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Unter vier Augen

Julius Stettenheim: Unter vier Augen - Kapitel 4
Quellenangabe
typesatire
booktitleUnter vier Augen
authorJulius Stettenheim
year1885
firstpub1885
publisherVerlag von Wilhelm Friedrich
addressBerlin und Leipzig
titleUnter vier Augen
pages136
created20090312
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Bei dem Khedive.

Der Vicekönig von Egypten bewohnt den in dem neuen europäischen Stadttheile von Kairo belegenen Palast von Ismaïleh. In demselben haben schon viele Herrscher dieses merkwürdigen Landes, bis sie vertrieben oder zu ihren Vätern ermordet wurden, sehr behaglich gelebt.

Egypten ist in Europa wenig gekannt, so häufig die Zauberflöte gegeben werden und Ebers in den Leihbibliotheken nicht zu haben sein mag. Man macht sich im Allgemeinen einen falschen Begriff von diesem allerdings mythischen Lande. Man denkt sich dasselbe voll Finsterniß, Pharaoschlangen und Augenkrankheit, unterbrochen nur von Krokodilthränen und dem Geräusch, welches das Entfalten der Papyrusrollen verursacht, während die Jahrtausende alten Mumien der vergessenen Pharaonen in den Pyramiden von den Thaten ihrer prähistorischen Dynastien aus dem ewigen Schlaf sprechen.

16 Egypten hat im Gegentheil längst den Anschluß an die moderne Cultur erreicht, und als ich den dienstthuenden Adjutanten im genannten Schlosse fragte, ob der Vicekönig vielleicht bereits ermordet worden sei, ward mir der höfliche Bescheid, derselbe lebe noch und erwarte mich voll Ungeduld in dem großen weißen Salon.

Und hätte ich soviele Ohren gehabt, wie ein altes Buch, ich würde ihnen allen nicht getraut haben. Um so mehr war ich überrascht, als ich, in den Salon tretend, den Vicekönig emsig regierend und das Beste seines Volkes wollend antraf. Der Vicekönig regierte stehend.

Nachdem ich mich vergeblich nach einem Thron umgesehen hatte, auf den sich der Vicekönig hätte setzen können, bestieg auch ich keinen von den mir nicht angebotenen Stühlen.

Ich reichte dem Vicekönig die Hand, die dieser bescheiden refüsirte. Augenscheinlich hatte er heute schon eine Hand gedrückt.

Er begann sofort die Unterhaltung, indem er abwartete, was ich ihn fragen würde. Ich zögerte denn auch nicht länger, sondern antwortete auf sein ungeduldiges Nun?, daß ich hoffte, es ginge ihm gut.

Ganz gut, sagte er, ich danke. Ich muß nur jeden Augenblick fürchten, von Arabi durch einen 17 Selbstmord umgebracht zu werden, im Uebrigen lebe ich sehr vergnügt. Ich habe mir da allerdings einen angenehmen Minister in den Pelz gesetzt, denken Sie sich: einen Minister, der fortwährend einen anderen Khedive haben will!

Dann würde ich ihm doch einen geben, rieth ich.

Einen anderen Khedive?

Nein, erklärte ich, einen Katzenkopf, daß ihm Hören und Sehen vergehen.

Einen solchen, warf der Herrscher ein, würde ich ihm ja mit Vergnügen zu verleihen geruhen, das Traurige ist nur, daß ich erst in Konstantinopel anfragen müßte.

Das ist allerdings umständlich, gab ich zu. Aber wenn ein ordentlicher Hieb so viele Depeschen, Noten und andere Schreibereien nöthig macht, warum lassen Sie Arabi nicht hängen oder erschießen?

Eine vortreffliche Idee! rief der Vicekönig aus, dazu würde aber Arabi niemals seine Einwilligung geben. Er würde sein Todesurtheil einfach nicht unterschreiben, und dann wäre ich blamirt.

Ihr Herr Vater – Osiris habe ihn selig! – hätte ihm längst eine Tasse vergifteten Kaffees mit Arsenikzucker, blausaurer Sahne und einem quecksilbernen Löffelchen serviren lassen.

Ja, mein Vater hatte ein gastfreies Haus, sagte 18 der Vicekönig, aber Arabi ist ein schlauer Mann, er würde den Kaffee nicht trinken.

Empörend! rief ich. Sie haben wohl überhaupt nur giftfreie Getränke im Hause? fragte ich, da ich noch nicht gefrühstückt hatte.

Er that, als habe er mich verstanden, und ließ nichts kommen. Da er auch keine Anstalten machte, mich zu entfernen, so bat ich ihn, noch einen Augenblick zu verweilen, welchen er dazu benutzte, mir zu sagen: Sie sehen wohl ein, daß hier keine europäischen Zustände herrschen. Hier ernennt der Minister einen Mann zum Khedive, und wenn er glaubt, nicht mit ihm regieren zu können, so fordert er den Herrscher auf, seine Demission einzureichen. Mir bleibt wahrscheinlich nichts Anderes übrig, als eines Tages den Thron zu besteigen, um feierlich auf ihn zu verzichten.

Der gewaltige Herrscher des Nils that mir in der Seele weh. Um ihn zu trösten, sagte ich: Wenn Arabi Ihre Demission annimmt, dann wird er Ihnen doch jedenfalls den Titel Excellenz verleihen und Ihnen Ihr volles Gehalt als Pension bewilligen.

Wer weiß! murmelte der Vicekönig düster. Arabi ist unberechenbar. Wenn er nicht bei Laune ist, so kriege ich vielleicht den Titel Kommissionsrath 19 und keine Pension, welche ich obenein im Ausland verzehren muß.

Das wäre ja schrecklich! rief ich, Sie müssen sich entschließen, sich an Arabi fürchterlich zu rächen!

Wie soll ich das anfangen? fragte er.

Sehr einfach, antwortete ich. Sie machen ihn zum Vicekönig und werden sein Minister. Das halte ich für entsetzlich, und er wird eines Tages bitter bereuen, was er sich gethan hat!

Der Herrscher fiel in ein dumpfes Brüten und fragte mich auf meine Antworten nichts mehr. Ich erhob mich von meinem Stehplatz. Da er dann nichts that, um mich zurückzuhalten, so verließ er den weißen Salon und war bald allein. Hierauf ging ich gleichfalls.

Ich will noch bemerken, daß der Khedive auf europäische Art erzogen ist. Auch hat er nur eine einzige Frau. Wie mancher Türke und Egypter, der sich eines ausverkauften Harems erfreut, mag ihn um diesen Vorzug beneiden!

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