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Ut de Franzosentid/Aus der Franzosenzeit - Plattdeutsch/Hochdeutsch

Fritz Reuter: Ut de Franzosentid/Aus der Franzosenzeit - Plattdeutsch/Hochdeutsch - Kapitel 21
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typefiction
authorFritz Reuter
titleUt de Franzosentid/Aus der Franzosenzeit - Plattdeutsch/Hochdeutsch
publisherVerlag von Otto Janke/Leipzig
translatorHeinrich Conrad
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Dat twintigste Kapittel

Zwanzigstes Kapitel

Wo dat in de Welt, in Stemhagen un in den Möllerhus' bunt äwer Eck geiht; worüm de Möller un Fridrich nah Stemhagen führen un Fiken ehr nahgeiht.

Wie es in der Welt, in Stavenhagen und im Müllerhause bunt übereck geht; warum der Müller und Friedrich nach Stavenhagen fahren und Fiken ihnen nachgeht.

De Franzos' kamm nich wedder in uns' Gegend; äwer dorüm würd't dor nich ruhiger. De Landstorm brok los, de Herr Amtshauptmann kommandierte dat Ganze, un unner em Kaptein Grischow; äwer de ehr Lüd' hadden man Peiken blot Rekter Schäfer hadd sick von Slösser Tröpnern 'ne Hellebard maken laten, min Unkel Hers' erricht't en Schützenkur von einuntwintig Schrotflinten, un de jungen Landlüd' seten tau Pird mit grote Säbels an de Sid. Dat is taum Lachen, seggen de nägenklauken Herrn; ick segg, dat is taum Weinen, dat so'ne Tid so selten in dütschen Landen wedder kümmt, dat so'ne Tid kein anner Folgen hatt hett, as de letzten virtig Johr uptauwisen hewwen. Ein einzig Regiment Franzosen hadd den ganzen Swindel utenanner jagt, seggen de Nägenklauken; 't is mäglich, segg ick, äwer den Geist hadden sei nich verjagt; äwer dat Einzelne kunn einer lachen, äwer dat Ganze lachte dunnmals keiner, sülwst Bonepart nich.

Der Franzose kam nicht wieder in unsere Gegend; aber darum wurde es doch nicht ruhiger. Der Landsturm brach los, der Herr Amtshauptmann kommandierte das Ganze, und unter ihm Kapitän Grischow; aber deren Leute hatten nur Piken – nur Rektor Schäfer hatte sich von Schlosser Tröpner eine Hellebarde machen lassen – mein Onkel Herse dagegen errichtete ein Schützenkorps von einundzwanzig Schrotflinten, und die jungen Landleute saßen zu Pferde mit großen Säbeln an der Seite. Das ist zum Lachen, sagen die neunmalklugen Herren; ich sage, das ist zum Weinen, daß solch eine Zeit so selten in deutschen Landen wiederkommt, daß solch eine Zeit keine anderen Folgen gehabt hat, als die letzten vierzig Jahre aufzuweisen haben. Ein einziges Regiment Franzosen hätte den ganzen Schwindel auseinandergejagt, sagen die Neunmalklugen; das ist möglich sage ich; aber den Geist hätten sie nicht verjagt; über das Einzelne konnte einer lachen, über das Ganze lachte damals keiner, selbst Bonaparte nicht.

An ein un densülwigen Dag gung dörch ganz Nedderdütschland von de Weichsel bet tau de Elb, von de Ostsee bet nah Berlin de Raup: »De Franzosen kamen!« Sei seggen up Stun'ns, dat wir absichtlich anstift't worden, üm tau seihn, wat Nedderdütschland ded. Wenn't wohr is, denn hewwen sei't tau seihn kregen; Nedderdütschland höll Prauw. Allentwegen, wid un sid, gungen de Stormklocken, kein Dörp blew tau Hus; allentwegen würd marschiert, hir hen un dor hen, un dat ein französch Regiment hadd lange Bein hewwen müßt, wenn't allentwegen tauglik hadd löschen wullt.

An einem und demselben Tag ging durch ganz Niederdeutschland, von der Weichsel bis zur Elbe, von der Ostsee bis nach Berlin der Ruf: »Die Franzosen kommen!« – Jetzt sagt man, dies wäre absichtlich angestiftet worden, um zu sehen, was Niederdeutschland tun würde. Wenn es wahr ist, dann haben sie's zu sehen bekommen: Niederdeutschland bestand die Probe. Ueberall, weit und breit, gingen die Sturmglocken, kein Dorf blieb zu Hause; allerwegen wurde abmarschiert, hierhin und dorthin, und das eine französische Regiment hätte lange Beine haben müssen, wenn es überall zugleich hätte löschen wollen.

De Stemhäger marschierten nah Ankershagen: in Nistrelitz süll de Franzos' sin; de Malchiner marschierten nah Stemhagen: in Stemhagen süll de Franzos' sin. Ja, 't was 'ne bunte Wirtschaft! Up den Mark würden de Peikenlüd' in Tüg' un Kumpanien indeilt; Herr Droi un den Möller sin Fridrich süllen de Sak anrichten, wil sei allein wat dorvon verstün'n; äwer de Börgers parierten ehr nich Order, wil dat de ein en Franzos' wir un de anner en Knecht. In't tweite Glid wull keiner stahn: Schauster Deichert nich, wil Schauster Bank in't irste stunn; Stüerinnehmer Groth nich, wil Wewer Stahl von vören bi't Bajonettfällen em ümmer mit dat verkehrte En'n von de Peik in de korten Rippen fummelt, un dat kunn hei nich verdragen. In de Pird-Koppel exierte min Unkel Hers' in vullen Füer mit de einuntwintig Schrotflinten, ümmer in'n ganzen. Sin Hauptkommando was:«Ruff! Ruff!«, denn müßten sei all mit einmal losscheiten, irst mit losen Pulver, nahsten mit scharpe Ladung; as äwer bi't tweitemal Dokter Lukow'n sin wittbunt Kauh dodschaten würd, würd't instellt. Sei säden nahsten all, 't hadd Snider Zachow dahn, 't is äwer nich utmakt worden. Endlich wiren sei all schön in Reih un Glid, ein as Kaptein Grischow »links schwenken« kummandiert, kemen sei ok all richtig in de Bramborgsche Strat rinne un marschierten in en schönen Klumpen rut, un as sei buten wiren, söcht sick jeder en drögen Fautstig, un sei marschierten ein achter'n annern as de Gäus' in'n Gasten.

Die Stavenhäger marschierten nach Ankershagen: in Neustrelitz sollte der Franzos sein; die Malchiner marschierten nach Stavenhagen: in Stavenhagen sollte der Franzos sein. Ja, es war 'ne bunte Wirtschaft! Auf dem Markt wurden die Pikenleute in Züge und Kompagnien eingeteilt, Herr Droz und Müllers Friedrich sollten die Sache einrichten, weil sie alleine was davon verstanden; aber die Bürger wollten ihnen nicht Order parieren, weil der eine ein Franzos war, und der andere ein Knecht. Im zweiten Gliede wollte keiner stehen: Schuster Deichert nicht, weil Schuster Bank im ersten stand; Steuereinnehmer Grot nicht, weil Weber Stahl von vorne beim Bajonettfällen ihm immer mit dem verkehrten Ende der Pike in die kurzen Rippen fummelte, und das konnte er nicht vertragen. In der Pferdekoppel exerzierte mein Onkel Herse im vollen Feuer mit den einundzwanzig Schrotflinten, immer im Ganzen.

Sein Hauptkommando war: »Ruff! Ruff!« Dann mußten sie alle mit einmal losschießen, erst mit losem Pulver, später mit scharfer Ladung; als aber beim zweitenmal Doktor Lukows weißbunte Kuh totgeschossen wurde, wurde dies eingestellt. Später sagten alle, Schneider Zachow hätte es getan; das ist aber nicht festgestellt worden. Endlich waren sie alle schön in Reih und Glied, und als Kapitän Grischow ›links schwenken‹ kommandierte, kamen sie auch alle richtig in die Brandenburger Straße herein und marschierten in einem schönen Klumpen hinaus, und als sie draußen waren, suchte sich jeder einen trocknen Fußsteig, und sie marschierten einer hinter dem andern, wie die Gänse in der Gerste.

Bi den Uhlenbarg würd Holt makt, sei täuwten up ehren Kummandanten, up den Herrn Amtshauptmann. De Herr Amtshauptmann was taum Gahn tau olt, un riden kunn hei nich, hei führte also in den Krig. Hei satt stattlich up sinen langen, hogen Korwwagen, sin Degen lagg bi em up de Bänk. As hei ankamm, kreg hei'n »Vivat!« von sine Truppen un höll dorup 'ne Anred un sprok: »Kinnings! Soldaten sünd wi nich, un Dummheiten warden wi maken, dat schadt äwer nich; wer doräwer lachen will, kann't dauhn. Wi willen äwer uns' Schülligkeit dauhn, un de is: wi willen de Franzosen wisen, dat wi up den Platz sünd. Slimm äwer is't, dat ick nicks von Krigskunst verstah, un dörüm will ick mi bi Tiden nah en Mann ümseihn, de dorin bewandert is. Herr Droz, stigen S' bi mi up den Wagen, un wenn de Find kümmt, seggen S' mi Bescheid, wat tau dauhn is. Verlaten, Kinnings, dauh ick jug nich, un nu vörwarts för't Vaderland!« »Hurah!« röp sin Volk un furt gung't gegen den Find.

Beim Eulenberg wurde halt gemacht, sie warteten auf ihren Kommandanten, auf den Herrn Amtshauptmann. Der Herr Amtshauptmann war zum Gehen zu alt, und reiten konnte er nicht; er fuhr also in den Krieg. Stattlich saß er auf seinem langen hohen Korbwagen, sein Degen lag neben ihm auf der Bank. Als er ankam, kriegte er ein ›Vivat!‹ von seinen Truppen und hielt darauf eine Anrede und sprach: »Kinnings! Soldaten sind wir nicht, und Dummheiten werden wir machen, das schadet aber nicht; wer darüber lachen will, kann's tun. Wir wollen aber unsere Schuldigkeit tun, und die ist: wir wollen den Franzosen zeigen, daß wir auf dem Platz sind. Schlimm aber ist es, daß ich nichts von Kriegskunst verstehe, und darum will ich mich beizeiten nach einem Mann umsehen, der darin bewandert ist. Herr Droz, steigen Sie zu mir auf den Wagen, und wenn der Feind kommt, sagen Sie mir Bescheid, was zu tun ist. – Verlassen, Kinnings, werde ich euch nicht. Und nun vorwärts fürs Vaterland!« – »Hurra!« rief sein Volk, und fort ging's gegen den Feind.

De Pribbnowschen Buren un de Daglöhners ut Jürnsdörp un Kittendörp kemen mit Stakelforken un Dinger un sloten sick an. »Hanning Heinz«, säd min Unkel Hers' tau sinen Adjudanten, »dit sünd uns' Unregelmäßigen. Tau Tiden is de Ort gaud tau bruken, as wi bi de Kosacken seihn hewwen; äwer sei bringen licht Tüderi in de regelmäßigen Truppen, dorüm hollt jug ümmer gaud up einen Hümpel, un wenn't losgeiht, denn ümmer ruff!«

Die Pribbenowschen Bauern und die Tagelöhner aus Jürgensdorf und Kittendorf kamen mit Heuforken und allerlei Dingern und schlossen sich an. »Hanning Heinz,« sagte mein Onkel Herse zu seinem Adjutanten, »dies sind unsere Unregelmäßigen. Zu Zeiten ist die Art gut zu gebrauchen, wie wir bei den Kosaken gesehen haben; aber sie bringen leicht Wirrwarr in die regelmäßigen Truppen, darum haltet euch immer gut auf einem Haufen, und, wenn's losgeht, dann immer ›Ruff‹!«

De Kavalleri würd up Kundschaft utschickt un red vörup, un oll Inspekter Nicolai un de Reisenschriwer ut Ivenack hadden Pistolen; dormit schoten sei af un an, wohrschinlich üm de Franzosen grugen tau maken, un so kemen sei bet nah Ankershagen; äwer Franzosen dropen sei nich. As sei dit den Herrn Amtshauptmann melden deden, säd de: »Kinnings, mi dücht, för hüt is't naug, un wenn wi nu ümkihren, denn kamen wi noch bi Dag' nah Hus. Ne, wat denn?« De Infall was gaud; Kaptein Grischow kummandiert »kihrt!«, un allens gung nah Hus, bet up 'ne halwe Kumpani Peiken un twei Schrotflinten, de in den Kittendörper Kraug infelen un dor Wunnerding' verricht'ten.

Die Kavallerie wurde auf Kundschaft ausgeschickt und ritt voraus, und der alte Inspektor Nicolai und der Reiseschreiber aus Ivenack hatten Pistolen; damit schossen sie ab und zu, wahrscheinlich um den Franzosen bange zu machen, und so kamen sie bis nach Ankershagen; aber die Franzosen trafen sie nicht. Als sie dies dem Herrn Amtshauptmann meldeten, sagte er: »Kinnings, mich dünkt, für heute ist's genug; und wenn wir jetzt umkehren, dann kommen wir noch bei Tage nach Hause. Ne, was denn?« – Der Einfall war gut; Kapitän Grischow kommandierte ›Kehrt!‹ und alles ging nach Hause, bis auf eine halbe Kompagnie Piken und zwei Schrotflinten, die in den Kittendorfer Krug einfielen und dort Wunderdinge verrichteten.

As sei taurügg marschierten, kamm Wewer Stahl an den Herrn Amtshauptmann ranne un frog: »Mit Verlöw, Herr Amtshauptmann, sall ick min Peik man en beten in Sei Ehren Wagen leggen?« »Recht gern, mein lieber Meister.« Un't kamm Schauster Deichert, un't kamm Snider Zutow, un't kemen vele, un't kemen all mit de sülwige Bed', un as de Herr Amtshauptmann rinne führt in't Stemhäger Dur, dunn sach sin olle frame Korwwagen as 'ne Krigsmaschin un Sichelwagen ut Perser- un Römer-Tiden ut.

Als sie zurückmarschierten, kam Weber Stahl an den Herrn Amtshauptmann heran und fragte: »Mit Verlaub, Herr Amtshauptmann, soll ich meine Pike wohl ein bißchen in Ihren Wagen legen?« – »Recht gern, mein lieber Meister.« – Und es kam Schuster Deichert, und es kam Schneider Zutow, und es kamen viele, und es kamen alle mit derselben Bitte, und als der Herr Amtshauptmann zum Stavenhäger Tor hereinfuhr, da sah sein alter frommer Korbwagen wie eine Kriegsmaschine und ein Sichelwagen aus Perser- und Römerzeiten aus.

Ratsherr Hers' let noch dreimal »Ruff!« up den Mark scheiten, un jeder gung taufreden nah Hus. Blot min Unkel was verdreitlich. »Hanning Heinz«, säd hei tau sinen Adjudanten, »dor kunn nicks ut warden, worüm let mi de oll Amtshauptmann nich irst de Buckmähl anstecken?«

Ratsherr Herse ließ auf dem Markt noch dreimal ›Ruff!‹ schießen, und jeder ging zufrieden nach Hause. Bloß mein Onkel war verdrießlich: »Hanning Heinz,« sagte er zu seinem Adjutanten, »daraus kann nichts werden; warum ließ uns der alte Amtshauptmann nicht erst die Bockmühle anstecken?«

Gung dat bunt äwer Eck in de Welt tau, so gung dat up de Gielowsche Mähl nich anners. De Lüd' brächten Kurn un kregen kein Mehl; de Mähl stunn still, un dat Kurn würd up den Kurnbähn schüdd't. Jud' Itzig kamm un halte Sack äwer Sack, un jedesmal, wenn hei von den Möllershof führt, säd de Möller: »Gott sei Dank, all wedder dörtig oder virtig Daler afbetahlt!«, je nahdem 't was. Äwer vergnäugt was hei nich dorbi, hei würd ihre kleinmäudig, un blot wenn de Herr Ratsherr bi em west was un em frischen Maud' inspraken hadd, denn satt hei hoch tau Pird un redte von den groten Christopher. Wenn sin Fru satt un weint un Fiken mit ehr still Gesicht üm em rümmer gung, denn würd em frilich wedder sihr unruhig tau Sinn, un hei müßt sick denn mit ludes Reden de Furcht von den Liw' hollen, un wenn Fiken, wat öfters geschach, em an de Hand fot oder em üm den Hals föll un so recht indringlich mit Tranen in de Ogen em fragte: »Vatting, wat is di eigentlich? Wat hett din Wirken tau bedüden?«, denn was't unnerscheidlich, wat hei antwurt't, je nahdem em tau Maud' was. Hadd hei sin riken Turen, denn küßt hei sin Kind un säd, sei süll man täuwen, dat würd sick för ehr schön reigen; hadd hei sin bangen Turen, denn schow hei sei von sick un redte hart un barsch, sin Saken wiren kein Frugensaken un hei müßt weiten, wat hei tau dauhn hadd. Dat was en heimlich Quälen un en heimlich Ängsten up allen Siden; äwer endlich müßt't apenbor tau Dag' breken, as Bäcker Witt sin Weitenmehl hewwen wull. Hei hadd dorüm schickt, hei hadd dorüm schrewen, nu kamm hei sülwst, un't würd en Larm un en Schellen, un as de Bäcker von den Hof führte, schot hei mit »Spitzbauwen« un drauhte mit Klagen. Alle Dag' kamm nige Argernis. Dat Osterfest kamm ranne; von de Häw' un ut de Burdörper kamm vel Kurn tau't Festmehl; den Möller sin Weiten bläuht, äwer vel, vel Unkrut stunn dormang. De Landrider red up den Hof un süll sick de Sak befragen, de Möller drähnte unverständlich Tüg von sinen Kuntrakt un von sin Recht. Den Dag vör Ostern kam Itzig un halte de letzte Fuhr Kurn, un de Möller kamm taum Middageten tau sin Fru un Fiken un säd: »So! Mit den sünd wi utenein, de hett sin Geld.« Sin Fru un Fiken swegen still, un de Möller firt kein gaud Osterfest in sinen Harten, denn en fröhlichen Globen an 'ne sekere Taukunft wull in em nich uperstahn. Un den Dag nah Ostern kamm de Landrider wedder un bestellte den Möller up den annern Dag tau Amt un frog ok nah Fridrichen, un as de kamm, säd hei em, hei süll ok tau Amt kamen. »Wenn'ck will«, säd Fridrich un dreiht sick snubbs üm, denn em föll dat Wurt von den Herrn Amtshauptmann in: »Dat will ick di gedenken.« »Wenn du nich kümmst«, säd de Landrider, »denn geschüht dat up din Gefohr.« »De Herrn meinen ümmer«, lacht Fridrich, »wenn ehr Plummen rip sünd, sall unserein sei plücken. Äwer ick will morgen so wi so nah Stemhagen, denn min Tid bi den Möller is üm.« »Du sallst di woll schicken!« brummte de Möller, »bet Jehanni heww ick di meid'!«

Ging es in der Welt bunt übereck zu, so ging es auf der Gielowschen Mühle nicht anders. Die Leute brachten Korn und bekamen kein Mehl; die Mühle stand still, und das Korn wurde auf den Kornboden geschüttet. Jud Itzig kam und holte Sack über Sack, und jedesmal, wenn er vom Müllerhof fuhr, sagte der Müller: »Gott sei Dank, schon wieder dreißig oder vierzig Taler abbezahlt!« – Je nachdem wie es war. Aber vergnügt war er nicht dabei, sondern eher kleinmütig, und nur, wenn der Herr Ratsherr bei ihm gewesen war und ihm frischen Mut eingesprochen hatte, dann saß er hoch zu Pferde und redete vom großen Christopher. Wenn seine Frau saß und weinte, und Fiken mit ihrem stillen Gesicht um ihn herumging, dann wurde ihm freilich wieder sehr unruhig zu Sinn, und dann mußte er sich mit lautem Reden die Furcht vom Leibe halten, und wenn Fiken, was öfter geschah, ihn an die Hand faßte, oder ihm um den Hals fiel, und so recht eindringlich mit Tränen in den Augen fragte: »Vatting, was ist dir eigentlich? Was hat dein Tun zu bedeuten?« – dann antwortete er ganz verschieden, je nachdem ihm zumute war. Hatte er seine Anfälle, wo er sich als reicher Mann fühlte, dann küßte er sein Kind und sagte, sie sollte nur warten, es würde für sie schön in Ordnung kommen; hatte er seine Anfälle von Bangigkeit, dann schob er sie von sich und sagte hart und barsch, seine Sachen wären keine Frauenzimmersachen, und er müßte wissen, was er zu tun hätte.

Es war ein heimliches Quälen und ein heimliches Aengsten auf beiden Seiten; aber endlich mußte es offenbar zutage brechen, als Bäcker Witt sein Weizenmehl wollte. Er hatte darum geschickt, er hatte darum geschrieben; nun kam er selbst, und es gab ein Lärmen und ein Schelten, und als der Bäcker vom Hofe fuhr, schoß er mit ›Spitzbuben‹ und drohte mit Klagen. Alle Tage kam neue Aergernis. Das Osterfest kam heran; von den Höfen und aus den Bauerndörfern kam viel Korn zum Festmehl. Des Müllers Weizen blühte, aber viel, viel Unkraut stand dazwischen. Der Landreiter ritt auf den Hof und sollte sich nach der Sache erkundigen; der Müller schwatzte unverständliches Zeug von seinem Kontrakt und von seinem Recht. Den Tag vor Ostern kam Itzig und holte die letzte Fuhre Korn, und der Müller kam zum Mittagessen zu seiner Frau und Fiken und sagte: »So! Mit dem sind wir auseinander, der hat sein Geld.« – Seine Frau und seine Fiken schwiegen still, und der Müller feierte kein gutes Osterfest in seinem Herzen, denn ein fröhlicher Glaube an eine sichere Zukunft wollte in ihm nicht auferstehen. Und den Tag nach Ostern kam der Landreiter wieder und bestellte den Müller auf den nächsten Tag zu Amt und fragte auch nach Friedrich, und als der kam, sagte er ihm, er solle auch zu Amt kommen. »Wenn ich will,« sagte Friedrich und drehte sich kurz um, denn ihm fiel das Wort des Herrn Amtshauptmann ein: ›Das will ich dir gedenken‹. – »Wenn du nicht kommst,« sagte der Landreiter, »dann geschieht es auf deine Gefahr.« – »Die Herren meinen immer,« lachte Friedrich, »wenn ihre Pflaumen reif sind, soll unsereiner sie pflücken. Aber ich will morgen so wie so nach Stavenhagen, denn meine Zeit beim Müller ist um.« – »Du sollst dich wohl schicken!« brummte der Müller, »bis Johanni habe ich dich gemietet.«

Den annern Dag führt de Möller mit Fridrichen nah Stemhagen. Keiner sprok en Wurd. As sei up den Mark kemen, wull Fridrich nah Bäcker Witten ranner bögen. »Holt!« röp de Möller, »dor will ick nich hen, ick kihr bi Guhlen an.« »Na, Möller«, säd Fridrich un sprung von den Wagen un smet em de Lin tau, »denn führen S' sick man sülwst hen, denn ick kihr bi Witten an«, un dormit gung hei. In gauden Dagen hadd de Möller dit woll nich leden, hei würd sinen Knecht schön hohaliert hewwen, un wenn't ok Fridrich wir; hüt säd hei nicks, hei was de oll Möller nich mihr, hei süfzte deip up, führte vör Guhlen sin Dör vör, ahn intautreden, un gung nah den Herrn Ratsherrn sinen Hus' räwer.

Am andern Tage fuhr der Müller mit Friedrich nach Stavenhagen. Keiner sprach ein Wort. Als sie auf den Markt kamen, wollte Friedrich zu Bäcker Witt herüberfahren. – »Halt!« rief der Müller, »da will ich nicht hin; ich kehre bei Guhl ein.« – »Na, Müller,« sagte Friedrich und sprang vom Wagen und warf ihm die Leine zu; »dann fahren Sie sich nur selber hin, denn ich kehre bei Witt ein.« Und damit ging er. In guten Tagen hätte der Müller dies wohl nicht gelitten; er würde seinen Knecht schön hoch genommen haben, und wenn's auch Friedrich war; heute sagte er nichts, er war der alte Müller nicht mehr, er seufzte tief auf, fuhr vor Guhls Tür vor, ohne einzutreten, und ging nach des Herrn Ratsherrn Haus herüber.

Knapp was de Wagen von den Möllerhof, dunn kamm Fiken in ehr bestes Tüg nah ehr Mutting rinne, de satt achtern'n Aben un weint. »Mutting, ick kann mi nich helpen, ick kann de Gedanken nich los warden: hüt is uns vel vermakt, hüt ward sick dat utwisen, ob wi up de Mähl bliwen oder nich. Vatting hett was anricht't, un wat dat ok is...« »Hei het't in sine Dummheit dahn!« röp de Möllerfru dormang. »Un dorüm will ick em nah; ick will den Herrn Amtshauptmann bidden oder de Fru Amtshauptmannen oder süs wen ick weit't jo ok noch nich. Uns' Herrgott ward mi jo woll de Weg' wisen un de Würd' lihren.« »Gah, Fiken«, säd ehr Moder.

Kaum war der Wagen vom Müllerhof, da kam Fiken in ihrem besten Zeug zu ihrer Mutter herein, die hinter dem Ofen saß und weinte. »Mutting, ich kann mir nicht helfen, ich kann den Gedanken nicht los werden, heute ist für uns ein großer Tag; heute wird es sich ausweisen, ob wir auf der Mühle bleiben oder nicht. Vatting hat etwas angerichtet, was es auch ist...« – »Er hat's in seiner Dummheit getan!« rief die Müllersfrau dazwischen. – »Und darum will ich ihm nach. Ich will den Herrn Amtshauptmann bitten oder die Frau Amtshauptmann, oder sonst wen – ich weiß es ja auch noch nicht – unser Herrgott wird mir ja wohl die Wege weisen und mich die Worte lehren.« – »Geh, Fiken,« sagte ihre Mutter.

Fiken gung, sei kunn den Wagen noch vör sick henführen seihn. Sei kamm nah Stemhagen un gung as ümmer nah Witten sinen Hus'; sei frog nah den Bäcker, de was all tau Amt; sei gung in de Stuw' rin, dor satt Fridrich un redt mit en Soldaten, de hadd 'ne gräune Jack an un hadd ehr den Rüggen taukihrt. Fridrich sprung up: »Dümurrjöh! Fiken, wo kamen Sei her?« De Soldat sprung ok up. Leiwer Gott! wat was dat? Dat was jo woll Hinrich? Ja. de was't, hei slog den Arm üm ehr: »Fiken, min leiw', lütt Fiken! Kennst du mi denn nich mihr?« Ach, woll kennt sei em noch, lud schreg sei up: »Hinrich, Hinrich, du unner de Soldaten?« »Na«, röp Fridrich dortüschen, »Fiken, Sei maken sich gaud! Wo hürt denn up Stun'ns en düchtigen Kirl hen, as unner de Soldaten?« Fiken hürte nich up sin Red', sei hadd mit ehr Gedanken tau dauhn, un in Gedanken brok dat äwer ehre Lippen: »Ach Gott, un ok doran is min oll Vader schuld. Wat heit't mit em, wat is't mit em?« »Fiken«, säd Hinrich, »üm minetwegen brukt hei sick kein Gewissen tau maken, un wenn ick ok in de Irst man weg wull, glik vel wohen un tau wat, nu is dat anners, nu weit ick irst, woför ick Soldat worden bün un woför dat in't Feld geiht, nu weit ick irst, wat dat heit, wenn en Kamerad taum Kameraden steiht un wenn en ganzes Regiment mit Liw un Lewen för't Vaderland tau Feld geiht. Süh, du weitst, wat ick von di holl; äwer wullst du mi hüt din Hand reiken, ick künn s' nich nemen; ick möt mit, äwer din Hart nem ick mit mi.« »So redt en Kirl!« röp Fridrich. »Gaud, Hinrich!« säd Fiken, »du hest recht, un so gah denn; äwer wenn du taurügg kümmst, darwst du uns hir nich mihr säuken; äwer uns breckt dat Unglück tausam, un wer weit, wo lang' uns de Mähl noch Dack und Fack giwwt.« »Ih wat, Fiken«, säd Fridrich, »de Oll hett sick wat ankohlsurt, hei is bet an den Hals in't Water gahn, äwer dorüm bruken em de Bülgen noch nich äwer den Kopp tausam tau slagen, hei hett noch gaude Frün'n, de em de Hand reiken känen.« »Wer kann em helpen?« säd Fiken, set't sick dal un let de Hän'n in den Schot fallen, »keiner weit, wat hei sick in den Kopp set't hett.« »Oh«, säd Fridrich, » wat weit Hinrich, hei hett hüt morgen so'n Vägelken singen hürt, un dat laten S' sick man von em vertellen, denn ick möt nu ok tau Amt.«

Fiken ging, sie konnte den Wagen noch vor sich hinfahren sehen. Sie kam nach Stavenhagen und ging, wie immer, nach Witts Haus; sie frug nach dem Bäcker, der war schon zu Amt; sie ging in die Stube herein, da saß Friedrich und sprach mit einem Soldaten, der hatte eine grüne Jacke an und hatte ihr den Rücken zugekehrt. Friedrich sprang auf: »Dümurrjöh! Fiken, wo kommen Sie her?« – Der Soldat sprang auch auf. Lieber Gott! Was war das? Das war ja wohl der Hinrich? – Ja, der war's, er schlang den Arm um sie: »Fiken, meine liebe kleine Fiken! Kennst du mich denn nicht mehr?« – Ach, wohl kannte sie ihn noch, laut schrie sie auf: »Hinrich, Hinrich, du unter den Soldaten?« – »Na,« rief Friedrich dazwischen, »Fiken, Sie machen sich gut! Wo gehört denn heute ein tüchtiger Kerl anders hin als unter die Soldaten?« – Fiken hörte nicht auf seine Worte, sie hatte mit ihren Gedanken zu tun, und in Gedanken brach es über ihre Lippen: »Ach Gott, und auch daran ist mein alter Vater schuld. Was heißt dies mit ihm, was ist mit ihm?« – »Fiken,« sagte Hinrich, »meinetwegen braucht er sich kein Gewissen zu machen, und wenn ich auch anfangs nur fort wollte, gleichviel wohin und wozu, jetzt ist das anders, jetzt weiß ich erst, wofür ich Soldat geworden bin, und wofür es ins Feld geht, jetzt weiß ich erst, was es heißt, wenn ein Kamerad zum Kameraden steht, und wenn ein ganzes Regiment mit Leib und Leben fürs Vaterland ins Feld zieht. – Sieh, du weißt, wie viel ich von dir halte, aber wolltest du mir heute deine Hand reichen, ich könnte sie nicht nehmen, ich muß mit; aber dein Herz nehm ich mit mir.« – »So spricht ein Mann!« rief Friedrich. – »Gut, Hinrich,« sagte Fiken, »du hast recht, und so geh denn: aber wenn du zurückkommst, darfst du uns hier nicht mehr suchen; über uns bricht das Unglück zusammen, und wer weiß, wie lange uns die Mühle noch Dach und Fach gibt.« – »Ih was, Fiken,« sagte Friedrich, »der Alte hat sich was eingebrockt; er ist bis an den hals ins Wasser gegangen, aber darum brauchen ihm die Wellen noch nicht über dem Kopf zusammen zu schlagen; er hat noch gute Freunde, die ihm die Hand reichen können.« – »Wer kann ihm helfen?« sagte Fiken, setzte sich hin und ließ die Hände in den Schoß fallen, »niemand weiß, was er sich in den Kopf gesetzt hat.« – »Oh,« sagte Friedrich, »etwas weiß Hinrich; er hat heute morgen so ein Vögelchen singen hören, und das lassen Sie sich nur von ihm erzählen, denn ich muß nun auch zu Amt.«

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