Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Fritz Reuter >

Ut de Franzosentid/Aus der Franzosenzeit - Plattdeutsch/Hochdeutsch

Fritz Reuter: Ut de Franzosentid/Aus der Franzosenzeit - Plattdeutsch/Hochdeutsch - Kapitel 13
Quellenangabe
pfad/reuter/2franz/2franz.xml
typefiction
authorFritz Reuter
titleUt de Franzosentid/Aus der Franzosenzeit - Plattdeutsch/Hochdeutsch
publisherVerlag von Otto Janke/Leipzig
translatorHeinrich Conrad
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20111111
projectide334675b
Schließen

Navigation:

Dat twölfte Kapittel

Zwölftes Kapitel

Worüm de Herr Amtshauptmann un de französche Oberst sick binah küßt hadden; worüm min Mutting den Herrn Amtshauptmann an den Rock zuppen un de korsikanische Lindworm minen Vader un minen Unkel Hers' wegslepen ded.

Warum der Herr Amtshauptmann und der französische Oberst sich beinahe geküßt hätten; warum meine Mutter den Herrn Amtshauptmann am Rock zupfte, und der korsikanische Lindwurm meinen Vater und meinen Onkel Herse wegschleppte.

As de Herr Amtshauptmann ut de Gerichtsstuw' gung, gung hei snurstracks nah de anner Sid von de Däl nah en Flag, wo hei vörher un nahher oftmals kamen is, nah de Stuw' von min Mutting – denn wi wahnten in dat Rathus.

Als der Herr Amtshauptmann aus der Gerichtsstube trat, ging er schnurstracks nach der anderen Seite der Diele nach einem Ort, an den er vorher und nachher oft gekommen ist, nach der Stube meiner Mutter – denn wir wohnten im Rathaus.

Min leiw' Mutting satt un neiht, un wi Gören spelten üm ehr rüm; denn wat is so'ne Gören weg? Sei äwer was beängstlich un trurig, still satt sei dor un hürte villicht den Larm gor nich, den wi üm ehr makten; sei wüßt villicht noch gor nicks von den slimmen Handel, worin min Vader satt, denn't was nich sin Sak, sin Drangsal hiddlich tau vertellen; äwer mit 'ne gaude Fru hett dat 'ne eigene Bewandnis: weit en düchtig Mann glik up de Städ', woher de Wind weiht, so weit 'ne gaude Fru all lang' vörher, dat wat in de Luft is.

Meine liebe Mutter saß und nähte, und wir Kinder spielten um sie herum; denn was machen Kinder sich viel aus ernsten Ereignissen? Sie aber war ängstlich und traurig: still saß sie da und hörte vielleicht den Lärm gar nicht, den wir Um sie herum machten; sie wußte vielleicht noch gar nichts von dem schlimmen Handel, worin mein Vater saß, denn es war nicht seine Sache, seine Drangsal aufgeregt zu erzählen; aber mit einer guten Frau hat es seine eigene Bewandtnis: weiß ein tüchtiger Mann gleich auf der Stelle, woher der Wind weht, so weiß eine gute Frau schon lange vorher, daß etwas in der Luft ist.

De oll Herr kamm also tau ehr in de Stuw' rin un säd: »Gun Morrn, min Herzenskindting! Wo geiht Sei dat? Vele Unrauh mit dat oll Franzosenvolk! Ne, wat denn?« Min Mutting höll em de Hand entgegen, denn sei höll vel von den ollen ihrenwirten Mann, de so männig Stun'n bi ehr satt un mit Wisheit un Rechtfarigkeit de Erfohrungen von sine grisen Hor vör ehr utschüdden ded un de doch lewig un lustig naug was, dat dor hen un wenn en beten Puder mang stöhmt, wenn hei von sine Jenenser Studententid vertellen ded, wo hei un sin Brauder, Adolf Didrich – »de Professer juris utriusque in Rostock, min Herzenskindting« – in den Amicistenorden rümme wirkt hadden. Min Mutting höll em de Hand entgegen, denn upstahn kunn sei nich, sei was lahm in 'ne swere Krankheit worden, un ick heww sei nich anners kennt, as dat sei in ehre gauden Tiden up en Staul satt un neiht, so flitig, so flitig, as wiren ehr armen swacken Hän'n gesund, un dat sei in ehre slimmen Tiden tau Bedd lagg un unner Weihdag' in de Bäuker les'. Wat dat för Bäuker wiren, weit ick nich mihr; äwer Romanen wiren't nich, un dat weit ick blot, dat den ollen Herrn Amtshauptmann sin Mark Aurel dor mitunner lep, denn ick müßt em hen un her dragen.

Der alte Herr kam also zu ihr in die Stube und sagte: »Guten Morgen, mein Herzenskindting! Wie geht es Ihnen? Viele Unruhe mit dem alten Franzosenvolk! Ne, was denn?« – Meine Mutter streckte ihm die Hand entgegen, denn sie hielt viel von dem alten ehrenwerten Mann, der so manche Stunde bei ihr saß und mit Weisheit und Rechtschaffenheit die Erfahrungen seiner grauen Haare vor ihr ausschüttete, und der doch lebendig und lustig genug war, um dann und wann ein bißchen Puder inzwischen zu stauben, wenn er von seiner Jenenser Studentenzeit erzählte, wie er und sein Bruder Adolf Dietrich – ›der Professor juris utriusque in Rostock, mein Herzenskindting‹ – im Amicistenorden herumgewirkt hatten. Meine Mutter hielt ihm die Hand entgegen, denn aufstehen konnte sie nicht; sie war in einer schweren Krankheit lahm geworden, und ich habe sie nicht anders gekannt, als daß sie in ihren guten Zeiten auf einem Stuhl saß und nahte – so fleißig, so fleißig, als wären ihre armen schwachen Hände gesund – und daß sie in ihren schlimmen Zeiten zu Bette lag und unter Schmerzen in den Büchern las. Was das für Bücher waren, weiß ich nicht mehr; aber Romane waren es nicht, und das weiß ich nur, daß des alten Herrn Amtshauptmanns Marc Aurel auch mit unterlief, denn ich mußte ihn hm und her tragen.

Frugenslüd' bang' maken was nu den ollen Herrn sin Sak nich, un staats von den Truwel in de Gerichtsstuw' tau reden, fung hei leiwer mit dat slichte Weder an un makte grad 'ne kortfarige Beschriwung von de Pütten up den Stemhäger Mark – denn de was dunn noch nich ni dämmt –, as de Dör upgung un de französche Oberst rinne kamm. De makte min Mutting en korten Gruß un gung an den Herrn Amtshauptmann ran; wi Gören leten un's Spelwark un kröpen in de Abeneck up einen Kluten tausam as de Häuhner, wenn de Häwk in de Luft is, un mägen jo woll dacht hewwen: »wo dit woll möt?« Datsülwige dacht min Mutting ok woll, denn sei kek den ollen Herrn so beängstlich an, wil dat in sin Angesicht so 'ne irnsthaft vörnehme Min kamm, de sei an em nich gewennt was. Den Franzosen let dat äwer gor nich barsch, un in sine Utred was 'ne fründliche Höflichkeit, as hei den ollen Herrn frog: »Üm Vergebung, ick hürt eben in de Gerichtsstuw den Namen ›Wewer‹, heiten Sei Wewer?« – »Jochen Hinrich Wewer«, säd de Oll kort un stunn grad as en Pal. – »Heww'n Sei nich en Brauder, de Adolf Didrich heit?« – »Adolf Didrich, Professer in Rostock«, antwurt't de oll Herr un rögte kein Glid. – »Herr Amtshauptmann«, säd de Franzos' un reckt de beiden Hän'n em entgegen, »laten S' vergeten sin, wat hüt morrn tüschen uns passiert is, Sei gahn mi neger an, as Sei glöwen. Ick heww up Ehren Stock en Namen lesen, de mi deip in't Hart schrewen is. Seihn S' hir: ›Renatus von Toll‹.« – »Un den Mann kennen Sei?« frog de oll Herr, un't was, as wenn in sin Gesicht en helles Morgenrot upgüng. – »Wat wull ick nich!« säd de Oberst, »'t is jo min Vader.« – »Mann!« säd de oll Herr, »Mann, ne, wat denn? Wat denn?« un schow den Obersten en En'n lang von sick t'rügg un kek em in de Ogen, »Sei Renatus von Tollen sin Sähn?« – »Ja, un hei hett mi oftmals un vel von sin besten Frün'n verteilt, von de beiden Wewers, von de beiden langen Meckelbörger.« – »Min Herzenskindting«, rep de oll Herr un wen'nt sick an min Mutting, »von wen heww ick Sei vertellt, am meisten vertellt? Ne, wat denn? Von den braven Westfälinger, von den Renatus?« – Min Mutting nickt mit den Kopp, denn de Freud von den ollen Herrn hadd so wat an sick, wat ehr de Tranen in de Ogen bröcht, un wi dummen Gören kröpen ok achter'n Aben rut un würden drister, un't was uns tau Maud', as wenn Mutterbraudersähn tau Hus kamen wir. – »Jüngschen, Jüngschen!« rep de oll Herr, »ick hadd Sei kennen müßt, wenn de verdammte französche Unneform... Ne, laten S' sin! Dat wull ick nich seggen«, set't hei rasch hentau, as hei gewohr würd, dat den Obersten dat Blaud in't Gesicht schot. »Seggen S' mal, Kindting, hett Ehr Vader noch de hellen, brunen Ogen? Ne, wat denn? Hett hei noch de krusen, brunen Hor? Ne, wat denn? – Ein prächtiger Mensch, mein Herzenskindting!« säd hei tau min Mutting, »ein Mensch, dem unser Herrgott den Mann auf die Stirn geschrieben hat!« – De Oberst säd denn nu, de brunen Ogen wiren woll noch dor; äwer de brunen Hor wiren ok all verblaßt. –

»Wohr! wohr!« säd de Herr Amtshauptmann, »dat möt woll so sin, Adolf Didrichen sin sünd ok all gris. – Äwer nu, min Herzenskindting, nu kamen S' mit mi nah dat Sloß heruppe un bliwen S' 'ne Tidlang bi mi. Weiß Gott, dit is dat irstemal, dat ick en französchen Offezier inlad, bi mi tau bliwen. Äwer Sei sünd jo eigentlich kein französche Offezier, Sei sünd jo en Dütscher. Der Sohn von Renatus von Toll kann nur ein braver Deutscher sein, min Herzenskindting«, säd hei un wen'nt sick dorbi an min Mutting, »ne, wat denn?« – Min Mutting, de sach, wo dat den Obersten bi den ollen Herrn sine Red heit un kolt äwergot, winkt em un plinkt em, äwer vergews; un as hei nu bi de letzte Frag ehr neger kamm, treckt sei em sacht an den Rock, dat hei swigen süll. – De oll Herr wen'nt sick dorbi kort üm un frog: »Min Herzenskindting, wat zuppen Sei mi?« – Nu was de Reih, rod tau warden, an min Mutting. De Oberst hadd sick äwer währenddeß fat't, hei makte min Mutting so'n halwen Diner tau un säd irnst un fast tau den ollen Herrn: »Herr Amtshauptmann, Ehre Inladung möt ick utslagen, denn in 'ne halwe Stun'n möt ick marschieren, un wat dese Unneform anbedröppt, de Sei nich geföllt, ok nich gefallen kann – ick will dat taugewen –, so kann ick sei nich dordörch beschimpen, dat ick sei in de Stun'n von de Gefohr uttreck. Sei seggen, ick bün en Dütscher, min Vaders Sähn möt en Dütscher sin – Sei hewwen recht –, äwer wenn Sei mi en Verbreken dorut maken will'n, dat ick up de anner Sid stah, denn schuwen Sei mi dat nich in't Gewissen, sondern minen Landsherrn. As ick Soldat würd, stunn de Kurfürst von Köln in en Verbündnis mit den Kaiser, un as ick vör vir Johren nah Spanjen gahn müßt, lagg ganz Dütschland mit all sin Fürsten em tau Fäuten. Sit drei Wochen bün ick t'rügg ut Spanjen un finn Dütschland anners, as dat was; wat mi dor dörch den Kopp un dörch't Hart gahn is, is min Sak, un wenn ick doräwer mit 'ne Minschenseel reden süll, denn künn't blot mit minen Vader gescheihn; för den besten Jugendfründ von minen Vader möt dat naug sin, 't is mihr, as ick meindag' tau einen annern Minschen in dese Angelegenheit redt heww.«

De oll Herr stunn wildeß vör em un kek em fast in de Ogen un schüddelt denn un wenn den Kopp; äwer as hei gewohr würd, dat äwer den Obersten sin Gesicht so'n rechten truhartigen Irnst lagg, dunn söchten sin Ogen en anner Flag, un as de Oberst sin Red' slot, säd hei: »Das ist denn eine andere Sache!« un dreiht sick nah min Mutting üm un säd: »Min Herzenskindting, ne, wat denn? De Mann hett recht. Renatus von Tollen sin Sähn hett recht. Blot schad, dat hei recht hett!« un fot den Obersten an de Hand: »Min leiwe junge Fründ, un hir bliwen känen Sei nich?« Un as de Oberst em versäkert, dat wir unmöglich, röp hei mi: »Fritz«, säd hei, »Jung', du kannst all en Gewarw bestellen, lop nah Neiting, nah de Fru Amtshauptmannen, un segg ehr, sei sall runner kamen, hier wäre ein erfreuliches Ereignis eingetreten, hürst du!, ein erfreuliches Ereignis. – Süs ängstigt sei sick, min Herzenskindting«, säd hei tau min Mutting.

Frauen bange zu machen, war nun des alten Herrn Sache nicht, und statt von dem Trubel in der Gerichtsstube zu reden, fing er lieber mit dem schlechten Wetter an und machte gerade eine kleine Beschreibung der Pfützen auf dem Stavenhäger Markt – denn der war damals noch nicht gepflastert – als die Tür aufging und der französische Oberst hereinkam. Der machte meiner Mutter einen kurzen Gruß und ging an den Herrn Amtshauptmann heran; wir Kinder ließen unser Spielwerk und krochen in der Ofenecke zu einem Klumpen Zusammen, wie die Hühner, wenn der Habicht in der Luft ist, und mögen ja wohl gedacht haben: »Wie dies wohl abläuft?« Dasselbe dachte wohl auch meine Mutter, denn sie sah den alten Herrn so ängstlich an, weil in sein Angesicht so ein ernsthaft vornehmer Ausdruck kam, den sie an ihm nicht gewöhnt war. Der Franzose trat aber gar nicht barsch auf, und in dem Klang seiner Stimme lag eine freundliche Höflichkeit, als er den alten Herrn fragte: »Um Vergebung, ich hörte eben in der Gerichtsstube den Namen Weber – heißen Sie Weber?« – »Jochen Heinrich Weber,« sagte der Alte kurz und stand gerade wie ein Pfahl. – »Haben Sie nicht einen Bruder, der Adolf Dietrich heißt?« – »Adolf Dietrich, Professor in Rostock,« antwortete der alte Herr und rührte kein Glied. – »Herr Amtshauptmann,« sagte der Franzose und streckte ihm beide Hände entgegen, »lassen Sie vergessen sein, was heute morgen zwischen uns passiert ist; Sie gehen mich näher an, als Sie glauben. Ich habe auf Ihrem Stock einen Namen gelesen, der mir tief ins Herz geschrieben ist. Sehen Sie hier: Renatus von Toll.« – »Und den Mann kennen Sie?« fragt der alte Herr, und es war, wie wenn in seinem Gesicht ein helles Morgenrot aufginge. – »Wie sollte ich nicht!« sagte der Oberst; »es ist ja mein Vater.« – »Mann!« sagte der alte Herr, »Mann! Ne, was denn? Was denn?« – Und schob den Obersten ein Stückchen von sich zurück und sah ihm in die Augen, »Sie Renatus von Tolls Sohn?« – »Ja, und er hat mir oft und viel von seinen besten Freunden erzählt, von den beiden Weber, von den beiden langen Mecklenburgern.« – »Mein Herzenskindting,« rief der alte Herr und wandte sich an meine Mutter, »von wem habe ich Ihnen erzählt, am meisten erzählt? Ne, was denn? Von dem braven Westfalen, von dem Renatus?« – Meine Mutter nickte mit dem Kopf, denn die Freude des alten Herrn hatte so etwas an sich, was ihr die Tränen in die Augen brachte, und wir dummen Gören krochen auch hinterm Ofen hervor und wurden dreister, und es war uns zumute, wie wenn ein Mutterbrudersohn ins Haus gekommen wäre. –

»Jüngchen, Jüngchen!« rief der alte Herr, »ich hätte Sie kennen müssen, wenn die verdammte französische Uniform ... nein, lassen Sie's gut sein! Das wollte ich nicht sagen,« setzte er rasch hinzu, als er bemerkte, daß dem Obersten das Blut ins Gesicht schoß. »Sagen Sie mal, Kindting, hat Ihr Vater noch die hellen braunen Augen? Ne, was denn? Hat er noch die krausen, braunen Haare? Ne, was denn? – Ein prächtiger Mensch, mein Herzenskindting!« sagte er zu meiner Mutter, »ein Mensch, dem unser Herrgott den Mann auf die Stirn geschrieben hat!« – Der Oberst sagte denn nun, die braunen Augen wären wohl noch da; aber die braunen Haare wären auch schon verblaßt.

»Wahr! Wahr!« sagte der Herr Amtshauptmann; »das muß wohl so sein, Adolf Dietrichs Haare find auch schon grau. – Aber nun, mein Herzenskindting, nun kommen Sie mit mir nach dem Schloß hinauf und bleiben Sie eine Zeitlang bei mir. Weiß Gott, dies ist das erstemal, daß ich einen französischen Offizier einlade, bei mir Zu bleiben. Aber Sie sind ja eigentlich kein französischer Offizier, Sie sind ja ein Deutscher. Der Sohn von Renatus von Toll kann nur ein braver Deutscher sein, mein Herzenskindting,« sagte er und wandte sich dabei an meine Mutter, »ne, was denn?« – – Meine Mutter sah, wie es bei des alten Herrn Rede den Obersten heiß und kalt übergoß; sie winkte und blinzelte ihm zu; aber vergebens; und als er nun bei der letzten Frage ihr näher kam, zog sie ihn sachte am Rock, daß er schweigen solle. – Der alte Herr wandte sich kurz um und fragte: »Mein Herzenskindting, was zupfen Sie mich?« – Nun war die Reihe, rot zu werden, an meiner Mutter. Der Oberst hatte sich aber unterdessen gefaßt, er machte meiner Mutter eine leichte Verbeugung zu und sagte ernst und fest zu dem alten Herrn: »Herr Amtshauptmann, Ihre Einladung muß ich ausschlagen, denn in einer halben Stunde muß ich marschieren – und was diese Uniform anbetrifft, die Ihnen nicht gefällt, auch nicht gefallen kann – ich will es zugeben – so kann ich sie nicht dadurch beschimpfen, daß ich sie in der Stunde der Gefahr ausziehe. Sie sagen, ich bin ein Deutscher, meines Vaters Sohn muß ein Deutscher sein – Sie haben recht – aber wenn Sie mir ein Verbrechen daraus machen wollen, daß ich auf der anderen Seite stehe, dann schreiben Sie es nicht mir ins Gewissen, sondern meinem Landesherrn! Als ich Soldat wurde, stand der Kurfürst von Köln in einem Bündnis mit Frankreich, und als ich vor vier Jahren nach Spanien gehen mußte, lag ganz Deutschland mit allen seinen Fürsten dem französischen Kaiser zu Füßen. Seit drei Wochen bin ich aus Spanien zurück und finde Deutschland anders, als es war; was mir da durch den Kopf und durchs Herz gegangen ist, ist meine Sache; und wenn ich darüber mit einer Menschenseele reden sollte, dann könnte es nur mit meinem Vater geschehen; für den besten Jugendfreund meines Vaters muß das genug sein; es ist mehr, als, ich jemals zu einem anderen Menschen in dieser Angelegenheit gesagt habe.« Der alte Herr stand unterdessen vor ihm und sah ihm fest in die Augen und schüttelte dann und wann den Kopf, aber als er gewahrte, daß auf des Obersten Gesicht so ein rechter treuherziger Ernst lag, da wandte er seine Augen ab, und als der Oberst seine Rede schloß, sagte er: »Das ist denn eine andere Sache!« und drehte sich nach meiner Mutter um und sagte: »Mein Herzenskindting, ne, was denn? Der Mann hat recht. Renatus von Tolls Sohn hat recht. Nur schade, daß er recht hat!« – und faßte den Obersten an der Hand: »Mein lieber junger Freund, und hier bleiben können Sie nicht?« Und als der Oberst ihm versicherte, das sei unmöglich, rief er mich und sagte: »Fritz, Junge, du kannst schon eine Bestellung auslichten – lauf zu Neiting, zur Frau Amtshauptmann, und sage ihr, sie sollte herunterkommen, hier wäre ein erfreuliches Ereignis eingetreten, hörst du: ein erfreuliches Ereignis. Sonst ängstigt sie sich, mein Herzenskindting,« sagte er zu meiner Mutter.

Na, ick löp denn nu, wat ick kunn, nah dat Sloß ruppe, an't wohrt ok nich lang', dunn gung de Fru Amtshauptmannen neben mi, still un sacht, as ehr Mod' was, un ick hüppt as en Wepstart üm ehr rümmer, dat sei naug tau dauhn hadd, mi vör Pird un Wagen in acht tau nemen.

Na, ich lief denn nun, so schnell ich konnte, nach dem Schloß hinauf, und es dauerte auch nicht lange, da ging die Frau Amtshauptmann neben mir, still und leise, wie es ihre Art war, und ich hüpfte wie eine Bachstelze um sie herum, daß sie genug zu tun hatte, mich vor Pferden und Wagen in acht zu nehmen.

As wi äwer den Mark gungen, rüst'ten de Franzosen stark taum Afmarsch, de Kanonen höllen anspannt dor, un dat Batteljon stunn in Reih un Glid, un ein kunn seihn, dat dat losgahn süll. De Fru Amtshauptmannen gung in't Rathus, süll äwer nich wid kamen, denn up de Dehl würd sei von Mamsell Westphalen un de beiden Dirns upgrepen, un ihre sei sick dat versach, stunn sei midden in dat Klugen von Mürder un Dodslägers, bi Bäcker Witten un Droin un Möller Vossen, un jeder vertellt ehr sin Sak, un üm dit Klugen wickelten sick nu noch Herr Droin sin Fru un Kinner mit Bidden un Rohren, un de Fru Meistern Stahlen hadd Mamsell Westphalen hinnen in den Rockquedder fat't un hadd sick, as wull de oll Dam in't Water springen un sei süll sei vör den Sülwstmurd bewohren. Bäcker Witt schot noch af un an einen Spitzbauwen los, äwer't was man noch 'ne halwe Pulwerladung in em, un as hei dat Jammern von den Uhrkenmaker sin Fru wohr würd, föll em sin eigen Husstand in, un hei röp mi: »Fritzing«, säd hei, »lop räwer nah minen Hus', min Jünging, sallst ok en Zuckerkringel hewwen, un raup minen Jehann an min Dochter, wat de Strüwingken is, un segg ehr, sei süllen räwer kamen, denn de Spitzbauwen-Franzosen würden mi nu ok woll mitnemen in ehr gottvergetenes Land, as sei't vördem all mit min fiwjöhrig brun Fahlen makt hadden.«

Als wir über den Markt gingen, rüsteten die Franzosen stark zum Abmarsch, die Kanonen hielten angespannt da, das Bataillon stand in Reih und Glied, und man konnte sehen, daß es losgehen sollte. Die Frau Amtshauptmann ging ins Rathaus, sollte aber nicht weit kommen, denn auf der Diele wurde sie von Mamsell Westphal und den beiden Mädchen abgefangen, und ehe sie sich's versah, stand sie mitten in dem Knäuel von Mördern und Totschlägern bei Bäcker Witt, dem Uhrmacher Droz und Müller Voß, und jeder erzählte ihr seine Suche, und um dieses Knäuel wickelten sich nun noch Herrn Droz' Frau und Kinder mit Bitten und Weinen, und Frau Meistern hatte Mamsell Westphal hinten an dem Rockbund gefaßt und hatte sich, als wollte die alte Dame ins Wasser springen und sie müßte sie vor dem Selbstmord bewahren. Bäcker Witt schoß noch ab und zu einen Spitzbuben los, aber es war nur noch halbe Pulverladung in ihm, und als er das Jammern von des Uhrmachers Frau hörte, fiel ihm sein eigener Hausstand ein und er rief mich: »Fritzing, lauf 'rüber nach meinem Haus, mein Jünging, sollst auch einen Zuckerkringel haben, und rufe meinen Johann und meine Tochter, was die Strübingen ist, und sage ihr, sie sollten 'rüber kommen, denn die Spitzbubenfranzosen würden mich nun auch wohl mitnehmen in ihr gottvergessenes Land, wie sie's vordem schon mit meinem fünfjährigen braunen Fohlen gemacht hätten.«

Ick bestellt dat Gewarw, un as ick mit Jehannen un de Strüwingken un den Zuckerkringel taurügg kamm, höll Möller Vossen sin Vedder Hinrich mit de oll Möllerfru un Fiken Vossen vör den Rathus up Hinrichen sinen Wagen, denn de Armeeschandoren hadden sick tauletzt doch richtig nah de Gielowsch Mähl dörchfäuhlt un hadden dor dat ganze Nest utnamen.

Ich bestellte den Auftrag, und als ich mit Johann und der Frau Strübing und dem Zuckerkringel zurückkam, hielt Müller Vossens Vetter Hinrich mit der alten Müllerfrau und Fiken Voß vor dem Rathaus auf Hinrichs Wagen; denn die Armeegendarmen hatten sich Zuletzt doch richtig nach der Gielowschen Mühle hingetastet und hatten da das ganze Nest ausgenommen.

Nu gung denn up't Frisch dat Jammern un Rohren los, un de einzigst, de ruhig blew, was Fiken. Sei frog ehren Vader sachten: »Hest du dat Geld afgewen?« – De oll Möller wis'te up de Gerichtsstuw' un säd: »Dor ligg't.« – »Vatting, denn wes' man getrost, uns' Herrgott ward di nich verraten.«

Nun ging das Jammern und Weinen von frischem los, und die einzige, die ruhig blieb, war Fiken. Sie fragte ihren Vater leise: »Hast du das Geld abgegeben?« – Der alte Müller zeigte auf die Gerichtsstube und sagte: »Da liegt's.« – »Vatting, dann sei nur getrost, unser Herrgott wird dich nicht verlassen.«

Min Vader was in de ganze Tid still för sick up de Dehl up un dal gahn, in em müßt dat woll nich ruhig wesen, denn männigmal stunn hei still un fohrt sick in de Hor, wenn hei dat Jammern von de Frugenslüd' anhüren ded, un einmal gung hei an Herr Droin ranne un säd: hei süll sick nich ängsten, för em wir dat nich so slimm. Herr Droi nickte mit den Kopp un säd: »Bong!«, würd en ganzen Toll gröter, reckt den einen Bein nah vör un set'te getrost den Arm in de Sid.

Mein Vater war die ganze Zeit über still für sich auf der Diele hin- und hergegangen; in ihm mußte es wohl nicht ruhig sein, denn manchmal stand er still und fuhr sich in die Haare, wenn er das Jammern der Frauen anhörte, und einmal ging er an Herrn Droz heran und sagte: er solle sich nicht ängsten, für ihn sei es nicht so schlimm. Herr Droz nickte mit dem Kopf und sagte: » Bon!« – wurde einen ganzen Zoll größer, streckte das eine Bein vor und setzte getrost den Arm in die Seite.

Nu müßt jo woll so wid allens in de Reih sin, denn de Adjudant röp den Obersten ut min Mutting ehr Stuw', un as de herute kamm, hadd hei 'ne vel fründlichere Mien upset't un gung mit den Herrn Amtshauptmann an de Gefangenen ran un ordniert dat an, dat Mamsell Westphalen un de beiden Dirns in Friheit set't warden süllen, un Mamsell Westphalen dükerte dreimal mit ein Knix unner un säd: »Ick bedank mi ok, Herr Oberst von Toll.« – De Herr Amtshauptmann kreg sin leiwe Fru in den Hümpel tau seihn un makte de ok fri, un wildeß, dat hei sei den Obersten vörstellen ded un ehr vertellt, wat sick begewen hadd, kummandierte de Adjudant: ›Marsch!‹ un Möller Voß, Bäcker Witt un Herr Droi süllen rute bröcht warden. Den Möller sin Fiken hadd ehren Vater an den Arm fat't un wull nich von em laten, un as sei mit Gewalt von em reten würd, blew sei ganz ruhig un säd: »Vatting, wo sei di ok henbringen warden, ick bliw doch bi di.« – Mit den ollen Bäcker gung dat lichter, hei spuckte dreimal kort ut, schot en por Spitzbauwen up Gewinn un Verlust in de Luft, säd Jehannen kort von de Wirtschaft Bescheid un gung ut de Dör; äwer mit den Uhrkenmaker was dat slimmer, sin Fru un sin lütten Gören hungen an em un jammerten up dütsch un französch, dat dat en Stein erbarmen müggt. Nu kunn't min Vader nich länger uthollen, hei tred vör un frog, weswegen de Uhrkenmaker gefangen wegführt warden süll? De Mann wir en ansässiger Börger, de sick sindag' nich wat hadd tau Schulden kamen laten. Dorut, dat hei baben up den Sloß de Nacht slapen hadd, künn em nüms en Verbreken maken, denn de Herr Oberst un de Herr Adjudant hadden jo ok baben slapen, un dat hei 'ne französche Unneform hadd, wir natürlich, wil hei unner de Franzosen deint hadd, und dat hei sei denn un wenn antrecken ded, dat künnen em de Franzosen man gaud nemen, denn de Mann bewis'te dordörch, dat hei noch mit Lust un Leiw' an de Tid dacht, wo hei sei in ehre Reihen dragen hadd. – Hei hadd de Uniform mißbrukt! schreg de Adjudant dortwischen. – Dat wir nich wohr! rep min Oll, dat wir kein Mißbruk, wenn einer sick dörch 'ne unschüllige List Röwers un Spitzbauwen von'n Liw' höll, un de Bewis, dat sei mit so'ne Raß tau dauhn hadd hadden, leg in den Franzosen sinen Mantelsack.

Nun mußte ja wohl so weit alles in Ordnung sein, denn der Adjutant rief den Obersten aus meiner Mutter Stube, und als dieser herauskam, hatte er eine viel freundlichere Miene aufgesetzt und ging mit dem Herrn Amtshauptmann an die Gefangenen heran und ordnete an, Mamsell Westphal und die beiden Mädchen sollten in Freiheit gesetzt werden. Und Mamsell Westphal tauchte dreimal mit einem Knix unter und sagte: »Ich bedanke mich auch, Herr Oberst von Toll.« – Der Herr Amtshauptmann gewahrte seine liebe Frau in dem Haufen und machte sie auch frei und während er sie dem Obersten vorstellte und ihr erzählte, was sich begeben hätte, kommandierte der Adjutant: Marsch! – und Müller Voß, Bäcker Witt und Herr Droz sollten hinausgebracht werden. Müllers Fiken hatte ihren Vater an den Arm gefaßt und wollte nicht von ihm lassen, und als sie mit Gewalt von ihm gerissen wurde, blieb sie ganz ruhig und sagte: »Vatting, wo sie dich auch hinbringen, ich bleibe doch bei dir.« – Mit dem alten Bäcker ging es leichter; er spuckte dreimal kurz aus, schoß ein paar Spitzbuben auf Gewinn und Verlust in die Luft, sagte seinem Johann kurz von der Wirtschaft Bescheid und ging aus der Tür. Aber mit dem Uhrmacher war es schlimmer: seine Frau und seine kleinen Kinder hängten sich an ihn und jammerten auf Deutsch und Französisch, daß es einen Stein erbarmen konnte. Jetzt konnte mein Vater es nicht länger aushalten; er trat vor und fragte, weswegen der Uhrmacher gefangen weggeführt werden sollte? Der Mann wäre ein ansässiger Bürger, der sich niemals etwas hätte zuschulden kommen lassen. Daraus, daß er oben auf dem Schloß die Nacht geschlafen hätte, könnte ihm niemand ein Verbrechen machen, denn der Herr Oberst und der Herr Adjutant hätten ja auch oben geschlafen, und daß er eine französische Uniform hätte, wäre natürlich, weil er unter den Franzosen gedient hätte; und daß er sie dann und wann anzöge, könnten ihm die Franzosen nur zugute rechnen, denn der Mann bewiese dadurch, daß er noch mit Lust und Liebe an die Zeit dächte, wo er sie in ihren Reihen getragen hätte. – Er hätte die Uniform mißbraucht! schrie der Adjutant dazwischen. – Das wäre nicht wahr! rief mein Vater. Das wäre kein Mißbrauch, wenn man sich durch eine unschuldige List Räuber und Spitzbuben vom Leibe hielte; und der Beweis, daß sie mit so einer Rasse zu tun gehabt hätten, läge in des Franzosen Mantelsack.

De Adjudant kek minen Ollen gnittig un giftig an, as hadd hei em girn eins mit den Degen versetzen müggt. De Oberst tred heran mit en Gesicht, worin en ganzes Dunnerwetter heruppe tog, un winkte mit de Hand, den Uhrkenmaker aftauführen; äwer min Oll, bi den dat krus' En'n ganz herute kamen was, sprung vör un röp: »Holt! de Mann is unschüllig, un wenn hir einer Schuld hett, denn bün ick dat, denn up min Geheit un Befehl hett de Mann dat Stück utäuwt. Wenn hir einer arretiert warden sall, denn bün ick dat.« – .Kann gescheihn!« säd de Oberst kolt. »Lat't den Mann los un nemt desen hir!« – »Min Herzenskindting«, röp de Herr Amtshauptmann, »wat dauhn Sei?« – »Mine Pflicht, Herr Amtshauptmann«, säd de Oberst un gaww em de Hand. »Lewen Sei woll, Herr Amtshauptmann, min Tid is üm!« Dormit gung hei ut den Hus'.

Der Adjutant sah meinen Alten wütig und giftig an, als hätte er ihm gerne eins mit dem Degen versetzen wollen; der Oberst trat heran mit einem Gesicht, worin ein ganzes Donnerwetter heraufzog, und winkte mit der Hand, den Uhrmacher abzuführen; aber mein Vater, bei dem jetzt die kratzige Seite ganz herausgekommen war, sprang vor und rief: »Halt! Der Mann ist unschuldig, und wenn hier einer Schuld hat, dann bin ich's, denn auf meinen Auftrag und Befehl hat der Mann das Stück verübt. Wenn hier einer arretiert werden soll, dann bin ich's.« – »Kann geschehen,« sagte der Oberst kalt; »laßt den Mann los und nehmt diesen!« – »Mein Herzenskindting!« rief der Herr Amtshauptmann, »was tun Sie?« – »Meine Pflicht, Herr Amtshauptmann,« sagte der Oberst und gab ihm die Hand. »Leben Sie wohl, Herr Amtshauptmann, meine Zeit ist um!« Damit ging er aus dem Hause.

De ganze Sak gung so rasch vör sick, dat de meisten gor nich wüßten, wovon de Red' was; ick am allerwenigsten, denn ick was man noch en lütten Dummbort; äwer ick verstunn doch all so vel, dat mi klor würd: min Vader hadd sick wat in de Supp brockt un set dor nu ganz nüdlich in. Ick fung denn nu natürlich an tau rohren, un as de lütten Drois ehr Tranen drögen deden, lepen min de Backen dal. Ick drängte mi achter minen Vader her, as hei nah de Strat rute schawen würd; ok de Herr Amtshauptmann folgte. »Herr Amtshauptmann«, säd de Oll, »trösten S' min arme Fru! Un du, Fritz«, röp hei mit tau, »hal mi minen Haut.« – Ick lep rin un halte den Haut, un as ick em den bröcht, böhrt hei mi up un gaww mi en Kuß un säd mi in't Uhr: »Segg Mutting, ick wir bald wedder hir.«

Die ganze Sache ging so rasch vor sich, daß die meisten gar nicht wußten, wovon die Rede war; ich am allerwenigsten, denn ich war nur noch ein kleiner Dummbart; aber ich verstand doch schon so viel, daß mir klar wurde, mein Vater hatte sich etwas in die Suppe gebrockt und säße jetzt ganz niedlich drin. Ich fing denn nun natürlich zu weinen an, und als die kleinen Uhrmacherkinder ihre Tränen trockneten, liefen mir die Tränen über die Backen. Ich drängte mich hinter meinem Vater her, als er nach der Straße hinausgeschoben wurde; auch der Herr Amtshauptmann folgte. – »Herr Amtshauptmann,« sagte mein Vater, »trösten Sie meine arme Frau! Und du, Fritz,« rief er mir zu, »hol mir meinen Hut.« Ich lief ins Haus und holte den Hut; und als ich ihn brachte, hob er mich auf und gab mir einen Kuß und sagte mir ins Ohr: »Sag Mutting, ich wäre bald wieder hier.«

Nu gung de Tog denn af, twei Mann vör, twei Mann hin'n un in de Midd Möller Voß, Bäcker Witt un min Vader. As sei an dat Sprüttenschur vörbi kemen, gung de Dör up, un wer kamm rut? Min Unkel Hers', ok mit twei Mann, denn den hadd de Kanonen-Oberst vörlöpig dor inspunnen laten von wegen dat Utritschen von de Buren.

Nun ging der Zug denn ab, zwei Mann vorne, zwei Mann hinten, und in der Mitte Müller Boß, Bäcker Witt und mein Vater. Als sie am Spritzenhause vorbeikamen, ging die Tür auf, und wer kam heraus? Mein Onkel Herse, ebenfalls mit zwei Mann, denn den hatte der Kanonenoberst vorläufig da einsperren lassen wegen des Ausreißens der Bauern.

»Mein Gott!« säd min Oll, »Herr Ratsherr wat is dat mit Sei?« – »För't Vaderland, Herr Burmeister«, röp min Unkel Hers'; »ick heww mi mit Mamsell Westphalen in 'ne Verswörung inlaten, un nu hett mi de korsikanische Lindworm in sine Krallen; äwer eigentlich is't wegen Möller Vossen sin Fuhrwark un de ollen slusuhrigen Buren.« – Sei vertellten sick nu in'n korten ehr Geschicht, un min Unkel Hers' gung mit sinen Dreimaster un sinen bunten Kragen so statsch de Strat hendal, as kummandiert hei dat Ganze. Min Unkel Hers' was kein Bangbüx, hei fürcht sick nich, hei höll dit för sinen grötsten Ihrendag, un as wir hei in de Nacht nah den Regen twei Toll länger schaten, gung hei hoch utgereckt de Bramborgsch Strat entlang un grüßte nah rechts un nah links, nah Juden un Christen, un plinkte den Sprüttenmeister Tröpner mit de Ogen tau, hei süll jo nich verraden, wat hei wüßt, un läd den Finger up den Mund, as hei bi Jud' Salomonnen vörbi gung, taum Teiken, dat hei swigen süll, un knapp was hei ut dat Dur rute, dunn vertellte oll Wewer Stahlsch allenthalben, den Herrn Ratsherrn hadden de Franzosen mitnamen, sei wollen ut em en General maken; de annern würden äwer woll uphängt warden.

»Mein Gott!« sagte mein Vater, »Herr Ratsherr, was ist denn mit Ihnen?« – »Fürs Vaterland, Herr Bürgermeister!« rief mein Onkel Herse; »ich habe mich mit Mamsell Westphal in eine Verschwörung eingelassen, und nun hat mich der korsikanische Lindwurm in seinen Krallen; aber eigentlich ist es wegen Müller Vossens Fuhrwerk und wegen der alten verschmitzten Bauern.« – Sie erzählten sich nun in aller Kürze ihre Geschichte, und mein Onkel Herse ging mit seinem Dreimaster und mit seinem bunten Kragen so stattlich die Straße hinunter, als kommandierte er das Ganze. Mein Onkel Herse war kein Hasenfuß, er fürchtete sich nicht, er hielt dies für seinen größten Ehrentag; und als wäre er in der Nacht nach dem Regen zwei Zoll gewachsen, ging er hoch aufgerichtet die Brandenburger Straße entlang und grüßte nach rechts und nach links, nach Juden und Christen, und blinzelte dem Spritzenmeister Tröpner mit den Augen zu, er sollte ja nicht verraten, was er wüßte; und legte den Finger aus den Mund, als er am Juden Salomon vorbeiging, zum Zeichen, daß er schweigen solle; und kaum war er aus dem Tor heraus, da erzählte die alte Weberfrau Stahl allenthalben, den Herrn Ratsherrn hatten die Franzosen mitgenommen, sie wollten aus ihm einen General machen; die andern würden aber wohl aufgehängt werden.

 << Kapitel 12  Kapitel 14 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.