz utverschamten swigen. – »Na, denn kumm mal her un stek de beiden Hän'n in de Hosentaschen un fläut mal. – So! dat geiht all! – Un nu mak man so'n verluren Gesicht, as wir di gor nicks weg, as du bi Sommertiden makst, wenn die in'n Sloßgoren Appel von de Böm smittst un Mamsell Westphalen d'räwer taukümmt. – Richtig! Un nu mark di jedes Wurd, wat ick di segg: nu geihst du mit dit Gesicht un mit desen schönen Schin vull kindliche Unschuld dörch de Franzosen un de Buren dörch up dat Sloß in de Käk un röppst Mamsell Westphalen allein in de Eck un seggst denn blot de beiden Würd': Rettung naht!' Süll sei sick dormit nich taufreden gewen, denn kannst du ehr in aller Gelimplichkeit seggen, wat ick von't Uphängen seggt heww, un süll sei sick doräwer in etwas verfiren, denn seggst du ehr, sei süll noch lang' nich verzagen, denn ick, de Ratsherr Hers', hadd de Sak in de Hand namen. Vör allen süll sei äwerst glik de Käkendör afsluten un de Achterdör nah den Goren hen, un sei un de beiden Dirns un du süllen jeder en Stück Dings in de Hand nemen un keinen Franzosen rinne laten un süll'n sick wehren bet up den letzten Mann, bet ick kam. Ick äwer ward glik dörch den Sloßgorn nah de Achterdör gahn – will mi man irst en Mantel halen, denn dat regent all infam –, un min Parol wir: ›Wohl, wohl!‹, un min Feldgeschri wir: ›York!‹ Ne, dat geiht nich, dat versteiht sei nich. – Na, wat denn? 't is ganz egal – 't is ganz egal. – Na, min Feldgeschri wir – wir – ›Sur Swinfleisch!‹ Dat versteiht sei. Wenn also einer kem un röp dit Wurd, denn süll sei de Achterdör upmaken. – Hest allens behollen?« – »Ja, Herr Ratsherr.« – »Na, denn gah! Un keiner, sülwst de Amtshauptmann nich, erfohrt dorvon en Wurd!« – Fritz gung, un ok de Herr Ratsherr.

»Halt deinen Mund, Junge,« flüsterte Ratsherr Herse sehr eindringlich, »willst du euer Todesurteil hier auf dem öffentlichen Markt ausschreien? Für des Uhrmachers Leben geb' ich keinen Groschen, denn das ist gewiß, daß der Müller und sein Friedrich den Chasseur totgeschlagen haben ...« – »Der Müller nicht,« fiel ihm Fritz in die Rede, »der Müller war gestern nichts wie Branntwein und Barmherzigkeit.« – »Na, dann sein Friedrich; das ist ein Preuß. Weiht du, was ein Preuß ist? Weißt du, was ein Preuß zu bedeuten hat? Weißt du ...? Dummer Junge, was guckst du mich an? Meinst du, daß ich dir meine Angelegenheiten auf die Nase binden soll? – Doch, was ich sagen wollte – den alten Amtshauptmann werden sie nach Bayonne in Frankreich schicken, wo sie den Schimmelhengst des Ivenacker Grafen, den Herodot, auch hingeschickt haben, und Mamsell Westphal – so viel wie ich die französischen Kriegsgesetze kenne – wird wohl einfach aufgehängt werden, und du mein Sohn, wirst wohl für die Bestellung, die du ausgerichtet hast, einen ungeheuren Buckel voll Schläge kriegen.« – Fritz Sahlmann sah denn nun in eine traurige Zukunft und machte auch ein Gesicht danach. »Herr Ratsherr, doch nicht auf dem öffentlichen Markt?« fragte er. – »Wo du gerade gehst und stehst – darum heißt es ja Standrecht. Wenn aber die Sache in die richtige Hand genommen wird, kann alles noch schön zurecht kommen. Kannst du schweigen?« – Fritz Sahlmann sagte, schweigen könnte er ganz riesig. – »Na, dann komm mal her und stecke die beiden Hände in die Hosentaschen und flöte mal. – So! das geht schon! – Und nun mache mal so ein gleichgültiges Gesicht, als fehlte dir weiter gar nichts, wie du's zur Sommerszeit machst, wenn du im Schloßgarten Aepfel von den Bäumen wirfst und Mamsell Westphal drüber zukommt. – Richtig! – Und nun merke dir jedes Wort, das ich dir sage. Jetzt gehst du mit diesem Gesicht und mit diesem schönen Schein von kindlicher Unschuld durch die Franzosen und die Bauern hindurch aufs Schloß in die Küche und rufst Mamsell Westphal allein in die Ecke und sagst dann bloß die beiden Worte: ›Rettung naht!‹ Sollte sie sich nicht damit zufrieden geben, so kannst du ihr in aller Glimpflichkeit sagen, was ich vom Aufhängen gesagt habe, und sollte sie sich darüber ein bißchen erschrecken, dann sagst du, sie sollte noch lange nicht verzagen, denn ich, der Ratsherr Herse, hätte die Sache in die Hand genommen. Vor allem aber sollte sie gleich die Küchentür abschließen und die Hintertür nach dem Garten hin, und sie und die beiden Mädchen und du sollten jeder ein Stück Dings in die Hand nehmen und keinen Franzosen hineinlassen, und sollten sich wehren bis auf den letzten Mann, bis ich komme. Ich aber werde gleich durch den Schloßgarten nach der Hintertür gehen – will mir nur erst einen Mantel holen, denn es regnet ja schon infam – und meine Parole wäre: ›Wohl, wohl!‹ und mein Feldgeschrei wäre: ›York!‹ Nein, das geht nicht, das versteht sie nicht. – Na, was denn? 's ist ganz egal – 's ist ganz egal. Na, mein Feldgeschrei wäre – wäre – ›Saures Schweinefleisch!‹ Das versteht sie. – Wenn also einer käme und dies Wort riefe, dann sollte sie die Hintertür aufmachen. – Hast du alles behalten?« – »Ja, Herr Ratsherr.« – »Na, dann geh! und niemand, selbst der Amtshauptmann nicht, erfährt davon ein Wort!« – Fritz ging, und der Herr Ratsherr auch.

Min Unkel Hers' hadd sick natürlich glik, as hei Ratsherr worden was, de blage Ratsherrnuniform mit den roden un gollen Kragen maken laten, un wil hei en groten, starken, statschen Mann was, treckt hei sei sihr girn an, wenn jichtens Gelegenheit dortau was, taum Bispill wenn de Sprütten probiert würden oder wenn an'n Maidag de Käuh in de Koppel kemen oder wenn Inquartierung kamm, üm sick in den gehörigen Respekt tau setten. Wenn denn min Vader in sinen grisen Röckschen achter den Gerichtsdisch sitten ded un schrew, dat em de Fingern knackten, gung Ratsherr Hers' vör den Gerichtsdisch up un dal un besorgte de Würd un den Glanz, wobi em dat denn sihr ketteln ded, wenn so'n Franzos' em mit »Monsieur le maire« anredt! Minen Vader was dat ok nich entgegen, denn meistendeils gaww dat bi dit Geschäft wat uttaubaden, un dat äwerlet hei denn mit den Glanz ok den Herrn Ratsherrn, un hei äwernamm de Arbeit. So hadden sei sick dat richtig indeilt, un wenn Ratsherr Susemihl sin swor Deil as Bisitzer bi 'n Gerichtsdag ordentlich besorgte un Stadtdeiner Luth dat Lopen up de Strat un Stadtspreker Dohmstreich nich dicker würd, as hei würklich was, dat hei noch af un an dörch Feld un Holt gung un up 'ne weike Grawenburd sinen Middagsslap beschaffte, wenn de Virtelslüd' af un an de Sprütten probierten un de Bullenangelegenheit besorgten un Panner Hirsch de Jungs ut de Arwtpalen jog – denn wull ick mal eins seihn, wo 'ne Stadt un 'ne Feldmark tau finnen wir, de so in'n Tog un up den Damm was as min Vaderstadt Stemhagen! Un dat kamm all dorvon her, dat Ratsherr Hers' girn sin Uniform dragen müggt.

Mein Onkel Herse hatte sich natürlich gleich, als er Ratsherr geworden war, die blaue Ratsherrenuniform mit dem roten und goldenen Kragen machen lassen, und weil er ein großer, starker, stattlicher Mann war, zog er sie sehr gerne an, wenn nur irgend eine Gelegenheit dazu war – zum Beispiel, wenn die Spritzen probiert wurden, oder wenn am Maitag die Kühe auf die Weide kamen, oder wenn Einquartierung kam – um sich in den gehörigen Respekt zu setzen. Wenn dann mein Vater in seinem grauen Röckchen hinter dem Gerichtstisch saß und schrieb, daß ihm die Finger knackten, ging Ratsherr Herse vor dem Gerichtstisch auf und nieder und besorgte die Würde und den Glanz, wobei es ihn denn sehr kitzelte, wenn so ein Franzos ihn mit ›Monsieur le maire‹ anredete! Meinem Vater war das auch nicht zuwider, denn meistenteils gab es bei diesem Geschäft etwas auszubaden, und das überließ er dann mit dem Glanz ebenfalls dem Herrn Ratsherrn, und er übernahm die Arbeit. So hatten sie sich's richtig eingeteilt, und wenn Ratsherr Susemihl sein schweres Teil als Beisitzer beim Gerichtstag, und Stadtdiener Luth das Laufen auf der Straße besorgte, und Stadtsprecher Dohmstreich nicht dicker wurde, als er schon war, sodaß er noch ab und zu durch Feld und Holz ging und auf einem weichen Grabenrand seinen Mittagsschlaf beschaffte, wenn die Viertelsleute ab und zu die Spritzen probierten und die Bullenangelegenheit besorgten und Flurschütz Hirsch die Jungens aus den Erbsenschoten jagte – dann wollte ich doch mal sehen, wo eine Stadt und eine Feldmark zu finden wäre, die so im Zuge und auf dem Damm war, wie meine Vaterstadt Stavenhagen! Und das kam alles davon her, daß Ratsherr Herse gerne seine Uniform tragen mochte.

Also, as min Unkel Hers' nu nah Hus gung – denn dat regent all piplings –, söcht hei in sinen Klederschapp nah sinen grisen Mantel, un dorbi föll em sin Uniform in de Hand, un hei dacht: »Süh, hüt is de Gelegenheit dornah, un wer weit, sei kann mi mäglich in min Vörnemen nütten«, un treckt sei an un set't sick ok den schönen Dreimaster up, den wi Jungs nahsten ümmer as Kahn up den ollen Nahmaker sinen Dik hewwen swemmen laten. Na, tau dese Tid was hei noch in sinen besten Verfat, un as de Herr Ratsherr ut de Husdör gung, slog hei den Mantelkragen doräwer, dat de Haut nich natt würd, un min Unkel Hers' sach nu bi heiligen Dag' ut as en französchen General bi Nacht, wenn hei de findlichen Posten wohrschu't. »So!« säd hei, »un nu kennt mi ok kein Minsch!« Hei gang äwer'n Mark un makt en lütten Ümweg äwer'n Buhof, wo Pächter Nahmaker ut dat Eckfinster sine Mähren nahkek, de em de Franzosen ut den Stall treckt hadden. »Gun Morrn, Herr Ratsherr!« säd de Pächter. »Min Herzing, wat is dit för 'ne Tid!« – »Still!« säd min Unkel Hers' un gung wider. Achter de Buhofsschün begegent em Dresler Swirdfeger: »Gun Morrn, Herr Ratsherr!« – »Hollen S' Ehr Mul!« seggt min Unkel ärgerlich un geiht achter'n Sloßgorn rüm. – »Gun Morrn, Herr Ratsherr!« seggt oll Spelmann Hartloffen sin Jung'. – Swabb! hett hei eins mit de verwendte Hand an den Däts: »Dumme Jung! sühst du nich, dat ick nich kundbor warden will?« Somit geiht hei in den Sloßgoren un argert sick un seggt: »Dat weit de Düwel! 'ne öffentliche Stellung liggt ordentlich as en Fluch up einen!«

Also, als mein Onkel Herse nun nach Hause ging – denn es regnete jetzt schon in Strömen – suchte er in seinem Kleiderschrank nach seinem grauen Mantel, und dabei fiel ihm seine Uniform in die Hand und er dachte: »Sieh, heute ist die Gelegenheit dazu, und wer weiß, sie kann mir vielleicht in meinem Vorhaben nützen!« – und zog sie an und setzte sich auch den schönen Dreimaster auf, den wir Jungens später immer als Kahn aus des alten Nahmachers Teich haben schwimmen lassen. Na, zu dieser Zeit war er noch im besten Stande, und als der Herr Ratsherr aus der Haustür ging, schlug er den Mantelkragen darüber, damit der Hut nicht naß würde, und mein Onkel Herse sah nun bei hellichtem Tag aus wie ein französischer General bei Nacht, wenn er nach den feindlichen Posten ausschaut. »So,« sagte er, »und nun kennt mich auch kein Mensch.« Er ging über den Markt und machte einen kleinen Umweg über den Bauhof, wo Pächter Nahmacher aus dem Eckfenster seinen Pferden nachsah, die ihm die Franzosen aus dem Stall gezogen hatten. »Guten Morgen, Herr Ratsherr!« sagte der Pächter; »mein Herzing, was ist dies für eine Zeit!« – »Still!« sagte mein Onkel Herse und ging weiter. Hinter der Bauhofscheune begegnet ihm Drechsler Schwerdtfeger: »Guten Morgen, Herr Ratsherr!« – »Halten Sie Ihren Mund!« sagt mein Onkel ärgerlich und geht hinterm Schloßgarten herum. – »Guten Morgen, Herr Ratsherr!« sagt des alten Spielmanns Hartloffs Junge – schwaps! hat er eins mit der umgekehrten Hand an den Kopf: »Dummer Junge! siehst du nicht, daß ich nicht kundbar werden will?« Damit geht er in den Schloßgarten und ärgert sich und sagt: »Das weiß der Teufel! Eine öffentliche Stellung liegt ordentlich wie ein Fluch auf einem!«

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