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Unter vier Augen

Julius Stettenheim: Unter vier Augen - Kapitel 28
Quellenangabe
typesatire
booktitleUnter vier Augen
authorJulius Stettenheim
year1885
firstpub1885
publisherVerlag von Wilhelm Friedrich
addressBerlin und Leipzig
titleUnter vier Augen
pages136
created20090312
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Bei Leo Frankel.

Die Phantasie liefert immer nur unvollkommene Portraits von interessanten Persönlichkeiten. Es sind Photographien, denen man es ansieht, daß die Künstlerin Phantasie das Original in eine vortheilhafte Stellung gebracht und es ersucht hat, eine Minute lang ein freundliches Gesicht zu machen. Anders unsereiner. Unsereiner überfällt den Löwen des Tages in seinem Schlafrock und zieht ihm die Würmer aus der Nase, er mag nun Würmer und eine Nase haben, oder nicht. Da steht dann der pure Mensch.

Ich eilte nach Gent. Wer den Namen der Stadt französisch spricht und Gand sagt, denkt unwillkürlich daran, daß hier der alten Weltordnung ein Handschuh hingeworfen wird. Und was für ein Handschuh! Ein Handschuh, groß genug, daß 124 ihn der Nihilist tragen kann: No. 899/100, also fast 9, die Handsocke.

Die »internationale Arbeiter-Association« spaltete sich bekanntlich 1873 auf dem Congreß im Haag in zwei Theile: in die Marxisten und Bakunisten. Jene wollen, wie man mir sagte, die Arbeit abschaffen, diese das Nichtsthun einführen. So reichen sich beide Parteien schroff die Hände.

Der Weltnihilist ist auf Reisen im Allgemeinen vergnügt. Hier hat er keine Arbeiter zu führen, sondern wird selber von einem Lohndiener geführt, der ihm die Stadt zeigt. Als Lohndiener wählt er am liebsten einen Mann, der nicht Nihilist ist, weil der nihilistische Lohndiener den Fremden gewöhnlich, anstatt ihn zu führen, »Wittwenschinder« und »Waisenaussauger« nennt, dann vor dem nächsten Wirthshaus den Lohn in Empfang nimmt und den Fremden verläßt.

Citoyen Leo Frankel, den ich sofort besuchte, war aus Pest gebürtig und Handelsminister unter der Pariser Commune. In dieser Stellung wollte er eben alle Waarenspeicher, Schiffe, Fabriken, Börsen und Wechsel verbrennen lassen, als er gezwungen wurde, sein Portefeuille in seine eigenen Hände zurückzulegen.

Freiheit! Gleichheit! Brüderlichkeit! rief ich 125 grüßend aus, als ich bei ihm eintrat. Guten Morgen! antwortete er, indem er mir seine Hand reichte, welche vom Nichtsthun gebräunt war.

Störe ich bei'm Theilen? fragte ich ihn, und als ich merkte, daß er mich nicht verstand, fuhr ich fort: Ich glaubte, Citoyen, Sie würden auf diesem Weltcongreß mit gutem Beispiel vorangehen und Ihr Vermögen unter die Armen vertheilen. Da lachte er und wollte mir eine tüchtige Ohrfeige geben. Welche falsche Ansichten, murmelte er knirschend, sind über uns verbreitet! Wir wollen allerdings theilen, aber nicht selbst, sondern mit den Uebrigen.

Das erschreckte mich, und ich wollte ihn schon fragen, ob er mir nicht 20 Francs leihen könne, um ihn glauben zu machen, daß ich nichts bei mir hätte. Aber ich bin doch schließlich zu der Ueberzeugung gekommen, daß es sich für einen Interviewer nicht schicke, den Besuchten anzupumpen.

Der Citoyen schien zu errathen. Sie haben kein Geld, sagte er, das ist traurig, aber warten Sie, bis wir zur Herrschaft gelangen. Dann brennen wir wöchentlich eine Stadt nieder, und mit dem Wegräumen des Schuttes können Sie sich sofort anständig ernähren.

Und wenn ich selbst ein Haus hätte, das mir niedergebrannt wird? fragte ich.

126 Da sprang er auf. Herr, schrie er, wie können Sie sich unterstehen, zur besitzenden Klasse zu gehören? Das ist ja niederträchtig! Gleich rufe ich den Hausknecht. Wenn Sie ein Haus besitzen, so wird es mit allen anderen Häusern verbrannt!

Und wo gedenken Sie dann zu wohnen, Bürger Präsident? fragte ich ihn. Es wäre doch möglich, daß ich Sie aufsuchen möchte.

Das weiß ich noch nicht, ich werde schon eine gerollte Villa für mich finden, ich weiß nur, daß die alte Weltordnung faul ist und vom Erdboden rasirt werden muß.

Und wer wird, fragte ich, wenn Sie sich nicht selbst rasiren, dann Ihr Barbier sein wollen?

Das weiß ich gleichfalls noch nicht, antwortete er wieder, derlei kleine Fragen sind gleichgültig dem großen Ziele, das wir anstreben, gegenüber: der Gleichheit aller Menschen!

Der Kellner brachte das Frühstück. Der Präsident warf einen Blick auf das Filet und schrie: Das ist ja nicht, wie ich es bestellt habe, durchgebraten! Du bist ja ein ganz unnützer Schlingel! Das esse Du, oder der Wirth selber und bringe mir eine bessere Portion! Marsch hinaus!

Der Kellner schlich mit dem Filet wieder davon, während Bürger Frankel innerlich außer sich sagte: 127 Dieser Pöbel ist zu faul, und es fehlte nur noch, daß der Gast den Kellner bedient!

Ich suchte ihn zu beruhigen: Siegen Sie nur erst, Citoyen, dann sind alle Menschen gleich, und Sie müssen sich selbst bedienen.

Wollen Sie Gleichmacher mal gleich machen, daß Sie hinauskommen?! rief er statt aller Antwort und griff zu einem dicken Werk von Marx. Ich wartete nicht, bis er es aufschlug, sondern war schon vor der Thür und rief draußen: Es war mir sehr angenehm!

Ein herrlicher Mann! Möge es ihm stets gut gehen und er in dem Reich, welches er gründen will, nur immer Regierender, niemals Bürger sein!

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