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Unter vier Augen

Julius Stettenheim: Unter vier Augen - Kapitel 29
Quellenangabe
typesatire
booktitleUnter vier Augen
authorJulius Stettenheim
year1885
firstpub1885
publisherVerlag von Wilhelm Friedrich
addressBerlin und Leipzig
titleUnter vier Augen
pages136
created20090312
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Bei der Mikrocephalen.

Ich befand mich, nichts Böses ahnend, auf dem Virchow'schen Standpunkt, nach welchem die Mikrocephalen eine gewisse Entwickelungsstufe der organischen Welt repräsentiren, also so zu sagen bereits mit drei Händen im menschlichen Geschlecht stehen. Da drang die Nachricht von der Ankunft der in meiner Ueberschrift Genannten zu meinem Ohr, und ich beeilte mich, der interessanten anthropo- und pathologischen Erscheinung meinen Besuch zu machen.

Margarethe Becker war, als ich bei ihr eintrat, 7 Jahre alt und 1,052 Meter groß. Ich begrüßte das merkwürdige Kind, und es gab mir keine Antwort. So war denn die Unterhaltung rasch eröffnet.

Ich sagte: Margarethe ist ein schöner Name. Genau so heißt z. B. die herrliche Primadonna in 129 Gounod's Faust. Auch kenne ich eine Valois dieses Namens. Und auch der Name Becker wird viel getragen. Gefällt Ihnen Berlin?

Die Mikrocephale antwortete nicht, sondern zeichnete mit Kreide.

Sie sind zu keiner günstigen Zeit hierher gekommen, fuhr ich fort. Unsere wissenschaftliche Welt, welche Sie so lebhaft interessiren, befindet sich in Aufruhr. Sie müssen in diesen Kreisen von Dühring gehört haben. Wie denken Sie über dessen Benehmen gegen seine Collegen?

Sie hatte gar nicht zugehört und schwieg.

Und was sagen Sie von Most, dem Socialdemokraten, welcher Mommsen abfällig beurtheilt und doch nur die beiden ersten Buchstaben mit ihm theilt?

Sie hob den Kleinkopf und starrte mich schweigend an.

Ich lenkte in eine andere Gesprächsgasse ein, indem ich sagte: Sie hätten gewiß den Reichskanzler gern einmal gesehen. Aber dieser Mann ist rücksichtslos. Gerade im Sommer, wenn mancher Engländer nach Berlin kommt, um ihn in Augenschein zu nehmen, hält er sich auf seinen Gütern auf, um sich zu stärken. Natürlich entweder für den Culturkampf, oder für das Ende des Septennats. 130 Wünschen Sie über jenen oder dieses etwas von mir zu hören?

Margarethe antwortete nicht.

Sagen Sie, was Sie wollen, meine gnädige Mikrocephale, rief ich aus, aber ich kann nicht finden, daß Sie so selten vorkommen. Im Gegentheil, die Menschen, welche sich von Lebensmittelverfälschern, Programmverfertigern, Wanderauctionatoren und anderen Moglern über's Ohr hauen lassen, bilden eine große Menge und sollten einmal von Darwin, Virchow oder Vogt gründlich untersucht werden.

Die Mikrocephale verharrte in ihrer Theilnahmlosigkeit.

Schelten Sie mich wegen meiner Worte nicht grausam, Fräulein Becker, sondern sagen Sie mir, welche Kriegsführung Sie für die grausamere halten, die der Türken, oder die der Russen.

Sie gab keine Antwort. Dagegen fragte mich eines ihrer Familienmitglieder, weshalb ich schon gehen wolle, es sei ja bereits spät. Ich erklärte mich bereit, noch zu bleiben, worauf sich ein anderes Familienmitglied beeilte, mir die Treppe hinunterzuleuchten.

So war ich denn fortgegangen, herzlich für die freundliche Aufnahme dankend. Hatte ich doch ein Wesen kennen gelernt, welches allgemein als geistig 131 unentwickelt gilt, das sich mir aber in ganz anderem Lichte gezeigt hatte. Denn wer endlich so weit wie sie gekommen ist, zu den politischen und socialen Zuständen nichts mehr zu sagen, der hat eine Höhe der Lebensweisheit und Bildung erreicht, die ich lange für unerreichbar hielt. Die Mikrocephale Margarethe Becker aus Offenbach steht auf dieser Höhe!

Ich erkläre daher, daß sie nicht einen Rückschritt, sondern einen Fortschritt des Menschengeschlechts repräsentirt. Wer das Gegentheil glaubt, verklage mich!

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