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Ut de Franzosentid/Aus der Franzosenzeit - Plattdeutsch/Hochdeutsch

Fritz Reuter: Ut de Franzosentid/Aus der Franzosenzeit - Plattdeutsch/Hochdeutsch - Kapitel 20
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authorFritz Reuter
titleUt de Franzosentid/Aus der Franzosenzeit - Plattdeutsch/Hochdeutsch
publisherVerlag von Otto Janke/Leipzig
translatorHeinrich Conrad
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Dat nägenteihnte Kapittel

Neunzehntes Kapitel

Worüm de Möller wedder in sinen Stäwelschacht kickt; wo ut 'ne Matt en Schepel ward; worüm Hinrich adjüs seggt, un worüm Fridrich de Meinung is, dat de Frugenslüd' wollfeil warden.

Warum der Müller wieder in seinen Stiefelschaft guckt; wie aus einer Metze ein Scheffel wird; warum Hinrich Abschied nimmt, und warum Friedrich der Meinung ist, daß die Frauensleute wohlfeil werden.

As den annern Morgen Möller Voß up sine Gielowsche Mähl ut dat Bedd rute krapen was, satt hei wedder mit den Kopp in de Hand un kek nahdenklich in de Stäwelschächt herinne. »Mutter«, frog hei tauletzt, »heww ick mi gistern mit Hinrichen vertürnt, oder hett mi dat drömt?« »Ih wo, Vatting«, seggt sin Fru, »du hest em jo ümmertau küßt un hest em ümmer dinen leiwen Sähn nennt, un Fridrichen hest du vel Geld verspraken, wenn du irst en riken Mann wirst, un dat süll denn nu so lang nich duren.« »Mutting, denn heww ick sihr dämlich Tüg angewen.« »Dat säd ick di all gestern abend; äwer dunn wullst du dat nich Wurd hewwen.« »Gott sall mi bewohren!« röp de Möller, »ick kam jo ut de Dummheiten gor nich rut!«

Fridrich kamm herin: »Gun Morgen, Möller! Gun Morgen, Fru! Ick kam blot rinne, Möller, un will Sei seggen, ick heww mi de Sak äwerleggt; ick will dat Geld, wat Sei mi gistern abend verspraken hewwen, noch 'ne Tidlang bi Sei up Tinsen stahn laten, bet ick dat notwendig bruk.« »Hm!« röp de oll Möller un rögt sick hen un her up den Staul. »Ja«, säd Fridrich; »äwer ick hadd woll 'ne anner Bed': will'n sei mi nich tau Ostern trecken laten, obschonst dat uter de Tid is?« »Wotau? Wat hest du vör?« »Ick wull frigen.« »Wat? Du frigen?« »Ja, Möller, ick frig Schult Besserdichen sin Fiken, de nu up den Sloß deint; un wenn Hinrich Voß uns' Fiken frigen deiht un wenn uns' beiden Swigeröllern nicks dorgegen hewwen deden, denn heww ick mi so dacht, kün'n wi jo up einen Dag Hochtid maken.« Dit was denn nu den ollen Möller doch tau stramm: »Du Snurrer...!« sprung hei up en grep nah den einen Stäwel. »Holt, Möller!« säd Fridrich un richt't sick en En'n. » De Redensort paßt sick nich för mi un nich för Sei. Wo dat mit mi steiht, weit ick sid drei Dag', un wo dat mit Hinrichen un uns' Fiken steiht, weit ick sid gistern nahmiddag; ick lagg achter ehr in't Krett un heww allens mit anhürt.« »Vatting«, röp de Möllerfru, »dit wir dat Best!« »Dat versteihst du nich!« röp de Oll un schüll in de Stuw' rümme. »Na, Möller«, säd Fridrich un gung ut de Dör, »äwerleggen S' sick de Sak; wat min Swigervader is, de geiht ok all sid ihrgistern abend in Äwerleggung rümme.« »Du kannst dinen Schin krigen«, röp de Möller achter em her, »äwer irst tau Jehanni.«

Als am anderen Morgen Müller Voß auf seiner Gielowschen Mühle aus dem Bett gekrochen war, saß er wieder mit dem Kopf in der Hand und sah nachdenklich in den Stiefelschaft. »Mutter,« fragte er zuletzt, »Hab' ich mich gestern mit Hinrich erzürnt, oder hat mir das geträumt?« – »Ih wo, Vatting,« sagte seine Frau »du hast ihn ja immerzu geküßt und hast ihn immer deinen lieben Sohn genannt, und dem Friedrich hast du viel Geld versprochen, wenn du erst ein reicher Mann wärest, und das sollte nun so lange nicht mehr dauern.« – »Mutting, dann hab' ich sehr dummes Zeug angegeben.« – »Das sagt' ich dir schon gestern abend; aber da wolltest du es nicht Wort haben.« – »Gott soll mich bewahren!« rief der Müller, »ich komme ja aus den Dummheiten gar nicht heraus!« Friedrich kam herein: »Guten Morgen, Müller! Guten Morgen, Frau! Ich komme bloß herein, Müller, um Ihnen zu sagen, daß ich mir die Sache überlegt habe; ich will das Geld, das Sie mir gestern abend versprochen haben, noch eine Zeitlang bei Ihnen auf Zinsen stehen lassen, bis ich es notwendig brauche.« – »Hm!« rief der alte Müller und rutschte auf dem Stuhl hin und her. – »Ja,« sagte Friedrich; »aber ich hätte wohl eine andere Bitte: Wollen Sie mich nicht zu Ostern ziehen lassen, obschon es außer der Zeit ist?« – »Wozu? Was hast du vor?« – »Ich wollte heiraten.« – »Was, du heiraten?« – »Ja, Müller, ich heirate Schulz Besserdichs Fiken, die jetzt auf dem Schloß dient; und wenn Hinrich Voß unsere Fiken heiratet, und wenn unsere beiden Schwiegereltern nichts dagegen hätten, dann, habe ich mir so gedacht, könnten wir ja an einem Tage Hochzeit machen.« – Dies war denn nun dem alten Müller doch zu stark: »Du Schnorrer ...!« rief er, sprang auf und griff nach dem einen Stiefel. – »Halt, Müller!« sagte Friedrich und richtete sich auf; »die Redensart paßt nicht für mich und nicht für Sie. Wie es mit mir steht, weiß ich seit drei Tagen, und wie es mit Hinrich und unserer Fiken steht, weiß ich seit gestern nachmittag; ich lag hinter ihnen im Krett und habe alles mit angehört.« – »Vatting,« rief die Müllerfrau, »dies wäre das beste!« – »Das verstehst du nicht!« rief der Alte und schalt in der Stube herum. – »Na, Müller,« sagte Friedrich und ging aus der Tür, »überlegen Sie sich die Sache; was mein Schwiegervater ist, der geht auch schon seit vorgestern abend in Ueberlegung herum.« – »Du kannst deinen Schein kriegen,« rief der Müller hinter ihm her, »aber erst zu Johanni.«

Worüm was de oll Möller denn so arg? Hei müggt doch Hinrichen girn liden; hei sülwst hadd in de letzten Dag' oft doran dacht, dat Hinrich un sin Fiken för enanner passen deden, hei sülwst hadd em gistern sinen »leiwen Sähn« nennt; äwer dat was't eben! Gistern abend hadd em de Punsch taum riken Mann makt, un hüt kek hei as en Snurrer in sin Stäwelschächt; un wenn ok Itzig sick ümstempeln let bet tau Ostern, so was dat 'ne Galgenfrist. »Vatting«, säd de Möllerfru, »dit is dat Best, wat uns' Fiken un uns passieren künn.« »Mutter«, säd de Oll, un't was en Glück, dat hei noch kein Stäwel an hadd, hei hadd süs vör Arger mit de Bein trampelt, »ick segg di, dat versteihst du nich! Wat? Ick süll Jochen Vossen sinen Sähn, de mit mi in en Prinzeß liggt un de mit en groten Büdel Geld in'n Lan'n rümreis't, min Kind gewen min bestes, leiwstes Kind! un süll tau em seggen: dor hest du s', äwer mitgewen kann ick ehr nicks, denn ick bün en Snurrer? Ne, Mutter, ne! Ick süll de Lappen borgen, worin min einzigst Kind, min lütt Fiken, vör de Tru stünn? Ne, ne! Irst möt ick wedder in de Wehr!«

Warum war denn der alte Müller so böse? Er mochte doch Hinrich gerne leiden; er selbst hatte in den letzten Tagen oft daran gedacht, daß Hinrich und seine Fiken für einander paßten; er selbst hatte ihn seit gestern seinen ›lieben Sohn‹ genannt; aber das war es eben: gestern abend hatte ihn der Punsch zum reichen Mann gemacht, und heute guckte er als ein Bettler in seinen Stiefelschaft; und wenn auch Itzig sich umstempeln ließ und bis Ostern wartete, so war das nur eine Galgenfrist. – »Vatting,« sagte die Müllerfrau, »dies wäre das beste, was unserer Fiken und uns passieren könnte.« – »Mutter,« sagte der Alte, und es war ein Glück, daß er noch keine Stiefel anhatte, sonst hätte er vor Aerger mit den Beinen gestrampelt, »ich sage dir, das verstehst du nicht! Was? Ich sollte Jochen Vossens Sohn, der mit mir im Prinzeß liegt und mit einem großen Beutel Geld im Lande herumreist, mein Kind geben – mein bestes, liebstes Kind! – und sollte zu ihm sagen: da hast du sie, aber mitgeben kann ich ihr nichts, denn ich bin ein Bettler? – Nein, Mutter, nein! Ich sollte die Lappen borgen, worin mein einziges Kind, meine kleine Fiken, vor dem Traualtar stände? – Nein, nein, erst muß ich wieder in ordentlichen Umständen sein!«

So geiht dat oft in de Welt: en grot Glück hängt dicht vör einen ut taum Aflangen, un wenn einer de Hand utrecken will un will't faten, denn is de Hand mit Keden bunnen, un de Keden sünd in lang vergahene Tiden smädt, ahn dat't einer gewohr worden is, un sei sünd wid achter einen fastmakt, so dat einer sei nich aflangen kann. Den Möller sin Ked' was sin Prozeß un woll ok sin slichte Wirtschaft in frühern Tiden, un as hei nu nah dat Glück gripen wull, dunn höll sei em taurügg, un hei bos'te un iwerte sick vergewens. Hei hadd sei nu woll stuw dörchhauen künnt, denn müßt hei äwer tidlewens dat Kedenen'n dörch de Welt slepen as en verlopen Tuchthüsler, un dat led sin Ihr nich.

So geht es oft in der Welt: ein großes Glück hängt dicht vor einem; er braucht nur zuzugreifen, und wenn er die Hand ausstreckt und es fassen will, dann ist die Hand mit Ketten gebunden, und die Ketten sind in längst vergangenen Zeiten geschmiedet, ohne daß er's gewahr geworden ist, und sie sind weit hinter ihm festgemacht, so daß er sie nicht losmachen kann, weil seine Hand nicht so weit reicht. Des Müllers Kette war sein Prozeß und wohl auch seine schlechte Wirtschaft in früheren Zeiten, und als er nun nach dem Glück greifen wollte, da hielt sie ihn zurück, und er erboste und ereiferte sich vergebens. Er hätte sie nun wohl mit einem entschlossenen Hiebe durchhauen können, dann hätte er aber zeitlebens das Kettenende durch die Welt schleppen müssen, wie ein entlaufener Zuchthäusler, und das litt seine Ehre nicht.

De oll Mann kunn einen jammern, hei gung jeden ut den Weg' un handtierte för sick allein in de Mähl un in den Stall herüm, as wull hei an desen Dag allens nahhalen, wat hei sid langen Johren versümt hadd. Endlich würd hei erlös't, min Unkel Hers' kamm an, hüt äwerst in en börgerlichen Uptog: »Gun Dag, Voß! Na, uns' Sak is in Richtigkeit.« Äwer den Ollen was hüt nich lichtglöwig tau Maud', un hei säd kort af: »Ja, wer't glöwt, Herr Ratsherr.« »Wenn ick't segg, Möller Voß«, säd de Herr Ratsherr un halt en Packet Schriften ut den Wagen un gung mit den Möller in de Stuw', »denn möt dat einer glöwen, denn ick bün hüt hir as Notarius publikus.« »Mutter«, säd de Möller, »lat uns allein, un du, Fiken, stick uns irst en Licht an.« Dat ded denn nu grad nich nödig, denn 't was hellig Dag; äwer de Oll hadd dat seihn, dat de Herr Amtshauptmann bi en Gerichtsdag ümmer en Waßstock brennen hadd, un hei wull't ok so hewwen, denn dit schint em sekerer, wil't vullstänniger was. Un dormit gung hei an sin Schapp un halt sin Brill herut un set't sei sick up, wat ok nich nödig ded, denn hei kunn kein schrewen Schriwwt lesen; äwer em was doch so, as künn hei mit de Brill beter uppassen; un dorup set't hei einen Disch midden in de Stuw' un twei Stäuhl doran.

Der alte Mann konnte einen jammern; er ging jedem aus dem Wege und hantierte für sich alleine in Mühle und Stall herum, als wollte er an diesem Tage alles nachholen, was er seit langen Jahren versäumt hatte. Endlich wurde er erlöst; mein Onkel Herse kam, heute aber in bürgerlichem Aufzug: »Guten Tag, Voß. Na, unsere Sache ist in Richtigkeit.« – Aber dem Alten war heute nicht leichtgläubig zumute, und er sagte kurz angebunden: »Ja, wer's glaubt, Herr Ratsherr.« – »Wenn ich es sage, Müller Voß,« sagte der Herr Ratsherr und holte ein Paket Schriften aus dem Wagen und ging mit dem Müller in die Stube, »dann muß man's glauben, denn ich bin heute hier als Notarius publicus.« – »Mutter,« sagte der Müller, »laß uns allein, und du, Fiken, steck uns erst ein Licht an.« – Das hätte nun nicht gerade nötig getan, denn es war heller Tag; aber der Alte hatte gesehen, daß der Herr Amtshauptmann bei einem Gerichtstag immer einen Wachsstock brennen hatte, und so wollte er es auch haben, denn dies schien ihm sicherer, weil es vollständiger war. Und damit ging er an seinen Schrank und holte seine Brille heraus und setzte sie sich auf, was ebenfalls nicht nötig war, denn er konnte keine geschriebene Schrift lesen; aber ihm war doch so, als könnte er mit der Brille besser aufpassen; und darauf setzte er einen Tisch mitten in die Stube und zwei Stühle dazu.

As sei nu allein üm den Disch un dat Licht seten, las de Herr Ratsherr mit sihr düdliche Stimm 'ne Schriwwt vör, worin de Jud' gegen den Herrn Ratsherrn sin Börgschaft bet Ostern täuwen wull, un as hei de lesen hadd, läd hei dat Poppier neben sick un kek den Möller mit en Gesicht an, dat sach ut as: »wat seggst nu, Flesch?« De oll Möller nörrickt nu los mit »Hm« un »Je« un »Äwer« un kratzt sick in de Hor. »Möller Voß«, säd min Unkel sihr argerlich, »wat sall dat Nörricken? Hir steiht min Sigel unner seihn Sei, hir! en Hirsestengel, wil ick Herse heit; ick hadd ok en Fallgatter dorup steken laten kunnt, wil dat up Französch hersé heit, äwer ick bün nich för de Franzosen un hir drüm rüm steiht mine Befugnis: Not. pub. im. caes., un hir steiht den Juden sin Unnerschrift: Itzig; un wat schrewen is, is schrewen.« »Dat seggt de Herr Amtshauptmann ok«, säd de Möller un wür en ganz Deil heller utseihn, »wat schrewen is, is schrewen.« »Wat de seggt, is mi ganz egal, ick, Möller Voß, ick bün dortau set't dörch min Amt, schrewen Schriwwten kräftig tau maken dörch min Sigel. Un dörch dese Schriwwt sünd Sei bet Ostern ut alle Verlegenheit.« »Ja, Herr, un ick bedank mi ok, äwer wat denn?« Nu kamm de Reih tau nörricken an minen Unkel: »Hm! Wat denn? Je Na! Na, Möller Voß«, un sin oll gaud Gesicht smet sine ganze Amtsmin as Notorius publikus ut de Dör un set't sick de Minschenfründlichkeit as Brill up sine hübsche Näs' un kek den ollen Möller un de ganze Welt fründlich an, »na, Möller Voß, heww ick bet Ostern Luft schafft, kann ick jo ok wider Rat schaffen, ick bün her kamen un will reinen Disch maken. Dortau is dat äwerst nödig, dat Sei mi all Ehr Ümstän'n verteilen un all Ehr Poppieren wisen.« Dat gung denn de Möller ok in un vertellte un vertellte, dat en anner Kopp, as min Unkel Hersen sin, ganz düsig worden wir, un hei halte so vel Poppieren rut, dat en annern angst un bang' worden wir; äwer min Unkel was hellschen pükerig in sin Geschäften, hei müggt girn Rätsel lösen un Bindfaden utenanner wiren, hei hürt un las allens mit Geduld, äwer nich mit Vurtel för sin Vörnemen. »Möller Voß«, frog hei endlich, »is't dit all?« »Ja, Herr«, säd de Möller un let de Uhren hängen as en Tüftenfeld, wenn de Nachtfrost doräwer gahn is, »un dit is noch min Kuntrakt mit dat Stemhäger Amt.« Min Unkel namm den Kuntrakt un las em so verluren dörch un sach ok ut, as wir em de Peiteßill verhagelt; äwer mit einmal sprung hei up: »Wat's dit? Wi sünd dormit dörch, Möller! In Tid von en por Johr sünd Sei en Milljonär! Dat ganze Stemhäger Amt is mahlpflichtig un de Stadt Stemhagen dortau, hir steiht't in Paragraph vir, un wat seggt Paragraph fiw: Für jeden Scheffel, den der Müller mahlt, kann er rechtlich einen Scheffel als Mahllohn beanspruchen.« »'ne Matt, Herr Ratsherr!« röp de oll Möller un sprung nu ok tau Höcht, »von jeden Schepel 'ne Matt!« »Ne! En Schepel! Hir steiht: für jeden Scheffel einen Scheffel als Mahllohn; un wat schrewen is, is schrewen. Un hir hett de Amtshauptmann dat Amtssigel unnerset't.« »Herr Ratsherr, Herr Ratsherr, mi summt de Kopp; dat is jo doch man en Verseihn.« »Verseihn is ok verspelt, un wat schrewen is, is schrewen; dat hett de oll Amtshauptmann Sei jo sülwen seggt.« »Dat hett hei, Herr«, säd de Möller, »ja, dat hett hei, dat kann ick beswören.«

Als sie nun allein am Tisch und bei dem Licht saßen, las der Herr Ratsherr mit sehr deutlicher Stimme eine Schrift vor, wonach der Jude gegen des Herrn Ratsherrn Bürgschaft bis Ostern warten wollte, und als er diese gelesen hatte, legte er das Papier neben sich und sah den Müller mit einem Gesicht an, das sah aus wie: »Was sagst du nun, Flesch?« – Der alte Müller räusperte nun los mit ›hm‹ und ›ja‹ und ›aber‹ und kratzte sich in den Haaren. – »Müller Voß,« sagte mein Onkel sehr ärgerlich, »was soll das Gehuste? Hier steht mein Siegel drunter – sehen Sie, hier! – ein Hirsestengel, weil ich Herse heiße; ich hätte auch ein Fallgatter, darauf können stechen lassen, weil das auf Französisch ›herse‹ heißt, aber ich bin nicht für die Franzosen – und hier rund herum steht meine Befugnis: Not. Pub. Im. Caes., und hier steht die Unterschrift des Juden: Itzig; und was geschrieben ist, ist geschrieben.« – »Das sagt der Herr Amtshauptmann auch,« sagte der Müller, und sein Gesicht wurde viel heller, »was geschrieben ist, ist geschrieben.« – »Was der sagt, ist mir ganz egal, ich, Müller Voß, ich bin dazu gesetzt durch mein Amt, geschriebene Schriften kräftig zu machen durch mein Siegel. Und durch diese Schrift sind Sie bis Ostern aus aller Verlegenheit.« – »Ja, Herr, und ich bedank mich auch, aber was dann?« – Jetzt kam die Reihe zu räuspern an meinen Onkel. »Hm! Was dann? – Je – na! – Na, Müller Voß,« und sein altes gutes Gesicht warf seine ganze Amtsmiene als Notarius publicus zur Tür hinaus und setzte sich die größte Menschenfreundlichkeit als Brille auf seine hübsche Nase und sah den alten Müller und die ganze Welt freundlich an: »Na, Müller Voß, hab' ich bis Ostern Luft geschafft, kann ich ja auch weiter Rat schaffen, ich bin hergekommen, um reinen Tisch zu machen. Dazu ist es aber nötig, daß Sie mir alle Ihre Umstände erzählen und alle Ihre Papiere zeigen.« – Das leuchtete dem alten Müller auch ein, und er erzählte und erzählte, daß ein anderer Kopf, als meines Onkels Herse Kopf, ganz dumm geworden wäre, und er holte so viele Papiere heraus, daß einem anderen angst und bange geworden wäre; aber mein Onkel war sehr eigen in seinen Geschäften; er mochte gerne Rätsel lösen und Bindfaden auseinanderwirren: er hörte und las alles mit Geduld, aber es nützte ihn nichts. »Müller Voß,« fragte er endlich »ist dies alles?« – »Ja, Herr,« sagte der Müller und ließ die Ohren hängen, wie ein Kartoffelfeld, wenn der Nachtfrost drüber gegangen ist, »und dies ist noch mein Kontrakt mit dem Stavenhäger Amt.« – Mein Onkel nahm den Kontrakt und las ihn gedankenlos durch und sah ebenfalls aus, als wäre ihm die Petersilie verhagelt; aber auf einmal sprang er auf: »Was ist dies? – Wir sind damit durch, Müller – In Zeit von ein paar Jahren ist Er Millionär! Das ganze Stavenhäger Amt ist mahlpflichtig und die Stadt Stavenhagen dazu. Hier steht's in Paragraph vier, und was sagt Paragraph fünf? ›Für jeden Scheffel, den der Müller mahlt, kann er rechtlich einen Scheffel als Mahllohn beanspruchen.‹« – »'ne Metze, Herr Ratsherr!« rief der alte Müller und sprang ebenfalls auf, »von jedem Scheffel eine Metze!« – »Nein! ein Scheffel! Hier steht: für jeden Scheffel einen Scheffel als Mahllohn; und was geschrieben ist, ist geschrieben. Und hier hat der Amtshauptmann das Amtssiegel drunter gesetzt.« – »Herr Ratsherr, Herr Ratsherr, mir summt der Kopf, das ist ja doch nur ein Versehen.« – »Versehen ist auch verspielt, und was geschrieben ist, ist geschrieben; das hat der alte Amtshauptmann Ihnen ja selber gesagt!« – »Das hat er, Herr,« sagte der Müller, »ja, das hat er. Das kann ich beschwören!«

Un nu gung in den ollen Möller 'ne Utsicht up Erlösung ut de Judenfingern up, un 'ne Utsicht up vele, vele Schepels Kurn un up vele, vele blanke Dalers, denn dat ganze Amt was jo mahlpflichtig, dat müßt em jo kamen. »Herr«, röp hei, »dat kann sick helpen! Äwer... äwer...« »Voß«, säd min Unkel ärgerlich, »wat hewwen Sei mit Ehr Inwendungen? De Sak is klipp un klor.« »Ja, Herr, äwer ick mein man, wo ward dat äwer mit de Säck?« »Mit de Säck? Mit wat för Säck?« »Mit de Säck, worin mi dat Kurn bröcht ward. Dat Kurn krig ick all, äwer wer kriggt de Säck?« »Hm«, säd min Unkel, »dat is 'ne swore juristische Frag', Möller, doran heww ick noch nich dacht, un in den Kuntrakt steiht nicks dorvon; wenn ick Sei äwer raden sall, denn behollen Sei sei vörlöpig, denn wat seggt dat Lübsche Recht: beati possidentes, dat heit up Dütsch: wat einer hett, dat hett hei. Möller, ick heww Sei nu ut allens rutehulpen, äwer eins beding ick mi ut: reinen Mund! Äwer de Sak ward tau keinen Minschen redt hüren Sei! tau keinen Minschen! Mit Itzigen ward ick spreken, de möt Kurn staats Geld annemen, un tau Ostern ward denn allens klor sin un denn, Möller Voß...« »Un denn, Herr Ratsherr?« »Denn kümmt de bore Äwerschuß. Äwer Möller, de Sak bliwwt in't geheim!«

Und nun ging in dem alten Müller eine Aussicht auf Erlösung aus den Judenfingern auf, und eine Aussicht auf viele viele Scheffel Korn und auf viele viele blanke Taler, denn das ganze Amt war ja mahlpflichtig, das mußte ihm ja kommen. »Herr,« rief er, »das kann sich helfen – aber... aber ...« – »Voß,« sagte mein Onkel Herse, »was haben Sie mit Ihren Einwendungen? Die Sache ist klipp und klar.« – »Ja, Herr, aber ich meine nur – wie wird es dann aber mit den Säcken?« – »Mit den Säcken? Mit was für Säcken?« – »Mit den Säcken, worin mir das Korn gebracht wird. Das Korn kriege ich alles, aber wer kriegt die Säcke?« – »Hm,« sagte mein Onkel, »das ist eine schwere juristische Frage. Müller, daran hab' ich noch nicht gedacht, und im Kontrakt steht nichts davon; wenn ich Ihnen aber raten soll, dann behalten Sie sie vorläufig; denn was sagt das Lübsche Recht? › Beati possidentes‹. Das heißt auf Deutsch: was einer hat, das hat er. – Müller, ich habe ihm nun aus allem herausgeholfen, aber eins bedinge ich mir aus: reinen Mund! Ueber die Sache wird mit keinem Menschen gesprochen – hören Sie! – zu keinem Menschen! Mit Itzig werde ich sprechen, der muß Korn statt Geld annehmen, und zu Ostern wird dann alles klar sein, und dann, Müller Voß ...« – »Und dann, Herr Ratsherr?« – »Dann kommt der bare Ueberschuß. – Aber Müller, die Sache bleibt im geheimen!«

De Möller versprok dat, un de Herr Ratsherr reiste wedder af, un Hinrich un Fiken segen noch, wo hei von den Wagen ut den Ollen taunickt un den Finger up den Mund läd.

Der Müller versprach das, und der Herr Ratsherr reiste wieder ab, und Hinrich und Fiken sahen noch, wie er vom Wagen aus dem Alten zunickte und den Finger auf den Mund legte.

»Fiken«, säd Hinrich, » mi is de Heimlichkeit nich gewen, ick möt reinen Win inschenken; ick gah nah dinen Vader un red mit em.« »Dauh dat«, säd Fiken. Hadd sei äwer wüßt, wo dat mit den Ollen stunn, sei hadd em woll noch täuwen heiten.

»Fiken,« sagte Hinrich, »mir ist die Heimlichkeit nicht gegeben, ich muß reinen Wein einschenken; ich geh' jetzt zu deinem Vater und melde mich ihm.« – »Tu das,« sagte Fiken. Hätte sie aber gewußt, wie es mit dem Alten stand, sie hätte ihn wohl noch warten lassen.

Mit den Ollen stunn dat äwerst heil wunderlich. Hüt morrn was hei en Snurrer un wull sin einzigst Kind nich ahn Mitgift weggewen, hüt abend was hei en riken Mann, un sin einzigst Kind brukt nich jeden tau nemen; sei künn 'ne Madam warden, so gaud as ein. För sinen Kopp was de Wessel tau rasch kamen, hei wüßt nich recht, wat mit em vörgahn wir, dortau kamm nu noch 'ne heimliche Angst, dat dat nich allens so wir, as dat sin müßt, un 'ne grote Unrauh, dat dat, wat gescheihn süll, nich recht wir. »Äwer«, säd hei denn tau sick, »de Amtshauptmann hett sülwst seggt, wat schrewen is, is schrewen; un wat recht is, möt de Ratsherr beter weiten as ick.«

Mit dem Alten stand es aber ganz wunderlich. Heute morgen war er ein Bettler und wollte sein einziges Kind nicht ohne Mitgift weggeben; heute abend war er ein reicher Mann, und sein einziges Kind brauchte nicht jeden zu nehmen; sie konnte eine Madam werden, so gut wie nur eine. Für seinen Kopf war der Wechsel zu rasch gekommen, er wußte nicht recht, was mit ihm vorgegangen war; dazu kam nun noch eine heimliche Angst, daß nicht alles so wäre, wie es sein müßte, und eine große Unruhe, daß das, was geschehen sollte, nicht recht wäre. »Aber,« sagte er dann zu sich selbst, »der Amtshauptmann hat selber gesagt: was geschrieben ist, ist geschrieben; und was recht ist, muß der Ratsherr besser wissen als ich.«

Was hei all in ruhigeren Tiden swor tau en Entsluß tau krigen, so was't in desen Ogenblick gor nich mäglich. As Hinrich sin Gewarw' anbröcht hadd, fung hei von den Prozeß tau reden an un säd, Hinrich süll jo nich glöwen, dat hei en rungeniert Mann wir; em hadden vele in de Fingern hatt, de em hadden dümpeln wullt, äwer noch swemmte hei baben. Hinrich säd nu, hei hadd dat gaud naug in den Sinn, hei hadd sick dat so dacht, die beiden Swigeröllern süllen in Rauh un Freden bet an ehr selig En'n bi em wahnen, un de Möller süll em sin Fiken gewen, un sinen Pachtkuntrakt süll hei em verköpen. Dunn fohrt äwer de oll Möller up: dat glöwte hei sacht! Dor hadd Hinrich woll Lust tau! Äwer keiner süll ihre raupen »halt Fisch!«, ihre hei weck hadd; hei let sick ok nich von en Krabbenwagen äwerführen, noch tau von so'n jungen Burßen, as Hinrich wir. Sinen Kuntrakt! Sinen Kuntrakt wull hei behollen, un wenn en König üm sin Fiken frigt! So'ne Red' was sick Hinrich nich vermauden nah allen dem, wat vörgahn was, em steg ok de Hitz tau Kopp, un hei säd hastig, de Möller süll »Ja« oder »Ne« seggen, ob hei em sine Dochter gewen wull oder nich. De Möller dreiht sick snubbs üm, kek ut dat Finster un säd: »Ne!« Hinrich dreiht sick ok üm un gung ut de Dör, un 'ne halwe Stun'n nahher höll Fridrich mit Hinrichen sin Fuhrwark up den Möllerhof, un as hei äwer Hinrichen raupen ded, kamm de mit Fiken ut den Goren, un Fiken sach sihr blaß, äwer ok sihr gefaßt ut un säd: »Hinrich, dat Wurd, dat ick di seggt heww, dat holl ick, un du holl't ok!« Hei nickte mit den Kopp un drückte ehr de Hand, gung up de Möllerfru tau, de vör de Dör stunn, säd ehr en por Würd' taum adjüs, steg up den Wagen un führt sachten von den Möllerhof.

War er schon in ruhigeren Zeiten schwer zu einem Entschluß zu bringen, so war das in diesem Augenblick gar nicht möglich. Als Hinrich seinen Antrag vorgebracht hatte, fing er an vom Prozeß zu reden und sagte, Hinrich sollte ja nicht glauben,, daß er ein ruinierter Mann wäre. Ihn hätten viele in den Fingern gehabt, die ihn hätten untertauchen wollen, aber noch schwämme er oben. Hinrich sagte darauf: er hätte es gut genug im Sinn; er hätte sich so gedacht, die beiden Schwiegereltern sollten in Ruh und Frieden bis an ihr seliges Ende bei ihm wohnen, und der Müller sollte ihm seine Fiken geben, und seinen Pachtkontrakt sollte er ihm verkaufen. Da fuhr aber der alte Müller auf! Das glaubte er wohl, dazu hätte Hinrich wohl Lust! Aber niemand sollte: ›Holt Fisch!‹ rufen, ehe er welche hätte; er ließe sich auch nicht von einem Krabbenwagen überfahren, noch dazu von so einem jungen Burschen, wie Hinrich wäre. Seinen Kontrakt! Seinen Kontrakt wollte er behalten, und wenn ein König um seine Fiken freite! – Auf eine solche Rede war Hinrich nach allem, was vorgegangen war, nicht gefaßt gewesen; ihm stieg ebenfalls die Hitze zu Kopf, und er sagte hastig, der Müller sollte ja oder nein sagen, ob er ihm seine Tochter geben wollte oder nicht. Der Müller drehte sich kurz um, sah aus dem Fenster und sagte: »Nein!« Hinrich drehte sich auch um und ging aus der Tür, und eine halbe Stunde nachher hielt Friedrich mit Hinrichs Fuhrwerk auf dem Müllerhof; als er aber Hinrich rief, kam der mit Fiken aus dem Garten, und Fiken sah sehr blaß, aber auch sehr gefaßt aus und sagte: »Hinrich, das Wort, das ich dir gesagt habe, das halte ich – und halte du es auch!« Er nickte mit dem Kopf und drückte ihr die Hand, ging auf die Müllerfrau zu, die vor der Tür stand, sagte ihr ein paar Worte zum Abschied, stieg auf den Wagen und fuhr langsam vom Müllerhof.

As hei en En'n lang von de Mähl af was, röp wat äwer em, un as hei sick ümkek, kamm Fridrich dwars äwer 'ne Eck Roggensaat nah em ran: »Hinrich, wo führen Sei hentau?« »Nah Stemhagen.« »Bliwen Sei de Nacht dor?« »Ja, ick dacht, ick wull de Nacht bi Bäcker Witten bliwen, denn ick wull noch irst mit den Herrn Amtshauptmann reden.« »Dat möt ick en verstännigen Infall heiten, Hinrich; un ick heww hüt abend ok noch wat in Stemhagen up den Sloß tau dauhn, un mäglich heww ick mit Sei ok noch tau reden, un dörüm, Hinrich, führen S' nich ihre af, as bet ick kamen bün; ick kam äwerst irst lat, wenn allens tau Schick is.« Hinrich versprok, hei wull up em täuwen, un führt nah Stemhagen hentau.

Als er ein Stück von der Mühle weg war, rief ihm etwas nach; und als er sich umsah, kam Friedrich quer über eine Ecke Roggensaat zu ihm heran: »Hinrich, wo fahren Sie hin?« – »Nach Stavenhagen.« – »Bleiben Sie die Nacht da?« – »Ja, ich dachte, ich wollte die Nacht bei Bäcker Witt bleiben, denn ich wollte noch erst mit dem Herrn Amtshauptmann reden.« – »Das muß ich einen verständigen Einfall nennen. Hinrich; und ich habe heute abend auch noch was in Stavenhagen auf dem Schloß zu tun, und möglicherweise habe ich mit Ihnen auch noch zu reden, und darum, Hinrich, fahren Sie nicht früher ab, als bis ich gekommen bin; ich komme aber erst spät, wenn alles in Ordnung ist.« Hinrich versprach also, er wolle auf ihn warten, und fuhr nach Stavenhagen.

Unnerwegens begegent em Bäcker Witt, de führt mit en Drömt Weiten nah de Mähl un säd: »Na, Hinrich, führen S' man bi mi an, mit Abend un all bün ick ok wedder tau Hus, denn snacken wi en beten mit enanner.«

Unterwegs begegnete ihm Bäcker Witt, der mit einer Drömte Zwölf Scheffel = [ca. 1200 Liter] Weizen nach der Mühle fuhr, und sagte: »Na, Hinrich, fahren Sie nur bei mir vor; mit der Abendzeit bin ich auch wieder zu Hause, dann schnacken wir ein bißchen miteinander.«

Je ja! je ja! Dat was all lang' Abend, un de Bäcker was all lang' tau Hus; äwer Hinrich was noch ümmer bi den ollen Herrn up den Sloß. Fridrich was ok all kamen un up't Sloß gahn, un oll Witt säd tau de Strüwingken: »Strüwingken, up de Mähl sünd Geschichten passiert, du sallst dat seihn! Dat de Ollsch sitt un rohrt, dat hett grad nich vel tau bedüden, denn de Tranen sitten ehr wat los; äwer dat Fiken bi den Ollen sin Schellen un Dummheiten still rümme geiht un gor nicks seggt, süh, dat will mi nich gefallen; un de Oll hett hüt wedder sine richtigen Stuken, ut den is nich klauk tau warden. As ick em frog: Vadder, wennihr kann ick mi dat Mehl halen? seggt hei: dor möt ick irst minen Kuntrakt nah fragen. Un as ick säd, ick brukt dat Mehl notwendig taukamen Woch', säd hei, dat wir em ganz egal, hei güng nah sinen Kuntrakt; un as ick wegführt, röp hei mi nah, wenn mi mit dat Mehl en wunnerlich Stück passieren süll, denn süll ick man nah Ratsherr Hersen gahn, de würd mi woll de Sak utenanner setten, wenn hei't för gaud höll.« »Dat's jo nahrsch«, seggt de Strüwingken.

Ja, ja! Ja, ja! es war schon lange Abend, und der Bäcker war schon lange zu Hause; aber Hinrich war noch immer bei dem alten Herrn auf dem Schloß. Friedrich war auch schon gekommen und aufs Schloß gegangen, und der alte Witt sagte zur Strübingen: »Strübingen, auf der Mühle sind Geschichten passiert, das sollst du sehen; daß die Alte sitzt und weint, das hat gerade nicht viel zu bedeuten, denn die Tränen sitzen ihr ein bißchen lose; aber daß Fiken bei des Alten Schelten und Dummheiten still herumgeht und gar nichts sagt, sieh, das will mir nicht gefallen; und der Alte hat heute wieder seine richtigen Schrullen – aus dem ist nicht klug zu werden. Als ich ihn fragte: ›Gevatter, wann kann ich mir das Mehl holen?‹ sagte er: ›danach muß ich erst meinen Kontrakt fragen.‹ Und als ich sagte, ich brauchte das Mehl notwendig nächste Woche, sagte er, das wäre ihm ganz egal, er ginge nach seinem Kontrakt; und als ich wegfuhr, rief er mir nach, wenn mir mit dem Mehl ein wunderliches Stück passieren sollte, dann sollte ich nur zum Ratsherrn Herse gehen, der würde mir wohl die Sache auseinandersetzen, wenn er's für gut hielte.« – »Das ist ja schnurrig,« sagte Frau Strübing.

Dunn kamm Hinrich Voß in de Dör un sach sihr still un einerlei ut, un as de Bäcker von de Mähl anfung, un dat hei dor 'ne snurrige Begegnung förfunnen hadd, brok Hinrich kort af un frog: »Meister Witt, wullen Sei mi woll en Gefallen dauhn?« »Worüm dat nich?« säd de Bäcker. »Bi Sei kamen vele Lüd', un Sei hewwen ok Stallrum; ick wull min Pird un Wag' verköpen; will'n Sei mi dorbi nich behülplich sin?« »Worüm dat nich?« frog Witt; »äwer, Hinrich«, set't hei nah 'ne Wil hentau, un einer kunn binah von buten seihn, wo hei binnen de Gedanken sammelt un tau en Faden anenanner knüppt, woran hei de Unnerhollung wider spinnen wull, »äwer, Hinrich, dat hett jo Tid. De Mähren de Mähren süh, nu sünd sei wollfeil, worüm? Je, wat weit ick! Woll dorüm, will keiner seker is, dat em de Franzos' sei nich äwer Nacht ut den Stall halt; äwer de Mähren du sallst seihn sei warden dür denn du sallst seihn in Tid von en por Wochen marschiert allens gegen den Franzosen.« »Dat heww ick eben von en Mann hürt, de dat beter weiten kann as wi beiden, Meister Witt, äwer dorüm grad will ick sei los sin.« »Ja«, föll Fridrich in, de bi den Bäcker sine Red' in de Stuw' kamen was, »ja, de Mähren warden dür, un de Frugenslüd' wollfeil. Nah de Mähren ward vel Nahfrag' sin, wenn't losgeiht, un nah de Frugenslüd' wenig; un wenn't vörbi is un de Hälft von de jungen Lüd' dodschaten is, noch weniger. Un los geiht't! Gistern in Bramborg kreg mi einer bi Sid, de sach ut, as hadd hei de blagen Bohnen all präuwt, un säd tau mi, nah min Utseihn hadd ick mi ok all mit den Schapschinken slept, un wenn ick Lust hadd, so wüßt hei en Flag för mi. Ick säd, ick wull mi besinnen; äwer gistern is nich hüt, hüt bruk ick mi nich tau besinnen. Ick bün bi de Preußen dissentürt, äwer blot, wil ick Kinner weigen süll bi minen Hauptmann; un gistern besunn ick mi blot, wil ick dacht, ick würd mal min eigen Kinner weigen; un hüt besinn ick mi nich mihr un gah gegen den Franzosen. Un, Meister Witt, ick heww keinen up de Welt, de nah dat Minig süht, wenn Sei hüren, dat ick furt von de Mähl bün, denn seihn S' nah min Lad'. Un nu adjüs, ick möt des' Nacht wedder nah de Mähl.«

Da kam Hinrich Voß zur Tür herein und sah sehr still und einerlei aus, und als der Bäcker von der Mühle anfing, und daß man ihm dort so sonderbar begegnet sei, brach Hinrich kurz ab und fragte: »Meister Witt, wollten Sie mir wohl einen Gefallen tun?« – »Warum das nicht?« sagte der Bäcker. – »Bei Ihnen kommen viele Leute, und Sie haben auch Stallraum; ich wollte meine Pferde und den Wagen verkaufen; wollen Sie mir nicht dabei behilflich sein?« – »Warum das nicht?« fragte Witt; »aber Hinrich,« setzte er nach einer Weile hinzu, und man konnte beinahe von außen sehen, wie er drinnen die Gedanken sammelte und zu einem Faden aneinanderknüpfte, woran er die Unterhaltung weiter spinnen wollte, »aber, Hinrich, das hat ja Zeit, die Pferde – die Pferde – sieh, jetzt sind sie wohlfeil. Warum? Je, was weiß ich! Wohl darum, weil keiner sicher ist, daß ihm der Franzose sie nicht über Nacht aus dem Stall holt; aber die Pferde – du sollst sehen – sie werden teuer; denn – du sollst sehen – in Zeit von ein paar Wochen marschiert alles gegen den Franzosen.« – »Das hab ich eben von einem Mann gehört, der es besser wissen kann, als wir beiden, Meister Witt, aber gerade darum will ich sie los sein.« – »Ja,« fiel Friedrich ein, der während der letzten Worte des Bäckers in die Stube gekommen war, »ja, die Gäule werden teuer, und die Frauensleute wohlfeil. Nach den Pferden wird viele Nachfrage sein, wenn's losgeht, und nach den Frauensleuten wenig; und wenn's vorbei ist, und die Hälfte der jungen Leute totgeschossen, noch weniger. – Und los geht's! Gestern in Neubrandenburg nahm mich einer beiseite, der sah aus, als hätte er die blauen Bohnen schon probiert; der sagte zu mir, nach meinem Aussehen hätte ich auch schon den Schafschinken geschleppt, und wenn ich Lust hätte, so wüßte er ein Plätzchen für mich. – Ich sagte, ich wollte mich besinnen; aber gestern ist nicht heute, heute brauch ich mich nicht zu besinnen. Ich bin von den Preußen desertiert – aber nur, weil ich bei meinem Hauptmann Kinder wiegen sollte; und gestern besann ich mich nur, weil ich dachte, ich würde mal meine eigenen Kinder wiegen; und heute besinn ich mich nicht mehr, sondern gehe gegen den Franzosen. – Und, Meister Witt, ich habe keinen auf der Welt, der nach dem Meinigen sieht; wenn Sie hören, daß ich von der Mühle fort bin, dann sehen Sie nach meiner Lade. Und nun adjüs, ich muß diese Nacht wieder nach der Mühle.«

Dormit gung hei. – Hinrich gung em nah. »Fridrich, wat heit dit?« »Wat dies heit?« frog Fridrich. »Dat will 'ck Sei seggen: wo de ein heit, süht de anner ut. Uns is beiden datsülwig passiert, blot dat Ehr Fiken rohrt un min Fiken lacht. Ick bün ehr nich jung naug. Na, 't schad't ok nich! Den Mann in Bramborg was ick nich tau olt, un wat den einen sin Uhl is, is den annern sin Nachtigall.« »Fridrich«, antwurt't em Hinrich sachten, »red nich so lud. Du willst Soldat warden un ick ok.« »Wat, Sei?« »Still! Ja, ick ok. Ick heww kein Fründschaft wid un sid un stah allein in de Welt; nu heww ick mit den ollen Herrn Amtshauptmann redt, un de hett mi verspraken, up min Eigendaum en Og tau smiten; min Mähl in de Parchensche Gegend kann ick jeden Ogenblick verpachten, un min Pird un Wag' verköp ick.« »Hurah!« röp Fridrich, »Hand her, Kamerad! Dümurrjöh! Ick sach di dat glik den irsten Morgen an, dat in di en Soldat stek.« »Ja«, säd Hinrich, »dat is all recht gaud! Den Willen heww ick, äwer wo bliwwt dat Vullbringen?« »Brauder, wenn einer wat Slichts in den Sinn hett, is de Düwel glik parat, em den Weg tau wisen; uns' Herrgott ward sick von den Düwel nich lumpen laten, hei ward uns de richtigen Weg' woll wisen, denn't geiht för't Vaderland. Süh, ick kann nich, bet Ostern möt ick bliwen; äwer du führ morgen glik nah Bramborg un frag in dat Wirtshus, wo wi west sünd, nah en statschen Mann mit en grisen Snurrbort un 'ne Nor äwer de rechte Back du wardst em woll finnen, un bi den mell di un mi an: Fridrich Schult', un hadd all deint, brukst äwerst nich tau seggen, dat ick mal von't Kinnerweigen dissentürt bün. Un wenn du't in Richtigkeit hest, denn giww mi Order, denn kam ick.« »Dat sall gellen!« röp Hinrich. »Un, Fridrich, du grüß jug Fiken von mi un segg ehr, sei süll sick nich stutzig maken laten, wat ick ehr seggt hadd, dat höll ick.« »Dat will ick bestellen, un nu gun Nacht!« »Gun Nacht!« Un as Hinrich noch so stunn un up Fridrichen sin Tritten horkt, dunn hürt hei von de Apteikereck her: »Dümurrjöh! Verfluchte Patriotten!«

Damit ging er. Hinrich ging ihm nach: »Friedrich, was heißt dies?« – »Was dies heißt?« fragte Friedrich, »das will ich Ihnen sagen: Wie der eine heißt, sieht der andere aus. Uns ist beiden dasselbe passiert, nur daß Ihre Fiken weint, und meine Fiken lacht. Ich bin ihr nicht jung genug. Na, schadet auch nicht! Dem Mann in Brandenburg war ich nicht zu alt, und was dem einen seine Eule ist, ist dem andern seine Nachtigall.« – »Friedrich,« antwortete Hinrich nun leise, »sprich nicht so laut. Du willst Soldat werden, und ich auch.« – »Was?« – »Still! Ja, ich auch. Ich habe keine Verwandten weit und breit und stehe alleine in der Welt; nun habe ich mit dem alten Herrn Amtshauptmann geredet, und der hat mir versprochen, ein Auge auf mein Eigentum zu werfen; meine Mühle in der Parchimer Gegend kann ich jeden Augenblick verpachten, und Pferde und Wagen verkaufe ich.« – »Hurra,« rief Friedrich, »Hand her, Kamerad! Dümurrjöh! Ich sah dir's gleich den ersten Morgen an, daß in dir ein Soldat steckte.« – »Ja,« sagte Hinrich, »das ist alles recht gut! den Willen habe ich, aber wo bleibt das Vollbringen?« – »Bruder, wenn einer was Schlechtes im Sinn hat, ist der Teufel gleich bereit, ihm den Weg zu zeigen; unser Herrgott wird sich vom Teufel nicht lumpen lassen, er wird uns die richtigen Wege wohl zeigen, denn es geht fürs Vaterland. – Sieh, ich kann nicht, bis Ostern muß ich bleiben; aber du fahre morgen gleich nach Brandenburg und frage in dem Wirtshaus, wo wir gewesen sind, nach einem stattlichen Mann mit einem grauen Schnurrbart und einer Narbe über die rechte Backe – du wirst ihn wohl finden, und bei dem melde dich und mich an: ›Friedrich Schult‹, und hätte schon gedient, brauchst aber nicht zu sagen, daß ich mal vorm Kinderwiegen desertiert bin, und wenn du's in Richtigkeit hast, dann gib mir Bescheid, dann komm' ich.« – »Das soll gelten!« rief Hinrich. »Und, Friedrich, du grüße euer Fiken von mir und sage ihr, sie sollte sich nicht stutzig machen lassen – was ich ihr gesagt hätte, das hielte ich.« – »Das will ich bestellen, und nun: gute Nacht!« – »Gute Nacht!« – Und als Hinrich noch so stand und auf Friedrichs Tritte horchte, da hörte er von der Apothekerecke her: »Dümurrjöh! Verfluchte Patrioten!«

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