Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Fritz Reuter >

Ut de Franzosentid/Aus der Franzosenzeit - Plattdeutsch/Hochdeutsch

Fritz Reuter: Ut de Franzosentid/Aus der Franzosenzeit - Plattdeutsch/Hochdeutsch - Kapitel 15
Quellenangabe
pfad/reuter/2franz/2franz.xml
typefiction
authorFritz Reuter
titleUt de Franzosentid/Aus der Franzosenzeit - Plattdeutsch/Hochdeutsch
publisherVerlag von Otto Janke/Leipzig
translatorHeinrich Conrad
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20111111
projectide334675b
Schließen

Navigation:

Dat virteihnte Kapittel

Vierzehntes Kapitel

Worüm de Herr Amtshauptmann mit 'ne leddige Waschschöttel vör min Mutting stunn. Wat Fiken un Hinrich wullen; un worüm Fritz Sahlmann mit sine Red nich tau Schick kamm.

Warum der Herr Amtshauptmann mit einer leeren Waschschüssel vor meiner Mutter stand. – Was Fiken und Hinrich wollten, und warum Fritz Sahlmann nicht mit seiner Rede zustande kam.

De trurigste Dag in mine Jugendtid, up den ick mi tau besinnen weit, was des'. Leiwer Gott! wo sach dat in min Mutting ehr Stuw' ut!

Der traurigste Tag meiner Jugendzeit, aus den ich mich zu besinnen weiß, war dieser. Lieber Gott! wie sah's in Muttings Stube aus!

Min Mutting hadd woll all lang' markt, dat wat vörgüng, wat nich sin süll, un wenn sei ok en sihr beweglichen Geist hadd un 'ne lewige Vörstellung, de ehr allens glik vör de Ogen bröcht un in't Licht stellt, so hadden doch Krankheit un Leid sei doran gewennt, sick tau faten, un, wat kamen müßt, in Ergewung tau dragen; äwer Ungewißheit is in so'ne Lag' sihr slimm, un wat noch slimmer is, dat is de Unmäglichkeit, sick Gewißheit tau verschaffen. Als sei de lude Red' von minen Vader up de Dehl hüren ded un de heftigen Würd' von den Franzosen un den korten Befehl von den Obersten, ahnt sei, wat dor geschach, ahn dat sei de Würd' verstunn; de Angst steg in ehr up, un kein Minsch was üm ehr, kein Minsch hürt up ehr Klingeln. Ehre hülplose Lag' un dat bittere Gefäuhl, dat sei nich helpen künn, dat sei nich dor stünn, wo sei stahn müßt, an de Sid von minen Vader, äwernemen sei, un as de oll Amtshauptmann in de Stuw' rinne kamm, was sei beswimt un lagg för dod in ihren Krankenstaul.

Meine Mutter hatte wohl schon lange gemerkt, daß etwas vorging, was nicht sein sollte; und wenn sie auch einen sehr lebendigen Geist hatte und eine lebhafte Vorstellung, die ihr gleich alles vor die Augen brachte und ins Licht stellte, so hatten doch Krankheit und Leid sie daran gewöhnt, sich zu fassen und, was kommen mußte, in Ergebung zu tragen; aber Ungewißheit ist in solcher Lage sehr schlimm, und was noch schlimmer ist, das ist die Unmöglichkeit, sich Gewißheit zu verschaffen. Als sie die laute Rede meines Vaters auf der Diele hörte und die heftigen Worte des Franzosen und den kurzen Befehl des Obersten, ahnte sie, was dort geschah, ohne daß sie die Worte verstand; die Angst stieg in ihr auf, und kein Mensch war um sie, kein Mensch hörte auf ihr Klingeln. Ihre hilflose Lage und das bittere Gefühl, daß sie nicht helfen konnte, daß sie nicht dort stand, wo sie hätte stehen müssen: an der Seite meines Vaters – übernahmen sie, und als der alte Amtshauptmann in die Stube hereinkam, war sie ohnmächtig und lag wie tot in ihrem Krankenstuhl.

De oll Herr was mit den schönsten Trostspruch ut Mark Aurelen up de Lippen rinne treden; äwer as hei den Taustand gewohr würd, föll hei ganz ut de Rull un röp ein äwer't anner Mal: »Ne, wat denn? Min Herzenskindting! Wat is Sei? Wat is Sei?« De oll Herr, de süs nich ut de Fatung tau bringen was, was mit sin Gedanken rein ut Rick un Schick geraden, un hei hadd blot dat düstre Gefäuhl behollen, dat hir wat gescheihn müßt, un as ick mit de hellen Tranen in de Ogen rinne störten ded, stunn hei mit 'ne Waschschöttel, wo kein Water in was, vör min Mutting un röp: »Dies ist doch eine sehr sonderbare Sache!« – Endlich kamm up min Schrigen de Fru Amtshauptmannen un Mamsell Westphalen tau Hülp. Ick hadd mi an min Mutting ran smeten un röp ein äwer't anner Mal: »Mutting, min leiw' Mutting, hei kümmt wedder; ick sall di seggen, hei wir bald wedder hir!« – Endlich, endlich kam sei tau Besinnung, un was dat irst ängstlich west, so würd dat nu en Jammer.

Der alte Herr war mit dem schönsten Trostspruch aus Mark Aurel auf den Lippen eingetreten; aber als er den Zustand sah, fiel er ganz aus der Rolle und rief einmal übers andere: »Ne, was denn? Mein Herzenskindting! Was ist Ihnen? Was ist Ihnen?« Der alte Herr, der sonst nicht aus der Fassung zu bringen war, war mit seinen Gedanken rein aus Rand und Band geraten und hatte nur das dunkle Gefühl behalten, daß hier etwas geschehen müßte, und als ich mit hellen Tränen in den Augen hereinstürzte, stand er mit einer Waschschüssel, worin kein Wasser war, vor Mutting und rief: »Dies ist doch eine sehr sonderbare Sache!« – Endlich kamen auf mein Schreien die Frau Amtshauptmann und Mamsell Westphal zu Hilfe. Ich hatte mich an meine Mutter herangeworfen und rief einmal übers andere: »Mutting, lieb Mutting, er kommt wieder; ich sollte dir sagen, er wäre bald wieder hier!« Endlich, endlich kam sie zur Besinnung, und war es erst eine Angst gewesen, so wurde es jetzt ein Jammer.

Trösten is dat lichtste Geschäft för den, de mit Redensorten baben den Harten weg en Trurigen einen Bewis von sin Höflichkeit gewen will; äwer't is dat swönnste Geschäft, wenn einer sin Hart, bet an den Rand vull Leiw', in en anner bedürftig Hart utgeiten müggt un dorbi fäuhlt, dat all de Leiw', de man beiden kann, nich utreikt, üm dat arme Hart tau nige Hoffnung lebendig tau maken; un dit swor Geschäft ward tau 'ne Unmäglichkeit, wenn einer an sinen eigenen Trost nich glöwt. Gott Lob un Dank! Dit was hir nich de Fall. De tru'sten Harten stunnen uns bi, un den ollen Herrn un sine gaude Fru gelung dat bi Lütten, min Mutting in ehren Jammer Rauh tau verschaffen, un as sei man irst för Grün'n taugänglich was, dunn süll't nich doran fehlen, denn hadd ein Minsch up de Welt Grün'n, denn hadd sei de oll Herr Amtshauptmann, un hüt sport hei sei nich.

Trösten ist das leichteste Geschäft für den, der mit Redensarten, die nicht vom Herzen kommen, einem Traurigen einen Beweis seiner Höflichkeit geben will; aber es ist das schwerste Geschäft, wenn einer sein Herz, bis an den Rand voll Liebe, in ein anderes bedürftiges Herz ausschütten möchte, und dabei fühlt, daß alle die Liebe, die man bieten kann, nicht ausreicht, um das arme Herz zu neuer Hoffnung lebendig zu machen; und dieses schwere Geschäft wird zu einer Unmöglichkeit, wenn einer an seinen eigenen Trost nicht glaubt. Gott Lob und Dank, dies war hier nicht der Fall! Die treuesten Herzen standen uns bei, und dem alten Herrn und seiner guten Frau gelang es bei kleinem, meiner Mutter in ihrem Jammer Ruhe zu verschaffen; und als sie nur erst für Gründe zugänglich war, da sollte es daran nicht fehlen, denn hatte ein Mensch auf der Welt Gründe, so hatte sie der alte Herr Amtshauptmann, und heute sparte er sie nicht.

Bi mi verslogen de Grün'n weniger, äwer ick was dorüm doch noch ihre tröst't as min Mutting. Mi hadd Mamsell Westphalen up den Schot namen, un währenddeß, dat ehr de Tranen ut de Ogen schoten, makt sei mi de prächtigsten Utsichten up de schönsten Appel, un dat ded't bi mi; en Kinnerhart is bald tröst't, un verlangt en Bom en düchtigen Regen, so ward en Grashalm all nah en Daudruppen frisch.

As de irste Jammer vöräwer was, kamm de Stadtdeiner Luth herinne un säd den Herrn Amtshauptmann, Möller Vossen sin Fiken stünn buten un wull em en por Würd' spreken. »Min Herzenskindting«, säd de oll Herr, »dat is en braves Mäten, ick weit dat gewiß, un sei ward ok üm ehren Vader in Ängsten sin; ick denk, wi hüren hir, wat dat arme Worm will. Wo seggt Horaz: est solamen miseris socios habuisse malorum. Ick äwersett Sei dat nahsten. – Luth, min leiw' Mann, lat Hei dat Mäten rinne kamen.«

Bei mir verschlugen die Gründe weniger, aber ich war darum doch noch eher getröstet, als meine Mutter. Mich hatte Mamsell Westphal auf den Schoß genommen, und während ihr die Tränen aus den Augen schossen, machte sie mir die prächtigsten Aussichten auf die schönsten Aepfel, und das tat's bei mir; ein Kinderherz ist bald getröstet, und verlangt ein Baum einen tüchtigen Regen, so wird ein Grashalm schon nach einem Tautropfen frisch. Als der erste Jammer vorüber war, kam Stadtdiener Luth herein und sagte dem Herrn Amtshauptmann, Müller Vossens Fiken stände draußen und wollte ihn auf ein paar Worte sprechen. »Mein Herzenskindting,« sagte der alte Herr, »das ist ein braves Mädchen, das weiß ich gewiß; und sie wird auch um ihren Vater in Aengsten sein; ich denke, wir hören hier, was das arme Wurm will. Wie sagt Horaz: ›est solamen miseris socios habuisses malorum.‹ Ich übersetz' Ihnen das nachher. – Luth, mein lieber Mann, laß Er das Mädchen hereinkommen.«

Fiken kamm herin. Sei was 'ne lütte, finbugte Dirn, äwer de Gesundheit lagg up ehre frischen Backen, un wenn ehr Ogen up Stun'ns ok trurig vör sick hen segen, so kunn em doch seihn, dat sei tau Tiden lustig in de Welt rinne lachen kunnen. Ehr ganz Utseihn wis'te, dat sei in allen Dingen en bedräplich Mäten was, wat sick nich von ehr Unnernemen afwennig maken let, un up ehr truhartig Gesicht was tau lesen, dat sei sick nich mit een Unnernemen afgaww, wenn sei't nich für recht inseihn hadd. Sei hadd äwer ehr dreistückig Mütz wegen den Regen en rodes Dauk bunnen un stunn so sauber in ehren rod- un gräunstripigen wullintlin'n Rock vör den ollen Herrn, dat hei sick nah sin Fru ümwen'nte un halwlud säd: »Ne, wat denn, Neiting?« – As Fiken em ehren Knix makt hadd, gung sei an de Frau Amtshauptmannen un min Mutting un Mamsell Westphalen ranne un makte ehr ok einen un gaww ehr de Hand, so wull dat de oll truhartige Tid.

Fiken kam herein. Sie war eine kleine, feingebaute Dirne, aber die Gesundheit lag auf ihren frischen Backen, und wenn ihre Augen jetzt auch traurig vor sich hinsahen, so konnte man doch sehen, daß sie zu Zeiten lustig in die Welt hineinlachen konnten. Ihr ganzes Aussehen zeigte, daß sie in allen Dingen ein geschicktes Mädchen war, das sich nicht von ihrem Unternehmen abwendig machen ließ; und auf ihrem treuherzigen Gesicht war zu lesen, daß sie sich nicht mit einem Unternehmen abgab, wenn sie es nicht für recht erkannt hatte. Sie hatte über ihre dreistückige Mütze wegen des Regens ein rotes Tuch gebunden, und stand so sauber in ihrem rot und grün gestreiften Rock vor dem alten Herrn, daß er sich nach seiner Frau umdrehte und halblaut sagte: »Ne, was denn, Neiting?« – Als Fiken ihm ihren Knix gemacht hatte, ging sie an die Frau Amtshauptmann und meine Mutter und Mamsell Westphal heran und machte ihnen auch einen und gab ihnen die Hand; so wollte es die alte treuherzige Zeit.

»Herr Amtshauptmann«, säd Fiken, »min Vader un uns' Buren hewwen ümmer vel Gauds von Sei vertellt, un dorüm bün ick drist naug, in min Drangsal tau Sei tau kamen.« – »Wat haddst du denn woll up dinen Harten, min Döchting?« frog de oll Herr fründlich un läd ehr de Hand up den Kopp. »Ne, wat denn?« – »Herr, min Vatting is unschüllig«, säd sei wider un kek den Ollen so recht mit Vertrugen in de Ogen. – »Dat hei dat is, weit ick, min Kindting«, säd de oll Herr un nickte mit den Kopp. – »Un dorüm heww ick ok kein Angst, dat hei nich bald fri kamen möt«, säd Fiken. – »Hm! Ja! Dat heit, dat wir nich mihr as recht. Äwer in de jitzige Tid geiht Gewalt vör Recht, un is dat all bi den besten Willen in ruhigen Tiden för den Minschen swor, den Unschülligen von den Schülligen utfinnig tau maken, so is dat in Krigstiden noch swönner, vör allen, wenn de gaude Will fehlt.« – »Dorvör heww ick kein Bang'n«, föll Fiken rasch in; »fri möt hei kamen, un dat ball. Äwer min Vatting is en ollen Mann, em kann wat taustöten, un denn is keiner üm em rümmer, dorüm wull ick em nah.« – »Min Döchting«, säd de oll Herr un schüddelt mit den Kopp, »du büst jung, un Soldaten sünd ruge Gäst, dat künn kein Trost för dinen Vader sin, wenn hei di in ehr Gesellschaft wüßt.« – »Herr, ick wull ok nich allein mit, min Vedder Hinrich, wat Jochen Vossen sin Sähn is, de wull mit mi, un wi dachten, wenn Sei uns en Schriwen, so as en Schutzbreiw, mitgewen, denn künn uns nicks passieren.« – . »En Schutzbreiw?« säd de oll Herr un schüddelt düller mit den Kopp. »Min Döchting, dat Volk ward sick vel an en Schutzbreiw von einen Stemhäger Amtshauptmann kihren. Un doch, min Herzenskindting!« un wen'nt sick an min Mutting, »wenn ick ehr so'n Breiw an den Obersten von Toll mitgew; ne, wat denn? – Neiting, er müßte nicht der Sohn von Renatus von Toll sein, wenn hei dit lütt Mäten ahn Schutz let. – Un du seggst«, wen'nt hei sick wedder an Fiken, »din Vedder Hinrich will mit di?« – »Ja, Herr, hei steiht hir up de Dehl.« – »Raup em mal rinne!«

»Herr Amtshauptmann,« sagte Fiken, »mein Vater und unsere Bauern haben immer viel Gutes von Ihnen erzählt, und darum bin ich so dreist, in meiner Drangsal zu Ihnen zu kommen.« – »Was hättest du denn wohl auf deinem Herzen, meine Tochter?« fragte der alte Herr freundlich und legte ihr die Hand auf den Kopf; »ne, was denn?« – »Herr, mein Vater ist unschuldig,« fuhr sie fort und sah dem Alten so recht mit Vertrauen in die Augen. – »Daß er das ist, weiß ich, mein Kindting,« sagte der alte Herr und nickte mit dem Kopf. – »Und darum habe ich auch keine Angst, daß er nicht bald frei kommen muß,« sagte Fiken. – »Hm! Ja! Das heißt, es wäre nicht mehr als recht – aber in der jetzigen Zeit geht Gewalt vor Recht, und ist es schon bei dem besten Willen in ruhigen Zeiten für den Menschen schwer, den Unschuldigen von dem Schuldigen zu unterscheiden, so ist es in Kriegszeiten noch schwerer, vor allem, wenn der gute Wille fehlt.« – »Davor hab' ich keine Bange,« fiel Fiken rasch ein; »frei kommen muß er und das bald. Aber Vatting ist ein alter Mann, ihm kann etwas zustoßen, und dann ist keiner um ihn herum, darum wollte ich ihm nach.« – »Mein Kind,« sagte der alte Herr und schüttelte den Kopf, »du bist jung, und Soldaten sind rauhe Gäste; das könnte kein Trost für deinen Vater sein, wenn er dich in deren Gesellschaft wüßte.« – »Herr, ich wollte auch nicht allein mit, mein Vetter Hinrich, Jochen Vossens Sohn, der wollte mit mir gehen; und wir dachten, wenn Sie uns ein Schreiben, so eine Art von Schutzbrief, mitgäben, dann könnte uns nichts passieren.« – »Einen Schutzbrief?« sagte der alte Herr und schüttelte stärker mit dem Kopf. »Mein Kind, das Volk wird sich viel an einen Schutzbrief von einem Stavenhäger Amtshauptmann kehren. Und doch, mein Herzenskindting!« – und er wandte sich an meine Mutter – »wenn ich ihr so einen Brief an den Obersten von Toll mitgäbe: ne, was denn? Neiting, er müßte nicht der Sohn von Renatus von Toll sein, wenn er dies kleine Mädchen ohne Schutz ließe. – Und du sagst,« wandte er sich wieder an Fiken, »dein Vetter Hinrich will mit?« – »Ja, Herr, er steht hier auf der Diele.« – »Ruf ihn mal herein!«

Hinrich kamm rin. Hei was en sturen Kirl, breid in de Schullern un rank in de Hüften, blag von Ogen un hell von Hor; von de Ort, de einer bi uns in de Austtid von morgens Klock söß bet abends Klock nägen den Seißenbom regieren süht, as wir't 'ne Schriwfedder, womit en jeder sin Dagwark verteiken müßt. – »Un du, min Sähn«, säd de oll Herr, »du wullst mit Fiken gahn?« – »Ja, Herr.« – »Un du wullst ehr Schutz sin un wullst sei nich verlaten?« – »Ja, Herr! Un ick heww min Pird un Wag' hir, un ick dacht so. wenn dat Franzosentüg nicks dorwedder hadd, kün'n jo de Gefangen mit Fiken führen, un ick güng denn biher.« – »Herr Amtshauptmann«, röp min Mutting, »helpen S' em tau sin Vörnemen, dit is möglicher Wis' de einzigste Gelegenheit, dat ick minen Mann dat Notwendigste nahschicken kann. Hei is jo, as hei gung un stunn, up de Strat reten worden, un denn in dit Weder!« – »Wohr, min Herzenskindting, wohr! Ja, ick will di den Breiw schriwen, Fiken. Un, Neiting, de oll Möller is ok ahn Kledaschen wegkamen, sorg dorför. – Minen Mantel, Mamsell Westphalen, un ok 'ne Slapmütz, denn ick weit, hei dröggt weck. Un, min Herzenskindting«, säd hei tau min Mutting, »wer sick einmal doran gewennt hett, för den is dat slimm, wenn hei sei missen sall.« – »Fritz«, säd Fru Amtshauptmannen tau mi, »lop räwer nah Bäcker Witt's, ob de Strüwingken ehren Vader nich ok wat mitschicken wull.«

Hinrich kam herein; er war ein strammer Bursch, breit in den Schultern und schlank in den Hüften, blau von Augen und hell von Haar; von der Art, die man bei uns in der Erntezeit von morgens sechs bis abends neun den Sensenbaum regieren sieht, als wäre er eine Schreibfeder, womit ein jeder sein Tagewerk verzeichnen müßte. »Und du, mein Sohn,« sagte der alte Herr, »du wolltest mit Fiken gehn?« – »Ja, Herr.« – »Und du wolltest ihr Schutz sein und wolltest sie nicht verlassen?« – »Ja, Herr! Und ich habe Pferde und Wagen hier, und ich dachte so, wenn das Franzosenzeug nichts dagegen hätte, könnten ja die Gefangenen mit Fiken fahren, und ich ginge dann nebenher.« – »Herr Amtshauptmann,« rief meine Mutter, »helfen Sie ihm bei seinem Vorhaben! Dies ist möglicherweise die einzige Gelegenheit, daß ich meinem Mann das Notwendigste nachschicken kann. Er ist ja, wie er ging und stand, auf die Straße gerissen worden, und noch dazu in diesem Wetter!« – »Wahr! Mein Herzenskindting! Ja, ich will dir den Brief schreiben, Fiken – und, Neiting, der alte Müller ist auch ohne Kleider weggekommen; sorge dafür! – Meinen Mantel, Mamsell Westphal und auch eine Schlafmütze, denn ich weiß, er trägt welche. Und, mein Herzenskindting,« sagte er zu meiner Mutter, »wer sich einmal daran gewöhnt hat, für den ist es schlimm, wenn er sie missen soll.« – »Fritz,« sagte Frau Amtshauptmann zu mir, »lauf hinüber zu Bäcker Witts, ob die Strübingen ihrem Vater nicht auch etwas mitschicken will.«

Nu gang dat denn an't Packen; in'n Ümseihn was dat besorgt, un as allens up den Wagen lagg, kamm de Strüwingken noch mit en groten Korw vull Botterpamel un Mettwust antaudragen. Fiken satt all up den Wagen, de Herr Amtshauptmann hadd den Breiw farig, un as hei'n Fiken gewen hadd, röp hei Hinrichen bi Sid un säd: »Also du büst Jochen Vossen sin Sähn, de mit den Möller so lang in'n Prozeß legen hett?« – »Ja, Herr Amtshauptmann, nemen S' 't nich äwel, äwer min Vader was ok wat steinpöttig un hadd sick dorup set't; äwer ick bün derowegen herkamen un heww ok mit den Möller all redt un nahsten ok mit Fiken, un wenn't nah minen Willen geiht, denn kümmt de Sak in de Reih.« – »Min Sähn«, säd de oll Herr un gaww em de Hand un schüddelt s', »irstens will 'ck di wat seggen: du geföllst mi. Äwer tweitens will ick di ok watt seggen: du hest di tau den Möller sin Fiken ehren Schutz upsmeten, lettst du mi dat Mäten en Hor krümmen, denn kumm mi nich wedder unner de Ogen.« – Dormit dreiht hei sick üm, gung in min Mutting ehr Stuw' un säd: »En prächtiges Mädchen, min Herzenskindting!«

Nun ging es denn ans Packen; und das war im Umsehen besorgt, und als alles auf dem Wagen lag, kam die Strübingen noch und trug einen großen Korb voll Butterwecken mit Mettwurst heran. Fiken saß schon auf dem Wagen, der Herr Amtshauptmann hatte den Brief fertig, und als er ihn Fiken gegeben hatte, rief er Hinrich beiseite und sagte: »Also du bist Jochen Vossens Sohn, der mit dem Müller so lange im Prozeß gelegen hat?« – »Ja, Herr Amtshauptmann, nehmen Sie's nicht übel, aber mein Vater war auch ein bißchen hartköpfig und hatte sich darauf versteift; aber ich bin gerade deswegen hergekommen und habe mit dem Müller schon gesprochen und nachher auch mit Fiken, und wenn's nach meinem Willen geht, dann kommt die Sache in Ordnung.« – »Mein Sohn,« sagte der alte Herr und gab ihm die Hand und schüttelte sie; »erstens will ich dir etwas sagen: du gefällst mir. Aber zweitens will ich dir noch etwas sagen: du hast dich zu Fiken Vossens Schutz aufgeworfen; läßt du mir dem Mädchen ein Haar krümmen, dann komm mir nicht wieder unter die Augen!« – Damit drehte er sich um, ging in die Stube meiner Mutter und sagte: »Ein prächtiges Mädchen, mein Herzenskindting!«

»Wat säd de Herr Amtshauptmann tau di?« frog Fiken, as Hinrich an ehre Sid satt un dat Fuhrwark furt gung. »Oh, hei säd man so«, säd Hinrich. »Äwerst du wardst di verküllen!« set't hei hentau un wickelt sei in den ollen Herrn sinen Mantel un führt grelling de Strat dal.

»Was sagte der Herr Amtshauptmann zu dir?« fragte Fiken, als Hinrich an ihrer Seite saß und der Wagen fortfuhr. »Oh, er sagte nur so,« sagte Hinrich. »Aber du wirst dich erkälten,« setzte er hinzu und wickelte sie in des alten Herrn Mantel und fuhr in schlankem Trab die Straße hinunter.

As sei knapp ut den Dur wiren, kemen ehr de Stemhäger Lüd' entgegen, de noch 'ne Wil mit de Franzosen un de Gefangen gahn wiren; vöran natürlich Fritz Sahlmann. Wo sach de Jung' ut! As hadd hei den Dag äwer in Teigelkuhl un Leimtrad wirkt. »De Burmeister is utritscht!« röp hei de Strat lang. »De Burmeister is up oll Nicolain sinen Brunen in de Wicken gahn. Ick heww em en Wink gewen, un heidi! was hei.« – »Jung', wat redst du?« säd Schauster Banken sin Fru, de äwer de halwe Husdör nah ehren Mann utkek. – »Ja, Nahwersch«, säd Sprüttenmeister Tröpner, de nu ranne kamm. »de Burmeister is ehr fläuten gahn; äwer dinen Mann hewwen s' en Denkzettel gewen; kak em man en beten Saffran un Roggenmehl un legg em dat mang de Schullern, wo em de Franzos' mit den Flintenkolben keddeln ded.«

Als sie kaum aus dem Tor waren, kamen ihnen die Stavenhäger entgegen, die noch eine Weile mit den Franzosen und den Gefangenen gegangen waren; voran natürlich Fritz Sahlmann. Wie sah der Junge aus! Als hatte er den Tag über in Ziegelgrube und Lehmtrade gewirkt! »Der Bürgermeister ist ausgerissen!« rief er die Straße entlang; »der Bürgermeister ist auf des alten Nicolai Braunem in die Wicken gegangen! Ich hab ihm einen Wink gegeben, und heidi! war er.« – »Junge, was redest du?« sagte Schuster Banks Frau, die über der halben Haustür nach ihrem Mann aussah. – »Ja, Nachbarin,« sagte Spritzenmeister Tröpner, der nun herankam, »der Bürgermeister ist ihnen flöten gegangen; aber deinem Mann haben sie einen Denkzettel gegeben; koche ihm nur ein bißchen Safran und Roggenmehl und lege ihm das zwischen die Schultern, wo ihn der Franzos mit dem Flintenkolben gekitzelt hat.«

As en Lopfüer gung de Nahricht dörch de Stadt: »De Burmeister is up Nicolain sinen Brunen de Franzosen ut de Lappen gahn!« Un de Stadtdeiner Luth ströt't in min Mutting ehr Stuw' herin mit en Gesicht, as wenn de tweite Pingsten- un Oster-Dag up einen Dag follen wir un hei wir dortau set't, dat hei dat Part von Vergnäugen, wat an desen Dagen up de ganze Stemhäger Börgerschaft fallen ded, allein geneiten süll. »Fru Burmeistern!« röp hei, »verfiren S' sick nich! – Herr Amtshauptmann, 't is wat Gauds! – 't is wat Gauds, Fru Amtshauptmannen! – Mamsell Westphalen, wo is't mäglich! – Uns' Herr is de Franzosen utritscht!« – Ach du leiwer Gott, wat würd't för en Upstand! Min Mutting bäwerte an Hän'n un Fäuten, de Herr Amtshauptmann verget sin Öller un sin Stellung, kreg den Stadtdeiner bi'n Kragen un schüddelt em nah Kräften: »Luth, Mann, besinn Hei sick! Uns is hir nich spaßig tau Maud'.« – De Fru Amtshauptmannen gung in Besorgnis an min Mutting ranne, un Mamsell Westphalen satt stur un stiw un säd: »Mit Verlöw tau seggen, Herr Amtshauptmann, hei 's 'n Hanswust!« – »Herr Amtshauptmann, Herr Amtshauptmann!« röp Luth un let sick schüddeln, »glöwen S' mi dat doch tau, Fritz Sahlmann het't jo mit anseihn un hett mi't seggt.« – »Fritz Sahlmann? Min Fritz Sahlmann?« frog de oll Herr un let den Stadtdeiner los. – »Herr Amtshauptmann«, säd Mamsell Westphalen ganz ruhig, »as de ein heit, süht de anner ut. Fritz Sahlmann un de Wohrheit kiken sick enanner an as Kukuk un Säbenstirn.« – »Wo is de Jung'?« frog de oll Herr, – »Hir buten steiht hei up de Dehl«, säd Luth.

Wie ein Lauffeuer ging die Nachricht durch die Stadt: »Der Bürgermeister ist auf Nicolai seinem Braunen den Franzosen durch die Lappen gegangen!« Und der Stadtdiener Luth stürzte in die Stube meiner Mutter herein mit einem Gesicht, wie wenn der zweite Pfingst- und Ostertag auf einen Tag gefallen waren, und er wäre dazu angestellt worden, den Anteil von Vergnügen, der an diesen Tagen auf die ganze Stavenhager Bürgerschaft fiel, allein zu genießen. »Frau Bürgermeister!« rief er, »erschrecken Sie sich nicht! – Herr Amtshauptmann, 's ist was Gutes! – 's ist was Gutes, Frau Amtshauptmann! – Mamsell Westphal, wie ist's möglich! Unser Herr ist den Franzosen ausgerissen!« – Ach du lieber Gott, was wurde das für ein Aufstand! Meine Mutter bebte an Händen und Füßen, der Herr Amtshauptmann vergaß das Alter und seine Stellung, packte den Stadtdiener beim Kragen und schüttelte ihn nach Kräften: »Luth, Mann, besinn' Er sich! Uns ist hier nicht spaßig zumute!« – Die Frau Amtshauptmann ging in Besorgnis an meine Mutter heran, und Mamsell Westphal saß starr und steif und sagte: »Mit Verlaub zu sagen, Herr Amtshauptmann; er ist ein Hanswurst!« – »Herr Amtshauptmann, Herr Amtshauptmann!« rief Luth und lieh sich schütteln, »glauben Sie's mir doch, Fritz Sahlmann hat es ja mit angesehen und hat mir's gesagt.« – »Fritz Sahlmann? Mein Fritz Sahlmann?« fragte der alte Herr und ließ den Stadtdiener los. – »Herr Amtshauptmann,« sagte Mamsell Westphal ganz ruhig, »wie der eine heißt, sieht der andere aus. Fritz Sahlmann und die Wahrheit gucken einander an, wie Kuckuck und Siebengestirn.« – »Wo ist der Junge?« fragte der alte Herr. – »hier draußen steht er auf der Diele,« sagte Luth.

Mit grote Schritten gung de oll Herr nah de Dör un röp rute: »Fritz! Fritz Sahlmann, kumm hir mal rinne!« – Fritz Sahlmann kamm; in sine Bost wiren twei Gewalten: de Lust, sine Heldendahten tau vertellen, un de Furcht vör en natt Johr von wegen sin Utseihn; de ein drew em nah vörwarts, un de anner höll em taurügg, un't müggt jo woll de ein linksch un de anner rechtsch wirken, genaug, hei kamm verschrat in de Dör, mit sin gaud Sid irst, hadd äwer doch sin Reknung falsch äwerslagen, denn hei let dorbi uter acht, dat up dese Wis' sin natürliche Swerpunkt, mit den hei sick in den Hollweg dal set't hadd, de Fru Amtshauptmannen un Mamsell Westphalen alsoglik vör de Ogen kamen müßt. – »Fritz Sahlmann«, frog de oll Herr, »wat is dit all?« – Fritz Sahlmann, de in'n ganzen mit 'ne Ort von Stolz inrückt was, let den Kopp hängen un kek sin Unnerdeil an: »Ob, nicks, Herr Amtshauptmann! Blot en beten reinen Leim.« – »Gott bewohr uns!« röp de Fru Amtshauptmannen, »wo süht de Jung' ut! Wer sall den wedder rein krigen!« – »Dör möt Fik un Korlin, jede mit ein stuwen Bessen, äwer«, säd Mamsell Westphalen ganz ruhig. – »Jung'«, säd de Herr Amtshauptmann, »nu segg mi glick de reine Wohrheit: is de Burmeister flüchtig worden oder nich?« – »Ja, Herr Amtshauptmann«, säd Fritz un kek wedder tau Höcht, »hei's ehr schappiert.« – »Lägen!« smet Mamsell Westphalen verluren dormang. »Wo kann ut so'n unreines Gefäß de reine Wohrheit kamen?« – »Vertell, Fritz!« säd de Oll. Un Fritz vertellt.

Mit großen Schritten ging der alte Herr nach der Tür und rief hinaus: »Fritz! Fritz Sahlmann, komm hier mal 'rein!« – Fritz Sahlmann kam. In seiner Brust waren zwei Gewalten: die Lust, seine Heldentaten zu erzählen, und die Furcht vor einem nassen Jahr wegen seines Aussehens; die eine trieb ihn vorwärts; und die andere hielt ihn zurück, und es mochte ja wohl die eine nach links und die andere nach rechts wirken – genug, er kam schräge zur Tür herein, hatte aber doch seine Rechnung falsch überschlagen, denn er ließ dabei außer acht, daß auf diese Weise sein natürlicher Schwerpunkt, mit dem er sich in den Hohlweg niedergesetzt hatte, der Frau Amtshauptmann und Mamsell Westphal alsogleich vor die Augen, kommen mußte. – »Fritz Sahlmann,« fragte der alte Herr, »was ist dies alles?« – Fritz Sahlmann, der im ganzen mit einer Art von Stolz eingerückt war, ließ den Kopf hängen und sah sein Unterteil an: »O nichts, Herr Amtshauptmann! Bloß ein bißchen reiner Lehm.« – »Gott bewahre uns!« rief die Frau Amtshauptmann, »wie sieht der Junge aus! Wer soll den wieder rein kriegen?« – »Da müssen, Fik und Karline, jede mit einem stumpfen Besen drüber her,« sagte Mamsell Westphal ganz ruhig. – »Junge,« sagte der Herr Amtshauptmann, »nun sage mir gleich die reine Wahrheit: ist der Bürgermeister flüchtig oder nicht?« – »Ja, Herr Amtshauptmann,« sagte Fritz und sah wieder empor, »er ist ihnen schappiert.« – »Lügen!« warf Mamsell Westphal halbleise dazwischen. »Wie kann aus so einem unreinen Gefäß die reine Wahrheit kommen?« – »Erzähle. Fritz!« sagte der Alte. Und Fritz erzählte.

't kümmt oft vör in de Welt, dat einer tau vele Ihr inausten will un doräwer ok de verlustig geiht, de em mit Recht taukümmt. So gung dat Fritzen ok. As hei bet sinen Andeil an de Geschicht kamen was, vertellt hei so ümständlich, beschrew sinen natürlichen Fall so genau un makt so vele Redensorten, üm sine Daht in en helles Licht tau stellen, dat hei noch lang' nich mit de Geschicht tau En'n was, as Luth mit den Sprüttenmeister Tröpner herinne kamm un de Herr Amtshauptmann sick an den wen'nte: »Mein lieber Meister, was wissen Sie von der Sache?« – Meister Tröpner fäuhlte ut dese hochdütsche Frag rute, dat hei von den ollen Herrn as en gebildten Minsch traktiert würd, un beslot, sick ok as en gebildten Minsch tau bedragen, hei säd also up Hochdütsch: »Ich hätte es von Ur tau En'n mit angesehn.« Nu vertellte hei denn de Sak wedder von vör, let Fritz Sahlmannen sinen Andeil ganz weg un slot sine Vertellung mit dese Würd': »Un somit sprung de Herr Burmeister achter den Herrn Ratsherrn sinen Mantäng heraus, fuhr um die Ekklipage rum, krawwelte sich fixing den Äuwer in die Höchte, sprung achter de holle Weide, riß Fritzen vor Gewalt die Tägel aus die Hände, swung sich in den Sadel, un als er man erst die Fühlung von den Braunen unter sich hatte, bädelte er plängschaß den Barg hendal, ümmer auf die Pribbenowschen Dannen zu, was't Tüg hollen wull.« – »Un de Franzosen?« frog de oll Herr. – »Oh, Herr Amtshauptmann, die wären halb verklamt, un als sie schießen wollten, gung nichts nich los von wegen der Nassigkeit, sie schmissen sich also in ihrer Zornigkeit auf uns Unschuldswürm von bloße Zuschauer und hätten den Schustermeister Bank aus der Bramborgsch Strat mit den Kolben mang de Schullerbläder ramponiert, worauf wir alle uns exküsierten, indem daß wir den Barg run lepen.« – »Min Herzenskindting«, röp de oll Herr, »des' lütt Burmeister is en Kirl as en Uhrworm! Das ist ein Kerl, fix wie ein Feuerschloß, min Herzenskindting!« – Äwer de, för de des' Red bestimmt was, hürte em nich. Min Mutting lagg in ehren Staul un weinte bitterlich. As de Red' up dat Scheiten kamm, drückte sei den Arm von de gaude Fru Amtshauptmannen so fast an sick, as wull sei sick doran hollen gegen den Swindel, de ehr beföll, äwer as endlich de Gewißheit herute kamm, dat min Vader gesund dorvon kamen was, stört'ten de Tranen ehr ut de Ogen, sei deckte ehr Dauk äwer ehr Gesicht un weinte still vör sick hen.

Wiren dat Freudentranen? Wer weit. Wer kann seggen, wo Freud un Weihdag' sick scheiden? Sei spelen tau wunderlich in dat Minschenhart inenanner äwer; sei sünd Uptog un Inslag, un woll den, bi den ut beiden en fastes Gewew' ward! De Tran, de ut Weihdag' geburen is, hett so gaud ehren Inslag von Hoffnung as de Freudentranen ehren Inslag von Furcht. De vergangen Angst üm minen Vader un de Furcht vör sine Taukunft wewten sick in min Mutting ehr freudig Dankgefäuhl, un de Tran, de up de Ird föll, was kein reine Freudentran. Föllt äwerhaupt up unsre Ird 'ne reine Freudentran?

Es kommt oft vor in der Welt, daß einer zu viele Ehre einernten will und darüber auch derjenigen verlustig geht, die ihm mit Recht zukommt. So ging es auch Fritzen. Als er zu seinem Anteil an der Geschichte gekommen war, erzählte er so umständlich, beschrieb seinen natürlichen Fall so genau und machte so viele Redensarten, um seine Tat in ein helles Licht zu stellen, daß er noch lange nicht mit der Geschichte zu Ende war, als Luth mit dem Spritzenmeister Tröpner hereinkam, und der Amtshauptmann sich an diesen wendete: »Mein lieber Meister, was wissen Sie von der Sache?« – Meister Tröpner fühlte aus dieser hochdeutschen Ansprache heraus, daß er von dem alten Herrn als ein gebildeter Mensch behandelt wurde, und beschloß, sich auch wie ein gebildeter Mensch zu betragen; er sagte also auf hochdeutsch: »Ich hätte es von Ur tau Enn' mit angesehen.« Nun erzählte er dann wieder die Sache von vorne, ließ Fritz Sahlmanns Anteil ganz weg und schloß seine Erzählung mit den Worten: »Un somit sprung de Herr Burmeister achter den Herrn Ratsherrn sinen Mantäng heraus, fuhr um die Ektlipasche rum, krawwelte sich fixing den Aeuwei in die Höchte, sprung achter die holle Weide, riß Fritzen vor Gewalt die Tägel aus die Hände, swung sich in den Sadel, und als er man erst die Fühlung von den Braunen unter sich hatte, bädelte er plängschaß den Barg hendal, ümmer auf die Pribbenowschen Wannen zu, was 't Tüg hollen wull.« – »Und die Franzosen?« fragte der alte Herr. – »Oh, Herr Amtshauptmann, die waren halb verklamt, un als sie schießen wollten, gung nichts nich los von wegen der Nassigkeit; sie schmissen sich also in ihrer Zornigkeit auf uns Unschuldswürm von bloße Zuschauer und hätten den Schustermeister Bank, aus der Bramborgsch Strat, mit den Kolben mang de Schullerbläder ramponiert, worauf wir alle uns exküsierten, indem daß wir den Barg 'runlepen.« – »Mein Herzenskindting,« rief der alte Herr; »dieser kleine Bürgermeister ist ein Kerl wie ein Ohrwurm! Das ist ein Kerl, fix wie ein Feuerschloß, mein Herzenskindting!« – Aber die, für die diese Rede bestimmt war, hörte sie nicht. Meine Mutter lag in ihrem Stuhl und weinte bitterlich. Als die Rede auf das Schießen kam, drückte sie den Arm der guten Frau Amtshauptmann so fest an sich, als wollte sie sich daran halten gegen die Ohnmacht, die sie befiel; aber als endlich die Gewißheit sich herausstellte, daß mein Vater gesund davongekommen war, stürzten ihr die Tränen aus den Augen; sie deckte ihr Tuch über ihr Gesicht und weinte still vor sich hin. Waren das Freudentränen? Wer weiß? Wer kann sagen, wo Freud und Leid sich scheiden? Sie spielen im Menschenherzen zu wunderlich ineinander über; sie sind Aufzug und Einschlag, und wohl dem, bei dem aus beiden ein festes Gewebe wird! Nie Träne, die aus Schmerz geboren ist, hat so gut ihren Einschlag von Hoffnung, wie die Freudenträne ihren Einschlag von Furcht. Die vergangene Angst um meinen Vater und die Furcht um seine Zukunft webten sich in meiner Mutter freudiges Dankgefühl, und die Träne, die auf die Erde fiel, war keine reine Freudenträne. Fällt überhaupt auf unsere Erde eine reine Freudenträne?

't was ganz still worden, en Engel flog dörch de Stuw', ne korte Tid man; de Engel täuwen nich lang' bi uns – ick weit't, denn ick stunn mit den Kopp an uns' brune Stuwenklock un weinte un horkte up den Parpendikel – ne korte Tid! Ick kek tau Höcht: de oll Herr kek ut dat bäwelste Finster in den grauen Hewen, min Mutting un de Fru Amtshauptmannen weinten, Mamsell Westphalen ok, sei hadd Fritz Sahlmannen an de Hand fat't, un bi den letzten Flägelslag von den Engel säd sei: »Fritz, min Sähning, gah nah'n Sloß un treck di drög an, Fik sall di din sünndagsch Tüg gewen.« – »Un ick, Herr Amtshauptmann«, säd Luth, »will nah Gülzow, un Tröpner kann nah Pribbenow gahn, dat wi den Herrn Burmeister nich verfehlen.« – De oll Herr nickte mit den Kopp, gung an min Mutting ran, an de ehr Knei ick mi ran leggt hadd, un säd: »Sei un de Jung' hir hewwen hüt alle Ursak, unsern Herrgott tau danken, min Herzenskindting.«

Es war ganz still geworden; ein Engel flog durch die Stube – eine kurze Zeit nur; die Engel warten nicht lange bei uns – ich weiß es, denn ich stand mit dem Kopf an unsere braune Stubenuhr gelehnt und weinte und horchte auf den Perpendickel. Eine kurze Zeit! Ich blickte auf: der alte Herr sah durch das oberste Fenster in den grauen Himmel; meine Mutter und die Frau Amtshauptmann weinten; Mamsell Westphal auch; sie hatte Fritz Sahlmann an die Hand gefaßt, und beim letzten Flügelschlage des Engels sagte sie: »Fritz, mein Söhning, geh aufs Schloß und zieh dich trocken an. Fik soll dir dein Sonntagszeug geben.« – »Und ich, Herr Amtshauptmann,« sagte Luth, »will nach Gülzow, und Tröpner kann nach Pribbenow gehen, damit wir den Herrn Bürgermeister nicht verfehlen.« – Der alte Herr nickte mit dem Kopf, ging an meine Mutter heran, an deren Knie ich mich gelehnt hatte, und sagt«: »Sie und der Junge hier haben heute alle Ursache, unserm Herrgott zu danken, mein Herzenskindting.«

 << Kapitel 14  Kapitel 16 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.