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Unter vier Augen

Julius Stettenheim: Unter vier Augen - Kapitel 6
Quellenangabe
typesatire
booktitleUnter vier Augen
authorJulius Stettenheim
year1885
firstpub1885
publisherVerlag von Wilhelm Friedrich
addressBerlin und Leipzig
titleUnter vier Augen
pages136
created20090312
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Bei Moltke.

Während der Brief Moltke's an den Professor Bluntschli die sogenannte Rundreise durch die deutschen Blätter machte, faßte ich den Entschluß, den berühmten General-Feldmarschall einmal rücksichtslos heimzusuchen. Ich hatte ihn bis dahin nur in Oel, Marmor, Holzschnitt und photographischer Nachbildung gesehen und war also doppelt neugierig, ihn persönlich kennen zu lernen und bei dieser Gelegenheit keine Silbe von ihm zu hören.

Daß er der große Schweiger heißt, das wußte ich. Er hatte bekanntlich die Gedanken bekommen, um seine Sprache zu verbergen. Wie neugierig war ich, einmal seinem Schweigefluß zu lauschen, kein Wort aus ihm herauszubringen.

Gestern gegen Mittag ging ich also guten Muthes in das Generalstabsgebäude. Ein Diener trat mir entgegen. Ich gab ihm eine große Rolle.

Was ist das? fragte der Diener.

27 Meine Karte, die Kiepert'sche Karte von Europa, antwortete ich. Se. Excellenz werden sie kennen.

Ich werde Sie anmelden, sagte der Diener.

Nicht doch, rief ich, stören Sie den Herrn Grafen nicht, er ist ohne Zweifel ungemein beschäftigt.

Damit eilte ich an dem überraschten Diener vorüber und in das Arbeitscabinet des Generalfeldmarschalls.

Da saß er, Schlachten denkend und sie natürlich alle gewinnend. Denn von Zeit zu Zeit flog ein Lächeln über seine Züge, als wollte er sagen: »Ja, fangt ein ander Mal nicht an!«

Als er mich gewahr wurde, sagte er: Also, wie gesagt, mein Brief an Bluntschli. Nun, ich weiß, er wird von mehr Menschen gelesen, als alle Briefe zusammengenommen, welche am 11. Dezember 1880 geschrieben worden sind. Es sind meine Ansichten über den Krieg, welche die Welt in Erstaunen setzen. Ich höre es, wie die Welt die Hände zusammenschlägt, ich habe feine Ohren. Ich gehöre eben nicht zu den Tauben, deren eine mit einem Oelblatt erschienen ist.

Ich wollte etwas sagen.

Ich weiß, was Sie sagen wollen, unterbrach er mich, ich habe Ansichten ausgesprochen, welche die 28 Friedensfreunde nicht theilen. Dieselben geben nicht zu, daß der Krieg zur göttlichen Ordnung gehört, und daß der Frieden ein Traum und zwar nicht einmal ein schöner Traum ist. Ich sage Ihnen dies aber dienstlich. Machen Sie kein so erstauntes Gesicht und sitzen Sie gerade. Brust heraus! Aussicht auf Frieden ist nur vorhanden, wenn Krieg ist, ohne Krieg nie Frieden.

Ich wollte etwas einwerfen.

Sagen Sie das nicht, fiel er mir ins Wort. Im Kriege entfalten sich die edelsten Tugenden der Menschen, und da wir jetzt leider keinen Krieg haben, so fehlt Ihnen außer anderen Tugenden auch die des hingebenden, entsagungsreichen, ruhigen Zuhörens. Daß aber der Krieg die Tugenden erzeugt und stärkt, wer wagt, das zu bestreiten? Während der Schlacht bricht kein Soldat die eheliche Treue, welche im Frieden so oft in die werthen Brüche geht, und wird kein Luxus getrieben, nicht geschlemmt, – da haben Sie einige von den Tugenden.

Ich wollte mir eine Bemerkung erlauben.

Das kann wohl sein, fiel mir der Graf in's Wort. Aber ich bemerke, daß Sie eine kleine Plaudertasche sind und immer allein reden wollen. Unsereiner muß doch auch mal ein Wort dazwischen werfen, denn man versteht ja auch was vom Kriege. 29 Und ich sage Ihnen: Ohne den Krieg würde die Welt in Fäulniß gerathen und sich im Materialismus verlieren. Ja, ich gehe noch weiter und sage: Kein halbwegs beschäftigter Soldat würde die Werke Schopenhauer's, Darwin's oder Karl Vogt's geschrieben haben. Alle Dichter, welche für den Frieden schwärmen, schwärmen auch für Fäulniß, und wenn ich nicht irre, so arbeitete Schiller nie, ohne faule Aepfel zu naschen. So war ihm die militärische Erziehung der Karlschule abhanden gekommen!

Ich wollte etwas erwidern.

Das bestreite ich ja nicht, versicherte der General-Feldmarschall, aber die Gräuel des Friedens werden nur durch einen dauernden Krieg beseitigt, und die Welt wird nur dann erst ganz glücklich sein, wenn sie die Segnungen des Krieges in aller Unruhe genießen kann.

Ich wollte noch eine Frage stellen.

Adieu denn, grüßte der Graf, hob die Hände wie segnend und sagte: Krieg sei mit Ihnen! Er zeigte dann auf die Thür, als wollte er andeuten, daß ich durch dieselbe noch recht oft wieder eintreten möchte.

So raubte mir denn der berühmte Feldherr nicht länger meine kostbare Zeit, und ich schied in 30 dem angenehmen Gefühl, in ihm einen der größten Plauderer und in mir einen der größten Schweiger der Gegenwart kennen gelernt zu haben.

Als ich dem Diener zurief: Auf Wiedersehen! verneinte er.

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