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Unter vier Augen

Julius Stettenheim: Unter vier Augen - Kapitel 7
Quellenangabe
typesatire
booktitleUnter vier Augen
authorJulius Stettenheim
year1885
firstpub1885
publisherVerlag von Wilhelm Friedrich
addressBerlin und Leipzig
titleUnter vier Augen
pages136
created20090312
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Bei dem Fürsten Hohenlohe.

Diese Unterredung mit dem neuernannten Staatssekretär des Auswärtigen des deutschen Reiches bezeichnet eine neue Phase in der Geschichte der journalistischen Besuche. Sie wird gleichzeitig in Berlin und in Paris veröffentlicht, so daß in demselben Moment, wo das deutsche Publikum absolut Nichts erfährt, auch das französische Publikum in derselben Ausführlichkeit von Allem unterrichtet wird.

Es fragte sich nur, welcher Gaulois von uns Beiden den Besuch machen sollte. Da die Diplomaten am liebsten französisch schweigen, so wurde der Pariser Journalist mit der Mission beauftragt, eine Audienz zu erbitten. Fürst Hohenlohe antwortete französisch:

»Mein Herr!

Da ich morgen früh um 11 Uhr ausgegangen und dann den ganzen Tag nicht zu Hause sein 32 werde, so bitte ich Sie, mir um 11½ Uhr die Ehre Ihres Besuches zu schenken. Mein Portier erwartet Sie pünktlich.

29. Februar.

gez. Hohenlohe.«

Natürlich war ich bereits um 10 Uhr im Hause des Herzogs von Ratibor, des Bruders des Fürsten und von dem Portier mit jener Kürze, welche des Witzes Seele ist, abgewiesen worden: der Fürst sei noch nicht ausgegangen, und ich könne daher noch nicht eingelassen werden. Ich warf rasch meine Gummischuhe auf einen Stuhl und trat in den Salon.

Als der Fürst mich erblickte, machte er schnell eine Verbeugung gegen die Tasse, welche er in der Hand hielt, und trank. Dann bot er mir einen Stehplatz an und sagte: Hier in Berlin wird mal früh interviewt. Also forschen Sie mich aus. Es wird mich gewiß sehr freuen, wenn Sie Nichts aus mir herauskriegen.

Ich werde sehr glücklich sein, antwortete ich, wenn Ew. Durchlaucht nicht wie alle anderen Staatsmänner einsylbig sein wollten.

Welch ein Irrthum! rief der Fürst, indem er sich eine Cigarre offerirte und sie anzündete. Es giebt in Deutschland keinen Staatsmann, der einsylbig ist. Bismarck ist zwei-, Radowitz ist drei-, 33 ich bin gar viersylbig. Einsylbig ist z. B. Hoff, der aber ist Malzbonbonsfabrikant und kein Diplomat. Wollen Sie noch mehr von mir erfahren?

Daß Hoff die Malzbonbons macht, das wußte ich bereits, antwortete ich, und dies zu erfahren, würde ich Ew. Durchlaucht allerdings nicht so früh gestört haben. Aber da Sie das Wort Bonbon ausgesprochen und damit Frankreich berührt haben, so möchte ich Sie fragen: Wird Deutschland über Frankreich herfallen und wie, wo und wann?

Nein, antwortete der Fürst. Aber wie, wo und wann Deutschland nicht über Frankreich herfallen wird, daß weiß ich nicht. Sie können mich darauf verlassen.

Aber der Alarmartikel der Norddeutschen Allgemeinen Zeitung, warf ich stehenden Fußes, denn ich saß noch immer nicht, dazwischen.

Pindter, antwortete der Fürst, wird im Französischen Peintre ausgesprochen und bedeutet Maler. Da weiß der Franzose gleich, daß Alles Phantasie ist, oder er spricht ihn pinter aus, das heißt zechen, und denkt sich den Verfasser als einen Bezechten, Bekneipten, Beduselten, Berauschten oder Bespitzten. Deutschland ist eine friedliche Nation!

Ich gebe das zu, sagte ich, allein –

O, rief der Fürst, wenn Sie allein sein wollen, 34 so will ich Sie nicht weiter stören. Ich sehe, Sie stehen auf Kohlen, (ich saß allerdings noch immer nicht) und ich bitte Sie, mir zu verzeihen, daß ich meine Zeit so lange in Anspruch genommen habe.

Mit diesen Worten geleitete ich den Fürsten bis zur Thür. Hier sagte ich noch: Angenommen aber, Frankreich dächte daran, Revanche für die Niederlagen von 1870 und 71 zu nehmen, würde dann Deutschland das Prävenire spielen?

Der Portier antwortete: Nein, zum Spielen habe ich keine Zeit, und das Prävenirespiel kenne ich gar nicht.

Ich nahm meine Gummischuhe unter den Arm und verließ das Haus des Herzogs von Ratibor. Draußen stand mein College vom Berliner Börsen-Gaulois, mit dem ich, Dank meinem guten Gedächtniß, Alles niederschrieb, was der Fürst Hohenlohe nicht mit mir gesprochen hatte.

Das steht nun gleichzeitig in zwei Journalen.

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