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Ut de Franzosentid/Aus der Franzosenzeit - Plattdeutsch/Hochdeutsch

Fritz Reuter: Ut de Franzosentid/Aus der Franzosenzeit - Plattdeutsch/Hochdeutsch - Kapitel 10
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authorFritz Reuter
titleUt de Franzosentid/Aus der Franzosenzeit - Plattdeutsch/Hochdeutsch
publisherVerlag von Otto Janke/Leipzig
translatorHeinrich Conrad
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Dat nägente Kapittel

Neuntes Kapitel

Worüm de Herr Amtshauptmann in den Mark Aurel lesen müßt un sick dat Gesicht nich waschen dürwt, un worüm em den Möller sin Fiken nich mihr tau quarig dücht.

Warum der Herr Amtshauptmann im Mark Aurel lesen mußte und sich das Gesicht nicht waschen durfte; und warum ihm Müllers Fiken nicht zu quarrig däuchte.

De oll Herr Amtshauptmann gung in sin Stuw' rümmer un argert sick, denn wenn hei ok kein von de hastige Ort was, so was hei doch en ollen Mann, de dat Kummandieren gewennt was un sin Moden för sick hadd, un nu süll hei sick kummandieren laten un hadd des Morgens Klock acht upstahn müßt – wat gegen sin Natur was –, un Koffe hadd hei ok nich kregen, un as hei sick tau sine Vermünterung 'ne irden Pip in't Gesicht steken wull, wiren kein Pipen dor. Hei klingelt einmal, Fritz Sahlmann kamm nich; hei klingelt tweimal, Fik kamm ok nich. Hei treckt sin Snuwtobacksdos' ut de Tasch un namm de Pris' mit so'n nahdenklichen Snäw, as einer deiht, de sick up allens mögliche Ungemak gefaßt maken will, treckt de Lorjett ut de Tasch un kek in't Weder. Buten regent dat Bindfaden, un in de hogen, nakten Telgen von de ollen Rüstern seten de Kreihn so still un dukerig, as wiren ehr de Flüchten tausambackt, un leckten as oll Bur Kugler, as hei mal 's Abends bet an de Hautkremp in den Dörpdik seten hadd. »Ok kein Vergnäugen!« säd de oll Herr. »Äwer wo is up Stun'ns Vergnäugen in dütschen Landen? Es ist doch eine sonderbare Sache mit der Weltregierung! Uns' Herrgott lett dat tau, dat ein so'n Hundsvott de ganze Welt in Schaden bringt. Dat is swor för'n Christenminschen intauseihn. Hohe herzogliche Kammer makt oft männigmal Inrichtungen un Verordnungen, de kein Christ un Beamter begripen kann, äwer hohe Domänenkammer is doch ok man so'n armen Sünner, den von Anfang an bi alle hogen Eigenschaften de Dämlichkeit in de ein Slipp mit inknüppt is, un dat weiten wi un finnen uns dorin, dat heit mit gelinden Arger un Verdruß. Äwer hir, bi den christlichen Glowen an 'ne göttliche Weltregierung, den Nutzen von den Hundsvott Bonepart intauseihn, dat is – dat is...« – Un hei namm sin Slapmütz af un höll sei en Toll'ner drei äwer sinen Kopp. »Uns' Herrgott mag mi de Sün'n vergewen! Ick heww gegen keinen Minschen en Haß hatt, gegen keinen Minschen Findschaft, ok nich gegen hohe Kammer mit ehre ßackermentschen Monitorien, äwer nu heww ick einen Haß«, un hei smet de Slapmütz up de Ird un set't den Bein dorup, » nu heww ick einen, un ick will em ok behollen!«

Der alte Herr Amtshauptmann ging in seiner Stube herum und ärgerte sich; denn wenn er auch keiner von der hastigen Art war, so war er doch ein alter Mann, der das Kommandieren gewohnt war und seine Moden für sich hatte; und nun sollte er sich kommandieren lassen und hatte des Morgens um acht Uhr aufstehen müssen – was gegen seine Natur war – den Kaffee hatte er auch nicht bekommen, und als er sich zu seiner Aufmunterung eine irdene Pfeife ins Gesicht stecken wollte, waren keine Pfeifen da. Er klingelte einmal – Fritz Sahlmann kam nicht; er klingelte zweimal– Fik kam auch nicht. Er zog seine Schnupftabaksdose aus der Tasche und nahm die Prise mit so einem nachdenklichen Schnauben, wie einer tut, der sich auf alles mögliche Ungemach gefaßt machen will, zog die Lorgnette aus der Tasche und sah ins Wetter. Draußen regnete es Bindfaden, und in den hohen nackten Aesten der Ulmen saßen die Krähen so still und geduckt, als wären ihnen die Flügel zusammengeklebt worden, und leckten wie der alte Bauer Kugel, als ei eines Abends bis an die Hutkrempe im Dorfteich gesessen hatte. »Auch kein Vergnügen!« sagte der alte Herr. »Aber wo ist heute Vergnügen in deutschen Landen? Es ist doch eine sonderbare Sache mit der Weltregierung! Unser Herrgott läßt es zu, daß ein solcher Hundsvott die ganze Welt in Schaden bringt! Das ist für einen Christenmenschen schwer einzusehen. Hohe Herzogliche Kammer macht auch manchmal Einrichtungen und Verordnungen, die kein Christ und Beamter begreifen kann, aber hohe Domänenkammer ist doch auch nur so ein armer Sünder, dem von Anfang an bei allen hohen Eigenschaften die Dämlichkeit in den einen Rockschoß mit eingeknüpft ist; und das wissen wir und finden uns darein – das heißt mit gelindem Aerger und Verdruß. Aber hier, bei dem christlichen Glauben an eine göttliche Weltregierung den Nutzen von dem Hundsfott Bonaparte einzusehen, das ist – das ...« – und er nahm seine Schlafmütze ab und hielt sie etwa drei Zoll hoch über seinen Kopf – »unser Herrgott mag mir die Sünde vergeben! Ich habe gegen keinen Menschen einen Haß, gegen keinen Menschen Feindschaft, auch nicht gegen hohe Kammern mit ihren sakramentischen Monitorien, aber jetzt hab ich einen Haß,« – und er warf die Schlafmütze auf die Erde und setzte das Bein darauf – »jetzt hab' ich einen! und ich will ihn auch behalten!«

Dit letztere müggt hei woll en beten lud raupen hewwen, denn sine leiwe Fru kamm ganz ängstlich in de Dör rinne: »Wewer! Wewer! Wat is di? Hett Fritz Sahlmann oder Fik...?« – »Ne, Neiting«, föll hei ehr in de Red un namm de Slapmütz up, »de nich, blot Bonepart.« – »Gott in den Himmel«, röp sei, »all wedder! Wat willst du di an den argern?« un gung an den Herrn Amtshauptmann sin Bäukerschapp ranne un halt en Bauk rut. »Da, Wewer, les in din Bauk!« Dat was nu dat Bauk von Mark Aurelen, dorut las de Herr Amtshauptmann, wenn hei in Arger geraden was, ein Kapittel, un wenn't dull was, twei. Hei namm nu also ok dat Bauk un las, un sine leiwe Fru bunn em den witten Purgiermantel üm un strählt em dat gaude, grise Hor un wickelt em dat oll lütte vernimme Zöppken un stöhmt em sacht un lising den weiken Puder äwer den Kopp; Mark Aurel ded ok dat Sinige, un all de argerlichen Schrumpeln wiren weg von sine irnstfaste Stirn, as de Fru Amtshauptmann mit dat lütte, sülwerne Putzmetz den Puder ut dat Gesicht schrapte. – »Denn dat möt sei em ümmer afschrapen«, säd Fik, wenn sei dorup tau reden kamm, »un waschen kann hei sick denn nich, wil dat em süs dat Weitenmehl de Ogen tauklistern würd.«

Dies letzte mochte er wohl ein bißchen laut gerufen haben, denn seine liebe Frau kam ganz ängstlich zur Tür herein: »Weber! Weber! Was ist dir? Hat Fritz Sahlmann oder Fik ...?« – »Nee, Neiting,« fiel er ihr in die Rede, indem er die Schlafmütze aufnahm, »die nicht, bloß Bonaparte.« – »Gott im Himmel,« rief sie, »schon wieder! Was willst du dich an dem ärgern?« – und ging an des Herrn Amtshauptmanns Bücherschrank heran und holte ein Buch heraus und sagte: »Na, Weber, lies in deinem Buch!« Dies war nun das Buch von Mark Aurel, daraus las der Herr Amtshauptmann, wenn er in Aerger geraten war, ein Kapitel, und wenn's schlimm war, zwei. Er nahm nun also auch das Buch und las, und seine liebe Frau band ihm den weißen Pudermantel um, und strählte ihm das gute graue Haar und wickelte ihm das alte kleine kecke Zöpfchen und stäubte ihm sacht und leise den weichen Puder über den Kopf; Mark Aurel tat auch das Seinige, und alle die ärgerlichen Runzeln waren fort von seiner ernsthaften Stirn, als die Frau Amtshauptmann mit dem kleinen silbernen Putzmesser den Puder aus dem Gesicht schabte. – »Denn das muß sie ihm immer abkratzen,« sagte Fik, wenn sie darauf zu reden kam, »und waschen kann er sich dann nicht, weil ihm sonst das Weizenmehl die Augen zukleistern würde.« –

»Neiting«, säd de Herr Amtshauptmann, as hei von Koppswegen in den Stand set't was, »kik doch mal, wenn di dat paßt, in de Wirtschaft runner. Es ist doch eine sonderbare Sache! Fik kümmt nich, Fritz Sahlmann kümmt nich; de gottverd... – wull ick seggen – dat gottlose Franzosentüg hett jo woll dat ganze Hus ümkihrt. – Ne, wat denn?«

»Neiting,« sagte der Herr Amtshauptmann, als sein Kopf in Stand gesetzt war, »sieh doch mal, wenn es dir paßt, unten in der Wirtschaft nach. Es ist doch eine sonderbare Sache! Fik kommt nicht, Fritz Sahlmann kommt nicht; die gottverd ... – wollte ich sagen – das gottlose Franzosenzeug hat ja wohl das ganze Haus umgekehrt. Ne, was denn?«

De Fru Amtshauptmannen was 'ne lütte gaude Fru, en beten swäcklich von Person, dorbi äwerst nich verdreitlich un ümmer parat, in Fründlichkeit de Wunderlichkeiten von den ollen Herrn tau dragen. Sei hadden einen Sähn, ehren Jochen, de was all in de Frömd', un so wiren de beiden ollen Lüd' in dat oll grote Sloß allein up sick anwist un drögen in Tru un Ihrborkeit Leid un Lust tausam, un wenn de Langewil sick bi ehr insliken wull, denn gaww dat Glück ümmer, dat de Herr Amtshauptmann grad tau rechter Tid up en nigen wunderlichen Infall verföll, un ut dat Hujahnen würd denn en rechten gesunnen Sünnenprust, de de Leiw' wedder upfrischen ded, denn mit de Leiw' is dat as mit en Bom, je mihr de Wind in de Kron un in de Bläder spält, desto faster smitt bei sin Wörtel.

Die Frau Amtshauptmann war eine kleine gute Frau, ein bißchen schwächlich von Person, dabei aber nicht verdrießlich und immer bereit, in Freundlichkeit die Wunderlichkeiten des alten Herrn Zu tragen. Sie hatten nur einen Sohn, ihren Jochen; der war schon in der Fremde, und so waren die beiden alten Leute in dem alten großen Schloß allein auf sich angewiesen und trugen in Treue und Ehrbarkeit Leid und Lust gemeinsam, und wenn die Langeweile sich bei ihnen einschleichen wollte, dann gab das Glück es immer, daß der Herr Amtshauptmann gerade zu rechter Zeit auf einen neuen wunderlichen Einfall verfiel, und aus dem Gähnen wurde dann ein rechter gesunder Nieser, der die Liebe wieder auffrischte; denn mit der Liebe ist es wie mit einem Baum: je mehr der Wind in der Krone und in den Blättern spielt, desto fester schlägt er seine Wurzeln.

Na, dat de Herr Amtshauptmann von sine leiwe Fru hüt morrn verlangte, dat sei sick mal nah de Wirtschaft ümseihn süll, was denn nu grad kein wunderliche Infall, un dorüm pruste de Fru Amtshauptmannen ok nich glik los, obschonst dat in unsere jitzige Tid männige wollertagene Fru woll dahn hadd. – Sei was grad ehren Gang gahn, as oll Möller Voß mit dat Fellisen in de Dör kamm.

Na, daß der Herr Amtshauptmann von seiner lieben Frau heute morgen verlangte, sie sollte sich mal nach der Wirtschaft umsehen, war ja gerade kein wunderlicher Einfall, und darum schnob die Frau Amtshauptmann auch nicht gleich los, obschon in unserer jetzigen Zeit manche wohlerzogene Frau dies wohl getan hätte. Sie hatte sich gerade dazu auf den Weg gemacht, als der alte Müller Voß mit dem Felleisen in die Tür kam.

»Gun Morrn, Herr Amtshauptmann«, säd de Möller un makt sinen Diner, »mit Verlöw!« un läd dat Fellisen up den Disch, »hir is't!« – »Wat is't?« frog de oll Herr. – »Herr, wat weit ick? Ick weit wat, ick weit vel, ick weit gor nicks: doch so vel weit ick, Spitzbauwenkram is't.« – »Möller Voß, wo kümmt Hei tau Spitzbauwenkram?« – »Wo kümmt de Hund in de Koppel, Herr Amtshauptmann? Wo kamm jen'n Mäten tau't Kind? – Ick weit blot, dat dit den Franzosen sin Fellisen is un dat de Düwel mi den Franzosen gistern abend up den Wagen un min Fridrich em nahsten wedder runne smeten hett.« Un nu vertellte de Möller de ganze Geschicht.

»Guten Morgen, Herr Amtshauptmann,« sagte der Müller und machte seinen Diener, »mit Verlaub!« – und legte das Felleisen auf den Tisch. »Hier ist es!« – »Was ist hier?« fragt der alte Herr. – »Herr, was weiß ich? ich weiß etwas, ich weiß viel, ich weiß gar nichts: doch so viel weiß ich, Spitzbubenkram ist es.« – »Müller Voß, wie kommt Er zu Spitzbubenkram?« – »Wie kommt der Hund in die Wiese, Herr Amtshauptmann? Wie kam jenes Mädchen zum Kind? Ich weiß bloß, daß dies dem Franzosen sein Felleisen ist, und daß der Teufel mir den Franzosen gestern abend auf den Wagen, und mein Friedrich ihn nachher wieder heruntergeschmissen hat.« Und nun erzählte der Müller die ganze Geschichte.

De oll Herr gung wildeß in de Stuw' up un dal un brummte wat von »übele Sache!« in den Bort un stunn denn wedder vör den Möller still un kek em fast in de Ogen, un as de Möller tau En'n was, säd bei: »Na, Möller Voß, dat is denn nu äwer doch gewiß, dat de Franzos' noch lewt?« – »Je, Herr Amtshauptmann, wat weit ick? – Seihn S', ick mak minen Reknungsäwerslag so: kolt was dat de Nacht för dese Johrstid grad nich; äwer regent hett dat de ganze Nacht, un wenn wi beiden, Herr Amtshauptmann, Sei oder ick, de Nacht dor legen hadden, wi wiren mägliche Wis' verklamt. Äwer ick reken so: so'n Volk is dat Rümliggen beter gewennt as wi, un hett em dat in Rußland nicks dahn, so mag em dat jo hir ok woll nich schadt hewwen. Un weg gahn is hei jo nahsten; Fridrich is em jo nah, un wenn em denn nahsten noch wat taustött is, so sünd wi jo dor nich an schüllig.« – »Möller, Möller«, säd de oll Herr un schüddelt mit den Kopp, »dit is en slimm Stück! Wenn Sin Fridrich den Franzosen nich wedder grippt, kann Em dat an den Kragen gahn.« – »Gott sall mi bewohren!« rep de Möller, »von wat för Dämlichkeiten lat ick mi in minen ollen Dagen riden! Herr Amtshauptmann, ick bün jo unschüllig, un ick heww jo ok dat Fellisen nich behollen, un dat Pird steiht in Bäcker Witten sin Schün.« – »Dat's ok Sin Glück, Möller, dat's ok Sin grotes Glück; denn dit kann ick Em betügen. Un luter Gold un Sülwer is in dat Fellisen, seggt Hei?« – »Luter Gold un Sülwer, preußschen K'rant un Drüttel un Luggedurs un sülwerne Lepel!« Un dormit snallte hei dat Fellisen up un wis'te de Bescherung.

Der alte Herr ging unterdessen in der Stube auf und ab und brummte etwas von ›übele Sache!‹ in den Bart, und stand dann wieder vor dem Müller still und sah ihm fest in die Augen, und als der Müller zu Ende war, sagte er: »Müller Voß, das ist denn nun aber doch gewiß, daß der Franzose noch lebt?« – »Je, Herr Amtshauptmann, was weiß ich? Sehen Sie, ich mache meinen Rechnungsüberschlag so: kalt war es die Nacht für diese Jahreszeit gerade nicht; aber geregnet hat es die ganze Nacht, und wenn wir beide, Herr Amtshauptmann, Sie oder ich, die Nacht dort gelegen hätten, wir wären möglicherweise erfroren; aber ich rechne so: so 'n Volk ist das Herumliegen besser gewöhnt als wir, und hat es ihm in Rußland nichts getan, so mag es ihm ja wohl hier auch nicht geschadet haben. Und weggegangen ist er ja später; Friedrich ist ja hinter ihm her, und wenn ihm dann nachher noch etwas zugestoßen ist, so sind wir ja nicht schuld daran.« – »Müller, Müller,« sagte der alte Herr und schüttelte mit dem Kopf, »dies ist ein schlimmes Stück! Wenn Sein Friedrich den Franzosen nicht wieder greift, kann es Ihm an den Kragen gehen.« – »Gott soll mich bewahren!« rief der Müller, »von was für Dummheiten laß ich mich in meinen alten Tagen reiten! Herr Amtshauptmann, ich bin ja unschuldig und ich habe ja auch das Felleisen nicht behalten, und das Pferd steht in Bäcker Witts Scheune.« – »Das ist auch Sein Glück, Müller, das ist auch Sein großes Glück; denn dies kann ich Ihm bezeugen. Und lauter Gold und Silber ist in dem Felleisen, sagt Er?« – »Lauter Gold und Silber, preußisch Kurant und Drittel und Louisdor und silberne Löffel!« Und damit schnallte er das Felleisen auf und zeigte die Bescherung.

De Herr Amtshauptmann makte grote Ogen. »Gott bewohr uns!« rep hei, »dat is jo en Schatz.« – »Je, dat seggen S' man mal, Herr Amtshauptmann! Min Fru seggt süs nich vel, äwer as sei dit sach, slog sei de Hän'n tausam un säd kein Wurd.« – »Stahlen is dat all, Möller. Hir up dat Sülwertüg is dat Uertzensche Wapen, dat kenn ick. De Lepel hett de Spitzbauw hir in de Nahwerschaft stahlen. – Äwer dormit ward Sin Sak nich beter.«

Der Herr Amtshauptmann machte große Augen. »Gott bewahre uns!« rief er, »das ist ja ein Schatz.« – »Je, das sagen Sie man mal, Herr Amtshauptmann! Meine Frau sagt sonst nicht viel, aber als sie dies sah, schlug sie die Hände zusammen und sagte kein Wort.« – »Gestohlen ist dies alles, Müller. Hier auf dem Silberzeug ist das Oertzensche Wappen, das kenne ich. Die Löffel hat der Spitzbube hier in der Nachbarschaft gestohlen, aber damit wird Seine Sache nicht besser.«

De oll Möller stunn dor, as süll hei verörgeln; de Herr Amtshauptmann gung in de Stuw' rüm un rew sick den Kopp, endlich gung hei up den Möller tau, läd em de Hand up de Schuller: »Möller Voß, ick heww Em ümmer för en ihrlichen Mann hollen, äwer so'ne Ihrlichkeit in so'ne Ümstän'n! Hei kann nich von einen Dag taum annern kamen, un Hei giwwt ut eigenen Gewissen so'n Deil Geld taurügg, von dat eigentlich keiner weit, wo't henhürt?« – De oll Möller stickte sick äwer und äwer rod as en Füer an un kek up sin Stäwelsnuten. »Ja, Möller«, säd de oll Amtshauptmann wider, »dat is en besonderes Benemen von Em, denn von dat, wat hir passiert is, kann Hei kein Kundschaft hewwen; äwer dank Hei sinen Schöpfer, denn 't is mäglich, dat Em dit Stück dat Lewen redd't.«

Der alte Müller stand da, als sollte er vergehen; der Amtshauptmann ging in der Stube herum und rieb sich den Kopf. Endlich ging er auf den Müller zu, legte ihm die Hand auf die Schulter und sagte: »Müller Voß, ich hab' Ihn immer für einen ehrlichen Mann gehalten, aber solche Ehrlichkeit in solchen Umständen! Er kann nicht von einem Tag zum andern kommen, und Er gibt aus freiem Willen solch eine Menge Geld Zurück, von dem eigentlich niemand weiß, wo es hingehört?« – Der alte Müller wurde über und über feuerrot und sah auf seine Stiefelspitzen. »Ja, Müller,« sagte der alte Amtshauptmann weiter, »das ist ein besonderes Benehmen von Ihm; denn von dem, was hier passiert ist, kann Er keine Kunde haben; aber dank Er Seinem Schöpfer, denn es ist möglich, daß Ihm dies Stück das Leben rettet.«

De Gefohr, in de hei sick meinen müßt, dat unverdeinte Loww, wat em just so sacht ankamm, as wenn einer sick up en Lehnstaul dalset't, wo sin leiwe Fru en Nadelküssen henleggt hett, de Utsicht, dat hei mit Gotts Hülp ut desen slimmen Handel noch dörch en lütt Lock krupen künn, un dat hei dat all nich verdeint hadd, set'ten den ollen Möller hart tau. Hei stunn dor mit dalslagene Ogen un wrüng sick hen un her un dreiht sinen Haut dull un düller, endlich slog hei'n mit beide Hän'n tausam, dat hei ganz ut de Faßong kamm, un röp: »Hal de Düwel de ganze Franzosengeschicht un mi dortau, Herr Amtshauptmann! Wenn uns' Herrgott gegen mi Gnad' för Recht ergahn laten will un mi ut dessen Trübsal helpt, denn will ick ok nich mit Ungerechtigkeiten gegen em bestahn. Ne, wat wohr is, is wohr! Un wenn min lütt Fiken nich west wir, denn leg dat entfahmte Franzosengeld in min Schapp un ick bammelt hüt abend an den Galgen.« Un nu vertellt hei de Sak.

Die Gefahr, in der er sich glauben mußte, das unverdiente Lob, das ihm gerade so sanft ankam, wie wenn einer sich auf einen Lehnstuhl niedersetzt, auf den seine liebe Frau ein Nadelkissen gelegt hat, die Aussicht, daß er mit Gottes Hilfe noch durch ein kleines Loch aus diesem schlimmen Handel kriechen könnte, und daß er dies alles nicht verdiente – setzten dem alten Müller hart zu. Er stand mit niedergeschlagenen Augen da und wand sich hin und her und drehte seinen Hut schnell und schneller; endlich schlug er ihn mit beiden Händen zusammen, daß er ganz aus der Façon kam und rief: »Hol der Teufel die ganze Franzosengeschichte und mich dazu, Herr Amtshauptmann! Wenn unser Herrgott gegen mich Gnade für Recht ergehen lassen will und mir aus dieser Trübsal hilft, dann will ich auch nicht mit Ungerechtigkeiten gegen ihn bestehen! Nein, was wahr ist, ist wahr! Und wenn meine kleine Fiken nicht gewesen wäre, dann läge das infame Franzosengeld in meinem Schrank und ich baumelte heute abend am Galgen.« Und nun erzählte er die Sache.

»Möller«, säd de Amtshauptmann, as de Umstän'n vertellt wiren, »ick bün nich sihr för Dirns, Jungs sünd beter; Dirns sünd mi tau quarig; äwer mit Sin Fiken...? Das ist denn eine andere Sache. – Möller, dat gereikt Em un Sin Fru tau 'ne Ihr, dat ji so'n Kind upfött hewwt. Möller, hürt Hei, wenn Hei mal wedder tau Amt kümmt, bring' Hei Sin Fiken mal mit; ick – dat heit, min Fru ward sick dortau freu'n. Ne, wat denn? – Un nu nem Hei dat Fellisen un drag Hei dat runner nah den Rathus' un mell Hei sick dor, denn de Franzosen warden dor woll all so'ne Ort Gerichtsdag hollen – ward dor ok nah sin! –, un frag Hei irst nah den Burmeister, dat is en wollmeinend Mann un kann ok Französch, un binnen korten ward ick dor sin, un, wat jichtens mäglich, ward ick för Em dauhn.« – »Schön, Herr Amtshauptmann! Mi is en ganz Deil lichter üm't Hart. – Un mit de anner Geschicht, mit dat Pankrottspelen, meinen Sei...?« – »Dat Hei en ollen Nahr is, sick in sinen ollen Dagen in noch mihr Widlüftigkeiten intaulaten.« – »Schön, Herr Amtshauptmann! Na denn adjüs!« Un dormit gung de Möller.

»Müller,« sagte der Amtshauptmann, als er alle Umstände erzählt hatte, »ich bin nicht sehr für Mädchen; Jungens sind besser; Mädchen sind mir zu quarrig; aber mit seiner Fiken ...? Das ist denn eine andere Sache. Müller, das gereicht Ihm und Seiner Frau zur Ehre, daß Ihr solch ein Kind aufgezogen habt. Müller, hör Er, wenn Er mal wieder zu Amt kommt, bring Er seine Fiken mal mit; ich – das heißt meine Frau – wird sich herzlich freuen. Ne, was denn? – Und nun nehm Er das Felleisen und trag Er's nach dem Rathaus herunter und melde Er sich dort, denn die Franzosen werden da wohl schon so eine Art Gerichtstag halten – wird auch danach sein – und frag Er erst nach dem Bürgermeister. Das ist ein wohlmeinender Mann und kann auch Französisch; und binnen kurzem werde ich da sein, und, was irgend möglich, werde ich für Ihn tun.« – »Schön, Herr Amtshauptmann! Mir ist ein ganz Teil leichter ums Herz. Und mit der anderen Geschichte, mit dem Bankerottspielen, meinen Sie ...?« – »Daß Er ein alter Narr ist, sich in seinen alten Tagen in noch mehr Weitläufigkeiten einzulassen.« – »Schön, Herr Amtshauptmann! Na, denn Adjüs!« Und damit ging de« Müller.

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