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Unter vier Augen

Julius Stettenheim: Unter vier Augen - Kapitel 27
Quellenangabe
typesatire
booktitleUnter vier Augen
authorJulius Stettenheim
year1885
firstpub1885
publisherVerlag von Wilhelm Friedrich
addressBerlin und Leipzig
titleUnter vier Augen
pages136
created20090312
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Bei Louise Michel.

Längere Zeit hatte ich gezögert, bei der künftigen Präsidentin der französischen Republik vorzusprechen. Denn ich hatte wenig Einladendes von ihr vernommen. Vor Allem war es mir bedenklich, daß sie immer Verstorbene zu Deputirten wählen wollte. Am Ende, dachte ich, gefällt ihr meine politische Ueberzeugung, und sie macht mich zum Verstorbenen, um mich dann als Candidaten aufzustellen.

Mein journalistisches Pflichtgefühl siegte. Am andern Morgen klingelte ich an der Thür der Vielgenannten.

Ich fand sie in der frühesten Morgentoilette. Sie schien zeitig aufgestanden und sofort an das Kettenzerbrechen und Jochabschütteln gegangen zu sein. Louise Michel ist, das kann man wohl sagen, nicht hübsch, ohne die Spuren früherer Schönheit an sich 120 zu tragen, denn sie hatte, wie ich höre, vor Jahren, als sie nicht mehr jung war, bereits keine Reize.

Um mir die Hand zu reichen, ballte sie die Faust. Dann schrie sie: Setzt Euch, Bürger!

Ich setzte uns. Dann hub sie an: Habt Ihr schon einen Opportunisten umgebracht? Habt Ihr schon einen Palast eingeäschert?

Nein, betheuerte ich der Wahrheit gemäß, ich habe uns in dieser Lage noch nicht befunden, doch habe ich auch noch keinen Opportunisten geboren, oder einen Palast gebaut.

Das ist etwas, aber nicht viel, rief die Bürgerin, ich verlange von jedem Menschen, daß er einen Opportunisten tödtet, oder einen Palast einäschert.

Wie Ihr befehlt, Jeanne d'Arc, sagte ich, aber woher sollen so viele Opportunisten und Paläste genommen werden?

Nennt mich nicht Jeanne d'Arc! tobte die Dame. Denn wenn Ihr das c etwas undeutlich aussprecht, so klingt der Name dieser meiner Mitheldin wie Gensdarm, und bei diesem Wort möchte ich aus der Haut fahren!

Ich wollte ihr eben den Gefallen thun und das Wort Gensdarm aussprechen, damit sie wenigstens ihre durchaus unschöne Haut los würde, als sie plötzlich jammerte: Das arme Caledonien!

Ist ihm was passirt? fragte ich theilnahmsvoll.

121 Das Schrecklichste! rief sie, Caledonien hat keine Petroleure mehr, heute Nacht sind die Letzten nach Opportunis (so nannte sie Frankreich!) zurückgekehrt. Das arme Caledonien! Wie kann es ohne Petroleure existiren!

Vielleicht geht's, tröstete ich die Bürgerin.

Unmöglich, Bürger Esel! warf sie ein, kein Land kann ohne Petroleure existiren, und da nur Frankreich Petroleure hat, so wird Frankreich blühen, wachsen und gedeihen. Es gilt, alle Regierungen zu stürzen, bis die Petroleure an die Regierung kommen, und dann –

Dann? fragte ich aufs Höchste gespannt.

Dann müssen auch die Petroleure gestürzt werden, damit die Dynamiteure an die Regierung kommen. Wer dann diese zu stürzen hat, das weiß ich diesen Augenblick noch nicht.

Das ist recht Schade, sagte ich. Wenn Ihr erlaubt, Bürgerin Michel, so spreche ich deshalb einmal wieder vor.

Hoffentlich werde ich es Euch dann sagen können, wenn ich frei bin, antwortete sie. Denn ich schäme mich eigentlich, daß ich nicht im Gefängniß bin, da der wahrhaft freie Bürger immer wegen revolutionärer Umtriebe im Gefängniß sein muß. Seht, Bürger, 122 – bei diesen Worten ergriff sie die Büste Rocheforts, – diesen Mann verehrte ich bis jetzt, aber da er nicht im Gefängniß schmachtet, verachte ich ihn. Damit schleuderte sie mir die Büste an den Kopf.

Ich blutete.

Entsetzlich, jammerte die Bürgerin, die Büste ist nicht zerbrochen!

Um Entschuldigung bittend, empfahl ich mich. Wohin? fragte sie mich. Ich stammelte: Zum Arzt! Da schlug sie sich die Thür vor der Nase zu, indem sie rief: Elender Opportunist!

Ein angenehmes Mädchen!

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