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Ut de Franzosentid/Aus der Franzosenzeit - Plattdeutsch/Hochdeutsch

Fritz Reuter: Ut de Franzosentid/Aus der Franzosenzeit - Plattdeutsch/Hochdeutsch - Kapitel 6
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authorFritz Reuter
titleUt de Franzosentid/Aus der Franzosenzeit - Plattdeutsch/Hochdeutsch
publisherVerlag von Otto Janke/Leipzig
translatorHeinrich Conrad
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Dat föfte Kapittel

Fünftes Kapitel

Wo Fridrich den Möller den preußschen Spruch »suum cuique« äwersetten deiht un achter den Schassür up de wille Gaus'jagd geiht, un wo den Möller klor ward, dat hei sick in en Immenswarm dalset't hett.

Wie Friedrich dem Müller den preußischen Spruch ›Suum cuique‹ übersetzt und hinter dem Chasseur auf die Wilde-Gans-Jagd geht, und wie dem Müller klar wird, daß er sich in einen Bienenschwarm gesetzt hat.

»Möller«, seggt Fridrich, as sei ut dat Gehöft sünd un in den deipen Weg kamen, »hewwen Sei all mal 'ne olle Fru seihn, wenn s' en Pott intwei smeten hett un paßt denn de Stücken an enanner un seggt: So het't seten?« – »Worüm meinst du?« fröggt oll Voß. – »Oh, ick mein man«, seggt Fridrich un swept so verluren mit de Pitsch äwer de Mähren, as wir't in de Fleigentid. De Möller sitt in Gedanken. – Nah 'ne Wil fröggt Fridrich wedder: »Möller, hewwen S' mal en Jungen seihn, den de Sparling ut de Hand flagen is un de denn in de leddig Hand herinkickt un seggt: Oh?« – »Worüm meinst du?« fröggt de Möller, un Fridrich seggt: »Oh, ick mein man.« – De Möller sitt wedder still dor, lett sick allerlei dörch den Kopp gahn un set't grad en schönes Regeldetri-Exempel in den Kopp tausam: wat woll üm Ostern ut de Schepel Roggen kosten würd, wenn hei morgen den Juden dat Geld nich gew, un kamm dorbi sihr in de Brüch. – Sei führen un führen; endlich dreiht sick Fridrich so halw up den Sack rüm un fröggt: »Möller, kennen Sei dat Sprückwurt woll: Geit kein smutzig Water ut, ihr du rein wedder hest?« – Den Möller fung dat nu an tau argern, un as hei sick so'n Tidlang bedacht hadd, wat Fridrichen sin Fragen woll eigentlich bedüden süllen, smet hei de Unnerlipp tau Höcht un säd: »Wo, dit sälen jo woll Spitzen sin?« – »Spitzen?« frog Fridrich wedder. »Bewohr uns! – Ick mein man. – Äwer ick weit noch en anner Sprückwurt, dat heit: Wat einer hett, dat hett 'e; un wi Preußen hewwen en Adler in't Wapen, un dor steiht en latinschen Vers unner, de hürt sick binah an, as wenn ein en Farken in den Start knippt, un wat uns' Feldwebel bi de Kumpani was, was en weglopen Student un verstunn den Vers un äwerset't en: Holl wiß, wat du hest, un nimm, wat du krigen kannst. De Spruch is up Fläg' tau bruken, vör allen in Krigstiden. – Prrr öh!« säd hei un dreiht sick wedder rüm up den Sack. »Möller Voß, verflucht sall de Schilling sin, den ick in minen Lewen minen Mitkollegen stahlen un namen heww, un verflucht sall dat Kurn Hawern oder Roggen sin, wat ick minen Brodherrn veruntrut heww; äwer in'n Krig is dat anners: de Türk un de Franzos' is de Riksfind, un en Riksfind is üm kein Hor beter as de Erzfind, un uns' Herr Gott lacht äwer't ganze Gesicht, wenn einer den Düwel orndlich eins up de Likdürn pedd't. Wo säd de oll Hauptmann von Restörp? ›Dem Feinde muß in jeder Weise Abbruch geschehn.‹ – Möller Voß« – un hei wis't up den Mantelsack – »dit wir denn nu woll so'n Abbruch.« – »Lat dat!« seggt de Möller kortweg, »de Sak is afmakt, ick will nicks mit de Geschicht tau dauhn hewwen, ick bring dat Geld tau Amt, un ick wull, ick künn den Franzosen mit henbringen; Fiken meint ok, dat künn en slimm Stück warden.« – »Mi nich tauwedder«, seggt Fridrich. »Jüh!« – un klappt de Mähren an – »Weck hüren up Mannslüd' un weck up Frugenslüd'; ick bün nich sihr för de Frugenslüd' ehren Rat.« – »Ick süs ok nich«, seggt de Möller.

»Müller,« sagt Friedrich, als sie aus dem Gehöft heraus sind und in den tiefen Weg kommen, »haben Sie schon einmal eine alte Frau gesehen, wenn sie einen Topf entzweigeschmissen hat und dann die Stücke aneinanderpaßt und sagt: ›So hat's gesessen‹?« – »Warum meinst du?« fragt der alte Voß. – »Oh, ich meine man,« sagt Friedrich und streift so leise mit der Peitsche über die Pferde hin, als war's in der Fliegenzeit. Der Müller sitzt in Gedanken. – Nach einer Weile fragt Friedrich wieder: »Müller, haben Sie mal einen Jungen gesehen, dem der Sperling aus der Hand geflogen ist, und der dann in die leere Hand hineinguckt und sagt: ›Oh!‹« – »Warum meinst du?« fragt der Müller, und Friedrich sagt: »Oh, ich meine man.« – Der Müller sitzt wieder still da, läßt sich allerlei durch den Kopf gehen, und setzt gerade ein schönes Rechenexempel im Kopf zusammen: was wohl um Ostern herum der Scheffel Roggen kosten würde, wenn er morgen dem Juden das Geld nicht gäbe – und kommt dabei sehr in die Brüche. – Sie fahren und fahren; endlich dreht sich Friedrich so halb auf dem Sack herum und fragt: »Müller, kennen Sie wohl das Sprichwort: ›Gieße kein schmutziges Wasser aus, ehe du reines hast‹?« – Der Müller fing nun an sich zu ärgern, und als er sich so eine Zeitlang bedacht hatte, was Friedrichs Fragen wohl eigentlich bedeuten sollten, warf er die Unterlippe empor und sagte: »Wie? dies sollen ja wohl Spitzen sein?« – »Spitzen?« fragte Friedrich zurück. »Bewahre! – Ich meine man. – Aber ich weiß noch ein anderes Sprichwort, das heißt: ›Was einer hat, das hat er‹ – und wir Preußen haben einen Adler im Wappen, und darunter steht ein lateinischer Vers, Suum cuique = jedem das Seine. der hört sich beinahe an, wie wenn man ein Ferkel in den Schwanz kneift, und was unser Feldwebel bei der Kompagnie war, der war ein weggelaufener Student und verstand den Vers und übersetzte ihn: »Halte fest, was du hast, und nimm, was du kriegen kannst‹. Der Spruch ist manchmal gut zu brauchen, vor allem in Kriegszeiten. – Prrr öh!« fügt er und dreht sich wieder auf dem Sack herum: »Müller Voß, verflucht soll der Schilling sein, den ich in meinem Leben meinen Mitmenschen gestohlen oder genommen habe! Und verflucht soll das Korn, Hafer oder Roggen sein, das ich meinem Brotherrn veruntreut habe; aber im Kriege ist es anders: der Türke und der Franzose ist der Reichsfeind, und ein Reichsfeind ist um kein Haar besser als der Erzfeind, und unser Herrgott lacht übers ganze Gesicht, wenn einer dem Teufel mal ordentlich auf die Hühneraugen tritt. Wie sagte der alte Hauptmann von Restorf? ›Dem Feinde muß in jeder Weise Abbruch geschehen.‹ – Müller Voß,« und er zeigte auf den Mantelsack – »dies wäre denn nun wohl so ein Abbruch.« – »Laß das!« sagte der Müller kurz angebunden, »die Sache ist abgemacht; ich will nichts mit der Geschichte zu tun haben, ich bringe das Geld zu Amt, und ich wollte, ich könnte den Franzosen mit hinbringen; Fiken meint auch, es könnte ein schlimmes Stück werden.« – »Mir nicht zuwider,« sagt Friedrich. »Jüh!« – und er gibt den Pferden einen Schlag – »einige hören auf Mannsleute, und andere auf Frauensleute; ich bin nicht sehr für den Rat der Frauensleute.« – »Ich sonst auch nicht,« sagt der Müller.

Sei führen nu sachten wider, un Fridrich fröggt nah 'ne Wil: »Möller, wat was dat för en schiren Kirl, de hüt morgen in de Mähl rin gung?« – »Dat was Jochen Vossen sin Sähn, mit den ick den Prinzeß heww. Geföllt hei di?« – »Ick heww en blot von achter seihn. Ih, ja; 't giwwt en Granedier.« – »Hei seggt jo, hei will sick mit mi vergliken.« – »Denn geföllt hei mi all en ganz Deil beter. En magern Verglik is beter as en fetten Prozeß.« – »Hei will up mi täuwen, bet ick wedder kam.« – »So?« fröggt Fridrich un dreiht sick wedder so halw üm un seggt: »Möller, weiten S' wat, hei süll sick leiwer mit uns' Fiken vergliken, dat wir dat Best.« – »Wo meinst du dat?« fröggt de Möller. – »Ick mein man«, seggt Fridrich, un as hei sick wedder ümdreiht hett, bögt hei sick vöräwer un kickt scharp den Weg langs, giwwt den Möller de Lin in de Hand, springt von den Wagen, binnt dat Schassürpird hinnen von dat Krett los, un ihr de Möller noch recht weit, wat los warden sall, is hei mit de Mähr in den groten Kölpiner Scheidelgraben rinne, bögt üm 'ne Eck un binnt dat Kretur an'n Dornbusch in den Graben an, dat de Möller nicks von em seihn kann. »Wat hest du?« fröggt de Möller, as hei wedder kümmt. – »Wat ick heww? – Ick heww nicks Gaud's seihn. Dor hinnen up den Stemhäger Stadtfelln kamen twei an tau riden, un as de Sünn so'n beten hervör kek, blitzt dat so; dat sünd Franzosen, un wenn de hir en Schassürpird mit Sadel un Tom drapen hadden, de würden nich slicht mit uns redt hewwen.« – »Wohr ist's«, seggt de Möller.

Sie fahren nun sachte weiter, und Friedlich fragt nach einer Weile: »Müller, was war das für ein schmucker Kerl, der heute in die Mühle hineinging?« – »Das war Jochen Vossens Sohn, mit dem ich den Prinzeß habe. – Gefällt er dir?« – »Ich habe ihn nur von hinten gesehen – ih ja, es gibt einen Grenadier.« – »Er sagt ja, er will sich mit mir vergleichen.« – »Dann gefällt er mir schon ein ganz Teil besser. Ein magerer Vergleich ist besser als ein fetter Prozeß.« – »Er will auf mich warten, bis ich wiederkomme.« – »So?« fragt Friedrich und dreht sich wieder halb um und sagt: »Müller, wissen Sie was? Er sollte sich lieber mit unserer Fiken vergleichen, das wäre das beste.« – »Wie meinst du das?« fragt der Müller. – »Ich meine man,« sagt Friedrich, und als er sich wieder umgedreht hat, biegt er sich vorne über und sieht scharf den Weg entlang, gibt dem Müller die Leine in die Hand, springt vom Wagen, bindet das Chasseurpferd hinten vom Krett los, und ehe der Müller noch recht weiß, was los werden soll, ist er mit der Mähre im großen Kölpiner Scheidegraben, biegt um eine Ecke und bindet das Tier an einen Dornbusch im Graben an, daß der Müller nichts von ihm sehen kann. – »Was hast du?« fragt der Müller, als er wiederkommt. – »Was ich habe? Ich habe nichts Gutes gesehen. Da hinten im Stavenhäger Stadtfeld kommen zweie angeritten, und als die Sonne ein bißchen hervorguckte, blitzte es so; das sind Franzosen, und wenn die hier ein Chasseurpferd mit Sattel und Zaum gefunden hätten, die würden nicht schlecht mit uns geredet haben.« – »Wahr ist's,« sagt der Müller.

So kamen sei nah't Stemhäger Babenholt ran, un Fridrich wis't mit de Pitsch nah de Bäuk, wo noch dat Stroh liggt, un seggt: »Dor heww ick en henleggt.« – »Wenn hei doch noch dor leg!« seggt Möller Voß. – »Nich tau verlangen, Möller! Denn dat hett dese Nacht Bindfaden regent, un in dese Johrstid höllt so'ne Bäuk nich recht dicht.« – »Wohr is't«, seggt de Möller, un as sei dor noch dräwer judizieren, kamen twei Franzosen an tau riden un fragen in ehre Wis' nah de Gielowsch Mähl, denn hir was en Krüzweg, un ihr de Möller noch antworten kann, wis't ehr Fridrich rechts af nah'n Kummerowschen Holt rin, un as sei fragen: wo wid noch?, seggt hei: »'ne lütt liöh«; un de Franzosen riden af.

So kommen sie ans Stavenhäger Oberholz, und Friedrich zeigt mit der Peitsche nach der Buche, wo noch das Stroh liegt, und sagt: »Da hab ich ihn hingelegt.« – »Wenn er doch noch dort läge!« sagt Müller Voß. – »Nicht zu verlangen, Müller! Denn heute nacht hat es Bindfaden geregnet, und in dieser Jahreszeit hält so eine Buche nicht recht dicht.« – »Das ist wahr,« sagt der Müller, und als sie noch darüber reden, kommen zwei Franzosen angeritten und fragen in ihrer Weise nach der Gielowschen Mühle, denn hier war ein Kreuzweg; und ehe der Müller was antworten kann, weist Friedrich sie rechts ab nach dem Cummerowschen Holz hinein, und als sie fragen: wie weit noch? sagt er: »'ne kleine Lieue,« – und die Franzosen reiten ab.

»Wo? Plagt hei di, oder ritt hei di?« fröggt de Möller un schüddelt mit den Kopp: »Wenn de so wider riden, denn känen sei ehr Lewlang de Gielowsch Mähl mit den Start ankiken. – Äwer wotau dat?« – »Möller«, seggt Fridrich, » de Ort dröggt einen nicks in't Hus, un ick heww kein Lust, alle Morgen taum irsten Frühstück korten, upgewarmten Kohl tau eten.« – »Wo meinst du dat?« fröggt de Möller. – »Oh, ick mein man. – Seihn S', Möller, wer weit, ob de beiden, wenn sei nah de Mähl kamen wiren, sick nich in uns' Stin verleiwt hadden. Un't künn jo ok mäglich sin, dat sei ehr nah den Kauhstall nahgahn wiren un dat ehr dat in den Stall en beten beengt vorkamen wir un hadden uns' beiden letzten Melkkäuh rute ledd't; un wenn sei s' denn buten hatt hadden, hadden sei s' villicht in Gedanken vör sick hen drewen, un denn wir't mit de Melksupp des Morgens vörbi west, un de gräun Kohl wir an de Reih kamen, un ick mag den Kohl nich.« – »Mäglich wir dat«, säd de Möller. – »Mäglich is't ok, dat dat nich de Käuh gellt«, seggt Fridrich. »Dit sünd en por von ehr Armeeschandoren, de säuken woll wat anners, un ick glöw, dat is en Glück von Gott, dat wi rut ut de Mähl sünd, denn – Möller, Möller, passen S' up! – sei säuken den Franzosen oder ok Sei sülwst. Wer weit, wat in Stemhagen passiert is! Dor kann wat ruchbor worden sin, un wer weit, ob Fiken nich recht hatt hett. Nu wull ick sülwst, wi hadden den Franzosen.« – »Dat segg ik!« röppt de Möller, »dat segg ick!« – »Hm«, seggt Fridrich, »legen hett hei hir, un upstahn is hei, un hir is hei hendalen gahn; dit sünd sin Spor in den deipen Leihm, un kiken S', hei hett dat Stroh noch en En'n lang mit slept, un nah Gülzow is hei hentaugahn. Nu will ick Sei dat Pird halen, un Sei führen tau Amt un liwern Pird un Mantelsack af, un ick gah achter den Franzosen her un grip em.«

»Wie? plagt er dich, oder reitet er dich?« fragt der Müller und schüttelt den Kopf; »wenn die so weiter reiten, dann können sie ihr Lebelang die Gielowsche Mühle mit dem Schwanz angucken – aber wozu das?« – »Müller,« sagt Friedrich, »die Art trägt einem nichts ins Haus, und ich habe keine Lust, jeden Morgen zum ersten Frühstück aufgewärmten kurzen Kohl zu essen.« – »Wie meinst du das?« fragt der Müller. – »Oh, ich meine man. – Sehen Sie, Müller, wer weiß, ob die beiden, wenn sie nach der Mühle gekommen wären, sich nicht in unsere Stine verliebt hätten. Und es könnte ja auch möglich sein, daß sie ihr in den Kuhstall nachgegangen wären, und daß es ihnen im Stall ein bißchen beengt vorgekommen wäre, und daß sie unsere beiden letzten Milchkühe herausgezogen hätten; und wenn sie sie dann draußen gehabt hätten, hätten sie sie vielleicht in Gedanken vor sich hin getrieben, und dann wäre es mit der Milchsuppe des Morgens vorbei gewesen, und der grüne Kohl wäre an die Reihe gekommen, und ich mag den Kohl nicht.« – »Möglich wäre das,« sagte der Müller. – »Möglich ist es auch, daß es nicht den Kühen gilt,« sagt Friedrich. »Diese sind ein Paar von ihren Armeegendarmen; die suchen wohl was anderes, und ich glaube, es ist ein Glück von Gott, daß wir aus der Mühle heraus sind, denn – Müller, Müller, passen Sie auf! – sie suchen den Franzosen oder auch Sie selber! Wer weiß, was in Stavenhagen passiert ist! Da kann etwas ruchbar geworden sein – und wer weiß, ob Fiken nicht recht gehabt hat? Nun wollte ich selber, wir hätten den Franzosen.« – »Das sage ich!« ruft der Müller »das sage ich!« – »Hm,« sagt Friedrich, »gelegen hat er hier, und aufgestanden ist er, und hier ist er entlang gegangen; dies sind seine Spuren im tiefen Lehm, und sehen Sie, er hat das Stroh noch ein Stück Weges mit sich geschleppt, und nach Gülzow zu ist er gegangen. Nun will ich Ihnen das Pferd holen, und Sie fahren zu Amte und liefern Pferd und Mantelsack ab, und ich gehe hinter dem Franzosen her und greife ihn.«

Geseggt, gedahn. Dat Pird ward anbun'n, un Fridrich geiht dörch dat Babenholt nah Gülzow tau un seggt tau sick: »Dümurrjöh! Ick heww den ollen Möller schön wat anrührt, un uns' Fiken is doch 'ne lütte hellsche Dirn, un wenn de Franzos' noch twischen hir un Gripswold tau finnen is, her sall hei!«

Gesagt, getan. Das Pferd wird angebunden, und Friedrich geht durch das Oberholz nach Gülzow zu und sagt bei sich selber: »Dümurrjöh! ich habe dem alten Müller was Schönes angerührt, und unser Fiken ist doch ein kleines verteufeltes Mädchen, und wenn der Franzose noch zwischen hier und Greifswald zu finden ist, her soll er!«– –

De Möller satt up den Wagen un führt nah Stemhagen tau, un hei kratzt sick den Kopp un wunnerwarkt, un allerlei gung em mit Grundis. »Herr du meines Lewens«, säd hei, »wenn min lütt Fiken nich west wir, ick set jo woll all in Block un in Isen, un rut bün ick noch lang' nich, denn der Deuwel geiht nu irst los, un regen deiht't nu ok all, un dat nich slicht.«

Der Müller saß auf dem Wagen und fuhr nach Stavenhagen, und kratzte sich den Kopf und wunderwerkte, und allerlei ging ihm mit Grundeis. »Herr du meines Lebens,« sagte er, »wenn meine kleine Fiken nicht gewesen wäre, ich säße ja wohl schon in Block und Eisen, und 'raus bin ich noch lange nicht, denn der Teufel geht jetzt erst los, und regnen tut's nun auch schon, und das nicht schlecht.«

So kümmt hei mang de Stemhäger Schüns, un de irst, de em upstött, is Bäcker Witt; de höllt mit en Strohwagen vör sin Schün un seggt: »Gun Morgen, Gevatter. Wo Dunner? Wo kümmst du tau 'n Franzosenpird?« – »Je, dat segg man mal!« seggt Möller Voß un vertellt em de Sak ganz in'n korten. »Dat's en slimm Stück«, seggt Bäcker Witt, »denn de ganze Stadt liggt vull Franzosen, un dat Pird kannst du nich dörchbringen, ahn dat sei't künnig warden; ick rad di, stell't hir in min leddig Schünfack.«

So kommt er zwischen die Stavenhäger Scheunen. Der erste, der ihm begegnet, ist Bäcker Witt; der hält mit einem Strohwagen vor seiner Scheune und sagt: »Guten Morgen, Gevatter! Wie, Donner? Wie kommst du zu einem Franzosenpferd?« – »Je, das sage man mal!« sagt Müller Voß und erzählt ihm die Sache in aller Kürze. »Das ist ein schlimmes Stück!« sagt Bäcker Witt; »denn die ganze Stadt liegt voll von Franzosen, und das Pferd kannst du nicht durchbringen, ohne daß sie's merken; ich rate dir, stell es hier in mein leeres Scheunenfach.«

Na, dat geschüht, un oll Bäcker Witt treckt sinen krummen missingschen Horkamm von vör nah achter dörch dat grise Hor, schüddelt den Kopp un seggt: »Vadder, du hest di dor in 'ne Sak inlaten, wo du vel Ungelegenheiten von hewwen kannst; un up den Sloß schint mi dat all gor nich richtig tau sin, denn de Herr Amtshauptmann hett sick hüt morgen sin Herrenbrod tau'n Koffe all Klock acht halen laten staats süs Klock elben; un Fritz Sahlmann seggt, Mamsell Westphalen wir feldflüchtig worden, kein Minsch wüßt, wo sei staben un flagen wir; un dat de Uhrkenmaker in't Börgergehursam smeten is, heww ick sülwst seihn, un de Lüd' reden jo von Standrecht un von Dodscheiten.« – »Gott sall mi bewahren!« röppt de oll Möller, »in wat för'n Immenswarm heww ick mi dalset't! Äwer dat helpt nich, den Mantelsack möt ick den ollen Herrn up't Sloß bringen. Un, Vadder, ick ward üm de Stadt rüm führen bet nah de gräun Purt von den Sloßgorn, un dor ward ich min Mähren anbin'n, gah mi nah un bring dat Fuhrwark in Säkerheit, un sülln sei mi in den Presong bringen, denn führ rut nah de Mähl un bring min Fru un Fiken dat mit Gelimplichkeit bi, un segg den jungen Minschen, den du dor drapen wardst, hei süll't sinen Vedder tau Gefallen dauhn un süll up Mähl un Wirtschaft passen un de Frugenslüd' nich verlaten.« – Bäcker Witt verspreckt em dat, un hei führt üm den Sloßgorn rüm, binnt dat Fuhrwark an un will den Mantelsack up't Sloß dragen, dunn jagt oll Pächter Roggenbomen sin Kutscher, Jehann Brümmer, dörch de Purt un klappt achter de vir Hellbrunen, dat sei hinnen utslahn un em den Dreck in de Ogen smiten, un röppt: »Beter mi wat in't Gesicht as jug Strimen up't Fell!« – Achter drin kümmt oll Zanner ut Gülzow mit sin beiden Gelen un seggt: »Na, dat fehlt noch! Schinnerban'n!« un jöggt in'n G'lopp äwer'n Amtsbrink. »Ja«, seggt oll Ackersmann Adler ut Stemhagen, hett sick en Sack äwer de Schullern namen – denn dat wiren de dunnmaligen Regenröck – un stangelt sin oll swart Sadelmähr in de Ribben rüm, »Kanonenführen? Nich wohr, Ollsch, dat wir en Geschäft för uns? – Ne, ick bring jug in't Stemhäger Stadtholt un binn jug in de Sandkuhl an. 't is ganz egal: tau freten hewwt ji tau Hus ok nicks; äwer regen deiht't verfluchten.« – Un as de Möller in den Goren kümmt, dunn tockt un hurrickt dat allens dor mit de Gespannen rümme achter de Büsche un achter den Wall, un jeder will sin Mähren in Säkerheit bringen. – »Möller Voß«, seggt Schult Besserdichen sin Sähn ut Gülzow, »bring Hei sin Mähren bi Sid! Wat jichtens en beten klauk is, makt sick den schönen Regen tau Nutz, denn de Franzosen sünd unner Dack un Fack krapen.« De oll Möller geiht äwer stramm wider un dröggt sinen Mantelsack up't Sloß.

Nun, das geschieht, und der alte Bäcker Witt zieht seinen krummen Messinghaarkamm von vorne nach hinten durch das graue Haar, schüttelt den Kopf und sagt: »Gevatter, du hast dich da in eine Sache eingelassen, von der du viele Ungelegenheiten haben kannst; und auf dem Schloß erst, da scheint es mir gar nicht richtig zu sein, denn der Herr Amtshauptmann hat sich heute morgen sein Herrenbrot zum Kaffee schon um acht holen lassen, statt sonst um elf; und Fritz Sahlmann sagt, Mamsell Westphal wäre feldflüchtig geworden; kein Mensch wüßte, wo sie abgeblieben wäre; und daß der Uhrmacher ins Bürgergehorsam geworfen ist, habe ich selber gesehen, und die Leute reden ja von Standrecht und von Totschießen.« – »Gott soll mich bewahren!« ruft der alte Müller. »In was für einen Bienenschwarm habe ich mich gesetzt! Aber das hilft nichts, den Mantelsack muß ich dem alten Herrn aufs Schloß bringen. Und, Gevatter, ich werde um die Stadt herumfahren bis nach der grünen Pforte des Schloßgartens und werde dort meine Pferde anbinden; geh mir nach und bringe das Fuhrwerk in Sicherheit, und sollten sie mich ins Loch bringen, dann fahre nach der Mühle hinauf und bringe es meiner Frau und Fiken glimpflich bei, und sage dem jungen Menschen, den du dort treffen wirst, er solle seinem Vetter zu Gefallen auf Mühle und Wirtschaft passen und die Fraunsleute nicht verlassen.« – Bäcker Witt verspricht ihm dies, und er fährt um den Schloßgarten herum, bindet das Fuhrwerk an und will den Mantelsack aufs Schloß tragen, da jagt des alten Pächters Roggenbom Kutscher, Johann Brümmer, durch die Pforte und schlägt auf die vier Hellbraunen, daß sie hinten ausschlagen und ihm den Dreck in die Augen schmeißen, und ruft: »Besser mir was ins Gesicht, als euch Striemen aufs Fell!« – Hinterdrein kommt der alte Zanner aus Gülzow mit seinen beiden Gelben und sagt: »Na, das fehlte noch! Schinderbande!« Und jagt im Galopp über den Amtsbrink. »Ja,« sagt der alte Ackersmann Adler aus Stavenhagen, hat seinen Sack über die Schultern genommen – denn das waren die damaligen Regenröcke – und schlagt seinem alten schwarzen Sattelpferd mit den Absätzen in die Rippen, »Kanonenfahren? Nicht wahr, Altsche, das wäre ein Geschäft für uns? – Nein, ich bringe euch ins Stavenhäger Stadtholz und binde euch in der Sandgrube an. 's ist ganz egal: zu fressen habt ihr zu Hause auch nichts. Aber regnen tut es ganz verflucht!« – Und als der Müller in den Garten kommt, da zieht und zerrt dort alles mit den Gespannen hinter den Büschen und hinterm Wall herum, und jeder will seine Mähren in Sicherheit bringen. – »Müller Voß,« sagt der Sohn vom Schulzen Besserdich aus Gülzow, »bring Er seine Pferde beiseite! Alles was ein bißchen klug ist, macht sich den schönen Regen zunutze, denn die Franzosen sind unter Dach und Fach gekrochen.« Der alte Müller geht aber stramm weiter und trägt seinen Mantelsack aufs Schloß.

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