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Unter vier Augen

Julius Stettenheim: Unter vier Augen - Kapitel 5
Quellenangabe
typesatire
booktitleUnter vier Augen
authorJulius Stettenheim
year1885
firstpub1885
publisherVerlag von Wilhelm Friedrich
addressBerlin und Leipzig
titleUnter vier Augen
pages136
created20090312
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Bei dem Herzog von Cumberland.

Die Löwen des Tages drängen sich. Eine Löwenheerde! Kaum habe ich den ersten eingefangen, so stürzt auch schon der zweite herbei und lockt mich in seinen Zwinger.

Ich habe alle Ohren voll zu thun, kann mein Notizbuch keinen Augenblick in den Schooß legen.

Von einem Hôtel muß ich in's andere, von dem anderen Hôtel wieder in das eine.

Ich hörte, Cumberland sei in Berlin angekommen. Der Name war seit einiger Zeit in Aller Mund. Der Braunschweigische Thron stand leer. Da regte sich in Gmunden ein Mann, der ihn aus dieser weiten Entfernung besteigen wollte. Cumberland war eine brennende Frage geworden. Nun war er nach Berlin gekommen, um sie zu löschen. Ich eilte in das Hôtel, wo er abgestiegen war. Der Portier wollte mich nicht in das Zimmer lassen. 21 Der Fremde, sagte er, wird augenblicklich gebunden und ist nicht zu sprechen.

Er wird gebunden? rief ich aus. Sie erschrecken mich. Freilich, die Lage, in der er sich befindet, kann auch den stärksten Geist umnachten. Es ist die höchste Zeit.

Ich gab dem Portier meine Karte, und während er in seine Loge ging, um sie an die Nummer des Cumberland'schen Zimmers zu befestigen, eilte ich die Treppe hinauf und klopfte an die Thür, welche dieselbe Nummer trug.

Um den hohen Fremden nicht zu bemühen, trat ich ein, ohne ihm Zeit zu lassen, nicht Herein! zu rufen. Man muß Prätendenten rücksichtsvoll behandeln.

Als ich eintrat, bot sich mir ein merkwürdiger Anblick. Da saß der Herzog allerdings gebunden. Ein starker Strick fesselte seine Beine und Arme an einen Stuhl und schlang sich um die Brust des Thronerben.

Ich nannte ihm meinen Namen und Beruf. Er zwang sich zu einem Lächeln, deutete mit einem artigen Kopfnicken an, daß ich mich setzen sollte, und sagte, daß er trotz aller Concurrenz nach Berlin gekommen sei und mit Erfolg aufzutreten hoffe.

Concurrenz? fragte ich.

22 Nun, sagte er, es ist ja augenblicklich ein gewisser Bellini hier, und eben sind Schäffer-Fox und Faulhaber abgereist –

Bellini? Faulhaber? Ich merkte, der Welfenprinz war nicht ohne Grund gebunden. Er schien allerdings, um das Ding beim rechten Namen zu nennen, übergeschnappt. Ich suchte ihn zu beschwichtigen, indem ich sagte, er solle nur ruhig sein, man werde ihm keine Schwierigkeiten in den Weg legen. Dann untersuchte ich doch meiner eigenen Sicherheit wegen, ob er auch wirklich ganz fest gebunden sei.

O, lächelte er, das genirt mich keinen Augenblick. Ich werde in einer Minute die Fessel los sein.

Mich überfiel eine schreckliche Angst. Wenn er loskam und zu toben begann, war ich verloren. Ich erhob mich also, um das Weite zu suchen.

Bleiben Sie nur. Sie denken, daß man mir bei meinen Experimenten nicht zuschauen darf. Ja, ja, das denken Sie, ich bin, wie Sie wissen, Gedankenleser.

Ehe ich etwas erwidern konnte, fing der Erbe des Braunschweigischen Thrones an, sich von dem Strick zu befreien.

Hülfe! rief ich.

Ich brauche keine Hülfe, sagte der Prätendent. Ich wäre ja wahnsinnig, wenn ich es wagte, mich 23 wie ein gewöhnlicher Taschenspieler zu präsentiren. Ich erreiche Alles ohne Helfershelfer an der Hand gewisser höherer Mächte.

Ich sah den Königssohn erstaunt an. Also hätte er wirklich die Absicht, sich anderen Mächten in die Arme zu werfen, um auf den Thron zu gelangen?

Sie staunen? fragte er: So werde ich Sie überzeugen, indem ich mich in diesen Sack stecke, den Sie dann nach Belieben zubinden und versiegeln können.

Also doch, dachte ich, während ich den Welfensproß mitleidig betrachtete, er ist wahnsinnig! Welch' ein Schauspiel! Ein Fürst, der im Begriff steht, einen Thron zu besteigen, in einem zugesiegelten Sack! Obschon es mir interessant gewesen wäre, einmal einen Landesvater in dieser Verfassung vor mir stehen zu sehen, so lehnte ich doch ab.

Nun, warf er ein, dann schreiben Sie einmal irgend etwas auf ein Blatt Papier, ich werde es mit verbundenen Augen lesen.

Bevor ich es noch verhindern konnte, hatte sich der Herzog ein Taschentuch um die Augen geschlungen, und während er sein Herrscherwort gab, daß er Nichts sehen könne, schrieb ich auf ein Blatt Papier den Satz: »Es lebe der Herzog von Braunschweig!«

24 Derselbe nahm das Papier, befühlte es von allen Seiten und sagte dann: Hier steht geschrieben: »Ich wünsche gute Geschäfte!«

Brillant! rief ich, um ihn nicht noch mehr zu reizen, und nahm das Papier an mich. Hoheit haben ein Meisterstück geliefert. Jetzt glaube ich fester als je an dero hohe Mission. Gestatten Sie mir, der Erste zu sein, der Ihnen seine Huldigung darbringt.

Was wollen Sie damit sagen? fragte mich der Thronerbe.

Ich wollte damit sagen, erläuterte ich, daß es Ihnen, erhabener Fürst, gelingen möge, als Ernst August zu erreichen, was Sie als Herzog von Cumberland geträumt haben.

Der neue Landesvater klingelte heftig. Zwei Kellner stürzten herein. Bringen Sie diesen Verrückten hinaus! schrie er.

Ich beugte ein Knie vor dem Herrscher und eilte aus dem Zimmer.

Der arme Monarch! sagte ich zu den Kellnern, als diese mit mir draußen waren und mich die Treppe hinabführten. Unten angekommen, streichelten und beruhigten sie mich und sagten, ich solle nach Hause fahren und mich niederlegen, so was ginge vorüber.

25 Ich verabschiedete mich, und wenn ich heute dies Abenteuer wieder an meinem Geiste vorüberziehen lasse, dann wünsche ich, mich geirrt zu haben und nicht bei dem Herzog von Cumberland gewesen zu sein, sondern bei Mr. Stuart Cumberland, dem Antispiritisten.

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