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Ut de Franzosentid/Aus der Franzosenzeit - Plattdeutsch/Hochdeutsch

Fritz Reuter: Ut de Franzosentid/Aus der Franzosenzeit - Plattdeutsch/Hochdeutsch - Kapitel 11
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authorFritz Reuter
titleUt de Franzosentid/Aus der Franzosenzeit - Plattdeutsch/Hochdeutsch
publisherVerlag von Otto Janke/Leipzig
translatorHeinrich Conrad
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Dat teihnte Kapittel

Zehntes Kapitel

Worüm Fritz Sahlmann tau Winterstid ahn Regenschirm in'n Kantappelbom satt, worüm hei sick en lütt Aktenbund unner de West knöpen ded, un worüm sick Mamsell Westphalen för 'n arge Sünnerin erklärt.

Warum Fritz Sahlmann zur Winterszeit ohne Regenschirm im Kantapfebaum saß; warum er sich ein kleines Aktenbündel unter die Weste knöpfte, und warum Mamsell Westphal sich für eine arge Sünderin erklärt.

Nah 'ne lütte Wil kamm de Fru Amtshauptmann wedder rin nah de Stuw' un säd: »Wewer, wat heit dit? Fritz Sahlmann is nich dor, Mamsell Westphalen is nich dor, in ehre Stuw' süht dat ut, as wenn Heiden un Türken dor Hus hollen hewwen, un de Dirns, de seggen, sei weiten von nicks, as dat Ratsherr Hers' in de Achterdör sick rinsleken hett, un Fik hett em ut Verseihn mit en stuwen Bessen äwer't Gesicht strakt, un Mamsell Westphalen hett em en por Hän'n vull Torfasch in de Ogen smeten, ok blot ut Verseihn, un nahsten is Fritz Sahlmann un Mamsell Westphalen weg west; un sei weiten nich, wo sei sünd.« – »Dies ist doch eine besondere Sache«, seggt de oll Herr. »Wat deiht Ratsherr Hers' in min Käk? Ick mag den Mann süs woll liden, Neiting, hei 's en pläsierlichen Mann; äwer hei steckt sin Näs' in jeden Quark, un wat Vernünftiges is dorbi sindag' nich herut kamen. – Segg mal, Neiting, wecker von de Dirns höllst du woll för de Verstännigst?« – . ,.Wewer, wat red'st du? Von Verstand kann bi de Ort woll nich vel de Red' wesen.« – »Na, denn de Kläukst, de Pfiffigst.« – »Oh, denn woll Fik Besserdichs, denn de Ogen gahn ehr ganz fix in den Kopp un't Mulwark noch vel beter.« – »Raup mi de mal eins herinner.«

Nach einer kleinen Weile kam die Frau Amtshauptmann wieder in die Stube hinein und sagte: »Weber, was heißt dies? Fritz Sahlmann ist nicht da, Mamsell Westphal ist nicht da, in ihrer Stube sieht es aus, wie wenn Heiden und Türken dort Haus gehalten hätten, und die Mädchen sagen, sie wissen von nichts, als daß Ratsherr Herse sich in die Hintertür hineingeschlichen hat, und Fik ist ihm aus Versehen mit einem stumpfen Besen übers Gesicht gefahren, und Mamsell Westphal hat ihm ein paar Hände voll Torfasche in die Augen geworfen, auch bloß aus Versehen, und nachher sind Fritz Sahlmann und Mamsell Westphal weg gewesen; und sie wissen nicht, wo sie sind.« – »Dies ist doch eine besondere Sache,« sagt der alte Herr; »was tut Ratsherr Herse in meiner Küche? Ich mag den Mann sonst wohl leiden, Neiting, er ist ein pläsierlicher Mann; aber er steckt seine Nase in jeden Quark, und was Vernünftiges ist dabei noch niemals herausgekommen. – Sag mal, Neiting, welche von den Dienstmädchen hältst du wohl für die verständigste?« – »Weber, was redest du? Von Verstand kann bei der Sorte wohl nicht gut die Rede sein!« – »Na, dann die klügste, die pfiffigste.« – »Oh, dann wohl Fik Besserdich, denn die Augen gehen ihr ganz fix im Kopf und das Mundwerk noch viel besser.« – »Ruf mir die doch mal herein.«

Dat geschach, un Fik kamm. Fik Besserdichs was 'ne lütte fixe Dirn, so wacht un kregel, as 'ne Gülzowsche Schultendochter man sin kann – denn dunnmals deinten de Schultendöchter noch. – Nu stunn sei äwerst vör den Herrn Amtshauptmann un slog de Ogen dal un knäselt an den Schörtenband, denn sei hadd't in't Gefäuhl, dat dit woll 'ne Ort Gerichtsdag warden würd. – »Also«, fung de oll Herr an, »zur Wahrheit ermahnt und so weiter – Fik Besserdichs, wat weitst du von Mamsell Westphalen? Fang von gistern abend an.« – Fik vertellte nu, wat sei wüßt un wat wi weiten. »Also«, säd de oll Herr, »sei hett bi di slapen un nich in ein Stuw' mit Herr Droin.« – »Wewer, wat red'st du?« föll de Fru Amtshauptmannen in. – »Neiting, jede Ümstand is wichtig, wenn de Unschuld an den Dag kamen sall. – Un du meinst nich«, wend't hei sick in Fik, »dat sei mit den Herrn Ratsherrn Hers' weglopen is?« – »Ne, Herr, flüchtig is sei, glöw ick; äwer nich mit den Herrn Ratsherrn, denn de is mi nahst allein in de Achterdör begegent, as ick von minen Brauder t'rügg kamm; denn de was hir in den Goren, Herr Amtshauptmann, mit uns' Pird tau Vörspann; äwer –«, un hir slog sei de Ogen up, un ut dat frische Gesicht lücht so'n hellen Spitzbauw rut, »äwer, Herr Amtshauptmann, hei is de Franzosen utritscht.« – »So?« frog de oll Herr, »hei 's also utritscht?« – »Ja, Herr«, säd Fik un lacht so schelmschen vör sick hen, »un hei hett de ganze Utritschung anstifft un hett de annern de gräun Purt wis't.« – »Dat is en dummen Streich von em, un wenn de Franzosen em krigen, warden sei't em inknöpen. Ji sid 'ne näsewise Ort, ji Besserdichs. – Neiting, help mi mal an den Slüngel, den Fritz Besserdich, bedenken. – Un wo is Fritz Sahlmann?« – Nu was Fik denn wedder sihr benau't, un wat nu kamm, dat kamm man ganz dünn un druppwis': »Je, Herr Amtshauptmann, hüt morrn smet hei all Sei Ehr Pipen intwei, un nahsten säd hei, ick hadd't dahn. Un, Herr Amtshauptmann, ick kunn dor nich för, denn ick wull blot üm de Eck kiken, as de französche Oberst dor so rüm towen ded, dunn lep hei mi mit de Pipen entgegen, un nu liggen de Schören in de Käk.« – »Un wider hest du em hüt morrn nich seihn?« – »Ja, Herr, as de Uhrkenmaker transperiert würd, dunn lep hei mit, un as hei dunn wedder kamm, dunn redt hei mit de Mamsell hochdütsch, un nahsten flusterten sei tausamen.« – »Hochdütsch? Fritz Sahlmann, hochdütsch? Wat hett de Slüngel hochdütsch tau reden? Wat säd hei denn?« – »Hei säd: Rettung naht.« – »So? Un nahsten kamm de Ratsherr?« – »Ja, Herr Amtshauptmann, un ick fohrt em mit den Bessen in dat Gesicht; äwer ick kunn dor ok nich för.« – »Dies ist doch eine besondere Sache!« säd de oll Herr un gung up un dal un fot sick unner dat Kinn un kek up den Bodden un kek an den Bähn. Endlich stunn hei still un säd: »Neiting, de Sak is mi klor, dat olle Worm, de Westphalen, hett dat mit 'ne Angst kregen, un de Ratsherr hett sick dorinne mengeliert un hett jichtens wat Verdreihtes anstifft. Du sallst seihn, sei hett sick versteken.« – »Denn lat sei, Wewer.« – »Dat geiht nich, Neiting, sei möt tau Städ', denn sei möt Tügnis afleggen för den Uhrkenmaker un för den Möller; dat kann de beiden süs an den Kragen gahn. – Wenn ick blot wüßt, wo de Slüngel, de Fritz Sahlmann, is, de weit üm den ganzen Umstand. – Un du weitst nich, wo hei is, Fik?« – »Ne, Herr.« – »Na, denn kannst du gahn.«

Dies geschah, und Fik kam. – Fik Besserdich war eine kleine, fixe Dirne, so aufgeweckt und munter, wie eine Gülzowsche Schulzentochter nur sein kann – denn damals dienten die Schulzentöchter noch; – nun stand sie aber vor dem Herrn Amtshauptmann und schlug die Augen nieder und zupfte am Schürzenband, denn sie hatte es im Gefühl, daß dies Wohl eine Art Gerichtstag werden würde. – »Also,« fing der alte Herr an, »zur Wahrheit ermahnt und so weiter – Fik Besserdich, was weißt du von Mamsell Westphal? Fange von gestern abend an!« – Fik erzählte nun, was sie wußte, und was wir auch wissen. »Also,« sagte der alte Herr, »sie hat bei dir geschlafen und nicht in einer Stube mit Herrn Droz?« – »Weber, was redest du!« fiel die Frau Amtshauptmann ein. – »Neiting, jeder Umstand ist wichtig, wenn die Unschuld an den Tag kommen soll. Und du meinst nicht,« wandte er sich an Fik, »daß sie mit dem Herrn Ratsherrn Herse weggelaufen ist?« – »Nein, Herr, flüchtig ist sie, glaube ich; aber nicht mit dem Herrn Ratsherrn, denn der ist mir später allein in der Hintertür begegnet, als ich von meinem Bruder zurückkam; denn der war hier im Garten, Herr Amtshauptmann, mit unseren Pferden zu Vorspann; aber –« und hier schlug sie die Augen auf, und aus dem frischen Gesicht leuchtete so ein heller Spitzbube heraus, »aber, Herr Amtshauptmann, er ist den Franzosen ausgerissen.« – »So?« fragte der alte Herr; »er ist also ausgerissen?« – »Ja, Herr,« sagte Fik und lachte so schelmisch vor sich hin, »und er hat die ganze Ausreißerei angestiftet und hat den anderen die grüne Pforte gezeigt.« – »Das ist ein dummer Streich von ihm, und wenn die Franzosen ihn kriegen, werden sie's ihm eintränken. Ihr seid eine naseweise Art, Ihr Besserdichs. Neiting, hilf mir mal an den Schlingel, den Fritz Besserdich, denken! – Und wo ist Fritz Sahlmann?« Nun war Fik denn wieder sehr kleinlaut, und was jetzt kam, das kam nur ganz leise und tropfenweise heraus. »Je, Herr Amtshauptmann, heute morgen schmiß er alle Ihre Pfeifen entzwei, und nachher sagte er, ich hätte es getan. Und, Herr Amtshauptmann, ich konnte da nicht für, denn ich wollte bloß um die Ecke gucken, als der französische Oberst da so herumtobte; da lief er mir mit den Pfeifen entgegen, und nun liegen die Scherben in der Küche.« – »Und weiter hast du ihn heute morgen nicht gesehen?« – »Ja, Herr, als der Uhrmacher transportiert wurde, da lief er mit, und als er dann wiederkam, da redete er mit der Mamsell hochdeutsch, und nachher flüsterten sie zusammen.« – »Hochdeutsch? Fritz Sahlmann hochdeutsch? Was hat der Schlingel hochdeutsch zu reden? Was sagte er denn?« – »Er sagte: ›Rettung naht!‹« – »So? Und nachher kam der Herr Ratsherr?« – »Ja, Herr Amtshauptmann, und ich fuhr ihm mit dem Besen ins Gesicht; aber auch dafür konnte ich nichts.« – »Dies ist doch eine besondere Sache!« sagte der alte Herr und ging auf und nieder und faßte sich unters Kinn und sah auf die Diele und sah an die Decke. Endlich stand er still und sagte: »Neiting, die Sache ist mir klar: das alte Wurm, die Westphal, hat es mit der Angst gekriegt, und der Ratsherr hat sich da hineingemischt und hat irgend etwas Verdrehtes angestiftet. Du sollst sehen, sie hat sich versteckt.« – »Dann laß sie, Weber.« – »Das geht nicht, Neiting, sie muß zur Stelle, denn sie muß Zeugnis ablegen für den Uhrmacher und für den Müller; es kann den beiden sonst an den Kragen gehen. – Wenn ich nur wüßte, wo der Schlingel, der Fritz Sahlmann, ist, der weiß um die ganzen Umstände! – Und du weißt nicht, wo er ist, Fik?« – »Nein, Herr.« – »Na, dann kannst du gehen.« –

As sick Fik ümdreihen ded, föllen ehr Ogen up dat Eckfinster; äwer wil dat ehr Ogen sihr hell un wacht wiren, föllen sei ok dörch dat Finster un segen, wat wid achter passieren ded. Sei dreihte sick fix wedder üm un säd: »Herr Amtshauptmann, nu weit ick, wo hei is.« – »Na, wo denn?« – »Seihn S', dor sitt 'e.« – »Wo?« frog de oll Herr un läd sin Vörspann von Lorjett an de Ogen un kek allenthalben hen, blot nicht dorhen, wo Fritz Sahlmann satt. – »Dor, Herr Amtshauptmann, dor in unsen ollen Kantappelbom, de an de Eck von de Käk steiht.« – »Wohrhaftig! ja! – Dies ist doch eine besondere Sache! Neiting, in'n Winter! Wenn dat in'n Harwst wir, wenn Appel up den Bom sünd; äwer Neiting, in'n Winter!« – »Oh, Wewer«, säd sin leiwe Fru, »hei äuwt sick woll man dorup.« – »Fik Besserdichs, du hest klore Ogen, wat deiht hei dor?« frog de oll Herr un schow mit de Lorjett vör de Ogen hen un her. – »Je, Herr, en langen Staken hett hei dor; äwer wat hei dormit bezwecken deiht, dat's minen Ogen verborgen. Hei handtiert dormit gegen de Rökerbähnluk.« – »Neiting, gegen unsern Rökerbähn! Wat mag hei dor handtieren, Neiting?« – »Ick weit't nich, Wewer; äwer wunnern sall mi dat nich, wenn morgen wedder Wust fehlen.« – »Süh mal! süh mal! – Ih, dit wir nett! – Dat is jo en prächtigen Bom för minen Fritz Sahlmann! 's Sommers Appel, un 's Winters Wust!« Dormit makt hei dat Finster up un röp: »Fritz Sahlmann! Fritz! Kumm dor runne, min Sähn, du künnst di dor in den Regen verküllen.«

Als Fik sich umdrehte, fielen ihre Augen auf das Eckfenster; aber weil ihre Augen sehr hell und munter waren, fielen sie auch durch das Fenster und sahen, was weit hinten passierte. Sie drehte sich schnell wieder um und sagte: »Herr Amtshauptmann, nun weiß ich, wo er ist.« – »Na, wo denn?« – »Sehen Sie, da sitzt er.« – »Wo?« fragte der alte Herr und legte seinen Vorspann von Lorgnette an die Augen und sah allenthalben hin, nur nicht dahin, wo Fritz Sahlmann saß. – »Da, Herr Amtshauptmann, da in unserm alten Kantapfelbaum, der an der Ecke von der Küche steht.« – »Wahrhaftig, ja! Dies ist doch eine besondere Sache! Neiting, im Winter! Wenn das im Herbst wäre, wenn Aepfel auf dem Baum sind; aber Neiting – im Winter!« – »Oh, Weber,« sagte seine liebe Frau, »er übt sich wohl nur darauf.« – »Fik Besserdich, du hast klare Augen, was tut er da?« fragte der alte Herr und schob die Lorgnette vor den Augen hin und her. – »Ja, Herr, eine lange Stange hat er da; aber was er damit bezwecken tut, das ist meinen Augen verborgen. Er hantiert damit gegen die Räucherbodenluke.« – »Neiting, gegen unseren Räucherboden! Was mag er da hantieren?« – »Ich weiß es nicht, Weber; aber wundern soll's mich nicht, wenn morgen wieder Würste fehlen.« – »Sieh mal! Sieh mal! Ih, dies wäre nett! – Das ist ja ein prächtiger Baum für meinen Fritz Sahlmann! Sommers Aepfel und Winters Wurst!« Damit machte er das Fenster auf und rief: »Fritz Sahlmann! Fritz! Komm herunter, mein Sohn! Du könntest dich da in dem Regen erkälten.«

Dat sall en Dirt gewen, wat sei 'n Fuldirt nennen, dat brukt säben Dag', bet dat in den Bom rinne kümmt, un säben Dag', bet dat wedder runne kümmt. Na, vull so lang' brukte Fritz Sahlmann nu nich, as hei ut den Appelbom kamm; äwer 't was doch lang' naug, un von wegen sine Büxen kletterte hei woll nich so bedächtig, un as hei unnen was, dunn was dat ogenschinlich, dat hei in en starkes Bedenken stunn, ob hei kamen oder dörchbrennen süll. Äwer Fritz Sahlmann was en frames Kind, hei kamm; blot männigmal höll hei sick en beten up. – »Fik, wat makt hei dor achter den Stickelbeerenbusch?« frog de oll Herr. – »Je, Herr, hei hett dor jo woll wat achter smeten.« – »So? Das ist denn eine andere Sache. – Na, Fritz, kumm man dörch de Käkendör rinne! Un du, Fik, gah hen un paß mi up, dat hei nich dörch de Vördör wedder schappiert.« – Fik gung, un Fritz kamm, langsam as de düre Tid; äwer hei kamm. »Fritz Sahlmann, min Sähn, so vel Insichten möst du all hewwen, dat dat nich gaud för de Gesundheit is, bi Regenweder buten tau sitten, nimm di nah dissen en Regenschirm mit, wenn du buten sitten willst; un so vel Insichten möst du ok all hewwen, dat dat nich gaud för de Hosen is, bi Regenweder in en Bom tau stigen, säuk di nah dissen 'ne dröge Johrstid dortau ut. Nu segg mi mal: wat dedst du in den Bom?« – »Oh, Herr Amtshauptmann, doch man so.« – »Hm«, säd de oll Herr, »de Grund lett sick hüren. Äwer wat ick eigentlich fragen wull: Hest du nicks von Mamsell Westphalen seihn?«

Es soll ein Tier geben, das man Faultier nennt; das braucht sieben Tage, bis es in den Baum hinaufkommt, und sieben Tage, bis es wieder 'runterkommt. Na, ganz so lange brauchte Fritz Sahlmann nicht, als er aus dem Apfelbaum kam; aber es war doch lange genug, und seiner Hosen wegen kletterte er wohl nicht so bedächtig, und als er unten war, da stand er augenscheinlich in starkem Bedenken, ob er kommen oder durchbrennen sollte. Aber Fritz Sahlmann war ein frommes Kind, er kam; nur manchmal hielt er sich ein bißchen auf. – »Fik, was macht er da hinter dem Stachelbeerenbusch?« fragte der alte Herr. – »Je, Herr, er hat wohl was dahinter geschmissen.« – »So? Das ist denn eine andere Sache. – Na, Fritz, komm nur durch die Küchentür herein! Und du, Fik, geh hin, und paß ihm auf, daß er nicht durch die Vordertür wieder ausreißt.« – Fik ging, und Fritz kam, langsam wie die teure Zeit, aber er kam. »Fritz Sahlmann, mein Sohn, so viel Einsicht wirst du schon haben, daß es nicht gut für die Gesundheit ist, bei Regenwetter draußen zu sitzen; nimm dir in Zukunft einen Regenschirm mit, wenn du draußen sitzen willst; und so viel Einsicht mußt du auch schon haben, daß es nicht gut für die Hosen ist, bei Regenwetter in einen Baum zu steigen, suche dir in Zukunft eine trockene Jahreszeit dazu aus. Nun sage mir mal: was tatest du in dem Baum?« – »Oh, Herr Amtshauptmann, doch nur so.« – »Hm,« sagte der alte Herr, »der Grund läßt sich hören. Aber was ich eigentlich sagen wollte: hast du nichts von Mamsell Westphal gesehen?«

Fritz Sahlmann, de sick 'ne ganz anner Frag' vermauden was, lewte ogenschinlich wedder up un säd ganz kregel: »Ne, Herr Amtshauptmann.« – »Ja, min Sähn, worüm sallst du ok von 'ne Sak wat weiten, wovon keiner wat weit. Nu dauh mi äwer mal den Gefallen un kik mi mal grad in de Ogen.« – Fritz Sahlmann ded em den Gefallen; äwer sin Blick was en falschen Gröschen, un de oll Herr müggt em woll nich för vull annemen willen, denn hei säd: »Fritz Sahlmann, hir is en Metz, gah mal nah den Goren un snid mi mal ut de Hasseln – du weitst jo, wo sei stahn – so'n lütten Stock, so as en – as en – na, as din Mittelfinger dick, un denn, min Sähn, hest du achter den Stickelbeerenbusch in den Goren wat verluren, raup di Fik Besserdichs, de sall di säuken helpen, dat du doch wedder tau dat Dinige kümmst. – Äwer hürst du, Fik Besserdich sall mit.«

Fritz Sahlmann, der auf eine ganz andere Frage gefaßt gewesen war, lebte augenscheinlich wieder auf und sagte ganz munter: »Nein, Herr Amtshauptmann.« – »Ja, mein Sohn, warum solltest du auch von einer Sache etwas wissen, wovon keiner was weiß? Nun tu mir aber mal den Gefallen und sieh mir mal grade in die Augen.« – Fritz Sahlmann tat ihm den Gefallen; aber sein Blick war ein falscher Groschen, und der alte Herr mochte ihn wohl nicht für voll annehmen wollen, denn er sagte: »Fritz Sahlmann, hier ist ein Messer; geh mal nach dem Garten und schneide mir mal aus den Haseln – du weißt ja, wo sie stehen – so einen kleinen Stock, so wie ein – wie ein – na, wie dein Mittelfinger dick, und dann, mein Sohn, hast du hinter dem Stachelbeerbusch im Garten was verloren; ruf dir Fik Besserdich, die soll dir suchen helfen, damit du doch wieder zu dem Deinigen kommst. – Aber hörst du, Fik Besserdich soll mitgehen!«

Fritz Sahlmann sach nu also unner sihr bedrängten Umstän'n in 'ne trurige Taukunft; hei bugte äwer up twei Ding', worup de Minschen meistendeils in ehr Verlegenheit bugen, nämlich irstens up den Himmel, dat de noch tau rechter Tid den ollen Herrn tau sinen Vörnemen en Stein in den Weg smiten würd, un denn tweitens up sine früheren Erfohrungen in so'ne Verlegenheiten; un uterdem hadd hei noch 'ne Hülp in de Not, von de de gewöhnlichen Minschen nicks weiten, nämlich so'n lütt Aktenbund, wat hei sick in bedenklichen Fällen unner de West tau knöpen plegte; dit verget hei denn nu hüt ok nich. Hei gung nu also tämlich beruhigt in den Goren, in de stille Hoffnung, Fik, de mit em gung, würd den richtigen Stickelbeerenbusch verfehlen; äwer as hei grad beschäftigt was, de passende Gadung von Hasselrauden uttausäuken, sach hei mit inwendigen Grugel, dat de Dirn grad up den richtigen Busch losgung un dor wat upnamm, wat em in de Firn vele Ähnlichkeit mit 'ne Wust tau hewwen schinte. Hei müßt sick also anners tau helpen säuken, hei sned also för't irst en por unmerkliche Karben in de Hasselraud, wat denn grad nich sihr tau ehre Holtborkeit bidrog, un denn versöchte hei Fik den Fund aftausnacken. Dit gelung em äwer nich, denn Fik hadd kein Lust, en tweit Examen vör den Herrn Amtshauptmann tau bestahn, un denn föll ehr in, dat dat mägliche Wis' Fritz Sahlmann west wir, de ehr vör'n Dagener acht 'ne Hand vull kortsneden Swinsbösten in't Bedd streut hadd. So kamm denn nu Fritz Sahlmann mit den Stock un Fik mit 'ne lütte nüdliche Mettwust wedder vör den Herrn Amtshauptmann.

Fritz Sahlmann sah nun also unter sehr bedrängten Umständen in eine traurige Zukunft; er baute aber auf zwei Dinge, worauf die Menschen in ihrer Verlegenheit meistens bauen: nämlich erstens auf den Himmel, daß dieser noch zur rechten Zeit dem Vorhaben des alten Herrn einen Stein in den Weg werfen würde, und dann zweitens auf seine früheren Erfahrungen in solchen Verlegenheiten; und außerdem hatte er noch eine Hilfe in der Not, von der die gewöhnlichen Menschen nichts wissen – nämlich so ein kleines Aktenbündel, das er sich in bedenklichen Fällen unter die Weste zu knöpfen pflegte; dies vergaß, er denn nun auch heute nicht. Er ging also ziemlich beruhigt in den Garten, in der stillen Hoffnung, Fik, die mit ihm ging, würde den richtigen Stachelbeerbusch verfehlen; aber als er gerade beschäftigt war, die passende Gattung Haselruten auszusuchen, sah er mit inwendigem Grauen, daß das Mädchen gerade auf den Busch losging und dort etwas aufnahm, was ihm in der Ferne viele Aehnlichkeit mit einer Wurst zu haben schien. Er mußte sich also anders zu helfen suchen; er schnitt daher fürs erste ein paar unmerkliche Kerben in die Haselrute, was ja nicht gerade sehr zu ihrer Haltbarkeit beitrug, und dann versuchte er Fik den Fund abzuschnacken. Dies gelang ihm aber nicht, denn Fik hatte keine Lust ein zweites Examen vor dem Herrn Amtshauptmann zu bestehen, und dann fiel ihr ein, daß es möglicherweise Fritz Sahlmann gewesen wäre, der ihr vor acht Tagen eine Handvoll kurzgeschnittener Schweinsborsten ins Bett gestreut hatte. So kam denn nun Fritz Sahlmann mit dem Stock, und Fik mit einer kleinen niedlichen Mettwurst wieder vor den Herrn Amtshauptmann.

»Fik«, säd de Herr Amtshauptmann un namm ehr de Wust af, »du kannst nu gahn, min Dochter. – Neiting«, säd hei tau sine leiwe Fru un höll ehr de Wust vör de Ogen, »dit nennen wi en corpus delicti.« – »'t is mäglich, Wewer, dat sei up Latinsch so heit, wi seggen dor Mettwust tau.« – »Schön, Neiting! Segg mal, kannst du dat behaupten, dat dat ein von uns' Mettwüst is?« – »Ja, Wewer, ick kenn sei an den Band.« – »Fritz Sahlmann, wo büst du tau de Mettwust kamen?« – Dit was nu för Fritzen eine ganz entfahmte Frag' von den Herrn Amtshauptmann; de Himmel läd sick ogenschinlich nich in't Middel; sine Erfohrungen leten em in Stich, de Herr Amtshauptmann stunn vör em, in de ein Hand de Wust, in de anner den Stock, un de Stock was knapp twei Faut von sinen Puckel af, hei was also vüllig up dat lütt Aktenbund anwist, un dat was ok man so so; de Herr Amtshauptmann hadd't all mal an't Klappen markt. Hei gaww sick also verluren, fung an tau rohren un säd: »Ick heww sei gewen kregen.« – »Dat lüggst du!« fohrt de Fru Amtshauptmannen up, »du hest sei mit den Staken von den Rökerbähn halt.« – »Neiting, ruhig! Keine Suggestivfragen! – Fritz, wer hett di de Wust gewen?« – »Mamsell Westphalen.« – »Fritz, wo?« – »As ick in den Bom satt.« – »Satt sei dor bi di?« – »Ne, sei satt up den Rökerbähn, un dunn hett sei mi de Wust up den Staken steken, dor hadd ick en Nagel inslagen.« – »Du hest mi doch eben seggt, du wüßt nich, wo Mamsell Westphalen wir. Fritz Sahlmann, du hest also lagen.« – »Herr Amtshauptmann, Herr Amtshauptmann! Slagen S' mi nich! Ick kann dor jo nich för. Ick un Ratsherr Hers' hewwen uns verswuren, un ick heww em heilig verspreken müßt, keinen Minschen, ok Sei nich, tau seggen, wo Mamsell Westphalen wir.« – »Steihst du bi den Herrn Ratsherrn in Lohn un Brod oder bi mi? Du hest lagen, Fritz, un wenn du lüggst, denn krigst du Släg', so steiht dat in unsen Kuntrakt.« Un dormit kreg de Herr Amtshauptmann Fritzen in den Kragen un böhrt den Stock tau Höcht, un wenn de Himmel noch in't Middel treden wull, denn was't nu de allerhöchste Tid, un – de Himmel ded't.

»Fik,« sagte der Herr Amtshauptmann und nahm ihr die Wurst ab, »du kannst nun gehen, meine Tochter. – Neiting,« sagte er zu seiner lieben Frau und hielt ihr die Wurst vor die Augen, »dies nennen wir ein corpus delicti.« – »'s ist möglich, Weber, daß sie auf Lateinisch so heißt; wir sagen Mettwurst dazu.« – »Schön, Neiting! sag mal, kannst du behaupten, daß dies eine von unseren Mettwürsten ist?« – »Ja, Weber, ich kenne sie am Bande.« – »Fritz Sahlmann, wie bist du zu der Mettwurst gekommen?« – Dies war nun für Fritzen eine ganz infame Frage des Herrn Amtshauptmanns; der Himmel legte sich augenscheinlich nicht ins Mittel; seine Erfahrungen ließen ihn im Stich; der Herr Amtshauptmann stand vor ihm, in der einen Hand die Wurst, in der andern den Stock, und der Stock war knapp zwei Fuß von seinem Buckel ab; er war also völlig auf das kleine Aktenbündel angewiesen, und damit war es auch nur soso; der Herr Amtshauptmann hatte es schon mal am Klappen gemerkt. Er gab sich also verloren, fing an zu weinen und sagte: »Ich habe sie geschenkt gekriegt.« – »Das lügst du!« fuhr die Frau Amtshauptmann auf, »du hast sie mit der Stange vom Räucherboden geholt!« – »Neiting, ruhig! Keine Suggestivfragen! – Fritz, wer hat dir die Wurst gegeben?« – »Mamsell Westphal.« – »Fritz, wo?« – »Als ich im Baum saß.« – »Saß sie da bei dir?« – »Nein, sie saß auf dem Räucherboden; und da hat sie mir die Wurst auf die Stange gesteckt, in die ich einen Nagel eingeschlagen hatte.« – »Du hast mir doch eben gesagt, du wüßtest nicht, wo Mamsell Westphal wäre? Fritz Sahlmann, du hast also gelogen.« – »Herr Amtshauptmann, Herr Amtshauptmann! Schlagen Sie mich nicht! Ich kann ja nicht dafür. Ich und Ratsherr Herse haben uns verschworen, und ich habe ihm heilig versprechen müssen, keinem Menschen, auch Ihnen nicht, zu sagen, wo Mamsell Westphal wäre.« – »Stehst du bei dem Herrn Ratsherrn in Lohn und Brot, oder bei mir? Nu hast gelogen, Fritz, und wenn du lügst, dann kriegst du Schläge – so steht es in unserm Kontrakt.« Und damit nahm der Amtshauptmann Fritz beim Kragen und hob den Stock empor; und wenn der Himmel noch ins Mittel treten wollte, bann war es nun die allerhöchste Zeit, und – der Himmel tat's.

Buten würd ankloppt, un herin kamm de Stadtdeiner Luth: »Empfehlung von den Herrn Burmeister, un de Sak stünn heil leg för den Uhrkenmaker un den Möller, un de Herr Amtshauptmann müggt doch so gefällig sin un so drad runner kamen; vör allen äwer Mamsell Westphalen mitbringen, denn ehr Tügnis wir hauptsächlich von Wichtigkeit.« – »Ick kam glik, min leiw' Luth. – Neiting, de Sak is pressant. Fritz Sahlmann, hal mi minen Rock, un du, Neiting, gah nah dat oll Unglücksworm up den Rökerbähn un hal sei runner.« – Wo fix bröcht Fritz Sahlmann den Rock! Wo hild hadd hei't, den Herrn Amtshauptmann ut de Ogen tau kamen! »Fru Amtshauptmannen, ick möt mit, allein för Sei makt sei nich up, un eigentlich sitt sei gor nich up den Rökerbähn, sei sitt dor achter up en Flag, wat ick allein weit.« So lep hei denn vörup, un de Fru Amtshauptmann folgte em, äwer sachten.

Draußen wurde angeklopft und herein kam der Stadtdiener Luth: »Empfehlung vom Herrn Bürgermeister, und die Sache stände ganz schlecht für den Uhrmacher und den Müller, und der Herr Amtshauptmann möchte doch so gefällig sein, und sofort herunterkommen – vor allem aber Mamsell Westphal mitbringen, denn ihr Zeugnis wäre hauptsächlich von Wichtigkeit.« – »Ich komme gleich, mein lieber Luth. – Neiting, die Sache ist pressant. Fritz Sahlmann, hole mir meinen Rock, und du, Neiting, geh nach dem alten Unglückswurm auf dem Räucherboden und hole sie herunter.« – Wie fix brachte Fritz Sahlmann den Rock! Wie eilig hatte er's, dem Herrn Amtshauptmann aus den Augen zu kommen! »Frau Amtshauptmann, ich muß mit – Ihnen allein macht sie nicht auf, und eigentlich sitzt sie gar nicht auf dem Räucherboden, sondern sie sitzt dahinter auf einer Stelle, die ich alleine kenne.« So lief er denn vorauf, und die Frau Amtshauptmann folgte ihm.

Fritz kloppte an de Dör: »Mamselling, maken S' up, ick bün't!« – Kein Antwurt. – »Mamselling, wohl, wohl! Sur Swinfleisch!« – Kein Antwurt. – »Mamselling, de Franzosen sünd weg!« – Dunn let sick wat hüren, un 'ne bedräuwte Stimm let sick vernemen: »Fritz Sahlmann, du büst en Lägner dines Namens. – Führ mi nich in Versäukung!« – Mitdewil rep nu ok de Fru Amtshauptmannen: »Westphalen, maken Sei up! Ick bün dat, de Fru.« – »Ick kann mi nich vör Sei seihn laten«, rep de Stimm, »ick bün 'ne Sünnerin, 'ne arge Sünnerin!« – »Maken Sei man up, dat kümmt all wedder tau Schick.«

Fritz klopfte an die Tür: »Mamselling, machen Sie auf, ich bin's!« – Keine Antwort kam. – »Mamselling, wohl, wohl! Saures Schweinefleisch!« – Keine Antwort. – »Mamselling, die Franzosen sind weg!« – Da ließ sich etwas hören, und eine betrübte Stimme ließ sich vernehmen: »Fritz Sahlmann, du bist ein Lügner deines Namens. Führe mich nicht in Versuchung!« – Mittlerweile rief nun auch die Frau Amtshauptmann: »Westphal, machen Sie auf! Ich bin's, die Frau.« – »Ich kann mich nicht vor Ihnen sehen lassen,« rief die Stimme; »ich bin eine Sünderin, eine arge Sünderin!« – »Machen Sie nur auf, das kommt alles wieder in Ordnung.«

Nah langen Prekademen makte Mamsell Westphalen denn endlich up un stunn nu dor, rod in't Gesicht un de hellen Tranen lepen ehr de Backen dal. Äwer dat weit bet up den hütigen Dag noch keiner: was dat von Rührung oder was dat von Rok; genaug, de Tranen lepen, un wenn dat bi 'ne korpulente, öllerhafte Jungfru statuwiert warden kann, so müggt ick seggen, sei stunn dor as en »knicktes Ruhr«. – »Fru Amtshauptmannen«, säd sei, »ick kann Sei nich unner de Ogen gahn, ick bün deip sunken; äwer twintig Johr bün ick in Ehren gesegenten Hus', un mindag' nich heww ick Sei dat Swarte unner den Nagel entfirnt, eine böse Stun'n hett dat anners makt: ick heww mi an dat Ehrige vergrepen.« – »Ih, Westphalen, laten Sei dat doch! Kamen Sei man mit runner!« – »Keinen Schritt, Fru Amtshauptmannen! Irst en umständlich Bekenntnis! – Seihn S', Sei weiten, ick bün up de Flucht; Ratsherr Hers' hett mi flüchten hulpen un dese Slüngel, dese Fritz Sahlmann. Un nu sitt ick hir in Waddik un Weihdag' un denk an Herrn Droin sin Schicksal un an all dat anner un denk, dese Slüngel, de Fritz Sahlmann, sall mi Nahricht bringen, wo de Sak steiht, dunn hür ick buten vör de Luk wat hausten, un dunn röppt dat minen Namen, un as ick mi ranne slik an de Luk un rute seih, dunn denk ick doch, mi rührt de Slag; denn denken S' sick, Fru Amtshauptmannen, dat Unglückskind is in den Kantappelbom stegen un is den langen Telgen entlang rutscht un swewt as 'ne Kreih äwer den Afgrund. ›Jung‹, segg ick, ›Fritz Sahlmann, willst du woll ut den Bom!‹ Dunn grint de Jung' mi an. ›Jung‹, raup ick, ›ick kann dat nich vör dinen Vader verantworten, di in so'ne Gefohr tau seihn.‹ Seihn S', Fru Amtshauptmannen, dunn lacht de Jung' lud up un säd: ›Ick wull Sei blot Nahricht bringen: de Uhrkenmaker ward uphängt, un Ratsherr Hersen hewwen de Franzosen kregen, de liggt in Keden; un en ganzes Batteljohn is utschickt, Sei tau säuken.‹ Fru Amtshauptmannen, dat was keine tröstliche Nahricht, un min Angst was grot; äwer ick kann mi dat Tügnis gewen, min Angst üm den Jungen was gröter. ›Jung‹, rep ick, ›stig ut den Bom!‹ Seihn S', dunn grint hei mi an as en Ap up en Kameel un säd: ›Ja, wenn S' mi 'ne Wust gewen‹, un dormit fung hei an, allerhand Hanswustenstreich tau maken, un hüppt up den Telgen rüm as en Karninken in'n Kohlgoren, dat mi gräun un gel vör de Ogen würd. Dunn, Fru Amtshauptmannen, dunn dacht ick, wat is 'ne Mettwust? Un wat is en Minschenlewen? Un in mine Angst vergrep ick mi an Ehr Eigendauhm, hei höll den Staken rin, un ick stek em de Wust up. Dunn kreg hei Raup von den Herrn Amtshauptmann, un as hei run steg, röp hei mi sachten tau, hei hadd mi wat inbildt, dat wir all nich wohr. Dorüm segg ick, hei is en Lägner, Fru Amtshauptmannen, un dorbi bliw ick.« – »Laten S' man, Westphalen, hei hett bi minen Mann ok noch en Schinken in't Solt; hei ward sinen Richter nich entgahn.«

Mit Mäuh kreg de Fru Amtshauptmannen de olle Dam von den Bähn heraf, un as sei unnen ankemen, gung de Herr Amtshauptmann mit sinen staatschen Schritt in vullen Antog up un dal un täuwte all. En swor Stück was dat nu, Mamsell Westphalen tau bewegen, mit den ollen Herrn nah't Rathus daltaugahn – »in den apnen Löwenrachen«, säd sei. Sei wull liden, wat sei in ehren Unverstand verdeint hadd, obschonst dat in Gaudheit un in Ihren gescheihn wir; äwer vör all dat frömde Mannsvolk tau stahn un sick von wegen Herr Droin tau deffendieren, dat wir äwer ehre Kräften as ordentliches Frugensminsch, un wenn de Herr Amtshauptmann doch dorup bestünn, so müßten Fik un Korlin ok mit, denn de müßten ehr wedder betügen, dat sei de Nacht bi ehr slapen hadd.

Nach langen Redensarten machte Mamsell Westphal denn endlich auf und stand nun da, rot im Gesicht, und die hellen Tränen liefen ihr die Backen herunter. Aber bis auf den heutigen Tag weiß noch niemand: war es von Rührung, oder war es vom Rauch; genug, die Tränen liefen, und wenn man von einer korpulenten ältlichen Jungfrau den Ausdruck gebrauchen kann, so möchte ich sagen, sie stand da wie ein ›geknicktes Rohr‹. – »Frau Amtshauptmann,« sagte sie, »ich kann Ihnen nicht unter die Augen gehen, ich bin tief gesunken; über zwanzig Jahre bin ich in Ihrem gesegneten Hause, und niemals habe ich Ihnen so viel wie das Schwarze unterm Nagel entfernt; eine böse Stunde hat das anders gemacht: ich habe mich an dem Ihrigen vergriffen.« – »Ih, Westphal, lassen Sie das doch; kommen Sie nur mit herunter!« – »Keinen Schritt, Frau Amtshauptmann! erst ein umständliches Bekenntnis! – Sehen Sie, Sie wissen, ich bin auf der Flucht; Ratsherr Herse hat mir flüchten geholfen, und dieser Schlingel, dieser Fritz Sahlmann. Und nun sitz ich hier in Kummer und Elend und denke an Herr Droi's Schicksal und an alles andere, und denke, dieser Schlingel, der Fritz Sahlmann, soll mir Nachricht bringen, wie die Sache steht; da hör' ich draußen vor der Luke etwas husten, und da ruft es meinen Namen, und als ich mich heranschleiche an die Luke und hinaussehe, da denke ich doch, mich rührt der Schlag; denn denken Sie sich, Frau Amtshauptmann, das Unglückskind ist in den Kantapfelbaum gestiegen und ist den langen Ast entlang gerutscht und schwebt wie eine Krähe über dem Abgrund. ›Junge‹ sag ich, ›Fritz Sahlmann, willst du wohl aus dem Baum heraus!‹ Da grinst der Junge mich an. ›Junge‹ ruf ich, ›ich kann das nicht vor deinem Vater verantworten, dich in solcher Gefahr zu sehen.‹ Sehen Sie, Frau Amtshauptmann, da lacht der Junge laut auf und sagt: ›Ich wollte Ihnen bloß Nachricht bringen: Der Uhrmacher wird aufgehängt, und Ratsherrn Herse haben die Franzosen gekriegt, er liegt in Ketten; und ein ganzes Bataillon ist ausgeschickt, Sie zu suchen.‹ Frau Amtshauptmann, das war keine tröstliche Nachricht, und meine Angst war groß: aber ich kann mir das Zeugnis geben, meine Angst um den Jungen war größer. ›Junge,‹ ruf' ich, ›steig auf dem Baum!‹ Sehen Sie, da grinst er mich an wie ein Affe auf dem Kamel, und sagt: ›Ja, wenn Sie mir 'ne Wurst geben,‹ und damit fängt er an, allerlei Hanswurststreiche zu machen, und hüpft auf dem Ast herum wie ein Kaninchen im Kohlgarten, daß mir grün und gelb vor den Augen wurde. Da, Frau Amtshauptmann, da dachte ich: was ist eine Mettwurst? und was ist ein Menschenleben? Und in meiner Angst vergriff ich mich an Ihrem Eigentum; er hielt die Stange hinein, und ich steckte ihm die Wurst auf. Da rief ihn der Herr Amtshauptmann, und als er herunterstieg, rief er mir leise zu, er hätte mir was eingebildet, es wäre alles nicht wahr. Darum sag' ich: er ist ein Lügner, Frau Amtshauptmann, und dabei bleib ich.« – »Lassen Sie nur, Westphalen; er hat bei meinem Mann auch noch einen Schinken im Salz; er wird seinem Richter nicht entgehen.« Mit Mühe kriegte die Frau Amtshauptmann die alte Dame vom Boden herunter; und als sie unten ankamen, ging der Herr Amtshauptmann mit seinem stattlichen Schritt schon in vollem Anzug auf und ab und wartete. Ein schweres Stück war es noch, Mamsell Westphal zu bewegen, mit dem alten Herrn nach dem Rathaus hinunter zu gehen – »in den offenen Löwenrachen,« sagte sie. Sie wolle leiden, was sie in ihrem Unverstand verdient habe, obschon es aus Güte und in Ehren geschehen sei; aber vor all dem fremden Mannsvolk zu stehen und sich von wegen Herrn Droi zu defendieren, das gehe über ihre Kräfte als ordentliches Frauenzimmer. Und wenn der Herr Amtshauptmann doch darauf bestände, so müßten Fik und Karline auch mit, denn die müßten ihr wieder bezeugen, daß sie die Nacht bei ihnen geschlafen hätte.

In desen Punkt müßt de Herr Amtshauptmann denn nahgewen, un as Mamsell Westphalen in ehr Stuw' gahn was, sick in Geswindigkeit en Dauk un 'ne Kapp tau halen, gung de oll Herr mit groten Schritten in Gedanken up un dal un fuchtelt mit sinen Jenenser Ziegenhainer in de Luft, denn ahn desen gung hei sindag' nich ut, un säd endlich: »Neiting, sei hett recht; de Dirns känen uns nich schaden. Äwer, Neiting«, un hir snüffelte hei so'n beten in de Luft rümmer, »dit rückt hir jo nah Spikaal; is oll Neils ut Gülzow mit sin Aal hir west?« – »Wat redst du, Wewer? Dat is jo von ehr, sei hett jo äwer 'ne Stun'n up den Rökerbähn seten.« – »Das ist denn eine andere Sache!« säd de oll Herr, un sin Fru müßt de beiden Dirns raupen. As Mamsell Westphalen kamen was, was de Tog tausam un gung af, nahdem de Mamsell von de Fru Amtshauptmannen en Afschid up Lewen un Dod namen hadd. Keiner sprök en Wurd, blot as sei an dat Sloßdur kemen, bögt sick Mamsell Westphalen taurügg un säd: »Fik, wenn wi up den Mark kamen, denn lop räwer nah den Herrn Dokter Lukow, hei süll sick infinnen in minen Unglück, mi künn wat Minschliches passieren, denn mi künnen de Ahnmachten antreden.«

In diesem Punkt mußte der Herr Amtshauptmann ihr nachgeben, und als Mamsell Westphal in ihre Stube gegangen war, sich geschwind ein Tuch und eine Kappe zu holen, ging der alte Herr mit großen Schritten in Gedanken auf und ab und fuchtelte mit seinem Jenenser Ziegenhainer in der Luft – denn ohne diesen ging er niemals aus – und sagte endlich: »Neiting, sie hat recht; die Mädchen können uns nicht schaden. Aber, Neiting,« – und hier schnüffelte er so ein bißchen in der Luft herum – »es riecht hier ja nach Spickaal; ist der alte Neils aus Gülzow mit seinen Aalen hier gewesen?« – »Was redest du, Weber? Das ist ja von ihr, sie hat ja über eine Stunde auf dem Räucherboden gesessen.« – »Das ist denn eine andere Sache!« sagte der alte Herr, und seine Frau mußte die beiden Dienstmädchen rufen. Als auch Mamsell Westphal gekommen war, war der Zug beisammen und ging ab, nachdem die Mamsell von der Frau Amtshauptmann einen Abschied auf Leben und Tod genommen hatte. Niemand sprach ein Wort, nur als sie an das Schloßtor kamen, beugte sich Mamsell Westphal zurück und sagte: »Fik, wenn wir auf den Markt kommen, dann lauf hinüber zum Herrn Doktor Lukow, er sollte sich einfinden in meinem Unglück; mir könnte was Menschliches passieren, denn mich könnten die Ohnmachten antreten.«

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