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Unzeitgemäße Betrachtungen

Friedrich Wilhelm Nietzsche: Unzeitgemäße Betrachtungen - Kapitel 8
Quellenangabe
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typetractate
authorFriedrich Wilhelm Nietzsche
titleUnzeitgemäße Betrachtungen
publisherInsel Verlag
seriesinsel taschenbuch
volume509
printrunErste Auflage
year1981
correctorreuters@abc.de
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7

In der Tat, unser Philisterhäuptling ist tapfer, ja tollkühn in Worten, überall wo er durch eine solche Tapferkeit seine edlen »Wir« zu ergötzen glauben darf. Also die Askese und Selbstverleugnung der alten Einsiedler und Heiligen soll einmal als eine Form des Katzenjammers gelten, Jesus mag als Schwärmer beschrieben werden, der in unserer Zeit kaum dem Irrenhause entgehen würde, die Geschichte von der Auferstehung Jesu mag ein »welthistorischer Humbug« genannt werden – alles das wollen wir uns einmal gefallen lassen, um daran die eigentümliche Art des Mutes zu studieren, dessen Strauß, unser »klassischer Philister«, fähig ist.

Hören wir zunächst sein Bekenntnis: »Es ist freilich ein mißliebiges und undankbares Amt, der Welt gerade das zu sagen, was sie am wenigsten hören mag. Sie wirtschaftet gern aus dem vollen, wie große Herren, nimmt ein und gibt aus, so lange sie etwas auszugeben hat: aber wenn nun einer die Posten zusammenrechnet und ihr sogleich die Bilanz vorlegt, so betrachtet sie den als einen Störenfried. Und eben dazu hat mich von jeher meine Gemüts- und Geistesart getrieben.« Eine solche Gemüts- und Geistesart mag man immerhin mutig nennen, doch bleibt es zweifelhaft, ob dieser Mut ein natürlicher und ursprünglicher oder nicht vielmehr ein angelernter und künstlicher ist; vielleicht hat sich Strauß nur beizeiten daran gewöhnt, der Störenfried von Beruf zu sein, bis er sich so allmählich einen Mut von Beruf anerzogen hat. Damit verträgt sich ganz vortrefflich natürliche Feigheit, wie sie dem Philister zu eigen ist: diese zeigt sich ganz besonders in der Konsequenzlosigkeit jener Sätze, welche auszusprechen Mut kostet; es klingt wie Donner, und die Atmosphäre wird doch nicht gereinigt. Er bringt es nicht zu einer aggressiven Tat, sondern nur zu aggressiven Worten, wählt aber diese so beleidigend als möglich und verbraucht in derben und polternden Ausdrücken alles das, was an Energie und Kraft in ihm sich aufgesammelt hat: nachdem das Wort verklungen ist, ist er feiger als der, welcher nie gesprochen hat. Ja selbst das Schattenbild der Taten, die Ethik, zeigt, daß er ein Held der Worte ist, und daß er jede Gelegenheit vermeidet, bei der es nötig ist, von den Worten zum grimmigen Ernste weiterzugehen. Er verkündet mit bewundernswürdiger Offenheit, daß er kein Christ mehr ist, will aber keine Zufriedenheit irgend welcher Art stören; ihm scheint es widersprechend, einen Verein zu stiften, um einen Verein zu stürzen – was gar nicht so widersprechend ist. Mit einem gewissen rauhen Wohlbehagen hüllt er sich in das zornige Gewand unserer Affengenealogen und preist Darwin als einen der großen Wohltäter der Menschheit, – aber mit Beschämung sehen wir, daß seine Ethik ganz losgelöst von der Frage: »wie begreifen wir die Welt?« sich aufbaut. Hier war eine Gelegenheit, natürlichen Mut zu zeigen: denn hier hätte er seinen »Wir« den Rücken kehren müssen und kühnlich aus dem bellum omnium contra omnes und dem Vorrechte des Stärkeren Moralvorschriften für das Leben ableiten können, die freilich nur in einem innerlich unerschrockenen Sinne, wie in dem des Hobbes, und in einer ganz anderen großartigen Wahrheitsliebe ihren Ursprung haben müßten, als in einer solchen, die immer nur in kräftigen Ausfällen gegen die Pfaffen, das Wunder und den »welthistorischen Humbug« der Auferstehung explodiert. Denn mit einer echten und ernst durchgeführten darwinistischen Ethik hätte man den Philister gegen sich, den man bei allen solchen Ausfällen für sich hat.

»Alles sittliche Handeln«, sagt Strauß, »ist ein Sichbestimmen des einzelnen nach der Idee der Gattung«. Ins Deutliche und Greifbare übertragen heißt das nur: Lebe als Mensch, und nicht als Affe oder Seehund! Dieser Imperativ ist leider nur durchaus unbrauchbar und kraftlos, weil unter dem Begriff Mensch das Mannigfaltigste zusammen im Joche geht, zum Beispiel der Patagonier und der Magister Strauß, und weil niemand wagen wird, mit gleichem Rechte zu sagen: lebe als Patagonier! und: lebe als Magister Strauß! Wollte aber gar jemand sich die Forderung stellen: lebe als Genie, das heißt eben als idealer Ausdruck der Gattung Mensch, und wäre doch zufällig entweder Patagonier oder Magister Strauß, was würden wir dann erst von den Zudringlichkeiten geniesüchtiger Original-Narren zu leiden haben, über deren pilzartiges Aufwachsen in Deutschland schon Lichtenberg klagte, und die mit wildem Geschrei von uns fordern, daß wir die Bekenntnisse ihres allerneuesten Glaubens anhören. Strauß hat noch nicht einmal gelernt, daß nie ein Begriff die Menschen sittlicher und besser machen kann, und daß Moral predigen ebenso leicht als Moral begründen schwer ist; seine Aufgabe wäre vielmehr gewesen, die Phänomene menschlicher Güte, Barmherzigkeit, Liebe und Selbstverneinung, die nun einmal tatsächlich vorhanden sind, aus seinen darwinistischen Voraussetzungen ernsthaft zu erklären und abzuleiten: während er es vorzog, durch einen Sprung ins Imperativische sich vor der Aufgabe der Erklärung zu flüchten. Bei diesem Sprunge begegnet es ihm sogar, auch über den Fundamentalsatz Darwins leichten Sinnes hinwegzuhüpfen. »Vergiß«, sagt Strauß, »in keinem Augenblicke, daß du Mensch und kein bloßes Naturwesen bist: in keinem Augenblicke, daß alle anderen gleichfalls Menschen, das heißt bei aller individuellen Verschiedenheit dasselbe wie du, mit den gleichen Bedürfnissen und Ansprüchen wie du, sind – das ist der Inbegriff aller Moral«. Aber woher erschallt dieser Imperativ? Wie kann ihn der Mensch in sich selbst haben, da er doch, nach Darwin, eben durchaus ein Naturwesen ist und nach ganz anderen Gesetzen sich bis zur Höhe des Menschen entwickelt hat, gerade dadurch, daß er in jedem Augenblick vergaß, daß die anderen gleichartigen Wesen ebenso berechtigt seien, gerade dadurch, daß er sich dabei als den Kräftigeren fühlte und den Untergang der anderen schwächer geratenen Exemplare allmählich herbeiführte. Während Strauß doch annehmen muß, daß nie zwei Wesen völlig gleich waren, und daß an dem Gesetz der individuellen Verschiedenheit die ganze Entwicklung des Menschen von der Tierstufe bis hinauf zur Höhe des Kulturphilisters hängt, so kostet es ihm doch keine Mühe, auch einmal das Umgekehrte zu verkündigen: »benimm dich so, als ob es keine individuellen Verschiedenheiten gebe!« Wo ist da die Morallehre Strauß-Darwin, wo überhaupt der Mut geblieben!

Sofort bekommen wir einen neuen Beleg, an welchen Grenzen jener Mut in sein Gegenteil umschlägt. Denn Strauß fährt fort: »Vergiß in keinem Augenblick, daß du und alles, was du in dir und um dich her wahrnimmst, kein zusammenhangloses Bruchstück, kein wildes Chaos von Atomen und Zufälligkeiten ist, sondern daß alles nach ewigen Gesetzen aus dem einen Urquell alles Lebens, aller Vernunft und alles Guten hervorgeht – das ist der Inbegriff der Religion«. Aus jenem »einen Urquell« fließt aber zugleich aller Untergang, alle Unvernunft, alles Böse, und sein Name heißt bei Strauß das Universum. Wie sollte dies, bei einem solchen widersprechenden und sich selbst aufhebenden Charakter, einer religiösen Verehrung würdig sein und mit dem Namen »Gott« angeredet werden dürfen, wie es eben Strauß S. 365 tut: »unser Gott nimmt uns nicht von außen in seinen Arm (man erwartet hier als Gegensatz ein allerdings sehr wunderliches Von innen in den Arm nehmen!), sondern er eröffnet uns Quellen des Trostes in unserem Innern. Er zeigt uns, daß zwar der Zufall ein unvernünftiger Weltbeherrscher wäre, daß aber die Notwendigkeit, d.h. die Verkettung von Ursachen in der Welt, die Vernunft selber ist« (eine Erschleichung, die nur die »Wir« nicht merken, weil sie in dieser Hegelschen Anbetung des Wirklichen als des Vernünftigen, das heißt in der Vergötterung des Erfolges, groß gezogen sind). »Es lehrt uns erkennen, daß eine Ausnahme von dem Vollzug eines einzigen Naturgesetzes verlangen, die Zertrümmerung des All verlangen hieße.« Im Gegenteil, Herr Magister: ein ehrlicher Naturforscher glaubt an die unbedingte Gesetzmäßigkeit der Welt, ohne aber das Geringste über den ethischen oder intellektuellen Wert dieser Gesetze selbst auszusagen: in derartigen Aussagen würde er das höchst anthropomorphische Gebahren einer nicht in den Schranken des Erlaubten sich haltenden Vernunft erkennen. An eben dem Punkte aber, an welchem der ehrliche Naturforscher resigniert, »reagiert« Strauß, um uns mit seinen Federn zu schmücken, »religiös« und verfährt naturwissenschaftlich und wissenschaftlich unehrlich; er nimmt ohne weiteres an, daß alles Geschehene den höchsten intellektuellen Wert habe, also absolut vernünftig und zweckvoll geordnet sei, und sodann, daß es eine Offenbarung der ewigen Güte selbst enthalte. Er bedarf also einer vollständigen Kosmodizee und steht jetzt im Nachteil gegen den, dem es nur um eine Theodizee zu tun ist, und der zum Beispiel das ganze Dasein des Menschen als einen Strafakt oder Läuterungs-Zustand auffassen darf. An diesem Punkte und in dieser Verlegenheit macht Strauß sogar einmal eine metaphysische Hypothese, die dürrste und gichtbrüchigste, die es gibt, und im Grunde nur die unfreiwillige Parodie eines Lessingschen Wortes. »Jenes andre Wort Lessings, (so heißt es S. 219): wenn Gott in seiner Rechten alle Wahrheit, und in seiner Linken den einzigen immer regen Trieb darnach, obschon unter der Bedingung beständigen Irrens, ihm zur Wahl vorhielte, würde er demütig Gott in seine Linke fallen und sich deren Inhalt für sich erbitten – dieses Lessingsche Wort hat man von jeher zu den herrlichsten gerechnet, die er uns hinterlassen hat. Man hat darin den genialen Ausdruck seiner rastlosen Forschungs- und Tätigkeitslust gefunden. Auf mich hat das Wort immer deswegen einen so ganz besonderen Eindruck gemacht, weil ich hinter seiner subjektiven Bedeutung noch eine objektive von unendlicher Tragweite anklingen hörte. Denn liegt darin nicht die beste Antwort auf die grobe Schopenhauersche Rede von dem übelberatenen Gott, der nichts Besseres zu tun gewußt, als in diese elende Welt einzugehen? Wenn nämlich der Schöpfer selbst auch der Meinung Lessings gewesen wäre, das Ringen dem ruhigen Besitze vorzuziehen?« Also wahrhaftig ein Gott, der sich das beständige Irren, aber mit dem Streben nach Wahrheit, vorbehält und vielleicht sogar Strauß demütig in die Linke fällt, um ihm zu sagen: nimm du die ganze Wahrheit. Wenn je ein Gott und ein Mensch übelberaten waren, so ist es doch dieser Straußsche Gott, der die Liebhaberei zu irren und zu fehlen hat, und der Straußsche Mensch, der diese Liebhaberei büßen muß – da hört man freilich »eine Bedeutung von unendlicher Tragweite anklingen«, da fließt das lindernde Universal-Öl Straußens, da ahnt man die Vernünftigkeit alles Werdens und aller Naturgesetze! Wirklich? Wäre dann nicht vielmehr unsere Welt, wie das Lichtenberg einmal ausgedrückt hat, das Werk eines untergeordneten Wesens, das die Sache noch nicht recht verstand, also ein Versuch? ein Probestück, an dem noch gearbeitet wird? Strauß selber müßte sich dann doch zugeben, daß unsere Welt eben nicht der Schauplatz der Vernunft, sondern des Irrens sei, und daß alle Gesetzmäßigkeit nichts Tröstliches enthalte, weil alle Gesetze von einem irrenden, und zwar aus Vergnügen irrenden Gott gegeben sind. Es ist wahrhaftig ein ergötzliches Schauspiel, Strauß als metaphysischen Baumeister einmal in die Wolken hineinbauen zu sehen. Aber für wen wird dies Schauspiel aufgeführt? Für die edlen und behäbigen »Wir«, damit ihnen nur ja der Humor nicht verdorben werde: vielleicht sind sie inmitten des starren und erbarmungslosen Räderwerks der Weltmaschine in Angst geraten und bitten zitternd ihren Führer um Hilfe. Deshalb läßt Strauß »linderndes Öl« fließen, deshalb führt er einen aus Passion irrenden Gott am Seile herbei, deshalb spielt er einmal die gänzlich befremdende Rolle eines metaphysischen Architekten. Alles dies tut er, weil jene sich fürchten und er selber sich fürchtet, – und hier gerade ist die Grenze seines Mutes, selbst seinen »Wir« gegenüber. Er wagt es nämlich nicht, ihnen ehrlich zu sagen: von einem helfenden und sich erbarmenden Gott habe ich euch befreit, das »Universum« ist nur ein starres Räderwerk, seht zu, daß seine Räder euch nicht zermalmen! Er wagt es nicht: so muß denn doch die Hexe dran, nämlich die Metaphysik. Dem Philister aber ist selbst eine Straußsche Metaphysik lieber als die christliche, und die Vorstellung eines irrenden Gottes sympathischer als die eines wundertätigen. Denn er selbst, der Philister irrt, aber hat noch nie ein Wunder getan.

Aus eben diesem Grunde ist dem Philister das Genie verhaßt: denn gerade dieses steht mit Recht im Rufe, Wunder zu tun; und höchst belehrend ist es deshalb, zu erkennen, weshalb an einer einzigen Stelle Strauß einmal sich zum kecken Verteidiger des Genies und überhaupt der aristokratischen Natur des Geistes aufwirft. Weshalb doch? Aus Furcht, und zwar vor den Sozialdemokraten. Er verweist auf die Bismarck, Moltke, »deren Größe um so weniger zu verleugnen steht, als sie auf dem Gebiete der handgreiflichen äußeren Tatsachen hervortritt. Da müssen nun doch auch die steifnackigsten und borstigsten unter jenen Gesellen sich bequemen, ein wenig aufwärts zu blicken, um die erhabenen Gestalten wenigstens bis zum Knie in Sicht zu bekommen« Wollen Sie, Herr Magister, vielleicht den Sozialdemokraten eine Anleitung geben, Fußtritte zu empfangen? Der gute Wille, solche zu erteilen, ist ja überall vorhanden, und daß die Getretenen bei dieser Prozedur die erhabenen Gestalten »bis zum Knie« zu sehen bekommen, dürfen Sie schon verbürgen. »Auch auf dem Gebiete der Kunst und Wissenschaft«, fährt Strauß fort, »wird es nie an bauenden Königen fehlen, die einer Masse von Kärrnern zu tun geben.« Gut – aber wenn nun einmal die Kärrner bauen? Es kommt vor, Herr Metaphysikus, Sie wissen es – dann haben die Könige zu lachen.

In der Tat, diese Vereinigung von Dreistigkeit und Schwäche, tollkühnen Worten und feigem Sich-Anbequemen, dieses feine Abwägen, wie und mit welchen Sätzen man einmal dem Philister imponieren, mit welchen man ihn streicheln kann, dieser Mangel an Charakter und Kraft bei dem Anschein von Kraft und Charakter, dieser Defekt an Weisheit bei aller Affektation der Überlegenheit und Reife der Erfahrung – das alles ist es, was ich an diesem Buche hasse. Wenn ich mir denke, daß junge Männer ein solches Buch ertragen, ja wertschätzen könnten, so würde ich mit Betrübnis meinen Hoffnungen für ihre Zukunft entsagen. Dieses Bekenntnis einer ärmlichen, hoffnungslosen und wahrhaft verächtlichen Philisterei sollte der Ausdruck jener vielen Tausende von »Wir« sein, von denen Strauß redet, und diese »Wir« wären wiederum die Väter der nachfolgenden Generation! Es sind grauenhafte Voraussetzungen für jeden, der dem kommenden Geschlechte zu dem verhelfen möchte, was die Gegenwart nicht hat – zu einer wahrhaft deutschen Kultur. Einem solchen scheint der Boden mit Asche überdeckt, alle Gestirne verdunkelt; jeder abgestorbene Baum, jedes verwüstete Feld ruft ihm zu: Unfruchtbar! Verloren! Hier gibt es keinen Frühling wieder! Ihm muß zu Mute werden, wie dem jungen Goethe zu Mute war, als er in die triste atheistische Halbnacht des Système de la nature hineinblickte: ihm kam das Buch so grau, so kimmerisch, so totenhaft vor, daß er Mühe hatte, seine Gegenwart auszuhalten, daß er davor wie vor einem Gespenste schauderte.

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