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Unter vier Augen

Julius Stettenheim: Unter vier Augen - Kapitel 30
Quellenangabe
typesatire
booktitleUnter vier Augen
authorJulius Stettenheim
year1885
firstpub1885
publisherVerlag von Wilhelm Friedrich
addressBerlin und Leipzig
titleUnter vier Augen
pages136
created20090312
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Bei der vom Teufel Besessenen.

Besessen war sie seit etlichen Tagen nicht mehr, doch ich nenne die Kammerfrau so, weil sie unter dieser Bezeichnung durch die »Germania« allgemein bekannt geworden ist.

Aufrichtig gestanden, ich suchte sie nicht ohne Zagen auf. Denn eine Person, in der der Teufel jahrelang wohnte, ist wohl geeignet, eine gewisse Unheimlichkeit um sich zu verbreiten. Es läßt sich damit z. B. ein Haus, das man uns mit den Worten zeigt: »Sehen Sie, hier hat Helmerding jahrelang gewohnt« gar nicht vergleichen.

Ich hatte mir bis dahin die Behausung des Teufels doch anders gedacht. Wir wissen von Goethe, daß Satan nicht wählerisch ist und sich nichts daraus macht, in einem Pudel abzusteigen. Aber dies geschieht doch nur vorübergehend, etwa auf 24 Stunden, gewissermaßen auf der Durchreise. Hier liegt aber ein anderer Fall vor. Er wohnte in einer nicht 133 einmal hübschen Kammerfrau viele Jahre lang, Sommer und Winter, während ich glaubte, er habe ein eigenes Haus mit Stallung und 20 Fenstern Front. Auch der geehrte Leser wird sich den Teufel nur als Grundbesitzer denken können und nicht wenig erstaunt sein, ihn in einer lebendigen, alten Jungfer-Spelunke anzutreffen.

Als ich, also grübelnd, mich vorstellte, war ich von der Einfachheit der Dame geradezu überrascht, welche der Teufel zu seiner Wohnung ausgewählt hatte. Das Wesen sah sehr verwohnt aus, hatte eine häßliche, vom Alter ramponirte Façade und war ohne Zweifel lange nicht angestrichen worden. Ferner war sie ziemlich klein, so daß ein Teufel mit Familie nicht hätte darin wohnen können. Bekanntlich war der Miether allerdings ein Junggeselle der Hölle gewesen.

Nachdem ich ihr Glück gewünscht hatte, daß sie wieder leer stehe, fragte ich sie, ob der Teufel auch Alles mitgenommen habe und daß also nicht zu befürchten sei, daß er umkehre, um irgend einen zurückgelassenen Huf, ein Mäntelchen von starrer Seide oder dergleichen zu holen.

Sie beruhigte mich und fuhr dann fort: Er hat viele Jahre in mir zugebracht und ist während dieser ganzen Zeit nur höchst selten ausgegangen. 134 Selbst in der Walpurgisnacht kam er schon um ¾ auf 1 Uhr vom Blocksberg nach Haus. Er pflegte auf einem Zaubermantel auszureiten, oder bediente sich eines Hexenbesenstiels erster Klasse. Ich durfte in solchen Fällen Mund und Nase nicht schließen, bevor er zurückkam. Auf Klingeln oder Pochen ließ er sich nicht ein.

Bewohnte er Sie ruhig? fragte ich das alte Haus.

Ich kann im Ganzen nicht klagen, antwortete es, ich war nicht übel besessen. Nur wenn ich, wie das in einer solchen Wirthschaft nicht oft genug geschehen kann, beten ließ, dann wurde er unruhig, schimpfte, spie Feuer und Flammen, ließ mir eine Laus über die Leber laufen, kehrte mir den Magen um, hing mir aus dem Halse heraus und verletzte auf noch andere Weise den Miethscontract. Dann hätte ich am liebsten einen Zettel herausgehängt: »Hier ist ein herrschaftlich möblirtes Frauenzimmer zu vermiethen.«

Das kann ich mir denken, sagte ich. Aber was wollte er eigentlich in Ihnen? Man bezieht doch eine Kammerfrau nicht auf Jahre ohne bestimmten Zweck. Auch leiden die Teufel nicht unter der Wohnungsnoth.

Sie mögen Recht haben, antwortete die 135 Entsessene, meiner Frage ausweichend. Wenn aber so mancher arme Teufel bei Mutter Grün nächtigt, warum sollte, da es meines Wissens kein Asyl für obdachlose Satäne giebt, nicht Lucifer eine freundliche Kammerfrau miethen?

Während sie dies sagte, betrachtete ich sie genau. Sie sieht wirklich ganz wie ein Häuschen aus, trägt ihren Chignon wie einen Schornstein, ihre Arme gleichen Dachrinnen, und ihre Nase ähnelt dem Knopf eines Glockenzugs.

Speiste er in Ihnen? fragte ich.

Er aß und trank überhaupt nichts, wenigstens nicht, wie wir Menschen, antwortete die Dame. Dann und wann holte er eine Seele, und davon scheint er gelebt zu haben.

Mahlzeit! rief ich aus und fragte weiter: Und wie wurden Sie den Femmedechambregarnisten los?

Als ich baufällig wurde, berichtete sie, rief ich einen Priester herbei, welcher den Rummel versteht und den Teufel zu chikaniren begann. Lucifer kann keinen Lärm leiden, am allerwenigsten Clavierspiel, Beschwören, Sprengen mit Weihwasser, nächtliches Beten und dergleichen. Eines Tages wurde ihm das zu viel. Ich hörte ihn in meinem Oberstübchen mit dem Pferdefuß stampfen und fluchen. Dann holte 136 er seine Siebensachen aus meinen Herzenskammern, schrie nach einem gesattelten Faß und entfernte sich, indem er meinen Mund von außen heftig zuschlug und statt Adieu natürlich Adiable murmelte. Ich war leer!

Ich erhob mich. Altes Seitengebäude, sagte ich, freuen Sie sich, daß Sie den Einwohner, der keine Miethe bezahlte, los sind, und nehmen Sie sich in Zukunft besser in Acht –

Hier sah sie mich zärtlich an und sagte: Vor dem Teufel wohl, aber Sie sind ja keiner!

Man kann sich nicht denken, wie ich davonlief. Eine Kammerfrau, selbst eine baufällige, die im nächsten Augenblick zusammenfallen kann, ist für Jeden, der nicht Teufel ist, fürchterlich.

 

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