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Ut de Franzosentid/Aus der Franzosenzeit - Plattdeutsch/Hochdeutsch

Fritz Reuter: Ut de Franzosentid/Aus der Franzosenzeit - Plattdeutsch/Hochdeutsch - Kapitel 3
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authorFritz Reuter
titleUt de Franzosentid/Aus der Franzosenzeit - Plattdeutsch/Hochdeutsch
publisherVerlag von Otto Janke/Leipzig
translatorHeinrich Conrad
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Dat tweite Kapittel

Zweites Kapitel

Wat Mamsell Westphalen un de Uhrkenmaker mit enanner redten, un worüm Fridrich den Franzosen de Knöp von de Hosen sniden will un em nahsten in den Stemhäger Babenholt tau Bedd bringt, un worüm Fiken den Malchiner Kopmann nich namen hett.

Was Mamsell Westphal und der Uhrmacher mit einander sprachen, und warum Friedrich dem Franzosen die Knöpfe von den Hosen schneiden will und ihn nachher im Stavenhäger Oberholz zu Bett bringt, und warum Fiken den MaIchiner Kaufmann nicht genommen hat.

As de Sloßhof leddig was, marschiert de Uhrkenmaker mit Obergewehr un Unnergewehr in Mamsell Westphalen ehr Spis'kamer rin, un Mamsell Westphalen drögt sick de Ogen un säd: »Herr Droi, Sei sünd en Engel der Rettung!« – Sei nennt em nämlich ümmer »Droi« staats »Droz«, wil sei glöwt, »Droi« wir richtiger Französch, un de Lüd' gewen em den richtigen Akzang nich. – De Engel der Rettung set't nu sinen Schapschinken in den Septubben, hung sin Kes'metz an den Fleischhaken, stülpt sin Borenmütz up dat Botterfatt un set't sick sülwst up den Anrichtklotz, treckt en gewürfelt Snuwdauk herut, läd dat sauber up de Knei tausam un fohrt sick dormit tweimal sachtmäudig unner de krumme Näs' dörch, treckt drup sine grote, runne Snuwtobacksdos' herut un reckt sei Mamsell Westphalen hen un frog ehr: »Pläh t'i?« – »Ja woll«, säd Mamsell Westphalen, »pläh t'i mi dat, denn, Herr Droi, ick heww sihr slichte Ogen, un sei sünd sid verleden Harwst ümmer swäcker worden; ick hadd dunn de grote Krankheit, un de Dokters gewen ehr en hogen Namen; äwer, Herr Droi, ick segg, dat was dat gewöhnliche miserabele Stoppelfewer, un dorbi bliw ick.«' So säd sei un set't vör Herr Droi'n 'ne schöne braden Ahnt un 'ne Buddel Win, äwer von den Herrn Amtshauptmann sinen gauden, un makt en Knix, as wenn ein in't Water unnerduken deiht, un säd ok: »Pläh t'i?« Na, den Uhrkenmaker »pläh t'i 't« denn dit ok sihr, un em würd tau Maud', as wir hei'n würklichen Engel, un Mamsell Westphalen ehr Spis'kamer wir gegen sin Pölltüften un Speck en Paradis, un as hei bi de tweite Buddel Win was, redte hei vel von den schönen »Wäng dö Walangäng« un von »der ßöne Sweiz«. – Un Mamsell Westphalen säd: »Sei hewwen recht, Herr Droi, Sweit is e ne schöne Sak, vör allen bi'n Snuppen; ick drink den ümmer Fledertee.« – »Ah«, seggt Herr Droi, »Fiereteh! Wui, sche swi fiähr von meine Land. – Oh, Sie muß mal kommen in die Land, da singen die Vögel, un da brummen die Bachen.«

Na, mit de Wil was dat düster worden, un Fritz Sahlmann kümmt herin in de Spis'kamer un seggt: »Na, dit's ne schöne Geschicht: de Herr Amtshauptmann löppt in'n Horen bi düster Nacht in'n Goren rümmer un resonniert för sick hen, de Burmeister hett sick sachten ut den Stohm makt, Möller Vossen sin Fridrich hölt nu all 'ne Stun'n lang vör den Dur un schimpt up de verfluchten Patriotten un up den Spitzbauwen Dümurrjöh, un de Möller hölt den Franzosen de Fust vör de Snut un fröggt, wo sin vir Mähren un sin söß Ossen blewen sünd, de em de Franzosen namen hewwen, un de Franzos' sitt dor un rüppelt un rögt sick nich un rallögt.« – »Fritz Sahlmann«, fröggt Mamsell Westphalen, »rögt hei sick nich?« – »Ne, Mamselling.« – »Fritz Sahlmann, ick weit, du hest tauwilen den Hasenfaut in de Tasch, un du dröggst di männigmal stark mit Unwohrheiten; ick frag di up din Gewissen: rögt hei sick gor nich?« -«Ne, Mamselling, ganz un gor nich.« – »Na, Herr Droi, denn kamen S', denn will wi ruppe gahn un dor taum Rechten seihn; nemen Sei sick äwer wat von Ehr Geschirr taum Hauen un taum Steken mit, un wenn Sei seihn, dat hei mi tau Liw' will, denn stahn Sei mi bi. Un du, Fritz Sahlmann, lop nah den Möller sinen Fridrich un segg em, hei sall de Pird afsträngen un sall rin kamen, denn beter is beter, un wat ein gaud dauhn kann, ward twei nich sur.«

Als der Schloßhof leer war, marschierte der Uhrmacher mit Obergewehr und Untergewehr in Mamsell Westphals Speisekammer hinein, und Mamsell Westphal trocknete sich die Augen und sagte: »Herr Droi, Sie sind ein Engel der Rettung!« Sie nannte ihn nämlich immer ›Droi‹ statt ›Droz‹, weil sie glaubte, ›Droi‹ wäre richtigeres Französisch und die Leute gäben ihm nicht den richtigen Akzent. Der Engel der Rettung setzte nun seinen ›Schafschinken‹ an den Seifenbottich, hängte sein Käsemesser an den Fleischhaken, stülpte seine Bärenmütze auf das Butterfaß und setzte sich selber auf den Anrichteklotz, zog ein gewürfeltes Schnupftuch hervor, legte es sauber auf den Knien zusammen und fuhr sich damit zweimal sachte unter der krummen Nase durch; dann nahm er seine große runde Schnupftabaksdose heraus, streckte sie Mamsell Westphal hin und fragte: »Plaît-il?« – »Jawohl,« sagte Mamsell Westphal, »pläht'i mir das, denn, Herr Droi, ich habe sehr schlechte Augen, und seit dem vorigen Herbst sind sie immer schwächer geworden; ich hatte damals die große Krankheit, und die Doktoren gaben ihr einen hohen Namen; aber, Herr Droi, ich sage, das war das gewöhnliche miserable Stoppelfieber, und dabei bleibe ich! – So!« sagte sie dann und setzte vor Herrn Droz eine schöne gebratene Ente hin und eine Flasche Wein – aber von des Herrn Amtshauptmanns gutem – und machte einen Knicks, wie wenn einer im Wasser untertaucht, und sagte auch: »Pläht' i?« Na, dem Uhrmacher plähtite dies denn auch sehr und ihm wurde zumute, als wäre er ein wirklicher Engel, und Mamsell Westphals Speisekammer war im Vergleich mit seinen Pellkartoffeln und Speck ein Paradies, und als er bei der zweiten Flasche Wein war, redete er viel von dem schönen vin de Valengin und von ›der szöne Sweiz‹. Und Mamsell Westphal sagte: »Sie haben recht, Herr Droi, Schweiß ist 'ne schöne Sache, vor allem bei einem Schnupfen: ich trinke dann immer Fliedertee.« – »Ah!« sagte Herr Droz, »fierté! Oui, je suis fier von meine Land. Oh, Sie muß mal kommen in die Land, da singen die Vögel und da brummen die Bachen.« Na, mittlerweile war es dunkel geworden, und Fritz Sahlmann kommt in die Speisekammer und sagt: »Na, dies ist 'ne schöne Geschichte: der Herr Amtshauptmann läuft bei düsterer Nacht in bloßen Haaren im Garten 'rum und räsonniert vor sich hin, der Bürgermeister hat sich sachte aus dem Staub gemacht, Müller Vossens Friedrich hält nun schon 'ne ganze Stunde lang vor'm Tor und schimpft auf die verfluchten Patrioten und den Spitzbuben Dumouriez, und der Müller hält dem Franzosen die Faust unter die Nase und fragt, wo seine vier Mähren und seine sechs Ochsen geblieben seien, die die Franzosen ihm genommen, und der Franzose sitzt da und rippelt und rührt sich nicht und verdreht die Augen.« – »Fritz Sahlmann,« fragte Mamsell Westphalen, »rührt er sich nicht?« – »Ne, Mamselling!« – »Fritz Sahlmann, ich weiß, du hast zuweilen den Hasenfuß in der Tasche und trägst dich manchmal stark mit Unwahrheiten; ich frage dich auf dein Gewissen: rührt er sich gar nicht?« – »Ne, Mamselling – ganz und gar nicht!« – »Na, Herr Droi, dann kommen Sie! Dann wollen wir hinaufgehn und nach dem Rechten sehen. Nehmen Sie sich aber was von Ihrem Geschirr zum Hauen und Stechen mit, und wenn Sie sehen, daß er mir zu Leibe will, dann stehn Sie mir bei! Und du, Fritz Sahlmann, lauf zu Müllers Friedrich und sag ihm, er solle die Pferde absträngen und 'rein kommen; denn besser ist besser, und was einer gut tun kann, das wird zweien nicht sauer.«

Fridrich kümmt denn nu ok rin un kriggt en dägten Snaps un schüddt sick, as dat nah en groten Sluck Mod' is, un de Tog geiht nu vorwärts nah den Herrn Amtshauptmann sin Stuw'; Fridrich vöran, denn Mamsell Westphalen, de den Uhrkenmaker unner den Arm fat't hett, un tauletzt Fritz Sahlmann in'n Hinnerholt.

Friedrich kommt denn nun auch herein und kriegt einen tüchtigen Schnaps und schüttelt sich, wie's nach einem großen Schluck Mode ist, und der Zug geht darauf vorwärts nach des Herrn Amtshauptmanns Stube. Friedrich voran, dann Mamsell Westphal, die den Uhrmacher untergefaßt hat, und zuletzt Fritz Sahlmann im Hintertreffen.

As sei rin kamen in de Stuw', sitt de Möller an'n Disch un hett twei vulle Gläs' vör sick stahn un stött mit dat ein an dat anner un mit dat anner an dat ein un drinkt ümschichtig för twei un grint lustig äwer dat ganze breide Gesicht. Den Rock hett hei uttagen, wil em bi de Sak heit worden is, un up den Kopp hett hei den Franzosen sine Kaskett mit den langen Pirdswanz, un äwer sinen dicken Buk hett hei, so gaud as't geiht, den Franzosen sinen Säbel snallt. De äwer liggt verlangs in 'ne Eck von den Sofa un hett den Herrn Amtshauptmann sine wittbomwull'ne Slapmütz up un sinen Slaprock mit de roden Blaumen an, un de Spitzbauw von Möller hett em staats den Säbel 'ne grote Fedderflunk in de Hand gewen, un dormit fuchtelt hei stillswigend in de Luft rüm, denn reden kann hei kein Wurd.

Als sie in die Stube kommen, sitzt der Müller am Tisch, hat zwei volle Gläser vor sich stehn und stößt mit dem einen an das andere, dann mit dem anderen an das eine und trinkt abwechselnd für zwei und grinst lustig über das ganze breite Gesicht. Den Rock hat er ausgezogen, weil ihm bei der Sache heiß geworden ist, auf dem Kopf hat er des Franzosen Kaskett mit dem langen Roßschweif und über seinen dicken Bauch hat er, so gut es gehen will, den französischen Säbel geschnallt. Der Franzos aber liegt lang ausgestreckt in der Sofaecke, hat des Herrn Amtshauptmanns baumwollene Schlafmütze auf und seinen rotgeblümten Schlafrock an, und der Spitzbube von Müller hat ihm statt des Säbels einen großen Flederwisch in die Hand gegeben, und damit fuchtelt der Chasseur stillschweigend in der Luft herum, denn reden kann er kein Wort mehr.

As Mamsell Westphalen in de Dör kümmt un den Ümstand süht, set't sei de beiden Arm in de Sid, as jede rechtschaffene, öllerhafte Person, de up richtigen Wegen is, eigentlich dauhn müßt, un fröggt: »Möller Voß, wat sall dit? Wat heit dit? Un wat bedüd't dit?« De Möller will antwurten, kriggt äwer dat Lachen un bringt mit knappe Not herut: »Kemedikram!« – »Wat?« fröggt Mamsell Westphalen. »Is dat 'ne Antwurt von en Mann mit Fru un Kinner? Is dat en Respekt vör sinen Vörgesetzten, so'ne Uhlenspeigelstreich in sine Studierstuw' antaustellen? Herr Droi, kamen S' mit.« Dormit geiht sei up den Franzosen los un ritt ein de Slapmütz von den Kopp un sleiht sei em tweimal üm de Uhren un seggt blot de beiden Würd: »de unschüllige Slapmütz!« un »du Farken!« un dreiht sick üm un röppt: »Un Hei, Fridrich, kam Hei her, un help Hei mi den Kirl ut den oll'n Herrn sinen Rockelur; un Sei, Herr Droi, denn Sei warden sick dorup verstahn, nemen S' den unklauken Möller den Suppenpott von den Kopp un snallen S' em von den Säbel los.« – As dit denn nu gescheihn is, dunn seggt sei: »Un du, Fritz Sahlmann, du olle Plätertasch, du Snackfatt von de Eck, du unnersteihst di nich un seggst den Herrn Amtshauptmann, wat mit sin Kommoditäten hir passiert is, denn hei lett sei süs verbrennen, un wat kann de Slaprock un de Slapmütz dorför, dat olle Lüd' tau Jungs warden.« Dorbi kiekt sei den ollen grinigen Möller scharp an, steckt den Proppen up de Winbuddel, set't de Arm wedder in de Sid un fröggt: »Wat nu?«

Als Mamsell Westphal zur Tür hereinkommt und die Bescherung sieht, setzt sie beide Arme in die Seite, wie's jede rechtschaffene ältliche Person, die auf rechten Wegen ist, eigentlich tun sollte, und fragt: »Müller Voß, was soll das? Was heißt dies? Und was bedeutet dies?« – Der Müller will antworten, gerät aber ins Lachen und bringt mit knapper Not heraus: »Komödienkram!« – »Was!« ruft Mamsell Westphal. »Ist das 'ne Antwort von 'nem Mann mit Frau und Kindern? Ist das ein Respekt vor seinem Vorgesetzten, solche Eulenspiegelstreiche in seiner Studierstube anzustellen? Herr Droi, kommen Sie mit!« Damit geht sie auf den Franzosen los, reißt ihm die Schlafmütze vom Kopf, schlägt sie ihm zweimal um die Ohren und sagte bloß die beiden Worte: »Die unschuldige Schlafmütze!« und: »Du Ferkel!« Dreht sich um und ruft: »Und Er, Friedrich, komm Er her und helf Er dem Kerl aus des alten Herrn Rockelor heraus; und Sie, Herr Droi, denn Sie werden sich darauf verstehen, nehmen Sie dem unklugen Müller den Suppentopf vom Kopf und schnallen Sie ihm den Säbel los!« Als dies denn nun geschehen war, sagt sie: »Und du, Fritz Sahlmann, du alte Plaudertasche, du Schnackfaß von der Ecke! Du unterstehst dich nicht und sagst dem Herrn Amtshauptmann, was mit seinen Kommoditäten hier passiert ist; denn er läßt sie sonst verbrennen, und was können der Schlafrock und die Schlafmütze dafür, daß alte Leute zu Jungens werden!« Dabei guckt sie den alten grinsenden Müller scharf an, steckt den Pfropfen auf die Weinflasche, setzt wieder die Arme in die Seiten und fragt: »Was nun?«

»Ick weit't«, seggt Fridrich, tüht sin Klappmetz ut de Tasch, snappt dat up, geiht up den Franzosen los, ritt em de Mondierung up un ward em dor up 'ne sihr sonderbore Ort unner de korten Rippen rümfummeln.

»Ich weiß!« sagt Friedrich, zieht sein Klappmesser aus der Tasche, macht es auf, geht auf den Franzosen los, reißt ihm die Montur auf und fängt an, ihm auf eine sehr sonderbare Art unter den kurzen Rippen herumzufummeln.

»Herre Jesus, Fridrich!« röppt Mamsell Westphalen un springt dortwischen, »wo, plagt Em de Bös'? Hei ward hir doch keinen Murd anstiften?« – »Diabel!« seggt Herr Droi un ritt Fridrichen den Arm t'rügg, un Fritz Sahlmann, de unverstännige Slüngel, ritt dat Finster up un schrie't: »Herr Amtshauptmann, Herr Amtshauptmann! Nu geiht't los!« – Swabb! hett hei einen up dat Mul, de em ganz bekannt vörkamm, wil dat hei däglich von Mamsell Westphalen ehr Ort en Stückener drei kreg; dat heit in'n pohlschen Bogen berekent, denn tellt würden sei nich.

»Herre Jesus, Friedrich!« ruft Mamsell Westphal und springt dazwischen, »was? plagt Ihn der Böse? Er wird hier doch keinen Mord anstiften?« – » Diable!« sagt Herr Droz und reißt Friedrich den Arm zurück, und Fritz Sahlmann, der unverständige Schlingel, reißt das Fenster auf und schreit: »Herr Amtshauptmann! Herr Amtshauptmann, nun geht's los!« Schwabb! hat er einen an den Ohren, der ihm ganz bekannt vorkam, weil er täglich von Mamsell Westphals Sorte etwa drei bekam – das heißt: in Bausch und Bogen berechnet, denn gezählt wurden sie nicht.

Fridrich äwer stunn ganz ruhig dor un säd: »Wo so denn? Wat meinen Sei? Denken Sei, dat ick Kinner freten dauh? – Ick will em blot de Knöp von de Büx afsniden, denn so hewwen wi dat ümmer makt, wenn wi weck fungen hadden, as ick noch gegen de verfluchten Patriotten in Holland deinen ded un gegen den Spitzbauwen Dümurrjöh unner den Herzog von Brunswik in de nägentiger Johren.« Un wend't sick an Mamsell Westphalen: »Denn, Mamselling, denn känen sei nich schappieren, denn sackt ehr de Hos' in de Knei.«

Friedrich aber stand ganz ruhig da und sagte: »Wieso denn? Was meinen Sie? Denken Sie, daß ich Kinder fresse? Ich will ihm bloß die Knöpfe von der Hose abschneiden; denn so haben wir's immer gemacht, wenn wir welche gefangen hatten, als ich noch gegen die verfluchten Patrioten in Holland diente und gegen den Spitzbuben Dumouriez unter dem Herzog von Braunschweig in den neunziger Jahren.« Und zu Mamsell Westphalen gewandt: »Denn, Mamselline, dann können sie nicht schappieren; dann sinken ihnen die Hosen in die Knie.«

»Schäm Hei sick, Fridrich, mi so wat tau seggen! Wat gellen mi den Franzosen sin Hosen an un sin Knei? Un von so'n Anblick will ick hir nicks weiten, un kein Minsch sall seggen, dat hir in den Herrn Amtshauptmann sine Studierstuw' so wat Despektierliches tau seihn west is. Ne, leiwerst will'n wi ratslagen, wo wi mit den Kirl bliwen.«

»Schäm Er sich, Friedrich, mir so was zu sagen!! Was gehen mich dem Franzosen seine Hosen an und seine Knie! Und von solchem Anblick will ich hier nichts wissen, und kein Mensch soll sagen, daß hier in des Herrn Amtshauptmanns Studierstube so was Despektierliches zu sehen gewesen ist. Nein, lieber wollen wir ratschlagen, wo wir mit dem Kerl bleiben!«

Dunn drängt sick Möller Voß nah vör un will sick vör de Bost slagen, sleiht sick äwer wider dalwarts up de Mag' un seggt. »Bliwen? Wat bliwen? Wo ick bliw, bliwwt hei ok, un wi beiden hewwen Bräuderschaft drunken, un hei 's en richtigen Franzos' un ick en richtigen Meckelnbörger, un wer dorvon wat weiten will, de kam her!« Un kickt sei all de Reih nah an, un as keiner wat dortau seggt, kloppt hei den Franzosen up de Schuller un seggt: »Brauder, ick nem di mit mi.« – »Dat is ok dat Best«, seggt Mamsell Westphalen, »denn sünd wi em los. – Herr Droi, faten S' an!« Un de ein »grang Nationg« fött de anner »grang Nationg« an de Bein, un Fridrich fött em 't Ens den Kopp, Fritz Sahlmann dröggt dat Licht, Mamsell Westphalen kummandiert dat Ganze, un de Möller geiht in'n lütten Bogen achter her.

Da drängt sich Müller Voß nach vorne und will sich vor die Brust schlagen, schlägt sich aber weiter unten vor den Magen und sagt: »Bleiben? Was bleiben! Wo ich bleibe, bleibt er auch, und wir haben Brüderschaft getrunken, und er ist 'n richtiger Franzos, und ich bin 'n richtiger Mecklenburger, und wer davon was wissen will, der komme her!« Sieht sie alle der Reihe nach an, und als keiner was dazu sagt, klopft er dem Franzosen auf die Schulter und sagt: »Bruder! ich nehme dich mit!« – »Das ist auch das beste!« ruft Mamsell Westphal. »Dann sind wir ihn los ... Herr Droi, fassen Sie an!« – Und die eine ›grande nation‹ faßt die andere ›grande nation‹ an den Beinen, Friedrich hält ihn oben am Kopfende, Fritz Sahlmann trägt das Licht, Mamsell Westphal kommandiert das Ganze, und der Müller geht in einem kleinen Bogen hinterher.

»So«, seggt Fridrich, »nu man hinnen rin in dat Krett! – So, nu ligg du man! – Fritz Sahlmann, sträng mi de Mähren an! Un Sei, Herr Droi, helpen S' mi den Möller rup; äwer nemen S' sick in acht, dat hei de Blansierung nich verliert, denn ick kenn em, hei sleiht äwer.«

»So!« sagt Friedrich. »Nun man hinten 'rein ins Krett! So! Da liege du man! Fritz Sahlmann, sträng' mir die Mähren an! Und Sie, Herr Droi, helfen Sie dem Müller hinauf; aber nehmen Sie sich in acht, daß er nicht das Gleichgewicht verliere; denn ich kenne ihn: er überschlägt sich!«

As de Möller nu sitt, fröggt Fridrich: »Na, allens an Burd?« – »Allens an Burd!« seggt Mamsell Westphalen. – »Na, denn man ›jüh‹!« seggt Fridrich. Knapp äwerst is hei en por Schritt führt, dunn röppt de Uhrkenmaker: »Alt! alt! Friderik! – Sie aben vorgestern die Kamerad sein Schewal, es stehn in die Logis für die kleine Puhl!« – »Ja«, seggt Fritz Sahlmann. »'t steiht in den Hauhnerstall.« – »Na, denn hal't«, seggt Fridrich, »un bind't achter den Wagen.«

Als der Müller nun sitzt, fragt Friedrich: »Na? Alles an Bord?« – »Alles an Bord!« ruft Mamsell Westphalen. – »Na, denn man jüh!« sagt Friedrich. Kaum aber ist er ein paar Schritte weit gefahren, so ruft der Uhrmacher: »Alt! Alt! Friderik! Sie aben vergestern die Kamerad sein cheval, es stehn in die logis für die kleine poule.« – »Ja,« sagt Fritz Sahlmann, »es steht im Hühnerstall!« – »Na, dann hol's!« sagt Friedrich, »und bind's hinter den Wagen.«

Na, dat schüht denn ok, un as sei noch dorbi sünd, kümmt de oll Amtshauptmann von sin Motschon ut den Goren taurügg un fröggt, wat hir los wir. »Nicks nich«, seggt Mamsell Westphalen. »Möller Voß hett blot den Franzosen inladen, mit em tau führen un de Nacht up de Gielowsch Mähl tau bliwen.« – »Das ist denn eine andere Sache!« seggt de oll Herr. »Adjüs ok, Möller! Ich ward Em dat gedenken.« – De Möller brummelt wat in den Bort von sihr schönes, fruchtbores Weder, un Mamsell Westphalen flustert Fritz Sahlmannen tau, hei süll vörup lopen un süll den Franzosen sinen Säbel un sinen Pirdswanz ut den Herrn sine Stuw' halen, dat sei em nich in de Ogen felen. »Bring sei man nah min Stuw'«, säd sei, »un stell sei achter min Bedd.«

Dies geschieht denn auch, und als sie noch dabei sind, kommt der alte Amtshauptmann von seinem Spaziergang aus dem Garten zurück und fragt, was hier los sei. »Nix nicht!« antwortet Mamsell Westphal. »Müller Voß hat bloß den Franzosen eingeladen, mit ihm zu fahren und die Nacht auf der Gielowschen Mühle zu bleiben.« – »Das ist denn eine andere Sache!« sagt der alte Herr. »Adjüs auch, Müller, ich werd' Ihm das gedenken.« Der Müller brummelt was in den Bart von sehr schönem, fruchtbarem Wetter, und Mamsell Westphal flüstert Fritz Sahlmann zu, er solle voraus laufen und den Säbel und Pferdeschwanz des Franzosen aus des Herrn Amtshauptmanns Stube holen, damit sie ihm nicht in die Augen fielen. »Bringe sie nur in meine Stube,« sagte sie, »und stelle sie hinter mein Bett.«

Fridrich äwer klappte nu mang de Mähren un jog den Sloßbarg hendal, rin in de Malchiner Strat un säd tau sick: »Dit is dat Prauwstück; wenn de Möller bi desen Damm un bi dit Bädeln up den Sack sitten bliwwt, denn kümmt hei hüt abend ok allein von den Wagen run.« Äwer as hei mang de Schüns kamm un sick ümsach, dunn lagg de Möller tischen den vöddelsten un hindelsten Sack, un Fridrich säd: »Ahn Hülp kümmt de nich wedder run«, un halt en por Säck hervör un deckt sei em äwer't Liw, dat hei sick nich verküllen ded.

Friedrich aber schlug jetzt auf die Pferde und jagte den Schloßberg hinunter in die Malchiner Straße hinein und sagte zu sich selber: »Dies ist das Probestück. Wenn der Müller bei diesem Pflaster und bei diesem Jagen auf dem Sack sitzen bleibt, dann kommt er heute abend auch allein vom Wagen herab.« Aber als er an die Scheunen kam und sich umsah, da lag der Müller zwischen dem vordersten und hintersten Sack und Friedrich sagte: »Ohne Hilfe kommt der nicht wieder 'runter« – und holte ein paar Säcke hervor und deckte ihm diese über den Leib, damit er sich nicht erkältete.

So kemen sei ut de Schüns rut, un de Mähren sleus'ten ümmer 'n eben Schritt dörch den deipen Weg un de düster Nacht hendörch, un Fridrichen kemen allerlei Gedanken. Tauirst föll em de Möllerfru in, wat de vördem seggt hadd, wenn de Möller allein so ankamen was, un wat sei nu woll seggen würd, wenn hei sülwt tweit so ankem, un wat den Möller sin Fiken woll dortau seggen würd, un hei schüdd't mit den Kopp un säd: »Keinen gauden Gang geiht't nich.« – Un taum annern föll em in, dat dat ok üm dese Johrstid west was un in so'ne Nacht, as hei vör 'n halw Stig Johr von de Preußen ut Prenzlow dissentiert was, un dat hei ok dunntaumalen, bet hei sick in't Stemhäger Amt rin slagen, in'n Frien legen hadd un hadd sick mit en Sledurnbusch taudeckt. – Un taum drüdden föll em in – un as em dat infallen ded, dunn gnurrscht hei mit de Tähn –, wo hei mit den Herzog von Brunswik in Frankreich west was, nicks up den Liw', nicks in den Liw' as de rode Ruhr, un wo em de Franzosen jagt un stäkert hadden, un wo so vel von sine Kammeraden an de Landstrat liggen blewen wiren un ok sin beste Fründ, Krischan Kräuger, un wo dat Volk kein Erbarmen hewwen ded. »Un de beiden schönen Brunen«, säd hei tau sick, »hewwen sei mi ok namen, un ick möt hir führen mit twei olle spatlahme Schinners? Un de sälen sick hir noch in den deipen Weg mit so'n Karnallenvagel von Marodür afquälen, wat gor keinen orndlichen Militör is? – Verfluchte Patriotten! Spitzbauw, Dümurrjöh!« – Dit wiren sin einzigsten Flüch, wenn hei bös was. – »Purr, öh!« rep hei un sprung von den Wagen un gung achter rüm un klinkt dat Krett up un kreg den Franzosen bi de Bein un treckt em halw ut den Wagen, hukt mit de Schuller unner un drög em äwer'n Grawen in dat Stemhäger Babenholt un läd em unner 'ne Bäuk. – »Je«, seggt hei, as de Franzos' sick dor wat rögen würd, »dat is di woll en beten fucht, äwer du büst binnen fucht, worüm denn nich ok buten?« un kek tau Höcht taum Hewen un säd: »Vör de letzten Dag' von den Februwori is dit 'ne sihr schöne warme Nacht, un wenn de Kukuk ok just nich singt, so heww ick em doch verleden Sommer in dese Bäuk singen hürt, un – so Gott will – singt hei dit Johr hir wedder.« – Un as de Franzos' so'n beten schuddern ded, as wenn em frür, seggt hei: »Nich wohr, Brauder, 't is en beten käuhl, un ick künn di hir nu schön taudecken mit en gauden widen Schacht, un dor kreiht nich Hund noch Hahn nah, äwer ick will di wisen, dat ick en christlich Hart heww«, un geiht nah'n Wagen ran un halt en por Arm vull Stroh un smitt em dat äwer un seggt: »Na, adjüs! Mitnehmen dauh 'ck di nich, wotau sall sick de Möllerfru un Fiken äwer di argern?« Stiggt up den Wagen rup un führt sachten nah Hus.

So kamen sie aus den Scheunen heraus, und die Pferde zogen den Wagen immer in sachtem Schritt durch den tiefen Weg und die finstere Nacht hindurch, und Friedrich kamen allerlei Gedanken. Zuerst fiel ihm die Müllerfrau ein, was die früher schon gesagt hatte, wenn der Müller alleine so ankam, und was sie jetzt wohl sagen würde, wenn er selbzweit so ankäme, und was Müllers Fiken wohl dazu sagen würde, und er schüttelte mit dem Kopf und sagte: »Keinen guten Gang geht's nicht.« – Und zum andern fiel ihm ein, daß es auch um diese Jahreszeit gewesen war und in solch einer Nacht, als er vor einem Dutzend Jahren von den Preußen aus Prenzlau desertierte, und daß er damals, bis er sich nach dem Stavenhäger Amt durchschlagen konnte, auch im Freien gelegen und sich mit einem Schlehdornbusch zugedeckt hatte. – Und zum dritten fiel ihm ein – und als ihm dies einfiel, da knirschte er mit den Zähnen – wie er mit dem Herzog von Braunschweig in Frankreich gewesen war, nichts auf dem Leibe, nichts in dem Leibe als die rote Ruhr, und wie die Franzosen ihn gejagt und gehetzt hatten, und wie so viele von seinen Kameraden an der Landstraße liegen blieben, und auch sein bester Freund, Krischan Krüger, und wie das Volk kein Erbarmen gehabt hatte. »Und die beiden schönen Braunen,« sagte er zu sich, »haben sie mir auch genommen, und ich muß hier mit zwei alten spattlahmen Schindern fahren? Und die sollen sich hier noch in dem tiefen Weg mit so einem Kanaillenvogel von Marodeur abquälen, der gar kein ordentlicher Militär ist? – Verfluchte Patrioten! Spitzbub – Dümurriöh!« – dies waren seine einzigen Flüche, wenn er böse war – »Purr, öh!« rief er und sprang vom Wagen und ging hinten herum und klinkte das Krett auf und packte den Franzosen an den Beinen und zog ihn halb aus dem Wagen, hockte mit der Schulter unter und trug ihn über den Graben in das Stavenhäger Oberholz und legte ihn unter eine Buche. – »Ja,« sagte er, als der Franzose anfing sich zu rühren, »es ist ja wohl ein wenig feucht, aber du bist inwendig feucht, warum denn nicht auch auswendig?« – und sah zum Himmel hinauf und sagte: »Für die letzten Tage im Februar ist es eine sehr schöne warme Nacht, und wenn der Kuckuck auch just nicht singt, so hab ich ihn doch vorigen Sommer in dieser Buche singen gehört, und – so Gott will – singt er dieses Jahr hier wieder.« – Und als der Franzose ein bißchen zusammenschauerte, wie wenn ihn fröre, sagte er: »Nicht wahr, Bruder, es ist ein bißchen kühl, und ich könnte dich nun hier schön zudecken mit einem guten Weidenprügel, und es würde nicht Hund noch Hahn danach krähen, aber ich will dir zeigen, daß ich ein christliches Herz habe,« und geht nach dem Wagen und holt ein paar Armvoll Stroh und wirft es über ihn und sagt: »Na, adjüs! Mitnehmen tu ich dich nicht, wozu sollen sich die Müllersleute und Fiken über dich ärgern!« Steigt auf den Wagen und fährt sachte nach Hause.

Nich wid von de Mähl weckte hei den Möller up un vermünterte em un säd: »Möller, setten S' sick steidel up den Sack, ick help Sei nahst raf.« – De Möller richt sick up un säd: »Ick bedank mi ok, Herr Amtshauptmann!« un kek sick wild üm, wo hei wir, un frog, wat dat för 'ne Mähr wir, de achter'n Wagen anbammeln ded, un as hei sick wat besunnen hadd, grep hei achter dal in dat Krett un frog: »Fridrich, wo 's de Franzos'?« – »Je, wo 's de!« säd Fridrich un führt vör de Husdör vör un sprung von den Wagen un hülp den Möller runne, ihre de Frugenslüd' mit Licht kemen. Sin Herr kräpelt sick nah de Dähl herup, un de Möllerfru kamm em entgegen un frog: »Na, Vatting, wo is't worden?« – De Möller snuwwelt äwer den Dörensüll nah de Stuw' herinne, läd Haut un Hanschen up den Disch un gung en pormal in de Stuw' up un dal, wobi hei sihr de Ritz in't Og fat't hadd, un säd: »Dat is en sworen Gang!« – »Dat seih ick«, seggt de Möllerfru. – Fiken satt achter'n Disch un neiht Linnentüg. – Un de Möller gung wedder stolz up un dal un frog: »Seiht ji mi gor nicks an?« – »Naug«, säd sin Fru. »Du hest wedder bi Bäcker Witten seten un hest dine bedrängten Ümstän'n vergeten un din Fru un Kinner un hest di in 'ne Zech gewen.« – »So? Meinst du? Denn lat di seggen: en klauk Hauhn leggt ok vörbi. Ne, ick heww mit den Herrn Amtshauptmann un den Burmeister un en französchen General, oder so wat, Bräuderschaft drunken, un de Herr Amtshauptmann hett mi seggt, hei wull mi't gedenken, denn dit güng för't Vaderland. – Un, Fiken, di segg ick, smit di nich weg! Dat hest du nich nödig! Den Malchiner Kopmann haddst du vör minentwegent frigen künnt; äwer du wullst jo nich!« – Fiken kek so halw tau Höcht von ehr Neiheri un säd: »Vatting, lat dat doch, taum wenigsten hüt abend!« – »Schön, min Döchting! Du hest recht, min Kindting. Süh, du büst jo min einzigst, denn wo is Korl un Jochen? Ach, du leiwer Gott! Äwer ick segg blot: smit di nich weg!, un wider segg ick nicks. – Un, Mutter, uns' Geldsak? – Wat seggt de oll Herr Amtshauptmann? – ›Möller Voß, ick will Em dat gedenken.‹ – Un denn de Franzos'! Mutter, de Franzos'! – Wo, Dunnerwetter, is de Franzos'? Hei lagg doch in dat Krett; Fridrich möt dat doch weiten.« Un ritt dat Finster up un röppt: »Fridrich! Fridrich, hürst du nich?«

Nicht weit von der Mühle weckte er den Müller auf und machte ihn munter und sagte: »Müller, setzen Sie sich stramm auf den Sack, ich helfe Ihnen dann herunter.« – Der Müller richtete sich auf und sagte: »Ich bedank mich auch, Herr Amtshauptmann!« und sah sich wild um, wo er wäre, und fragte, was das für ein Gaul sei, der hinter dem Wagen herbammelte, und als er sich ein wenig besonnen hatte, griff er hinter sich in das Krett und fragte: »Friedrich, wo ist der Franzos?« – »Je, wo ist der!« sagte Friedrich und fuhr vor der Haustür vor, sprang vom Wagen und half dem Müller herunter, ehe die Frauen mit Licht kamen. Sein Herr krabbelte sich nach der Diele hinauf, und die Müllerfrau kam ihm entgegen und sagte: »Na, Vatting, wie ist's geworden?« – Der Müller stolperte über die Türschwelle in die Stube hinein, legte Hut und Handschuhe auf den Tisch, ging ein paarmal in der Stube auf und nieder, wobei er scharf die Dielenritze ins Auge gefaßt hatte, und sagte: »Das ist ein schwerer Gang!«

»Das seh ich,« sagte die Müllerfrau. – Fiken saß hinterm Tisch und nähte Leinenzeug. – Und der Müller ging wieder stolz auf und nieder und fragte: »Seht ihr mir gar nichts an?« – »Genug,« sagte seine Frau. »Du hast wieder bei Bäcker Witt gesessen und hast deine bedrängten Umstände vergessen und deine Frau und Kinder, und hast dich in eine Zeche eingelassen.« – »So? meinst du? dann laß dir sagen: ein kluges Huhn legt auch vorbei. Nein, ich habe mit dem Herrn Amtshauptmann und dem Bürgermeister und einem französischen General, oder so was, Brüderschaft getrunken, und der Herr Amtshauptmann hat mir gesagt, er wollte mir's gedenken, denn dies ginge fürs Vaterland. – Und, Fiken, dir sag ich: schmeiße dich nicht weg! Das hast du nicht nötig! – Den Malchiner Kaufmann hättest du meinetwegen freien können; aber du wolltest ja nicht!« – Fiken sah von ihrer Näherei halb empor und sagte: »Vater, laß das doch, zum wenigsten heute abend!« – »Schön, Tochter; du hast recht, mein Kindting. Sieh, du bist ja mein einziges, denn wo sind Karl und Jochen? Ach, du lieber Gott! Aber ich sage bloß: schmeiß dich nicht weg! und weiter sag ich nichts. – Und, Mutter, unsere Geldsache? – Was sagt der alte Herr Amtshauptmann? – ›Müller Voß, ich will Ihm das gedenken‹. – Und dann der Franzose! Mutter, der Franzos! Wo, Donnerwetter, ist der Franzos? Er lag doch im Krett; Friedrich muß es doch wissen,« Und er reißt das Fenster auf und ruft: »Friedrich, Friedrich! Hörst du nicht?«

Fridrich hürt em recht gaud; äwer hei plinkt mit dat ein Og un säd: »Ja, schri du man! – Wat sall ick dor grot seggen, wat de Möllerfru gaud seih'n kann? Ick ward mi de Fingern nich klemmen.« Dorbi bünn hei den Franzosen sin Mähr an de Röp un namm ehr dat Sadeltüg af, un as hei den Mantelsack afnamm, säd hei: »Deuwel! Is de swor!« un läd em in sin Fauderkist, schüdd't sin Mähren de letzte Faudering in, läd sick in't Bedd un slep, as wir em hüt nicks passiert.

Friedrich hörte ihn recht gut; aber er plinkte mit dem einen Auge und sagte: »Ja, schreie du nur! – Wozu soll ich das erst sagen, was die Müllerfrau gut genug sehen kann? Ich werde mir nicht die Finger klemmen.« Damit band er des Franzosen Pferd an die Raufe und nahm ihm das Sattelzeug ab, und als er den Mantelsack aufhob, sagte er: »Teufel! ist der schwer!« – legte ihn in seine Futterkiste, schüttete seinen Pferden die letzte Fütterung ein, legte sich ins Bett und schlief, als wäre ihm heute nichts passiert.

As nu de Möller an tau schellen fangen wull, dat Fridrich nich kamm, säd sin leiw' Fru: »Vatting, lat em, du büst mäud, du hest den Dag äwer up den Wagen zuckelt un hest di sur warden laten, kumm tau Bedd; Fiken sall di 'n beten Bir warm maken, dat di de Nachtluft nich schaden deiht.« – »Mutting«, antwurt't hei, »du hest ümmer recht, ick heww mi schändlich afstrapziert, denn Geldsaken gripen ümmer an. Na, min sünd in de Reih, so gaud as in de Reih, denn de Herr Amtshauptmann säd: ›Möller Voß, ick ward Em dat gedenken.‹ Un morgen tidig möt ick wedder hen nah Stemhagen.« Un dormit ward hei in de Kamer gahn, leggt sick dal, un snart slöppt hei los.

Als nun der Müller anfangen wollte, darüber zu schelten, daß Friedrich nicht käme, sagte seine liebe Frau: »Vatting, laß ihn – du bist müde, bist den Tag über auf dem Wagen herumgeschüttelt worden und hast dir's sauer werden lassen. Komm zu Bett; Fiken soll dir ein bißchen Bier warm machen, damit dir die Nachtluft nicht schadet.« – »Mutting,« antwortete er, »du hast immer recht – ich habe mich schändlich abstrapeziert, denn Geldsachen greifen immer an. Na, meine sind in der Ordnung – so gut wie in der Ordnung; denn der tzerr Amtshauptmann sagte: ›Müller Voß, ich werde Ihm das gedenken‹. Und morgen muß ich beizeiten wieder hin nach Stavenhagen.« Und damit geht er in die Kammer, legt sich nieder und eins zwei drei, schläft er los.

Mutter un Fiken sitten noch 'ne Tidlang up, un Fiken sitt still in Gedanken un neiht förfötsch weg. – »Ja«, seggt Mutter endlich, »Fiken, du büst flitig, un ik legg de Hän'n ok nich in'n Schot, un uns' Vader hett sin Lewdag' wirkt un dahn, wat hei kunnt hett; äwer wat helpt dat all? De slimmen Tiden wassen uns äwer den Kopp, un wat uns de Franzosen laten hewwen, dat nemen uns de Avkaten un de Juden; äwermorgen säl wi fiwhunnert Daler an Itzigen betahlen, un wi hewwen keinen Schilling.« – »Vatting deiht jo doch so, as wenn hei mit allens dörch is.« – »Kihr di hüt abend an den nich, Abendred un Morgenred sünd zweierlei; äwer in ein Sak hett hei hüt abend recht hatt: haddst du man den Malchiner Kopmann namen!« – »Mutting«, seggt Fiken und läd ehr Hand sachten up Muttern ehr un kek ehr ruhig in de Ogen: »Mutting, dat was nich de Rechte.« – »Min Döchting, ganz nah ehren frien Willen frigen up Stun'ns wenig in de Welt, wat bammelt dor ümmer bi rüm. Süh, de Kopmann hett sin gaud Brod, un wenn din Vader un ick di versorgt wüßten, denn wir uns en groten Stein von'n Harten namen.« – »Mutting, Mutting, red nich so! Ick süll jug verlaten, wenn ji in Not wirt? Un dat noch dortau up 'ne unihrliche Wis'?« – »Unihrlich, Fiken?« – »Ja, unihrlich, Mutting!« säd Fiken, un ein künn't ehr anseihn, dat't ehr kribbeln würd, »denn as de Kopmann üm mi anhöll, dacht hei, bi uns hüng vel ut, un dorüm wull hei mi hewwen, ick wull em äwer nich bedreigen, denn wenn du un Vader in jug Gaudheit mi't ok nich seggt hewwt, wo dat mit uns steiht un dat wi arm Lüd' worden sünd, so heww ick dat doch lang markt. Nu weiten't de Lüd' so tämlich all, un wenn nu ein kümmt un will mi heww'n, denn will hei mi un nich dat Geld, un't is jo mäglich, dat hei de Rechte is.« Un dormit stunn sei up un namm ehr Neihgeschirr tausam un küßt ehr Mutting: »Gun Nacht, Mutting!« un gung in ehr Slapkamer. De Möllerfru satt noch 'n Tidlang still in Gedanken un süfzt: »Recht hett sei, un uns' Herrgott mag allens taum besten regieren!« – Sei gung ok tau Bedd, un allens lagg in deipe Rauh; blot de Mähl, de dreiht sick ahn Rauh un Rast un klappert un jog, un de Arm grepen nah links un nah rechts in wille Hast as en Minsch, de in drange Not sitt un arbeit't sick af un quält sick, dat hei rute kamen müggt ut den Stoff von dat dägliche Gewarw; un von dat Mählrad leckt dat Water run, as wir't de bittersure Sweit, un deip un'n in'n Grun'n, dor runscht de Bäk mit einerlei Red' un mit einerlei Sang: »Dat helpt di nich! Dat helpt di nich! Ick bün din Hart. So lang ick fleit mit Well up Well, mit Wunsch up Wunsch, so lang hest du kein Rauh. Wenn de Aust äwer kümmt un dat Kurn ript, denn ward min Strom sachter fleiten, denn makt de Möller dat Schütt tau, denn steiht allens still, un denn is't Sünndag.«

Mutter und Fiken bleiben noch eine Zeitlang auf, und Fiken sitzt still in Gedanken und näht emsig. – »Ja,« sagt die Mutter endlich, »Fiken, du bist fleißig, und ich lege die Hände auch nicht in den Schoß, und unser Vater hat seiner Lebtage gearbeitet und getan, was er konnte; aber was hilft das alles? Die schlimmen Zeiten wachsen uns über den Kopf, und was uns die Franzosen gelassen haben, das nehmen uns die Advokaten und die Juden; übermorgen sollen wir fünfhundert Taler an Itzig bezahlen, und wir haben keinen Schilling.« – »Vatting tut ja doch so, wie wenn er mit allem in Ordnung ist.« – »Kehr dich heut abend nicht an den; Abendrede und Morgenrede sind zweierlei; aber in einer Sache hat er heute abend recht gehabt: hättest du nur den Malchin« Kaufmann genommen!« – »Mutting,« sagt Fiken und legt ihre Hand leise auf die Hand ihrer Mutter und sieht ihr ruhig in die Augen: »Mutter, das war nicht der Rechte.« – »Mein Kind, ganz nach ihrem freien Willen heiraten heutzutage wenig in der Welt; irgend ein Haken ist immer dabei. Sieh, der Kaufmann hat sein gutes Brot, und wenn dein Vater und ich dich versorgt wüßten, dann wäre uns ein großer Stein vom Herzen genommen.« – »Mutting, Mutting, sprich nicht so! Ich sollte euch verlassen, wo ihr in Not seid! Und noch dazu auf eine unehrliche Weise?« – »Unehrlich, Fiken?« – »Ja, unehrlich, Mutter!« sagte Fiken, und man konnte ihr ansehen, daß ihr das Gespräch peinlich wurde; »denn als der Kaufmann um mich anhielt, dachte er, bei uns hinge viel aus, und darum wollte er mich haben; ich wollte ihn aber nicht betrügen, denn wenn du und Vater in eurer Güte mir's auch nicht gesagt habt, wie es mit uns steht, und daß wir arme Leute geworden sind, so habe ich es doch langst gemerkt. Nun wissen's die Leute so ziemlich alle, und wenn jetzt einer kommt und mich haben will, dann will er mich und nicht das Geld, und es ist ja möglich, daß er der Rechte ist.« Und damit stand sie auf und nahm ihr Nähgeschirr zusammen und küßte ihre Mutter: »Gute Nacht, Mutting!« – und ging in ihre Schlafkammer. Die Müllerfrau saß noch eine Zeitlang still in Gedanken und seufzte: »Recht hat sie, und unser Herrgott mag alles zum Besten regieren!« – Sie ging ebenfalls zu Bett, und alles lag in tiefer Ruhe; nur die Mühle, die drehte sich ohne Ruh und Rast und klapperte und jagte, und die Arme griffen nach links und nach rechts in wilder Hast, wie ein Mensch, der in Bedrängnis und Not sitzt und sich abarbeitet und sich quält, um heraus zu kommen aus dem Staub der Tagesfron; und vom Mühlrad troff das Wasser herunter, als war's der bittersaure Schweiß, und tief unten im Grunde da rauschte der Bach mit eintöniger Rede und eintönigem Sang: »Das hilft dir nicht! das hilft dir nicht! Ich bin dein Herz. So lange ich fließe mit Welle auf Welle, mit Wunsch auf Wunsch, so lange hast du keine Ruh. Wenn aber die Ernte kommt, und das Korn reift, dann wird mein Strom sachte fließen, dann macht der Müller das Wehr zu; dann steht alles still, und dann ist Sonntag.«

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