Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Theodor Fontane >

Unwiederbringlich

Theodor Fontane: Unwiederbringlich - Kapitel 28
Quellenangabe
typefiction
authorTheodor Fontane
titleUnwiederbringlich
publisherBüchergilde Gutenberg
yearo.J.
firstpub1892
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160906
projectid311c65aa
Schließen

Navigation:

Siebenundzwanzigstes Kapitel

Eine Stunde war vergangen, als es klopfte. Holk fuhr zusammen. Ebba aber, ihrer ganzen Natur nach vor dem Lächerlichen eines ängstlichen Versteckspiels mehr als vor einer Entdeckung erschreckend, schritt rasch auf die Tür zu und öffnete.

Karin stand da.

»Was bringst du, Karin?«

»Nichts Gutes. In meiner Stube qualmt es, und ein wahres Glück, daß ein Stück Ruß den Rauchfang herunterkam und mich geweckt hat. Ich habe Tür und Fenster aufgerissen und Zug gemacht; aber es hilft nicht, es ist, als ob es aus Wand und Dielen käme.«

»Was wird es sein?« sagte Ebba, die zunächst nur annahm, es sei Neugier, was Karin heraufgeführt habe. »Der Wind drückt auf den Schornstein. Ich werde nachsehen, will aber erst ein Tuch umnehmen und Licht machen; du hast dich ja so im Dunkeln heraufgetappt.« Und damit trat sie wieder zurück und ließ die Tür ins Schloß fallen. Aber keine halbe Minute, so war sie wieder da, ein Licht in der Hand, und leuchtete vorauf, während Karin folgte. Diese hatte nicht zu viel gesagt, Qualm und Rauch erfüllten schon das Treppenhaus, und ehe beide noch halb hinab waren, ward ihnen das Atmen schon halb unmöglich. »Rasch durch«, sagte Karin und stürzte sich über den Flur fort, aus dessen Dielen schon kleine Flammen aufschlugen, auf den glücklicherweise nicht verschlossenen Türeingang zu. Und gleich danach klang es ›Feuer‹ über den Schloßhof hin. Ebba wollte nach und wie Karin ihr Heil in der Flucht suchen. Aber im nächsten Augenblick gedachte sie Holks, und schnell entschlossen, ihn nicht im Stich zu lassen, eilte sie wieder treppauf und in ihr Zimmer zurück. Umsonst, er war nicht mehr da. »Der Tor, er will meinen Ruf retten, oder vielleicht auch seinen, und bringt sich um und mich mit.« Und während sie so sprach, stieg sie raschen Trittes die zweite Treppe hinauf, um ihn in seinem eigenen Zimmer aufzusuchen. Da stand er an der Türschwelle. Vom Hofe her hörte man fortgesetzt Karins Feuerruf, in den jetzt auch andere Stimmen einstimmten. »Rasch, Holk, oder wir sind des Todes. Karin hat sich gerettet. Versuchen wir's auch.« Und ohne ein Ja oder Nein abzuwarten, faßte sie seinen Arm und riß ihn mit sich fort, die beiden Treppen wieder hinunter. Aber so schnell dies alles ging, das Unheil unten war noch schneller gegangen, und was vor einer Minute oder zwei noch möglich gewesen wäre, war es jetzt nicht mehr. »Wir sind verloren«, und Ebba schien auf der Treppe zusammenbrechen zu wollen. Aber Holk umfaßte die halb bewußtlos Gewordene, und mit all der Kraft, wie sie die Verzweiflung gibt, trug er sie jetzt die Wendeltreppe wieder hinauf, von Stockwerk zu Stockwerk, bis er zuletzt mit ihr unter dem von Balken und Latten durchzogenen Turmdache stand. Eine offene Luke gab gerade Licht genug, um sich in dem wirren Durcheinander mühsam zurechtzufinden, und zwischen dem Gebälk hin auf die Lichtöffnung zusteuernd, trat er jetzt, Ebba nach sich ziehend, ins Freie hinaus. Hier waren sie für den Augenblick gerettet, und hätte das beinahe senkrecht ansteigende Schloßdach eine nur etwas stärkere Schrägung gehabt, so hätte diese vorläufige Rettung die Rettung überhaupt bedeutet; aber bei der Steile des Schloßdaches, die keine rechte Bewegung an ihm entlang gestattete, war mit dem allen doch nur wenig gewonnen, etwa den Blitzableiter abgerechnet, an dem man sich halten, und eine starke Dachrinne, gegen die sie die Füße stemmen konnten. Auch das war ein Glück, daß der Wind, der ging, den Qualm nach der entgegengesetzten Seite trieb.

Ja, das alles war ein Glück, aber doch immer nur eine Frist. Was half es ihnen, wenn sie von unten her nicht bemerkt wurden oder wenn der Wind herumging und das Dach, an das sie sich jetzt lehnten, in Flammen setzte?

»Willst du's wagen?« sagte Holk und wies auf den Blitzableiter, an dem es bei der nötigen Entschlossenheit immer noch möglich gewesen wäre, sich herabzulassen. Aber Ebba, deren Kraft hin war, schüttelte den Kopf. »Dann laß uns sehen, daß wir das Dach entlang bis an die nächste Mansarde kommen, da wollen wir einsteigen«, und sich vorsichtig zurücklehnend, schoben sie sich an der steilen Schrägung hin, langsam vorwärts, die Füße gegen die Dachrinne gestemmt. Es waren keine zehn Schritte, und alles ließ sich gut an; aber ehe sie noch den halben Weg bis an die Mansarde gemacht hatten, sagte Ebba: »Es geht nicht, ich bin gelähmt.« Holk wollte rufen und mit einem Tuche wehen, nahm aber bald wahr, daß es nutzlos sein werde, weil er um der Sicherheit willen in einer zurückgelehnten Stellung, die jedes Gesehenwerden vom Schloßhof ausschloß, verbleiben mußte. So stand denn alle Hoffnung bei Karin, von der sich annehmen ließ, daß sie nicht bloß persönlich nach ihnen aussehen, sondern auch andere Blicke nach dem Turmdache hinauflenken würde. Und wirklich, so geschah es, und so kam ihnen zuletzt auch die Rettung aus ihrer furchtbaren Lage. Schon eine Viertelstunde mochte vergangen sein, als sie wahrnahmen, daß etliche Personen um die Seespitze herumgegangen waren, und fast im selben Augenblick hörten sie auch schon Zurufe von der einen besseren Überblick gewährenden Hilleröder Uferseite her. Zurufe, deren Worte sie freilich nicht verstanden, deren freudiger Ton aber keinen Zweifel ließ, daß man nun sicher sei, sie aus der Gefahr befreien zu können. Und nicht lange mehr, so hörten sie hinter sich auch schon ein Schlagen wie von Hämmern und Äxten, und gleich danach wurden allerlei Köpfe sichtbar, die durch die gewonnene Dachöffnung hin nach ihnen ausschauten. Freilich, man hatte die rechte Stelle verfehlt, aber das war leicht ausgeglichen, und nur eine kleine Weile noch, so streckten sich ihnen starke Arme von innen her entgegen und zogen erst Ebba und dann Holk auf den Schloßboden hinauf, von wo aus man beide wie im Triumph erst die Treppen hinunter und dann auf den Schloßhof trug. Der erste, der ihnen hier entgegentrat, war der König.

Erst um Mitternacht, eine Stunde vor Ausbruch des Feuers, von Skodsborg nach Fredericksborg zurückgekehrt, war er doch der gewesen, der, allen anderen vorauf, die Rettungsarbeiten geleitet und sich an Bergung seiner geliebten Altertumsschätze glücklicher und erfolgreicher als irgend sonst wer beteiligt hatte. Was gerettet worden, war persönlich sein Werk. Die beiden Adjutanten waren ihm zur Seite.

»Sieh da, Holk«, sagte der König, als er des Grafen gewahr wurde. »Und als Ritter seiner Dame. Ich werde drüben in Skodsborg ein Rühmens davon machen.« Und in die leicht hingeworfenen Worte mischte sich, trotz des Ernstes der Situation, ein Anflug von Spott.

Westergaard und Lundbye mühten sich um Ebba. »Wo ist die Prinzessin?« fragte diese.

»Auf dem Bahnhofe«, war die Antwort; »man will einen Extrazug für sie einstellen. Der Boden brennt ihr hier unter den Füßen.«

Es war ein ganz unbeabsichtigtes Wortspiel, und niemand nahm es als solches. Nur Ebba, die selbst in diesem Augenblicke noch auf zugespitzte Worte gestellt blieb, hörte heraus, was gar nicht hineingelegt war und sagte: »Ja, der Boden unter den Füßen! Die Prinzessin darf es kaum sagen ... aber Holk und ich!«

 << Kapitel 27  Kapitel 29 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.