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Ut de Franzosentid/Aus der Franzosenzeit - Plattdeutsch/Hochdeutsch

Fritz Reuter: Ut de Franzosentid/Aus der Franzosenzeit - Plattdeutsch/Hochdeutsch - Kapitel 7
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authorFritz Reuter
titleUt de Franzosentid/Aus der Franzosenzeit - Plattdeutsch/Hochdeutsch
publisherVerlag von Otto Janke/Leipzig
translatorHeinrich Conrad
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Dat söste Kapittel

Sechstes Kapitel

Wat Mamsell Westphalen för 'ne Ansicht von ehr Bedd kreg, un worüm sei sick von Korlin en por in't G'nick gewen let. Worüm Fritz Sahlmann den Herrn Amtshauptmann sin Pipen intwei smet un de französche Oberst binah den Degen treckt hadd.

Was für einen Anblick von ihrem Bett Mamsell Westphal bekam, und warum sie sich von Karline ein paar ins Genick geben ließ; warum Fritz Sahlmann des Herrn Amtshauptmanns Pfeifen entzwei warf, und der französische Oberst beinahe den Degen gezogen hätte.

Wenn einer 'ne Geschieht richtig vertellen will, denn möt hei 't grad so maken as de Häkers un de Pläugers, wenn s' en Acker bestellen, hei möt ümmer gradut haken, allens mitnemen un kein Balken stahn laten. Äwer wenn hei dit ok all befolgt, so bliwwt doch hir un dor en En'n liggen, un hei möt taurügg trecken un hir en Kiel utspitzen un dor 'ne Ahnwenning nahhalen. So geiht mi dat denn nu ok, ick möt en Strämel taurügg trecken un möt Herr Droin un Mamsell Westphalen ehr En'n heranholen, dormit ick wedder in eine Flucht weghaken kann.

Wenn einer eine Geschichte richtig erzählen will, dann muß er's gerade so machen wie die Pflüger, wenn sie einen Acker bestellen: er muß immer geradeaus pflügen, alles mitnehmen und keine ungepflügten Streifen stehen lassen. Aber wenn er dies auch alles befolgt, so bleibt doch hier und dort ein Ende liegen, und er muß zurückziehen und hier einen Keil ausspitzen und dort eine Anwende nachholen. So geht es mir denn nun auch, ich muß ein Stückchen zurückziehen und muß Herrn Droz und Mamsell Westphals Ende heranholen, damit ich dann wieder in gerader Flucht lospflügen kann.

Den sülwigen Morgen, as de Möller mit de Koppweihdag' in sin Stäwelschächt rin kek, treckt sick Mamsell Westphalen vullstännig an, denn sei was sihr ordentlich, un as sei ehr Mützenwark upsetten wull, dücht ehr dat nich mihr in den richtigen Verfat tau sin, denn sei was sihr rendlich; sei gang also nah ehr Stuw' un wull sick 'ne reine Mütz halen, kloppt äwer irst an un frog: »Herr Droi, sünd Sei ok in Ehren vullstännigen Habit?« – »Wui«, säd de Uhrkenmaker. – Sei makt de Stuwendör up – Gott in den hogen Himmel! wo sach dat dor ut! So wat hadd sei noch mindag' nich seihn, denn in de Nacht was sei man bet up den Gang kamen un hadd kein Og in ehr Stuw' smeten. De ganze Himmel was dalbraken, un dwars vör de Stuwendör lagg ein von de Franzosen in de witten Wulkengardinen un rokt ut 'ne irden Pip, den schönen witt- und rodstripigen Pähl unner'n Kopp; de anner satt in ehren Lehnstaul un hadd sick de Beinen mit ehren nigen ghinghangenen Äwerrock taudeckt; Herr Droi satt up't Fauten'n von't Bedd, un unner sin Borenmütz kek en Gesicht rut, dat redt von nicks anners as van Waddik un Weihdag'. Wo sach dat in ehr lütt Stüwken ut! – Dat was ümmer ehr Stolz west, ehr Putzkasten; hir hadd sei ümmer up ehr eigen Hand regiert, hir hadd sei ümmer in purer Ordnung un Rendlichkeit seten, hadd allens eigenhändig afwischt un afstöhmt. Keiner dürwt ehr hir wat anfaten un ümkatern, sülwst de Fru Meistern nich: »Ne«, säd sei, »de Fru Meistern is recht gaud; äwer sörredem, dat sei mi mal min Bernsteinkralen up de Ird fallen let, sörredem tru ick ehr nich.« – Un nu! – Allens was ümreten un ümstellt, de Stuw' was blag von Tobacksqualm, ehr Kledungsstücken wiren unner dat Rigel rutreten un legen bi Herr Droin sin Obergewehr un den Franzosen sinen Pirdswanz, un ehr Bedd, ehr schönes Bedd, stunn midden in de Stuw'. – Dat Bedd was ehr eigen; ehr Gevadder, de Discher Reuß, de oll Reuß – nich de jung' – hadd ehr de Beddlad ut dat sülwige Stück Holt makt, worut hei ehr ehr Sark hadd maken müßt, sei hadd dat Gorn tau de Inlett sülwst spunnen; Meister Stahl hadd't wewt, »tämlich gaud«, säd sei, »äwer jede Bahn twei Finger breid tau small, un dat is 'ne Dummheit, denn ick bün en wat vullkamen Frugensminsch, un dat möt hei weiten.« De Feddern hadd ehr de Fru Amtshauptmannen schenken wullt, sei hadd s' äwer nich annamen un hadd s' ehr betahlt, »denn«, säd sei, »Fru Meistern, mine zeitliche un mine ewige Rauh will ick mi verdeint hewwen, denn dat is min Stolz.« Un as nu dat Bedd so wid farig was, dunn köfft sei sick twei Gäng' slohwitte Gardinen von dow Hirschen un stek sei sick an dat Himmelgestell un stellt sick in de Stuw' drei Schritt von af un nickt mit den Kopp un säd: »Fru Meistern, dat En'n krönt dat Wark!« – Nu legen de Beddstücken in Unordnung herüm, un de Kron lagg up de Ird.

Am selben Morgen, als der Müller mit Kopfweh in seine Stiefelschäfte hineinsah, zog sich Mamsell Westphal vollständig an, denn sie war sehr ordentlich; und als sie ihre Mütze aufsetzen wollte, schien ihr die nicht mehr im richtigen Stande zu sein, denn sie war sehr reinlich; sie ging also nach ihrer Stube und wollte sich eine reine Mütze holen, klopfte aber erst an und fragte: »Herr Droi, sind Sie auch in Ihrem vollständigen Habit?« – »Oui,« sagte der Uhrmacher. – Sie machte die Stubentür auf – Gott im hohen Himmel! – Wie sah es da aus! so etwas hatte sie noch ihrer Lebtage nicht gesehen; denn in der Nacht war sie nur bis auf den Gang gekommen und hatte in ihre Stube keinen Blick geworfen. Der ganze Betthimmel war niedergebrochen, und quer vor der Stubentür lag einer von den Franzosen in den weißen Wolkengardinen und rauchte aus einer irdenen Pfeife, den schönen weiß- und rotgestreiften Pfühl unter dem Kopf; der andere saß in ihrem Lehnstuhl und hatte sich die Beine mit ihrem neuen Ueberrock zugedeckt; Herr Droz saß auf dem Fußende des Bettes, und unter seiner Bärenmütze sah ein Gesicht heraus, das von nichts anderem als von Jammer und Elend redete. Wie sah es in ihrem kleinen Stübchen aus! – Das war immer ihr Stolz gewesen, ihr Putzkasten; hier hatte sie immer auf ihre eigene Hand regiert, hier hatte sie immer in purer Ordnung und Reinlichkeit gesessen, hatte alles eigenhändig abgewischt und abgestäubt. Niemand durfte ihr hier was anfassen und umstellen, selbst die Frau Meisterin nicht: »Ne,« sagte sie, »die Frau Meistern ist recht gut; aber seitdem sie mir mal meine Bernsteinkorallen auf die Erde fallen ließ, seitdem trau ich ihr nicht.« Und nun! Alles war umgerissen und umgestellt, die Stube blau vom Tabaksqualm, ihre Kleidungsstücke waren unter dem Riegel herausgerissen und lagen bei Herrn Droz' Obergewehr und dem Pferdeschwanz des Chasseurs, und ihr Bett, ihr schönes Bett, stand mitten in der Stube. – Das Bett war ihr eigen; ihr Gevatter, der Tischler Reuß – der alte Reuß, nicht der junge – hatte ihr die Bettlade aus demselben Stück Holz gemacht, woraus er auch ihren Sarg hatte machen müssen; sie hatte das Garn zum Inlett selbst gesponnen; Meister Stahl hatte es gewebt – »ziemlich gut,« sagte sie, »aber jede Bahn zwei Finger breit zu schmal, und das ist 'ne Dummheit, denn ich bin ein etwas vollkommenes Fraunzimmer, und das muß er wissen.« Die Federn hatte ihr die Frau Amtshauptmann schenken wollen, sie hatte sie aber nicht angenommen und hatte sie ihr bezahlt – »denn,« jagte sie, »Frau Meistern, meine zeitliche und meine ewige Ruhe will ich mir verdient haben; denn das ist mein Stolz.« Und als nun das Bett so weit fertig war, kaufte sie sich zwei Bahnen schlohweiße Gardinen vom tauben Hirsch und steckte sie sich ans Himmelgestell und stellte sich in der Stube drei Schritte davon ab und nickte mit dem Kopf und sagte: »Frau Meistern, das Ende krönt das Werk!« – Nun lagen die Bettstücke in Unordnung herum, und die Krone lag auf der Erde.

Tauirst steiht sei as andunnert un kickt dörch den Tobacksqualm as de Vullmahn dörch den Abenddak, dorup geiht sei en por Schritt up Herr Droin los, ehr Gesicht ward so rod as de Bodden von den groten köppern Waschketel in ehr Käk, ehr Nachtmütz bewert ehr up den Kopp vör Arger, äwer sei seggt nicks wider as: »Wat is dit?« – Herr Droi stamert wat taurecht von dit un von dat, äwer sei süht em scharp in't Gesicht un seggt: »Lägen, Herr Droi! Sei hewwen dese Nacht lagen, Sei leigen ok hüt morrn. Ick heww Sei ut Barmherzigkeit min Slapstäd, min eigen Bedd inrümt, un dit is min Dank!« – Dormit geiht sei an ehr Kommod un halt sich 'ne reine Morgenmütz ut de Schuwlad' un will nu ut de Dör gahn, ahn Herr Droin antauseihn, dunn süht sei äwer ehr schönes Unnerbedd ut de Beddlad heruthängen, halw an de Ird; dat jammert ehr denn doch tau sihr, un sei will't in de Höcht böhren, fött äwer unglückliche Wis' grad up dat natte Flag, wo dat Water rin lopen was, un smitt dat Herr Droin an den Kopp un seggt: »Pfui! Ok dat noch!« un segelt ut de Dör un lett von achter so priswürdig un ihrenfast, as wenn de Unschuld up den Richtplatz führt ward.

Zuerst steht sie wie angedonnert und guckt durch den Tabaksqualm, wie der Vollmond durch den Abendnebel; darauf geht sie ein paar Schritt auf Herrn Droz lös, und ihr Gesicht wird so rot wie der Boden des großen kupfernen Waschkessels in ihrer Küche. Ihre Nachtmütze zittert ihr auf dem Kopf vor Aerger; aber sie sagt nichts weiter, als: »Was ist das?« – Herr Droz stammelt etwas zurecht von diesem und jenem, aber sie sieht ihm scharf ins Gesicht und sagt: »Lügen, Herr Droi! Sie haben diese Nacht gelogen, Sie lügen auch heute morgen. Ich habe Ihnen aus Barmherzigkeit eine Schlafstelle, mein Bett eingeräumt – und dies ist mein Dank!« – Damit geht sie an ihre Kommode und holt sich eine reine Morgenmütze aus der Schublade und will nun aus der Tür gehen, ohne Herrn Droz anzusehen; da sieht sie aber ihr schönes Unterbett aus der Bettlade heraushängen, halb an der Erde; das jammert sie denn doch zu sehr, und sie will es aufheben, greift aber unglücklicherweise gerade in die nasse Stelle, wo das Wasser hineingelaufen war, schmeißt das Unterbett Herrn Droz an den Kopf und sagt: »Pfui! Auch das noch!« – und segelt aus der Tür und steht von hinten so preiswürdig und ehrenfest aus, wie wenn die Unschuld auf den Richtplatz geführt würde.

De beiden Franzosen lachen un ßackerieren, sei äwer kihrt sick nich doran, un as sei den Gang hendalen geiht, trett de französche Oberst mit sin Adjudanten in vuller Uniform ut de blag' Stuw' un makt ehr 'ne höfliche Rewerenz. Frilich is ehr gor nich sihr nah Höflichkeiten tau Maud'; äwer so as einer anfröggt, möt hei jo doch ok Antwurt hewwen, un as de Mann is, möt em doch ok de Wust brad't warden, sei dukert also wedder mit en Knix unner un seggt: »Gun Morrn, Herr Oberst von Toll«, un will vöräwer. – De Oberst höllt sei äwer up un seggt: »Erlauben Sei, ick möt den Herrn Amtshauptmann spreken. Wo is de woll tau finnen?« – Mamsell Westphalen denkt, ehr sall de Slag rühren. »Wat wull'n Sei?« fröggt sei ganz verdutzt. – De Franzos' bringt sin Gewarw noch mal an. – »Wo wir dat woll mäglich!« seggt Mamsell Westphalen. » Unsern Herrn Amtshauptmann willen Sei des Morgens halwig acht spreken?« Un as de Franzos' dorbi bliwwt, seggt sei: »Herr Oberst von Toll, in mine Stuw' is mi dese Nacht dat Bäbelst tau't Unnerst ümkihrt – leider Gotts möt ick mi dat gefallen laten äwer keiner sall von mi seggen, dat ick de Hand dortau baben heww, dat de Weltordnung ümkihrt warden sall. Un wenn dat ok kein christlich Slapen is mit den ollen Herrn, so is hei doch Herr un kann slapen as en Herr un dauhn, wat em geföllt. Kein König un kein Kaiser, un wenn uns' Herzog Fridrich Franz sülwen kem, süllen mi dortau bewegen, mi in 'ne Rebelljon gegen dat hüsliche Herkamen intaulaten.« – Denn würd hei dat sülwst dauhn, säd de Oberst, schow Mamsell Westphalen höflich bi Sid un gung de Stufen nah baben rup. »Gott sall mi bewohren!« säd de oll Dam, un ehr sackten de Hän'n an den Liw' hendal: »Ick glöw, de Kirl deiht't!« Un as sei den Franzosen in den ollen Herrn sine Stuw' rinne gahn hürt, seggt sei. »Hei deiht't!«, un as de Adjudant nah ehr Stuw' tau Herr Droin geiht, seggt sei: »Scheiwbeinige Ekel, du fehlst noch!« un geiht in de Käk un seggt tau de beiden Dirns: »Fik un Korlin, unsen Herrgott sin hütige Dag fangt slimm an, un wenn dat so bibliwwt, denn ward hei dat sülwst am besten weiten, womit dat hei en'n sall. – Morgen legg wi up de Bük, dor heww ick min Grün'n tau; hüt geiht jeder von uns an sin Arbeit un deiht, as wenn nicks passiert is.« Un dormit namm sei de Kaffemähl un dreiht un dreiht, un de Kaffemähl, de rätert un rätert, un as sei de lütt Schuwlad' unnen utschüdden wull, dunn was dor nicks in, denn sei hadd baben kein Bohnen upschüdd't.

Die beiden Franzosen lachen und sackerieren, sie aber kehrt sich nicht daran, und als sie den Gang hinunter geht, tritt der französische Oberst mit seinem Adjutanten in voller Uniform aus der blauen Stube und macht ihr eine höfliche Verbeugung. Freilich ist ihr gar nicht sehr nach Höflichkeit zumute; aber wie einer anfragt, muß er ja doch auch Antwort bekommen, und wie der Mann ist, muß ihm doch auch die Wurst gebraten werden; sie taucht also wieder mit einem Knix unter und sagt: »Guten Morgen, Herr Oberst von Toll,« und will vorübergehen. – Der Oberst hält sie aber an und sagt: »Erlauben Sie, ich muß den Herrn Amtshauptmann sprechen. Wo ist der wohl zu finden?« – Mamsell Westphal denkt, der Schlag soll sie rühren. »Was wollten Sie?« fragt sie ganz verdutzt..– Der Franzose trägt sein Anliegen noch einmal vor. – »Wie wäre das wohl möglich!« sagt Mamsell Westphal. » Unsern Herrn Amtshauptmann wollen Sie des morgens um halb acht sprechen?« Und als der Franzose dabei bleibt, sagt sie: »Herr Oberst von Toll, in meiner Stube ist mir diese Nacht das Oberste zu unterst gekehrt – leider Gottes muß ich mir das gefallen lassen – aber keiner soll von mir sagen, daß ich die Hand dazu geboten hätte, die Weltordnung umzukehren. Und wenn es auch kein christliches Schlafen ist mit dem alten Herrn, so ist er doch Herr und kann schlafen wie ein Herr und tun, was ihm gefällt. Kein König und kein Kaiser, und wenn unser Herzog Friedrich Franz selbst käme, sollten mich dazu bewegen, mich in eine Rebellion gegen das häusliche Herkommen einzulassen.« – Dann würde er es selber tun, sagte der Oberst, schob Mamsell Westphal höflich beiseite und ging die Stufen nach oben hinauf. »Gott soll mich bewahren!« sagte die alte Dame, und ihr sanken die Hände am Leibe herab; »ich glaube, der Mann tut's!« Und als sie den Franzosen in die Stube des alten Herrn hineingehen sieht, sagt sie: »Er tut's!« Und als der Adjutant nach ihrer Stube zu Herrn Droz geht, sagt sie: »Schiefbeiniger Ekel, du fehlst noch!« – und geht in die Küche und sagt zu den beiden Mädchen: »Fiken und Karline, unseres Herrgotts heutiger Tag fängt schlimm an, und wenn es so beibleibt, dann wird er selbst am besten wissen, womit er enden soll. – Morgen weichen wir Wäsche ein, dazu hab ich meine Gründe; heute geht jeder von uns an seine Arbeit und tut, wie wenn nichts passiert ist.« Und damit nimmt sie die Kaffeemühle, und dreht und dreht, und die Kaffeemühle, die rattert und rattert, und als sie die kleine Schublade unten ausschütten will, da ist nichts drin – denn sie hatte oben keine Bohnen aufgeschüttet. – –

Baben bi den ollen Herrn würd dat nu sihr lebendig, un sihr lud würd dor spraken, un Fritz Sahlmann, de unverstännige Slüngel, de grad dorbi was, den ollen Herrn sin irden Pipen tau stoppen, wull denn nu jo doch vertellen, wo't baben hergüng, un stör't mit dat ganze Pipengedriw' in de Hand nah de Käkendör rin, wo Fik grad ganz andächtig ehr Uhr an den Dörenpost leggt hadd, üm ok en beten dorvon tau profentieren, un – bautz! fohrt hei gegen Fik, un – klacks! liggt de ganze Pipenbescherung un klätert in de Käk rüm. Mamsell Westphalen ehr Hand reckt sich äwerst nich äwer em, ehr Hän'n liggen in ehren Schot, un sei seggt ganz sachtmäudig: »Ganz in de Ordnung! – Wenn allens unnergahn un tausambreken sall, breckt so'n irden Pip woll am irsten, un wenn de Himmel inföllt, fallen all de Sparlings dod. – Mi süll't gor nich wunnern, wenn nu wer rin kem un smet all uns' puzzellanen Geschirr dörch de Finsterruten.«

Oben beim alten Herrn wurde es jetzt sehr lebendig, und sehr laut wurde dort gesprochen, und Fritz Sahlmann, der unverständige Schlingel, der gerade dabei war, des alten Herrn irdene Pfeifen zu stopfen, wollte denn nun doch erzählen, wie es oben herging, und stürzte mit dem ganzen Pfeifengeschirr in der Hand zur Küchentür hinein, wo Fiken gerade ganz andächtig ihr Ohr an den Türpfosten gelegt hatte, um auch ein bißchen davon zu profitieren, und – bautz! – fährt er gegen Fiken, und – klacks! – liegt die ganze Pfeifenbescherung und klappert in der Küche herum. Mamsell Westphal streckt aber nicht ihre Hand über ihn aus; ihre Hände liegen in ihrem Schoß, und sie sagt ganz friedfertig: »Ganz in der Ordnung! Wenn alles untergehen und zusammenbrechen soll, bricht so eine irdene Pfeife wohl am ersten, und wenn der Himmel einfällt, fallen alle Sperlinge tot. Mich sollte es gar nicht wundern, wenn nun jemand hereinkäme und schmisse unser ganzes Porzellangeschirr durch die Fensterscheiben.«

De Strit baben würd luder, de Wurdwessel schallt von den Vörplatz her, ein de oll Herr Amtshauptmann steg mit den Obersten de Stufen runner nah den Gang. De oll Herr säd mit barsche, korte Würd': de anner süll dauhn, wat hei nich laten künn, denn hei hadd jo de Macht. De Oberst säd: dat wüßt hei. Ihre hei äwerst von de Macht Gebruk makt, wull hei irst unnersäuken, wo de Sak stünn, denn dat künn nich anners sin: hir wiren Ding' vörgahn, de vertuscht warden süllen. – Hei hadd nicks tau vertuschen, säd de Amtshauptmann. Wenn hir wat tau vertuschen wir, denn hadden de Franzosen wat tau vertuschen; oder ob so'n Hallunk, as de Schassür west wir, bi ehr in Ihren un Achtung stünn. Hei för sin Part wüßt wider nicks, as dat de Kirl as en Röwer tau em kamen wir un as en Swinhund sick bedragen hadd un dat sin Lüd' un de Uhrkenmaker Droz em seggt hadden, de Gielowsch Möller hadd em up den Wagen un wull em mitnemen; denn seihn hadd hei'n nich. – Woher denn äwer de Uhrkenmaker Droz in de französche Uniform kem? frog de Oberst. Dat kümmert em nich, säd de oll Herr, un hei brukt dor nich för uptaukamen, denn de Mann wir nich amtssässig. Hei hadd man hürt, de Mann treckt männigmal tau sinen Vergnäugen de Uniform an. – Dat wiren Utflücht, säd de Oberst. – Dunn brus't äwer de oll Herr up, un hei richt't sick in sine ganze Läng' in de Höcht, hei kek den Franzosen mit so'n vörnehmen Blick an un säd: »Utflücht sünd Swesterkinner von Lägen. Sei vergeten min Öller un minen Stand!« – De Oberst ward heftiger un seggt: kort un gaud, de Sak wir em unwohrschinlich. – »So?« fröggt de oll Herr, un unner sin grisen Ogenbranen lücht dat rute mit en Blick vull Haß un Grull, as wenn ut 'ne düster Dunnerwulk en Blitz äwer 'ne fründliche Landschaft fohrt, »dat schint Sei unwohrschinlich?« un makt 'ne halwe Wenning un kickt den Obersten so äwer de Schuller an. »Worüm süll sick en Franzos' nich tau sinen Vergnäugen 'ne französche Uniform antrecken, wenn dorin so vele Dütsche tau ehren Vergnäugen rümme lopen?«

Der Streit oben wurde lauter. Der Wortwechsel schallte vom Vorplatz her, und der alte Herr Amtshauptmann stieg mit dem Obersten die Stufen nach dem Gang herunter. Der alte Herr sagte mit barschen kurzen Worten: der andere sollte tun, was er nicht lassen könnte, denn er hätte ja die Macht. Der Oberst sagte: das wüßte er. Bevor er aber von der Macht Gebrauch machte, wollte er erst untersuchen, wie die Sache stände – denn es könnte nicht anders sein: hier wären Dinge vorgegangen, die vertuscht werden sollten. – Er hätte nichts zu vertuschen, sagte der Amtshauptmann. Wenn hier etwas zu vertuschen wäre, dann hätten die Franzosen etwas zu vertuschen. Oder ob so ein Halunke, wie der Chasseur gewesen wäre, bei ihnen in Ehren und Achtung stände? Er für sein Teil wüßte weiter nichts, als daß der Kerl wie ein Räuber zu ihm gekommen wäre und wie ein Schweinehund sich betragen hätte, und daß seine Leute und der Uhrmacher Droz ihm gesagt hätten, der Gielowsche Müller hätte ihn auf dem Wagen und wollte ihn mitnehmen; denn gesehen hätte er ihn nicht. – Woher denn aber der Uhrmacher Droz in französische Uniform käme? fragte der Oberst. – Das kümmerte ihn nicht, sagte der alte Herr, dafür brauchte er nicht aufzukommen, denn der Mann wäre nicht amtssäßig. Er hätte nur gehört, der Mann zöge manchmal zu seinem Vergnügen die Uniform an. – Das wären Ausflüchte, sagte der Oberst. – Da brauste aber der alte Herr auf; er richtete sich zu seiner ganzen Länge empor, sah den Franzosen mit so einem vornehmen Blick an und sagte: »Ausflüchte sind Schwesterkinder von Lügen; Sie vergessen mein Alter und meinen Stand!« – Der Oberst wird heftiger und sagt: kurz und gut, die Sache wäre ihm unwahrscheinlich. – »So?« sagt der alte Herr, und unter seinen grauen Augenbrauen leuchtet es heraus mit einem Blick voll Haß und Groll, wie wenn aus einer finstern Donnerwolke ein Blitz über eine freundliche Landschaft fährt; – »das scheint Ihnen unwahrscheinlich?« – und macht eine halbe Wendung und guckt den Franzosen so über die Schulter an. »Warum sollte ein Franzose nicht zu seinem Vergnügen eine französische Uniform anziehen, wenn so viele Deutsche zu ihrem Vergnügen darin herumlaufen?«

Füerrod gütt dat den Obersten äwer dat Gesicht – en korten Ogenblick –, blaß as de Dod trett hei en por Schritt taurügg, grippt nah den Degen, un't was, as wenn 'ne grugliche Gewaltdaht as en Späuk achter em stünn un em de Hand lenken wull – ok man en korten Ogenblick. Hastig dreiht hei sick üm un gang mit starken Schritten den Gang dal. Un Fik, de in de Käk dörch de Dörenritz allens mit anseihn hadd, säd nahsten ümmer, so wat hadd sei in ehren Lewen nich seihn: »Hei was jo en smucken Mann un hadd en fründlich Gesicht«, set't sei hentau, »äwer, as hei den Gang so runner kamm, dunn weit ick nich, föll mi dat mit einmal in, dat ick mal, as ick noch Gäus' häuden ded, midden in'n Sommer bi hellen Sünnenschin en Küselwind erlewt heww, de in'n Handümdreihn von de schöne Eik achter'n Preistergorn all de Telgen afbrök, dat allens dörchenanner flog, un so flog dat ok äwer sin Gesicht.«

Feuerrot übergießt sich des Obersten Gesicht – einen kurzen Augenblick – blaß wie der Tod tritt er ein paar Schritte zurück und greift nach dem Degen, und es war, wie wenn eine grausige Gewalttat wie ein Gespenst hinter ihm stände und ihm die Hand lenken wollte – auch nur einen kurzen Augenblick – hastig drehte er sich um und ging mit starken Schritten den Gang hinunter. Und Fik, die in der Küche durch die Türritze alles mit angesehen hatte, sagte später immer, so etwas hätte sie in ihrem Leben nicht gesehen. »Er war ja ein schmucker Mann und hatte ein freundliches Gesicht,« setzte sie hinzu, »aber als er so den Gang herunterkam, da weiß ich nicht, da fiel mir mit einemmal ein, daß ich mal, als ich noch Gänse hütete, mitten im Sommer bei hellem Sonnenschein einen Wirbelwind erlebt habe, der im Handumdrehen von der schönen Eiche hinterm Priestergarten alle Aeste abbrach, daß alles durch einanderflog, und so flog es auch über sein Gesicht.«

De Oberst dreiht sick wedder üm, gung up den Amtshauptmann los un säd kolt un ruhig: sei spröken sick äwer den Punkt woll mal wider; sin Pflicht verlangt, de Sak up den Grund tau kamen. – Worüm de Uhrkenmaker dese Nacht up den Sloß slapen hadd? – »Hei hett hir nich slapen«, säd de oll Herr. – Ja, säd de Oberst, hei hadd hir slapen, in de Stuw' hadd hei slapen – un wis't up Mamsell Westphalen ehr Stuw'. – »Nich mäglich!« rep de oll Herr un erhöw de Stimm, as wull hei vör aller Welt 'ne Unschuld vertreden, »dat is Mamsell Westphalen ehr Stuw'. Dat olle Mäten is äwer twintig Johr in minen Hus', un de süll des Nachts Mannslüd' bi sick beharbargen?« – »Korlin«, säd Mamsell Westphalen in de Käk, »slah mi dreimal drist in dat G'nick, denn mi treden de Ahnmachten an, un allens geiht mit mi rund!«

Der Oberst drehte sich wieder um, ging auf den Amtshauptmann los und sagte kalt und ruhig: sie sprächen sich über den Punkt wohl mal weiter; seine Pflicht verlangte, der Sache auf den Grund zu gehen. Warum der Uhrmacher diese Nacht auf dem Schloß geschlafen hätte? – »Er hat hier nicht geschlafen,« sagt der alte Herr. – Ja, sagte der Oberst; er hätte hier geschlafen, in der Stube hätte er geschlafen – und Zeigte auf Mamsell Westphals Stube. – »Nicht möglich!« rief der alte Herr und erhob die Stimme, als wollte er vor aller Welt eine Unschuld vertreten, »das ist Mamsell Westphals Stube. Das alte Mädchen ist über zwanzig Jahre in meinem Hause, und die sollte des Nachts Mannsleute bei sich beherbergen?« – »Karline!« sagte Mamsell Westphal in der Küche; »schlag mir dreimal tüchtig ins Genick, denn mich treten die Ohnmachten an, und alles geht mit mir rund!«

Indessen ritt de Oberst de Dör up, un dor süht denn de Herr Amtshauptmann den Uhrkenmaker vör sick stahn, den währenddeß grad de Adjudant in't Gebett namen hett, un de allens Mägliche vertellt hett, blot nich de Wohrheit, dat min Vader em as Schugels gegen de Franzosen brukt hett, un de ok Stein un Bein sworen hett, daß de Gielowsch Möller den Schassür mitnamen hett. – De oll Herr Amtshauptmann verfirt sick dägern, as hei den Uhrkenmaker dor süht. »Dit is mi unerklärlich!« röppt hei ut. – De Oberst lacht höhnschen vör sick hen un seggt: hei hofft, dat süll nich lang' unerklärlich bliwen; redt dorup en par Würd' heimlich mit den Adjudanten un verlangt de Slätel tau't Amtsgefängnis. – »De gew ick nich rut för desen Gefangen«, seggt de Amtshauptmann, »denn de Mann hett kein Recht an dat Amtsgefängnis, hei is en Börger, un hei hürt up't Börgergehursam.« – Dat wir schön, seggt de Oberst, un so wir't em ok leiwer, denn so wüßt hei doch, dat nich so licht Dörchstekerien passieren kün'n.

Unterdessen reißt der Oberst die Tür auf, und da sieht denn der Herr Amtshauptmann den Uhrmacher vor sich stehen, den in der Zwischenzeit gerade der Adjutant ins Gebet genommen hat, und der alles mögliche erzählt hat, bloß nicht die Wahrheit: daß mein Vater ihn als Franzosenscheuche gebraucht, und der auf Stein und Bein geschworen hat, der Gielowsche Müller habe den Chasseur mitgenommen. – Der alte Herr Amtshauptmann kriegt einen tüchtigen Schreck, als er den Uhrmacher sieht, und ruft: »Dies ist mir unerklärlich!« – Der Oberst lacht höhnisch vor sich hin und sagt: er hoffe, es solle nicht lange unerklärlich bleiben; redet darauf ein paar Worte heimlich mit dem Adjutanten und verlangt den Schlüssel zum Amtsgefängnis. – »Den gebe ich nicht heraus für diesen Gefangenen,« sagt der Amtshauptmann, »denn der Mann hat kein Recht an das Amtsgefängnis. Er ist ein Bürger und gehört aufs Bürgergehorsam.« – Das wäre schön, sagt der Oberst, und so wär's ihm auch lieber, denn so wüßte er doch, daß nicht so leicht Durchsteckereien passieren könnten.

Herr Droi ward also in de Midd von en por Soldaten namen – denn mit de Wil grimmelt dat all vull allerlei französch Volk up den Sloßhof – un würd nah't Rathus transportiert. De Oberst gung ok; äwerst as hei in de Dör was, dreiht bei sick üm un säd, wenn hei streng nah sin Pflicht güng, müßt hei den Herrn Amtshauptmann ok arretieren laten, äwer wil hei en ollen Mann wir, un vör allen, wil hei em persönlich hir so'n grausam bitter Wurd seggt hadd, wull hei em in Freden laten, denn hei wull in dese Sak ok nich den entfirntesten Schin up sick laden, as wull hei sick för dat Wurd räken; äwer dat säd hei em, süll sin Gegenwärtigkeit oder de von Mamsell Westphalen in de Unnersäukung nödig warden, denn künn hei't em nich schenken, un hei müßt för sick un Mamsell Westphalen stahn. Dat säd de oll Herr ruhig un kolt tau, un de Oberst gung, beordert äwer up de Städ' en por Schandoren nah de Gielowsch Mähl, wobi bei den ollen Herrn scharp ankek.

Herr Droz wurde also von ein paar Soldaten in die Mitte genommen – denn mittlerweile wimmelte es auf dem Schloßhof schon von allerlei französischem Volk – und wurde nach dem Rathaus transportiert. Der Oberst ging auch; aber als er in der Tür war, drehte er sich um und sagte: wenn er strenge nach seiner Pflicht ginge, müßte er den Herrn Amtshauptmann auch arretieren lassen; aber weil er ein alter Mann wäre, und vor allem, weil er ihm persönlich so ein grausam bitteres Wort gesagt hätte, wollte er ihn in Frieden lassen, denn er möchte in dieser Sache auch nicht den entferntesten Schein auf sich laden, als wollte er sich für das Wort rächen; aber das sagte er ihm: sollte in der Untersuchung seine Gegenwart oder die von Mamsell Westphal nötig werden, dann könnte er's ihm nicht schenken, und er müßte für sich und Mamsell Westphal einstehen. Das sagte der alte Herr ruhig und kalt zu, und der Oberst ging, beorderte aber auf der Stelle ein paar Gendarmen nach der Gielowschen Mühle, wobei er den alten Herrn scharf ansah.

De oll Herr gung irst up de Käk tau, un Fik verkröp sick all un buckt von ehr Dörenritz t'rügg, den sei dacht, de Herr würd rinkamen, de äwer stunn mit einmal still un dreiht sick üm un säd vör sick hen: »Wat säd de Kirl von de Dörchstekeri un von Schin up sick laden? – Wat so'n französche Oberst blot reden kann, kann de Amtshauptmann Wewer gaud dauhn: ick will ok nich den Schin up mi laden, as hadd ick in den Sinn, Dörchstekeri tau driwen.« Un he gung in sin Stuw'.

Der alte Herr ging erst auf die Küche zu, und Fik verkroch sich schon und fuhr von ihrer Türritze zurück, denn sie dachte, der Herr würde hereinkommen. Der aber stand mit einem Male still und drehte sich um und sagte vor sich hin: »Was sagte der Kerl von Durchsteckerei und von Schein-auf-sich-laden? Was so ein französischer Oberst nur reden kann, kann der Amtshauptmann Weber gut tun: ich will auch nicht den Schein auf mich laden, als hätte ich im Sinn, Durchsteckerei zu treiben.« Und er ging in seine Stube.

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